Schlagwort: Technologie

  • Frankreich setzt auf digitale Souveränität – Ende der Palantir-Partnerschaft und Milliardenoffensive für Künstliche Intelligenz

    Frankreich setzt auf digitale Souveränität – Ende der Palantir-Partnerschaft und Milliardenoffensive für Künstliche Intelligenz

    Frankreich vollzieht einen bedeutenden Kurswechsel in seiner Technologiepolitik. Die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu hat angekündigt, die Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Datenanalyseunternehmen Palantir vorzeitig zu beenden und stattdessen massiv in den Aufbau eigener Kompetenzen im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu investieren. Mit einem Investitionspaket von 655 Millionen Euro verfolgt Paris das Ziel, die digitale Souveränität des Landes zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern zu reduzieren. Die Entscheidung markiert das Ende einer Partnerschaft, die nahezu zehn Jahre Bestand hatte. Obwohl der Vertrag mit Palantir erst Ende 2025 um weitere drei Jahre verlängert worden war, sieht die französische Regierung inzwischen die Notwendigkeit, kritische digitale Infrastrukturen stärker unter nationale Kontrolle zu stellen. Künftig sollen die entsprechenden Lösungen vom französischen Technologieunternehmen ChapsVision bereitgestell…

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  • KI sorgt für Sorgen bei Dalloz: Gewerkschaft CFDT warnt vor Stellenabbau beim Juristenverlag

    KI sorgt für Sorgen bei Dalloz: Gewerkschaft CFDT warnt vor Stellenabbau beim Juristenverlag

    Die rasanten Fortschritte der Künstlichen Intelligenz verändern zunehmend auch jene Berufsfelder, die lange als vergleichsweise sicher vor Automatisierung galten. Nun sorgt die technologische Entwicklung beim französischen Rechtsinformationsspezialisten Dalloz für wachsende Spannungen. Die Gewerkschaft CFDT warnt davor, dass der verstärkte Einsatz von KI mittelfristig Arbeitsplätze gefährden könnte. Dalloz zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Anbietern juristischer Fachinformationen in Frankreich. Das Unternehmen veröffentlicht Gesetzestexte, Kommentare, Fachzeitschriften sowie digitale Recherche- und Dokumentationsdienste. Anwälte, Richter, Notare, Unternehmen und Studierende greifen täglich auf die Angebote des traditionsreichen Verlags zurück, der innerhalb der französischen Rechtswelt eine zentrale Stellung einnimmt. Gerade dieser Bereich wird jedoch von den Möglichkeiten moderner KI-Systeme besonders stark beeinflusst. Generative Sprachmodelle können heute juristische Dokum…

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  • 3D-Drucker, Waffenfantasien und Angst vor dem Kollaps: Der rätselhafte Fall von Grenoble

    3D-Drucker, Waffenfantasien und Angst vor dem Kollaps: Der rätselhafte Fall von Grenoble

    In Grenoble beschäftigt ein ungewöhnlicher Fall derzeit Ermittler, Juristen und Sicherheitsexperten gleichermaßen. Sechs Männer zwischen 33 und 69 Jahren gerieten ins Visier der französischen Polizei, nachdem sie versucht haben sollen, mit Hilfe eines 3D-Druckers selbstgebaute Schusswaffen herzustellen. Was zunächst wie ein schräges Technikexperiment klingt, offenbart bei genauerem Hinsehen ein Milieu aus Krisenangst, Survivalismus und wachsendem Misstrauen gegenüber Staat und Gesellschaft. Die Ermittlungen liefen über mehrere Monate hinweg unter Leitung der Spezialabteilung für organisierte Kriminalität im Département Isère. Dabei stießen die Beamten auf 3D-Drucker, Baupläne für Waffen und teilweise montierte Prototypen. Voll funktionsfähige Schusswaffen fanden die Ermittler nach bisherigen Erkenntnissen allerdings nicht. Genau dort lag offenbar die technische Grenze des Projekts: Metallläufe und andere entscheidende Bauteile ließen sich mit der vorhandenen Ausrüstung schlicht nicht h…

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  • Taylor Swift zieht juristische Grenzen: Wie der Popstar seine Stimme gegen KI-Klone verteidigt

    Taylor Swift zieht juristische Grenzen: Wie der Popstar seine Stimme gegen KI-Klone verteidigt

    Taylor Swift setzt erneut Maßstäbe – diesmal nicht auf der Bühne, sondern im juristischen Kampf um digitale Identität.

