Schlagwort: Rennes

  • Wo man in Frankreich am liebsten lebt – das große Städte-Ranking zwischen Sehnsucht und Statistik

    Wo man in Frankreich am liebsten lebt – das große Städte-Ranking zwischen Sehnsucht und Statistik

    Jedes Jahr zu Beginn des Kalenders entfaltet sich in Frankreich ein Ritual, das weit über nüchterne Zahlenkolonnen hinausreicht. Das Ranking der Städte und Dörfer, in denen es sich angeblich besonders gut lebt, wird veröffentlicht, gelesen, diskutiert, beklatscht und manchmal auch wütend kommentiert. Herausgegeben vom Le Journal du Dimanche in Zusammenarbeit mit der Organisation Villes et Villages où il fait bon vivre, entwickelt sich diese Rangliste regelmäßig zum gesellschaftlichen Seismografen. Sie misst Erwartungen, Hoffnungen und auch Enttäuschungen – und sie sagt viel darüber aus, wie sich das Land selbst betrachtet.

    Die Ausgabe 2026 markiert dabei einen neuen Maßstab. Noch nie war die Datengrundlage so umfassend, noch nie der methodische Anspruch so hoch. Bewertet wurden nahezu alle Kommunen des französischen Mutterlandes, mehr als 34.000 an der Zahl. 197 Einzelkriterien, gebündelt in elf große Themenfelder, flossen ein. Wohnqualität, Sicherheit, Bildungsangebote, medizinische Versorgung, Verkehrsanbindung, Umwelt, Freizeitmöglichkeiten, wirtschaftliche Attraktivität, soziale Dynamik – kaum ein Aspekt des Alltagslebens blieb unberücksichtigt. Das Ziel: ein möglichst objektives Bild der Lebensrealität vor Ort.

    Objektiv, zumindest in der Theorie. Denn Rankings sind nie nur Spiegel, sondern immer auch Konstruktion. Wer Äpfel und Birnen, Metropolen und Dörfer, Küstenstädte und Berggemeinden in eine gemeinsame Skala zwingt, trifft zwangsläufig Entscheidungen. Gewichtungen werden festgelegt, Indikatoren ausgewählt, andere weggelassen. Genau hier setzt die Kritik an. Manche Beobachter monieren, dass große Städte strukturell benachteiligt seien, andere sehen kleinere Kommunen im Vorteil, weil soziale Indikatoren dort statistisch besser ausfallen. Die Rangliste bleibt damit, trotz aller mathematischen Präzision, ein Diskussionsangebot.

    Ganz oben im Tableau der Lebensqualität findet sich 2026 Biarritz. Die Stadt am Atlantik vereint vieles, was derzeit gefragt ist. Meer, Natur, architektonischer Charme, ein dichtes Netz an Dienstleistungen und ein Sicherheitsgefühl, das sowohl Einheimische als auch Besucher überzeugt. Biarritz steht für eine Form von Lebensstil, die zwischen Surfbrett und Stadtbibliothek changiert. Nicht geschniegelt, aber gepflegt. Nicht mondän, aber selbstbewusst.

    Dicht dahinter rangiert Annecy. Zwischen See und Alpen gelegen, wirkt die Stadt wie ein Postkartenmotiv, das es irgendwie geschafft hat, nicht zur Kulisse zu erstarren. Saubere Luft, kurze Wege, kulturelle Angebote, wirtschaftliche Stabilität – Annecy erfüllt viele Sehnsüchte urbaner Familien. Wer hier lebt, so das gängige Narrativ, bekommt Natur und Infrastruktur zugleich. Ein seltener Spagat, der im Ranking belohnt wird.

    Auffällig ist jedoch weniger die Spitze als das breite Mittelfeld. Städte wie Rennes, La Rochelle oder Brest tauchen regelmäßig weit vorne auf. Mittelgroße Kommunen, die weder Metropole noch Provinzidylle sind. Sie profitieren von Universitäten, Krankenhäusern, funktionierenden Verkehrssystemen und einem überschaubaren Wohnungsmarkt. Hier ist das Leben nicht billig, aber oft bezahlbar. Nicht spektakulär, aber verlässlich. Und genau das scheint für viele den Ausschlag zu geben.

