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  • Frankreichs Jugend rebelliert: Macron-Regierung unter Druck – die Schülerproteste gehen in die vierte Runde

    Frankreichs Jugend rebelliert: Macron-Regierung unter Druck – die Schülerproteste gehen in die vierte Runde

    Frankreich erlebt eine neue Welle von Schüler- und Studentenprotesten. An diesem Donnerstag, dem 8. Oktober, sollen erneut Schulen und Universitäten blockiert werden. Hunderttausende Menschen hatten bereits zu Wochenbeginn demonstriert. Premierminister Sébastien Lecornu verspricht Reformen und setzt auf den Dialog, doch die Jugendorganisationen verlangen sofortige Zusagen. Hinter dem Konflikt steht eine grundsätzliche Frage: Wie gerecht ist das französische Bildungssystem, und welche Zukunftsperspektiven bietet es der jungen Generation?

    Neue Protestwelle erreicht Paris und die Vorstädte

    Frankreichs Bildungswesen steht erneut im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Für Donnerstag, den 8. Oktober 2026, haben Schüler- und Studentenorganisationen zur vierten landesweiten Protestaktion aufgerufen. Unter der Bezeichnung «Acte IV» wollen sie ihren Forderungen nach besseren Unterrichtsbedingungen, zusätzlichen Studienplätzen und einer Reform des Hochschulzugangs Nachdruck verleihen.

    In der Region Île-de-France, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes, sind bereits am Morgen Blockaden vor Gymnasien und Universitätsgebäuden vorgesehen. Zwischen 12 und 14 Uhr sollen Kundgebungen vor den Präfekturen von Bobigny, Créteil, Nanterre und Cergy stattfinden. Für 15 Uhr ist eine grössere Demonstration auf der Pariser Place de la Bastille angekündigt.

    Die Wahl dieses historischen Schauplatzes ist symbolträchtig. Seit der Französischen Revolution gilt die Bastille als Sinnbild gesellschaftlichen Widerstands gegen staatliche Autorität. Auch die gegenwärtigen Jugendproteste knüpfen an eine politische Tradition an, in der Strassenmobilisierungen eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung gesellschaftlicher Forderungen spielen.

    Unterstützung erhalten die Jugendlichen von mehreren einflussreichen Bildungsgewerkschaften. Der SNES-FSU, der SNEP-FSU und der SNUEP-FSU haben ihre Mitglieder aufgerufen, sich an Demonstrationen und Streiks zu beteiligen. Gleichzeitig betonen sie die Eigenständigkeit der Schülerbewegung.

    Damit entwickelt sich der Konflikt zunehmend über die Grenzen einer rein studentischen Protestbewegung hinaus. Lehrkräfte, Eltern und Gewerkschaften verbinden ihre unterschiedlichen Anliegen mit der gemeinsamen Forderung nach einer besseren finanziellen und personellen Ausstattung des Bildungswesens.

    Hunderttausende Demonstranten, aber unterschiedliche Zahlen

    Bereits am Dienstag, dem 6. Oktober, hatten die Proteste beträchtliche Ausmasse erreicht. Nach Angaben der Behörden beteiligten sich landesweit rund 266 000 Menschen an den Demonstrationen. Die Organisatoren sprachen dagegen von 450 000 Teilnehmern.

    Die erhebliche Differenz zwischen beiden Angaben ist in Frankreich nicht ungewöhnlich. Während staatliche Stellen ihre Schätzungen auf polizeiliche Erhebungen stützen, verwenden Gewerkschaften und Protestorganisationen eigene Zählmethoden.

    Unabhängig von diesen Unterschieden verdeutlichen die Zahlen die politische Bedeutung der Mobilisierung. Allerdings handelte es sich nicht ausschliesslich um Schüler und Studenten. Auch Lehrkräfte und Eltern nahmen an den Kundgebungen teil.

    Für Donnerstag erwartet das Bildungsministerium zunächst 224 vollständig geschlossene und 151 teilweise beeinträchtigte Einrichtungen. Nach seinen Prognosen bleiben damit 94 Prozent der Bildungseinrichtungen vollständig oder zumindest teilweise geöffnet.

    Diese Zahl bedarf einer differenzierten Betrachtung. Eine geöffnete Schule bedeutet nicht zwangsläufig, dass regulärer Unterricht stattfindet. Unterrichtsausfälle, eingeschränkte Zugänge und teilweise Blockaden können den Schulbetrieb erheblich beeinträchtigen.

    Am Mittwoch waren nach Angaben des Ministeriums 459 Einrichtungen von vollständigen oder teilweisen Unterrichtsausfällen betroffen gewesen, gegenüber 891 am Dienstag. Ob dieser Rückgang auf eine nachlassende Protestbereitschaft hindeutet, lässt sich daraus jedoch nicht zuverlässig ableiten.

    Erste Meldungen vom Donnerstagmorgen berichten bereits von Aktionen vor dem Pariser Lycée Hélène-Boucher und dem Collège Charles-Péguy. Auch der Haupteingang des Institut catholique de Paris soll blockiert worden sein.

    Eine belastbare Einschätzung der tatsächlichen Beteiligung wird erst im weiteren Tagesverlauf möglich sein.

    Parcoursup wird zum Symbol ungleicher Bildungschancen

    Im Mittelpunkt der Forderungen stehen strukturelle Probleme, die das französische Bildungswesen seit Jahren beschäftigen.

    Viele Schulen kämpfen mit überfüllten Klassen, fehlenden Vertretungslehrkräften und unzureichenden materiellen Ressourcen. Besonders in sozial benachteiligten Regionen verschärfen diese Schwierigkeiten bestehende Bildungsunterschiede.

    Hinzu kommt die Auseinandersetzung über den Zugang zu den Universitäten.

    Die Protestorganisationen verlangen die Schaffung von 250 000 zusätzlichen Studienplätzen und die Abschaffung der Auswahlverfahren über die Plattform Parcoursup.

