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  • Bretagne im Ausnahmezustand: Wenn 50 Zentimeter Wasser den Alltag verschlucken

    Bretagne im Ausnahmezustand: Wenn 50 Zentimeter Wasser den Alltag verschlucken

    Regen, immer wieder Regen. In der Bretagne hat der Januar 2026 eine nasse Marke gesetzt, die vielen Bewohnern noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Bis zu zwanzig Tage Niederschlag am Stück, gesättigte Böden, überlastete Flüsse – und Städte, in denen das Wasser plötzlich dort steht, wo eigentlich Alltag herrscht.

    Besonders hart trifft es Quimperlé. Dort ist die Laïta erneut über die Ufer getreten. Die mobilen Hochwasserschutzwände wirken wie Spielzeug, kaum ein paar Zentimeter Metall ragen noch aus den braunen Wassermassen. In den Erdgeschossen stehen Geschäfte unter rund 40 Zentimetern Wasser. Wer oben wohnt, bleibt verschont – körperlich zumindest. Psychisch ist das eine andere Geschichte.

    Eine Bewohnerin blickt von ihrer Wohnung aus in ein vollgelaufenes Treppenhaus. Letzte Woche sei es ähnlich gewesen, sagt sie, dann sei das Wasser wieder gefallen. Doch zurück bleibt der Schaden. Kinderzimmer verwüstet, Erinnerungsstücke im Müll. Man hört die Wut zwischen den Sätzen, diesen leisen, zähen Ärger, der entsteht, wenn Katastrophen zur Routine werden.

    An den Ufern stehen Schaulustige und Besorgte nebeneinander. Manche schauen, andere rechnen. Wie oft noch? Und wie hoch beim nächsten Mal? Der Klimawandel schwebt unausgesprochen über jedem Gespräch, wie eine dunkle Wolke, die man nicht wegdiskutieren kann.

    Auch in Pontivy meldet sich der Fluss zu Wort. Der Blavet drängt in die Straßen, bis in Wohnzimmer hinein. Eine Anwohnerin sagt, es sei das erste Mal in diesem Winter. Erfahrung mit Hochwasser habe sie zwar, aber Stress bleibe Stress. Der Pegel steigt weiter, die Nacht verspricht wenig Ruhe.

    In Quimper wiederum stand die Steïr zeitweise bis zu 50 Zentimeter hoch auf der Fahrbahn. Ein ganzes Viertel war wie abgeschnitten. Autos festgesetzt, Wege unpassierbar. Eine Mutter plant improvisierend den Tag, versucht optimistisch zu klingen. Ein Nachbar hingegen zieht die Reißleine. Dritte Überschwemmung in einer Woche – das reicht. Er zieht aus. Punkt.

    Ganz verhindern ließ sich Schlimmeres immerhin durch niedrige Gezeitenstände. Ohne sie wäre der Pegel der Laïta wohl noch höher geklettert. Ein schwacher Trost, aber in diesen Tagen klammert man sich an jedes Detail, das nicht noch schlimmer ausgegangen ist.

    Die Bretagne erlebt gerade, wie verletzlich selbst vertraute Landschaften sein können. Und während das Wasser langsam wieder sinkt, bleibt die Frage, die niemand so recht beantworten mag: War das ein Ausreißer – oder ein Vorgeschmack?

    Von C. Hatty

  • Wenn das Wasser die Haustür versperrt

    Wenn das Wasser die Haustür versperrt

    In der Bretagne regnet es nicht nur, das Wasser fällt regelrecht vom Himmel. Und manchmal scheint es auch von unten zu kommen. Seit Tagen steht der Nordwesten Frankreichs unter Hochwasserwarnung, am Dienstag traf es ein Wohnviertel von Quimper besonders hart. Dort, wo der kleine Fluss Steïr sonst eher unscheinbar durch die Stadt fließt, hat sich das Wasser seinen Raum zurückgeholt – kompromisslos, still und mit einer erstaunlichen Konsequenz.

    Einige Straßen gleichen Seen, andere eher Kanälen. Wer hier wohnt, bleibt drinnen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil es schlicht keinen Weg hinaus gibt. Marcel Robert steht am Fenster seiner Wohnung im ersten Stock. Unter ihm: zwanzig Zentimeter Wasser, die Küche unerreichbar, der Alltag auf Pause gedrückt. Nebenan versucht eine Nachbarin, Haltung zu bewahren. Das Wohnzimmer ist noch trocken, die Nerven weniger. Später muss sie ihre Tochter abholen. Zen bleiben, sagt sie. Ein Wort, das in diesen Tagen viel leisten muss.

    Es ist nicht das erste Mal. Nicht einmal das zweite. Zum dritten Mal innerhalb einer Woche steht das Viertel unter Wasser. Ein Nachbar hastet herbei, um sein Auto in Sicherheit zu bringen, bevor auch das verschwindet. Vor zwei Tagen reichte das Hochwasser bis über die Fußleisten. Alles wurde geputzt, getrocknet, wieder eingeräumt. Jetzt wieder von vorn. Irgendwann reicht es. Sieben Jahre habe er hier gewohnt, sagt er, nun ziehe er einen Schlussstrich. „Ich hau ab“, murmelt er, mehr müde als wütend. Zum Glück zur Miete. Immerhin.

    Andere bleiben – noch. Mit Gummistiefeln im Garten, der sich in einen reißenden Bach verwandelt hat, wird improvisiert. Pumpen, Gruben, Schläuche. Ein provisorischer Kampf gegen eine Natur, die gerade andere Pläne verfolgt. Wie lange der Schutz hält, weiß niemand. Die Frage hängt schwer in der Luft, so schwer wie die grauen Wolken über der Stadt.

    312 Liter Regen pro m2 seit Jahresbeginn. Ein neuer Monatsrekord für Quimper. Der Scheitelpunkt der Steïr ist erreicht, heißt es. Ein Satz, der beruhigen soll. Doch wer das Wasser vor der eigenen Tür stehen sieht, weiß: Statistik trocknet keine Böden und rettet keine Möbel.

    Die Bretagne erlebt gerade, wie verletzlich selbst vertraute Landschaften sind. Und wie schnell aus einem Quartier eine Insel wird.

    Autor: C.H.