    Der Wohnungsmarkt spielt dabei eine Schlüsselrolle. Lebensqualität endet dort, wo Mieten und Kaufpreise das Einkommen dauerhaft überfordern. Einige Städte schneiden im Gesamtranking zwar weniger glänzend ab, punkten aber durch ein ausgewogenes Verhältnis von Jobs und Wohnkosten. Das sind keine Orte für große Schlagzeilen, aber für stabile Biografien. Man zieht hin, bleibt hängen, gründet etwas. Fertig.

    Ebenso zentral: die Frage der Sicherheit. Sie wirkt banal, ist aber existenziell. Rankings operieren hier mit Polizeistatistiken, Anzeigenquoten und ergänzenden Indikatoren. Doch Zahlen erzählen nie die ganze Geschichte. Ein hohes Anzeigeaufkommen kann ebenso Ausdruck funktionierender Behörden sein wie ein Zeichen realer Probleme. Umgekehrt sagt niedrige Kriminalität wenig über subjektives Sicherheitsempfinden aus. Wer abends gern noch durch die Stadt geht, weiß, dass Statistik und Gefühl zwei Paar Schuhe sind.

    Was sich jedoch klar abzeichnet, ist eine Verschiebung im Selbstverständnis des Landes. Die großen Metropolen verlieren nicht an Bedeutung, aber an Exklusivität. Paris, Lyon oder Marseille bleiben wirtschaftliche Motoren, doch viele Menschen suchen Alternativen. Weniger Stau, weniger Lärm, weniger Druck. Dafür mehr Nähe, mehr Zeit, mehr Alltagstauglichkeit. Das Ranking verstärkt diesen Trend, indem es Sichtbarkeit schafft. Es lenkt den Blick auf Orte, die bislang unter dem Radar lagen.

    Am Ende ist diese Rangliste weniger ein Urteil als ein Stimmungsbild. Sie zeigt, wonach gesucht wird, nicht zwingend, was perfekt ist. Lebensqualität bleibt subjektiv, wandelbar, biografisch geprägt. Für den einen bedeutet sie Meeresrauschen, für die andere den Kindergarten um die Ecke. Und manchmal, das gehört zur Wahrheit, reicht schon ein funktionierender Bäcker am Sonntagmorgen. Klingt banal, ist aber Gold wert.

    Von C. Hatty

  • Wie Rennes seinen Fluss zurückholt – und warum Beton jetzt weichen muss

    Wie Rennes seinen Fluss zurückholt – und warum Beton jetzt weichen muss

    Es gibt Städte, die ihren Fluss feiern, und andere, die ihn jahrzehntelang vergessen haben. Rennes gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Seit den 1960er-Jahren lag die Vilaine unter einer massiven Betondecke verborgen, überbaut von einem Parkplatz, der praktisch, nüchtern und ziemlich trostlos wirkte. Jetzt aber frisst sich eine riesige Greifzange Tag für Tag durch den Beton. Fünf Meter täglich. Stück für Stück kehrt der Fluss zurück ins Stadtbild – sichtbar, hörbar, spürbar.

    Das Baustellenszenario wirkt wie aus einem Katastrophenfilm, nur ohne Katastrophe. Schweres Gerät, tonnenschwere Betonplatten, Lastkähne auf dem Wasser. Über 6.000 Tonnen Schutt verschwinden nicht per Lkw, sondern elegant auf dem Wasserweg, vier Kilometer flussabwärts. Der Grund dafür liegt weniger in der Ästhetik als im Gewissen. Kein Staub, kein Betonrest soll in die Vilaine gelangen. Umweltauflagen, die hier nicht als lästige Pflicht daherkommen, sondern als Leitmotiv des gesamten Projekts.

    Im Frühjahr 2026 soll der Moment kommen, den viele Rennais kaum noch für möglich hielten. Auf 270 Metern Länge wird die Betondecke verschwunden sein. Der Fluss fließt dann wieder offen durch das Herz der Stadt. Zusätzlich entsteht ein Kilometer neu gestalteter Quai – Raum zum Gehen, Verweilen, Durchatmen. Kostenpunkt: 29 Millionen Euro. Eine Summe, die Fragen provoziert, aber auch Antworten liefert.

    Denn dieses Projekt ist mehr als Stadtverschönerung. Es ist eine Reaktion auf den Klimawandel, auf überhitzte Innenstädte, auf Asphaltflächen, die im Sommer wie Heizplatten funktionieren. Nathalie Appéré spricht von Temperaturunterschieden von bis zu fünf Grad zwischen versiegelten Flächen und offenen Wasserläufen. Fünf Grad – das entscheidet darüber, ob eine Stadt im Hochsommer erträglich bleibt oder zur Betonpfanne wird.

