Schlagwort: sklavenhandel

  • Die späte Abrechnung mit dem «Code noir»

    Die späte Abrechnung mit dem «Code noir»

    Die französische Nationalversammlung debattiert dieser Tage über ein Dokument, das seit fast zwei Jahrhunderten keine Rechtskraft mehr besitzt – und dennoch im kollektiven Gedächtnis Frankreichs fortlebt wie kaum ein anderer Text der kolonialen Vergangenheit. Die Resolution zur symbolischen «Abschaffung» des sogenannten Code noir mag juristisch folgenlos sein. Politisch jedoch berührt sie einen empfindlichen Nerv der französischen Republik: die Frage, wie ein Land mit den dunklen Kapiteln seiner eigenen Geschichte umgeht, ohne daran zu zerbrechen.

    Der Umstand allein, dass das Parlament im Jahr 2026 noch über ein Edikt aus dem Jahr 1685 diskutiert, sagt viel über die französische Gegenwart aus. Es geht längst nicht mehr um Rechtstechnik oder Gesetzesdogmatik. Es geht um Erinnerung, Identität und die Deutungshoheit über die nationale Geschichte.

    Der Code noir war eines der zentralen Instrumente des französischen Kolonialreichs. Unter Ludwig XIV. geschaffen, kodifizierte er die Sklaverei in den französischen Antillen und verlieh einem ökonomischen System rechtliche Ordnung, dessen Wohlstand auf Entrechtung und Gewalt beruhte. Der Mensch wurde darin zur beweglichen Sache erklärt; Körperstrafen, religiöser Zwang und soziale Kontrolle wurden staatlich geregelt. Das Dokument war Ausdruck eines Zeitalters, in dem wirtschaftliche Rationalität und monarchische Machtpolitik eine Allianz mit der systematischen Entmenschlichung eingingen.

    Dass Frankreich heute versucht, sich symbolisch von diesem Text zu distanzieren, überrascht nicht. Bemerkenswert ist vielmehr, wie schwierig dem Land dieser Schritt weiterhin fällt.

    Denn juristisch betrachtet existiert der Code noir längst nicht mehr. Mit der endgültigen Abschaffung der Sklaverei 1848 verloren seine Bestimmungen ihre Wirkung. Kein Gericht könnte sich heute darauf berufen, kein Verwaltungsakt daraus Legitimation beziehen. Der Text gehört dem historischen Archiv an, nicht dem positiven Recht. Wer nun seine «Abrogation» fordert, betreibt daher bewusst symbolische Politik.

    Gerade darin liegt jedoch die eigentliche Bedeutung der Debatte. Moderne Demokratien leben nicht allein von ihren Institutionen, sondern auch von ihren moralischen Selbstbeschreibungen. Parlamente verabschieden Resolutionen nicht nur, um Normen zu setzen, sondern auch, um historische Positionierungen vorzunehmen. Frankreich tut dies regelmässig: mit Gesetzen zur Erinnerung an den Holocaust, mit der Anerkennung des armenischen Genozids oder mit der Taubira-Gesetzgebung von 2001, welche Sklavenhandel und Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einstufte.

    Die aktuelle Resolution reiht sich in diese Tradition ein. Sie soll weniger Recht schaffen als ein republikanisches Signal aussenden: Der französische Staat erkennt an, dass die Sklaverei nicht bloss eine historische Verfehlung einzelner Akteure war, sondern institutionell organisiert und legitimiert wurde.

    Gleichzeitig offenbart die Debatte die Grenzen einer zunehmend ritualisierten Erinnerungspolitik. Frankreich befindet sich seit Jahren in einem Spannungsfeld zwischen notwendiger historischer Aufarbeitung und einer Art permanenter moralischer Selbstbefragung. Der koloniale Schatten reicht tief in die Gegenwart hinein – sichtbar in sozialen Ungleichheiten der Überseegebiete, in Identitätskonflikten der Banlieues oder in den hitzigen Auseinandersetzungen um nationale Symbole und Schulprogramme. Doch je stärker Geschichte politisiert wird, desto grösser wird auch die Gefahr ihrer Instrumentalisierung.

    Kritiker der Resolution sprechen daher von einem symbolischen Leerlauf. Einen seit 1848 obsoleten Text erneut «abzuschaffen», erscheine wie ein parlamentarisches Schauspiel ohne praktische Konsequenz. Tatsächlich lässt sich fragen, ob der inflationäre Gebrauch historischer Resolutionen langfristig zu einer Entwertung politischer Erinnerung führt. Wenn jede historische Schuld durch symbolische Akte parlamentarisch nachverhandelt wird, entsteht leicht der Eindruck einer Republik, die ihre Vergangenheit nie abschliessen kann.

