Schlagwort: soziale kohäsion

  • Takaichis großer Sieg – und ihr großer Plan

    Takaichis großer Sieg – und ihr großer Plan

    Der Wahlsieg von Sanae Takaichi war deutlich – und persönlich. Zwar spielte ihr politisches Programm eine Rolle, doch entscheidend war offenbar ihre Person. Nach Jahrzehnten als Parlamentsabgeordnete trat sie erstmals ins volle Rampenlicht – und nutzte es mit bemerkenswerter Instinktsicherheit.

    Takaichi verkörpert einen Politikstil, der in Japan lange selten war: nahbar, präsent, unverstellt. Sie spielt Schlagzeug, fährt Motorrad, liebt Baseball – und ist in sozialen Medien omnipräsent. Diese Mischung aus Individualität und politischer Ernsthaftigkeit verschafft ihr Resonanz weit über klassische Parteigrenzen hinaus. Als ein Abgeordneter vor dem G20-Gipfel anregte, sie solle „bessere japanische Stoffe“ tragen, reagierte sie nicht empört, sondern pragmatisch. Sie kündigte an, Japan auch modisch würdig vertreten zu wollen. Statt eine Debatte über Sexismus zu führen, signalisierte sie nationale Repräsentationsbereitschaft – eine Geste, die Authentizität ausstrahlte und zugleich politischen Instinkt bewies.

    Doch Takaichi will mehr sein als eine charismatische Ausnahmefigur. Sie versteht sich als transformative Politikerin. Ihr innenpolitischer Fokus liegt auf zwei Themen: Wirtschaft und Migration. Sie adressiert gezielt Alltagsprobleme – hohe Stromrechnungen, steigende Lebensmittelpreise – und trifft damit einen Nerv in einer Gesellschaft, die unter anhaltender Inflation leidet. Gleichzeitig greift sie ein verbreitetes Gefühl auf, Japan sei „zu offen“ geworden. Migration und Massentourismus gelten vielen als Belastung. Takaichi kanalisiert diese Stimmung politisch, ohne offen isolationistisch aufzutreten.

    Am weitreichendsten jedoch ist ihr sicherheitspolitisches Programm. Takaichi strebt eine grundlegende Neuausrichtung der Verteidigungspolitik an. Japans pazifistische Verfassung – geprägt durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki – verbietet die Führung von Kriegen. Zwar existieren die Selbstverteidigungsstreitkräfte, doch ihr Mandat ist begrenzt. Takaichi gehört zu jener konservativen Strömung, die diese Beschränkungen als historisch überholt betrachtet. Sie plädiert offen für eine Verfassungsrevision, um Japans Militär zu einer „normalen“ Armee zu machen.

    Der Weg dorthin ist politisch steinig. Eine Verfassungsänderung erfordert breite parlamentarische Mehrheiten und ein Referendum. Die Gesellschaft ist in dieser Frage gespalten.

    International sorgt Takaichis Kurs für unterschiedliche Reaktionen. In Washington stößt ihre Ankündigung, die Verteidigungsausgaben bereits in diesem Frühjahr auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, auf Zustimmung. Sie signalisiert damit strategische Verlässlichkeit. In Peking hingegen überwiegt Skepsis. Takaichi gilt als entschiedene China-Kritikerin und enge Unterstützerin Taiwans. Ihre Aussage, Japan könne im Falle eines chinesischen Angriffs auf Taiwan militärisch eingreifen, verschärfte die Spannungen erheblich.

    Für die Stabilität Ostasiens bedeutet das eine Phase erhöhter Sensibilität. Im Ostchinesischen Meer operieren täglich zahlreiche Schiffe und Flugzeuge. Das Risiko von Zwischenfällen ist real. Takaichi bemüht sich zwar um diplomatische Vorsicht, doch ihr Mandat ist stark – und ihre Ambitionen sind es ebenso.


