Schlagwort: Shein

  • Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich verschärft den Kampf gegen umweltschädliche Billigmode. Die Nationalversammlung und der Senat haben ein Gesetz verabschiedet, das gezielt gegen sogenannte Ultra Fast Fashion vorgeht. Das Land übernimmt damit eine Vorreiterrolle in Europa und führt als erster EU Staat finanzielle Sanktionen gegen besonders umweltschädliche Onlinehändler wie Shein und Temu ein. Ziel der neuen Regelung: den Konsum extrem günstiger Wegwerfmode bremsen und nachhaltigeres Kaufverhalten fördern. Herzstück des Gesetzes bildet ein finanzieller Umweltmalus für Unternehmen, die unter die Kategorie Ultra Fast Fashion fallen. Dieser Aufschlag soll schrittweise eingeführt werden und am Ende bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises eines Kleidungsstücks erreichen. Die genaue Höhe sowie die Berechnung legt die Regierung in den kommenden Monaten per Verordnung fest. Nach dem derzeitigen Zeitplan treten die wichtigsten Bestimmungen bereits zum 1. September 2026 in Kraft. Neben dem finanziellen Malus sieht das Ge…

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  • Paris-Vatry fordert Kurswechsel bei der Paketsteuer – Frankreichs Alleingang gerät unter Druck

    Paris-Vatry fordert Kurswechsel bei der Paketsteuer – Frankreichs Alleingang gerät unter Druck

    Die französische Regierung wollte mit der neuen Abgabe auf Kleinsendungen aus Nicht-EU-Staaten ein Signal gegen ultra-billige Importware aus Asien setzen. Doch nur wenige Wochen nach Inkrafttreten der Maßnahme zeigt sich ein unerwarteter Nebeneffekt: Nicht die großen E-Commerce-Plattformen geraten unter Druck, sondern ein französischer Frachtstandort selbst. Der Flughafen Paris-Vatry in der Marne verzeichnet einen massiven Einbruch seines Geschäfts und fordert nun ein Umdenken in Paris. Seit dem 1. März 2026 erhebt Frankreich auf bestimmte Kleinsendungen aus Staaten außerhalb der Europäischen Union eine Abgabe von zwei Euro pro Artikelkategorie. Betroffen sind insbesondere Waren mit geringem Einzelwert, wie sie massenhaft über Plattformen wie Shein oder Temu nach Europa gelangen. Die Maßnahme war Teil einer politischen Strategie gegen die ökologischen und sozialen Folgen der Ultra-Fast-Fashion sowie gegen Wettbewerbsverzerrungen im europäischen Handel. Doch der nationale Vorstoß offenb…

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  • Frankreichs Justiz weist Verbotsverfügung gegen Shein zurück – Streit um Billigmode spitzt sich zu

    Frankreichs Justiz weist Verbotsverfügung gegen Shein zurück – Streit um Billigmode spitzt sich zu

    Ein Urteil, das leise daherkommt und doch weit über den Einzelfall hinausweist. Die französische Justiz hat in zweiter Instanz entschieden: Der Antrag auf Aussetzung der Online-Plattform des chinesischen Fast-Fashion-Riesen Shein bleibt abgelehnt. Damit endet vorerst ein juristisches Ringen, das nicht nur Wettbewerber, sondern auch Verbraucherschützer und Umweltinitiativen aufmerksam verfolgt haben. Im Kern ging es um die Frage, ob die Geschäftspraktiken von Shein gegen geltendes Recht verstoßen – und ob dies schwerwiegend genug sei, um den Betrieb der Plattform vorläufig zu stoppen. Die Kläger, darunter Branchenvertreter, hatten argumentiert, dass unfaire Wettbewerbsbedingungen vorlägen. Shein hingegen verwies auf die Einhaltung europäischer Vorschriften und sah sich zu Unrecht ins Visier genommen. Das Berufungsgericht folgte letztlich dieser Argumentation. Ein Eingriff dieser Größenordnung, so die Richter, setze eindeutige und schwerwiegende Rechtsverstöße voraus. Diese seien im vorl…

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  • Provokation mit System – Wie Shein das französische Parlament brüskiert

