Schlagwort: Tourismuspolitik

  • Zwischen Glanz und Gegenwind: Bordeaux und das stille Geschäft der Kreuzfahrer

    Zwischen Glanz und Gegenwind: Bordeaux und das stille Geschäft der Kreuzfahrer

    Wer an einem milden Morgen entlang der Garonne spaziert, sieht sie schon von Weitem. Diese gewaltigen Körper aus Stahl und Glas, die sich langsam den Fluss hinaufschieben, fast ehrfürchtig, als wüssten sie um die Eleganz der Stadt, in die sie hineingleiten. Bordeaux empfängt sie nicht mit Hafenkränen und Industriecharme, sondern mit klassizistischen Fassaden, goldenen Steinen und einem Selbstbewusstsein, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Ein Schiff legt an – und plötzlich pulsiert die Stadt ein wenig schneller.

    Es sind diese Stunden, die den Kern der Debatte ausmachen.

    Denn Bordeaux erlebt mit den Kreuzfahrtschiffen eine Art doppeltes Narrativ. Auf der einen Seite steht die fast schon romantische Vorstellung eines wirtschaftlichen Segens: internationale Gäste, zahlungskräftig, neugierig, bereit, sich treiben zu lassen zwischen Boutiquen, Weinbars und kleinen Delikatessläden. Auf der anderen Seite taucht eine nüchterne Perspektive auf, die Zahlen sortiert, Relationen herstellt und fragt: Wie groß ist dieser Segen wirklich?

    Und irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit – wie so oft.

    Die nackten Zahlen erzählen zunächst eine klare Geschichte. Kreuzfahrtschiffe gehören längst zum festen Bestandteil des Bordelaiser Stadtbildes. Jahr für Jahr erreichen Dutzende von ihnen die Stadt, begleitet von einer beachtlichen Zahl an Passagieren, die für wenige Stunden oder Tage Teil des urbanen Lebens werden. Hinzu kommen die Flusskreuzfahrten, die das Bild ergänzen und den Eindruck verstärken: Der Tourismus auf dem Wasser ist kein Randphänomen. Er prägt die Stadt, leise, aber spürbar.

    Doch Zahlen allein sagen wenig über das, was wirklich zählt.

    Was bedeutet es, wenn mehrere zehntausend Menschen ankommen, sich verteilen, konsumieren – und wieder verschwinden? Ist das bloß ein Tropfen auf den heißen Stein einer ohnehin florierenden Tourismusindustrie oder doch ein unterschätzter Motor? Wer durch die Gassen nahe der Anlegestellen schlendert, bekommt schnell eine Ahnung davon, wie konkret dieser Effekt wirkt.

    Ein Café füllt sich schneller als gewöhnlich.
    Ein Weinladen verkauft mehr Flaschen als an einem durchschnittlichen Dienstag.
    Eine Boutique erlebt plötzlich einen kleinen Ansturm.

    Und man denkt sich: Na klar, das macht schon was aus.

    Die eigentliche Besonderheit liegt jedoch nicht in der bloßen Anwesenheit dieser Gäste, sondern in ihrer Bewegung – oder besser gesagt: in ihrer kurzen, intensiven Spur durch die Stadt. Kreuzfahrttouristen kommen nicht langsam, sie tauchen auf. Sie haben Zeit, aber nicht unendlich viel davon. Sie sind offen für Eindrücke, aber nicht für lange Wege. Genau hier entfaltet Bordeaux seine stille Stärke.

    Die Stadt zwingt niemanden, sich anzustrengen.

    Man steigt vom Schiff – und steht mitten im Geschehen. Keine Busfahrten ins Zentrum, kein mühsames Suchen nach Orientierung. Stattdessen: ein paar Schritte, und schon öffnen sich die Türen zu Weinhandlungen, Restaurants, Museen. Diese unmittelbare Nähe wirkt wie ein unsichtbarer Verstärker für Konsum. Wer sich nicht erst überwinden muss, gibt leichter Geld aus.

    Ist es nicht genau das, wovon viele Städte träumen?

    Diese fast nahtlose Verbindung zwischen Ankunft und Erlebnis macht Bordeaux zu einer Ausnahmeerscheinung unter den Kreuzfahrtzielen. Während andere Städte ihre Besucher erst transportieren müssen, liefert Bordeaux ihnen das Zentrum auf dem Silbertablett. Das Ergebnis zeigt sich nicht nur in der Zufriedenheit der Gäste, sondern auch in ihrem Verhalten. Ein Großteil von ihnen kauft tatsächlich ein, oft spontan, manchmal großzügig.

