Schlagwort: soziale Medien

  • Wenn der Klick bezahlt, gedeiht auch die Lüge

    Wenn der Klick bezahlt, gedeiht auch die Lüge

    Auf YouTube, Facebook oder TikTok muss ein Video nicht wahr sein, um Geld einzubringen. Es muss vor allem eines schaffen: Aufmerksamkeit erzeugen und möglichst lange festhalten.

    Genau hier liegt der Kern des Problems. Die großen sozialen Plattformen leben von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit. Aufrufe, Wiedergabezeit, Kommentare, Reaktionen und geteilte Beiträge signalisieren, welche Inhalte beim Publikum ankommen. Wer besonders viele Menschen erreicht, erhält mehr Sichtbarkeit und über verschiedene Vergütungsmodelle teilweise auch höhere Einnahmen.

    Auf den ersten Blick erscheint diese Mechanik politisch neutral.

    Doch im täglichen Kampf um Sekunden und Klicks treten nicht alle Inhalte mit denselben Waffen an. Eine sachliche Erklärung voller Nuancen konkurriert mit einem Video, das eine angebliche politische Katastrophe ankündigt, eine Verschwörung enthüllt oder behauptet, das Land stehe kurz vor dem Untergang. Wer gewinnt diesen Wettstreit um Aufmerksamkeit?

    Oft derjenige, der lauter schreit.

    Wut, Angst, Empörung und Überraschung lösen starke Reaktionen aus. Genau solche Reaktionen zählen in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Ein Klick führt zum nächsten, Kommentare treiben Diskussionen an, empörte Nutzer teilen einen Beitrag mit Freunden. Selbst Menschen, die einen Inhalt ablehnen, tragen durch ihre Reaktion mitunter zu dessen Reichweite bei.

    Das schafft einen wirtschaftlichen Anreiz für zugespitzte und sensationelle Veröffentlichungen. Darunter befinden sich auch manipulierte Bilder, falsche Behauptungen, aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen und inzwischen täuschend echt wirkende Inhalte aus künstlicher Intelligenz.

    Akteure aus dem rechtsextremen und extrem rechten Spektrum nutzen diese Mechanismen teilweise ausgesprochen geschickt. Emotional aufgeladene Erzählungen über Migration, Kriminalität, politische Eliten oder einen vermeintlichen gesellschaftlichen Niedergang eignen sich hervorragend für kurze Videos und provokante Beiträge. Eine komplizierte politische Entwicklung passt selten in 30 Sekunden. Eine dramatische Behauptung dagegen schon.

    Das ist, salopp gesagt, ziemlich perfektes Futter für den Algorithmus.

    Trotzdem wäre die Aussage, YouTube, Facebook und TikTok förderten gezielt falsche rechtsextreme Inhalte, zu pauschal. Dafür fehlt ein eindeutiger Nachweis.

    Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Systeme belohnen Aufmerksamkeit. Welche politische Richtung diese Aufmerksamkeit erzeugt, spielt für die grundlegende wirtschaftliche Logik zunächst keine entscheidende Rolle. Auch linksextreme, verschwörungsideologische, populistische oder völlig unpolitische Falschinformationen profitieren grundsätzlich davon, wenn sie starke Reaktionen hervorrufen.

    Rechtsextreme Netzwerke verstehen es allerdings häufig, diese Spielregeln für ihre Zwecke auszunutzen.

    Besonders deutlich zeigt sich das bei TikTok. In mehreren europäischen Ländern gelang es extrem rechten Parteien, Aktivisten und teilweise offen neonazistischen Netzwerken, mit kurzen, emotionalen Videos große Reichweiten aufzubauen. Deutschland und Rumänien lieferten dafür auffällige Beispiele. Das beweist jedoch noch keine ideologische Bevorzugung durch TikTok. Es zeigt vielmehr, wie wirkungsvoll politische Akteure ein Empfehlungssystem nutzen, dessen zentrale Währung Aufmerksamkeit lautet.

    Ähnlich kompliziert sieht die Lage bei YouTube aus. Seit Jahren beschäftigt die Forschung die Frage, ob Empfehlungen Nutzer Schritt für Schritt zu immer extremeren Videos führen. Einige Untersuchungen fanden entsprechende Hinweise. Andere kamen zu dem Ergebnis, dass persönliche Interessen und bereits vorhandene politische Einstellungen einen erheblichen Teil dieses Effekts erklären.

    Was also passiert zuerst: Formt der Algorithmus die politische Haltung oder sucht sich der Nutzer genau jene Inhalte, die seine bestehende Weltsicht bestätigen?

    Darauf gibt es bislang keine einfache Antwort.

    Klarer erscheint dagegen der wirtschaftliche Zusammenhang. Solange extreme, irreführende oder schlicht erfundene Inhalte hohe Reichweiten erzielen und nicht entfernt oder von der Monetarisierung ausgeschlossen sind, besteht die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen. Aus Empörung entsteht Reichweite, aus Reichweite entsteht wirtschaftlicher Wert — und damit schließt sich der Kreis.

    Die präzisere Aussage lautet deshalb: Die Vergütungssysteme von YouTube, Facebook und TikTok bevorzugen Inhalte mit starkem Engagement. Dieses Geschäftsmodell kann die Verbreitung und wirtschaftliche Attraktivität falscher oder sensationeller Inhalte begünstigen. Davon profitieren auch Akteure der extremen Rechten, die solche Mechanismen besonders wirkungsvoll einsetzen.

    Das ist ein entscheidender Unterschied. Nicht eine nachgewiesene politische Vorliebe der Plattformen steht im Mittelpunkt, sondern ein System, in dem Aufmerksamkeit Geld bedeutet. Wer Empörung produziert, besitzt darin einen Wettbewerbsvorteil.

    Und manchmal läuft die Lüge dabei schneller als die Wahrheit.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Der Präsident im Hochformat: Wie TikTok Frankreichs Wahlkampf verändert

    Der Präsident im Hochformat: Wie TikTok Frankreichs Wahlkampf verändert

    Frankreichs nächster Präsident oder seine nächste Präsidentin wird nicht auf TikTok gewählt. Aber es könnte immer schwieriger werden, den Élysée-Palast zu erobern, ohne zuvor die Mechanismen von TikTok verstanden zu haben. Was vor wenigen Jahren noch als Unterhaltungsplattform für Teenager galt, ist vor der Präsidentschaftswahl 2027 zu einem politischen Schauplatz geworden. Hier werden Kandidaten bekannt, Botschaften getestet, Gegner karikiert und Themen in die öffentliche Debatte gedrückt.