    Diese Skepsis ist nicht völlig unbegründet. Erinnerungspolitik birgt stets das Risiko, historische Komplexität auf moralische Eindeutigkeiten zu reduzieren. Der französische Kolonialismus war ein System der Unterdrückung, aber auch Teil jener historischen Dynamiken, aus denen die moderne Republik hervorging. Die Geschichte Frankreichs ist weder ausschliesslich eine Geschichte der Aufklärung noch ausschliesslich eine Geschichte der Unterdrückung. Sie ist beides zugleich – und gerade diese Ambivalenz macht ihre politische Verarbeitung so schwierig.

    Doch die Gegenposition greift ebenso zu kurz. Wer symbolische Gesten grundsätzlich als wirkungslos abtut, unterschätzt die Macht politischer Zeichen. Staaten konstituieren sich nicht nur durch Gesetze, sondern durch gemeinsame Narrative. Für viele Menschen in Guadeloupe, Martinique oder Guyana bleibt der Code noir kein abstraktes historisches Dokument, sondern ein Symbol jahrhundertelanger Entrechtung, deren soziale und kulturelle Folgen bis heute spürbar sind. Dass die Republik diesen Text nun ausdrücklich verurteilt, besitzt deshalb durchaus politische Relevanz – auch wenn sich dadurch keine materielle Realität verändert.

    Die eigentliche Herausforderung liegt folglich weniger in der Resolution selbst als in der Frage, was danach kommt. Erinnerung allein ersetzt keine Sozialpolitik, keine Bildungsreformen und keine ernsthafte Auseinandersetzung mit strukturellen Ungleichheiten. Eine Republik, die sich auf symbolische Akte beschränkt, riskiert moralische Selbstzufriedenheit ohne praktische Konsequenz.

    Der gegenwärtige Streit um den Code noir zeigt letztlich eine tiefere Entwicklung: Frankreich befindet sich mitten in einer Neuverhandlung seines historischen Selbstverständnisses. Das republikanische Universalismusmodell, das lange davon ausging, individuelle Herkunft müsse im öffentlichen Raum keine Rolle spielen, gerät zunehmend unter Druck. Fragen nach Kolonialgeschichte, Herkunft und kultureller Erinnerung lassen sich nicht länger an den Rand drängen.

    Dabei wäre es ein Fehler, die Debatte als Ausdruck nationaler Schwäche zu verstehen. Demokratien beweisen ihre Stabilität gerade dadurch, dass sie fähig bleiben, die eigenen Widersprüche offen zu diskutieren. Der Umgang mit dem Code noir ist deshalb weniger ein Zeichen französischer Selbstzerstörung als Ausdruck eines Landes, das gelernt hat, historische Grösse und historische Schuld gleichzeitig auszuhalten.

    Ob die Resolution verabschiedet wird oder nicht, dürfte rechtlich folgenlos bleiben. Politisch jedoch markiert die Debatte einen weiteren Schritt in jenem langen Prozess, mit dem Frankreich versucht, sein koloniales Erbe in die republikanische Erzählung einzubetten. Dieser Prozess wird weder rasch noch widerspruchsfrei verlaufen. Aber vielleicht ist gerade diese Unruhe der Preis einer demokratischen Erinnerungskultur, die Geschichte nicht verdrängt, sondern öffentlich verhandelt.

    Von Andreas Brucker

  • Das Gesetz Taubira: Als Frankreich begann, seine koloniale Vergangenheit neu zu betrachten

    Das Gesetz Taubira: Als Frankreich begann, seine koloniale Vergangenheit neu zu betrachten

    Am 10. Mai 2001 verabschiedete Frankreich ein Gesetz, das das Verhältnis der Republik zu ihrer eigenen Geschichte dauerhaft verändern sollte: das sogenannte Taubira-Gesetz. Ein Vierteljahrhundert später gilt es als einer der bedeutendsten erinnerungspolitischen Wendepunkte der Fünften Republik. Erstmals erkannte ein europäischer Staat den transatlantischen Sklavenhandel und die Sklaverei offiziell als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Hinter dieser historischen Zäsur stand eine damals außerhalb der Überseegebiete noch vergleichsweise wenig bekannte Abgeordnete aus Französisch-Guayana: Christiane Taubira. Ihr Gesetzestext, der nach teils kontroversen Debatten verabschiedet wurde, eröffnete in Frankreich eine neue Phase der Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Erinnerungskultur und republikanischem Universalismus. Ein Bruch mit der bisherigen Erinnerungspolitik Vor 2001 war die Sklaverei zwar Bestandteil schulischer Lehrpläne und des nationalen Geschichtsbildes, allerdings meist r…

