Schlagwort: sexualisierte gewalt

  • Ein Urteil mit Gewicht – und offenen Wunden: 30 Jahre Haft im Fall Justine Vayrac

    Ein Urteil mit Gewicht – und offenen Wunden: 30 Jahre Haft im Fall Justine Vayrac

    Es ist ein Satz, der fällt – und im selben Moment doch in der Luft hängen bleibt. 30 Jahre Haft. So lautet das Urteil, das das Schwurgericht in Tulle gegen Lucas Larivée verhängt hat. Vergewaltigung und Mord an der 20-jährigen Justine Vayrac: schuldig in beiden Punkten. Dazu eine Sicherheitsverwahrungssperre von zwei Jahrzehnten. Ein hartes Urteil, ohne Zweifel. Und dennoch keines, das die Forderung nach lebenslanger Haft erfüllt. Man könnte sagen: Die Justiz hat gesprochen. Aber wer genauer hinhört, merkt schnell, dass damit längst nicht alles gesagt ist. Der Fall selbst hatte Frankreich erschüttert – nicht nur wegen der Brutalität, sondern wegen seiner erschreckenden Vertrautheit. Eine junge Frau, eine Nacht im Club, ein Verschwinden, das zunächst diffus wirkt, dann immer bedrohlicher. Tage später die Gewissheit: ein lebloser Körper, vergraben, irgendwo im ländlichen Raum. Es ist diese Mischung aus Alltäglichkeit und Abgrund, die sich festsetzt. Man kennt solche Geschichten – und gen…

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  • Patrick Bruel unter Druck: Neue Vorwürfe und ein vertrautes Muster im Schatten von #MeToo

    Patrick Bruel unter Druck: Neue Vorwürfe und ein vertrautes Muster im Schatten von #MeToo

    Es sind jene Nachrichten, die den Kulturbetrieb in regelmäßigen Abständen erschüttern – und doch jedes Mal aufs Neue eine besondere Wucht entfalten. Der französische Sänger und Schauspieler Patrick Bruel sieht sich aktuell mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Mindestens zwei Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt stehen im Raum, eingebettet in eine Entwicklung, die längst über den Einzelfall hinausweist.

    Zwei Verfahren, zwei Zeitpunkte, ein wachsender Druck.

    Im März dieses Jahres wurde in Paris eine Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung eingereicht. Die Vorwürfe beziehen sich auf ein Ereignis aus dem Jahr 1997, angesiedelt im Umfeld eines Filmfestivals in Mexiko. Parallel dazu läuft bereits seit 2024 ein weiteres Ermittlungsverfahren, ausgelöst durch eine Anzeige wegen Vergewaltigung im Zusammenhang mit einem Festival in Dinard im Jahr 2012.

    Die zeitliche Distanz zwischen den mutmaßlichen Taten und den juristischen Schritten wirkt auf den ersten Blick irritierend. Doch sie folgt einem bekannten Muster. Viele Betroffene berichten erst Jahre oder Jahrzehnte später – aus Angst, aus Scham oder schlicht, weil ihnen zuvor niemand zugehört hat.

    Und genau hier beginnt die gesellschaftliche Dimension des Falls.

    Denn die beiden Anzeigen stehen nicht isoliert. Mehrere Frauen schildern in journalistischen Recherchen ähnliche Erfahrungen, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken. Es entsteht das Bild wiederkehrender Situationen in beruflichen oder halbprivaten Kontexten – schwer zu beweisen, oft ohne Zeugen, aber in ihrer Häufung bemerkenswert.

    Das sorgt für Unruhe. Und für Fragen.

    Bruel selbst weist sämtliche Vorwürfe zurück. Über seinen Anwalt lässt er erklären, es habe nie ein erzwungenes Verhalten gegeben, keine Grenzüberschreitung gegen den Willen anderer. Es ist die klassische Verteidigungslinie – klar, bestimmt, ohne Zwischentöne. Und sie trifft auf ein Rechtssystem, das genau dafür gemacht ist: widersprüchliche Darstellungen zu prüfen, Beweise zu bewerten, Zweifel auszuhalten.

    Doch außerhalb der Gerichtssäle tickt die Uhr anders.

