Schlagwort: stadtpolitik

  • Hitzewelle in Saint-Denis: Wenn die Sommerhitze zur sozialen Frage wird

    Hitzewelle in Saint-Denis: Wenn die Sommerhitze zur sozialen Frage wird

    Die Sonne steht hoch über Saint-Denis, doch für viele Bewohner der Stadt nördlich von Paris bringt sie derzeit kaum Freude. Seit Tagen klettern die Temperaturen deutlich über die Marke von 35 Grad. Asphalt flimmert, Wohnungen heizen sich auf wie Backöfen, und selbst in den Abendstunden bleibt die ersehnte Abkühlung aus. Besonders hart trifft die Hitzewelle jene Menschen, die ohnehin mit schwierigen Lebensbedingungen kämpfen.

    Saint-Denis zählt zu den sozial schwächeren Kommunen der Region Île-de-France. Viele Familien leben in älteren Gebäuden, deren Dämmung unzureichend ist. Was im Winter zu hohen Heizkosten führt, verwandelt sich im Sommer in ein anderes Problem: Die Hitze staut sich in den Wohnungen und macht den Alltag zur Belastungsprobe. Wer keine Klimaanlage besitzt, verbringt die Nächte oft schlaflos und die Tage in stickigen Räumen.

    Eine aktuelle Untersuchung der Fondation du Logement zeigt, wie eng soziale Lage und Energiearmut miteinander verbunden sind. Die ärmsten Haushalte Frankreichs sind demnach doppelt so häufig von Energiearmut betroffen wie der Landesdurchschnitt. In Saint-Denis zeigt sich diese Realität besonders deutlich. Viele Bewohner verfügen weder über technische Möglichkeiten zur Kühlung noch über Rückzugsorte außerhalb ihrer Wohnungen.

    Die Stadtverwaltung hat auf die außergewöhnliche Wetterlage reagiert. Bereits zu Beginn der Hitzewelle wurden mehrere öffentliche Gebäude als sogenannte Kühlräume eingerichtet. Die Mediathek im Stadtzentrum sowie die berühmte Basilika von Saint-Denis öffnen während der heißesten Stunden ihre Türen für alle Bürger. Dort finden Menschen Schutz vor der drückenden Hitze und können zumindest für einige Stunden durchatmen.

    Gleichzeitig laufen umfangreiche Informationskampagnen. Auf Plakaten, in sozialen Netzwerken und über lokale Einrichtungen erinnert die Stadt an einfache, aber lebenswichtige Verhaltensregeln. Regelmäßiges Trinken von Wasser, das Meiden körperlicher Anstrengung während der Mittagsstunden und der Verzicht auf Alkohol gehören zu den wichtigsten Empfehlungen. Die zentrale Botschaft lautet: Niemand soll aufgrund von Dehydrierung gesundheitliche Schäden erleiden.

    Besondere Aufmerksamkeit gilt älteren Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen. Sie reagieren empfindlicher auf hohe Temperaturen und tragen ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Komplikationen. Deshalb hat die Stadt ein Register eingerichtet, in dem besonders gefährdete Bürger erfasst sind. Mitarbeiter und Helfer nehmen regelmäßig Kontakt auf, erkundigen sich nach ihrem Befinden und organisieren bei Bedarf Unterstützung.

    Doch die Hitzewelle legt nicht nur gesundheitliche Risiken offen. Sie macht auch sichtbar, wie unterschiedlich Menschen auf extreme Wetterereignisse vorbereitet sind. Während einige Bewohner in klimatisierten Wohnungen leben oder einen schattigen Garten nutzen können, sind andere auf überhitzte Wohnungen und öffentliche Hilfsangebote angewiesen. Die Sommerhitze wirkt damit wie ein Brennglas für bestehende soziale Ungleichheiten.

