Schlagwort: Überfischung

  • Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die Wirklichkeit inzwischen einen Satiriker beschäftigt. Einen ziemlich schwarzen noch dazu. Französische Fischer fahren hinaus aufs Meer, werfen ihre Netze aus – und ziehen statt Sardinen, Makrelen oder anderer Fische vor allem glibberige Quallen an Bord. Willkommen in einer Zukunft, in der das Meer zwar noch reichlich Leben hervorbringt, nur leider immer öfter das falsche.

    Klimawandel? Ach was. Wird schon nicht so schlimm werden.

    Ein bisschen wärmeres Wasser, ein paar hübsche neue Badetemperaturen, vielleicht verlängert sich sogar die Saison an der französischen Küste. Was soll daran schon dramatisch sein?

    Nun, fragen wir doch einmal einen Fischer, dessen Netz so voller Quallen steckt, dass er es kaum noch aus dem Wasser bekommt.

    Die Hitzewellen dieses Sommers treffen nämlich nicht nur Menschen, Wälder und Landwirtschaft. Auch die französischen Meere reagieren auf ungewöhnlich hohe Temperaturen. Und dort zeigt sich eine jener Nebenwirkungen, die in der großen Klimadebatte gern untergehen: Massenhafte Quallenvorkommen erschweren regional die Fischerei erheblich.

    Das Problem klingt zunächst fast komisch.

    Quallen gegen Fischer.

    David gegen Goliath, nur eben glibberiger.

    Doch wer genauer hinsieht, dem vergeht das Lachen ziemlich schnell. Quallen gelangen in großer Zahl in die Netze und machen sie schwer. Ihr Schleim und ihre Nesselzellen beeinträchtigen den Fang. Fischer verbringen zusätzliche Zeit damit, ihre Geräte zu reinigen, verlieren Arbeitsstunden und verbrauchen Treibstoff für Fahrten, deren Ertrag schlimmstenfalls nicht einmal die Kosten deckt.

    Man fährt also hinaus, bezahlt Diesel, Personal, Wartung und Ausrüstung – und bringt am Ende eine Ladung glitschiger Meeresbewohner nach Hause, für die auf dem Fischmarkt niemand begeistert die Geldbörse zückt.

    Läuft.

    Besonders bitter daran: Die Fischerei steht ohnehin unter enormem Druck. Überfischung, steigende Betriebskosten, internationale Konkurrenz, Fangquoten und Veränderungen der Meeresökosysteme verlangen den Betrieben seit Jahren einiges ab. Nun mischt auch noch eine uralte Tiergruppe mit, deren Vertreter seit Hunderten Millionen Jahren durch die Ozeane treiben und offenbar ausgezeichnet mit Bedingungen zurechtkommen, unter denen andere Arten zunehmend Probleme bekommen.

    Natürlich wäre es wissenschaftlich unseriös, jede einzelne Quallenplage mit einem roten Stempel zu versehen: „Verursacht durch Klimawandel.“

    So einfach arbeitet die Natur nicht.

    Quallenpopulationen schwanken aus zahlreichen Gründen. Meeresströmungen, Nahrungsangebot, Fortpflanzungsbedingungen und Veränderungen innerhalb der Nahrungsketten spielen hinein. Auch Überfischung besitzt eine Bedeutung, denn weniger Fische bedeuten teilweise weniger Konkurrenz und weniger natürliche Gegenspieler. Schildkröten und bestimmte Fischarten fressen Quallen. Gerät dieses Gefüge aus dem Takt, entstehen ökologische Freiräume.

    Steigende Meerestemperaturen liefern manchen Quallenarten zusätzlich günstige Bedingungen. Wärmeres Wasser beeinflusst Stoffwechsel, Entwicklung und Fortpflanzungszyklen. Treffen mehrere Faktoren zusammen, entsteht jene Mischung, die Fischer überhaupt nicht gebrauchen können.

    Und plötzlich führt die abstrakte Debatte über Zehntelgrade mitten hinein in unseren Alltag.

    Denn Fischerei bedeutet nicht bloß romantische kleine Boote im Morgennebel, Hafenrestaurants und Möwengeschrei. Sie bedeutet Nahrung.