    Ein Ort der offenen Fragen: Kanada sucht nach dem Motiv des Schulmassakers

    Die abgelegene Gemeinde Tumbler Ridge im Nordosten der Provinz British Columbia war bislang vor allem für ihre Bergbaugeschichte und weiten Landschaften bekannt. Nun steht der Ort im Zentrum eines der schwersten Gewaltverbrechen der jüngeren kanadischen Geschichte. Nach Angaben der Behörden tötete eine 18-Jährige zunächst ihre Mutter und ihren Stiefbruder, bevor sie in der örtlichen Schule sechs weitere Menschen erschoss – die meisten von ihnen 12- oder 13-jährige Schülerinnen und Schüler, die sich in der Bibliothek aufhielten. Anschließend nahm sich die Täterin selbst das Leben.

    Die Tat erschüttert ein Land, das sich lange als vergleichsweise sicher und sozial stabil verstand. Noch fehlt ein klares Motiv. Die Ermittlungen stehen am Anfang, doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die gesellschaftliche Debatte weit über die Grenzen der rund 2.500 Einwohner zählenden Gemeinde hinausreichen wird.


    Eine Tat in einem Land mit niedriger Gewaltquote

    Im internationalen Vergleich weist Kanada eine deutlich niedrigere Mordrate auf als etwa die Vereinigten Staaten. Laut Statistics Canada lag die landesweite Mordrate zuletzt bei rund 2,2 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner – weniger als halb so hoch wie im südlichen Nachbarland. Massenschießereien sind selten, wenngleich sie auch hier in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

    Gerade deshalb trifft ein solches Verbrechen die Öffentlichkeit besonders hart. Schulen gelten als geschützte Räume, als Orte sozialer Integration und staatlicher Fürsorge. Wenn Gewalt in diesen Raum eindringt, wird sie nicht nur als individuelles Versagen, sondern als gesellschaftlicher Bruch wahrgenommen.


    Die Täterin und die offene Motivfrage

    Nach Angaben der Polizei wurde die Verdächtige biologisch männlich geboren und begann vor sechs Jahren mit einer Geschlechtsangleichung. Die Behörden betonten ausdrücklich, dass aus dieser Information keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sollten. Hinweise auf ein ideologisch motiviertes Hassverbrechen oder eine politisch-extremistische Agenda gebe es bislang nicht.

    Die Ermittler der Royal Canadian Mounted Police stehen vor einer komplexen Aufgabe: In digitalen Zeiten hinterlassen Täter häufig Spuren in sozialen Netzwerken oder Online-Foren. Ob dies auch hier der Fall war, ist bislang unklar. Polizeivertreter erklärten, man analysiere elektronische Geräte und durchsuche Online-Aktivitäten, um Hinweise auf Beweggründe oder mögliche Mitwisser zu finden.

    Erfahrungsgemäß sind Motive bei solchen Taten selten monokausal. Internationale Studien – etwa des US-amerikanischen Violence Project oder kanadischer Universitätsforschung – zeigen, dass Schulmassaker häufig aus einer Kombination persönlicher Krisen, psychischer Instabilität, sozialer Isolation und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit entstehen. Ideologische Radikalisierung spielt nicht immer eine Rolle, kann aber als Katalysator wirken.


    Der gesellschaftliche Resonanzraum

    In der öffentlichen Diskussion zeichnen sich bereits mehrere Konfliktlinien ab. Eine davon betrifft den Umgang mit Transidentität. Bürgerrechtsorganisationen warnten früh davor, die Geschlechtsidentität der Täterin politisch zu instrumentalisieren. Einzelne Stimmen in sozialen Medien versuchten jedoch, genau dies zu tun – ein Reflex, der aus früheren Gewalttaten bekannt ist: Persönliche Merkmale werden verallgemeinert und kollektiviert.

    Kanadas politische Kultur ist traditionell stark von Multikulturalismus und Minderheitenschutz geprägt. Seit den 1970er-Jahren gilt die Anerkennung kultureller und sozialer Vielfalt als identitätsstiftend. Entsprechend sensibel reagiert die Öffentlichkeit auf Versuche, individuelle Straftaten zur Delegitimierung ganzer Bevölkerungsgruppen zu nutzen.