    Angesichts der rasanten Verbreitung von Deepfakes und KI-gestütztem Stimmenklonen hat die amerikanische Sängerin beim US-Patent- und Markenamt mehrere Markenanmeldungen eingereicht, um zentrale Elemente ihrer Stimme und ihres visuellen Erscheinungsbildes rechtlich abzusichern. Ziel dieser bemerkenswerten Strategie: Künstliche Intelligenz soll daran gehindert werden, ihre charakteristische Stimme oder ikonische Außendarstellung kommerziell zu imitieren oder auszubeuten.

    Konkret geht es um markante Audiosequenzen, darunter bekannte gesprochene Einleitungen wie „Hey, it’s Taylor Swift“, sowie um ein prägnantes visuelles Symbol aus ihrer erfolgreichen Tournee. Was auf den ersten Blick wie ein raffinierter Schachzug im Prominentenschutz wirkt, reicht in Wahrheit deutlich weiter.

    Denn Swift verlässt damit bewusst die klassischen Pfade des Urheberrechts.

    Bislang stützten sich Künstler vor allem auf Copyright oder Persönlichkeitsrechte, um ihre Werke und ihr Image zu schützen. Doch generative KI verändert die Spielregeln massiv. Eine synthetisch erzeugte Stimme kann einer Berühmtheit täuschend ähnlich klingen, ohne direkt geschütztes Material zu kopieren. Genau hier setzt das Markenrecht an: Es schützt vor Nachahmungen, die Verbraucher verwirren könnten – juristisch formuliert als „confusingly similar“.

    Das klingt trocken, hat aber gewaltige Sprengkraft.

    Indem Swift ihre Stimme teilweise als Marke definiert, erschließt sie ein neues rechtliches Schutzschild für das digitale Zeitalter. Ihre Stimme wird damit nicht bloß Ausdruck ihrer Kunst, sondern ein wirtschaftlich verteidigbares Markenzeichen – ähnlich wie Logos großer Konzerne oder unverwechselbare Firmenslogans.

    Man könnte sagen: Hier wird Popkultur zur Blaupause moderner Eigentumsrechte.

    Die Musik- und Filmindustrie verfolgt diesen Schritt mit Argusaugen. Zahlreiche Künstler, Schauspieler und öffentliche Persönlichkeiten stehen vor derselben Herausforderung: Wie schützt man die eigene digitale Existenz, wenn Maschinen binnen Sekunden täuschend echte Songs, Werbespots oder politische Botschaften erzeugen können?

    Swift liefert womöglich die erste praktikable Antwort.

    Ihr Vorgehen signalisiert einen tiefgreifenden Wandel. In einer Welt, in der KI Identitäten nahezu perfekt reproduziert, entwickelt sich die menschliche Stimme selbst zu einem strategischen Vermögenswert. Nicht bloß Songs oder Bilder, sondern Persönlichkeitsmerkmale geraten ins Zentrum wirtschaftlicher Verteidigung.

    Taylor Swift schützt also weit mehr als ihre Berühmtheit.

    Sie gestaltet aktiv mit, wie Menschen in Zukunft ihre Einzigartigkeit gegen technologische Kopien absichern könnten – und zeigt einmal mehr, dass sie Trends nicht nur erkennt, sondern ihnen oft ein gutes Stück voraus ist.

    Autor: C.H.