    Provokation mit System – Wie Shein das französische Parlament brüskiert

    Dreimal war Shein geladen. Dreimal blieb der Konzern fern. Nun schaltet sich die Justiz ein. Es ist eine Szene mit Symbolkraft, wie man sie selten erlebt: Ein multinationaler Onlinehändler, berüchtigt für seine aggressive Expansionsstrategie, ignoriert demonstrativ die Aufforderung eines souveränen Parlaments. Und das gleich mehrfach. Am Ende steht eine juristische Konsequenz – und ein politischer Flächenbrand. Am Dienstag, dem 2. Dezember, sollte Shein vor der französischen Nationalversammlung erscheinen, genauer gesagt vor der Kommission für nachhaltige Entwicklung und Raumplanung. Thema: Verstöße im Onlinehandel, darunter der mutmaßliche Vertrieb von kindlich wirkenden Sexpuppen und verbotenen Waffen. Brisant – und alles andere als ein Bagatellfall. Doch Shein kam nicht. Schon zuvor hatte der Konzern zwei Termine verstreichen lassen – ohne zu erscheinen, ohne nachvollziehbare Begründung. Eine Ohrfeige für das Parlament. Eine Brüskierung, wie sie in dieser Form noch von keinem andere…

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  • 10-Euro-Steuer für Billigimporte: Frankreich zieht die Reißleine bei Mini-Paketen

    10-Euro-Steuer für Billigimporte: Frankreich zieht die Reißleine bei Mini-Paketen

    Was kostet ein T-Shirt aus China? Manchmal weniger als ein belegtes Baguette. Doch damit könnte in Frankreich bald Schluss sein – zumindest, was die Zusatzkosten betrifft. Die Assemblée nationale, Frankreichs parlamentarisches Unterhaus, hat eine Maßnahme in Angriff genommen, die das Shoppingverhalten vieler Französinnen und Franzosen verändern dürfte: eine neue Abgabe auf sogenannte „kleine Pakete“ aus Nicht-EU-Ländern.

    Das Ziel: Die Flut von Billigwaren eindämmen, lokale Händler schützen und ein Signal gegen umweltschädliche Wegwerfware setzen.

    Was steckt hinter der „Mini-Paket“-Steuer?

    Im Zentrum der Diskussion steht ein Segment des Onlinehandels, das bislang steuerlich kaum berührt wurde: Produkte unter 150 Euro, direkt aus Ländern wie China importiert, meist über Plattformen wie Shein, Temu oder AliExpress. Der Trick: Diese Sendungen entgehen häufig der Zollabfertigung und landen nahezu unkontrolliert in französischen Briefkästen.

    Damit soll nun Schluss sein – oder zumindest ein Anfang gemacht werden.

    Geplant ist zunächst eine Abgabe von 2 Euro pro Paket, die ab 2026 gelten könnte. Doch damit geben sich einige Abgeordnete nicht zufrieden: Ein Zusatzantrag fordert stattdessen gleich 10 Euro pro Sendung – ein ordentlicher Aufpreis bei Bestellungen, deren Warenwert oft selbst nur einstellige Beträge beträgt.

    Die Debatte ist eröffnet. Und Frankreich steht bei dieser Entscheidung nicht allein: Auch auf EU-Ebene wird eine Harmonisierung der Besteuerung solcher Importe diskutiert – erste Beschlüsse wurden bereits gefasst.

    Warum überhaupt eine neue Steuer?

    Die Gründe liegen – wie so oft – im Zusammenspiel von Wirtschaft, Umwelt und sozialer Fairness.

    Erstens: Der Onlinehandel mit Billigwaren aus Asien ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Laut Schätzungen wurden allein 2023 rund 2,3 Milliarden Artikel unter 150 Euro in die EU importiert. Ein beachtlicher Teil davon landet auch in Frankreich. Dabei handelt es sich oft um Mode aus der Ultra-Fast-Fashion-Schiene, Zubehör oder technische Gadgets – günstig, schnell geliefert, aber oft von fragwürdiger Qualität und Herkunft.

    Zweitens: Die derzeitige Steuerpraxis sorgt für ein erhebliches Ungleichgewicht. Während europäische Händler Mehrwertsteuer abführen und unter strengen Auflagen produzieren, gelangen viele Importprodukte nahezu steuerfrei ins Land. Das Ergebnis: Preisverzerrung und ein massiver Wettbewerbsnachteil für den stationären und regionalen Handel.

    Drittens: Die soziale und ökologische Dimension. Billig heißt nicht nur günstig für Konsumenten, sondern häufig auch teuer für Mensch und Umwelt: schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Emissionen durch Einzelversand per Luftfracht, Müllberge durch kurzlebige Produkte.