    Ernährungssicherheit hängt davon ab, dass Ökosysteme einigermaßen zuverlässig funktionieren. Nicht perfekt, nicht unverändert und schon gar nicht nach menschlichem Wunschzettel – aber stabil genug, damit Landwirtschaft, Fischerei und Aquakultur planbar bleiben.

    Genau hier liegt der Punkt, der viel zu selten ausgesprochen wird.

    Der Klimawandel bedroht unsere Ernährung nicht ausschließlich durch vertrocknete Felder, Überschwemmungen oder schlechte Ernten. Seine Folgen laufen durch komplizierte ökologische Ketten. Wasser erwärmt sich, Arten wandern, andere vermehren sich stärker, Nahrungsketten verschieben sich – und irgendwann steht ein Fischer auf seinem Boot und zieht ein Netz hoch, in dem kaum noch verkäuflicher Fang liegt.

    Keine Hollywood-Apokalypse. Kein dramatischer Weltuntergang mit Donner und Feuer.

    Nur ein schlechtes Netz.

    Und noch eines.

    Und irgendwann eine Fahrt, die sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

    Genau darin liegt die Tücke ökologischer Veränderungen. Sie kommen selten mit Sirene und rotem Warnlicht. Sie schleichen sich in Kalkulationen, Arbeitsabläufe und Lebensmittelpreise. Aus einem biologischen Phänomen entsteht ein wirtschaftliches Problem. Aus vielen wirtschaftlichen Problemen entsteht irgendwann ein gesellschaftliches.

    Die Quallen selbst trifft dabei übrigens keinerlei Schuld. Sie machen schlicht das, was Lebewesen seit Anbeginn des Lebens tun: Sie nutzen Bedingungen, die ihnen Vorteile bieten.

    Fast möchte man ihnen gratulieren.

    Während der Mensch seit Jahrzehnten Konferenzen veranstaltet, Klimaziele formuliert, verschiebt, neu formuliert und anschließend darüber diskutiert, ob das alles vielleicht doch ein bisschen unbequem und teuer sei, treiben die Quallen völlig unbeeindruckt durch das wärmere Wasser.

    Keine Pressekonferenz. Kein Aktionsplan. Keine Arbeitsgruppe.

    Einfach vermehren.

    Dabei reichen die Folgen großer Quallenvorkommen weit über die Fischerei hinaus. Sie beeinträchtigen Badegebiete, belasten Aquakulturen und geraten sogar in technische Anlagen. Frankreich kennt bereits die grotesk anmutende Situation, dass Quallen die Kühlwassersysteme des Kernkraftwerks Gravelines beeinträchtigten und Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden mussten.

    Man muss diesen Satz tatsächlich zweimal lesen.

    Eine hoch technisierte Industrienation baut Kernreaktoren, Stromnetze und gewaltige Infrastruktur – und dann kommt eine Armee aus nahezu hirnlosen Gallertwesen angeschwommen und sagt sinngemäß: „Heute nicht.“

    Die Natur besitzt Humor. Leider einen ziemlich trockenen.

    Noch gravierender erscheint jedoch die langfristige Frage: Was geschieht, wenn marine Hitzewellen häufiger auftreten und gleichzeitig Überfischung, Verschmutzung sowie Veränderungen der Küstenräume die Ökosysteme weiter schwächen?

    Dann geht es nicht mehr darum, ob Urlauber beim Baden einer Qualle begegnen.

    Dann reden wir über die Belastbarkeit unserer Nahrungsmittelsysteme.

    Niemand muss deshalb morgen Konservendosen im Keller stapeln. Frankreich steht nicht unmittelbar vor leeren Fischtheken, und Quallen werden auch nicht plötzlich sämtliche Speisefische aus europäischen Gewässern vertreiben. Solche Behauptungen wären Alarmismus.

    Doch Ernährungssicherheit zerbricht selten über Nacht.

    Sie erodiert.

    Ein schlechter Fang hier, eine Dürre dort, höhere Energiepreise, veränderte Fischbestände, Krankheiten in Aquakulturen, Ernteausfälle, steigende Transportkosten – jedes einzelne Problem erscheint beherrschbar. Gemeinsam ergeben sie eine Rechnung, die irgendwann jemand bezahlen muss.

    Meistens sitzt dieser Jemand an der Supermarktkasse.

    Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Klimawandel ausschließlich als abstraktes Umweltproblem für kommende Generationen zu betrachten. Er berührt Wirtschaft, Energieversorgung und Ernährung bereits dort, wo Menschen heute arbeiten.

    Manchmal sieht diese Realität nicht spektakulär aus.

    Manchmal ist sie durchsichtig, glibberig und steckt zu Tausenden im Fischernetz.

    Und während wir noch darüber streiten, ob uns Klimaschutz zu teuer kommt, liefert das Meer bereits eine andere Rechnung.

    Mit Quallen statt Fisch.

    Daniel Ivers

  • Wenn das Meer stirbt, stirbt auch der Mensch: Warum die UN-Ozeankonferenz in Nizza mehr ist als Symbolpolitik

    Wenn das Meer stirbt, stirbt auch der Mensch: Warum die UN-Ozeankonferenz in Nizza mehr ist als Symbolpolitik

    Ein blauer Planet in der Krise

    Die Klimaforschung zeigt uns eindeutig: Die Ozeane stehen im Zentrum der globalen Klimakrise – als Puffer, als Opfer und als Hoffnungsträger zugleich. Wenn wir die Daten genauer betrachten, sehen wir einen erschütternden Befund: Die marinen Ökosysteme, die das Leben auf der Erde mittragen, kollabieren zunehmend unter der Last menschlicher Einflüsse. Die UN-Ozeankonferenz (UNOC3) in Nizza ist deshalb nicht nur ein diplomatisches Großereignis – sie ist ein Testfall für die Handlungsfähigkeit der internationalen Gemeinschaft.

    Was auf dem Spiel steht: Die Lebensfunktionen des Meeres

    Die Ozeane bedecken über 70 % der Erdoberfläche. Sie produzieren mehr als die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, absorbieren rund 30 % des vom Menschen ausgestoßenen CO₂ und speichern enorme Wärmemengen. Anders ausgedrückt: Ohne intakte Ozeane wäre das globale Klima längst vollständig außer Kontrolle geraten.

    Der Preis für die Vernachlässigung der Ozeane ist hoch. Die Erwärmung der Meere führt zu marinen Hitzewellen, deren Intensität und Häufigkeit wir heute präzise dem menschengemachten Klimawandel zuschreiben können. Der jüngste Massenbleiche von Korallen – sichtbar vom Pazifik bis zum Indischen Ozean – ist kein isoliertes Naturereignis, sondern eine Folge systemischer Überlastung. Korallenriffe, die etwa ein Viertel der marinen Biodiversität beherbergen, sterben ab – und mit ihnen die Lebensgrundlage unzähliger Küstengemeinschaften.

    Gleichzeitig schreitet die Ozeanversauerung voran: Mehr CO₂ in der Atmosphäre bedeutet mehr Kohlenstoffsäure im Meer, was die Schalenbildung vieler Organismen hemmt. Die Folgen? Eine destabilisierte Nahrungskette vom Plankton bis zum Thunfisch – und langfristig auch ein Risiko für unsere eigene Ernährungssicherheit.

    Plastik im Blut der Meere

    Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Täglich gelangen weltweit etwa 2.000 LKW-Ladungen Plastikmüll in die Meere. Diese nicht abbaubaren Materialien zersetzen sich in Mikroplastikpartikel, die in die Nahrungsketten eindringen – bis hin zum menschlichen Organismus.

    Was früher als entferntes Umweltproblem erschien, ist heute eine globale Gesundheitsfrage. Mikroplastik wurde bereits in menschlichem Blut, Plazenta und Lunge nachgewiesen. Gleichzeitig gefährdet es Meeressäuger, Seevögel und Fischbestände. Besonders betroffen sind Länder des globalen Südens, denen es oft an Ressourcen für effektives Abfallmanagement fehlt – ein klassischer Fall von Umweltungerechtigkeit.

    Ein Hoffnungsschimmer: Der geplante UN-Plastikvertrag, der Produktion und Verbrauch von Einwegplastik global regulieren soll. Doch dieser Vertrag muss mehr leisten als Absichtserklärungen – es geht um konkrete Reduktionsziele, Transparenzpflichten und Sanktionsmechanismen.