  • Kameras im Klassenzimmer? Warum Paris über Sicherheit und Freiheit streitet

    Kameras im Klassenzimmer? Warum Paris über Sicherheit und Freiheit streitet

    Es ist ein Thema, das unter die Haut geht. Wenn Eltern ihre Kinder morgens zur Schule bringen, vertrauen sie darauf, dass diese dort nicht nur lernen, sondern auch geschützt sind. Dieses Vertrauen hat in Paris zuletzt Risse bekommen. Mehrere Fälle von Gewalt im périscolaire, also in der Betreuung außerhalb des Unterrichts, haben die Öffentlichkeit erschüttert – und eine Debatte entfacht, die weit über die französische Hauptstadt hinausweist. Die Forderung nach Videoüberwachung in Schulen wirkt auf den ersten Blick fast logisch. Wenn etwas im Verborgenen geschieht, so die einfache Annahme, müsse man nur genauer hinsehen. Kameras könnten abschrecken, dokumentieren, im Zweifel Beweise liefern. Ein technischer Schutzschild gegen menschliches Fehlverhalten. Doch so einfach ist es nicht. Die Realität ist komplizierter, manchmal sogar widersprüchlich. Studien aus verschiedenen europäischen Ländern zeigen, dass Kameras zwar in klar abgegrenzten Räumen – etwa in U-Bahn-Stationen oder Parkhäuser…

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  • Frankreichs juristischer Vorstoß gegen die Black Box der KI

    Frankreichs juristischer Vorstoß gegen die Black Box der KI

    Frankreich setzt im Konflikt zwischen Kreativwirtschaft und Technologieindustrie ein deutliches Signal. Mit einer einstimmig verabschiedeten Gesetzesinitiative im Sénat versucht das Land, ein strukturelles Problem der digitalen Ökonomie zu adressieren: die faktische Ohnmacht von Urhebern gegenüber intransparenten KI-Systemen. Der gewählte Hebel ist dabei ebenso schlicht wie folgenreich – eine Verschiebung der Beweislast.

    Eine stille Revolution im Verfahrensrecht

    Im Zentrum der Vorlage steht keine Neudefinition des Urheberrechts, sondern eine prozessuale Innovation. Künftig soll es in zivilrechtlichen Streitigkeiten ausreichen, dass ein plausibles Indiz auf die Nutzung geschützter Inhalte durch ein KI-System hinweist. Ist ein solcher Anschein gegeben, wird die Nutzung vermutet – und der Anbieter muss das Gegenteil beweisen.

    Diese Umkehr der Beweislast wirkt auf den ersten Blick technisch, entfaltet jedoch erhebliche politische Sprengkraft. Denn bislang liegt die Beweisführung nahezu vollständig bei den Rechteinhabern. Autoren, Musiker oder Verlage stehen vor einem kaum überwindbaren Hindernis: Sie vermuten die Nutzung ihrer Werke in Trainingsdatensätzen, können diese jedoch aufgrund fehlender Transparenz nicht nachweisen. Die neue Regel zielt exakt auf diese Asymmetrie.

    Das Machtgefälle zwischen Kreativen und Konzernen

    Der französische Gesetzgeber benennt das Problem ungewöhnlich klar. Zwischen Kreativschaffenden und KI-Anbietern bestehe ein strukturelles Ungleichgewicht – ökonomisch, technisch und juristisch. Während Unternehmen mit enormen Datenmengen und komplexen Modellen operieren, bleiben Urheber auf Indizien und Vermutungen angewiesen.

    Die vorgeschlagene Lösung verschiebt dieses Kräfteverhältnis zumindest teilweise. Indizien könnten künftig etwa stilistische Ähnlichkeiten, wiedererkennbare Textpassagen oder technische Spuren in der Modellarchitektur sein. Entscheidend ist, dass die Schwelle für eine Klage gesenkt wird, ohne die Verteidigungsrechte der Unternehmen vollständig auszuhebeln. Die Vermutung bleibt widerlegbar.