    Fachleute sehen darin einen Vorgeschmack auf die Herausforderungen der kommenden Jahre. Hitzewellen treten häufiger auf, dauern länger und belasten insbesondere dicht bebaute Stadtgebiete. Kommunen wie Saint-Denis stehen vor der Aufgabe, ihre Infrastruktur anzupassen und zugleich die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen besser zu schützen.

    Die nächsten Tage versprechen kaum Entspannung. Wetterdienste erwarten weiterhin hohe Temperaturen. Deshalb appelliert die Stadtverwaltung an die Solidarität ihrer Bürger. Ein kurzer Besuch bei älteren Nachbarn, ein Glas Wasser für Bedürftige oder ein aufmerksames Gespräch können in diesen Tagen mehr bewirken, als man auf den ersten Blick vermutet. Denn wenn die Hitze unerbittlich auf die Stadt niedergeht, zeigt sich oft, wie stark eine Gemeinschaft tatsächlich ist.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Toulouse leuchtet gern. Die rosafarbenen Fassaden der südfranzösischen Metropole strahlen nachts wie Kulissen eines alten Films, Cafés werfen warmes Licht auf die Gassen, Schaufenster glänzen bis tief in die Nacht hinein. Wer durch die Altstadt spaziert, spürt sofort dieses urbane Versprechen: Hier schläft nichts. Hier pulsiert das Leben.

    Und genau darin liegt plötzlich das Problem.

    Denn nun hat ein Verwaltungsgericht die Stadt verurteilt — nicht wegen eines spektakulären Skandals, nicht wegen Korruption oder Misswirtschaft, sondern wegen zu vieler brennender Lampen. Toulouse habe Geschäfte nicht ausreichend dazu verpflichtet, nachts ihre Beleuchtung abzuschalten. Ein fast unscheinbares Urteil. Und vielleicht gerade deshalb eines mit Sprengkraft.

    Es wirkt wie ein Streit über Neonröhren und Schaufenster. Tatsächlich erzählt der Fall aber von einem tiefen kulturellen Wandel. Frankreich beginnt umzudenken. Die Nacht, jahrzehntelang Bühne der Moderne, verwandelt sich langsam in einen politischen Raum.

    Lange galt Licht als Fortschritt. Je heller eine Stadt, desto moderner erschien sie. Wer nachts im Dunkeln lag, wirkte provinziell oder arm. Paris trug den Beinamen „Ville Lumière“ schließlich nicht zufällig. Licht bedeutete Sicherheit, Eleganz, Wohlstand. Es war das Leuchten der Kaufhäuser, der Boulevards, der Republik selbst.

    Heute klingt diese alte Gewissheit plötzlich ein wenig aus der Zeit gefallen.

    Denn das künstliche Dauerlicht besitzt längst eine zweite Bedeutung bekommen: Energieverbrauch, Umweltbelastung, Störung natürlicher Rhythmen. Insekten sterben an beleuchteten Fassaden. Zugvögel verlieren Orientierung. Menschen schlafen schlechter. Selbst Bäume geraten durch permanente Helligkeit durcheinander — als hätte die Stadt beschlossen, auch den Jahreszeiten keinen Feierabend mehr zu gönnen.

    Und so beginnt etwas Bemerkenswertes: Dunkelheit erhält einen neuen Wert.

    Nicht romantisch verklärt wie in Gedichten des 19. Jahrhunderts, sondern administrativ, ökologisch, beinahe technokratisch. Plötzlich diskutieren Bürgermeister über Schaltzeiten. Behörden kontrollieren Leuchtreklamen. Umweltverbände ziehen nachts mit Kameras durch Innenstädte wie Detektive einer überbeleuchteten Zivilisation.

    Man muss sich das einmal vorstellen: Aktivisten dokumentieren um zwei Uhr morgens erleuchtete Boutiquen. Fast wirkt das wie eine Szene aus einer stillen französischen Komödie.

    Doch hinter der Skurrilität steckt Ernst.

    Die eigentliche Frage lautet nämlich: Wie viel Helligkeit braucht eine Gesellschaft, die nie mehr stillsteht?