    Das 2018 eingeführte System soll den Übergang zwischen Schule und Hochschule organisieren und Bewerbungen nach festgelegten Kriterien zuordnen. Seine Befürworter betrachten es als notwendiges Instrument, um Studienplatzkapazitäten und Bewerberzahlen miteinander in Einklang zu bringen.

    Kritiker sehen darin hingegen einen Mechanismus, der bestehende soziale Unterschiede verstärken kann. Schüler aus bildungsnahen Familien verfügen häufig über bessere Informationen, stärkere schulische Unterstützung und grössere Möglichkeiten, ihre Bewerbungen strategisch vorzubereiten.

    Der Konflikt berührt damit ein zentrales Prinzip der französischen Republik: das Versprechen gleicher Bildungschancen unabhängig von Herkunft und sozialem Status.

    Bildung gilt in Frankreich traditionell als wesentliches Instrument gesellschaftlichen Aufstiegs. Wenn junge Menschen den Eindruck gewinnen, dass schulische Leistungen allein nicht mehr ausreichen, um berufliche Perspektiven zu sichern, gerät dieses republikanische Ideal unter Druck.

    Hochschulminister Philippe Baptiste lehnt eine Abschaffung von Parcoursup bislang ab. Die Regierung steht damit vor der Aufgabe, den Hochschulzugang gerechter zu gestalten, ohne die praktischen Probleme begrenzter Studienplatzkapazitäten zu ignorieren.

    Zehn Milliarden Euro und die Frage der Finanzierung

    Die Studentenorganisation Union étudiante fordert Investitionen von insgesamt zehn Milliarden Euro, um Verbesserungen an Schulen und Hochschulen zu finanzieren.

    Diese Summe verdeutlicht die finanzpolitische Dimension der Auseinandersetzung. Zusätzliche Lehrkräfte, neue Studienplätze, modernisierte Gebäude und bessere Betreuungsangebote verursachen langfristige Ausgaben.

    Frankreichs öffentliche Finanzen stehen gleichzeitig unter erheblichem Druck. Das Land kämpft seit Jahren mit hohen Haushaltsdefiziten und einer beträchtlichen Staatsverschuldung. Die europäischen Fiskalregeln begrenzen den finanziellen Handlungsspielraum zusätzlich.

    Die Regierung muss deshalb zwischen verschiedenen Prioritäten abwägen: Bildung, soziale Sicherung, Verteidigung, Schuldendienst und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit konkurrieren um begrenzte Haushaltsmittel.

    Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind Bildungsausgaben allerdings nicht ausschliesslich als Kosten zu betrachten. Investitionen in Qualifikation, Forschung und Hochschulkapazitäten können langfristig die Produktivität erhöhen und die Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft stärken.

    Entscheidend ist daher nicht allein die Höhe zusätzlicher Mittel, sondern auch ihre Verwendung.

    Die Forderung nach zehn Milliarden Euro stellt zunächst eine politische Zielgrösse der Protestbewegung dar. Eine entsprechende Finanzierungszusage der Regierung liegt bislang nicht vor.

    Lecornu setzt auf Gespräche statt sofortiger Zugeständnisse

    Premierminister Sébastien Lecornu versucht, den Konflikt durch ein strukturiertes Dialogangebot zu entschärfen.

    In einer Ansprache am Mittwochabend erkannte er die Sorgen der Jugendlichen ausdrücklich an und kündigte erste Entscheidungen für Ende Oktober an.

    Bis dahin sollen Gespräche in den Bildungseinrichtungen stattfinden. Vorgesehen ist eine halbtägige Dialogveranstaltung an jedem Lycée, deren Organisation den jeweiligen Schulleitungen überlassen bleibt. Der übrige Unterricht soll fortgesetzt werden.

    Parallel dazu können Jugendliche ihre Anliegen über die staatliche Beteiligungsplattform Agora einreichen. Die Konsultation soll bis zum 23. Oktober laufen. Nach Angaben des Premierministers waren bis Mittwochabend bereits mehr als 40 000 Beiträge eingegangen.

    Die Regierung verfolgt damit eine Strategie, die auf Beteiligung und zeitlich gestaffelte Entscheidungen setzt. Sie will offenbar vermeiden, unter dem unmittelbaren Druck der Strasse weitreichende finanzielle oder institutionelle Zusagen zu machen.

    Die Jugendorganisationen halten diesen Ansatz für unzureichend. Sie verlangen bereits für die kommende Woche ein direktes Treffen mit Lecornu, um ihre bezifferten Vorschläge vorzustellen.

    Darin zeigt sich der eigentliche politische Gegensatz: Während die Regierung zunächst konsultieren und anschliessend entscheiden will, verlangen die Demonstranten verbindliche Zusagen innerhalb eines deutlich kürzeren Zeitrahmens.

    Für Lecornu besteht die Herausforderung darin, Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren, ohne den Eindruck zu erwecken, politische Entscheidungen würden ausschliesslich durch Blockaden und Demonstrationen erzwungen.

    Polizeieinsätze verschärfen die politische Sensibilität

    Neben den bildungspolitischen Forderungen gewinnt auch der Umgang der Sicherheitskräfte mit den Demonstranten an Bedeutung.

    Nach der Verletzung eines Jugendlichen in Lens hat die Regierung den Einsatz der Schockgranate des Typs ASSD vorsorglich ausgesetzt. Die Massnahme gilt bis zur Klärung der Umstände des Vorfalls und betrifft ausdrücklich dieses Einsatzmittel.

    Lecornu versicherte am Mittwochabend, die Polizei habe keine Anweisung, Konfrontationen mit Schülern zu suchen.

    Der Vorgang ist politisch heikel. Frankreich verfügt über eine lange Geschichte konfliktträchtiger Demonstrationen, bei denen das Verhältnis zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden wiederholt zum Gegenstand öffentlicher Debatten geworden ist.