    Die öffentliche Wahrnehmung formt sich schneller, oft ungeduldiger. Seit #MeToo hat sich das Kräfteverhältnis verschoben. Stimmen, die früher überhört wurden, erhalten Raum. Gleichzeitig wächst die Sensibilität für Machtstrukturen, gerade in der Unterhaltungsbranche.

    Das verändert auch den Blick auf vergangene Fälle. Bereits 2019 war Bruel mit Vorwürfen konfrontiert worden, die jedoch juristisch folgenlos blieben. Für die einen ein Hinweis auf mangelnde Substanz, für andere ein Beispiel dafür, wie schwer sich solche Taten nachweisen lassen.

    Die Wahrheit liegt – wie so oft – nicht offen zutage, sondern verborgen in Details, Erinnerungen, Aussagen.

    Was bleibt, ist ein Spannungsfeld, das sich kaum auflösen lässt: der Wunsch, Betroffenen Gehör zu verschaffen, und zugleich der Anspruch, niemanden vorschnell zu verurteilen. Zwischen diesen Polen bewegt sich die aktuelle Debatte, tastend, manchmal widersprüchlich, aber notwendig.

    Für Patrick Bruel markiert diese Entwicklung einen Einschnitt. Unabhängig vom Ausgang der Verfahren steht seine öffentliche Persona unter Beobachtung wie nie zuvor.

    Und die Gesellschaft schaut hin. Genauer als früher. Vielleicht auch schonungsloser.

    Autor: C. Hatty

  • „Wir geben nichts auf“ – Wie Gisèle Pelicot zur Stimme einer neuen feministischen Bewegung in Frankreich wurde

    „Wir geben nichts auf“ – Wie Gisèle Pelicot zur Stimme einer neuen feministischen Bewegung in Frankreich wurde

    Ein sonniger Sonntagnachmittag in Paris. Zwischen der Place de la République und den großen Boulevards im Osten der Stadt drängen sich Tausende Menschen auf der Straße. Transparente flattern im Wind, Trommeln schlagen einen gleichmäßigen Rhythmus, Sprechchöre hallen durch die Häuserschluchten.

    Es ist der 8. März – der Internationale Tag der Frauenrechte.

    Doch in diesem Jahr liegt eine besondere Spannung in der Luft.

    An der Spitze des Demonstrationszuges steht eine Frau, deren Geschichte Frankreich tief erschüttert hat: Gisèle Pelicot. Als sie kurz das Wort ergreift, sagt sie nur einen einzigen Satz.

    „On ne lâchera rien!“

    Wir geben nichts auf.

    Die Worte dauern kaum einen Augenblick – doch die Reaktion ist überwältigend. Applaus brandet auf, Menschen rufen ihren Namen, manche kämpfen sichtbar mit den Tränen. Für viele Demonstrierende ist ihre Anwesenheit mehr als ein symbolischer Akt. Sie steht für Mut, für Widerstand – und für einen gesellschaftlichen Wandel, der gerade erst begonnen hat.

    Die 73-jährige Pelicot bleibt nur wenige Minuten im Demonstrationszug. An ihrer Seite läuft ihre Tochter Caroline Darian, die sich inzwischen selbst öffentlich gegen sexualisierte Gewalt und sogenannte chemische Unterwerfung engagiert.

    Dann verschwindet Pelicot wieder aus der Menge.

    Aber ihre Worte bleiben.

    Der Demonstrationszug setzt sich gegen halb drei in Bewegung. Gewerkschaften, feministische Initiativen, Studierendenverbände – sie alle haben zum Protest aufgerufen. Familien mit Kindern laufen neben Aktivistinnen, ältere Frauen neben jungen Studierenden.

    Paris zählt an diesem Tag über hunderttausend Demonstrierende. In ganz Frankreich gehen in mehr als hundert Städten Menschen auf die Straße.

    Die Forderungen sind vielfältig: gleiche Bezahlung, besserer Schutz vor Gewalt, mehr politische Aufmerksamkeit für Frauenrechte.

    Doch über allem schwebt an diesem Nachmittag eine Geschichte.

    Die Geschichte von Gisèle Pelicot.

    Über Jahre hinweg wurde sie Opfer eines unfassbaren Verbrechens. Zwischen 2011 und 2020 betäubte ihr damaliger Ehemann sie regelmäßig mit Medikamenten. In diesem Zustand ließ er fremde Männer in die gemeinsame Wohnung kommen, die sie vergewaltigten.