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  • Zwischen Schuld und Verantwortung: Wie Nantes eine neue Erinnerungskultur erprobt

    Zwischen Schuld und Verantwortung: Wie Nantes eine neue Erinnerungskultur erprobt

    Über Jahrzehnte hinweg erzählte sich Frankreich seine Geschichte der Sklaverei als eine ferne, fast externe Angelegenheit. Die Gewalt fand in den Kolonien statt, die Verschleppung auf dem afrikanischen Kontinent, die ökonomischen Gewinne in den Hafenstädten – doch die nationale Selbstwahrnehmung ver…

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  • Zwischen Bußgestus und politischer Mahnung: Papst Leo XIV. in Angola

    Zwischen Bußgestus und politischer Mahnung: Papst Leo XIV. in Angola

    Als Papst Leo XIV. Mitte April in Angola eintrifft, ist es mehr als eine Station auf einer routinierten Afrikareise. Der Besuch in Luanda entfaltet eine historische Tiefenschärfe, die weit über das übliche diplomatische und pastorale Protokoll hinausreicht. Denn Angola ist nicht irgendein Land: Es ist ein zentraler Schauplatz des transatlantischen Sklavenhandels – ein Ort, an dem sich europäische Expansion, ökonomische Interessen und kirchliche Mission über Jahrhunderte auf verhängnisvolle Weise verschränkten.

    Leo XIV. begegnet dieser Vergangenheit nicht mit Schweigen. Seine Wortwahl ist auffallend klar, seine Bilder sind bewusst gewählt. Wenn er davon spricht, Afrika sei allzu oft betrachtet worden, um „etwas zu nehmen“, evoziert er nicht nur eine abstrakte Kritik an globalen Ungleichgewichten. Er ruft ein historisches Gedächtnis wach, das in Angola bis heute präsent ist.

    Die Last der Geschichte

    Kaum ein anderer Ort steht so exemplarisch für die Gewaltökonomie der frühen Globalisierung wie Angola. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden von hier Millionen Menschen über den Atlantik verschleppt. Luanda entwickelte sich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze des Sklavenhandels, eng eingebunden in die kolonialen Netzwerke des portugiesischen Imperiums.

    Die historische Forschung weist darauf hin, dass wirtschaftliche Interessen, politische Kontrolle und religiöse Legitimation Hand in Hand gingen. Missionare tauften versklavte Menschen oft kurz vor ihrer Verschiffung – ein Akt, der aus kirchlicher Sicht als Seelenrettung galt, faktisch jedoch in ein System eingebettet war, das Menschen systematisch entwürdigte. Diese Ambivalenz prägt das Verhältnis der katholischen Kirche zu ihrer eigenen Vergangenheit bis heute.

    Leo XIV. vermeidet es, diese Verstrickung explizit als institutionelle Schuld zu benennen. Doch seine Sprache deutet in diese Richtung. Indem er von einer „Kette von Interessen“ spricht, die Menschen zu Objekten degradiere, schlägt er eine Brücke zwischen historischer Sklaverei und modernen Formen wirtschaftlicher Ausbeutung.

    Symbolik der Orte

    Die Stationen der Reise sind sorgfältig gewählt. Besonders der Besuch in Muxima, einem traditionsreichen Wallfahrtsort südlich von Luanda, besitzt eine vielschichtige Bedeutung. Historisch war der Ort nicht nur religiöses Zentrum, sondern auch Teil der Infrastruktur des Sklavenhandels. Hier wurden Menschen gesammelt, religiös markiert und anschließend weitertransportiert.

    Dass ein Papst gerade dort betet, ist ein starkes Symbol. Es signalisiert Anerkennung des Leids, ohne jedoch in eine klare institutionelle Selbstanklage überzugehen. Diese Zurückhaltung ist kein Zufall. Die katholische Kirche bewegt sich seit Jahrzehnten in einem Spannungsfeld zwischen moralischer Autorität und historischer Verantwortung. Während einzelne Päpste wiederholt Verfehlungen der Vergangenheit eingeräumt haben, bleibt eine umfassende Aufarbeitung kolonialer Verstrickungen fragmentarisch.

