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  • Wenn der Himmel nicht mehr innehält – warum die Bretagne in den kommenden Tagen im Regen versinkt

    Wenn der Himmel nicht mehr innehält – warum die Bretagne in den kommenden Tagen im Regen versinkt

    In der Bretagne fällt Regen normalerweise mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Man lebt damit, man plant mit ihm, man macht Witze darüber. Doch was sich in diesen Tagen über der westlichsten Region Frankreichs zusammenbraut, sprengt selbst dort den gewohnten Rahmen. Meteorologen erwarten innerhalb von fünf Tagen Niederschlagsmengen, die sonst gut zwei Wochen füllen. Kein kurzer Spuk, kein einzelnes Unwetter, sondern ein zäher, anhaltender Regen, der sich Stunde um Stunde addiert.

    Der Ursprung dieses Phänomens liegt nicht vor der eigenen Haustür, sondern weit draußen über dem Atlantik – und noch weiter, über Nordamerika. Dort haben sich in den vergangenen Tagen extreme Kältegebiete etabliert. Temperaturen von minus 19 Grad über weiten Teilen der USA treffen auf deutlich mildere Luftmassen im Süden des Kontinents. Dieser scharfe Kontrast wirkt wie ein Turbolader für den Jetstream, jene Starkwindzone in großer Höhe, die den Luftverkehr beschleunigt und gleichzeitig das Wetter lenkt.

    Der Jetstream erreicht derzeit Geschwindigkeiten, die deutlich über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Mehr als 320 Kilometer pro Stunde in großer Höhe gelten als außergewöhnlich. Mit dieser Geschwindigkeit transportiert er enorme Mengen feuchter Luft ostwärts. Trifft dieser Luftstrom auf Europa, wirkt er wie ein Förderband, das Wolken und Wasserdampf gezielt an die Küsten schiebt. Besonders exponiert: der Westen Frankreichs.

    Doch der Wind allein erklärt nicht die Intensität der Regenfälle. Der Atlantik selbst liefert zusätzliche Energie. Seine Oberflächentemperaturen liegen aktuell zwei bis drei Grad über dem saisonalen Mittel. Warmes Wasser verdunstet stärker, die Atmosphäre nimmt mehr Feuchtigkeit auf. Diese feuchte Luft wird vom Jetstream regelrecht eingesammelt und gebündelt. Meteorologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer „atmosphärischen Flussstruktur“, einem schmalen, aber extrem wasserreichen Band in der Atmosphäre.

    Das Resultat zeigt sich bereits vor Ort. Flüsse steigen, Nebenarme treten über die Ufer, Wiesen verwandeln sich in spiegelnde Wasserflächen. Der Boden ist vielerorts gesättigt, er kann kaum noch weiteres Wasser aufnehmen. Das erhöht die Gefahr lokaler Überschwemmungen – selbst ohne heftige Schauer oder Gewitter. Es ist der leise Regen, der gefährlich wird. Einer, der nicht aufhört.

    Für die Menschen in der Region bedeutet das vor allem Geduld. Straßen können zeitweise unpassierbar werden, landwirtschaftliche Arbeiten verzögern sich, Keller bleiben besser leergeräumt. Noch handelt es sich nicht um eine Katastrophe, aber um eine Wetterlage, die Aufmerksamkeit verlangt. Alte Erfahrungswerte helfen nur bedingt, wenn globale Wettermuster aus dem Takt geraten.

    Was sich hier zeigt, ist ein Lehrstück moderner Meteorologie. Extreme Kälte in Nordamerika, ein ungewöhnlich warmer Atlantik, ein beschleunigter Jetstream – getrennte Bausteine, die sich über Tausende Kilometer hinweg zu einem regionalen Dauerregen zusammenfügen. Für die Bretagne heißt das: Der Himmel bleibt vorerst geschlossen. Und der Regen, so viel steht fest, ist noch nicht fertig.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Marseille unter Wasser: Wenn ein Monat Regen in einer Stunde fällt

    Marseille unter Wasser: Wenn ein Monat Regen in einer Stunde fällt

    Es war, als hätte jemand den Himmel aufgerissen. Innerhalb weniger Minuten stand das Wasser in den Straßen Marseilles kniehoch, Autos trieben wie Spielzeuge durch die Viertel, besonders betroffen: das Quartier de l’Estaque. Was hier am 21. September 2025 passierte, war kein gewöhnliches Unwetter. Es war ein meteorologischer Ausnahmezustand.