    Mehr als zweihundert Taten dokumentierte die Polizei später auf Videoaufnahmen.

    Pelicot selbst erfuhr erst 2020 davon – als Ermittler das Material auf dem Computer ihres Mannes entdeckten.

    Der Prozess erschütterte Frankreich. Und er löste eine Debatte aus, die weit über den Gerichtssaal hinausging.

    Besonders bemerkenswert: Gisèle Pelicot verzichtete bewusst auf ihre Anonymität. Sie wollte, so erklärte sie, dass nicht länger die Opfer sich verstecken müssen.

    „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte sie damals.

    Dieser Satz verbreitete sich im ganzen Land. Plötzlich tauchte er auf Demonstrationen, in sozialen Netzwerken und auf Transparenten auf.

    Der Haupttäter, ihr Ex-Mann Dominique Pelicot, erhielt schließlich eine Haftstrafe von zwanzig Jahren.

    Doch der Prozess hinterließ mehr als ein juristisches Urteil. Er öffnete vielen Menschen die Augen. Sexualisierte Gewalt, so wurde klar, findet nicht nur in dunklen Gassen statt. Sie kann mitten im Alltag verborgen liegen – hinter scheinbar normalen Türen.

    Gisèle Pelicot selbst wollte nie eine öffentliche Figur sein. Kein politisches Symbol, keine Ikone.

    Doch genau das ist sie geworden.

    Ihre Haltung im Gerichtssaal, ihre ruhige Entschlossenheit und ihre klare Sprache haben sie zu einer der bekanntesten Stimmen gegen sexualisierte Gewalt gemacht.

    International erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, wurde in Listen einflussreicher Persönlichkeiten aufgenommen und später mit der französischen Ehrenlegion geehrt.

    Dass sie nun bei einer Demonstration zum Frauentag erscheint, besitzt deshalb enorme Symbolkraft.

    Frankreich erlebt seit einigen Jahren eine neue feministische Mobilisierung. Die #MeToo-Bewegung hat auch hier Spuren hinterlassen, doch lange blieb das Land gegenüber radikaleren Forderungen ambivalent.

    Der Pelicot-Prozess hat diese Haltung verändert.

    Plötzlich sprechen Menschen offener über Gewalt, über Machtstrukturen, über Verantwortung.

    Auf Demonstrationen tauchen Slogans auf wie „Wir sind alle Gisèle“. Und immer wieder derselbe Satz:

    Die Scham muss die Seite wechseln.

    Als sich der Demonstrationszug schließlich durch Paris bewegt, ist Pelicot längst wieder verschwunden. Kein großes Interview, kein langer Auftritt.

    Nur dieser eine Satz.

    Vier Worte.

    Und irgendwie spürt man in der Menge: Genau das reicht.

    Denn manchmal genügt eine Stimme, um eine Bewegung sichtbar zu machen.

    Und manchmal beginnt eine gesellschaftliche Veränderung genau so – mit einem einzigen Satz, der plötzlich durch eine ganze Stadt hallt.

    Autor: C.H.

  • Wenn Macht missbraucht wird – Der Fall Joël Guerriau und bewusstseinsverändernde Substanzen

    Wenn Macht missbraucht wird – Der Fall Joël Guerriau und bewusstseinsverändernde Substanzen

    Die Verurteilung des früheren französischen Senators Joël Guerriau zu vier Jahren Haft, davon 18 Monate unbedingt, wegen Verabreichung von Drogen zur Willensbeeinflussung der Abgeordneten Sandrine Josso, ist mehr als ein Einzelfall. Der Prozess vor dem Pariser Strafgericht beleuchtet eine gefährliche Grauzone, in der sich politische Macht, persönliche Nähe und sexuelle Gewalt überschneiden. Es ist ein Fall, der nicht nur juristische, sondern auch institutionelle und gesellschaftliche Fragen aufwirft – über Integrität, Machtmissbrauch und die Mechanismen des Selbstschutzes innerhalb politischer Eliten. Ein kalkulierter „Unfall“? Am Abend des 14. November 2023 lud Joël Guerriau, langjähriger Senator und zuletzt Mitglied der zentristischen Präsidentenmehrheit Horizons, seine Parteifreundin Sandrine Josso zu sich nach Hause ein. Wenig später verspürte sie Symptome, die auf eine Drogenvergiftung hindeuteten – eine ärztliche Untersuchung ergab Spuren von MDMA im Blut. Die Ermittlungen ergabe…