    Natürlich geht es nicht ohne Reibung. Mit dem Rückbau verschwinden 249 Parkplätze. Für manche ein kleiner Preis, für andere ein handfester Einschnitt. Besonders Händler und Gastronomen schlagen Alarm. Weniger Parkplätze bedeuten weniger Laufkundschaft, weniger spontane Besuche, weniger Umsatz. Ein Pizzarestaurant in unmittelbarer Nähe spricht von Einbußen zwischen 20 und 30 Prozent. Ältere Menschen, Familien mit Kinderwagen, Kunden aus dem Umland – sie bleiben aus, sagen die Betroffenen. Klartext statt Schönfärberei.

    Die Stadtverwaltung hält dagegen. Der Autoverkehr im Zentrum sei in den vergangenen drei Jahren bereits um 30 Prozent zurückgegangen. Rennes bewege sich, so das Argument, längst in Richtung einer anderen Mobilität. Öffentlicher Nahverkehr, kurze Wege, weniger Autos. Der Parkplatz über dem Fluss wirke da wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Stadtplanung vor allem Blech im Blick hatte.

    Und was sagen die Menschen auf der Straße? Die Antworten klingen erstaunlich gelassen. Manche freuen sich schlicht auf den Anblick des Wassers. Andere zucken mit den Schultern und sagen: Parkplätze findet man irgendwie immer. Ein bisschen weniger Komfort gegen ein bisschen mehr Stadtqualität – deal, sagen sie. Nicht laut, nicht euphorisch, eher pragmatisch.

    Rennes wagt damit einen Schritt, der weit über die Bretagne hinaus Beachtung findet. Der Rückbau von Beton zugunsten natürlicher Strukturen gilt als eine der großen urbanen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte. Flüsse freilegen, Hitzeinseln entschärfen, Städte wieder lebenswert machen. Klingt groß. Ist es auch.

    Und ja, es ist ein Wagnis. Aber manchmal muss eine Stadt ihren eigenen Untergrund aufbrechen, um wieder zu sich selbst zu finden. Rennes tut genau das – mit schwerem Gerät, viel Geduld und einer klaren Idee davon, wie Zukunft aussehen soll.

    Andreas M. B.

  • „Willkommen in der Hölle“ – Wie zwei Todesfälle in der Notaufnahme Rennes den Zustand des französischen Gesundheitssystems entlarven

    „Willkommen in der Hölle“ – Wie zwei Todesfälle in der Notaufnahme Rennes den Zustand des französischen Gesundheitssystems entlarven

    Rennes, Januar 2026.Manchmal genügt ein Satz, um eine ganze Stimmung einzufangen. „Bienvenue en enfer.“ Willkommen in der Hölle. So beschreiben Pflegekräfte die Lage in der Notaufnahme des Centre Hospitalier Universitaire de Rennes, nachdem zwei Patienten in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar auf Tragen verstorben sind – wartend, liegend, im Flur. Kein abgeschlossener Raum, kein Bett, keine Ruhe. Nur Neonlicht, Hektik, Überforderung. Die Nachricht traf das Krankenhaus wie ein Schlag. Und sie hallte weit über die Mauern des Klinikums hinaus. Denn Rennes gilt nicht als strukturschwache Provinz, sondern als dynamische Universitätsstadt im Westen von Frankreich, wirtschaftlich stabil, wachsend, selbstbewusst. Wenn selbst hier Menschen auf Tragen im Flur sterben, stellt sich eine unangenehme Frage: Wo steht das öffentliche Krankenhaus wirklich? Die beiden Todesfälle ereigneten sich in einer Nacht, in der die Notaufnahme an ihre absolute Belastungsgrenze geriet. Berichte aus dem Haus sprec…

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  • Eine Nacht aus Eis und Geduld – 450 Lastwagenfahrer im Schnee der Bretagne gestrandet

    Eine Nacht aus Eis und Geduld – 450 Lastwagenfahrer im Schnee der Bretagne gestrandet

