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  • Der Papst kommt – die Patienten warten

    Der Papst kommt – die Patienten warten

    Kommentar

    Manchmal schreibt die Wirklichkeit Satiren, bei denen jeder Redakteur sagen würde: ein bisschen weniger dick auftragen, bitte.

    Am Freitag kommt Papst Leo XIV. nach Paris. Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht Notre-Dame, also jenen Ort, an dem über Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und die Sorge um Schwache seit Jahrhunderten nicht gerade wenig gesprochen wird.

    Und was passiert direkt nebenan?

    Im Hôtel-Dieu werden wegen der Sicherheitsmaßnahmen medizinische Termine verschoben und Zugänge eingeschränkt.

    Man muss diesen Satz eigentlich nur zweimal lesen.

    Der Papst kommt.

    Und Kranke müssen warten.

    Nicht, weil Ärzte streiken. Nicht, weil ein Computertomograph kaputt ist. Nicht, weil ein Wasserrohr geplatzt ist.

    Sondern weil ein religiöses Oberhaupt vorbeikommt.

    Das ist schon eine bemerkenswerte Form christlicher Symbolpolitik.

    Natürlich braucht ein Papst Schutz. Selbstverständlich. Niemand schlägt ernsthaft vor, Leo XIV. ohne Personenschutz über den Vorplatz von Notre-Dame spazieren zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alle nett zueinander sind.

    Paris hat Erfahrung mit Terroranschlägen. Die Sicherheitsbehörden tragen Verantwortung. Das ist keine Nebensache.

    Aber genau deshalb existieren Sicherheitskonzepte.

    Ein Sicherheitskonzept soll Probleme lösen.

    Es soll nicht einfach andere Probleme schaffen und sie anschließend mit dem Wort „Sicherheit“ beschriften.

    Denn im Hôtel-Dieu geht es nicht darum, ob Monsieur Dupont am Freitag seinen Friseurtermin wahrnehmen kann. Es geht um MRT- und CT-Untersuchungen. Um Menschen, die teilweise seit Monaten auf Termine warten. Um Untersuchungen, bei denen es im schlimmsten Fall um schwere Erkrankungen geht.

    Und da wird die Geschichte plötzlich weniger komisch.

    Eine verschobene medizinische Untersuchung ist nämlich kein logistisches Detail.

    Für Behörden ist es ein Termin im Kalender.

    Für Patienten kann es die Frage sein, ob eine Diagnose am Freitag oder erst Wochen später gestellt wird.

    Die Gewerkschaft CGT nennt das „nicht akzeptabel“.

    Das klingt fast erstaunlich zurückhaltend.

    Denn besonders überzeugend wirkt die Begründung spätestens dann nicht mehr, wenn andere Einrichtungen innerhalb der Sicherheitszonen Lösungen finden.

    Das Institut Curie etwa hält den Zugang für Patienten mit Terminbestätigung und Ausweis aufrecht.

    Auch beim Palais de Justice wurden besondere Regelungen getroffen.

    Aha.

    Ein Gericht bekommt also einen geregelten Zugang.

    Andere medizinische Einrichtungen bekommen einen geregelten Zugang.

    Aber beim Hôtel-Dieu führt der Besuch des Papstes zu Einschränkungen, die medizinische Termine betreffen.

    Da drängt sich eine Frage geradezu auf:

    Warum geht dort nicht, was anderswo offenbar geht?

    Und bitte jetzt nicht einfach „Sicherheit“ sagen.

    Das ist keine Antwort.

    Das ist eine Überschrift.

    Man kann sich die Planungsbesprechung ungefähr vorstellen.

    Notre-Dame?

    Absperren.

    Straßen?

    Absperren.

    Métrostationen?

    Schließen.

    Krankenhaus?

    Schwierig.

    Patienten?

    Kommen später.

    Problem gelöst.

    So einfach ist moderne Großereignislogistik.

    Nur leider hat der menschliche Körper die unangenehme Angewohnheit, sich nicht an Protokollabteilungen zu halten.

    Ein verdächtiger Befund sagt nicht: „Ach, der Papst ist am Freitag da? Dann warten wir selbstverständlich bis Montag.“

    Ein Tumor respektiert keine Sicherheitszone.