    Kurzum: Die neue Abgabe will einen Preis sichtbar machen, der bislang unsichtbar blieb.

    Zwischen Symbolpolitik und realer Wirkung

    Doch kann eine solche Steuer tatsächlich etwas bewirken – oder bleibt sie bloße Geste?

    Genau hier setzt die Kritik vieler Expert:innen an. Derzeit werden in Frankreich laut einem Bericht lediglich 0,125 Prozent aller Kleinsendungen tatsächlich kontrolliert. Wenn der Zoll gar nicht weiß, was in den Paketen steckt, wie soll dann eine Steuer flächendeckend greifen?

    Noch dazu droht eine Umgehung durch technische Kniffe: Große Plattformen könnten ihre Logistik umstellen und Waren über Zwischenlager in EU-Ländern verschicken – und wären damit aus dem Schneider. Ein echtes Nadelöhr für die Steuerbehörden und ein Risiko für die Glaubwürdigkeit der Maßnahme.

    Dazu kommt: Wenn Frankreich im Alleingang vorprescht, während andere EU-Länder noch zögern, entsteht ein Flickenteppich an Regeln – und das in einem gemeinsamen Binnenmarkt.

    Wer zahlt am Ende?

    Die Maßnahme trifft einen empfindlichen Punkt – vor allem für Menschen mit schmalem Geldbeutel. Viele Kund:innen dieser Plattformen stammen aus Haushalten, die auf günstige Angebote angewiesen sind. Eine zusätzliche Steuer auf jede Bestellung könnte ihre Budgets spürbar belasten. Kritische Stimmen aus dem linken Lager sprechen deshalb von einer „Strafsteuer auf Armut“.

    Gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Frage: Wer trägt eigentlich die Verantwortung für den Boom dieser Plattformen? Sind es wirklich nur die Händler – oder auch ein Konsumverhalten, das durch permanente Schnäppchenjagd immer neue Rekorde bricht?

    Die Politik wagt hier einen Spagat: Sie will regulieren, ohne zu verbieten. Steuern, ohne zu bestrafen. Und vor allem: Bewusstsein schaffen, ohne den Zeigefinger zu heben.

    Was bedeutet das konkret?

    Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Frankreich könnte das künftig heißen: Wer bei Shein & Co. bestellt, zahlt drauf. Zwei Euro extra pro Paket – vielleicht sogar zehn. Das macht aus einem 5-Euro-Shirt schnell eine 15-Euro-Angelegenheit.

    Für die Plattformen wiederum dürfte sich das Geschäftsmodell verteuern. Möglich, dass sie Alternativen suchen: europäische Lager, gebündelte Lieferungen, höhere Produktpreise. Alles Optionen – mit Nebenwirkungen.

    Und für den französischen Staat? Ein doppelter Gewinn: mehr Einnahmen und ein Statement für faireren Handel. Ob sich das geplante Steueraufkommen von bis zu 500 Millionen Euro jährlich tatsächlich realisieren lässt, hängt aber von der Durchsetzung ab – und davon, ob Europa an einem Strang zieht.

    Ein Weckruf – mehr nicht?

    Der Vorstoß der Nationalversammlung ist mehr als nur eine Fußnote im Steuerrecht. Er ist ein Signal. Ein kleiner Ruck gegen einen gigantischen Trend.

    Aber er wirft auch Fragen auf: Reicht diese Maßnahme aus? Oder braucht es mehr – etwa umfassendere Zollkontrollen, strengere Transparenzpflichten oder bessere Aufklärung für Verbraucher?

    Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, sich zu fragen: Muss wirklich jedes T-Shirt aus der anderen Ecke der Welt kommen?

    Eines ist klar: Diese kleine Steuer hat das Potenzial, eine große Debatte auszulösen – über Konsum, Gerechtigkeit und den Preis, den wir alle zahlen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Modebranche an ihre eigenen Grenzen stößt. Die Ultra-Fast-Fashion – noch schneller, noch billiger, noch kurzlebiger als die ohnehin schon umstrittene Fast-Fashion – hat in wenigen Jahren den Markt überrollt. Doch jetzt formiert sich der Widerstand. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit.