    Überfischt, übernutzt, unterreguliert

    Fast 90 % der weltweiten Fischbestände sind überfischt oder an ihrer biologischen Belastungsgrenze. Die industrielle Fischerei, insbesondere das zerstörerische Grundschleppnetzfischen, richtet ökologischen und klimatischen Schaden an. Sie verwüstet Meeresböden, zerstört Lebensräume und setzt gebundenen Kohlenstoff aus Sedimenten frei – ein gefährlicher aber bislang weitgehend unterschätzter Klimafaktor.

    Konkret heißt das für uns: Wenn wir nachhaltige Fischerei nicht systematisch fördern, verlieren wir nicht nur Artenvielfalt, sondern auch eine essenzielle Proteinquelle für Milliarden Menschen. Besonders Küstengesellschaften im globalen Süden sind auf Fisch als Hauptnahrungsquelle angewiesen. Ihre Ernährungssicherheit hängt unmittelbar vom Erhalt gesunder Bestände ab.

    UNOC3: Eine Konferenz – viele Erwartungen

    Die dritte UN-Ozeankonferenz in Nizza ist ein geopolitischer Lackmustest. Entscheidend wird sein, ob diplomatische Rhetorik in konkrete Maßnahmen übersetzt wird. Drei Punkte stehen besonders im Fokus:

    1. Ratifikation des BBNJ-Abkommens („Biodiversity Beyond National Jurisdiction“): Dieses historische Abkommen soll ermöglichen, auch außerhalb nationaler Gewässer Meeresschutzgebiete auszuweisen. Es geht um über zwei Drittel der Weltmeere – eine Rechtslücke von globaler Tragweite.
    2. Implementierung des WTO-Abkommens über Fischereisubventionen: Staatliche Unterstützung für illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei muss beendet werden. Nur so kann Marktverzerrung verhindert und nachhaltige Fischerei belohnt werden.
    3. Förderung einer nachhaltigen blauen Wirtschaft: Küsten- und Inselstaaten benötigen wirtschaftliche Perspektiven, die Meeresnutzung und -schutz miteinander vereinen. Dies erfordert Technologietransfer, Finanzierung und partizipative Governance.

    Klimagerechtigkeit beginnt am Meeresgrund

    Der Klimawandel ist kein Gleichmacher – im Gegenteil: Er verschärft globale Ungleichheiten. Kleine Inselstaaten, indigene Gemeinschaften und Küstenregionen sind überproportional betroffen. Viele dieser Regionen tragen am wenigsten zur globalen Erwärmung bei, leiden aber am stärksten unter deren Folgen – sei es durch steigende Meeresspiegel, Verlust von Fischgründen oder zerstörerische Stürme.

    Die Attributionswissenschaft kann diese Ungleichheiten sichtbar machen. Sie quantifiziert, wie sich Extremereignisse durch den Klimawandel verändert haben – und wo präventive Anpassung dringend notwendig ist. Das ist keine theoretische Diskussion mehr – wir sehen die Auswirkungen bereits heute.

    Schlussfolgerung: Es geht um alles

    Ozeane sind kein Randthema der Klimapolitik – sie sind ihr Herzstück. Ihr Zustand entscheidet über das globale Gleichgewicht, unsere Ernährungssicherheit, das Klima und die biologische Vielfalt. Die UNOC3 ist eine Chance, diesen Zusammenhang endlich ernst zu nehmen.

    Doch ein Konferenzschlussdokument allein wird die Meere nicht retten. Was es braucht, ist ein globaler Bewusstseinswandel: weg vom Extraktivismus, hin zu regenerativen Systemen. Weg von nationalen Egoismen, hin zu planetarer Verantwortung.

    Die gute Nachricht: Die Lösungen sind bekannt. Es liegt an uns, sie umzusetzen – mit wissenschaftlicher Klarheit, politischem Willen und gesellschaftlicher Solidarität.

    Von E.S.

  • Die mysteriöse Verknappung des Taschenkrebses: Rätsel in den französischen Gewässern

    Die mysteriöse Verknappung des Taschenkrebses: Rätsel in den französischen Gewässern

    In den letzten Jahren haben französische Fischer, die einst mit randvollen Körben heimkehrten, zunehmend leere Netze. Seit 2018 hat sich die Menge der gefangenen Taschenkrebse dramatisch verringert – die Fänge sind auf ein Viertel der früheren Erträge gesunken. Was ist passiert? Diese Frage beschäftigt sowohl die Fischer als auch die Wissenschaft, und bislang gibt es keine eindeutige Antwort.