    Gleichzeitig wächst die Sorge vor psychischer Überforderung junger Menschen. Die Pandemie, soziale Medien, Leistungsdruck und die Erosion traditioneller Gemeinschaftsstrukturen werden in vielen westlichen Gesellschaften als Risikofaktoren diskutiert. Auch in Kanada berichten Schulen seit Jahren von steigenden Fallzahlen bei Depressionen und Angststörungen unter Jugendlichen. Der Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung und schwerer Gewalt ist statistisch zwar gering, doch in Einzelfällen kann er eine Rolle spielen.


    Waffenrecht und regionale Realitäten

    Ein weiterer Diskussionsstrang betrifft das Waffenrecht. Kanada verfügt über strengere Vorschriften als die USA, insbesondere bei Handfeuerwaffen. Halbautomatische Waffen unterliegen Registrierungspflichten; bestimmte Modelle wurden in den vergangenen Jahren verboten. Dennoch sind Schusswaffen – vor allem in ländlichen Regionen – weit verbreitet, nicht zuletzt aufgrund der Jagdtradition.

    Tumbler Ridge liegt in einer strukturschwachen, dünn besiedelten Region. Solche Gegenden sind oft stärker von wirtschaftlichen Umbrüchen betroffen, etwa durch den Rückgang der Kohleindustrie. Ökonomische Unsicherheit allein erklärt keine Gewalttat, kann jedoch das soziale Klima beeinflussen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass soziale Fragmentierung und fehlende institutionelle Anbindung Risikofaktoren für Extremhandlungen sein können.

    Ob die Tatwaffe legal erworben wurde oder aus dem familiären Umfeld stammte, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Diese Information dürfte entscheidend sein für die politische Debatte über mögliche Gesetzesverschärfungen.


    Der mediale und politische Umgang

    Die kanadische Bundesregierung reagierte mit Anteilnahme und Zurückhaltung. Premierminister und Provinzregierung betonten die Notwendigkeit, zunächst die Ermittlungen abzuwarten. Diese vorsichtige Kommunikation folgt einem Muster: In einem politisch polarisierten Umfeld kann jede voreilige Deutung die gesellschaftliche Spaltung vertiefen.

    Medienethisch steht die Berichterstattung vor einem Dilemma. Einerseits besteht ein legitimes Informationsinteresse; andererseits warnen Kriminologen seit Jahren vor dem sogenannten „Werther-Effekt“, also möglichen Nachahmungstaten nach intensiver medialer Aufmerksamkeit. Viele Redaktionen verzichten daher auf die Veröffentlichung detaillierter Täterprofile oder Fotos.

    In Tumbler Ridge selbst dominiert der Schock. Trauerfeiern und Mahnwachen prägen das öffentliche Leben. Schulen im ganzen Land hielten Schweigeminuten ab. Für eine kleine Gemeinde bedeutet der Verlust mehrerer Kinder eine kollektive Traumatisierung, deren Folgen über Jahre spürbar sein können.


    Ein Land zwischen Selbstbild und Realität

    Kanada versteht sich gern als Gegenmodell zu den exzessiven Gewaltdynamiken anderer Staaten. Doch auch hier wirken globale Trends: digitale Radikalisierung, soziale Vereinzelung, psychische Belastungen und eine zunehmende Polarisierung öffentlicher Debatten. Die Tat von Tumbler Ridge fügt sich nicht nahtlos in bekannte Muster, sondern verweist auf eine komplexe Gemengelage individueller und struktureller Faktoren.

    Solange das Motiv ungeklärt bleibt, wird die Deutungshoheit umkämpft sein. Politische Akteure, Aktivistengruppen und Kommentatoren suchen nach Erklärungen, die in ihre jeweiligen Narrative passen. Die Aufgabe staatlicher Institutionen besteht nun darin, nüchtern zu ermitteln, Transparenz herzustellen und zugleich gesellschaftliche Besonnenheit zu fördern.