    Politischer Konsens in einer fragmentierten Landschaft

    Bemerkenswert ist die breite politische Unterstützung. In einem sonst stark polarisierten Umfeld fand die Vorlage im Sénat einstimmige Zustimmung. Dieser Konsens verweist auf eine wachsende Sensibilität für die ökonomischen und kulturellen Folgen generativer KI.

    Frankreich versteht sich traditionell als Kulturnation, in der der Schutz geistigen Eigentums nicht nur wirtschaftliche, sondern identitätsstiftende Bedeutung hat. Die Initiative fügt sich in diese Tradition ein, ohne sich innovationsfeindlich zu positionieren. Vielmehr betonen ihre Befürworter, dass es um die Schaffung fairer Marktbedingungen gehe – insbesondere durch die Förderung von Lizenzmodellen und vertraglichen Vereinbarungen.

    Von der Verhandlung zur Regulierung

    Der Vorstoß ist nicht isoliert zu betrachten, sondern Teil einer abgestuften Strategie. Bereits zuvor hatten französische Institutionen empfohlen, zunächst auf Transparenz und freiwillige Vereinbarungen zwischen Rechteinhabern und Technologieunternehmen zu setzen. Erst wenn dies scheitert, solle der Gesetzgeber eingreifen.

    Die nun beschlossene Vermutungsregel markiert genau diesen Übergang. Sie signalisiert, dass der Staat bereit ist, regulatorisch nachzuschärfen, wenn marktbasierte Lösungen nicht greifen. In dieser Logik ist das Gesetz weniger als Bruch denn als konsequente Fortsetzung einer bereits eingeschlagenen Linie zu verstehen.

    Europas regulatorische Baustelle

    Die französische Initiative steht zudem im Kontext einer breiteren europäischen Debatte. Zwar existieren auf EU-Ebene bereits Regelungen zur Künstlichen Intelligenz, doch diese adressieren die Frage der Trainingsdaten nur unzureichend. Insbesondere fehlt es an effektiven Mechanismen, um Urheberrechte in der Praxis durchzusetzen.

    Frankreich nutzt diesen Spielraum gezielt aus, indem es nicht das materielle Recht verändert, sondern das nationale Verfahrensrecht anpasst. Dieser Ansatz erlaubt es, europäische Vorgaben formal einzuhalten und zugleich nationale Akzente zu setzen. Gleichzeitig erhöht er den Druck auf die EU, eine kohärentere Lösung zu entwickeln.

    Kritik aus der Tech-Branche

    Die Reaktionen aus der Technologiebranche fallen erwartungsgemäß kritisch aus. Unternehmen warnen vor einer möglichen Klagewelle und sehen die Gefahr, dass insbesondere europäische Anbieter benachteiligt werden könnten. Internationale Konzerne verfügen oft über komplexere juristische Strukturen und könnten sich leichter der juristischen Verfolgung entziehen.

    Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Unschärfe des Indizbegriffs. Was genau als ausreichender Hinweis gilt, bleibt letztlich den Gerichten überlassen. Diese Unsicherheit könnte Investitionen bremsen und die Entwicklung neuer Modelle erschweren.

    Nicht zuletzt wird ein Standortnachteil befürchtet. In einem globalen Wettbewerb, in dem Geschwindigkeit und Skalierung entscheidend sind, könnte zusätzliche regulatorische Unsicherheit Europa ins Hintertreffen bringen.

    Die ambivalente Rolle der Regierung

    Die französische Regierung selbst agiert auffallend zurückhaltend. Ihr neutraler Kurs spiegelt ein grundlegendes Dilemma wider: Einerseits möchte sie die Kreativwirtschaft schützen, andererseits verfolgt sie ambitionierte Ziele im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

    Diese Doppelstrategie ist politisch nachvollziehbar, aber schwer umzusetzen. Zu strenge Regeln könnten Innovation bremsen, zu lasche Regelungen hingegen das Vertrauen in den Rechtsstaat untergraben. Die aktuelle Initiative zeigt, wie schwierig es ist, diese Balance zu finden.