    Ein unerwarteter Rückgang

    Gérard Thomine, ein erfahrener Fischer aus Cherbourg, kennt die Situation nur zu gut. Wenn er heute mit seinem Boot in die Gewässer der Normandie aufbricht, ist seine Hoffnung auf eine ertragreiche Ausbeute gering. Früher waren seine Körbe voll mit den begehrten Krustentieren, doch seit 2018 ist alles anders. „Es ist ein Schock, wie wenig wir fangen“, sagt Thomine, der sich diese drastische Veränderung nicht erklären kann. Für ihn und seine Kollegen ist die Lage prekär – die Taschenkrebs-Population scheint auf mysteriöse Weise zu schrumpfen, und das ohne ersichtlichen Grund.

    Ein wissenschaftliches Rätsel

    Woran könnte es liegen? Die Fangquoten und Regulierungen, die ohnehin schon streng sind, scheinen keine Rolle zu spielen. Fischer halten sich genau an die Vorschriften, doch die Krebse bleiben aus. Möglicherweise stecken Parasiten oder Krankheiten hinter dem Phänomen. Auffällig ist, dass die wenigen gefangenen Exemplare oft nicht gesund wirken. „Sie haben keine schöne Farbe, sind mit Flecken übersät“, beschreibt Thomine die auffällige Veränderung der Krebse. Dieser Zustand hat die Aufmerksamkeit der Wissenschaft geweckt.

    Forscher des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer haben eine Untersuchung eingeleitet, um den Ursachen dieser rätselhaften Entwicklung auf den Grund zu gehen. Ihre erste Hypothese: Der Klimawandel könnte eine entscheidende Rolle spielen. Die sich verändernden Wassertemperaturen und die Verschiebung von Meeresströmungen könnten den Lebensraum der Taschenkrebse beeinträchtigen und sie in andere, kühlere Regionen verdrängen. Doch bislang fehlen handfeste Beweise für diese Theorie.

    Norwegen: Ein sicherer Hafen für Taschenkrebse?

    Während die französischen Fischer von dieser Krise hart getroffen werden, scheint ein Land noch verschont zu bleiben: Norwegen. Die norwegischen Gewässer haben bisher keine Anzeichen eines Rückgangs der Krebsbestände gezeigt. Das weckt die Frage: Was läuft dort anders? Liegt es an den klimatischen Bedingungen, den Umweltvorschriften oder schlicht am Glück? Noch ist unklar, warum die Taschenkrebse in Norwegen weiter gedeihen, während sie in Frankreich zunehmend rar werden.

    Die Unsicherheit der Fischer

    Für Fischer wie Thomine ist diese Situation ein Dilemma. Der Taschenkrebs, einst eine verlässliche Einkommensquelle, ist heute ein seltener Fang. Viele Fischer in der Region teilen seine Frustration. „Die Fischer sind ratlos“, sagt er, „wir halten uns an alle Vorschriften, aber die Krebse bleiben aus.“ Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Phänomens sind bereits spürbar. Für viele Fischer könnte es existenzbedrohend werden, wenn sich die Bestände nicht bald erholen.

    Die Frage ist: Was kann getan werden? Während die Wissenschaftler fieberhaft nach Antworten suchen, müssen die Fischer improvisieren. Einige haben bereits begonnen, auf andere Fangmethoden und Meeresfrüchte auszuweichen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Doch der Verlust des Taschenkrebses trifft die Region hart – sowohl ökonomisch als auch kulturell. Schließlich war der Taschenkrebs in diesen Gewässern lange Zeit eine wichtige Ressource.

    Hoffnung in der Forschung

    Die Untersuchung von Ifremer könnte in den kommenden Monaten neue Erkenntnisse bringen. Sollten sich Umweltveränderungen als Ursache herausstellen, wird es jedoch nicht einfach sein, eine schnelle Lösung zu finden. Klimatische Veränderungen sind schwer rückgängig zu machen, und die Wiederherstellung eines gesunden Ökosystems erfordert Zeit – Zeit, die viele Fischer vielleicht nicht haben.