    Eine Krankheit zeigt am Kontrollpunkt auch keinen Presseausweis vor.

    Und genau deshalb wirkt dieser Fall so grotesk.

    Das Hôtel-Dieu heißt übersetzt „Haus Gottes“.

    Es steht seit Jahrhunderten neben Notre-Dame.

    Und ausgerechnet wenn der Papst kommt, wird der Zugang zum Haus Gottes für viele Kranke komplizierter.

    Mehr Symbolik bekommt man selbst mit professioneller Dramaturgie kaum hin.

    Vielleicht wäre das sogar eine interessante Frage für Leo XIV. persönlich.

    Was hätte eigentlich Vorrang?

    Der möglichst reibungslose Ablauf eines Papstbesuchs?

    Oder der möglichst reibungslose Zugang eines Kranken zu seiner Untersuchung?

    Die Antwort dürfte theologisch nicht besonders kompliziert sein.

    Verwaltungstechnisch offenbar schon.

    Man muss auch nicht die Sicherheitsbehörden zum Feindbild erklären. Natürlich stehen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Der Schutz eines Papstes mitten im historischen Zentrum von Paris ist organisatorisch anspruchsvoll. Île de la Cité, Notre-Dame, Touristenströme, Verkehr, Terrorgefahr – das alles verlangt erhebliche Maßnahmen.

    Aber gerade deshalb darf man mehr erwarten als die bequemste Lösung.

    Sperren kann jeder.

    Organisieren ist schwieriger.

    Und genau darum geht es.

    Wenn Patienten mit Ausweis und Terminbestätigung anderswo kontrolliert durch Sicherheitszonen gelangen können, dann ist die Forderung nicht revolutionär, Ähnliches auch für ein Krankenhaus zu ermöglichen.

    Dafür braucht man keine Grundsatzdebatte über Religion.

    Man braucht Türen, Listen, Kontrollen und Beamte.

    Also ziemlich genau jene Dinge, die ein Sicherheitsapparat normalerweise beherrschen sollte.

    Die CGT hatte sich deshalb bereits direkt an Leo XIV. gewandt. Ein bemerkenswerter Vorgang.

    Eine Gewerkschaft schreibt dem Papst, damit Patienten wegen seines Besuchs nicht auf ihre Behandlung verzichten müssen.

    Allein dieser Satz müsste irgendwo in der Pariser Verwaltung einen Alarm auslösen.

    Nicht den Terroralarm.

    Den Absurditätsalarm.

    Denn niemand wirft dem Papst persönlich vor, MRT-Termine zu streichen.

    Natürlich nicht.

    Aber Großereignisse zeigen eben immer auch, welche Prioritäten ein Staat setzt, wenn verschiedene Interessen miteinander kollidieren.

    Und hier kollidieren zwei ausgesprochen gewichtige Interessen: Sicherheit und Gesundheitsversorgung.

    Beides muss möglich sein.

    Genau dafür gibt es Planung.

    Wenn die Lösung am Ende lautet, dass der hohe Gast geschützt wird und einige Kranke eben warten müssen, dann hat man das Problem nicht gelöst.

    Man hat es nur weitergereicht.

    An diejenigen, die sich am schlechtesten dagegen wehren können.

    Vielleicht liegt genau darin die bitterste Pointe dieser Geschichte.

    Leo XIV. reist nach Frankreich und wird zweifellos über Frieden, Menschlichkeit, Solidarität und die Würde des Einzelnen sprechen.

    Während wenige Meter entfernt womöglich jemand vor seinem Telefon sitzt und liest:

    Ihr Untersuchungstermin muss leider verschoben werden.

    Wegen des Papstes.

    Man könnte darüber lachen.

    Wenn es nicht so traurig wäre.

    Christine Macha

  • Wenn Bier plötzlich gefährlicher wirkt als die Mafia

    Wenn Bier plötzlich gefährlicher wirkt als die Mafia

    In Frankreich reicht manchmal ein Baguette, ein beleidigter Chansonnier oder ein falsch benannter Camembert — und schon landet das halbe Land in einer philosophischen Staatskrise. Diesmal genügte allerdings ein Bieretikett aus der Bretagne, um eine nationale Debatte über Humor, Satire und gekränkte Eitelkeiten loszutreten.