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  • Ein Glas zu viel: Der Fall Joël Guerriau und das dunkle Kapitel der „chemischen Einwilligung“

    Ein Glas zu viel: Der Fall Joël Guerriau und das dunkle Kapitel der „chemischen Einwilligung“

    Ein ehemaliger Senator, eine Abgeordnete und der Vorwurf der chemischen Unterwerfung – der Prozess gegen Joël Guerriau, der am 26. und 27. Januar 2026 vor dem Pariser Strafgericht verhandelt wird, ist mehr als ein Einzelfall. Er berührt Fragen nach Machtmissbrauch, politischer Verantwortung und einem noch immer unterschätzten gesellschaftlichen Phänomen: der sogenannten chemischen Einwilligung, also der Verabreichung von Drogen zur gezielten Ausschaltung des Willens – in diesem Fall mutmaßlich mit sexuellen Absichten. Joël Guerriau, früherer Senator für das Departement Loire-Atlantique und Mitglied der zentristischen Partei Horizons, soll laut Anklage seine Kollegin Sandrine Josso im November 2023 mit MDMA betäubt haben, um sie sexuell gefügig zu machen. Er weist die Vorwürfe zurück – doch die Indizienlage wirft Fragen auf. Ein Abend unter Kollegen – mit fatalem Ausgang Am 14. November 2023 begibt sich Sandrine Josso, Abgeordnete der Partei MoDem, in die Pariser Wohnung ihres langjähri…

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  • EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    Am 8. Dezember wird in Deutschland der Tag der Bildung begangen – eine Gelegenheit, um Erfolge zu feiern, Defizite zu benennen und über die Zukunft des Bildungswesens nachzudenken. Doch jenseits der deutschen Selbstbespiegelung lohnt in diesem Jahr besonders der Blick über die Grenzen: In Frankreich richtet sich gerade unter dem Schlagwort #MeTooÉcole ein dringender Appell an den Präsidenten, um Kinder besser vor sexualisierter Gewalt im Bildungssystem zu schützen. Was dort als zivilgesellschaftlicher Weckruf beginnt, berührt auch zentrale Fragen der Bildungspolitik in Deutschland: Wie sicher sind die Schulen? Wie viel Schutz bieten sie den Schwächsten – und wie offen sind sie für Kritik?


    Ein Weckruf aus Frankreich – und eine deutsche Bildung mit toten Winkeln

    Frankreichs Bewegung #MeTooÉcole, initiiert von betroffenen Eltern und Lehrkräften, erhebt schwere Vorwürfe gegen das Schulsystem: Warnsignale würden ignoriert, Betreuer nicht konsequent überprüft, und Opfer oft allein gelassen. Die Reaktion auf Missbrauchsfälle sei institutionell zögerlich, mit fatalen Folgen für das Vertrauen der Familien in das Bildungssystem.

    In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren, breit sichtbaren Aufschrei – doch das bedeutet nicht, dass das Problem dort nicht existiert. Im Gegenteil: Studien der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs(UBSKM) zeigen seit Jahren, dass sexuelle Übergriffe in Schulen, Heimen und Betreuungseinrichtungen auch in Deutschland Realität sind – und häufig nur schleppend aufgearbeitet werden. Laut einer Untersuchung der Universität Ulm (2019) berichten etwa 13 % aller Schülerinnen und Schüler von sexuellen Grenzverletzungen durch schulisches Personal. Dennoch wird die Debatte selten systematisch geführt, meist erst, wenn lokale Skandale Schlagzeilen machen.


    Bildung bedeutet auch: institutionelle Verantwortung ernst nehmen

    Der französische Appell an Emmanuel Macron fordert unter anderem einheitliche Meldeprotokolle, unabhängige Kontrollgremien und spezialisierte Anlaufstellen für betroffene Kinder. In Deutschland ist der Schutzauftrag zwar gesetzlich klar formuliert (z. B. im Kinderschutzgesetz, § 8a SGB VIII), doch fehlt vielerorts die Umsetzung in der Fläche – insbesondere an Schulen, wo es keine bundesweiten Standards für Kinderschutzkonzepte gibt. Jede Schule, jeder Träger regelt das anders – oder eben gar nicht.

