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  • Endlich gute Nachrichten: In Béthune tanzt man einfach den ganzen Wahnsinn weg

    Endlich gute Nachrichten: In Béthune tanzt man einfach den ganzen Wahnsinn weg

    Man möchte es kaum glauben, aber dieses Wochenende brachte tatsächlich eine Nachricht hervor, bei der man weder die Stirn in Sorgenfalten legen noch vorsorglich den Blutdruck messen muss. Keine politische Krise, kein diplomatischer Krach, keine Katastrophe, keine neue gesellschaftliche Großbaustelle mit eingebautem Empörungsgenerator. Stattdessen: Menschen tanzen.

    Einfach so.

    In Béthune im Norden Frankreichs haben sie nämlich beschlossen, dass die Gegenwart für ein Wochenende auch einmal draußen bleiben darf. Und wer wollte es ihnen verdenken? Während anderswo die Welt mit bemerkenswerter Ausdauer versucht, sich selbst schlechte Laune zu machen, schlüpft man dort in gepunktete Kleider, zieht den Petticoat zurecht, pomadisiert die Haartolle und tanzt Rock’n’Roll.

    Herrlich.

    Beim Festival Béthune Rétro verwandelt sich das Zentrum der Stadt in eine Zeitmaschine auf zwei Beinen. Kaum erklingen auf der Grand-Place die ersten Takte, wirbeln Röcke durch die Luft. Bunte Unterröcke blitzen hervor, Männer tragen hoch sitzende Hosen, zweifarbige Schuhe und Frisuren, die vermutlich selbst einem mittelschweren Atlantiksturm standhalten würden.

    Plötzlich befinden wir uns irgendwo zwischen Elvis Presley, Bill Haley und den frühen Sechzigern.

    Und wissen Sie was? Dort lässt es sich gerade ganz gut aushalten.

    Jedes Jahr macht Béthune aus seinem Zentrum für ein Wochenende eine riesige Vintage-Kulisse. Kostenlose Konzerte, amerikanische Straßenkreuzer, Retro-Märkte, Eleganzwettbewerbe und Tausende Menschen gehören dazu. Vor allem aber wird getanzt. Rock im Sechserschritt, Boogie-Woogie, Swing und Madison – bis die Sohlen vermutlich um Gnade winseln.

    „Ça donne le swing!“, ruft ein Zuschauer.

    Das bringt Schwung!

    Man möchte ihm spontan die Hand schütteln.

    Denn dieser Satz klingt nach einem Wochenende voller düsterer Schlagzeilen beinahe revolutionär. Vielleicht brauchen wir tatsächlich nicht jeden Sonntagmorgen noch eine zusätzliche Expertenrunde darüber, weshalb die Welt spätestens am Dienstag untergeht. Vielleicht brauchen wir gelegentlich einen Kontrabass, ein Saxofon und zwei Menschen, die sich beim Tanzen anschauen, statt gleichzeitig auf drei Displays.

    Was für ein geradezu subversiver Gedanke.

    Besonders schön: In Béthune geht es offenbar nicht darum, wer am höchsten springt, am elegantesten dreht oder den vollkommensten Boogie hinlegt. Anfänger mischen sich unter erfahrene Tänzer, Familien unter eingefleischte Retro-Fans. Besucher reisen aus Belgien, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien an. Manche arbeiten monatelang an ihren Kleidern.

    Monatelang!

    Andere Menschen verbringen ähnlich viel Zeit damit, sich in sozialen Netzwerken mit wildfremden Leuten darüber zu streiten, ob irgendein Satz irgendeines Politikers nun empörend, skandalös oder lediglich mittelschwer unerträglich gewesen sei.

    Da erscheint das Nähen eines Petticoats plötzlich wie eine ausgesprochen vernünftige Lebensentscheidung.