    Insbesondere bei Protesten Minderjähriger steht der Staat vor einer schwierigen Abwägung zwischen der Gewährleistung öffentlicher Ordnung und dem Schutz der Versammlungsfreiheit.

    Unverhältnismässige Polizeieinsätze könnten eine ursprünglich bildungspolitische Auseinandersetzung zusätzlich verschärfen und neue gesellschaftliche Gruppen mobilisieren.

    Die vorsorgliche Aussetzung eines bestimmten Einsatzmittels signalisiert daher Sensibilität gegenüber den Risiken einer Eskalation. Sie ersetzt allerdings keine abschliessende Untersuchung des Vorfalls.

    Frankreichs Regierung steht vor einer Vertrauensfrage

    Die Auseinandersetzung erinnert in ihrer politischen Dynamik an frühere französische Jugendbewegungen. Besonders die Studentenproteste von 1986 gegen die Hochschulreform des damaligen Bildungsministers Alain Devaquet zeigen, wie rasch bildungspolitische Konflikte zu einer umfassenderen Regierungskrise werden können. Damals zog die Regierung die umstrittene Reform nach massiven Demonstrationen zurück.

    Auch die Proteste gegen den Ersteinstellungsvertrag CPE im Jahr 2006 verdeutlichten die Mobilisierungskraft junger Menschen. Die Regierung musste das Vorhaben schliesslich aufgeben.

    Historische Parallelen bedeuten allerdings nicht, dass die gegenwärtige Bewegung zwangsläufig einen vergleichbaren Verlauf nehmen wird. Dafür unterscheiden sich die politischen Rahmenbedingungen, die Forderungen und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu deutlich.

    Die Regierung Lecornu hat inzwischen fünf Reformbereiche benannt. Dazu gehören die Sicherstellung des Unterrichts bei Lehrerausfällen, bessere Schulgebäude, eine sinnvollere Gestaltung des Schulalltags, mehr Transparenz bei Parcoursup und eine stärkere Berücksichtigung der Anliegen von Schülern. Für den Bildungshaushalt 2027 sind nach Regierungsangaben zusätzliche 1,2 Milliarden Euro vorgesehen.

    Ob diese Vorhaben ausreichen, um die Protestbewegung zu beruhigen, bleibt offen. Die entscheidende Frage lautet, ob aus den angekündigten Gesprächen konkrete, finanzierte und überprüfbare Verbesserungen entstehen.

    Der Donnerstag wird deshalb zu einem wichtigen politischen Stimmungstest. Gelingt es den Jugendorganisationen, die Beteiligung auf hohem Niveau zu halten, dürfte der Druck auf Lecornu wachsen, seine Reformzusagen vorzuziehen oder zu präzisieren.

    Fällt die Mobilisierung dagegen deutlich schwächer aus, könnte die Regierung ihre Strategie eines schrittweisen Dialogs bestätigt sehen.

    Für die französische Politik steht dabei mehr auf dem Spiel als die kurzfristige Befriedung einer Protestbewegung. Es geht um das Vertrauen einer Generation in die Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen und um die Glaubwürdigkeit des republikanischen Versprechens, dass Bildung gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht.

    P. Tiko

  • „C’était un choc pour les collègues“ – Wie ein französischer Hochschullehrer unter Spionageverdacht geriet

    „C’était un choc pour les collègues“ – Wie ein französischer Hochschullehrer unter Spionageverdacht geriet

    Ein angesehener Mathematiker an einer technischen Hochschule in Bordeaux steht im Verdacht, vertrauliche Informationen an China weitergegeben zu haben. Die französische Justiz ermittelt wegen mutmaßlicher Spionage – ein Fall, der exemplarisch zeigt, wie sensibel der Austausch mit ausländischen Partnern im Bereich der Hochtechnologie geworden ist.

    Bereits am frühen Morgen des 11. Februar 2025 durchsuchen vermummte Beamte der französischen Gegenspionage das Büro eines Professors an der Universität Bordeaux. Es ist ein spektakulärer Einsatz: 14 maskierte Polizisten betreten das Gebäude, Kollegen glauben zunächst an einen Terroranschlag. Tatsächlich aber richtet sich die Aktion gegen einen ihrer Kollegen – einen Mathematiker mit Spezialisierung auf ingenieurwissenschaftliche Anwendungen.

    Der Mann, ein erfahrener Hochschullehrer kurz vor der Pensionierung, wird wenige Tage später unter dem Verdacht formell beschuldigt, mit einer ausländischen Macht zusammengearbeitet zu haben. Der Vorwurf lautet auf „intelligence avec une puissance étrangère“ – ein schwerwiegender Tatbestand im französischen Strafrecht.

    Sicherheitszonen und sensible Forschung

    Ausgangspunkt der Ermittlungen ist ein Vorfall im universitären Alltag, der im Nachhinein politische Brisanz gewinnt. Der Professor soll im Rahmen eines akademischen Austauschs eine Delegation chinesischer Wissenschaftler in einen Bereich seines Instituts geführt haben, der offiziell als sicherheitsrelevant eingestuft ist. Der Zugang zu diesen Bereichen ist reguliert, insbesondere für ausländische Besucher. Hintergrund ist die strategische Bedeutung der dort betriebenen Forschung – unter anderem im Bereich der Wehrtechnik.

    Die französischen Behörden stuften das Verhalten des Professors nicht als bloßen Verstoß gegen Besuchsprotokolle ein. Vielmehr wurde ein umfassender Spionageverdacht formuliert: Hatte der Professor auch im Rahmen seiner China-Reisen Informationen weitergegeben, die für die Volksrepublik von strategischem Interesse sein könnten?

    Forschung im Spannungsfeld geopolitischer Interessen

    Frankreichs Sicherheitsbehörden beobachten seit Jahren mit Sorge, wie gezielt China Kontakte zu westlichen Forschungseinrichtungen aufbaut – insbesondere in den MINT-Fächern und in Disziplinen mit möglichem militärischem oder dualem Verwendungszweck. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, wurden Programme zur „wissenschaftlichen Schutzbewertung“ eingeführt, die genau solche Risiken adressieren sollen.