    Es ist eine Form von Tourismus, die auf Verdichtung setzt.

    Keine langen Aufenthalte, keine tiefgehende Erkundung – dafür ein konzentriertes Erlebnis, das sich in wenigen Stunden entfaltet. Ein bisschen wie ein intensiver Espresso statt einer ausgedehnten Mahlzeit. Kurz, kräftig, wirkungsvoll.

    Für viele Händler bedeutet das eine Art kalkulierbarer Glücksfall.

    Denn diese Kundschaft bringt etwas mit, das im Alltag selten geworden ist: Entschlossenheit. Wer nur begrenzte Zeit hat, zögert weniger. Entscheidungen fallen schneller, Käufe wirken impulsiver. Dazu kommt ein gewisser Enthusiasmus – schließlich befindet man sich auf Reise, in einer Stadt, die für Genuss steht.

    „Wenn sie kommen, dann läuft’s“, hört man hinter vorgehaltener Hand.

    Doch genau hier beginnt die Differenzierung.

    Denn so spürbar dieser Effekt für einzelne Geschäfte ist, so relativ bleibt er im großen Ganzen. Bordeaux lebt nicht von Kreuzfahrten. Die Stadt hat sich längst breiter aufgestellt, mit einem starken Geschäftstourismus, einer wachsenden internationalen Strahlkraft und einer kontinuierlichen kulturellen Dynamik. Die Einnahmen aus dem Kreuzfahrtsegment wirken im Vergleich eher wie ein Zusatzkapitel – interessant, aber nicht dominant.

    Oder anders gesagt: ein Bonus, kein Fundament.

    Und trotzdem – ganz ehrlich – will man auf diesen Bonus nicht verzichten.

    Denn er bringt nicht nur Geld, sondern auch Sichtbarkeit. Jeder Kreuzfahrttourist trägt ein Bild von Bordeaux in die Welt hinaus. Ein Foto von der Place de la Bourse, ein Glas Wein am Ufer, ein kurzer Moment des Staunens. Diese Eindrücke multiplizieren sich, wandern durch soziale Netzwerke, setzen sich fest in den Köpfen.

    Ist das nicht fast unbezahlbar?

    Natürlich hat diese Form des Tourismus auch ihre Schattenseiten. Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie die Kreuzfahrt. Umweltfragen stehen im Raum, ebenso wie die Wirkung auf das Stadtbild und das Leben der Bewohner. Ein großes Schiff am Kai wirkt für manche wie ein Fremdkörper, ein Symbol für eine Art von Tourismus, die nicht mehr in die Zeit passt.

    Andere sehen darin schlicht einen Teil der Realität.

    Die Diskussion entzündet sich besonders an der Frage des Standorts. Sollten die Schiffe weiterhin so zentral anlegen dürfen? Oder wäre es sinnvoller, sie weiter außerhalb zu empfangen, um Belastungen zu reduzieren? Die Antwort darauf fällt alles andere als einfach aus.

    Denn sie berührt den Kern dessen, was Bordeaux sein möchte.

    Eine offene, zugängliche Stadt, die Besucher willkommen heißt – oder ein Ort, der stärker reguliert, kontrolliert, vielleicht auch schützt? Die Entscheidung darüber wirkt wie ein Balanceakt auf einem schmalen Grat. Verlegt man die Anlegestellen, sinkt vermutlich die wirtschaftliche Wirkung. Bleibt alles beim Alten, bleiben auch die Kritikpunkte bestehen.

    Ein klassisches Dilemma.

    Und eines, das sich nicht mit einfachen Lösungen auflösen lässt. Die Stadt steht vor der Herausforderung, ihre Identität zu bewahren und gleichzeitig wirtschaftliche Chancen zu nutzen. Dabei geht es weniger um ein Entweder-oder als um ein kluges Austarieren.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke von Bordeaux.

    Nicht im maximalen Wachstum, nicht im schnellen Profit, sondern in der Fähigkeit, Maß zu halten. Die Kreuzfahrtschiffe sind Teil dieses Gefüges, aber sie dominieren es nicht. Sie ergänzen, sie verstärken, sie setzen Akzente – mehr nicht.