    Das Neue daran ist nicht, dass Politiker soziale Netzwerke benutzen. Das taten sie bereits auf Facebook, Twitter und Instagram. Neu ist vielmehr die Macht eines Systems, in dem der Nutzer nicht mehr hauptsächlich entscheidet, wem er folgt. Der Algorithmus entscheidet, was der Nutzer sieht.

    Damit verändert sich mehr als politische Kommunikation. Es verändert sich die Logik des Wahlkampfs.

    Der Algorithmus wird zum unsichtbaren Redaktor

    Das Fernsehen verlangte von Politikern, telegen zu sein. Twitter belohnte die zugespitzte Formulierung. TikTok verlangt etwas anderes: sofortige Aufmerksamkeit.

    Eine politische Botschaft muss innerhalb weniger Sekunden funktionieren. Sie braucht keinen langen Vorlauf, keine Parteigeschichte und häufig nicht einmal einen politischen Zusammenhang. Entscheidend ist, ob ein Video den Nutzer davon abhält, mit dem Daumen weiterzuwischen.

    Das verschafft TikTok eine besondere politische Bedeutung. Ein Kandidat benötigt dort nicht zwingend eine über Jahrzehnte aufgebaute Parteiorganisation oder bereits Millionen Anhänger. Das Empfehlungssystem kann auch Inhalte bislang wenig bekannter Akteure einem sehr grossen Publikum präsentieren.

    Für Wahlkampfstäbe bedeutet dies eine grundlegende Umstellung. Eine Rede ist nicht mehr nur eine Rede. Sie ist Rohmaterial für zehn oder zwanzig kurze Videos. Ein Fabrikbesuch ist zugleich eine Kulisse. Ein Streitgespräch liefert Clips. Ein Zwischenruf kann wertvoller werden als die vorbereitete Antwort.

    Der Wahlkampf wird damit zunehmend «mobile first» gedacht: zuerst das Smartphone, danach der Rest.

    Frankreichs Politiker werden zu Produzenten

    Frankreich bietet für diese Entwicklung besonders günstige Voraussetzungen. Seine politische Kultur war schon immer stark personalisiert. Die Verfassung der Fünften Republik stellt den Präsidenten ins Zentrum des politischen Systems; die Direktwahl seit 1962 verstärkte diesen Charakter zusätzlich.

    TikTok treibt diese Personalisierung nun weiter.

    Jordan Bardella gehört zu jenen französischen Politikern, die früh verstanden haben, wie wirkungsvoll kurze, visuell präzise inszenierte Inhalte sein können. Jean-Luc Mélenchon wiederum nutzt digitale Plattformen seit Jahren, um klassische Medien teilweise zu umgehen und seine Anhängerschaft unmittelbar anzusprechen. Auch Emmanuel Macron hat während seiner Präsidentschaft TikTok als Kommunikationskanal genutzt.

    Doch die Plattform verlangt mehr als die digitale Verbreitung traditioneller Politik. Wer lediglich eine dreiminütige Fernsehansprache hochlädt, hat ihre Mechanik nicht verstanden.

    Erfolgreich sind Szenen aus dem Alltag, pointierte Antworten, humoristische Sequenzen, Blicke hinter die Kulissen und scheinbar spontane Begegnungen. Politiker erscheinen nicht mehr nur als Amtsträger oder Parteiführer. Sie werden zu Figuren eines fortlaufenden digitalen Erzählformats.

    Darin liegt eine eigentümliche Ironie: Je professioneller diese vermeintliche Spontaneität produziert wird, desto authentischer soll sie wirken.

    Die Generation des Wischens

    Die Parteien haben einen guten Grund, sich darauf einzulassen. Für einen wachsenden Teil jüngerer Bürger sind soziale Plattformen nicht bloss Orte der Unterhaltung, sondern Zugänge zur Nachrichtenwelt.

    Das verändert die politische Sozialisation.

    Frühere Generationen begegneten Politik häufig in der Abendzeitung, den Radionachrichten oder im «20 heures». Dort entschieden Redaktionen über die Reihenfolge der Themen. Beiträge besassen Anfang und Ende, und unterschiedliche Positionen konnten zumindest theoretisch nebeneinander dargestellt werden.

    Auf TikTok existiert diese gemeinsame Dramaturgie kaum noch. Zwei französische Wähler können am selben Abend eine halbe Stunde politische Inhalte konsumieren und dabei nahezu vollständig verschiedene Wirklichkeiten sehen.

    Die politische Öffentlichkeit zerfällt damit nicht einfach in links und rechts. Sie zerfällt in Tausende algorithmisch zusammengestellte Öffentlichkeiten.

    Das ist für Wahlkämpfer verführerisch. Ein 22-jähriger Erstwähler kann erreicht werden, ohne dass er jemals bewusst nach einem bestimmten Kandidaten gesucht hat. Die Politik kommt zu ihm.

    Emotion schlägt Haushaltsrecht

    Hier beginnt das demokratische Problem.

    Ein Algorithmus besitzt keine politische Überzeugung. Er möchte Aufmerksamkeit binden. Doch Aufmerksamkeit ist politisch keineswegs neutral.

    Empörung, Überraschung, Angst, Humor und Konflikt lassen sich schneller vermitteln als die Finanzierung des Rentensystems oder die institutionellen Feinheiten der Europäischen Union. Eine wütende Reaktion benötigt fünfzehn Sekunden. Eine seriöse Erklärung des französischen Haushaltsdefizits erheblich länger.

    Die ökonomische Logik der Plattform erzeugt deshalb einen strukturellen Vorteil für Emotionalisierung und Vereinfachung.

    Das betrifft keineswegs nur populistische Parteien. Politiker fast aller politischen Lager passen ihre Kommunikation an dieselben Anreizsysteme an. Wer differenziert argumentiert, riskiert, übersehen zu werden. Wer verkürzt, wird womöglich millionenfach abgespielt.

    Das bedeutet nicht, dass TikTok zwangsläufig Extremismus produziert. Es bedeutet jedoch, dass die Plattform Eigenschaften belohnt, von denen politische Polarisierung profitieren kann.