    Für die Hinterbliebenen jedoch sind solche Analysen zweitrangig. Ihr Verlust ist endgültig. Die Suche nach einem Motiv mag politisch und journalistisch notwendig sein. Sie wird aber kaum eine Antwort liefern, die das Geschehene begreifbar oder gar erträglich macht.


    WEITERE NACHRICHTEN

    Bei einem Treffen im Weißen Haus erklärte Trump dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, dass er die Verhandlungen mit dem Iran fortsetzen wolle.

    In Bangladesch findet heute eine nationale Wahl statt – die erste, seit eine Studentenrevolution im Jahr 2024 die autoritäre Premierministerin aus dem Amt gedrängt hat.

    Einige Iraner riefen „Tod dem Diktator“ bei Massenkundgebungen zum Jahrestag der Islamischen Revolution von 1979.

    Die Schweiz wird eine Volksabstimmung darüber abhalten, ob ihre Bevölkerung bis 2050 durch eine Begrenzung der Zuwanderung auf 10 Millionen gedeckelt werden soll.

    Ein Gericht in Hongkong verurteilte den Vater der im Exil lebenden Aktivistin Anna Kwok wegen eines Vergehens gegen die nationale Sicherheit – ein Novum für die Stadt.

    Die USA werden 200 Soldaten nach Nigeria entsenden, um die dortigen Streitkräfte im Kampf gegen islamistische Milizen auszubilden.

    DIE EPSTEIN-AKTEN

    Eine französische Kulturikone der 1980er Jahre, Jack Lang. Indiens Premierminister Narendra Modi. Der Dalai Lama. Die Liste prominenter Namen, die in den Akten erwähnt werden, wird immer länger.

    Unscharfe Videoaufnahmen aus Epsteins Haus in Florida scheinen ihn auf versteckten Kameras mit jungen Frauen zu zeigen.

    WAS SONST NOCH GESCHIEHT

    Eine neue Dokumentation beleuchtet die Liebe von König Charles zur Natur.

    James Van Der Beek, der als Jugendlicher in der beliebten Fernsehserie „Dawson’s Creek“ um die Jahrtausendwende bekannt wurde, ist im Alter von 48 Jahren gestorben.

    Paviane empfinden Eifersucht ebenso wie Menschen – insbesondere gegenüber jüngeren Geschwistern.

    Autor: P. Tiko

  • Kinderfreie Zonen im TGV: Wie eine SNCF‑Entscheidung zur gesellschaftlichen Debatte wurde

    Kinderfreie Zonen im TGV: Wie eine SNCF‑Entscheidung zur gesellschaftlichen Debatte wurde

    Die französische Staatsbahn SNCF gerät derzeit in einen der ungewohntesten öffentlichen Streits ihrer jüngeren Geschichte: Eine neue Sitzplatzkategorie im Hochgeschwindigkeitszug TGV, die Kinder unter 12 Jahren faktisch ausschließt, hat eine breite gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Jean Castex, der Präsident‑Direktor‑General der SNCF und ehemalige Premierminister Frankreichs, zeigte sich jüngst „sidéré“ – „fassungslos“ – über die Wucht der Reaktionen. Doch die Kontroverse spricht weit über die betroffenen Sitzplätze hinaus: Sie berührt grundlegende Fragen über den Auftrag öffentlicher Dienstleistungen, über soziale Inklusion und über aktuelle Spannungen in der französischen Gesellschaft. Die „Optimum“-Offerte und ihr Missverständnis Anfang Januar 2026 ersetzte die SNCF die bisherige Premium‑Kategorie „Business Première“ durch ein neues Konzept, genannt „Optimum“ beziehungsweise „Optimum Plus“ auf stark frequentierten Strecken wie Paris–Lyon. Diese Klasse soll vor allem Berufspendler…

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  • Ein Dorf, der Duft von Brot – und die stille Kraft der Solidarität