    Das Ganze reicht ohnehin weit über Nostalgie hinaus. Vereine wie Rock’n Friends pflegen diese Tanzkultur das ganze Jahr. Dort lernen Menschen nicht bloß Schritte und Figuren. Sie reichen ein Stück populärer Kultur weiter – von einer Generation zur nächsten. Musik, Kleidung, Bewegungen, Umgangsformen und diese eigentümliche Freude daran, gemeinsam etwas völlig Zweckfreies zu tun.

    Zweckfrei!

    Auch so ein fast vergessenes Wort.

    Nicht optimiert. Nicht monetarisiert. Nicht strategisch positioniert. Kein Mensch muss beim Boogie-Woogie seine persönliche Reichweite steigern oder ein Quartalsziel erreichen. Niemand verlangt nach einem Businessplan für den nächsten Hüftschwung.

    Man tanzt, weil Tanzen Spaß macht.

    Krass, oder?

    Während des Festivals spielt die ganze Stadt mit. Schaufenster verwandeln sich in kleine Zeitkapseln, aus Cafés tönt Rockabilly, und durch die Straßen rollen alte Harley-Davidsons und chromblitzende Cadillacs. Pin-ups begegnen Lederjackenträgern, Vintage-Barbieren und Tänzern, die spontan auf der Straße loslegen.

    Mehr als vierzig kostenlose Konzerte auf mehreren Bühnen liefern dazu den Soundtrack aus Rock’n’Roll, Rhythm and Blues und Swing.

    Für drei Tage scheint das 21. Jahrhundert Hausverbot zu besitzen.

    Natürlich sollte niemand die fünfziger Jahre verklären. Historische Nostalgie besitzt ihre Tücken. Gesellschaftlich war diese Epoche keineswegs jenes pastellfarbene Paradies, das alte Cadillacs und Petticoats heute manchmal suggerieren. Doch darum geht es in Béthune auch gar nicht.

    Niemand möchte ernsthaft die Zeit zurückdrehen.

    Die Menschen holen vielmehr etwas zurück, das uns in der rasenden digitalen Gegenwart erstaunlich leicht zwischen den Fingern zerrinnt: unmittelbare Begegnung.

    Ein Mensch nimmt die Hand eines anderen Menschen. Musik beginnt. Zwei Körper finden denselben Rhythmus.

    Mehr braucht es plötzlich nicht.

    Keinen Algorithmus.

    Kein Passwort.

    Keine Push-Nachricht.

    Nicht einmal WLAN.

    Vielleicht berührt Béthune Rétro deshalb so sehr. Weil dieses Festival daran erinnert, dass Lebensfreude weder kompliziert noch besonders modern sein muss. Manchmal reichen Musik, ein öffentlicher Platz und Menschen, die keine Angst davor besitzen, sich ein bisschen zum Affen zu machen.

    Und nach einem Wochenende, an dem die Nachrichtenlage vielerorts wieder genügend Stoff geliefert hat, um selbst Berufsoptimisten unter die Bettdecke zu treiben, wirkt diese kleine französische Zeitreise beinahe wie Medizin.

    Keine, die Probleme löst.

    Aber eine, die daran erinnert, weshalb es sich lohnt, sie zu lösen.

    Wenn am Abend die letzten Akkorde verklingen, bleiben manche Tänzer noch ein paar Minuten auf der Fläche. Fast so, als wollten ihre Füße nicht akzeptieren, dass Montag irgendwann wieder die Gegenwart beginnt.

    Man versteht sie.

    Vielleicht liegt darin sogar die schönste Nachricht dieses Wochenendes: Trotz allem tanzen Menschen noch. Sie lachen, drehen sich im Kreis, tragen absurde Frisuren, polieren alte Cadillacs und fahren Hunderte Kilometer, um gemeinsam Rock’n’Roll zu hören.

    Die Welt ist kompliziert genug.

    In Béthune antwortet man darauf mit Swing.

    Und ganz unter uns: Es gibt schlechtere Antworten.

    Von C. Hatty