    Doch vielleicht gibt es Hoffnung. Die Wissenschaftler untersuchen nicht nur klimatische Faktoren, sondern auch mögliche Krankheiten oder Parasiten, die die Krebspopulation geschwächt haben könnten. Sollte ein pathologischer Auslöser entdeckt werden, könnten gezielte Maßnahmen, wie beispielsweise Schutzgebiete oder die Einführung von Fangbeschränkungen, dazu beitragen, die Bestände zu regenerieren.

    Wie geht es weiter?

    Für Fischer wie Gérard Thomine bleibt die Zukunft ungewiss. Werden die Taschenkrebse eines Tages in die französischen Gewässer zurückkehren, oder müssen sich die Fischer dauerhaft auf andere Einnahmequellen verlassen? Diese Frage bleibt offen. Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass die Wissenschaft eine Antwort auf das mysteriöse Verschwinden der Krebse findet – und dass die Fischer bald wieder mit vollen Körben zurückkehren können.

    Es ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit – und das Meer gibt seine Geheimnisse nur langsam preis.

  • Vendée: Der Kampf der Aale ums Überleben

    Vendée: Der Kampf der Aale ums Überleben

    In der malerischen Region Vendée, wo das Rauschen der Wellen und das Zirpen der Grillen den Alltag prägen, war das Fangen von Aalen lange Tradition. Doch seit 2023 herrscht dort Funkstille in den Aalreusen – die Aalfischerei wurde verboten. Ein Tier, das einst in den 1980er Jahren so selbstverständlich auf den Tellern landete, ist heute fast verschwunden. Die Ursache? Eine Mischung aus unersättlichem Konsum und menschengemachten Hindernissen.

    Eine Delikatesse verschwindet

    Die Küsten der Vendée waren einst bekannt für ihre reichhaltigen Aalbestände. Jean, ein alter Fischer aus der Region, erinnert sich gut an die Zeiten, als Aale in den Netzen noch so zahlreich waren, dass man sie kaum zählen konnte. „Der Aal ist ein köstlicher Fisch, aber jetzt nimmt man uns das letzte bisschen Genuss“, sagt er mit schwerem Herzen. Für ihn und viele andere bedeutet das Verbot einen herben Verlust – nicht nur kulinarisch, sondern auch kulturell.

    Doch Jean weiß auch, dass das Verbot nicht grundlos erlassen wurde. Die Aalbestände sind so stark zurückgegangen, dass sie nun vom Aussterben bedroht sind. Doch was hat den Aal, einst eine der Hauptattraktionen der Flüsse und Küstengewässer, an diesen Punkt gebracht?

    Gefährliche Hindernisse auf dem Weg nach Hause

    Die Gefahren für den Aal sind vielfältig. Neben der Überfischung spielen auch Umweltverschmutzung und Parasiten eine Rolle. Besonders gravierend sind jedoch die zahlreichen Barrikaden in Form von Staudämmen, die den Aalen den Weg zu ihren Laichplätzen versperren. Diese Tiere, die unglaubliche Strecken zurücklegen, um sich fortzupflanzen, stehen nun vor schier unüberwindbaren Hürden.

    Ein Beispiel dafür findet sich in den Sümpfen der Vendée, 15 Kilometer flussaufwärts. Dort versuchen zwei engagierte Fischer, den wenigen Aalen, die es bis hierher schaffen, zu helfen. Sie haben Rampen installiert, die es den Fischen ermöglichen sollen, die steilen Abschnitte zu überwinden. Ohne diese Hilfe wären die Aale chancenlos. Man stelle sich das einmal vor: Ein Fisch, der normalerweise durch das Wasser gleitet, muss jetzt klettern, um zu überleben.

    Ein Kampf, der noch nicht verloren ist

    Doch es gibt Hoffnung. Projekte wie das der beiden Fischer zeigen, dass es noch nicht zu spät ist. Sie setzen sich dafür ein, dass die Flüsse wieder durchlässiger werden und die Aale ihre alten Wanderwege zurückerobern können. Doch dies ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Die Herausforderungen sind groß, aber nicht unüberwindbar. Ein rigoroser Schutz der Bestände, der Rückbau von Staudämmen und eine bessere Kontrolle der Wasserqualität könnten den Aalpopulationen eine neue Chance geben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen das Vergessen.