    Und vielleicht reicht das auch.

    Denn die wahre Qualität dieser Form des Tourismus zeigt sich nicht in schwindelerregenden Summen, sondern in ihrer Präzision. Sie wirkt punktuell, gezielt, fast chirurgisch. Ein Schiff kommt, hinterlässt wirtschaftliche Impulse – und verschwindet wieder. Keine Überlastung der Infrastruktur, keine dauerhafte Beanspruchung von Wohnraum.

    Ein kurzer Besuch mit nachhaltiger Wirkung.

    Natürlich bleibt die Frage, wie sich dieses Modell in Zukunft entwickelt. Wird der Druck steigen, die Kreuzfahrten stärker zu regulieren? Wird die Nachfrage wachsen oder sich verändern? Niemand kennt die Antworten mit Sicherheit. Doch eines zeichnet sich bereits ab: Die Debatte wird bleiben.

    Und das ist vielleicht auch gut so.

    Denn sie zwingt die Stadt, sich immer wieder neu zu verorten. Zwischen Offenheit und Begrenzung, zwischen wirtschaftlichem Nutzen und urbaner Lebensqualität. Die Kreuzfahrtschiffe sind dabei weniger Ursache als vielmehr Katalysator einer größeren Diskussion.

    Am Ende geht es um mehr als nur Tourismus.

    Es geht um das Selbstverständnis einer Stadt, die gelernt hat, mit ihrer Schönheit zu wirtschaften, ohne sich ihr völlig zu unterwerfen. Bordeaux spielt dieses Spiel mit einer gewissen Eleganz, manchmal auch mit einem Augenzwinkern. Die Kreuzfahrttouristen passen in dieses Bild – solange sie nicht das Drehbuch bestimmen.

    Und genau darin liegt die eigentliche Kunst.

    Nicht jede Einnahme ist gleich viel wert. Nicht jeder Besucher hinterlässt denselben Eindruck. Die Kreuzfahrttouristen bringen Geld, ja. Sie bringen Aufmerksamkeit, zweifellos. Aber sie bringen auch Fragen mit sich, die sich nicht so leicht beantworten lassen.

    Vielleicht ist das der wahre Preis dieses „Goldes“.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Lille kassiert kräftig bei der Touristensteuer – und investiert sie klug

    Lille kassiert kräftig bei der Touristensteuer – und investiert sie klug

    Wer nach Lille reist, zahlt nicht nur für Hotel, Airbnb oder Campingplatz. Im Preis steckt auch ein kleiner Beitrag, der unscheinbar wirkt, aber große Wirkung entfaltet: die taxe de séjour, die französische Touristensteuer (in Deutschland auch als Kurtaxe bekannt). In der nordfranzösischen Metropole ist sie längst mehr als nur eine Nebeneinnahme – sie ist ein echter Finanzmotor.


    Ein Einnahmerekord für die Metropole

    2024 hat die Métropole Européenne de Lille (MEL) satte 7,5 Millionen Euro durch die Touristensteuer eingenommen. Ein Plus von 1,1 Millionen im Vergleich zum Vorjahr. Klingt trocken, ist aber ein klares Zeichen: Der Tourismus boomt, und die Stadt versteht es, ihr System effizient zu managen.

    Das Geld fließt nicht ins Leere. Es landet dort, wo Besucherinnen und Besucher es direkt spüren – in Kultur, Events und touristische Infrastruktur.


    Preise, die den Unterschied machen

    Nicht jede Unterkunft zahlt gleich viel. Die Steuer ist fein abgestuft:

    • Drei- bis Fünf-Sterne-Hotels: 1,76 € pro Person und Nacht
    • Chambres d’hôtes: 0,88 €
    • Kurzzeitvermietungen à la Airbnb: 5,5 % vom Übernachtungspreis, gedeckelt bei 5,06 €
    • Drei-Sterne-Campingplätze: 0,66 €

    So tragen alle Arten von Gastgebern ihren Teil bei. Ob Luxushotel oder Zeltplatz – niemand wird überproportional belastet, und die Finanzierung bleibt fair verteilt.


    Airbnb als Schwergewicht

    Die Bedeutung von Plattformen wie Airbnb ist in Lille kaum zu übersehen. Schon 2023 überwies das Unternehmen allein in den Hauts-de-France 4,8 Millionen Euro an Touristensteuer. Ein ordentlicher Brocken davon landete in der Kasse von Lille.