    Ein Dorf, der Duft von Brot – und die stille Kraft der Solidarität

    Anneville-Ambourville erwacht früh, gewöhnlich mit dem Rascheln der Bäume am Seineufer und dem gelegentlichen Laut eines vorbeiziehenden Traktors. Doch in diesen Dezembertagen liegt etwas anderes in der Luft, eine Mischung aus Erwartung und dem herzerwärmenden Gefühl, dass ein ganzes Dorf zusammenrücken kann, wenn es wirklich darauf ankommt. Die Bäckerei von Christophe Mottin öffnet wieder – ein kleines Wunder, wie viele hier sagen, und doch eines, das die Dorfbewohner selbst möglich gemacht haben. Fünf Monate lang blieb der Rollladen des Ladens unten. Fünf Monate, in denen der Duft frischen Brotes fehlte, jener Geruch, der sonst wie selbstverständlich durch die Gassen zog und den Rhythmus des Ortes vorgab. Die Bäckerei war, wie so viele in kleinen Gemeinden, nicht nur ein Geschäft. Sie war Treffpunkt, Nachrichtenbörse, Herzschlag. Und plötzlich verstummte dieser Schlag. Der Grund: ein Kontrollbesuch der Gesundheitsbehörde, der offenlegte, was Christophe längst wusste, aber verdrängt h…

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  • Der langsame Verfall der Ordnung – Macrons freiwilliger Wehrdienst als Antwort auf eine unruhige Welt

    Der langsame Verfall der Ordnung – Macrons freiwilliger Wehrdienst als Antwort auf eine unruhige Welt

    Die Rückkehr eines freiwilligen Militärdienstes in Frankreich ist mehr als ein innenpolitisches Projekt mit pädagogischer Note. Sie ist Ausdruck einer strategischen Neubewertung der internationalen Lage. Emmanuel Macron stellt sich damit einem Befund, der sich aufdrängt: Die europäische Sicherheitsarchitektur ist brüchig geworden, die Nachkriegsordnung verliert an Bindekraft, und auch im Innern drohen gesellschaftliche Fliehkräfte. Der Präsident reagiert mit einem Vorschlag, der pragmatische Sicherheitsüberlegungen mit einer zivilgesellschaftlichen Vision verbindet – der Etablierung eines modernen, freiwilligen Dienstes an der Nation.

    Zwischen Bürgerpflicht und sicherheitspolitischem Realismus

    Frankreich hat seine Wehrpflicht 1997 abgeschafft und seine Armee seither auf Berufssoldaten umgestellt. Die Professionalisierung der Streitkräfte hat zweifellos deren Einsatzfähigkeit gestärkt – zugleich aber auch zur gesellschaftlichen Entkopplung beigetragen. Der Militärdienst, einst ein kollektives Ritual staatsbürgerlicher Integration, ist in Vergessenheit geraten. Die Armee wirkt für viele junge Franzosen heute wie eine Parallelwelt.

    In einer zunehmend instabilen geopolitischen Umgebung – geprägt von Krieg in Europa, hybriden Bedrohungen, Cyberspionage und geopolitischen Machtverschiebungen – genügt dem Élysée eine rein professionelle Verteidigungsstruktur nicht mehr. Die Wiederbelebung eines freiwilligen Militärdienstes soll eine „strategische Tiefe“ schaffen: ein Reservoir an ausgebildeten und im Ernstfall mobilisierbaren Bürgerinnen und Bürgern. Das Konzept folgt einer doppelten Logik: Der Staat will sich widerstandsfähiger machen – und zugleich das Band zwischen Armee und Gesellschaft neu knüpfen.

    Ein Projekt für die Resilienz der Nation

    Der geplante Dienst richtet sich an Jugendliche ab 16 Jahren und soll jährlich Zehntausende ansprechen. Anders als bei klassischen Wehrpflichtmodellen ist der Dienst bewusst freiwillig, flexibel in der Ausgestaltung und offen für unterschiedliche Einsatzformen – militärisch, zivil, digital. Die politische Botschaft dahinter: Der Staat setzt auf Engagement, nicht auf Zwang. Er bietet Orientierung, aber keine autoritäre Disziplinierung. Das entspricht dem politischen Stil Macrons, der versucht, Modernisierung mit staatsbürgerlichem Pathos zu verbinden.