    Auch im vorliegenden Fall spielte offenbar eine längerfristige Beobachtung eine Rolle. Der beschuldigte Professor reiste regelmäßig nach China, hielt Vorträge, organisierte Kooperationen. In einem anderen Kontext wäre dies als Ausdruck internationaler wissenschaftlicher Vernetzung gewürdigt worden. Im gegenwärtigen geopolitischen Klima aber fällt es unter ein Raster sicherheitsbehördlicher Risikoanalyse.

    Verteidigung und Gegenposition

    Der Anwalt des Professors weist die Vorwürfe als „völlig unplausibel“ zurück. Es handle sich um Missverständnisse im Umgang mit universitären Protokollen. Sein Mandant habe in keiner Weise wissentlich gegen Sicherheitsvorgaben verstoßen, geschweige denn vertrauliche Informationen weitergegeben. Die Verteidigung betont die Integrität und wissenschaftliche Reputation des Angeklagten.

    Gleichwohl ist der Professor inzwischen vom Dienst suspendiert, sein Zugang zu Forschungseinrichtungen gesperrt. Die Justiz ließ ihn zwar auf freien Fuß, verhängte jedoch strenge Auflagen im Rahmen der laufenden Ermittlungen.

    Wissenschaft unter Generalverdacht?

    Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Offenheit verträgt die Forschung in Zeiten globaler Rivalitäten? Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler, wenn ihre Arbeit sicherheitsrelevante Aspekte berührt? Und wie definiert sich der wissenschaftliche Austausch mit autoritären Staaten, deren Forschungspolitik eng mit staatlichen Interessen verzahnt ist?

    In Frankreich wie in anderen westlichen Ländern wächst der Druck auf Hochschulen, Sicherheitsfragen stärker in ihre internationale Zusammenarbeit zu integrieren. Die Balance zwischen wissenschaftlicher Freiheit und nationaler Sicherheit wird zunehmend zur Gratwanderung. Der Fall des Professors aus Bordeaux dürfte damit kaum ein Einzelfall bleiben – sondern Teil eines größeren Umbruchs im Verhältnis von Wissenschaft, Staat und geopolitischer Realität sein.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Das leise Verschwinden der wissenschaftlichen Freiheit

    Das leise Verschwinden der wissenschaftlichen Freiheit

    Freiheit stirbt nicht abrupt. Sie zieht sich zurück, kaum hörbar, beinahe höflich. Im akademischen Raum geschieht dies derzeit besonders unauffällig – und deshalb umso bedrohlicher. Die Freiheit der Wissenschaft, in Frankreich verfassungsähnlich geschützt und gesetzlich verbrieft, beginnt zu bröckeln. Nicht durch offene Verbote. Sondern durch strukturelle Verschiebungen, durch ökonomische Abhängigkeiten, durch politische Erwartungshaltungen. Die Instrumente sind leise, die Folgen gravierend. Artikel L. 952-2 des französischen Bildungsgesetzes formuliert es klar: Lehrende und Forschende genießen vollständige Unabhängigkeit und uneingeschränkte Meinungsfreiheit in der Ausübung ihrer Aufgaben. Ein Satz, der klingt wie ein Versprechen. Doch wie belastbar ist dieses Versprechen heute noch? Wenn Geld zur Steuerung wird Die gegenwärtige Finanzarchitektur der Forschung in Frankreich lässt wenig Raum für Idealismus. Mit jeder Haushaltskürzung wächst die Notwendigkeit, sich externen Geldgebern z…

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  • Frankreichs Universitäten im internationalen Vergleich: Fortschritte mit strukturellem Handicap

    Frankreichs Universitäten im internationalen Vergleich: Fortschritte mit strukturellem Handicap

    Die Rangliste der besten Universitäten der Welt ist für viele Nationen ein Barometer wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit. Der aktuelle „Academic Ranking of World Universities“ (ARWU) – besser bekannt als „Shanghai-Ranking“ – bestätigt Frankreichs ambivalente Position im internationalen Hochschulwettbewerb: drei Universitäten unter den besten 50, acht im Top-200-Ranking – ein Achtungserfolg, aber kein Durchbruch. An der Spitze bleibt die globale Elite unverändert: Die USA dominieren, Großbritannien bleibt engauf, und China holt weiter auf. Die französische Bildungs- und Forschungspolitik steht damit erneut vor der Gretchenfrage: Reicht die gegenwärtige Reformdynamik aus, um strukturelle Nachteile gegenüber den angelsächsischen und zunehmend auch asiatischen Spitzeninstituten wettzumachen? Drei französische Universitäten im Top-50-Ranking Die Universität Paris-Saclay erreicht 2025 den 13. Platz weltweit und bleibt damit Frankreichs Spitzenreiter, wenn auch mit einem leichten Rückgang g…

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  • „Eine Jahrhundertchance für die Wissenschaft“ – und weitere World-News

    „Eine Jahrhundertchance für die Wissenschaft“ – und weitere World-News

    US-Universitäten sind ein leichtes Ziel für rechtspopulistische Kritik. Umfragen zeigen, dass viele Amerikaner sie als zu liberal, zu teuer und zu elitär empfinden – und das nicht völlig ohne Grund. Doch der Konflikt zwischen der Trump-Regierung und der Harvard University geht über bloße Symbolpolitik hinaus: Er ist zum Testfall für den Versuch geworden, der akademischen Welt eine politische Agenda aufzuzwingen – quer durch die 2.600 Hochschulen der Vereinigten Staaten. Studierende, Lehrende und Forschende geraten gleichermaßen unter Druck. Das gefährdet die globale Spitzenstellung der amerikanischen Wissenschaft, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde.

    Was bedeutet das für den Rest der Welt?

