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  • Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Sie tauchen oft auf, ohne sich anzukündigen.

    Ein schlanker weißer Segler gleitet über die hellen Kalkfelsen des Pic Saint Loup, legt sich sanft in eine Kurve und zieht einen weiten Kreis durch den südfranzösischen Himmel. Kein Motorenlärm begleitet ihn. Kein Dröhnen kündigt seine Ankunft an. Von Cazevieille, Saint Martin de Londres oder Mas de Londres aus gehört dieser Anblick längst zum Alltag – und trotzdem schauen viele Menschen noch immer nach oben.

    Denn über dem markanten Berg nördlich von Montpellier spielt sich seit Jahrzehnten ein stilles Schauspiel ab.

    Der Pic Saint Loup zählt nicht nur zu den bekanntesten Bergen des Hérault. Für Segelflieger besitzt er eine besondere Bedeutung. Seine steile Nordseite und die umliegenden Höhenzüge formen Luftströmungen, die Piloten geschickt nutzen. Trifft Wind auf die Felsen, steigt die Luft nach oben. An sonnigen Tagen entstehen zusätzlich warme Luftsäulen, sogenannte Thermiken.

    Für Segelflieger sind sie so etwas wie unsichtbare Aufzüge.

    Nach dem Start zieht meist ein Motorflugzeug den Segler in die Höhe. Dann löst der Pilot das Schleppseil. Der Motor verschwindet mit dem vorausfliegenden Flugzeug und plötzlich herrscht Ruhe. Von diesem Moment an entscheidet das Gespür für Wind, Wetter und Landschaft darüber, wohin die Reise führt.

    Wie weit trägt einen eigentlich Luft, die man weder sehen noch anfassen kann?

    Erstaunlich weit.

    Erfahrene Piloten legen an guten Tagen mehrere hundert Kilometer zurück. Die umliegenden Landschaften mit dem Hortus, der Séranne und den ersten Ausläufern der Cevennen bieten dafür ausgezeichnete Bedingungen. Der Pilot kreist zunächst in einer aufsteigenden Luftströmung, gewinnt Höhe und gleitet anschließend mit hoher Geschwindigkeit zur nächsten Thermik.

    Von unten sieht das alles ziemlich gemütlich aus.

    Am Flugplatz von Mas de Londres pflegt der Centre de Vol à Voile de Montpellier Pic Saint Loup eine Tradition, deren Wurzeln bis in die 1950er Jahre reichen. Anfänger treffen dort auf erfahrene Piloten, Freizeitflieger auf Teilnehmer großer Wettbewerbe. Verschiedene Segelflugzeuge stehen bereit, darunter doppelsitzige Maschinen für Ausbildung und erste Flugerlebnisse sowie leistungsfähige Segler für lange Strecken.

    Besonders faszinierend wirkt das Schauspiel im Frühjahr und Sommer. Dann genügt manchmal ein Blick nach oben, um mehrere weiße Flugzeuge zu entdecken, die gemeinsam ihre Kreise ziehen.

    Und gelegentlich bekommen sie Gesellschaft.

    Große Greifvögel nutzen dieselben aufsteigenden Luftmassen. Ein Segelflugzeug und ein Vogel kreisen dann scheinbar gemeinsam über der Landschaft. Der eine vertraut auf Instinkt, der andere zusätzlich auf Instrumente und meteorologisches Wissen. Beide suchen jedoch dasselbe: den besten Weg nach oben.

    Wer hat hier wohl von wem gelernt?

    Auch Besucher müssen nicht am Boden bleiben. Bei Einführungsflügen lässt sich die Landschaft rund um den Pic Saint Loup aus einem doppelsitzigen Segelflugzeug erleben. Besonders eindrucksvoll ist jener Augenblick, in dem sich das Schleppseil löst. Das Motorflugzeug entfernt sich, sein Geräusch verblasst – und plötzlich hört man fast nur noch die Luft an der Haube vorbeistreichen.

    Unter den Tragflächen verwandelt sich die Landschaft.

    Dörfer sehen wie Modelle aus, Straßen ziehen sich als dünne Linien durch die Garrigue und Weinberge bilden ein geometrisches Mosaik. Bei klarer Sicht reicht der Blick über die Cevennen und mit etwas Glück bis zur Mittelmeerküste.

    Der Segelflug zeigt dabei eine ungewöhnlich ursprüngliche Form des Fliegens. Zwar braucht der Start meist motorisierte Hilfe, danach nutzt der Pilot jedoch vor allem die Kräfte der Atmosphäre. Technik und Natur arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander.

    Am Pic Saint Loup gehört dieses lautlose Ballett inzwischen zur Landschaft. Wanderer bleiben stehen, Winzer blicken aus ihren Reben nach oben und Bewohner der umliegenden Dörfer erkennen längst jene Tage, an denen besonders viele Segler unterwegs sind.

    Dann verschwindet wieder eine weiße Silhouette hinter dem Berg.

    Zurück bleibt für einen Moment nur der blaue Himmel – und der Gedanke, dass Fliegen manchmal am schönsten wirkt, wenn man es kaum hört.

    Ein Artikel von M. Legrand