    Es gibt Nächte, die sich in das Gedächtnis einbrennen, obwohl man sie lieber vergessen würde. In der Bretagne war es eine solche Nacht, kalt, unruhig, endlos. Fast 450 Lastwagenfahrer verbrachten sie am 5. auf den 6. Januar eingepfercht in ihren Kabinen, Stoßstange an Stoßstange entlang einer Nationalstraße, gestoppt von Schnee, Eis und einer behördlichen Entscheidung, die für viele kaum nachvollziehbar schien. Die Szene wirkt wie ein Standbild aus einem Katastrophenfilm, nur ohne Dramamusik. Eine endlose Reihe von Sattelschleppern, Motoren aus, Warnblinker an, dahinter die Dunkelheit. Seit Stunden kein Vorankommen. In den Führerhäusern Männer und Frauen, müde, frierend, wachsam. Einer von ihnen, Philippe Lemonnier, hatte wenigstens seine digitale Welt dabei. Filme auf dem Tablet, ein bisschen Ablenkung, kleine Fluchten in Serien und Spiele. Luxus in Miniaturform, der hilft, die Zeit zu überbrücken, wenn draußen nichts mehr geht. Doch selbst diese Ablenkung schützt nicht vor einer Nach…

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  • Wenn die Kälte bleibt – Leben ohne Heizung mitten in Europa

    Wenn die Kälte bleibt – Leben ohne Heizung mitten in Europa

    Der Winter klopft an die Tür.
    Manchmal tritt er gleich ein.

    In diesen Tagen zeigt sich der Frost nicht nur auf vereisten Autoscheiben oder klammen Fingern an der Bushaltestelle. Er sitzt in Wohnzimmern, kriecht unter Decken, bleibt über Nacht. Und er geht nicht mehr weg. Für viele Menschen in Frankreich fühlt sich dieser Winter nicht wie eine Jahreszeit an, sondern wie ein Zustand.

    Eine Kälte, die müde macht.
    Und wütend.
    Und irgendwann einfach nur noch traurig.

    In Floirac, nahe Bordeaux, zeigt das Thermometer draußen minus ein Grad. Drinnen allerdings kaum mehr. Zwölf Grad im Wohnzimmer, nachts noch weniger. Die Zahl klingt nüchtern, fast harmlos. Doch wer schon einmal versucht hat, bei zwölf Grad zu frühstücken, weiß: Das Brot schmeckt anders, der Kaffee wird schneller kalt, Gespräche drehen sich im Kreis. Immer wieder dieselbe Frage — wie lange noch?

    Jérôme, Bewohner der Cité du Midi, schläft seit Wochen nicht mehr regelmäßig zu Hause. Er fährt zu seiner Mutter, packt Taschen wie für einen Kurzurlaub, obwohl er nur der Kälte entkommen will. Ein erwachsener Mann, der sein eigenes Bett meidet. Wer hätte gedacht, dass so etwas im Jahr 2026 Realität bleibt?

    Andere improvisieren.
    Heizlüfter aus dem Baumarkt, Verlängerungskabel quer durch die Wohnung, Sicherungen, die regelmäßig herausfliegen. Zwei Geräte gleichzeitig? Vergiss es. Dann wird es dunkel. Also schaltet man abwechselnd ein — Bad oder Wohnzimmer, Wärme oder Licht. Komfort sieht anders aus, klar. Aber es geht ums Überleben im Kleinen.

    Manche flüchten tagsüber. Einkaufszentren, Supermärkte, Cafés. Orte, an denen die Heizung zuverlässig brummt und niemand fragt, warum man drei Stunden lang nur einen Tee bestellt. Wärme auf Zeit. Wärme ohne Zuhause. Ist das noch Alltag oder schon ein stiller Notfall?

    Die Stadt reagiert.
    Ein Gymnasium öffnet seine Türen. Matratzen, Duschen, ein Dach über dem Kopf. Eine Geste, wichtig, notwendig. Und doch schmerzlich. Denn niemand möchte im Januar seine Abende in einer Turnhalle verbringen. Zuhause bleibt Zuhause — selbst dann, wenn es kalt ist.

    Eine Bewohnerin bringt es leise auf den Punkt: Sie vermisst nicht nur die Wärme, sie vermisst sich selbst in ihrer Wohnung. Den Alltag. Die Ruhe. Das Gefühl, anzukommen. Wer ständig friert, denkt nicht an Zukunft, sondern an die nächste Stunde.