    10.000 neue Kleidungsstücke – pro Tag. Das ist keine Übertreibung, sondern die Realität bei Plattformen wie Shein oder Temu. Während traditionelle Modemarken mit wenigen Kollektionen pro Saison arbeiten, speisen Ultra-Fast-Fashion-Anbieter täglich eine Flut an neuen Artikeln ins Netz – algorithmisch getrieben, massenhaft produziert, zum Schleuderpreis verkauft.

    Ein System, das auf Geschwindigkeit, Volumen und Wegwerfmentalität beruht – mit fatalen Folgen.

    Billig, schnell, kaputt

    Oxfam France hat es auf den Punkt gebracht: Ultra-Fast-Fashion ist nicht einfach eine beschleunigte Mode – sie ist ein eigenes Geschäftsmodell, das auf permanente Erneuerung, künstlich erzeugte Trends und gezielte Impulskäufe setzt. Die Qualität? Laut Tests ist bei fünf von sechs Kleidungsstücken nach zehn Wäschen Schluss.

    Die Umweltauswirkungen sind massiv: synthetische Materialien, die nicht recycelbar sind, tonnenweise CO₂ durch lange Transportwege, Mikroplastik in den Meeren. Und das ist nur die ökologische Seite.

    Wer zahlt den Preis?

    Die eigentlichen Kosten trägt nicht der Konsument, sondern die Arbeiterinnen in den Textilfabriken. In vielen Fällen ohne Vertrag, mit Hungerlöhnen und Arbeitszeiten jenseits der 70-Stunden-Woche. Der Druck, in kürzester Zeit riesige Mengen zu produzieren, geht auf ihre Gesundheit – und ihre Rechte.

    Gleichzeitig geraten klassische Modehäuser unter Druck. Französische Hersteller sprechen offen von „unlauterem Wettbewerb“. Auch die Secondhand-Branche leidet: Die Spenden nehmen ab, die Qualität der abgegebenen Kleidung sinkt.

    Frankreich setzt ein Zeichen

    Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache. Frankreich geht voran – mit einem Gesetz, das dem Wildwuchs der Ultra-Fast-Fashion Einhalt gebieten soll. Der Senat hat im Juni 2025 einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der drastische Sanktionen für nicht-konforme Ware vorsieht: bis zu 10 Euro pro Kleidungsstück, bei besonders problematischen Produkten sogar 50 Prozent des Verkaufspreises.

    Ein deutliches Signal – nicht nur an Shein & Co., sondern auch an die Konsumenten.

    Der Widerstand wächst

    Neben der Politik engagieren sich auch zahlreiche Organisationen. Zero Waste France etwa organisiert Protestaktionen zur Eröffnung neuer Filialen, verteilt Informationsmaterial und wirbt für bewussten Konsum. Ihr Credo: weniger kaufen, länger tragen, mehr reparieren.

    Statt Wegwerfmode propagieren sie die Idee der „Slow Fashion“ – also Mode, die mit Bedacht und Qualität statt mit Trends und Tempo punktet.

    Die Hürden auf dem Weg zur Veränderung

    So klar die Forderungen, so komplex die Realität. Denn zwei zentrale Probleme bleiben:

    Erstens: soziale Gerechtigkeit. Für viele Menschen mit kleinem Einkommen ist günstige Kleidung nicht Ausdruck von Konsumlust, sondern schlicht notwendig. Sie zu stigmatisieren, wäre unfair – es braucht also Lösungen, die nachhaltig UND sozial verträglich sind.

    Zweitens: Globalisierung. Solange Plattformen aus dem Ausland über Onlinehandel operieren und billig produzieren lassen, greifen nationale Regelungen nur begrenzt. Es braucht eine internationale Antwort – abgestimmt, durchsetzbar und langfristig.

    Was tun?

    Was also tun als Konsumentin, als Bürger, als Gesellschaft?

    Zunächst: Nicht den perfekten Konsumstil suchen – sondern den besseren. Nicht radikal alles ändern, sondern Schritt für Schritt bewusster entscheiden. Wer Kleidung länger trägt, kauft automatisch weniger. Wer Secondhand kauft oder lokal produziert, unterstützt Alternativen. Und wer sich informiert, bleibt nicht Opfer des Systems, sondern wird Teil der Lösung.

    Denn im Kern geht es hier nicht nur um Mode. Es geht um unser Verhältnis zu Dingen – und zu den Menschen, die sie herstellen. Die Ultra-Fast-Fashion zeigt, wie sehr unser Konsumverhalten außer Kontrolle geraten ist. Aber sie zeigt auch, wie groß das Potenzial für Veränderung ist.