    Was bleibt also? Vielleicht die Erkenntnis, dass wir unseren Umgang mit der Natur überdenken müssen. Der Aal ist mehr als nur ein Fisch auf dem Teller – er ist Teil eines komplexen Ökosystems, das ohne ihn aus dem Gleichgewicht gerät. Wenn wir weiterhin so sorglos mit unseren Ressourcen umgehen, werden wir am Ende nicht nur den Aal verlieren, sondern auch ein Stück der eigenen Identität.

    Jean und die anderen Fischer der Vendée geben nicht auf. Mit jedem Aal, den sie retten, setzen sie ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es möglich ist, das Blatt zu wenden – wenn man nur bereit ist, den nötigen Einsatz zu zeigen.

  • Bretagne: Europas größter Fisch-Trawler im Visier von Umwelt-NGOs und Fischern

    Bretagne: Europas größter Fisch-Trawler im Visier von Umwelt-NGOs und Fischern

    In Saint-Malo (Departement Ille-et-Vilaine) hat die örtliche Fischereigesellschaft kürzlich angekündigt, ein Fabrikschiff zu betreiben, das täglich 400.000 Kilogramm Fisch fangen und verarbeiten kann. „Eine Hölle auf See“, so Umweltverbände und Fischer.

    Der größte Trawler Europas kann alle 24 Stunden 400.000 Kilogramm Fisch fangen und verarbeiten. Die Fischereigesellschaft von Saint-Malo (Departement Ille-et-Vilaine) hat angekündigt, dass sie das Fabrikschiff „Annelies Ilena“ für 15 Millionen Euro kaufen und anschließend betreiben wird. Eine Ankündigung, die Umweltverbände und Fischer, die den Trawler als „Hölle auf See“ bezeichnen, empört.

    100 Tonnen in drei Tagen gegenüber 40 Tonnen in einem Jahr.
    Während die kleinen Trawler unter den Fangquoten ächzen, die ihnen auferlegt werden, um die Meeresfauna zu schützen, hält Quentin Yannet, Reeder in Port-en-Bessin-Huppain (Calvados), diese Ankündigung für inakzeptabel. „Das ist ein Boot, das Makrelen fischt. Und es wird vielleicht 100 Tonnen in drei Tagen fangen, während ich 40 Tonnen im Jahr fange“, erklärt der Fischer auf dem Sender France 2.

  • Frankreich ist noch weit von einer 100% nachhaltigen Fischerei entfernt

    Frankreich ist noch weit von einer 100% nachhaltigen Fischerei entfernt

    Laut einem Bericht des Instituts für das Meer, Ifremer, stagniert die Fischpopulation an den französischen Küsten etwa seit fünf Jahren. Der Bericht stellt fest, dass Frankreich noch weit von dem Ziel einer 100% nachhaltigen Fischerei entfernt sind.

    Nach einer deutlichen Verbesserung im Vergleich zu den 2000er Jahren ist der Fischbestand vor den französischen Küsten in recht gutem Zustand und pendelt laut einem Bericht des Meeresinstituts Ifremer rund um die 50 %-Marke. Bei Arten, die sich in gutem Zustand befinden oder sich weiter erholen, wie etwa Jakobsmuscheln, Seehecht und Roter Thunfisch im atlantischen Mittelmeer, liegt der Bestand derzeit bei 51 %.

    Ein Viertel der Arten befindet sich jedoch immer noch in der roten Zone, einem drohenden Zusammenbruch der Population wegen Überfischung. Insgesamt ist es eine leichte Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr. Die Sardine zum Beispiel ist von der Kategorie „kollabiert“ in die Kategorie „überfischt“ aufgestiegen. Zwei Arten befinden sich jedoch weiterhin in die Kategorie „kollabiert“: Nämlich der um Kabeljau in der Nordsee und der Keltischen See und der Seehecht im Golf von Lion.

    Das Ziel „100 % nachhaltige Fischerei“ wurde noch längst nicht erreicht, erklärt Alain Biseau, Fischereibiologe am Institut Ifremer. „Wir sind noch weit von den 100 % entfernt, die wir anstreben. Das war das Ziel für 2020, aber wir haben es nicht erreicht. Man erkennt, dass die Stagnation, zumindest der angelandeten Mengen, ein wenig die Vorstellung konterkariert, dass man dieses Ziel in naher Zukunft erreichen kann.“ In Frankreich werden täglich 300 Fischarten von den Fangschiffen angelandet.

