Schlagwort: Saint Gervais

  • Mont Blanc: Wenn Felsen so groß wie Autos vom Berg stürzen

    Mont Blanc: Wenn Felsen so groß wie Autos vom Berg stürzen

    Am Mont Blanc entscheidet derzeit nicht Kondition, Erfahrung oder eine besonders frühe Startzeit über eine erfolgreiche Gipfeltour. Der Berg selbst setzt die Grenzen. Und seine Botschaft fällt unmissverständlich aus: Bleibt weg.

    Auf der klassischen Route über den Goûter erreichen die Gefahren durch Steinschlag ein außergewöhnliches Ausmaß. Große Felsblöcke lösen sich aus den Flanken und donnern über jene Passagen, die Bergsteiger auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Alpen passieren müssen. Augenzeugen berichten von Brocken „so groß wie Autos“.

    Das klingt dramatisch. Ist es auch.

    Besonders kritisch präsentiert sich das berüchtigte Goûter Couloir. Unter Alpinisten besitzt diese Querung ohnehin einen düsteren Ruf. Seit Jahrzehnten zählt sie zu den gefährlichsten Abschnitten des Normalwegs auf den Mont Blanc. Manche nennen sie schlicht den „Todeskorridor“.

    Nun zeigt der Berg dort noch deutlicher seine Zähne.

    Videos aus den vergangenen Tagen dokumentieren heftige Felsstürze. Steine springen über den Hang, größere Blöcke reißen weiteres Material mit sich. Wer sich in diesem Moment im Couloir befindet, findet kaum Schutz. Geschwindigkeit und Größe der herabstürzenden Felsen lassen wenig Raum für Reaktionen.

    Wer möchte unter solchen Bedingungen ernsthaft sein Glück herausfordern?

    Die Konsequenzen fallen entsprechend deutlich aus. Die Refuges de Tête Rousse und du Goûter wurden geschlossen. Bergführervereinigungen aus Chamonix und Saint Gervais setzten geführte Besteigungen aus. Auch erfahrene Alpinisten, die ohne Führer unterwegs sind, sollen ihren Gipfelversuch verschieben.

    Der Bürgermeister von Saint Gervais spricht sogar von einer „tödlichen Gefahr“.

    Diese Warnung richtet sich keineswegs nur an unerfahrene Urlauber, die sich mit neuen Steigeisen und reichlich Optimismus ins Hochgebirge wagen. Selbst jahrelange alpine Erfahrung schützt nicht vor einem tonnenschweren Felsblock, der plötzlich aus mehreren hundert Metern Höhe herabstürzt.

    Der Mont Blanc erinnert damit an eine alte Regel des Bergsteigens: Umkehren gehört manchmal zu den größten Leistungen einer Tour.

    Wenn dem Berg der natürliche Klebstoff fehlt

    Hinter der aktuellen Situation steckt ein Prozess, der die Alpen seit Jahren verändert.

    Die hohen Temperaturen setzen dem Permafrost zu. Dieses dauerhaft gefrorene Material in Felsspalten wirkt normalerweise wie eine Art natürlicher Zement. Taut das Eis, verliert das Gestein einen Teil seines Zusammenhalts. Spalten öffnen sich, Wasser dringt ein und ganze Felspartien geraten in Bewegung.

    Die derzeitige Hitze und Trockenheit verschärfen diese Entwicklung erheblich.

    Das Ergebnis lässt sich am Goûter Couloir gerade auf erschreckend anschauliche Weise beobachten. Es geht längst nicht mehr nur um kleine Steine, die über einen Hang kullern. Große Felsmassen brechen heraus – und genau das macht die Situation so unberechenbar.

    Für Bergsteiger entsteht ein Problem, das sich nicht mit besserer Ausrüstung lösen lässt. Ein Helm schützt vor kleineren Steinen. Gegen einen Felsblock von der Größe eines Autos hilft er ungefähr so viel wie ein Regenschirm gegen eine Lawine.

    Kurz gesagt: Da ist irgendwann Feierabend.

    Auch andere Alpengipfel geraten unter Druck

    Der Mont Blanc steht mit diesem Problem nicht allein da. Auch am Matterhorn führten instabile Felsen und ungünstige Verhältnisse zuletzt zu Einschränkungen bei geführten Touren auf den Normalrouten.

    Damit zeigt sich eine Entwicklung, die für den Alpinismus weit über einzelne heiße Sommertage hinausreicht. Klassische Routen, über Generationen hinweg im Sommer begangen, verändern ihren Charakter. Manche Passagen präsentieren sich früher in der Saison günstiger, andere geraten während längerer Hitzeperioden zunehmend außer Kontrolle.

    Wird der klassische Hochsommer für manche große Alpentour künftig sogar zur falschen Jahreszeit?

    Diese Frage dürfte Bergführer, Hüttenwirte, Gemeinden und Alpinisten noch lange beschäftigen.

    Für den Augenblick fällt die Antwort am Mont Blanc jedoch erstaunlich einfach aus: Der Gipfel läuft nicht davon.

    Eine Besteigung lässt sich verschieben. Das vielleicht ersehnte Gipfelfoto ebenfalls. Wer derzeit auf die Goûter Route verzichtet, beweist deshalb keine Schwäche, sondern genau jene alpine Vernunft, die im Hochgebirge seit jeher Leben rettet.

    Manchmal besteht die beste Bergtour eben darin, gar nicht erst aufzubrechen.

    Ein Artikel von M. Legrand