    Eine Frage bleibt am Ende offen: Sind wir bereit, das Tempo rauszunehmen?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Shein – Die neue Seidenstraße der Abhängigkeit

    Shein – Die neue Seidenstraße der Abhängigkeit

    Ein bisschen Glitzer, ein Klick, ein Paket. So einfach verführt Shein Millionen Französinnen und Franzosen. 19 Millionen Besucher pro Monat, die Produkte von Shein in den Regalen der ehrwürdigen französischen Kaufhäuser, ein Name in allen sozialen Netzwerken. Shein ist längst keine Randerscheinung mehr, sondern der neue Elefant im Kleiderschrank. Und plötzlich steht die Regierung auf den Barrikaden – Serge Papin warnt vor einem „Far West numérique“, Amélie de Montchalin will Pakete öffnen lassen, Roland Lescure spricht von „surveillance rapprochée“. Patriotismus in Textilfragen – fast wie früher.

    Aber worum geht’s eigentlich? Nur um Kleider, um billige Tops und Jogginghosen? Oder steckt dahinter etwas Tieferes – eine Geschichte von Macht, Abhängigkeit und kultureller Selbstaufgabe?


    Vom Stolz der Nadeln zum Scherbenhaufen

    Wer heute durch das Pariser Viertel Le Sentier läuft, hört kaum noch das Rattern der Nähmaschinen, das dort einst den Alltag prägte. In den 1960er-Jahren war das Viertel der vibrierende Puls der französischen Modeindustrie. Hier entstand, was man später als le prêt-à-porter feierte: erschwingliche Mode mit Stil, gemacht für alle. Marken wie Kookaï, Naf Naf oder Maje sprangen aus diesen engen Gassen direkt in die Kleiderschränke des Landes. Und Agnès B., mit ihrer schlichten Eleganz, war der Inbegriff einer neuen französischen Leichtigkeit.

    Doch dann veränderte sich alles. Paris wollte seine Werkstätten loswerden, aus Gründen der Stadtplanung – oder des guten Gewissens. Billige Arbeitskräfte, meist Migrant:innen, nähten heimlich in Kellern, während oben das neue Bürgertum flanierte. Schritt für Schritt verließen die Nähmaschinen die Stadt. Und mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation begann die große Wanderung des Textils.

    Die Produktion wanderte nach Osten, die Gewinne nach Westen – und der Stolz blieb auf der Strecke. La Vérité si je mens, jener Filmklassiker der 1990er, zeigte das mit einem Augenzwinkern: der Wandel eines Viertels, das einst Mode machte und nun nur noch Geschichten davon erzählte.


    Shein: Das digitale Sweatshop-Wunder

    Heute produziert Shein in den Vororten von Kanton, in Hallen, die kaum jemand je gesehen hat. Jedes Kleidungsstück wird gestoppt, gezählt, getaktet. Minuten, manchmal Sekunden, entscheiden über Löhne. Der Mensch gegen die Stoppuhr. So entstehen die Kleider, die in Paris, Lyon oder Marseille per Klick bestellt werden – billig, schnell, austauschbar.

    Und dazwischen? Da tauchen immer wieder Skandale auf. Schlechte Materialien, gefährliche Chemikalien, mutmaßlich verbotene Produkte – bis hin zu illegalen Spielzeugen, die in den letzten Wochen für Schlagzeilen sorgten. Die Plattform funktioniert wie ein riesiger Markt ohne Mauern. Kontrolle? Kaum möglich.

    Das eigentliche Geschäftsmodell aber liegt anderswo: in der Geschwindigkeit. Jeden Tag neue Kollektionen, jede Stunde neue Reize. Das Gehirn klickt, bevor es denkt. Die Droge ist die Neuheit selbst.


    Eine alte Geschichte – mit vertauschten Rollen

    Ironisch, nicht wahr? Vor 150 Jahren war es Europa, das China mit einer Droge überflutete: dem Opium. Damals wollte die chinesische Regierung die Einfuhr stoppen. Doch die westlichen Mächte – Großbritannien, Frankreich, später auch andere – erzwangen mit Kanonen die koloniale Abhängigkeit. Die sogenannten Opiumkriege endeten mit Gebietsverlusten, erzwungenen Verträgen, Demütigung.