    Was dabei oft untergeht: Für viele ist diese Situation kein einmaliger Ausrutscher.
    Sie dauert an.
    Monate.
    Jahre.

    In Rennes, Hunderte Kilometer weiter nördlich, erzählen Bewohner eines Sozialwohnblocks von zwei Wintern ohne funktionierende Heizung. Zwei. Nicht ein paar Tage. Nicht ein besonders kaltes Wochenende. Zwei ganze Heizperioden, in denen Radiatoren lauwarm bleiben wie schlechte Ausreden.

    Baran, einer der Mieter, legt die Hand auf den Heizkörper. Ein bisschen Wärme kommt an, sagt er. Ein bisschen. Aber ein Zuhause lässt sich damit nicht aufheizen. Es reicht gerade so, um Hoffnung zu machen — und sie im nächsten Moment wieder zu nehmen.

    In einer anderen Wohnung lebt ein junger Vater mit seinem Neugeborenen. Die elterliche Schlafzimmertür bleibt geschlossen, dort läuft ein Heizlüfter fast ununterbrochen. Das Kinderzimmer dagegen? Unbenutzbar. Zu kalt. Zu riskant. Niemand setzt die Gesundheit seines Babys aufs Spiel, nur weil die Technik versagt. Also steigen die Stromkosten. Und mit ihnen die Sorgen.

    Was macht das mit einem Menschen, wenn er jeden Monat mehr zahlt, um weniger zu bekommen?
    Wie erklärt man einem Kind, warum es im eigenen Zimmer Handschuhe tragen soll?

    Hajar, Mutter mehrerer Kinder, misst in ihrer Wohnung sechs Grad. Sechs. Das ist Kühlschrankniveau. Sie spricht von einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Niemand fühlt sich zuständig. Der Vermieter verweist auf den Energieversorger, dieser auf technische Schwierigkeiten. Ein Pingpong-Spiel der Verantwortung. Und mittendrin Familien, die längst keine Kraft mehr haben, Briefe zu schreiben oder Hotlines anzurufen.

    „Wir drehen uns im Kreis“, sagt sie. Seit zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen der Winter nicht endet, sondern jedes Mal neu beginnt.

    Natürlich gibt es Stellungnahmen.
    Der soziale Wohnungsbau verweist auf externe Dienstleister.
    Der Energieversorger — in diesem Fall Engie — versichert, man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Worte, die man kennt. Worte, die warm klingen, aber keine Wärme erzeugen.

    Dabei geht es um mehr als Technik.
    Es geht um Würde.

    Heizen ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis. In einem Land, das sich soziale Sicherheit auf die Fahnen schreibt, wirkt eine kalte Wohnung wie ein stiller Widerspruch. Besonders bitter trifft es Menschen, die ohnehin wenig Spielraum haben. Sozialwohnungen, feste Budgets, steigende Preise. Wer dort friert, hat kaum Alternativen.

    Manche lachen bitter und sagen: Man gewöhnt sich an alles. Stimmt das? Oder stumpft man einfach ab? Die Kälte schleicht sich nicht nur in die Knochen, sondern auch in Gedanken. Sie macht klein. Sie raubt Energie — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

    Zwischendurch entstehen skurrile Momente. Nachbarn treffen sich im Treppenhaus, weil es dort manchmal wärmer ist als in den Wohnungen. Man tauscht Tipps aus: Welcher Heizlüfter taugt etwas? Welche Sicherung hält länger? Galgenhumor als letzte Verteidigung.

    Und doch bleibt die Frage im Raum hängen wie kalter Atem: Wie konnte es so weit kommen?

    Die Energiewende, marode Infrastruktur, komplizierte Zuständigkeiten. All das spielt eine Rolle. Aber für die Betroffenen klingt das abstrakt. Sie wollen keine Debatte. Sie wollen warme Füße.

    Der Winter macht keine Pause, nur weil ein Schreiben unbeantwortet bleibt. Er kommt nachts, wenn Kinder schlafen, wenn alte Menschen still im Sessel sitzen, wenn niemand hinschaut. Und genau dann zeigt sich, wie verletzlich ein Zuhause sein kann.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik.
    Nicht im Defekt der Heizung.
    Sondern darin, dass man sich an den Gedanken gewöhnt, dass so etwas eben passiert.

    Doch sollte es das?
    Sollte man akzeptieren, dass Menschen im 21. Jahrhundert in Europa frieren, während Zuständigkeiten geklärt werden?