    Denn was da vom Himmel prasselte, entsprach dem, was sonst in einem Monat fällt – in manchen Gebieten sogar eineinhalb Monate, in nur einer einzigen Stunde.

    80 Liter in einer Stunde

    Normalerweise fällt in Marseille im gesamten Monat September zwischen 35 und 45 Liter Regen auf einen m2. In Sanary-sur-Mer, an der Küste des Départements Var, liegt der Monatsdurchschnitt bei rund 42 Litern.

    Doch an diesem Sonntag ergossen sich 80 bis 90 Liter/m2 binnen 60 Minuten über die Region. Das bedeutet: Fast zwei volle Monatsrationen – eine Menge, die selbst für Mittelmeerregionen, die regelmäßig von Starkregen betroffen sind, völlig aus dem Rahmen fällt.

    Aber: Nicht der Regen allein war das Problem – sondern die Wucht, mit der er kam.

    Schlamm, Stromausfälle und Chaos

    Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Straßen verwandelten sich in reißende Bäche, Unterführungen wurden zu Fallen, der Strom fiel aus, der Nahverkehr kam zum Erliegen. In Estaque spülte das Wasser Fahrzeuge weg, drang in Wohnungen ein, verwüstete Geschäfte.

    Mancherorts rutschte der aufgeweichte Boden ab. Denn diese Gegend wurde schon im Sommer durch Buschbrände geschwächt – das Feuer hatte die Vegetation zerstört, die Erde hatte keinen Halt mehr. Es war ein Lehrstück in Sachen Hydrologie: Ohne Pflanzen kein Halt, kein Puffer, kein natürlicher Schutz.

    Das Wettergeschehen lässt sich erklären – zumindest meteorologisch. Der späte Sommer bis frühe Herbst ist die klassische Zeit für solche Ereignisse: Die Mittelmeeroberfläche ist noch warm, die Luft kann viel Feuchtigkeit aufnehmen. Trifft dann ein südöstlicher Luftstrom auf diese aufgeladene Atmosphäre, kann sich ein stationäres Gewittersystem bilden, das seine Feuchtigkeit binnen Minuten entlädt.

    Doch da steckt noch mehr dahinter.

    Der Boden – ausgetrocknet und geschwächt – nimmt das Wasser nicht mehr auf. Statt zu versickern, fließt es oberflächlich ab, reißt Erde, Müll, ja ganze Autos mit sich. Noch dazu ist Marseille stark verbaut, versiegelt durch Straßen und Beton – das Wasser findet keinen natürlichen Weg mehr.

    Klimakrise oder mediterranes Wetter?

    Natürlich gab es in Marseille schon früher starke Regenfälle. Historisch belegt ist ein Extremereignis mit über 200 Litern/m2 an einem einzigen Tag – im Jahr 1892. Auch in jüngerer Zeit wurden vereinzelt über 150 Liter in 24 Stunden gemessen.

    Doch was dieses Ereignis so besonders macht, ist die Verdichtung: 80 bis 90 Millimeter in nur einer Stunde – das gab es so kaum je zuvor, zumindest nicht in solch dicht besiedelten Gegenden. Offizielle Stundenrekorde lagen meist weit darunter, besonders in den letzten Jahrzehnten.

    Ein einzelner Starkregen macht noch keinen Klimawandel – aber die Häufung, Intensivierung und geografische Ausweitung solcher Ereignisse sind klare Warnsignale.

    Warnung oder Weckruf?

    Was bleibt nach diesem Regen? Schlamm, Schäden, Scherben – aber auch Erkenntnisse.

    Diese Katastrophe zeigt nicht nur, wie verletzlich gerade große Städte wie Marseille sind. Sie legt auch offen, wo die Schwachstellen liegen: veraltete Entwässerungssysteme, unzureichende Vorsorge, fehlender Raum für Wasser, kaum angepasste Bauvorgaben in Risikozonen.

    Es braucht neue Standards, neue Schutzkonzepte – und ein grundsätzliches Umdenken im Umgang mit Wasser: nicht nur als Ressource, sondern auch als Gefahr.

    Denn wer einmal erlebt hat, wie aus einem Spätsommerregen binnen Minuten eine lebensbedrohliche Flut wird, weiß: Die Natur verzeiht keine Nachlässigkeit.

    Und wenn das, was einst als Jahrhundertregen galt, plötzlich alle paar Jahre auftritt – dann ist das keine Ausnahme mehr.

    Dann ist das der Anfang.

    Von C. Hatty