    Europäische Staaten buhlen inzwischen offensiv um in den USA tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie bieten ihnen eine Art „wissenschaftliches Asyl“ – oder, wie ein französischer Minister es formulierte, „ein Licht in der Dunkelheit“.
    Auch Kanada konnte bereits mehrere renommierte US-Akademiker gewinnen, darunter drei festangestellte Yale-Professoren mit Forschungsschwerpunkten auf Autoritarismus und Faschismus.
    Das Australian Strategic Policy Institute bezeichnete die momentane Lage als „eine Jahrhundertchance für den intellektuellen Zugewinn“ – außerhalb der USA.

    Wer hat das Erfolgsrezept?

    Im mittleren 20. Jahrhundert galt Amerika vielen als wohlwollende Großmacht – verpflichtet der wissenschaftlichen Freiheit und der Demokratie. Es zog die klügsten Köpfe an, die vor Faschismus und autoritären Regimen aus Europa flohen.

    Heute könnte ausgerechnet China zum größten Profiteur der amerikanischen Selbstzerstörung werden. Chinesische Universitäten bemühen sich seit Jahren um internationale Spitzenforscher – nun liefert ihnen Washington indirekt Schützenhilfe. Ein Anzeichen für die Wirksamkeit dieser Strategie bietet Afrika. Immer mehr Afrikaner lernen Mandarin, und mittlerweile studieren fast doppelt so viele in China wie in den Vereinigten Staaten.

    Ein Blick zurück – und nach vorn

    Kann Amerika seine wissenschaftliche Vormachtstellung aus ideologischen Gründen tatsächlich verspielen? Ein solches Szenario ist nicht ohne historisches Vorbild: In den 1930er-Jahren verlor das nationalsozialistische Deutschland seine wissenschaftliche Führungsrolle innerhalb weniger Jahre an die USA.
    Als Deutsche*r denkt man vielleicht allzu schnell an diese Zeit zurück – doch der Vergleich ist in diesem Fall tatsächlich instruktiv. Mehrere prominente US-Journalisten, die sich mit den Folgen des harten Vorgehens der Trump-Regierung gegen internationale Studierende und Forschende befassen, ziehen Parallelen zu Hitlers systematischer Ausschaltung von Wissenschaft und Intellektuellen.

    Bislang kann keine andere Region das Erfolgsrezept der USA – bestehend aus finanziellen Ressourcen, geistiger Freiheit, Risikobereitschaft und Einwanderungsoffenheit – vollständig replizieren. Sollte Amerika als wissenschaftliche Supermacht stürzen und entscheidende Durchbrüche ausbleiben, wäre das ein Rückschlag für die gesamte Welt.


    Schattenseite der grünen Energiewende

    Am 9. Juli berichteten wir an dieser Stelle über seltene Erden – und darüber, wie es möglich wäre, sie sauberer, ethischer und ohne chinesische Dominanz zu fördern. Doch das hat seinen Preis.
    Berichtet wurde jetzt ein Abbau von seltenen Erden an der thailändisch-myanmarischen Grenze, welcher die Schattenseiten des gegenwärtigen Rohstoffbooms besonders deutlich macht. Die seltenen Erden, die dort abgebaut werden – unter anderem für E-Autos, Windkraftanlagen und Atomkraftwerke – stammen aus einem meist rechtsfreien Raum, in dem chinesische Unternehmen nach Herzenslust agieren.

    Der Erlös aus dem Rohstoffhandel finanziert lokale Milizen im Bürgerkrieg Myanmars. Zugleich verschmutzt der Abbau Wasserquellen und zerstört Lebensgrundlagen. Die seltenen Erden aus Myanmar sind billig, weil es dort keine Regulierung gibt. Doch der soziale und ökologische Preis für die Menschen vor Ort ist hoch.


    Weitere wichtige Nachrichten

    Gaza: Bei einem israelischen Luftangriff nahe eines Wasserverteilungspunktes in Zentral-Gaza wurden mindestens zehn Menschen, darunter viele Kinder, getötet. Das israelische Militär sprach von einem „technischen Fehler“.

    Handel: Donald Trump kündigte an, ab dem 1. August Zölle in Höhe von 30 Prozent auf EU-Waren zu erheben. Angesichts wachsender Handelskonflikte suchen die EU und andere Partner nach neuen globalen Handelsstrukturen.

    Asien: Länder mit wirtschaftlicher Ausrichtung auf den US-Markt stehen unter Druck. Sie suchen nach alternativen Handelspartnern – bislang mit begrenztem Erfolg.

    Flugzeugabsturz in Indien: Eine erste Untersuchung ergab, dass nach dem Start bei beiden Triebwerken der Treibstoff abgestellt wurde – ohne erkennbare Erklärung.

    Texas: Zwei Tage nach den verheerenden Überschwemmungen wurden laut internen Dokumenten knapp zwei Drittel der Anrufe bei der Katastrophenhilfe-Hotline der FEMA nicht entgegengenommen.

    Wetter: Tropensturm Nari zieht derzeit über den Nordpazifik vor der japanischen Küste.

    Neukaledonien: Eine neue Vereinbarung mit Frankreich sichert der pazifischen Inselgruppe mehr Autonomie, bleibt jedoch hinter einer vollständigen Unabhängigkeit zurück.

    Autor: P. Tiko

  • Wissenschaftlicher Zufluchtsort – Emmanuel Macrons Offensive für internationale Forschungstalente

    Wissenschaftlicher Zufluchtsort – Emmanuel Macrons Offensive für internationale Forschungstalente

    Frankreich positioniert sich als neue Heimat für vertriebene Wissenschaftler. Präsident Emmanuel Macron hat Mitte April einen internationalen Aufruf gestartet, der Forscherinnen und Forscher weltweit dazu einlädt, ihre wissenschaftliche Zukunft in Frankreich und Europa zu gestalten. Die Initiative folgt auf wachsende Einschränkungen der akademischen Freiheit in anderen Weltregionen, insbesondere in den USA. Mit dem neuen Programm „Choose France for Science“ will die französische Regierung gezielt internationale Talente anziehen – und setzt damit ein strategisches Signal in einem globalen Wettbewerb um Wissen und Innovation.