    Moderne Städte leben von Sichtbarkeit. Restaurants möchten Gäste anziehen. Geschäfte kämpfen um Aufmerksamkeit. Tourismus verlangt Atmosphäre. Licht inszeniert Konsum wie Theater. Eine dunkle Einkaufsstraße erscheint sofort verlassen, vielleicht sogar bedrohlich. Genau deshalb scheuen viele Kommunen harte Kontrollen — niemand möchte den Innenstädten beim Verblassen zusehen.

    Aber gleichzeitig verändert sich das moralische Klima.

    Was früher als lebendig galt, erscheint heute mitunter verschwenderisch. Die grell beleuchtete Luxusfassade umweht inzwischen manchmal etwas Anachronistisches, fast Trotzigen. Als wolle sie sagen: Wir machen weiter wie bisher. Egal, wie hoch die Strompreise steigen. Egal, wie oft vom Klimawandel die Rede ist.

    Das Urteil gegen Toulouse trifft deshalb einen empfindlichen Nerv. Es zwingt eine Stadt, aktiv gegen die eigene Lichtkultur vorzugehen. Nicht freiwillig. Nicht symbolisch. Sondern juristisch verpflichtend.

    Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Verschiebung.

    Denn Gesetze gegen Lichtverschmutzung existieren in Frankreich schon länger. Neu ist der politische Wille, sie ernst zu nehmen. Jahrzehntelang blieben viele Regeln eher dekorativ — wie Verkehrsschilder auf einsamen Landstraßen. Jetzt entdeckt die Justiz plötzlich ihre Durchsetzungskraft.

    Andere Städte dürften aufmerksam hinsehen. Marseille. Lyon. Nizza. Überall dort, wo nächtliche Helligkeit zum Stadtmarketing gehört, wächst nun das Risiko ähnlicher Verfahren. Das könnte Konflikte auslösen. Einzelhändler warnen bereits vor Sicherheitsproblemen und sinkender Attraktivität. Umweltverbände dagegen wittern einen historischen Hebel.

    Es geht längst nicht mehr nur um Lampen.

    Es geht um die Frage, welches Bild moderne Städte von sich selbst zeichnen möchten. Dauerbeleuchtet, konsumorientiert, permanent sichtbar? Oder bewusster, sparsamer, vielleicht sogar stiller?

    Wer nachts durch eine wirklich dunkle Straße läuft, merkt schnell: Dunkelheit besitzt eine eigene Würde. Geräusche verändern sich. Fassaden verschwinden. Der Himmel taucht wieder auf. Man sieht plötzlich Sterne über der Stadt — ein fast vergessenes Erlebnis. Verrückt eigentlich, oder?

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Urteils. Dass ausgerechnet eine Verwaltungsentscheidung über Schaufensterbeleuchtung etwas freilegt, das weit größer ist als Kommunalrecht. Einen kulturellen Stimmungswechsel.

    Die moderne Stadt lernt langsam, dass nicht jedes Licht Fortschritt bedeutet.

    Und dass eine Gesellschaft manchmal gerade dort vernünftig wird, wo sie bereit ist, das Neon auszuschalten.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Marseilles Mobilitätspolitik im Stresstest: Zwischen Benzinpreisschock und strukturellen Defiziten

    Marseilles Mobilitätspolitik im Stresstest: Zwischen Benzinpreisschock und strukturellen Defiziten

    Die jüngsten Vorschläge des Marseiller Bürgermeisters Benoît Payan zur Abfederung steigender Kraftstoffpreise werfen ein Schlaglicht auf ein tiefer liegendes Problem: die strukturellen Schwächen der urbanen Mobilität in Marseille. Was auf den ersten Blick wie eine pragmatische Reaktion auf einen kurzfristigen Preisschock erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als politisch aufgeladene Intervention in ein komplexes Geflecht institutioneller Zuständigkeiten und infrastruktureller Defizite. Ein politisches Signal in Zeiten steigender Kosten Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist die deutliche Verteuerung von Kraftstoffen, die insbesondere Pendler und einkommensschwächere Haushalte belastet. Payans Vorschlag, das Parken temporär kostenlos zu machen, zielt darauf ab, Autofahrern den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu erleichtern. Die Logik ist einfach: Wer sein Fahrzeug ohne zusätzliche Kosten abstellen kann, ist eher bereit, auf Metro, Tram oder Bus umzusteigen. Parallel …

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  • Frankreichs Rückzug bei Umweltzonen: Politische Korrektur oder strategische Kapitulation?