    Netzfischerei zerstört den Meeresboden.
    Das Institut Ifremer hat auch die Auswirkungen der riesigen Fischernetze untersucht, die den Meeresboden durchpflügen. Derzeit macht diese Art des Fischfangs 28 % der Fischereiaktivitäten und etwa ein Drittel der Menge der gefangenen Fische aus. Diese riesigen Fanggeräte schaben den Meeresboden regelrecht ab und zerstören oder beschädigen so die Lebensräume von Krebsen, Seesternen und Seeigeln. Diese Tire haben aber einen wichtigen Platz im Gleichgewicht des Meeres.

    Schließlich heißt es in dem Ifremer-Bericht, dass die bisherigen Meeresschutzgebiete, Frankreichs bevorzugtes Instrument zum Schutz von Ökosystemen, leider keine signifikanten Auswirkungen haben. „Diese Gebiete spielen beim Schutz der Meeresböden nur eine marginale Rolle. Nur ein Prozent dieser Meeresgebiete hat starke Schutzvorschriften.“ Ifremer plädiert für neue Überlegungen und Entscheidungen bei dem heiklen Thema der Fangmethoden.

  • Biodiversität: Ab dem 2. Mai beginnt die Überfischung vor den Küsten Frankreichs

    Biodiversität: Ab dem 2. Mai beginnt die Überfischung vor den Küsten Frankreichs

    Der Tag der „Überschreitung“ für einheimische Fische kommt immer früher.

    Wenn man in Frankreich nur Fisch kaufen würde, der vor Ort an den Küsten des Landes gefangen wurde, wären die Regale ab Montag, dem 2. Mai, leer. Trotz seiner großen Meeresküste importiert Frankreich zwei Drittel seiner Meeresfrüchte aus anderen Teilen der Welt. Auf ein Jahr umgerechnet bedeutet dieses Verhältnis, dass die Franzosen bereits alles verbraucht haben, was an ihren Küsten gefangen wurde: Daran erinnert das Aquaculture tewardship council (ASC), eine internationale NGO, die sich für die Förderung einer nachhaltigen Aquakultur einsetzt.

    Die Franzosen verzehren pro Kopf 33,5 kg Fisch und Schalentiere pro Jahr. Mit einer Vorliebe für Lachs, Thunfisch und Garnelen, die man nicht unbedingt in lokalen Fischgründen findet. Bemerkenswert ist, dass dieser „Tag der Überschreitung“ für heimischen Fisch immer früher eintritt: Er kommt diese Jahr drei Wochen früher als vor zehn Jahren.

    Frankreich gehört zu den Top 5 der größten europäischen Verbraucher von Meeresfrüchten, hinter Portugal, Spanien, Malta und Luxemburg. Der Begriff „zu viel“ hängt von der Art des Fischs ab, der gekauft wird. Franzosen essen zum Beispiel zu viel Seehecht aus dem Mittelmeer, Kabeljau aus der Nordsee oder Sardinen aus der Biskaya, so die letzte Bilanz des französischen Forschungsinstituts für die Ausbeutung des Meeres, Ifremer. Aber dank der Quoten hat es Fortschritte gegeben, denn 60% der in Frankreich gefangenen Fische stammen aus Populationen, deren Bestände in gutem Zustand sind. Das ist viel besser als vor 20 Jahren.

    Das andere grosse Problem ist, dass die Europäische Union insgesamt gesehen mehr als die Hälfte der Fische, die sie konsumiert, aus Asien, Afrika und anderen Entwicklungsländern bezieht, Ländern, in denen das Überleben der meisten lokalen Gemeinschaften vom Fischfang abhängt.

    Die Entwicklung der Aquakultur könnte der richtige Weg sein, um die natürlichen Ressourcen zu schonen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen setzt auf Zuchtfarmen, um den Bedarf der Weltbevölkerung zu decken, da ein Drittel der weltweiten Wildfischbestände bereits überfischt sind und kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Das ist dreimal so viel wie vor 50 Jahren, und der Verbrauch steigt weiter.

    Die Zucht (Aquakultur) erscheint daher als eine Möglichkeit, die es zu entwickeln gilt, wobei unbedingt darauf geachtet werden muss, dass keine Umweltverschmutzung entsteht. Heute stammt die Hälfte der weltweit verzehrten Fische und Schalentiere aus einer Zucht.