    Damit wird klar: Die Sharing-Economy ist längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein zentraler Player im Tourismus-Geschäft. Gleichzeitig wächst der Druck, Regeln zu schaffen, die den Markt in Balance halten. Denn wo kurzfristige Vermietungen zunehmen, geraten klassische Hotels ins Schwitzen – und Nachbarschaften auch.


    Was mit dem Geld passiert

    Und wohin fließt all das? 2024 lag der Etat der MEL für Kultur und Tourismus bei 40,6 Millionen Euro. Die taxe de séjour war dabei ein festes Standbein.

    Finanziert werden damit Tourismusbüros, Festivals, Stadtfeste und der Ausbau der Besucherinfrastruktur. Kurzum: all das, was eine Stadt für Reisende lebendig und attraktiv macht. Wer in Lille also ein Bier auf dem Place du Général-de-Gaulle genießt oder durch ein Kulturfestival schlendert, profitiert indirekt von dieser Abgabe.


    Zwischen Boom und Balance

    Die Kehrseite? Mehr Tourismus bedeutet auch mehr Belastung für Einheimische. Höhere Mieten, belebte Altstädte, steigender Druck auf den Wohnungsmarkt. Gerade die Kurzzeitvermietungen sind ein Dauerstreitthema.

    Die Steuer selbst wirkt hier wie ein kleines Korrektiv – sie zwingt auch Plattformanbieter, etwas zurückzugeben. Doch reicht das? Oder müsste man noch stärker eingreifen, um die Balance zwischen Lebensqualität für Bewohner und Wachstum im Tourismus zu sichern?


    Ein kleines Geld, das Großes bewegt

    Die Touristensteuer ist in Lille kein nebensächlicher Posten mehr, sondern eine Art stille Mitfinanziererin des urbanen Lebensgefühls. Besucher zahlen ein paar Euro extra – und ermöglichen damit Festivals, Museen und Begegnungsorte, die wiederum Touristen anlocken. Ein Kreislauf, der funktioniert, solange er fair und transparent bleibt.

    Denn nur wenn Gäste das Gefühl haben, dass ihr Beitrag sinnvoll eingesetzt wird, und Einheimische merken, dass die Einnahmen auch ihrer Stadt guttun, bleibt diese Art von Finanzierung ein Erfolgsmodell.

    Von C. Hatty

  • Annecy am Limit: Wie das „Venedig der Alpen“ unter seinem eigenen Ruhm leidet

    Annecy am Limit: Wie das „Venedig der Alpen“ unter seinem eigenen Ruhm leidet

    Zartes Glockenläuten mischt sich mit dem Klackern unzähliger Rollkoffer. Duft von Crêpes schwebt über den Kopfsteinpflastergassen. Die Sonne glitzert auf den Kanälen, durch die sich Tretboote und Selfiesticks gleichermaßen drängen. Willkommen in Annecy – dem Postkartenidyll, das so schön ist, dass es fast daran zerbricht.

    Denn was einst als Geheimtipp zwischen See und Alpen galt, ist heute Hotspot des europäischen Tourismus. Und das mit allen Nebenwirkungen.

    Wenn die Idylle zur Belastung wird

    Drei Millionen Besucher jährlich, fünf Millionen Übernachtungen – Zahlen, die nach Erfolg klingen. Doch Erfolg hat in Annecy seinen Preis. Die Altstadt, ein labyrinthischer Traum aus bunten Fassaden und Wasserläufen, wird im Sommer zur Bühne eines Massenspektakels: Menschentrauben, Staus aus Kinderwagen, Restaurants im Dauerbetrieb. Für die einen ein Ferienparadies, für die anderen: Alltagshölle.

    Viele Einheimische berichten, dass sich ihr Leben in ein Slalomrennen verwandelt hat – zwischen Touristenströmen, Lärm, Müll und steigenden Mieten. Wer einfach nur einkaufen möchte, muss sich durch Fotospots und Straßencafés kämpfen. Das hat nichts mehr mit Urlaubsfreude zu tun – das ist urbane Überforderung.