    Virale Reichweite ist noch keine Mehrheit

    Dabei wäre es ein Fehler, digitale Popularität mit Wahlerfolg gleichzusetzen.

    Ein Video mit zwei Millionen Aufrufen ergibt keine zwei Millionen Stimmen. TikTok-Nutzer sind keine repräsentative Stichprobe der französischen Bevölkerung. Reichweite kann durch Wiederholungen, internationale Zuschauer oder Nutzer ohne Wahlrecht entstehen. Auch Anhänger politischer Gegner tragen durch Kommentare und empörtes Teilen zur Verbreitung eines Beitrags bei.

    Die entscheidende Wirkung TikToks liegt deshalb möglicherweise weniger in der direkten Überzeugung von Wählern als in seiner Fähigkeit, die politische Tagesordnung zu beeinflussen.

    Ein Clip wird viral. Journalisten greifen ihn auf. Nachrichtensender diskutieren ihn. Politiker reagieren darauf. Andere Plattformen verbreiten die Reaktionen. Innerhalb weniger Stunden kann aus einer Smartphone-Aufnahme ein nationales Thema werden.

    Damit verschiebt sich die klassische Hierarchie politischer Kommunikation. Früher gelangte eine Aussage aus einer Parteizentrale über Journalisten zum Publikum. Heute kann sie vom Smartphone eines Mitarbeiters über TikTok in die Fernsehnachrichten gelangen.

    Das soziale Netzwerk wird damit nicht zum Ersatz der traditionellen Medien. Es wird zu deren Themenlieferant.

    Die rumänische Warnung

    Wie problematisch diese Macht werden kann, zeigte die rumänische Präsidentschaftswahl von 2024. Nach Hinweisen auf koordinierte Einflussaktivitäten und mögliche ausländische Interventionen geriet insbesondere TikTok in den Fokus der europäischen Behörden.

    Die Europäische Kommission eröffnete im Dezember 2024 ein formelles Verfahren und untersuchte unter anderem, ob TikTok seine Verpflichtungen nach dem Digital Services Act bei der Bewertung und Eindämmung von Risiken für die Integrität von Wahlen ausreichend erfüllt hatte. Im Mittelpunkt standen auch Empfehlungssysteme, koordinierte unauthentische Aktivitäten und politisch relevante Inhalte.

    Der Fall veränderte die europäische Diskussion. Seitdem geht es nicht mehr allein um Desinformation im klassischen Sinne. Die schwierigere Frage lautet, ob die Architektur einer Plattform selbst manipuliert werden kann.

    Frankreich nimmt diese Gefahr ernst. Die staatliche Stelle Viginum, die ausländische digitale Einflussoperationen untersucht, berichtete nach den Kommunalwahlen vom März 2026 von vier ausländischen digitalen Einmischungsoperationen. Bei einer von Viginum analysierten Kampagne wurden koordinierte Aktivitäten unter anderem auf TikTok, Instagram, Facebook und X festgestellt.

    Die Präsidentschaftswahl 2027 wird deshalb nicht nur eine politische, sondern auch eine sicherheitspolitische Herausforderung sein.

    Regulierung löst das Grundproblem nicht

    Europa verfügt mit dem Digital Services Act inzwischen über ein Instrument, das sehr grosse Plattformen verpflichtet, systemische Risiken zu untersuchen und Gegenmassnahmen zu treffen. Das ist notwendig. Es beantwortet aber nicht die zentrale demokratische Frage.

    Denn das eigentliche Problem beginnt lange vor der illegalen Manipulation.

    Was geschieht mit einer Demokratie, wenn politische Kommunikation immer stärker nach Kriterien optimiert wird, die private Empfehlungssysteme festlegen?

    Die Algorithmen entscheiden nicht, wer Präsident Frankreichs wird. Aber sie entscheiden zunehmend darüber, welcher Kandidat sichtbar wird, welche Aussage verbreitet wird und welcher Konflikt genügend Aufmerksamkeit erhält, um überhaupt als politisches Ereignis wahrgenommen zu werden.

    Diese Macht ist subtiler als Zensur. Niemand muss eine politische Position verbieten. Es genügt, andere Inhalte häufiger zu empfehlen.

    Die neue Inszenierung des Politischen

    Man sollte TikTok dennoch nicht nur als Bedrohung betrachten. Die Plattform senkt auch Zugangshürden. Politiker können Bürger erreichen, die kaum noch eine Zeitung lesen oder politische Fernsehsendungen verfolgen. Komplexe Themen können anschaulich erklärt werden. Junge Menschen können unmittelbar Fragen stellen, widersprechen und politische Inhalte selbst verbreiten.

    Auch darin liegt demokratisches Potenzial.

    Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Politik auf TikTok stattfinden sollte. Sie findet dort längst statt. Entscheidend ist, welche Politik daraus entsteht.

    Die Präsidentschaftswahl 2027 dürfte zeigen, wie weit die Transformation bereits fortgeschritten ist. Wahlkampfveranstaltungen werden weiterhin Tausende Menschen versammeln. Fernsehdebatten werden weiterhin Millionen Zuschauer erreichen. Parteiprogramme werden weiterhin Hunderte Seiten umfassen.

    Doch zunehmend werden all diese Formate auch danach beurteilt, was sich aus ihnen für einen Smartphone-Bildschirm herausschneiden lässt.

    Vielleicht besteht darin die tiefste Veränderung. Politik musste schon immer Aufmerksamkeit erzeugen. Nun wird Aufmerksamkeit selbst zur messbaren Währung des politischen Wettbewerbs.

    Frankreichs künftiger Präsident oder die künftige Präsidentin wird am Ende von Bürgern gewählt, nicht von einem Algorithmus. Aber auf dem Weg zur Wahlurne könnte dieser Algorithmus erheblichen Einfluss darauf haben, welche Kandidaten diese Bürger wahrnehmen, welche Themen sie beschäftigen und welche Bilder ihnen im Gedächtnis bleiben.

    Die Republik bekommt damit keinen digitalen Souverän. Wohl aber einen neuen, unsichtbaren Vermittler ihrer politischen Öffentlichkeit. Und niemand kann derzeit mit Sicherheit sagen, wie mächtig dieser Vermittler 2027 sein wird.