    Ein politischer Appell mit globaler Dimension

    Am 18. April wandte sich Macron auf dem sozialen Netzwerk X mit einer klaren Botschaft an die internationale Forschungsgemeinschaft: „Hier in Frankreich ist Forschung eine Priorität, Innovation Teil unserer Kultur und Wissenschaft ein grenzenloses Ziel. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Länder, wählt Frankreich, wählt Europa!“ Dieser Aufruf ist mehr als eine rhetorische Geste. Er ist Teil eines langfristigen Plans, Frankreichs Attraktivität im internationalen Wissenschaftssystem zu stärken.

    Die politische Dimension ist unübersehbar. Der Appell erfolgt in einer Zeit, in der in den Vereinigten Staaten forschungsfeindliche Tendenzen immer stärker werden. Der amtierende Präsident Donald Trump hat Fördermittel gekürzt und politischen Druck auf Universitäten erhöht, und viele dieser Maßnahmen werden nicht zurückgenommen. Zugleich sehen sich Forschende in anderen Weltregionen – etwa in China, Russland, der Türkei oder im Iran – zunehmend mit Zensur, ideologischer Einmischung oder sogar physischer Bedrohung konfrontiert. Frankreich sieht hier eine Chance, sich als liberale Alternative zu positionieren.

    Die neue Plattform „Choose France for Science“

    Parallel zum Appell wurde die Plattform „Choose France for Science“ lanciert. Sie wird von der französischen Forschungsagentur ANR betrieben und soll die Integration internationaler Forschender erleichtern. Französische Hochschulen und Forschungseinrichtungen können dort gemeinsam mit Partnern Projekte einreichen, um ausländische Wissenschaftler aufzunehmen. Der Staat übernimmt dabei bis zu 50 Prozent der Kosten über den strategischen Investitionsfonds „France 2030“.

    Besonderer Fokus liegt auf Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Klimawandel, Biodiversität, Künstlicher Intelligenz, Raumfahrt, nachhaltiger Landwirtschaft, kohlenstoffarmer Energie sowie digitalen Technologien. Frankreich möchte sich dadurch nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch als wissenschaftlicher Innovationsmotor Europas etablieren – mit modernen Infrastrukturen, langfristiger Finanzierung und garantierter akademischer Freiheit.

    Der geplante „wissenschaftliche Flüchtlingsstatus“

    Ein bemerkenswerter Teil der Strategie ist der Vorschlag zur Schaffung eines neuen Rechtsstatus: des „réfugié scientifique“. Die Initiative geht auf den früheren Präsidenten François Hollande zurück und soll Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schützen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt werden. Der Status würde ihnen nicht nur Visa-Erleichterungen verschaffen, sondern auch sozialen Schutz, Zugang zu Forschungseinrichtungen und Unterstützung bei der Integration in das französische Wissenschaftssystem.

    Ein solcher Ansatz ist in Europa bislang einzigartig. Zwar gibt es Programme wie die Philipp-Schwartz-Initiative in Deutschland, doch ein gesetzlich verankerter Flüchtlingsstatus speziell für Forscher wäre ein Novum. Damit unterstreicht Frankreich seine Bereitschaft, politische Verantwortung in einer globalisierten Wissenschaftslandschaft zu übernehmen.

    Wissenschaftliche Exzellenz als geopolitisches Instrument

    Macrons Vorstoß ist Teil einer größeren europäischen Debatte über die Rolle der Forschung im internationalen Wettbewerb. Seit Jahren versucht die EU, ihre Abhängigkeit von außereuropäischen Technologiegiganten zu verringern, etwa durch Investitionen in Halbleiter, Quantencomputer oder nachhaltige Energiequellen. Forschung und Innovation gelten als Schlüssel zur „strategischen Autonomie“ Europas – ein Begriff, der seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine neue Dringlichkeit erhalten hat.

    Frankreich will dabei eine Führungsrolle einnehmen. Die jetzige Initiative könnte es ermöglichen, das eigene Wissenschaftssystem mit frischen Impulsen zu versorgen – durch neue Perspektiven, globale Netzwerke und internationale Talente. Schon heute arbeitet fast ein Drittel der Forscherinnen und Forscher in Frankreich mit ausländischem Hintergrund. Der strukturelle Rahmen ist vorhanden, doch es bleiben Herausforderungen.

    Risiken und offene Fragen

    Die ehrgeizige Öffnungspolitik wirft auch kritische Fragen auf. Wie gut ist das französische Hochschulsystem auf einen deutlichen Anstieg internationaler Forschender vorbereitet? Gibt es genügend Ressourcen, Betreuungskapazitäten und integrationsfördernde Maßnahmen? Und wie lassen sich mögliche gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber einer gezielten Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte adressieren?

    Zudem besteht die Gefahr, dass Frankreich durch seine neue Rolle zwar internationale Talente anzieht, gleichzeitig aber strukturelle Schwächen im eigenen Forschungsbetrieb verdeckt bleiben – etwa bürokratische Hürden, geringe Grundfinanzierung oder die chronische Überlastung vieler Einrichtungen. Eine erfolgreiche Umsetzung der Initiative erfordert deshalb nicht nur politische Entschlossenheit, sondern auch eine enge Koordination mit Universitäten, Forschungszentren und lokalen Behörden.

    Frankreich hat mit dem Aufruf Macrons und der Plattform „Choose France for Science“ einen wichtigen Schritt getan, um sich als globale Wissenschaftsnation neu zu positionieren. Wenn es gelingt, die Strategie in die Praxis zu überführen, könnte das Land zum Zentrum einer neuen Wissenschaftsmobilität werden – offen, exzellenzorientiert und widerstandsfähig gegenüber politischen Verwerfungen weltweit.