    Der Widerstand formiert sich

    Still hinnehmen? Nicht in Annecy. Die ARVVA – die „Association des résidents de la vieille ville d’Annecy“ – lässt sich nicht länger wegdrücken wie eine unerwünschte Baustellenumleitung. Mit Protestaktionen, Transparenten über den Brücken und sogar Klagen gegen die Stadtpolitik machen die Bewohner ihrem Frust Luft. Besonders die Ausweitung von Restaurantterrassen ist ihnen ein Dorn im Auge.

    Und es bleibt nicht beim Altstadtkern. Auch höher gelegene Orte wie der Col de la Forclaz schlagen Alarm: Von Balkonen fotografierende Besucher, überfüllte Parkplätze, Lärm bis tief in die Nacht – der Rückzugsraum schrumpft auch dort, wo einst Stille herrschte.

    Lärmradar und Quotenregelung – die Stadt reagiert

    Die Stadtverwaltung versucht zu handeln – aber trifft nicht immer ins Schwarze. Pädagogische Lärmradare im Zentrum sollen auf störende Geräuschkulissen aufmerksam machen. Doch viele Anwohner winken ab: gut gemeint, aber zahnlos gegen die Realität der Sommernächte.

    Etwas handfester erscheint der Vorstoß gegen die ausufernde Kurzzeitvermietung à la Airbnb. Durch neue Gesetze auf nationaler Ebene können Städte wie Annecy Obergrenzen für Ferienwohnungen festlegen. Die Kommune nutzt diesen Spielraum, um die Quote auf maximal zehn Prozent in der Altstadt zu begrenzen – und verbietet Schlüsselboxen auf öffentlichem Grund. Das Ziel: Wieder mehr Wohnraum für Dauerbewohner schaffen und das Stadtbild schützen.

    Balanceakt mit doppeltem Boden

    Doch wie findet man das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Nutzen und Lebensqualität? Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig, schafft Jobs und füllt die Stadtkasse. Gleichzeitig droht das soziale Gefüge zu kippen, wenn Einheimische verdrängt und ihre Bedürfnisse ignoriert werden.

    Die Lage in Annecy verdeutlicht ein Dilemma, das viele beliebte Destinationen kennen: Der eigene Erfolg wird zum Bumerang. Orte wie Dubrovnik, Venedig oder Barcelona kennen diese Spirale – und suchen nach Wegen, wie „weniger“ wieder „mehr“ sein kann.

    Ein Weckruf, kein Abgesang

    Annecy steht exemplarisch für eine Zeitenwende im Tourismus. Die Frage ist nicht mehr, wie viele Menschen eine Stadt verkraften kann – sondern wie eine Stadt ihre Seele bewahren möchte. Braucht es Eintrittsgebühren, Besucher-Obergrenzen, gezielte Dezentralisierung? Vielleicht. Sicher ist nur: Wer die Schönheit eines Ortes wirklich liebt, darf nicht zu ihrer Zerstörung beitragen.

    Das „Venise des Alpes“ will kein Freilichtmuseum werden. Aber will auch nicht untergehen in einer Flut aus Trolleys, Selfies und Lärm.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Mitten im Sommerloch hat Frankreichs Premierminister François Bayrou ein wirtschaftspolitisches Signal gesetzt: Beim interministeriellen Tourismusgipfel am 24. Juli 2025 in Angers verkündete er das Ziel, die internationalen Tourismuseinnahmen Frankreichs bis 2030 auf 100 Milliarden Euro zu steigern – ein ambitionierter Sprung gegenüber den 71 Milliarden Euro im Jahr 2024. Damit verfolgt die französische Regierung einen Strategiewechsel: weg von der reinen Besucherzahl, hin zu einem tourismuspolitischen Fokus auf Wertschöpfung und Qualität. Frankreich bleibt mit rund 100 Millionen ausländischen Besuchern im Jahr 2024 zwar weltweit führend, was die Ankünfte betrifft. Doch bei den Einnahmen rangiert das Land nur auf Platz vier – hinter den USA, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Dieses Missverhältnis hat strukturelle Ursachen: Im Schnitt bleiben die Touristinnen und Touristen in Frankreich kürzer und geben weniger aus als in den genannten Ländern. Eine neue Tourismusdoktrin Der von B…

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  • Urlaub ist kein Luxus – Warum Millionen Franzosen trotzdem auf Ferien verzichten müssen

    Urlaub ist kein Luxus – Warum Millionen Franzosen trotzdem auf Ferien verzichten müssen