    Christine Macha

  • Frankreich macht das Handy zur Schulsache: In zwei Minuten sind die Smartphones weg

    Frankreich macht das Handy zur Schulsache: In zwei Minuten sind die Smartphones weg

    „In zwei Minuten habe ich alle Schüler unter Kontrolle.“ Ein Satz, der zunächst nach strenger Disziplin, digitaler Überwachung oder gar einer neuen Kontrollsoftware klingt. Tatsächlich steckt dahinter etwas weit weniger Futuristisches: eine technische und zugleich erstaunlich handfeste Lösung, mit der französische Schulen Smartphones während des Schultags aus dem Verkehr ziehen.

    Im Mittelpunkt steht das Konzept „Portable en pause“, auf Deutsch sinngemäß „Handy auf Pause“. Es wurde seit dem Schuljahr 2025/26 schrittweise an französischen Collèges eingeführt und inzwischen ausgeweitet. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Das Smartphone bleibt zwar bei seinem Besitzer, steht ihm während des Unterrichts und teilweise auch in den Pausen jedoch nicht zur Verfügung.

    Dafür legen Schülerinnen und Schüler ihr Mobiltelefon am Morgen entweder in eine spezielle verschließbare Hülle oder geben es in einen gesicherten Schrank. Bei der Hüllenlösung sorgt eine magnetische Verriegelung dafür, dass das Gerät zwar mitgeführt, aber nicht ohne Weiteres herausgenommen werden kann.

    Der entscheidende Punkt: Die nötige Entriegelungsvorrichtung befindet sich in den Händen der Lehrkräfte oder der Schulleitung. Am Ende des Schultags lassen sich die Hüllen wieder öffnen, ebenso in Situationen, in denen ein Zugriff auf das Telefon erforderlich ist. Auf diese Weise lassen sich die Geräte einer ganzen Schülergruppe innerhalb kurzer Zeit praktisch stilllegen. Daher stammt die zugespitzte Aussage, man habe „alle Schüler in zwei Minuten unter Kontrolle“.

    Mit digitaler Fernsteuerung hat das nichts zu tun.

    Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine App, mit der eine Schule private Smartphones aus der Ferne sperrt oder deren Inhalte kontrolliert. Auch wenn gelegentlich verkürzt von einer „Anwendung“ gesprochen wird, basiert das Verfahren auf einer physischen Sperre mit zentraler Entriegelungsmöglichkeit. Das Smartphone funktioniert weiterhin – sein Besitzer kommt schlicht nicht heran. Ziemlich analog für ein digitales Problem.

    Frankreich verfolgt damit ein größeres bildungspolitisches Ziel. Smartphones gelten im Schulalltag zunehmend als Störfaktor: Eine Nachricht hier, ein Video dort, schnell noch ein Blick auf soziale Netzwerke – und schon wandert die Aufmerksamkeit vom Unterricht auf den Bildschirm.

    Die Regierung verbindet die Handyfreiheit deshalb mit der Hoffnung auf bessere Konzentration und weniger Ablenkung. Zugleich soll Cybermobbing während der Schulzeit erschwert werden. Auch die Pausen geraten in den Blick. Statt nebeneinander auf Displays zu starren, sollen Jugendliche wieder stärker miteinander sprechen, spielen, diskutieren oder eben einfach gemeinsam herumalbern.

    Seit dem Schuljahr 2026 gilt in Frankreich grundsätzlich eine schulweite Handyfreiheit von der Grundschule bis zum Lycée. Wie diese praktisch umgesetzt wird, entscheiden die Schulen selbst. Verschließbare Hüllen sind dabei nur eine Möglichkeit. Ebenso kommen Schließfächer, Sammelstellen oder andere organisatorische Lösungen infrage.

    Frankreich setzt damit nicht auf digitale Totalüberwachung, sondern auf eine bemerkenswert simple Idee: Das Handy bleibt da – aber der Zugriff macht Pause.

    Daniel Ivers

  • Zwei Stunden Instagram am Tag: Warum Metas neue Jugendregeln auch Frankreich unter Druck setzen

    Zwei Stunden Instagram am Tag: Warum Metas neue Jugendregeln auch Frankreich unter Druck setzen

    Zwei Stunden am Tag, dann ist Schluss. Keine sichtbaren „Likes“, weniger Benachrichtigungen während der Schulzeit, eine digitale Nachtruhe zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens und strengere Alterskontrollen: Was Meta für jugendliche Nutzer in den Vereinigten Staaten zusagt, liest sich wie ein bemerkenswerter Kurswechsel in einer Branche, deren Geschäftsmodell lange davon lebte, Menschen möglichst oft und möglichst lange vor dem Bildschirm zu halten.

    Doch wer nun erwartet, dass französische Jugendliche schon bald nach zwei Stunden Instagram oder Facebook vor einer digitalen Schranke stehen, dürfte enttäuscht werden. Die neuen amerikanischen Regeln besitzen zunächst eine sehr klare geografische Grenze.

    Sie gelten nur in den Vereinigten Staaten.

    Der Grund liegt weniger in der Technik als im Recht. Die Einschränkungen gehen auf eine gerichtliche Einigung zurück, die Meta mit 48 amerikanischen Bundesstaaten geschlossen hat. Sie entstand aus einem spezifischen Rechtsstreit und verpflichtet den Konzern dazu, Facebook und Instagram für amerikanische Nutzer zwischen 13 und 17 Jahren anders zu gestalten.

    Für Frankreich oder die übrige Europäische Union entfaltet diese Vereinbarung keine unmittelbare Rechtswirkung.

    Das klingt zunächst eindeutig. Und doch beginnt genau an dieser Stelle die politisch interessantere Geschichte.

    Denn die Frage lautet längst nicht mehr allein, ob amerikanisches Recht in Frankreich gilt – natürlich tut es das in diesem Fall nicht. Entscheidend ist vielmehr, ob ein weltweit tätiger Konzern auf Dauer erklären kann, warum ein 14-Jähriger in Boston stärkere Schutzmechanismen erhält als eine 14-Jährige in Bordeaux, Lyon oder Paris.

    Diese Debatte dürfte Meta noch beschäftigen.