    Leo XIV. setzt nun einen Akzent, der weniger juristisch als politisch-moralisch wirkt. Er nutzt die Symbolik des Ortes, um eine Botschaft zu formulieren, die in die Gegenwart zielt.

    Gegenwart der Ausbeutung

    Angola ist heute ein Land der Gegensätze. Reich an Öl, Diamanten und anderen Rohstoffen, zählt es zugleich zu den Staaten mit erheblichen sozialen Disparitäten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt unter prekären Bedingungen, während wirtschaftliche Gewinne oft in den Händen einer kleinen Elite oder internationaler Akteure konzentriert sind.

    Wenn Leo XIV. vor „mächtigen Interessen“ warnt, die sich der Ressourcen des Landes bemächtigen, spricht er damit ein strukturelles Problem an, das weit über Angola hinausweist. Der Begriff der „Extraktion“ hat in der politischen Ökonomie längst eine neue Aktualität gewonnen: Er beschreibt ein System, in dem Rohstoffe aus dem globalen Süden abfließen, während Wertschöpfung und Gewinne andernorts entstehen.

    Diese Dynamik erinnert in ihrer Logik an historische Muster. Zwar ist sie nicht mit der Brutalität der Sklaverei gleichzusetzen, doch die strukturelle Asymmetrie bleibt vergleichbar. Genau hier setzt die Kritik des Papstes an. Seine Worte sind weniger als moralische Predigt zu verstehen denn als politische Intervention in eine Debatte über globale Gerechtigkeit.

    Zwischen Moral und Politik

    Päpstliche Reden bewegen sich traditionell im Spannungsfeld zwischen ethischem Anspruch und diplomatischer Rücksichtnahme. Leo XIV. scheint bereit, dieses Gleichgewicht leicht zu verschieben. Seine Aussagen in Angola sind ungewöhnlich direkt, fast konfrontativ.

    Er benennt nicht nur abstrakte Missstände, sondern implizit auch Verantwortlichkeiten. Indem er sowohl externe Akteure als auch lokale Eliten anspricht, vermeidet er eine einseitige Schuldzuweisung. Gleichzeitig macht er deutlich, dass Ausbeutung nicht allein ein Relikt der Vergangenheit ist, sondern ein gegenwärtiges Phänomen mit konkreten Akteuren.

    Diese Klarheit ist bemerkenswert, gerade im Kontext vatikanischer Diplomatie, die traditionell auf Ausgleich und Vermittlung setzt. Leo XIV. scheint hingegen stärker auf moralische Zuspitzung zu setzen – ohne dabei die institutionellen Grenzen seines Amtes zu überschreiten.

    Die offene Frage der Verantwortung

    Trotz aller Deutlichkeit bleibt eine Leerstelle. Die katholische Kirche war historisch nicht nur Beobachterin, sondern Teil des kolonialen Systems. Diese Tatsache ist in der Forschung unbestritten. Die Frage, wie weit daraus eine heutige institutionelle Verantwortung abgeleitet werden kann, ist jedoch umstritten.

    Leo XIV. hat diese Schwelle in Angola nicht überschritten. Er spricht über Ausbeutung, über historische Wunden und gegenwärtige Ungerechtigkeiten – aber nicht über eine konkrete kirchliche Mitschuld im Sinne einer expliziten Entschuldigung. Diese Zurückhaltung dürfte sowohl innerkirchliche als auch diplomatische Gründe haben.

    Gleichwohl könnte gerade diese Ambivalenz produktiv sein. Indem der Papst das Thema in den Mittelpunkt rückt, ohne es abschließend zu definieren, eröffnet er einen Diskursraum. Die Debatte über die Rolle der Kirche in der Geschichte der Sklaverei dürfte dadurch neue Dynamik gewinnen.

    Am Ende bleibt ein Eindruck von Bewegung, nicht von Abschluss. Der Besuch in Angola markiert keinen Endpunkt der Aufarbeitung, sondern eher einen Anfang. Leo XIV. hat gezeigt, dass die katholische Kirche bereit ist, sich schwierigen historischen Fragen zumindest rhetorisch zu stellen. Ob daraus konkrete Konsequenzen folgen, wird sich erst in den kommenden Jahren erweisen.

    Autor: Andreas M. Brucker