    Wenn Frankreich im Sommer scheinbar geschlossen an die Küste zieht, täuscht der Eindruck: Während die Autoroutes überquellen und Strände belagert werden, bleibt für Millionen der Rückzug ins Ferienidyll eine Illusion. Fast 40 Prozent der Französinnen und Franzosen verreisen nicht – nicht aus freien stücken, sondern weil sie es sich nicht leisten können. Der Blick hinter das sommerliche Postkartenidyll offenbart eine soziale Kluft, die in Frankreich seit Jahrzehnten besteht und mit der wirtschaftlichen Unsicherheit vieler Haushalte verknüpft ist.

    Urlaub ist ungleich verteilt

    Die Zahlen des Crédoc, ausgewertet vom französischen Observatoire des inégalités, zeigen ein scheinbar stabiles Bild: Etwa 60 Prozent der Bevölkerung waren im vergangenen Jahr mindestens einmal im Urlaub. Doch die Statistik verbirgt strukturelle Unterschiede. Denn wer mit einem monatlichen Haushaltseinkommen über 2.755 Euro lebt, fährt in 76 Prozent der Fälle in die Ferien – bei den unterdurchschnittlich Verdienenden sind es nur 42 Prozent. Die unterste Einkommensgruppe bleibt zu knapp 60 Prozent zu Hause. Noch gravierender: Bei einem Nettoeinkommen über 2.500 Euro pro Person liegt die Urlaubsquote sogar bei 97 Prozent.

    Die Entscheidung, nicht zu verreisen, ist also selten freiwillig. Vielmehr verweist sie auf beschränkte Mittel, Unsicherheiten im Erwerbsleben oder strukturelle Benachteiligungen. Besonders betroffen sind Menschen mit Behinderung: Fast 40 Prozent von ihnen geben an, sich noch nicht mal eine einwöchige Auszeit leisten zu können – das sind beinahe doppelt so viele wie in der nicht-behinderten Bevölkerung. Hinzu kommen zusätzliche Barrieren wie fehlende barrierefreie Unterkünfte oder hohe Betreuungskosten.

    Vom Reisen ausgeschlossen – auch im Alter

    Auch bei den Rentnerinnen und Rentnern ist ein schleichender Rückgang der Reiseaktivität zu beobachten. Während Anfang der 2000er-Jahre noch über 84 Prozent dieser Gruppe verreisten, sind es heute nur noch 76 Prozent. Neben altersbedingten gesundheitlichen Einschränkungen spielen wirtschaftliche Gründe zunehmend eine Rolle – insbesondere für Menschen mit kleinen Pensionen. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt: Verunsicherung und Vorsicht gehen mit gestiegenen Lebenshaltungskosten einher, die auch im Ruhestand nicht spurlos bleiben.

    Mehr als Erholung: Der soziale Wert der Ferien

    Ferien sind nicht nur Erholung, sondern ein soziales und kulturelles Gut. Wer regelmäßig verreist, profitiert nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Der Ortswechsel wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus, fördert familiären Zusammenhalt, soziale Teilhabe und oft auch den Bildungshorizont – besonders bei Kindern.

    Die Abwesenheit solcher Erfahrungen kann zu einem Gefühl sozialer Ausgrenzung führen. Besonders Kinder aus Haushalten ohne Urlaubsreisen stehen nach den Sommerferien oft im Abseits, wenn Erlebnisse ausgetauscht werden. Diese symbolische Ausgrenzung wirkt früh – und verstärkt soziale Ungleichheiten im Bildungskontext. Auch Erwachsene empfinden zunehmend Scham, wenn sie keine Ferienerlebnisse vorweisen können. In manchen Fällen werden sogar fiktive Reisen „erfunden“, um nicht abzufallen.

    Politische Handlungsspielräume

    Die sozialen Ungleichheiten im Zugang zu Urlaub sind nicht neu – sie werden jedoch in einer Zeit wachsender sozialer Polarisierung wieder sichtbarer. Frankreich verfügt über ein Netzwerk an Förderinstrumenten, das theoretisch allen eine Auszeit ermöglichen soll: etwa über die Agence nationale pour les chèques-vacances (ANCV), die mit Arbeitgebern und Gebietskörperschaften zusammenarbeitet. Doch in der Praxis erreichen diese Mittel oft nicht die Bedürftigsten.