    Nach den amerikanischen Vorgaben soll die gemeinsame tägliche Nutzung von Facebook und Instagram für Jugendliche auf zwei Stunden begrenzt sein. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens soll der Zugang blockiert werden. Die Zahl der sichtbaren Reaktionen verliert ebenfalls an Bedeutung, weil die „Like“-Zähler standardmäßig verborgen bleiben sollen. Während der Schulzeit sollen weniger Benachrichtigungen auf den Geräten erscheinen, zugleich sollen Alterskontrollen strenger ausfallen.

    Jede dieser Maßnahmen berührt einen empfindlichen Punkt der sozialen Netzwerke: Aufmerksamkeit.

    Benachrichtigungen locken zurück in die App, sichtbare Zustimmung erzeugt sozialen Wettbewerb, endlos verfügbare Inhalte verlängern die Nutzungsdauer. Wer diese Mechanismen einschränkt, verändert nicht bloß einige Einstellungen in einem Menü. Er greift in die Architektur jener digitalen Gewohnheiten ein, die über Jahre hinweg entstanden sind.

    Und da wird es für Europa spannend.

    Großbritannien hat bereits öffentlich die Frage aufgeworfen, weshalb britische Jugendliche weniger geschützt sein sollten als amerikanische. Hinter dieser scheinbar einfachen Überlegung steckt ein politisch wirkungsvolles Argument. Sobald ein Unternehmen technisch beweist, dass strengere Schutzmaßnahmen möglich sind, lässt sich andernorts schwerer behaupten, vergleichbare Regeln seien unpraktikabel.

    Frankreich bewegt sich ohnehin seit geraumer Zeit in dieselbe Richtung. Der Schutz Minderjähriger im Internet gehört zu jenen Themen, bei denen der politische Ton merklich schärfer geworden ist. Altersüberprüfungen, Zugangsbeschränkungen für jüngere Nutzer und eine größere Verantwortung der Plattformbetreiber stehen im Mittelpunkt der französischen Debatte.

    Der Grundkonflikt reicht allerdings tiefer als die Frage, ob zwei Stunden besser sind als drei.

    Frankreich und Europa ringen um eine grundsätzliche Antwort darauf, wie viel Verantwortung Plattformen für das Verhalten ihrer minderjährigen Nutzer tragen. Jahrzehntelang lag ein großer Teil dieser Verantwortung faktisch bei Eltern und Jugendlichen selbst. Die Plattform stellte das Produkt bereit, der Nutzer sollte vernünftig damit umgehen.

    Dieses Prinzip gerät ins Wanken.

    Mit dem Digital Services Act verfügt die Europäische Union bereits über ein Instrument, das große Plattformen wesentlich stärker in die Verantwortung nimmt. Die Europäische Kommission untersucht Meta zudem im Zusammenhang mit dem Schutz Minderjähriger und mit Gestaltungsmechanismen, die problematische oder suchtähnliche Nutzung fördern könnten.

    Europa braucht deshalb keine Kopie eines amerikanischen Vergleichs, um Meta unter Druck zu setzen. Der regulatorische Weg ist ein anderer, das Ziel ähnelt sich jedoch: Minderjährige sollen nicht wie gewöhnliche erwachsene Nutzer behandelt werden, wenn Produkte gezielt ihre Aufmerksamkeit binden.

    Für Meta entsteht daraus ein interessantes Dilemma.

    Der Konzern könnte dauerhaft unterschiedliche Systeme betreiben: zwei Stunden hier, andere Einstellungen dort, strengere Alterskontrollen in einem Land und lockerere Vorgaben im nächsten. Technisch ist das machbar. Politisch sieht die Sache schwieriger aus.

    Denn unterschiedliche Jugendschutzstandards lassen sich schlecht erklären, sobald sie öffentlich miteinander verglichen werden. Warum sollte eine Funktion, die einem amerikanischen Jugendlichen zugemutet beziehungsweise zu seinem Schutz vorgeschrieben wird, für einen französischen Jugendlichen ungeeignet sein?

    Genau diese Frage dürfte künftig häufiger gestellt werden.

    Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Faktor. Globale Plattformen bevorzugen grundsätzlich standardisierte Produkte, solange lokale Gesetze keine Abweichungen erzwingen. Ein Flickenteppich nationaler Regelungen kostet Entwicklungsarbeit, verlangt zusätzliche Kontrollen und schafft kommunikative Risiken. Was heute eine amerikanische Sonderlösung darstellt, könnte deshalb irgendwann zum internationalen Standard mutieren.

    Meta hat diesen Weg bereits bei Schutzfunktionen für Jugendliche eingeschlagen. Die sogenannten „Teen Accounts“ wurden schrittweise in verschiedenen Ländern eingeführt. Ein zunächst regional begrenztes Konzept muss also keineswegs regional bleiben.

    Allerdings wäre es voreilig, aus dem amerikanischen Vergleich bereits eine französische Zwei-Stunden-Regel abzuleiten.

    Eine automatische Übertragung gibt es nicht. Französische Jugendliche müssen derzeit nicht deshalb mit identischen Einschränkungen rechnen, weil sich Meta mit amerikanischen Bundesstaaten geeinigt hat. Dafür bräuchte es entweder eine freiwillige Entscheidung des Unternehmens oder entsprechende europäische beziehungsweise französische Vorgaben.

    Doch politische Entscheidungen entstehen selten im luftleeren Raum. Sie brauchen Beispiele, Präzedenzfälle und den Nachweis, dass eine Forderung praktisch umsetzbar ist. Genau diesen Nachweis liefern die Vereinigten Staaten nun.

    Damit verschiebt sich die Debatte.

    Bislang konnten Plattformbetreiber bei besonders weitgehenden Forderungen auf technische Schwierigkeiten, Nutzerinteressen oder komplizierte Alterskontrollen verweisen. Sobald dieselben Unternehmen entsprechende Systeme auf einem ihrer größten Märkte tatsächlich betreiben, verliert dieses Argument an Kraft. Salopp gesagt: Wenn es in Amerika geht, wird Europa ziemlich schnell fragen, warum es hier nicht gehen soll.

    Ob zwei Stunden täglich tatsächlich die richtige Grenze darstellen, bleibt eine andere Frage. Jugendschutz lässt sich schließlich nicht auf eine Stoppuhr reduzieren. Ein Jugendlicher, der zwei Stunden mit Freunden kommuniziert, nutzt soziale Medien anders als jemand, der dieselbe Zeit in einer algorithmischen Endlosschleife verbringt.