    Frankreichs Rückzug bei Umweltzonen: Politische Korrektur oder strategische Kapitulation?

    Die Abschaffung der französischen Umweltzonen markiert einen seltenen Moment offener politischer Schwäche der Regierung. Was als sozialpolitische Korrektur präsentiert wird, offenbart bei näherer Betrachtung ein strukturelles Problem der französischen Umweltpolitik: den schwierigen Ausgleich zwischen ökologischer Regulierung und sozialer Akzeptanz. Im Zentrum dieser Entwicklung steht Annie Genevard, die versucht, den entstandenen Widerspruch kommunikativ zu glätten. Ein politisches Signal gegen die Exekutive Die sogenannten zones à faibles émissions (ZFE) galten als eines der sichtbarsten Instrumente französischer Luftreinhaltepolitik. Ihre Abschaffung erfolgte jedoch nicht als Ergebnis eines strategischen Kurswechsels der Regierung, sondern gegen deren erklärten Willen. Dass das Parlament – getragen von einer heterogenen Mehrheit – dieses zentrale Instrument kassierte, stellt eine bemerkenswerte Verschiebung im institutionellen Kräfteverhältnis dar. Für die Exekutive ist dies mehr als…

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  • Symbolpolitik im Schatten der Wohnungsnot: Der Streit um das Anti-Räumungsdekret von Saint-Denis

    Symbolpolitik im Schatten der Wohnungsnot: Der Streit um das Anti-Räumungsdekret von Saint-Denis

    Der Konflikt um ein kommunales Dekret im Pariser Vorort Saint-Denis hat sich binnen weniger Tage zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Handlungsfähigkeit des Staates in der Wohnungskrise ausgeweitet. Was als lokale Maßnahme begann, berührt zentrale Fragen des französischen Staatsrechts, der sozialen Verantwortung und der politischen Kommunikation. Ein Dekret als politisches Signal Als der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, am 1. April 2026 ein Dekret unterzeichnete, das Zwangsräumungen ohne vorherige Sicherstellung einer alternativen Unterbringung bis Ende Oktober untersagt, war die Stoßrichtung eindeutig: Kein Mensch, keine Familie sollte unmittelbar nach Ablauf der Winterpause ohne konkrete Alternative auf die Straße gesetzt werden. Die Maßnahme ist in ihrer politischen Botschaft unmissverständlich. In einer strukturschwachen, von Wohnungsknappheit und sozialen Spannungen geprägten Kommune positioniert sich der Bürgermeister als unmittelbarer Schutzfaktor f…

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  • Macht, Geld und Identität: Der Parc des Princes wird zum politischen Prüfstein für Paris

    Macht, Geld und Identität: Der Parc des Princes wird zum politischen Prüfstein für Paris

    Mit dem Amtsantritt von Emmanuel Grégoire als Bürgermeister von Paris gewinnt ein festgefahrenes Dossier der französischen Hauptstadt neue Dynamik. Die mögliche Veräußerung des Parc des Princes an den Fußballklub Paris Saint-Germain ist mehr als eine immobilienpolitische Frage – sie berührt Grundfragen kommunaler Souveränität, wirtschaftlicher Rationalität und urbaner Identität. Grégoire hat sich früh festgelegt: Bis spätestens Ende Sommer 2026 soll eine Entscheidung fallen. Damit bricht er bewusst mit der Linie seiner Vorgängerin Anne Hidalgo, die einen Verkauf kategorisch ausgeschlossen hatte. Was sich zunächst wie eine technische Neuverhandlung darstellt, ist in Wahrheit ein politischer Richtungsentscheid mit Signalwirkung weit über Paris hinaus.