    Ein Reformansatz könnte darin bestehen, den sogenannten tourisme social gezielt auszubauen – also Ferienangebote für Haushalte mit kleinem Einkommen, beispielsweise durch verbilligte Unterkünfte in staatlich geförderten Ferienanlagen. Auch lokale Förderprogramme könnten besser abgestimmt und sichtbarer gemacht werden. Manche Regionen fördern heute schon gezielt Urlaubsreisen für einkommensschwache Familien – doch das Angebot bleibt oft fragmentiert und unübersichtlich.

    Ein weiteres Potenzial liegt in der Förderung von „nahen Ferien“ – also Kurztrips innerhalb der eigenen Region. Solche Angebote wären ökologisch sinnvoll, kostengünstiger und leichter zugänglich. Doch auch sie setzen eine gewisse Planungssicherheit und Mobilität voraus – Ressourcen, die nicht allen zur Verfügung stehen.

    Nicht zuletzt muss der gesellschaftliche Diskurs verändert werden: Weg von der Vorstellung, dass Ferien ein privatwirtschaftlich zu organisierendes Luxusgut seien – hin zur Anerkennung, dass auch Erholung zur sozialen Teilhabe gehört. Denn in einer Gesellschaft, die Freizeit und Selbstverwirklichung zunehmend zur Norm erhebt, ist der Ausschluss von Ferien mehr als ein logistisches Problem – er ist ein Symbol für gesellschaftliche Ungleichheit.

    Das Bild einer in Ferien vereinten Nation stimmt also nur teilweise. Die stillen Wohnungen und leeren Balkone im Sommer erzählen nur einen Teil der Geschichte – die strukturellen Barrieren, verdeckte Armut und der unsichtbare Verzicht von Millionen bleibt unter der Oberfläche verborgen.

    Autor: P. Tiko

  • Annecy im Ausnahmezustand: Warum der „Pont des Amours“ jetzt „Pont du Désamour“ heißt

    Annecy im Ausnahmezustand: Warum der „Pont des Amours“ jetzt „Pont du Désamour“ heißt

    Ein sonniger Julitag, Touristen strömen durch die malerischen Gassen von Annecy, drängen sich an den Geländern des berühmten „Pont des Amours“, blicken verträumt aufs Wasser, Smartphones gezückt. Doch diesmal bot sich ihnen ein ungewohntes Bild.

    Am 6. Juli 2025 standen dort etwa fünfzig Einwohner, Banner in den Händen, Gesichter ernst, Stimmung angespannt. Sie tauften den „Pont des Amours“ kurzerhand um – in „Pont du Désamour“. Ein Brückenschlag der besonderen Art.

    Ein symbolischer Akt mit klarer Botschaft

    Organisiert wurde diese Aktion von der Association des Résidents de la Vieille Ville d’Annecy (ARVVA) und dem Kollektiv La Colère des Glaisins. Ihr Ziel: Aufrütteln, zeigen, dass hinter der romantischen Fassade der Altstadt längst Frust und Verzweiflung gären.

    Denn der Massentourismus hat seine Schattenseiten – Lärm, überquellende Mülltonnen, verstopfte Straßen, überfüllte Seeufer und explodierende Mietpreise. Ein Alltag, der für die Bewohner immer schwerer zu ertragen ist.

    „Wir können uns kaum noch frei bewegen“, klagt eine ältere Dame. „Meine Enkel haben keinen Platz zum Spielen. Wir fühlen uns wie Statisten in einem Freizeitpark.“

    Pont des Amours oder Brücke der Enttäuschung?

    Der gewählte Ort für den Protest war kein Zufall. Der Pont des Amours, dieses Postkartenmotiv schlechthin, steht für alles, was Touristen an Annecy lieben – und was den Einwohnern zunehmend den Atem raubt.

    Indem sie ihn in „Pont du Désamour“ umbenannten, hielten die Demonstranten ihrer Stadt einen Spiegel vor. Denn Liebe, so scheint es, ist keine Einbahnstraße. Wer täglich mit den Folgen des Übertourismus lebt, verliert irgendwann sein Herz an einen anderen Ort.