    Ein älterer Bewohner in Floirac erzählt, dass er früher den Winter mochte. Spaziergänge, klare Luft, Ruhe. Heute zählt er die Tage bis zum Frühling wie ein Gefangener die Striche an der Wand. Nicht aus Ungeduld, sondern aus Erschöpfung. Sein Körper spielt nicht mehr mit.

    Die Kinder in Rennes kleben ihre Fenster zu, um den Luftzug zu stoppen. Provisorische Kunstwerke aus Papier und Klebeband. Kreativ, ja. Aber auch ein stilles Zeichen von Mangel. Improvisation ersetzt keine Lösung.

    Manchmal hilft Solidarität. Nachbarn teilen Steckdosen, bringen Suppe vorbei, passen aufeinander auf. Das wärmt — ein bisschen. Menschlich. Aber es entbindet niemanden von Verantwortung.

    Der Winter wird vorübergehen.
    Das tut er immer.

    Doch was bleibt, sind Erinnerungen an Nächte mit Mütze im Bett, an Tage ohne Zuhausegefühl, an das leise Gefühl, vergessen worden zu sein. Für viele Betroffene endet die Kälte nicht mit steigenden Temperaturen. Sie bleibt als Erfahrung. Als Misstrauen. Als Fragezeichen.

    Vielleicht ist genau jetzt der Moment, genauer hinzusehen. Nicht erst, wenn der nächste Frost kommt. Sondern solange Menschen noch frieren.

    Denn eine Wohnung ohne Heizung ist mehr als ein technisches Problem. Sie ist ein Bruch im sozialen Versprechen. Und der lässt sich nicht mit warmen Worten kitten.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Rennes im Ausnahmezustand – ein Wochenende, das die Stadt nicht so schnell vergessen wird

    Rennes im Ausnahmezustand – ein Wochenende, das die Stadt nicht so schnell vergessen wird

    Rennes, sonst ein Ort studentischer Lebendigkeit und bretonischer Gelassenheit, hat an diesem Wochenende einen Schatten gespürt, der sich schwer über die Stadt legte. Als hätte jemand das vertraute Stadtbild plötzlich in ein Film-Noir-Szenario getaucht – mit scharfen Konturen, hallenden Schüssen und einer Unruhe, die man beinahe greifen konnte. In der Nacht zu Sonntag fanden Polizisten im Stadtteil Blosne einen 25-jährigen Mann tot in einem Auto. Ein paar Bewohner hatten kurz nach Mitternacht Schüsse gehört, erst einzelne, dann in schneller Folge. Man kennt diese Geräusche eigentlich nur aus Filmen, sagte eine ältere Anwohnerin am Telefon, und man hörte ihre Stimme zittern. Als die Beamten vor Ort eintrafen, entdeckten sie den jungen Mann, sein Körper übersät mit Einschüssen. Die Ermittler sprechen von einem gezielten Mord, beinahe schon einer Exekution. Das Wort wiegt schwer, aber es beschreibt die Szenerie. Dieses Verbrechen steht nicht allein. Rennes kämpft seit Jahren mit einer Zun…

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  • Rennes: Als der Radweg zur Falle wurde

    Rennes: Als der Radweg zur Falle wurde

    Es ist ein Abend wie viele in Rennes – nass, kühl, novembergrau. Doch was sich am 11. November gegen 22:45 Uhr auf dem Boulevard Albert-Ier abspielt, sprengt jede Vorstellung von Verkehrssicherheit, von städtischem Zusammenleben, von Zivilität. Ein 33-jähriger Autofahrer rast auf eine Radfahrerin zu. Mitten im Stadtverkehr. Ohne Not. Dann trifft ihn offenbar ein Impuls, der dunkler nicht sein könnte – er beschleunigt, steuert direkt auf die Frau zu. Und trifft. Sie wird vom Fahrrad geschleudert, stürzt zu Boden. Verletzt, orientierungslos, am Boden liegend. Und dann beginnt das eigentlich Unfassbare: Der Mann steigt aus – nicht etwa, um zu helfen. Sondern um sich über sein Opfer herzumachen. Ein versuchter sexueller Übergriff. Auf offener Straße. Nur dem schnellen Eingreifen der Polizei ist es zu verdanken, dass das Schlimmste verhindert wurde. Doppelte Gewalt – doppelte Botschaft Was diesen Fall so besonders erschütternd macht, ist nicht nur die Tat an sich. Es ist das Zusammenspiel z…