    Die Idee ist nicht neu, doch sie gewinnt vor dem Hintergrund wachsender Unsicherheiten neue Plausibilität. Der freiwillige Dienst soll nicht nur militärisch nutzbar sein, sondern auch als gesellschaftlicher Kitt wirken. In einem Land, das unter sozialen, kulturellen und territorialen Fragmentierungen leidet, könnte ein solcher Dienst Erfahrungsräume bieten, in denen gemeinsames Handeln, Verantwortung und Zugehörigkeit erfahrbar werden – unabhängig von Herkunft oder Milieu.

    Zwischen Symbolpolitik und Strukturreform

    Doch der Vorschlag ist nicht ohne Risiken. Kritiker bemängeln, dass das Vorhaben kostspielig ist – der Ausbau auf eine relevante Größenordnung würde jährlich Milliardenbeträge verschlingen. Auch ist unklar, ob die militärische Infrastruktur auf einen derart breit angelegten Zustrom vorbereitet ist, sowohl personell als auch organisatorisch. Nicht zuletzt bleibt offen, ob sich genügend junge Menschen tatsächlich für den Dienst begeistern lassen.

    Denn damit der Dienst nicht zur reinen Symbolpolitik verkommt, braucht es mehr als ein attraktives Rahmenprogramm: Er muss glaubwürdig, sinnvoll und respektvoll gestaltet sein. Junge Menschen müssen das Gefühl haben, dass ihr Beitrag zählt – und dass ihr Engagement nicht politisch vereinnahmt, sondern anerkannt wird. Die Armee wiederum steht vor der Herausforderung, ein Umfeld zu schaffen, das nicht nur ausbildet, sondern auch bildet – im besten republikanischen Sinn.

    Was Macron hier vorschlägt, ist daher mehr als eine taktische Maßnahme. Es ist ein Versuch, das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern neu zu justieren. In einer Zeit, in der viele Demokratien unter Erosionserscheinungen leiden, könnte der freiwillige Wehrdienst – richtig ausgestaltet – einen Beitrag zur demokratischen Resilienz leisten. Als Raum des Miteinanders, der Orientierung, der Einbindung.

    Der Erfolg des Projekts wird davon abhängen, ob es gelingt, junge Menschen für eine Idee von Staatsbürgerschaft zu gewinnen, die mehr ist als bloße Rechtsstellung – nämlich gelebte Verantwortung in unsicheren Zeiten.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreich: Toleranz bleibt stabil – doch Hassverbrechen nehmen zu

    Frankreich: Toleranz bleibt stabil – doch Hassverbrechen nehmen zu

    Trotz eines alarmierenden Anstiegs rassistischer und antisemitischer Übergriffe in Frankreich zeigen jüngste Studien: Die gesellschaftliche Toleranz bleibt stabil oder nimmt sogar weiter zu. Diese widersprüchliche Entwicklung offenbart die komplexe Dynamik zwischen öffentlicher Meinung und realen Gewalttaten in einem polarisierten gesellschaftlichen Klima. Ein leichter Anstieg der Toleranzwerte Der aktuelle Bericht der nationalen Menschenrechtskommission verzeichnet eine leichte Erholung des Indexes für gesellschaftliche Toleranz. Nach einem Rückgang im Vorjahr – infolge internationaler Krisen und innerfranzösischer Unruhen – steigt der Wert um einen Punkt auf 63. Damit setzt sich ein langfristiger Aufwärtstrend fort, der seit den frühen 1990er-Jahren zu beobachten ist. Besonders deutlich ist die Ablehnung offener Diskriminierung gegenüber Muslimen, Jüdinnen und Juden sowie Roma. Trotz der zunehmenden Präsenz populistischer und migrationskritischer Stimmen scheint die Mehrheit der Fran…

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