    Ein Stadion als Symbol politischer Selbstvergewisserung Der Parc des Princes ist kein gewöhnliches Stadion. Seit seiner Einweihung 1972 steht er für die sportliche und kulturelle Verankerung des Profifußballs im Herzen der französischen Ha…

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  • Ultras als politische Akteure: Wie Marseilles Fußballszene in den Wahlkampf eingreift

    Ultras als politische Akteure: Wie Marseilles Fußballszene in den Wahlkampf eingreift

    Die Grenzen zwischen Sport, städtischer Identität und politischer Mobilisierung verschwimmen in Marseille seit jeher. Mit dem Eingreifen der Ultras-Gruppe „South Winners“ in den Kommunalwahlkampf vom März 2026 erreicht diese Wechselwirkung eine neue Sichtbarkeit. Ihr Aufruf, im zweiten Wahlgang gegen das Rassemblement national zu stimmen, verweist auf die besondere politische Kultur der Hafenstadt – und auf die wachsende symbolische Bedeutung nichtstaatlicher Akteure im demokratischen Prozess. Ein Wahlaufruf aus der Kurve Am 18. März 2026 veröffentlichten die „South Winners“, eine der einflussreichsten Ultra-Gruppierungen von Olympique Marseille, eine klare politische Botschaft: Man rief dazu auf, beim zweiten Wahlgang der Kommunalwahlen am 22. März „für eine Blockade gegen das Rassemblement National“ zu stimmen. Der Appell richtete sich nicht nur an Fußballanhänger, sondern explizit an die Wählerschaft der Stadt insgesamt. Dieser Schritt markiert eine bewusste Grenzüberschreitung. Ult…

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  • Spannung bei den Kommunalwahlen: Paris und Marseille als politische Seismographen

    Spannung bei den Kommunalwahlen: Paris und Marseille als politische Seismographen

    Wenige Tage vor der zweiten Runde der französischen Kommunalwahlen am 22. März 2026 verdichtet sich die politische Spannung im Land. Zwei Städte stehen exemplarisch für die tektonischen Verschiebungen im Parteiensystem: Paris und Marseille. In beiden urbanen Zentren treffen fragmentierte Lager, taktische Allianzen und nationale Ambitionen aufeinander – mit Signalwirkung weit über die kommunale Ebene hinaus. Diese Wahlen werden als Vorbote für die Präsidentschaft 2027 gesehen.


    Paris: Fragmentierung im linken Lager – Chance für die Rechte

    In der Hauptstadt hat sich ein hochgradig volatiles Kräfteverhältnis herausgebildet. Nach dem ersten Wahlgang liegt der sozialistische Kandidat Emmanuel Grégoire mit rund 38 Prozent zwar vorne, verfehlt jedoch klar eine absolute Mehrheit. Seine Ausgangsposition ist damit alles andere als komfortabel.

    Herausforderin Rachida Dati profitiert von einer strategischen Neuaufstellung der bürgerlichen Rechten, die sich in Paris enger mit zentristischen Kräften verzahnt hat. Diese Allianz verleiht ihrem Lager eine Geschlossenheit, die der Linken derzeit fehlt.

    Zentral für die Dynamik der Stichwahl ist die Entscheidung der Kandidatin von La France insoumise, Sophia Chikirou, im Rennen zu bleiben. Ihre Weigerung, sich hinter Grégoire zu stellen, führt zu einer klassischen Dreieckskonstellation („triangulaire“), die insbesondere das linke Wählerpotenzial aufsplittert. Damit entsteht ein politisches Fenster, das der Rechten den Weg zur Macht öffnen könnte.

    Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin, bei dem wenige Prozentpunkte den Ausschlag geben könnten. Ein solcher Ausgang wäre bemerkenswert: Seit über zwei Jahrzehnten gilt Paris als verlässliche Hochburg der Linken. Ein Machtwechsel hätte daher nicht nur lokale, sondern erhebliche symbolische Bedeutung.

    Darüber hinaus wirft der Pariser Wahlkampf eine strategische Grundsatzfrage für das gesamte linke Spektrum auf: Ist eine Einigung zwischen moderaten Sozialisten und radikaler Linker unter den aktuellen politischen und ideologischen Spannungen überhaupt noch realistisch?


    Marseille: Fragmentierung und Sicherheitsdebatte als Katalysatoren

    Noch unübersichtlicher präsentiert sich die Lage in Marseille. Der erste Wahlgang endete nahezu unentschieden zwischen dem amtierenden Bürgermeister Benoît Payan und dem Kandidaten des Rassemblement national, Franck Allisio – beide lagen bei etwa 35 Prozent.

    Diese Konstellation eröffnet die Möglichkeit einer Viererkonstellation („quadrangulaire“) im zweiten Wahlgang, da neben den beiden führenden Kandidaten auch Listen der radikalen Linken sowie des politischen Zentrums im Rennen verbleiben könnten. In einem solchen Szenario gewinnen Stimmenübertragungen zwischen den Lagern entscheidend an Gewicht.

    Die politischen Rahmenbedingungen in Marseille begünstigen eine Zuspitzung. Themen wie organisierte Kriminalität, Drogenhandel und strukturelle Defizite in der Stadtverwaltung prägen seit Jahren die öffentliche Debatte. Der Rassemblement national knüpft gezielt an diese Problemlagen an und positioniert sich als Kraft der Ordnung und Sicherheit.

    Gleichzeitig verfügt Marseille über eine starke Tradition zivilgesellschaftlicher Mobilisierung und kultureller Diversität, die radikale politische Verschiebungen bislang häufig abgefedert hat. Ob diese Kräfte auch diesmal ausreichen, bleibt offen.

    Ein Sieg des Rassemblement National in der zweitgrößten Stadt Frankreichs käme einem politischen Erdbeben gleich. Er würde die lokale Verankerung der Partei deutlich stärken und ihre Ambitionen auf nationaler Ebene zusätzlich legitimieren.


    Nationale Dimension: Erosion traditioneller Lager

    Die Entwicklungen in Paris und Marseille sind keine isolierten Einzelfälle, sondern Ausdruck einer tiefergehenden Transformation des französischen Parteiensystems.

    Der Rassemblement National baut seine territoriale Präsenz kontinuierlich aus, insbesondere im Süden des Landes. Parallel dazu wirkt das linke Lager zunehmend zersplittert: Sozialisten, Grüne und Vertreter der radikalen Linken verfolgen unterschiedliche strategische Linien, die sich nur noch schwer in ein gemeinsames Bündnis überführen lassen.

    Die klassische bürgerliche Rechte befindet sich derweil in einer Phase der Neuorientierung. Punktuelle Kooperationen mit dem politischen Zentrum sollen verlorenes Terrain zurückgewinnen, während gleichzeitig eine klare Abgrenzung zur extremen Rechten gewahrt werden soll – ein Balanceakt, der mit wachsender politischer Polarisierung immer schwieriger wird.

    Diese Gemengelage wird zusätzlich durch das absehbare Ausscheiden von Präsident Emmanuel Macron aus dem politischen Zentrum verschärft. Sein Rückzug hinterlässt ein Machtvakuum, das bereits jetzt die strategischen Überlegungen aller politischen Akteure prägt.


    Entscheidende Faktoren der Stichwahl

    Die zweite Runde der Kommunalwahlen wird maßgeblich von drei Variablen bestimmt:

    Erstens: kurzfristige Allianzen. Insbesondere im linken Lager könnten taktische Rückzüge oder Unterstützungsaufrufe das Kräfteverhältnis noch verschieben.