    Ein Testfall für die Zukunft des Urheberrechts

    Die eigentliche Bedeutung des französischen Vorstoßes liegt weniger im konkreten Gesetzestext als in seinem Signalcharakter. Er markiert einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Kreativwirtschaft und KI-Industrie.

    Lange Zeit basierte das Geschäftsmodell vieler KI-Anbieter auf der impliziten Annahme, dass Daten zunächst gesammelt und genutzt werden können – rechtliche Fragen würden später geklärt. Dieses Modell gerät nun zunehmend unter Druck.

    Die französische Lösung versucht, diesen Zustand zu korrigieren, ohne Innovation grundsätzlich zu behindern. Sie zwingt KI-Unternehmen nicht, bestimmte Technologien und Trainingsmethoden komplett zu unterlassen, sondern verlangt Transparenz und Rechenschaft. Genau darin liegt ihre Eleganz – und ihr Risiko.

    Ob die Regelung tatsächlich funktioniert, hängt entscheidend von ihrer praktischen Anwendung ab. Gerichte werden klären müssen, welche Indizien ausreichen und wie weit die Beweislast der Anbieter reicht. Erst in dieser Phase wird sich zeigen, ob die Reform zu mehr Gerechtigkeit führt oder neue Unsicherheiten schafft.

    Fest steht jedoch bereits jetzt: Frankreich verschiebt den Fokus der KI-Debatte. Weg von abstrakten Fragen technologischer Leistungsfähigkeit, hin zu einer konkreten ökonomischen Grundfrage – wer trägt die Kosten für die Nutzung kultureller Inhalte in einer datengetriebenen Welt.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Zwischen Bildschirm und Sucht: Ist Social Media das neue Nikotin der Menschen?

    Zwischen Bildschirm und Sucht: Ist Social Media das neue Nikotin der Menschen?

    Der Vergleich wirkt zunächst kühn, fast überzogen — und doch drängt er sich immer häufiger auf. Was einst die Zigarette war, könnte heute das Smartphone sein, genauer gesagt: die sozialen Netzwerke, die sich tief in den Alltag eingeschrieben haben. Der Vorwurf wiegt schwer. Plattformen wie Facebook, Instagram oder YouTube stehen zunehmend im Verdacht, nicht nur Zeit zu stehlen, sondern gezielt abhängig zu machen.

    Noch ist es zu früh für ein endgültiges Urteil. Aber etwas hat sich verschoben.

    Über Jahrzehnte hinweg verteidigte die Tabakindustrie ihre Produkte gegen Kritik, Zweifel, Studien. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass Rauchen krank macht — tödlich krank. Heute beobachten Juristen und Gesellschaft ein ähnliches Ringen. Kläger argumentieren, soziale Medien seien nicht bloß Kommunikationsmittel, sondern bewusst so gestaltet, dass sie Nutzer binden — mit endlosen Feeds, algorithmischen Empfehlungen, kleinen Dopamin-Schüben bei jedem Like.

    Gerade junge Menschen geraten dabei ins Visier. Ihre Gehirne, noch im Aufbau, reagieren empfindlicher auf Belohnungssysteme. Das wissen auch die Entwickler. Und genau hier setzen die neuen Klagen an: Nicht der Inhalt sei das Problem, sondern das Design selbst. Ein raffinierter juristischer Dreh, der eine bislang nahezu unangreifbare Schutzmauer umgeht.

    Diese Schutzmauer hat einen Namen: Section 230. Seit den 1990er-Jahren schützt sie Internetfirmen davor, für Inhalte ihrer Nutzer haftbar gemacht zu werden. Ein Meilenstein für die Meinungsfreiheit — aber eben auch ein Schutzschild für Geschäftsmodelle, die auf maximaler Aufmerksamkeit basieren. Jetzt, da die Kritik lauter wird, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken.