    Von Andreas Brucker

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  • Trump verschärft den Konflikt mit Harvard – und andere World-News

    Trump verschärft den Konflikt mit Harvard – und andere World-News

    Nachdem Präsident Donald Trump die Auszahlung von 2,2 Milliarden Dollar an die Harvard University eingefroren hatte, erhöhte er gestern den Druck und drohte, der renommierten Universität ihren steuerbefreiten Status zu entziehen.

    Der Streit zwischen der Trump-Regierung und der ältesten und elitärsten Universität der Vereinigten Staaten steuert auf eine Konfrontation zu, deren Auswirkungen weit über Harvard hinausreichen könnten.

    Harvard weigert sich bislang, den Forderungen der Regierung nachzukommen, die Änderungen an universitären Richtlinien und Programmen zu Diversitätsvorgaben und dem Umgang mit anti-israelischen Protesten verlangt.

    Hintergrund: Mit einem Stiftungsvermögen von rund 50 Milliarden Dollar ist Harvard finanziell in einer einzigartigen Position, um die eingefrorenen Mittel abzufedern. Die entschlossene Haltung der Universität hat andere Hochschulen ermutigt, die bislang eher zurückhaltend auf den Druck aus dem Weißen Haus reagiert hatten.

    Folgewirkungen: Auch die Columbia University, die wegen ihrer zögerlichen Haltung kritisiert worden war, zeigte gestern Anzeichen eines härteren Kurses. Die neue Interimspräsidentin betonte, dass die Universität sich nicht von der Regierung vorschreiben lassen werde, ihre Unabhängigkeit und Autonomie aufzugeben.

    Kritiker werfen der Trump-Regierung vor, mit ihren Forderungen die akademische Freiheit anzugreifen. Die Auseinandersetzung mit Harvard gilt inzwischen als Beispiel für eine umfassendere Strategie Trumps, kritische Institutionen im Bildungsbereich unter politischen Druck zu setzen.


    Ukraine: Ein Waffenstillstand ist und bleibt fern

    Die nordukrainische Stadt Sumy wurde am Palmsonntag von einem russischen Luftangriff auf ein Wohnviertel getroffen, 34 Menschen starben. Am darauffolgenden Montag wurden sie erneut Opfer eines Angriffs.

    Der Angriff vom Palmsonntag wird inzwischen als Beleg für das Scheitern der Friedensgespräche zwischen Moskau und Kiew gewertet. In Sumy hat der Angriff zu verstärkten Vorbereitungen auf eine mögliche neue Bodenoffensive Russlands geführt.

    Die Stimmung in der Stadt sei von „Angst, unablässiger Anspannung und strapazierten Nerven“ geprägt, schrieben internationale Reporter.


    Autopsien belegen Kopfschüsse bei Sanitätern im Gazastreifen

    Die meisten der Sanitäter und Rettungskräfte, die bei einem israelischen Angriff im Gazastreifen im vergangenen Monat ums Leben kamen, wurden laut Autopsieberichten durch Schüsse in Kopf oder Brust getötet. Die Berichte, die der New York Times vorliegen, zeigen, dass elf der Männer Schusswunden aufwiesen, viele davon mehrfach. Drei weitere wurden durch Splitter verletzt.

    Die israelische Armee erklärte, man werde die Vorfälle untersuchen.

    Bei einem weiteren israelischen Angriff wurde laut Klinikleitung ein Sicherheitsmann in einem Feldlazarett im Süden des Gazastreifens getötet und zehn Patienten verletzt.


    Weitere Schlagzeilen weltweit:

    • Irak: Eine heftige Sandsturmwelle führte zur Einstellung des Flugverkehrs an zwei Flughäfen und trieb tausende Menschen mit Atemwegsbeschwerden in die Krankenhäuser.
    • Technologie: Beim Kartellverfahren gegen Meta erklärte Mark Zuckerberg, er habe Instagram und WhatsApp gekauft, weil „es schwer ist, eine neue App zu entwickeln.“
    • Südkorea: Nach dem Absturz eines Flugzeugs von Jeju Air wurde bekannt, dass der Flughafen gegen Sicherheitsrichtlinien zum Schutz vor Vogelschlägen verstoßen hatte.
    • Frankreich: Als Reaktion auf die Ausweisung französischer Konsularbeamte aus Algerien kündigte Frankreich die „symmetrische“ Ausweisung von zwölf algerischen Diplomaten an.
    • Jordanien: Sicherheitsdienste nahmen 16 Personen fest, die verdächtigt werden, Bedrohungen gegen die nationale Sicherheit geplant zu haben.
    • Niederlande: Eine neue nationale Samenbank identifizierte 85 Spender mit jeweils über 25 Nachkommen – eine Zahl, die die empfohlenen Grenzen deutlich überschreitet.
    • Frankreich: Mehrere Gefängnisse im Land wurden Ziel von Angriffen, bei denen auf Mauern und Tore geschossen wurde. Der Justizminister machte Drogenkartelle verantwortlich.
    • New York: Harvey Weinstein, der in Ungnade gefallene Hollywood-Produzent, steht erneut wegen Sexualdelikten vor Gericht.
    • Syrien: Nach dem Sturz von Bashar al-Assad verschwanden landesweit seine Porträts – für viele Syrer ein symbolischer Akt der Befreiung.
    • Großbritannien: Ein Arbeitskonflikt in einem chinesisch geführten Stahlwerk könnte die Bemühungen Londons, die Beziehungen zu Peking zu verbessern, gefährden.
    • Vatikan: Papst Franziskus leitete das Seligsprechungsverfahren für Antoni Gaudí ein, den Architekten der Sagrada Família in Barcelona, der einst als „Architekt Gottes“ bezeichnet wurde.