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  • Covid-19 kehrt zurück – Herbstwelle, Impfkampagne und neue Varianten

    Covid-19 kehrt zurück – Herbstwelle, Impfkampagne und neue Varianten

    Der Herbst bringt nicht nur bunte Blätter und kühlere Temperaturen mit sich – er bringt auch das Coronavirus zurück ins Rampenlicht. Nach einem ruhigen Sommer erlebt Frankreich nun einen erneuten Anstieg an Infektionen. Gesundheitsbehörden, Ärzt:innen und Apotheken beobachten die Entwicklung genau. Und ab Mitte Oktober startet eine neue Impfkampagne, deren Impfstoff speziell auf den aktuell dominierenden Virus-Subtyp angepasst wurde. Ein Virus, das saisonal wird „On n’est pas étonné de la recrudescence“ – überrascht ist kaum jemand über die Zunahme der Fälle. In Rennes erklärt eine Apothekerin, das Virus kehre inzwischen fast wie eine Art „Saisonware“ zurück: Schulbeginn, volle Klassenzimmer, kühlere Temperaturen, mehr Aufenthalte in Innenräumen – das ist der perfekte Nährboden für die Verbreitung. Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Laut dem Sentinelles-Netzwerk, das auf die freiwilligen Meldungen von Ärzt:innen fusst, lag die Inzidenz in der zweiten Septemberwoche 2025 bei 19 Fällen p…

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  • „Bloquons tout“ – Frankreich erlebt einen Tag der Blockaden und Proteste

    „Bloquons tout“ – Frankreich erlebt einen Tag der Blockaden und Proteste

    Ein Mittwoch, wie er im politischen Kalender des Landes selten vorkommt.Frankreich steht am 10. September Kopf – mit Blockaden, Protestzügen, gesperrten Autobahnen und einem symbolträchtigen „Generalstopp“, zu dem das lose, über soziale Netzwerke organisierte Bündnis „Bloquons tout“ aufgerufen hat. Die Proteste treffen ein Land, das ohnehin mitten in einer tiefen politischen Krise steckt. Schon vor Sonnenaufgang legten Demonstrierende in zahlreichen Städten den Verkehr lahm. Reporterinnen und Reporter berichten von Szenen in Lyon, Nantes, Paris, Rennes und Rouen, die an die großen Mobilisierungen der „Gelbwesten“ erinnern – chaotisch, laut, wütend. Schon am Vormittag hat das Innenministerium über 250 Festnahmen gemeldet. Rund 150 Lycées waren blockiert, Schüler*innen zogen mit Transparenten vor ihre Schulen.

    Regionale Brennpunkte des Protests Auvergne-Rhône-Alpes In Lyon kam es am frühen Morgen zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden am Bahnhof Perrach…

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  • Rennes im Griff der Dealer: Wie der Drogenhandel das Gesicht einer Stadt verändert

    Rennes im Griff der Dealer: Wie der Drogenhandel das Gesicht einer Stadt verändert

    Rennes, die bretonische Hauptstadt, stand lange für studentisches Flair, Musikfestivals und ein entspanntes Lebensgefühl. Doch hinter dieser Fassade breitet sich seit einigen Jahren ein Schatten aus, der die Stadt in eine neue Realität zwingt: Der Drogenhandel hat sich tief in bestimmte Viertel eingegraben – und verändert das soziale Gefüge spürbar. Der stille Aufstieg der Dealer-Ökonomie In Vierteln wie Le Blosne, Villejean oder Maurepas ist das illegale Geschäft längst Alltag. Straßenecken und Parkplätze, die früher Treffpunkte für Nachbarschaftsgespräche waren, sind heute Dreh- und Angelpunkte des Drogenhandels. Junge „choufs“, oft kaum älter als 14 oder 15, stehen als Wachen an den Eingängen der Siedlungen, Handys in der Tasche, bereit, jede verdächtige Bewegung zu melden. Wer hier unterwegs ist, spürt schnell: Man bewegt sich auf einem Terrain, in dem nicht mehr die Polizei, sondern die Dealer den Takt vorgeben. Die Umsätze sind enorm – Schätzungen sprechen von bis zu 20.000 Euro …

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