    Heute hat sich das Spielfeld gedreht. Die Droge heißt nicht mehr Opium, sondern Konsum. Und diesmal sind wir es, die sie gierig inhalieren. Billige Mode, schnelle Klicks, Wegwerfgesellschaft – alles made in China. Eine neue Art von Kolonisation, sanft und schillernd verpackt in Plastikfolie.

    Man könnte sagen: Shein ist die Seidenstraße 2.0, aber sie führt nicht mehr nur nach Westen, um Gewürze und Porzellan zu bringen. Sie führt in unsere Wohnzimmer, in unsere Smartphones, in unsere Köpfe.


    Ein patriotischer Reflex – oder bloß Theaterdonner?

    Natürlich: Wenn französische Minister jetzt laut werden, klingt das nach Aufbruch. Endlich will man „handeln“, „kontrollieren“, „blockieren“. Doch was lässt sich überhaupt blockieren in einer Welt, die im Sekundentakt online bestellt? Kann ein Zollbeamter diese Flut aufhalten?

    Patriotismus klingt gut, besonders in Schlagzeilen. Doch solange Millionen Kund:innen auf ihre Pakete aus Shenzhen warten, bleibt das Ganze Symbolpolitik. Es ist, als würde man versuchen, mit einem Sieb das Meer leer zu schöpfen.

    Denn seien wir ehrlich: Die Versuchung ist groß. Ein Kleid für zwölf Euro, eine Bluse für acht – wer denkt da noch über Arbeitsbedingungen nach? Wir wissen es doch alle, verdrängen es aber gerne. Und so wird Shein zu einem Spiegel unserer eigenen Bequemlichkeit und Konsumgier.


    Der französische Traum – verpackt in Polyester

    Vielleicht ist das Bitterste an der ganzen Geschichte, dass Shein nicht einfach nur Marktanteile frisst. Shein raubt uns auch das Gefühl, dass Mode einmal etwas Künstlerisches, beinahe Poetisches war.

    In Frankreich war Mode Identität. Ausdruck. Stolz. Coco Chanel hat einst gesagt, Mode sei nicht nur das, was man trägt – sondern das, was in der Luft liegt. Heute liegt in der Luft: Acryl, Polyester und Algorithmus.

    Die Algorithmen von Shein wissen, was wir wollen, bevor wir es selbst wissen. Farben, Schnitte, Trends – alles ausgelesen, alles berechnet. Das ist nicht mehr Mode, das ist Psychotechnologie.

    Und wer kontrolliert eigentlich diese neue Maschinerie? Die Regierung kann Pakete öffnen lassen, aber nicht Sehnsüchte.


    Die Rache der Nähmaschine

    Wenn man es historisch betrachtet, hat sich die Machtachse still verschoben. Vor einem Jahrhundert haben europäische Fabriken die Welt eingekleidet, jetzt tut es China. Früher verschickte Frankreich Luxus in alle Himmelsrichtungen, heute importiert es Wegwerfware.

    Und irgendwo in Guangzhou näht vielleicht eine junge Frau – sie könnte so alt sein wie die Pariser Influencerin, die später ihr Kleid trägt. Zwei Leben, verbunden durch einen Algorithmus, getrennt durch tausende Kilometer.

    Man könnte fast meinen, es sei eine poetische Gerechtigkeit: Die Nachkommen derer, die einst von uns mit Opium überzogen wurden, überschwemmen uns nun mit billigem Polyester.


    Ein Flackern von Widerstand

    Was bleibt vom „patriotisme économique“? Vielleicht nicht viel, aber immerhin ein Unbehagen. Immer mehr junge Leute wenden sich der „slow fashion“ zu, suchen nach französischen Labels, die lokal nähen, recyceln, fair produzieren. Kleine Marken, fast romantisch in ihrem Mut.

    Sie kämpfen gegen Goliath, ohne Rüstung, aber mit Überzeugung. Und ja, manche gewinnen tatsächlich Aufmerksamkeit, weil sie eine Geschichte erzählen.

    Doch das reicht noch nicht. Ohne eine neue Erzählung über Konsum, über Würde, über Wert, bleibt Shein nur ein Symptom, nicht die Krankheit.


    Vielleicht ist das unsere moderne Kolonialgeschichte – nur dass diesmal niemand Kanonen schickt, sondern Influencer. Niemand besetzt Territorien, sondern unsere Köpfe.