    Die eigentliche Bedeutung der amerikanischen Regelung liegt deshalb nicht bei exakt 120 Minuten.

    Sie liegt im Prinzip dahinter: Die Gestaltung sozialer Netzwerke für Minderjährige gilt zunehmend nicht mehr als reine unternehmerische Entscheidung. Regierungen und Aufsichtsbehörden beanspruchen Mitsprache darüber, wie Plattformen Aufmerksamkeit erzeugen, welche Schutzmechanismen voreingestellt sind und wie zuverlässig das Alter ihrer Nutzer geprüft wird.

    Für Frankreich bedeutet das vorerst keine neue Instagram-Sperre nach zwei Stunden. Aber der politische Wind dreht sich deutlich.

    Was heute amerikanische Sonderregel ist, könnte morgen europäischer Maßstab sein.

    Andreas M. Brucker

  • Schulstart in Frankreich verschoben? Was hinter den TikTok-Gerüchten steckt

    Schulstart in Frankreich verschoben? Was hinter den TikTok-Gerüchten steckt

    Kurz vor dem Ende der Sommerferien sorgt eine Nachricht in sozialen Netzwerken für Unruhe: Angeblich soll der Schulbeginn in Frankreich verschoben worden sein. Auf TikTok kursieren Videos, die von mehreren Tagen, teilweise sogar mehreren Wochen Verzögerung sprechen. Für Eltern, Schülerinnen und Schüler klingt das zunächst nach einer ziemlich großen Sache.

    Doch die vermeintliche Nachricht hat einen entscheidenden Haken: Sie stimmt nicht.

    Nach aktuellem Stand gibt es keine allgemeine Verschiebung des Schulbeginns in Frankreich. Die zahlreichen Beiträge, die derzeit etwas anderes behaupten, verbreiten eine Falschinformation. Eine entsprechende Entscheidung der zuständigen französischen Behörden liegt nicht vor.

    Dabei wirken manche Beiträge auf den ersten Blick erstaunlich glaubwürdig. Videos treten mit selbstbewusstem Nachrichtenton auf, präsentieren vermeintliche Schreiben von Behörden oder zeigen Bildschirmaufnahmen angeblich offizieller Internetseiten. Genau darin liegt die Stärke solcher Gerüchte: Ein Stück Papier mit Logo, ein seriös klingender Sprecher und ein paar administrative Formulierungen reichen im schnellen Strom sozialer Medien oft aus, um Zweifel zu säen.

    Und schon läuft die Sache.

    Neu ist dieses Muster keineswegs. Bereits 2023 verbreitete sich auf TikTok eine nahezu identische Behauptung. Damals hieß es, Frankreich verschiebe den Schulbeginn auf den 18. September. Auch diese Nachricht erwies sich als falsch. Hinter dem Beitrag stand keine überraschende Entscheidung der Regierung, sondern ein TikTok-Video, das Aufmerksamkeit erzeugen und zugleich eine Anwendung bewerben sollte. Die französische Regierung dementierte die Behauptung seinerzeit offiziell.

    Bei den aktuellen Meldungen zeigt sich ein ähnlicher Mechanismus. Besonders überzeugend auftretende Videos vermitteln den Eindruck, die Entscheidung sei längst gefallen. Teilweise tauchen angebliche Verwaltungsschreiben auf, teilweise führen Verweise zu Internetseiten, die offiziellen Angeboten zum Verwechseln ähnlich sehen. Eine tatsächliche Ankündigung der zuständigen Behörden fehlt jedoch.

    Gerade beim Thema Schule treffen solche Falschmeldungen einen empfindlichen Nerv. Millionen Familien organisieren rund um die „rentrée scolaire“ ihren Alltag neu: Arbeitszeiten, Betreuung, Fahrten, Einkäufe und nicht zuletzt den berüchtigten ersten Morgen, an dem plötzlich wieder jeder gleichzeitig ins Badezimmer möchte. Eine vermeintliche Terminänderung verbreitet sich deshalb besonders schnell.

    Wer auf TikTok, Facebook oder anderen Plattformen eine spektakuläre Meldung zum Schulstart entdeckt, sollte zunächst prüfen, ob sie tatsächlich von den französischen Bildungsbehörden bestätigt wurde. Ein Screenshot allein beweist wenig. Logos, Briefköpfe und sogar ganze Internetseiten lassen sich inzwischen täuschend echt nachbilden.

    Auch ein zweiter Blick auf etablierte Medien hilft. Eine landesweite Verschiebung des Schulbeginns beträfe schließlich Millionen Menschen und wäre binnen kurzer Zeit Gegenstand breiter Berichterstattung. Bleibt die angebliche Sensationsmeldung ausschließlich in einzelnen TikTok-Videos hängen, sollten die Alarmglocken klingeln.

    Für Familien in Frankreich gilt daher weiterhin: Der Schulbeginn wurde nicht allgemein verschoben. Die gegenteiligen Behauptungen gehören in die Kategorie viraler Internetgerüchte und nicht in den offiziellen französischen Schulkalender.

    Wer also bereits hoffte, die Sommerferien bekämen überraschend eine Verlängerung spendiert, dürfte enttäuscht sein. TikTok entscheidet eben doch noch nicht darüber, wann in Frankreich die Schulglocke wieder läutet.

    C. Hatty

  • Tondelier greift Musk frontal an: Der Streit um X wird zum politischen Machtkampf

    Tondelier greift Musk frontal an: Der Streit um X wird zum politischen Machtkampf

    Der Konflikt zwischen der Vorsitzenden der französischen Grünen, Marine Tondelier, und Elon Musk hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nach einem erneut scharf formulierten Beitrag des US-Milliardärs auf der Plattform X reagierte Tondelier mit einer direkten Aufforderung an den Eigentümer des sozialen Netzwerks, endlich Verantwortung für dessen Entwicklung zu übernehmen. Der öffentliche Schlagabtausch steht exemplarisch für die wachsenden Spannungen zwischen Teilen der französischen Politik und dem Unternehmer, dessen Einfluss auf die öffentliche Debatte in Europa zunehmend kritisch betrachtet wird. Kritik an Algorithmen und politischer Einflussnahme Marine Tondelier wirft Elon Musk vor, X nicht mehr als neutrale Kommunikationsplattform zu führen, sondern als Instrument politischer Einflussnahme zu nutzen. Im Mittelpunkt ihrer Kritik stehen die Funktionsweise der Empfehlungsalgorithmen, die aus ihrer Sicht problematische Inhalte und Desinformation begünstigen. Zudem sieht sie den Pl…