    Zwar existieren Programme wie „Schule gegen sexuelle Gewalt“ oder „Trau dich!“, doch sie sind oft auf Pilotphasen begrenzt, freiwillig und unterfinanziert. Hinzu kommt eine verbreitete Rechtsunsicherheit unter Schulleitungen und Lehrkräften, die nicht wissen, wann und wie sie Verdachtsmomente melden dürfen oder müssen. Auch der föderale Flickenteppich im Bildungsbereich erschwert eine einheitliche Strategie.


    Der Tag der Bildung – eine Chance zur kritischen Selbstbefragung

    Der Tag der Bildung in Deutschland wird traditionell genutzt, um auf Chancengerechtigkeit, Digitalisierung oder Integration hinzuweisen. Doch selten steht die Frage im Mittelpunkt, ob Schulen als Schutzräume tatsächlich funktionieren – oder ob sie mitunter Orte des Schweigens und der Verdrängung sind.

    Dabei ist Bildungspolitik ohne Kinderschutz unvollständig. Es genügt nicht, die Lesekompetenz zu stärken oder Schulabbrecherquoten zu senken, wenn zugleich Strukturen bestehen, die Kinder in ihrem körperlichen und psychischen Wohl nicht zuverlässig schützen. Hier könnte Deutschland vom französischen Beispiel lernen – nicht weil Frankreich besser wäre, sondern weil der Druck dort von unten wächst und eine überfällige Debatte ausgelöst hat.


    Was jetzt nötig wäre

    Ein ernstgemeinter Bildungstag müsste dazu genutzt werden, die blinden Flecken im System offen zu benennen:

    • Bundesweite Pflicht zu Kinderschutzkonzepten an Schulen, nicht nur in der Jugendhilfe.
    • Verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte zu sexueller Gewalt, Beobachtung und Traumaerkennung.
    • Rechtsklarheit und sichere Meldewege, auch für Schüler, Eltern und pädagogisches Personal.
    • Unabhängige Monitoringstellen auf Landesebene zur Überwachung von Fällen und Strukturen.
    • Und nicht zuletzt: Ein politischer Wille, der die Schutzpflicht gegenüber Kindern nicht an Verwaltungsgrenzen delegiert.

    In Frankreich heißt es: „#MeTooÉcole könnte ein Wendepunkt sein.“ In Deutschland wäre schon viel gewonnen, wenn der Bildungstag mehr wäre als eine symbolische Geste. Bildung darf nicht nur als Chancengeber verstanden werden – sie muss auch ein sicherer Ort sein. Ohne Schutz keine Teilhabe. Ohne Vertrauen keine Bildung. Ohne Aufarbeitung keine Gerechtigkeit.

    Von Andreas Brucker

  • Der letzte Angeklagte – und die unbeirrbare Stimme von Gisèle Pelicot

    Der letzte Angeklagte – und die unbeirrbare Stimme von Gisèle Pelicot

    Der Saal des Schwurgerichts von Avignon war im Herbst 2024 über Wochen hinweg ein Brennpunkt französischer Justizgeschichte. Ein Prozess, der Maßstäbe setzte – durch sein Ausmaß, seine Dauer und die moralische Wucht, die von ihm ausging. 51 Männer wurden schuldig gesprochen, Gisèle Pelicot zwischen 2011 und 2020 mehrfach vergewaltigt zu haben. Sie war von ihrem eigenen Ehemann, Dominique Pelicot, über Jahre hinweg mit K.-o.-Tropfen betäubt und anschließend von Dutzenden Männern missbraucht worden.Das Urteil: 20 Jahre Haft für Dominique Pelicot – das Maximum. Er akzeptierte die Strafe, sein Schuldspruch ist rechtskräftig. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

    Eine einzige Berufung: das Verfahren von 2025 Von den 51 Verurteilten legten zunächst 17 Berufung ein. Nach und nach zogen jedoch fast alle ihre Anträge zurück – aus Angst vor einer möglichen Verschärfung der Strafen, denn auch die Staatsanwaltschaft hatte einen sogenannten appel incident eingelegt.Am Ende bleibt nur einer ü…

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