    Und vielleicht müssen wir, um das zu verstehen, den Stoff unserer eigenen Begehren hinterfragen. Wer näht eigentlich unsere Identität? Wer bestimmt, was schön, was „in“ ist?

    Solange wir das nicht beantworten, bleibt Shein nicht der Feind, sondern der Spiegel. Und der zeigt uns – gnadenlos – wie leicht wir uns kaufen lassen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Abschied von einem Wahrzeichen: In Reims wird aus den Galeries Lafayette ein Shein-Store

    Abschied von einem Wahrzeichen: In Reims wird aus den Galeries Lafayette ein Shein-Store

    Das Kaufhaus an der Rue de Vesle in Reims war mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Es war ein Symbol. Ein Fixpunkt in der Innenstadt, ein Stück Geschichte. Jetzt verschwindet der Name „Galeries Lafayette“ von der Fassade – und mit ihm ein Kapitel französischer Konsumkultur. Was folgt, ist nichts weniger als ein Bruch mit der Tradition: Die chinesisch-singapurische Fast-Fashion-Marke Shein zieht ein. Für viele klingt das nach einem massiven Kulturwandel. Für andere nach einer ökonomischen Notwendigkeit. Strategischer Bruch: SGM trennt sich von Galeries Lafayette Was wie ein plötzlicher Kurswechsel wirkt, war lange vorbereitet. Die Société des Grands Magasins (SGM) hatte 2022 sieben Filialen der Galeries Lafayette übernommen – darunter Reims, Dijon, Grenoble und in weiteren Städten. Nun endet die Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen französischen Warenhaus. Der Grund: SGM will die Flächen anders nutzen. Im Zentrum steht die Partnerschaft mit Shein. Galeries Lafayette, als Franchisegeb…

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  • Frankreich gegen Shein: Warum die Mode-Plattform jetzt am Pranger steht

    Frankreich gegen Shein: Warum die Mode-Plattform jetzt am Pranger steht

    Der Fall ist explosiv – und weit mehr als nur ein Streit um Online-Shopping. Die französische Regierung hat ein Verfahren gegen Shein eingeleitet, einen der mächtigsten Player im globalen Fast-Fashion-Geschäft. Der Vorwurf: Der Konzern verbreite verbotene Produkte auf seiner Plattform – darunter sogar sexuell konnotierte Puppen mit kindlichem Aussehen und gefährliche Waffen. Doch hinter dem Skandal steckt ein viel tiefer liegender Konflikt. Es geht um das digitale Machtgefüge, um Verbraucherschutz, um europäische Standards – und nicht zuletzt um die Zukunft der Modeindustrie. Ein Tabubruch auf offener Bühne Am 5. November 2025 verkündete Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu einen ungewöhnlich scharfen Schritt: Die Plattform Shein solle auf dem französischen Markt „suspendiert“ werden. Die Begründung? Auf der Marketplace-Sektion – also dem Bereich, in dem Drittanbieter ihre Produkte über Shein vertreiben – wurden Artikel gefunden, die laut französischem Recht klar illegal sind….

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  • Shein in Frankreich: Wie ein Ultra-Fast-Fashion-Riese seine Imagekur orchestriert

    Shein in Frankreich: Wie ein Ultra-Fast-Fashion-Riese seine Imagekur orchestriert

    Die Schaufenster glänzen. Die Logos wirken plötzlich edel. Und dort, wo einst die Elite des französischen Einzelhandels Hof hielt, taucht nun ein Name auf, der bis vor Kurzem eher mit Wegwerfmode aus dem Internet assoziiert wurde: Shein. Was auf den ersten Blick wie eine simple Expansion ins europäische Einzelhandelsgeschäft aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kalkulierter Versuch, sich neu zu erfinden – und dabei auch politisch und gesellschaftlich Fuß zu fassen.

    Paris als Bühne für einen Reputationswandel Frankreich wurde nicht zufällig ausgewählt. Mit dem BHV Marais und Verkaufsflächen in der Nähe der Galeries Lafayette nutzt Shein das Pariser Pflaster nicht nur als Verkaufsstandort, sondern als symbolisches Schaufenster. Das Ziel: sichtbar werden – nicht nur als Online-Gigant, sondern als ernstzunehmende Modemarke mit physischer Präsenz. Eine Art Eintrittskarte in den Kreis der etablierten Player des eu…

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