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  • TikTok statt Anwalt? Immer mehr Videos erklären das richtige Verhalten bei Polizeikontrollen in Frankreich

    TikTok statt Anwalt? Immer mehr Videos erklären das richtige Verhalten bei Polizeikontrollen in Frankreich

    Wer in Frankreich regelmäßig durch TikTok scrollt, stößt immer häufiger auf kurze Videos, die erklären, wie man sich bei einer Polizeikontrolle verhalten sollte. „Filmt und haltet Abstand“ lautet einer der Ratschläge, die besonders oft auftauchen. Solche Clips erzielen teils Hunderttausende, manchmal sogar Millionen Aufrufe. Vor allem junge Nutzer teilen die Inhalte in rasantem Tempo. Dahinter steckt eine gesellschaftliche Debatte, die seit Jahren an Intensität gewinnt: der Umgang mit Polizeigewalt, Bürgerrechten und staatlicher Autorität.

    Die Videos folgen meist einem ähnlichen Aufbau. In wenigen Sekunden vermitteln sie Tipps für Situationen, die viele Menschen als belastend oder unübersichtlich empfinden. Empfohlen wird, ruhig zu bleiben, sich nicht provozieren zu lassen und den Anweisungen der Beamten zunächst Folge zu leisten. Gleichzeitig raten zahlreiche Beiträge dazu, einen angemessenen Abstand einzuhalten und die Kontrolle mit dem Smartphone zu dokumentieren, sofern dadurch die Polizeiarbeit nicht behindert wird. Manche weisen zusätzlich darauf hin, Namen oder Dienstnummern der beteiligten Beamten festzuhalten, falls dies möglich ist.

    Viele dieser Hinweise stammen ursprünglich aus Informationen von Juristen oder Bürgerrechtsorganisationen. Auf TikTok erscheinen sie allerdings in deutlich kürzerer und einfacher Form. Das macht sie leicht verständlich – birgt aber auch Risiken. Komplexe rechtliche Zusammenhänge lassen sich kaum in einem Video von wenigen Sekunden vollständig erklären. Was in einer Situation sinnvoll erscheint, passt möglicherweise nicht auf den nächsten Fall.

    Die wachsende Beliebtheit solcher Inhalte fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der mehrere Polizeieinsätze in Frankreich heftige öffentliche Diskussionen ausgelöst haben. Videos von Kontrollen oder Festnahmen verbreiten sich heute innerhalb kürzester Zeit über soziale Netzwerke und beeinflussen die öffentliche Wahrnehmung oft schon, bevor Behörden oder Gerichte den Sachverhalt vollständig aufgearbeitet haben. Für viele junge Menschen ersetzt TikTok inzwischen zumindest teilweise klassische Informationsquellen. Das gilt längst nicht mehr nur für Unterhaltung oder Lifestyle-Themen, sondern zunehmend auch für rechtliche Fragen.

    Genau hier scheiden sich die Geister. Befürworter sehen in den Videos einen Beitrag zur Aufklärung. Wer seine Rechte kenne und besonnen reagiere, könne Konflikte entschärfen und im Streitfall wichtige Beweise sichern. Kritiker hingegen warnen davor, dass manche Inhalte einseitig oder verkürzt dargestellt werden. Zudem könne das demonstrative Filmen einer Kontrolle die Situation unnötig anspannen, wenn Sicherheitsabstände missachtet oder polizeiliche Maßnahmen beeinträchtigt werden.

    Juristen empfehlen deshalb einen nüchternen Umgang mit solchen Ratschlägen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, sich über die eigenen Rechte zu informieren. Im Ernstfall gilt jedoch vor allem eines: Ruhe bewahren, kooperativ auftreten und rechtliche Einwände erst im Nachhinein geltend machen. Wer versucht, eine Kontrolle vor Ort auszudiskutieren, verschärft die Lage oft eher, als sie zu entschärfen.

    Fest steht: Smartphones haben Polizeikontrollen nachhaltig verändert. Wo früher meist nur Beamte und kontrollierte Personen beteiligt waren, stehen heute häufig Kameras bereit. Innerhalb weniger Augenblicke gelangen Aufnahmen ins Internet und erreichen ein riesiges Publikum. Diese neue Öffentlichkeit verändert das Verhalten aller Beteiligten. Bürger dokumentieren Kontrollen häufiger, während Polizeibehörden zunehmend davon ausgehen müssen, dass Einsätze jederzeit gefilmt und veröffentlicht werden.

    Die zahlreichen TikTok-Tutorials zeigen eindrucksvoll, wie tief soziale Netzwerke inzwischen in den Alltag eingreifen. Selbst der unmittelbare Kontakt zwischen Staat und Bürger bleibt von der digitalen Entwicklung nicht unberührt.

    Autor: Daniel Ivers

  • Kommentar: Demokratie? Bitte nur, wenn das Ergebnis stimmt

    Kommentar: Demokratie? Bitte nur, wenn das Ergebnis stimmt

    Elon Musk hat wieder einmal gesprochen. Diesmal erklärte er Marine Le Pen zur «letzten Hoffnung Frankreichs». Ein einziger Satz – und doch steckt darin ein bemerkenswertes Weltbild. Es ist das Weltbild eines Mannes, der offenbar glaubt, die Zukunft europäischer Demokratien lasse sich ebenso unkompliziert steuern wie der Algorithmus seiner eigenen Plattform.

    Man fragt sich unweigerlich: Was ist eigentlich aus dem alten amerikanischen Grundsatz geworden, sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Demokratien einzumischen? Offenbar gilt diese Zurückhaltung nicht mehr, sobald man über genügend Milliarden verfügt und eine Kommunikationsplattform besitzt, deren Reichweite jene vieler klassischer Medien übertrifft.

    Dabei geht es gar nicht um Marine Le Pen. Man kann sie unterstützen oder ablehnen – das ist Sache der französischen Wähler. Genau das ist der Kern einer Demokratie: Die Bürger entscheiden. Nicht Washington. Nicht Brüssel. Und schon gar nicht ein Unternehmer aus Texas.