    Autor: MAB

  • Harvard im Visier – Trumps Kampf gegen akademische Autonomie

    Harvard im Visier – Trumps Kampf gegen akademische Autonomie

    Ein bislang beispielloser Konflikt zwischen der US-Regierung und der traditionsreichen Harvard University wirft ein grelles Licht auf die zunehmende politische Instrumentalisierung von Bildungseinrichtungen. Mit der Blockade von über 2,2 Milliarden US-Dollar an Bundesmitteln hat die Regierung von Donald Trump einen offenen Schlag gegen eine der angesehensten Universitäten des Landes geführt – und damit eine Grundsatzdebatte über Freiheit und Einflussnahme in der akademischen Welt neu entfacht.

    Am Ursprung des Konflikts steht eine Liste weitreichender Forderungen, die das Bildungsministerium unter Trump an die Universität stellte. Diese reichten von der Abschaffung diversitätsbezogener Programme über die Überarbeitung von Zulassungskriterien bis hin zum Verbot bestimmter studentischer Gruppen. Harvard wies die Forderungen mit Nachdruck zurück – mit Verweis auf die verfassungsmäßig garantierte akademische Freiheit.

    Die neue Linie Washingtons

    Die Entscheidung, Bundesmittel für Harvard einzufrieren, ist Teil einer breit angelegten Kampagne der Trump-Administration, die sich gezielt gegen die ideologischen Strukturen an Eliteuniversitäten richtet. Im Mittelpunkt steht dabei insbesondere die Kritik an sogenannten DEI-Programmen – Initiativen zur Förderung von Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion. Diese Programme seien, so das Argument aus Washington, zunehmend zu Vehikeln einer „woken Ideologie“ geworden, die politische Neutralität und akademische Exzellenz untergrabe.

    Das Bildungsministerium begründete die Maßnahme mit der Notwendigkeit, Antisemitismus auf dem Campus zu bekämpfen. Tatsächlich verweist ein Teil der Forderungen auf den Umgang mit pro-palästinensischen Gruppen und antisemitischen Vorfällen, die im Zuge des Gaza-Kriegs verstärkt an US-Campusse gemeldet wurden. Doch die Liste reicht weit darüber hinaus – sie umfasst auch Aufforderungen zur Zusammenarbeit mit Einwanderungsbehörden, zur Einschränkung studentischer Versammlungsfreiheit und zur Kontrolle von Meinungsäußerungen.

    Harvards entschlossene Gegenwehr

    Harvard-Präsident Alan Garber reagierte mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. In einer öffentlichen Erklärung verteidigte er die institutionelle Unabhängigkeit der Universität und warf der Regierung vor, mit ihren Maßnahmen eine politische Agenda durchsetzen zu wollen. „Unsere Lehrfreiheit und unsere akademischen Standards stehen nicht zur Disposition“, erklärte Garber. Es sei nicht Aufgabe des Staates, über Zulassungsrichtlinien oder Forschungsprogramme zu bestimmen.

    Garbers Stellungnahme traf auf breite Unterstützung. Ehemalige US-Präsidenten, darunter Barack Obama und George W. Bush, prominente Alumni, Bürgerrechtsgruppen sowie zahlreiche Hochschulrektoren anderer Universitäten äußerten ihre Solidarität mit Harvard. Die American Association of University Professors reichte unterdessen Klage beim Bundesgericht ein – mit dem Argument, dass der Entzug von Bundesmitteln eine Verletzung des First Amendment der US-Verfassung darstelle.

    Eine politisierte Hochschulpolitik

    Dass der Vorfall kein Einzelfall ist, zeigt der Blick auf weitere Eliteuniversitäten: Auch Columbia, Princeton und Cornell wurden in den letzten Monaten mit ähnlichen Maßnahmen konfrontiert. Die Regierung scheint gezielt Hochschulen ins Visier zu nehmen, die für liberale Werte, Internationalität und progressive Studiengänge stehen. Diese Entwicklung ist eingebettet in eine breitere konservative Offensive gegen das, was rechte Politiker als „linke Indoktrination“ an Universitäten bezeichnen.

    Doch Kritiker warnen vor den Folgen. Die Verbindung staatlicher Förderung an ideologische Vorgaben untergrabe nicht nur die Freiheit der Lehre, sondern auch die Innovationskraft der amerikanischen Hochschullandschaft insgesamt. In einer Stellungnahme der Association of American Universities heißt es: „Wenn politische Machthaber entscheiden, welche Inhalte gelehrt werden dürfen, verlieren Universitäten ihre gesellschaftliche Funktion als Orte freier Debatte und kritischen Denkens.“

    Juristische und gesellschaftliche Brisanz

    Die Auseinandersetzung könnte bald die höchsten Gerichte des Landes beschäftigen. Beobachter erwarten, dass sich der Supreme Court früher oder später mit der Frage auseinandersetzen wird, inwieweit die Regierung Bedingungen an Bundesfördermittel knüpfen darf, ohne gegen verfassungsmäßige Prinzipien zu verstoßen. Bereits 1987 hatte das Gericht im Fall South Dakota v. Dole entschieden, dass solche Bedingungen nicht „unangemessen druckvoll“ sein dürfen.

    Auch international stößt der Fall auf Aufmerksamkeit. Europäische Universitäten beobachten mit Sorge, wie sich politische Macht und Bildungsinstitutionen in den USA zunehmend gegenüberstehen. In einem Kommentar der britischen „Times Higher Education“ heißt es: „Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten könnte eine Blaupause für ähnliche Bestrebungen in anderen Ländern liefern – insbesondere dort, wo populistische Regierungen versuchen, Wissenschaft unter ideologische Kontrolle zu bringen.“

    Währenddessen geht das Ringen in Cambridge weiter. Auf dem Campus haben sich Studierende und Fakultätsangehörige zu Protesten und Diskussionsforen zusammengeschlossen. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Finanzen, sondern um die grundlegende Frage, was eine Universität in einer freien Gesellschaft ausmacht – und wer darüber entscheidet.

    Autor: MAB