    Ein erstes Urteil, das einer Klägerin Schadensersatz zusprach, mag finanziell kaum ins Gewicht fallen für milliardenschwere Konzerne. Doch symbolisch entfaltet es Sprengkraft. Mehr als 2.000 ähnliche Klagen stehen bereits im Raum. Und mit jedem Verfahren wächst nicht nur der juristische Druck, sondern auch das öffentliche Bewusstsein.

    Genau darin liegt die eigentliche Gefahr für die Tech-Giganten. Denn wie einst beim Rauchen könnte ein kultureller Kipppunkt erreicht werden. Wenn Eltern, Lehrer und schließlich die Nutzer selbst sagen: „Jetzt reicht’s“ — dann verändert sich der Markt schneller als jede Regulierung es vermag.

    Einige Länder handeln bereits. Altersbeschränkungen, Nutzungsverbote an Schulen, strengere App-Regeln — Maßnahmen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen, werden plötzlich ernsthaft diskutiert oder umgesetzt. Sogar Warnhinweise, analog zu Zigarettenpackungen, stehen im Raum.

    Klingt krass? Vielleicht. Aber gesellschaftliche Umbrüche beginnen selten leise.

    Die entscheidende Frage bleibt: Lernen wir rechtzeitig aus der Geschichte — oder wiederholen wir sie, nur diesmal mit leuchtenden Displays statt glimmender Zigaretten?


    World News

    Strategischer Rückzug oder taktische Inszenierung? Trumps Kurs im Iran-Konflikt

    Die Ankündigung von Donald Trump, die militärische Operation der USA im Iran binnen weniger Wochen zu beenden, markiert eine potenzielle Zäsur in einem ohnehin fragilen Konflikt. Zugleich wirft sie grundlegende Fragen nach Zielsetzung, Erfolg und politischer Kommunikation auf.

    Verengte Kriegsziele und politische Kalkulation

    Trump erklärte, eines der zentralen Ziele – die Zerstörung der iranischen Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen – bereits erreicht zu haben. Diese Darstellung steht jedoch im Widerspruch zu unabhängigen Einschätzungen. Weder die USA noch Israel haben bislang nachweislich die Bestände an hochangereichertem Uran vollständig beseitigt. Experten verweisen darauf, dass die technische Infrastruktur Irans zwar beschädigt sein könnte, jedoch nicht irreversibel zerstört wurde.

    In Washington deutet sich daher eine strategische Neuausrichtung an. Mehrere Berater des Präsidenten haben die ursprünglichen Kriegsziele zuletzt deutlich eingegrenzt. Diese Entwicklung könnte es Trump ermöglichen, einen politischen Erfolg zu deklarieren, ohne die Risiken einer langfristigen militärischen Eskalation einzugehen. Historisch erinnert diese Dynamik an frühere US-Interventionen, bei denen Zieldefinitionen nachträglich angepasst wurden, um innenpolitischen Druck zu entschärfen.

    Internationale Spannungen und wirtschaftliche Folgen

    Die geopolitischen Auswirkungen sind bereits spürbar. Weltweit steigen die Preise für Energie und Grundnahrungsmittel. In den USA hat der durchschnittliche Benzin- und Gaspreis ein Mehrjahreshoch erreicht. Die Unsicherheit an den Märkten reflektiert nicht nur die unmittelbaren Kriegsfolgen, sondern auch die Sorge vor einer unkontrollierbaren Ausweitung des Konflikts in eine ohnehin volatile Region.

    Auch die transatlantischen Beziehungen geraten unter Druck. Der britische Premierminister Keir Starmer bemüht sich sichtbar, sein Land aus einem unpopulären Krieg herauszuhalten. Aber seine politischen Aussagen stehen im Kontrast zu Bildern amerikanischer Kampfjets, die von britischem Boden starten. Trumps wiederholte Kritik an der zurückhaltenden Haltung Londons verdeutlicht die Spannungen innerhalb westlicher Bündnisse.