    Doch genau dieser Gedanke scheint einigen Tech-Milliardären zunehmend fremd zu werden.

    Wer jahrzehntelang erlebt hat, dass sich Unternehmen kaufen, Konkurrenten verdrängen und politische Aufmerksamkeit mit einem einzigen Mausklick erzeugen lässt, entwickelt möglicherweise die Überzeugung, demokratische Prozesse seien lediglich ein weiteres Geschäftsmodell. Fehlt nur noch ein Update, ein neuer CEO und ein paar effizientere Nutzer.

    Leider funktioniert Demokratie anders.

    Sie ist mühsam. Sie ist langsam. Sie produziert Kompromisse statt maximaler Rendite. Vor allem aber besitzt sie einen entscheidenden Konstruktionsfehler – zumindest aus Sicht mancher Superreicher: Jeder Bürger verfügt über genau eine Stimme. Der Kassierer aus Marseille zählt am Wahltag exakt so viel wie der reichste Mann der Welt. Welch unerhörte Zumutung.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kränkung.

    Denn Demokratie kennt keine Premium-Mitgliedschaft. Es gibt keinen Goldstatus für Milliardäre, keinen VIP-Eingang zur Wahlurne und keine Möglichkeit, sich zusätzliche Stimmen über den Aktienkurs zu sichern. Geld verschafft Einfluss – aber keine demokratische Legitimation.

    Besonders ironisch ist dabei, dass ausgerechnet jene Kreise unablässig von Meinungsfreiheit sprechen. Selbstverständlich darf Elon Musk seine politische Meinung äußern. Niemand bestreitet das. Doch Meinungsfreiheit schützt auch das Recht, diese Einmischung als das zu benennen, was sie ist: der Versuch eines der mächtigsten Unternehmer der Welt, politische Debatten in souveränen Staaten nach seinen Vorstellungen mitzugestalten.

    Man stelle sich den umgekehrten Fall vor. Der Eigentümer eines großen europäischen Medienkonzerns würde amerikanischen Wählern wenige Monate vor einer Präsidentschaftswahl erklären, welcher Kandidat ihre «letzte Hoffnung» sei. Die Empörung in den Vereinigten Staaten wäre vorhersehbar und vermutlich gewaltig. In Europa dagegen scheint man sich an solche Grenzüberschreitungen fast schon gewöhnt zu haben.

    Vielleicht ist genau das das größere Problem.

    Denn Elon Musk ist längst kein Einzelfall mehr. Immer häufiger treten globale Technologieunternehmer auf wie inoffizielle Statthalter einer neuen digitalen Weltordnung. Sie verfügen über Plattformen, deren Reichweite die vieler Staaten übertrifft, kontrollieren öffentliche Debatten und kommentieren Wahlen, als handle es sich um Börsenprognosen oder Produktbewertungen.

    Das eigentliche Paradox besteht jedoch darin, dass ausgerechnet jene Unternehmer, die ständig Innovation und Disruption predigen, mit der Demokratie wenig Geduld zu haben scheinen. Denn Demokratie ist störrisch. Sie lässt sich nicht programmieren, nicht kaufen und nicht per Software-Update optimieren. Sie akzeptiert keine Alleinherrscher mit Verifizierungsabzeichen.

    Am Ende bleibt deshalb eine einfache Erkenntnis: Frankreich braucht keine letzte Hoffnung aus Kalifornien oder Texas. Frankreich braucht freie Wahlen, unabhängige Institutionen und Bürger, die selbst entscheiden, wem sie ihre Stimme geben.

    Alles andere mag auf X funktionieren.

    In einer Demokratie sollte es das nicht.

    Andreas M. Brucker

  • Elon Musk erklärt Marine Le Pen zur «letzten Hoffnung Frankreichs»

    Elon Musk erklärt Marine Le Pen zur «letzten Hoffnung Frankreichs»

    Mit einem einzigen Satz hat Elon Musk erneut eine politische Debatte weit über die Grenzen der USA hinaus ausgelöst. Auf seiner Plattform X bezeichnete der Unternehmer die Vorsitzende des Rassemblement National, Marine Le Pen, als «Frankreichs letzte Hoffnung». Die kurze Botschaft reiht sich in eine Serie politischer Stellungnahmen des Tech-Milliardärs ein, mit denen er sich zunehmend in europäische Wahlkämpfe und innenpolitische Debatten einschaltet. Ein Satz mit großer politischer Wirkung Auslöser der Kontroverse war ein Beitrag auf X, in dem auf steigende Umfragewerte von Marine Le Pen im Hinblick auf die französische Präsidentschaftswahl 2027 hingewiesen wurde. Elon Musk reagierte darauf mit den Worten: «She is France’s last hope» – auf Deutsch: «Sie ist Frankreichs letzte Hoffnung.» Obwohl Musk seine Aussage nicht weiter begründete, wurde sie allgemein als eindeutige öffentliche Unterstützung für die Politikerin des Rassemblement National verstanden. Der Unternehmer verzichtete au…

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  • Frankreichs digitale Gegenoffensive: Wie „French Response“ gegen Desinformation kämpft

    Frankreichs digitale Gegenoffensive: Wie „French Response“ gegen Desinformation kämpft

    Paris – Im Zeitalter digitaler Informationskriege verlagern sich diplomatische Auseinandersetzungen zunehmend auf soziale Netzwerke. Mit dem Start des X-Accounts „French Response“ im September 2025 hat das französische Außenministerium auf diese Entwicklung reagiert und ein neues Instrument geschaffen, um gegen Desinformation vorzugehen und die Position Frankreichs in internationalen Debatten offensiv zu vertreten. Der Account verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz für eine staatliche Institution. Statt auf die traditionelle, oft nüchterne Sprache der Diplomatie zu setzen, nutzt „French Response“ Humor, Ironie und pointierte Formulierungen. Ziel ist es, Falschinformationen nicht nur zu korrigieren, sondern dies in einer Form zu tun, die den Kommunikationsgewohnheiten sozialer Medien entspricht. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich der Kanal zu einem beachteten Akteur der digitalen Diplomatie und gewann mehr als 180.000 Abonnenten. Besonders sichtbar wurde die Strategie bei internati…

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