    Forderungen, die aufhorchen lassen

    Die Liste der Anliegen ist klar formuliert:

    • Striktere Regulierung des Tourismus
      Weniger Mega-Events, die noch mehr Menschen anziehen.
    • Kontrolle von Kurzzeitvermietungen
      Plattformen wie Airbnb sollen begrenzt werden, um Wohnraum für Einheimische zu sichern.
    • Schutz der öffentlichen Räume
      Die Bewohner wollen ihren See, ihre Promenaden und Plätze zurück – zumindest teilweise.

    Doch kann man den Strom der Besucher einfach so eindämmen?

    Eine europäische Debatte

    Annecy ist kein Einzelfall. Von Venedig bis Dubrovnik stehen viele europäische Städte vor demselben Dilemma: Tourismus als Segen und Fluch zugleich.

    Einerseits fließt Geld in Gastronomie, Hotellerie und Stadtkassen. Andererseits erodiert die Lebensqualität der Menschen, die diese Orte einst zu dem machten, was sie heute sind.

    Wie sagte ein Aktivist am Rande der Demonstration so treffend:
    „Wir verkaufen unsere Seele – Zimmer für Zimmer, Straße für Straße, Blick für Blick.“

    Zwischen wirtschaftlicher Realität und Lebensqualität

    Annecy gilt als „Venise des Alpes“. Millionen Touristen kommen jedes Jahr wegen des türkisblauen Sees, der historischen Altstadt und der Alpenkulisse. Ein perfekter Mix, der Reiseblogs, Instagram-Feeds und Kassen klingeln lässt.

    Doch was bringt eine florierende Wirtschaft, wenn die Bevölkerung sich entfremdet fühlt?
    Wenn alteingesessene Familien wegziehen, weil sie keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden?
    Wenn das tägliche Leben zum Hindernislauf zwischen Reisegruppen wird?

    Ein Appell für ein neues Miteinander

    Die Demonstration am 6. Juli ist mehr als nur ein lokaler Protest. Sie ist ein Aufschrei vieler europäischer Städte, die spüren, dass Wachstum nicht unendlich ist.

    Es braucht einen Dialog zwischen Stadtverwaltung, Tourismusbranche und Bürgern – ohne Beschönigungen, ohne PR-Floskeln. Nur so lässt sich ein Weg finden, der Annecy sowohl den Touristen als auch den Einheimischen erhält.

    Was nützt ein „Pont des Amours“, wenn niemand mehr dort lebt, der ihn liebt?

    Ein Weckruf, der nachhallt

    Mit ihrer symbolischen Umbenennung haben die Menschen von Annecy ein starkes Zeichen gesetzt. Kein Hass gegen Touristen, sondern eine stille Bitte: Seht uns. Hört uns. Nehmt Rücksicht.

    Vielleicht ist das der erste Schritt hin zu einem neuen Modell – einem, das Liebe nicht nur als Selfiehintergrund versteht, sondern als respektvolles Miteinander von Gästen und Bewohnern.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Bidart sagt „Non“ zu Zweitwohnungen: Ein Dorf kämpft gegen Wohnungsnot und für mehr Lebensqualität

    Bidart sagt „Non“ zu Zweitwohnungen: Ein Dorf kämpft gegen Wohnungsnot und für mehr Lebensqualität

    In der kleinen Gemeinde Bidart an der baskischen Küste brodelt es – aber diesmal nicht wegen der Atlantikwellen, sondern wegen einer politischen Entscheidung, die für Aufsehen sorgt. Im Juni 2025 hat die Kommune beschlossen, in ihrer geplanten Wohnsiedlung „Horizon Trois Couronnes“ Zweitwohnungen komplett zu verbieten. Ein mutiger Schritt in Zeiten wachsender Wohnungsnot. Warum diese Maßnahme so dringend war Fast ein Drittel der Häuser in Bidart dient derzeit nicht dem dauerhaften Wohnen, sondern wird als Ferien- oder Zweitwohnung genutzt. Das treibt nicht nur die Preise in die Höhe, sondern bringt die soziale Struktur des Dorfs ins Wanken. Wer hier leben will, muss sich inzwischen warm anziehen – und das nicht nur wegen des atlantischen Winds. Die Gemeinde will mit diesem Verbot eine klare Grenze ziehen: Bidart soll kein Ferienpark für Wohlhabende werden, sondern ein lebendiges Dorf bleiben, in dem Menschen das ganze Jahr über leben und arbeiten können. Ziel ist, den Dauerbewohnern wi…

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