    Regionale Eskalationsrisiken

    Parallel zum Iran-Konflikt verschärft sich die Lage im Libanon. Israel plant offenbar, auch nach Abschluss seiner Bodenoffensive Teile des Südens dauerhaft zu kontrollieren. Der Tod von UN-Friedenstruppen bei Anschlägen unterstreicht die zunehmende Instabilität. Die Gefahr einer regionalen Ausweitung bleibt hoch – insbesondere, wenn mehrere Konfliktherde ineinandergreifen.

    Digitale Kontrolle in Russland als parallele Entwicklung

    Während sich der Fokus der Weltöffentlichkeit auf den Nahen Osten richtet, treibt Wladimir Putin im Inland eine andere Form der Machtsicherung voran. Die zunehmende Kontrolle des Internets, inklusive gezielter Abschaltungen und Einschränkungen ausländischer Plattformen, deutet auf eine Vorbereitung für mögliche innenpolitische Spannungen hin. Die erzwungene Nutzung staatlich kontrollierter Kommunikationsmittel könnte langfristig die Informationsfreiheit erheblich einschränken.


    WEITERE NACHRICHTEN

    König Charles III wird noch in diesem Monat trotz der Spannungen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg zu einem Staatsbesuch in die USA reisen.

    Ein russischer Tanker lieferte Treibstoff nach Kuba, nachdem die USA ihre Blockade lockerten.

    Der oberste Gerichtshof der USA kippte ein Gesetz des Bundesstaates Colorado, das es Psychotherapeuten untersagte, zu unterstützen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von LGBTQ-Minderjährigen zu verändern.

    Eine amerikanische Journalistin wurde gestern Abend in Bagdad entführt. Laut irakischen Behörden haben staatliche Kräfte mit Suchoperationen begonnen.

    Vier US-Senatoren auf Besuch forderten taiwanische Abgeordnete auf, die Blockade zu einer erheblichen Erhöhung der Militärausgaben zu beenden.

    Ein Richter ordnete an, den Bau von Trumps geplantem Ballsaal im Weißen Haus zu stoppen.

    WAS SONST NOCH GESCHAH

    Bücher von Marie NDiaye, Daniel Kehlmann und Rene Karabash stehen auf der Shortlist für den International Booker Prize.

    Der Eurovision Song Contest wird im November eine asiatische Ausgabe einführen.

    Von C. Hatty

  • Wenn Algorithmen entscheiden: Warum Regionalsprachen in der KI-Ära um ihr Überleben kämpfen

    Wenn Algorithmen entscheiden: Warum Regionalsprachen in der KI-Ära um ihr Überleben kämpfen

    Es beginnt leise. Nicht mit Verboten, nicht mit Verordnungen, nicht mit lautem politischen Streit. Sondern mit einem kleinen Detail im Alltag: Eine Sprache taucht nicht mehr auf, wenn man sie braucht. Kein Vorschlag im Übersetzungstool, keine automatische Untertitelung, kein Sprachassistent, der sie…

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  • Capgemini zieht die Reißleine – und stößt seine amerikanische Tochter ab

    Capgemini zieht die Reißleine – und stößt seine amerikanische Tochter ab

    Manchmal genügt ein einziger Vertrag, um ein globales Unternehmen in einen moralischen Sturm zu treiben. Für Capgemini, den global agierenden französischen IT-Konzern mit Sitz in Paris, war es genau so ein Dokument, das in den vergangenen Tagen eine Debatte auslöste, die weit über betriebswirtschaftliche Fragen hinausreicht. Der Konzern kündigte an, sich von seiner US-Tochter Capgemini Government Solutions zu trennen – eine Entscheidung, die offiziell strategisch begründet wird, in Wahrheit jedoch tief im Spannungsfeld zwischen Ethik, Politik und internationaler Wirtschaft verankert ist. Auslöser der Affäre war ein Vertrag zwischen der Tochtergesellschaft und der amerikanischen Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE. Vereinbart wurden sogenannte Skip-Tracing-Leistungen, also technologische Dienstleistungen zur Lokalisierung von Personen mit unbekanntem Aufenthaltsort. Was nach nüchterner Verwaltungslogik klingt, entfaltet in Zeiten verschärfter Migrationspol…