    Die Hauptrolle? Natürlich Mireille Mathieu. Frankreichs ewiger Pagenkopf, wandelndes Kulturerbe und vermutlich die einzige Frau Europas, deren Frisur selbst bei Windstärke elf keinerlei demokratische Prozesse zulässt.

    Eine kleine Brauerei namens „L’Imprimerie“ aus Bannalec in der Bretagne hatte die geniale oder völlig wahnsinnige Idee, ein dunkles Bier „Mireille Mafieux“ zu nennen — garniert mit dem Untertitel „la brune de contrebande“. Schmugglerbraune also. Allein dafür verdient irgendwer eigentlich schon einen Orden für gallischen Wortspielterror.

    Doch der Humor kam bei der Betroffenen ungefähr so gut an wie Ketchup auf Foie gras.

    Die Anwälte der Sängerin fordern laut französischen Medien nicht nur einen sofortigen Verkaufsstopp, sondern gleich die komplette Vernichtung der verbliebenen Flaschen. Vernichtung! Als handle es sich um radioaktiven Atommüll und nicht um Craft Beer aus der Bretagne. Man sieht förmlich eine dramatische Szene vor sich: Männer in weißen Schutzanzügen tragen Kartons voller Bierflaschen ins Nichts, während im Hintergrund melancholisch Akkordeonmusik spielt.

    Der Brauereibesitzer Aurélien Picard dürfte derweil feststellen, dass Ironie ein erstaunlich teures Hobby sein kann. Neue Etiketten, vernichtete Bestände, mögliche Entschädigungen — für einen kleinen Betrieb klingt das ungefähr so entspannend wie eine Steuerprüfung auf einem sinkenden Fischerboot.

    Fast noch absurder: Es handelt sich bereits um den zweiten Prominentenstreit derselben Brauerei innerhalb kurzer Zeit. Erst vor wenigen Wochen gab es Ärger wegen eines Biers namens „John Lemon“. Ja, wirklich. Offenbar arbeitet man dort nach dem Motto: Warum einfache Getränkenamen wählen, wenn man sich auch direkt mit internationalen Ikonen anlegen kann?

    Man muss den Bretonen allerdings zugutehalten: Kreativität mangelt ihnen nicht. Andere Brauereien nennen ihre Biere schlicht „Blonde“, „Triple“ oder „IPA“. In Bannalec dagegen klingt jede Zapfanlage wie das Vorprogramm eines Kabarettfestivals.

    Und plötzlich diskutiert ganz Frankreich über eine Frage, die eigentlich herrlich französisch wirkt: Wem gehört Humor?

    Darf man berühmte Namen parodieren? Ab wann endet Satire und beginnt Geschäftemacherei? Und warum reagieren manche Prominente auf Wortspiele ungefähr so empfindlich wie Vampire auf Knoblauch?

    Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen Markenrecht und gekränktem Stolz. Namen berühmter Persönlichkeiten besitzen heute enormen wirtschaftlichen Wert. Ein Image funktioniert längst wie ein Luxuslabel. Jeder Witz, jede Karikatur und jedes augenzwinkernde Produkt kratzt potenziell am sorgsam polierten Markenlack.

    Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack.

    Denn natürlich wirkt die Vorstellung komisch, dass eine kleine bretonische Brauerei plötzlich als ernsthafte Bedrohung für das Vermächtnis einer nationalen Chansonikone gilt. Als könnten ein paar Hundert Bierflaschen den kulturellen Sockel Frankreichs erschüttern. Wenn das tatsächlich möglich wäre, müsste man sich eher Sorgen um die Stabilität des Sockels machen.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Frankreich verteidigt seine Ikonen mit der Härte eines Atomstaates — selbst dann, wenn der Angriff lediglich aus Hopfen, Malz und einem miserabel guten Wortspiel besteht.

    Und irgendwo in einer bretonischen Kneipe sitzt vermutlich gerade ein Stammgast vor seinem Bier und fragt trocken:
    „Was kommt als Nächstes? Klagt Gérard Depardieu gegen eine Käseplatte?“

    Man würde es inzwischen kaum noch ausschließen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn Bilder lauter sprechen als Worte – Die Macht der Karikatur in der französischen Presse

    Wenn Bilder lauter sprechen als Worte – Die Macht der Karikatur in der französischen Presse

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