    Zweitens: die Wahlbeteiligung. In großen Städten wie Paris und Marseille kann eine unterschiedliche Mobilisierung einzelner Wählergruppen den Ausschlag geben.

    Drittens: die Stimmenübertragungen. In einem fragmentierten Parteiensystem lassen sich diese nur schwer prognostizieren – sie hängen stark von lokalen Dynamiken und individuellen Kandidatenprofilen ab.


    Die bevorstehenden Stichwahlen markieren damit mehr als eine kommunale Entscheidung. Sie stehen exemplarisch für den Übergang von einem traditionellen Links-Rechts-Gegensatz hin zu einem fluiden, von strategischen Allianzen geprägten Parteiensystem. Paris und Marseille fungieren dabei als politische Seismographen: Ihre Ausschläge geben Hinweise auf die Kräfteverhältnisse von morgen. Noch ist das Ergebnis offen – doch gerade diese Ungewissheit macht den gegenwärtigen Moment zu einem der politisch aufgeladensten der jüngeren französischen Geschichte.

    Autor: P. Tiko

  • Pariser Kommunalwahl: Emmanuel Grégoire führt – doch das Rennen bleibt offen

    Pariser Kommunalwahl: Emmanuel Grégoire führt – doch das Rennen bleibt offen

    Wenige Tage vor den Kommunalwahlen in Paris zeichnet sich ein erstes, noch fragiles Kräfteverhältnis ab. Laut aktuellen Umfragen liegt der Sozialist Emmanuel Grégoire mit 35 Prozent der Stimmabsichten im ersten Wahlgang deutlich vor der konservativen Herausforderin Rachida Dati, die auf 27 Prozent kommt. Das Ergebnis signalisiert eine relative Stärke des linken Lagers in der Hauptstadt – doch angesichts der französischen Mehrheitswahl mit zwei Wahlgängen ist die Entscheidung damit keineswegs gefallen. Ein bekannter Name in neuer Rolle Emmanuel Grégoire, bislang als Erster Stellvertreter der amtierenden Bürgermeisterin Anne Hidalgo tätig, ist im Pariser Rathaus kein Unbekannter. Der 1978 geborene Politiker gilt als einer der Architekten der städtischen Reformagenda der vergangenen Jahre. Unter seiner Mitwirkung wurden ambitionierte Projekte zur Verkehrsberuhigung, zur Ausweitung von Radwegen und zur ökologischen Transformation der Stadt vorangetrieben. Mit 35 Prozent liegt Grégoire im e…

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  • Paris und die Rattenfrage: Ausrotten oder Koexistieren?

    Paris und die Rattenfrage: Ausrotten oder Koexistieren?

    Sie huschen durch die Dämmerung, entlang der Seine, über frisch gepflegte Rasenflächen, manchmal sogar durch Treppenhäuser alter Mietshäuser. In Paris sind Ratten längst mehr als ein hygienisches Randthema. Sie haben sich ins politische Zentrum vorgearbeitet – ausgerechnet jetzt, da die nächste Kommunalwahl näher rückt. Was tun mit ihnen? Radikal ausrotten? Oder lernen, mit ihnen zu leben? Hinter der emotional aufgeladenen Debatte verbirgt sich weit mehr als Ekel oder Empörung. Es geht um Müllpolitik, Stadtplanung, das Verhältnis zur Natur – und um die Frage, wie eine Metropole im 21. Jahrhundert regiert werden soll. Alte Mitbewohner, neue Sichtbarkeit Ratten sind in Paris keine Neuankömmlinge. Die dichte Bebauung, ein weit verzweigtes Kanalsystem und die Seine als Lebensader schaffen ideale Bedingungen für die braune Wanderratte, wissenschaftlich Rattus norvegicus genannt. Wer glaubt, man könne ihre Zahl leicht eindämmen, unterschätzt ihre Anpassungsfähigkeit. Entscheidend für ihre Ve…

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