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  • Digitaler Entzug auf Staatskosten – Frankreich auf kaltem Tech-Turkey

    Digitaler Entzug auf Staatskosten – Frankreich auf kaltem Tech-Turkey

    Frankreich will auf Entzug. Kalten Entzug. Ohne Pflaster, ohne Therapiehund, ohne Notfallnummer. „Il faut continuer ce sevrage avec détermination“, sagt David Amiel – und man hört förmlich das Klirren der Kaffeetassen in den Ministerien, während Teams- und Zoom-Fenster zufallen wie Kneipentüren nach der Sperrstunde.

    Endlich Schluss mit der amerikanischen Nabelschnur. Raus aus Zoom, weg von WhatsApp, tschüss Amazon. Digitaler Detox für die Grande Nation. Die Metapher der Abhängigkeit passt ja erstaunlich gut: bequem, schnell, zuverlässig, allgegenwärtig – und angeblich schädlich. Nur dass der Entzug hier nicht im stillen Kämmerlein stattfindet, sondern mitten im Staatsapparat. Millionen Klicks, tausende Beamte, ein kollektives Zittern der Mauszeiger.

    Natürlich klingt das alles wahnsinnig entschlossen. Souveränität, Datensicherheit, europäische Werte – große Worte, schwer wie Beton. Und irgendwo dazwischen die Ankündigung einer staatlichen Videokonferenzlösung namens „Visio“. 100 Prozent französisch, versteht sich. Entwickelt intern, einsatzbereit 2027. Also ungefähr dann, wenn der nächste digitale Trend längst wieder woanders spielt. Aber Geduld gehört bekanntlich zur französischen Verwaltungskultur wie der Stempel zum Formular.

    Der Sarkasmus drängt sich auf, weil das Bild vom abhängigen Staat ein bisschen schief hängt. Denn süchtig ist man meist nicht aus Dummheit, sondern aus Zweckmäßigkeit. Teams funktioniert. Zoom funktioniert. Sie tun genau das, was sie sollen – jeden Tag, ohne großes Drama. Der eigentliche Skandal ist weniger die Abhängigkeit als die jahrelange Abwesenheit ernstzunehmender Alternativen. Jetzt aber soll der Entzug es richten. Mit politischem Willen gegen technische Realität. Viel Erfolg dabei.

    Besonders hübsch wird es beim Thema künstliche Intelligenz. Auch hier die Warnung vor neuen Abhängigkeiten, vor „unsicheren“ Tools, die man bitte nicht benutzen möge. Ein frommer Wunsch, während draußen die Welt längst mit KI arbeitet, experimentiert, Fehler macht und daraus lernt. Frankreich predigt Disziplin, während der digitale Zug schon abgefahren ist – oder zumindest auf einem anderen Gleis rollt.

    Und doch: Ganz falsch ist der Ansatz nicht. Wer alles auslagert, verliert Kontrolle. Wer Kontrolle verliert, verliert Handlungsspielraum. Das Problem ist nur der Tonfall. Sevrage klingt nach Moralpredigt, nach erhobenem Zeigefinger. Als hätten sich die Nutzer falsch verhalten, statt einfach pragmatisch gearbeitet. Der Staat als Therapeut, der seinen Patienten erklärt, was gut für sie ist – das kommt selten gut an.

    Am Ende bleibt ein Bild voller Widersprüche. Ein Staat, der Souveränität will, aber Zeit braucht. Der Unabhängigkeit fordert, aber jahrelang abhängig war. Der Entschlossenheit beschwört, während die eigenen Alternativen noch in der Entwicklungsabteilung liegen. Digitaler Entzug, das ist kein heroischer Akt. Das ist ein langer, schmerzhafter Prozess – mit Rückfällen inklusive. Denn ja, manchmal greift man dann doch wieder heimlich zum alten Tool. Nur ganz kurz. Versprochen.

    Autor: C.H.