Schlagwort: politische Instabilität

  • Macron und die Qual der Wahl

    Macron und die Qual der Wahl

    Premierminister gesucht: Zwischen linker Öffnung, technokratischem Übergang und taktischem Stillstand Emmanuel Macron steht heute vor einer Entscheidung, die den weiteren Kurs seiner Präsidentschaft maßgeblich prägen wird. Nach dem Abgang von Sébastien Lecornu als Premierminister ist das politische Gleichgewicht der Fünften Republik erneut ins Wanken geraten. Der Präsident hat für diesen Freitag eine Entscheidung angekündigt – aber welchen Weg kann er inmitten einer zersplitterten Nationalversammlung, wachsender gesellschaftlicher Frustration und einem lähmenden Patt einschlagen? Ein linker Premier – das Risiko der echten Machtteilung Die offenste Herausforderung an Macron kommt derzeit von links: Sozialisten, Grüne und Kommunisten fordern einen linken Premierminister und schlagen eine sogenannte Cohabitation vor. Aus ihrer Sicht ist dies der einzige gangbare Weg zu einem mehrheitsfähigen Haushalt für 2026. Tatsächlich ließe sich mit einer Regierung unter Führung eines Sozialdemokraten…

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  • Editorial: Frankreichs gefährliche Illusion – Regieren ohne Mandat

    Editorial: Frankreichs gefährliche Illusion – Regieren ohne Mandat

    Ein politisches Paradox beschäftigt derzeit die französische Innenpolitik: eine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung lehnt Neuwahlen ab – doch daraus leiten manche bereits den Anspruch ab, eine Regierung auf dieser Basis bilden zu können. Dieser rhetorische Kurzschluss offenbart nicht nur das Ausmass institutioneller Unsicherheit, sondern auch das strukturelle Dilemma der Fünften Republik: Ein «Nein» zum Wählervotum ersetzt kein politisches Mandat.

    Tatsächlich eint die ablehnende Haltung zur Auflösung des Parlaments ein breites Spektrum von Abgeordneten. Der Grundkonsens ist negativ – man will keinen Wahlgang, keine Unruhe, keine neue Dynamik. Doch was bleibt, ist ein ideologisch zersplittertes Parlament, das sich weder auf einen Regierungsauftrag noch auf ein gemeinsames politisches Projekt verständigen kann.


    Vom Verhindern zum Gestalten – ein weiter Weg

    Der Versuch, aus der Ablehnung der Auflösung eine Legitimation zur Regierungsbildung abzuleiten, ist institutionell fragwürdig und politisch riskant. Eine solche «Mehrheit des Refus» ist per definitionem reaktiv, nicht konzeptionell. Sie kann ein Vakuum füllen, aber keine Reform tragen.

    Frankreichs politische Architektur beruht auf der klaren Trennung zwischen Exekutive und Legislative – verbunden durch die Erwartung, dass eine Regierung zumindest auf eine stabile Mehrheit zählen kann, sei es durch Zustimmung oder durch Duldung. Wer in diesem System Verantwortung übernimmt, benötigt ein Minimum an Kohärenz, Disziplin und Gestaltungswillen. All das fehlt einer Koalition, die einzig durch das Motiv des Vermeidens zusammengehalten wird.


    Institutionelle Instrumente ersetzen keine politische Autorität

    Gewiss, die Verfassung bietet der Exekutive gewisse Mittel zur Notverwaltung. Der berühmte Artikel 49.3 erlaubt es einem Premierminister, Gesetze auch gegen eine widerspenstige Mehrheit durchzusetzen – vorausgesetzt, keine konstruktive Mehrheit findet sich zur Abwahl der Regierung. Doch dieses Verfahren ist ein Zeichen der Schwäche, kein Ausweis von Stabilität. Jeder Gebrauch unterstreicht, dass es an politischer Autorität mangelt.

    Hinzu kommt, dass Frankreich keine gewachsene Koalitionskultur kennt. Die republikanische Ordnung ist auf klare Mehrheitsverhältnisse ausgelegt – nicht auf das mühselige Aushandeln von Kompromissen zwischen moderaten Kräften. Eine breite Regierung der Mitte mag in anderen Demokratien funktionieren. In Paris wirkt sie schnell wie ein technokratisches Notgebilde, das allen verpflichtet ist und niemandem Rechenschaft schuldet.


    Die Versuchung des Stillstands

    In der derzeitigen Lage drängt sich der Eindruck auf, dass viele Abgeordnete das geringste Risiko suchen – und damit das grösste eingehen. Wer das politische System lediglich vor dem Kontrollverlust bewahren will, opfert über kurz oder lang seine Handlungsfähigkeit. Der Verzicht auf Neuwahlen mag kurzfristig rational erscheinen, doch er konserviert ein Kräfteverhältnis, das längst keine konstruktive Basis mehr bietet.

    Gerade in Zeiten ökonomischer Unsicherheit, geopolitischer Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es mehr als ein Verharren im Provisorium. Es braucht Regierungen, die legitimiert sind – durch ein klares Mandat, ein erkennbares Programm und die Fähigkeit, Mehrheiten zu organisieren. Frankreich verfügt über starke Institutionen. Doch sie nützen wenig, wenn der politische Wille zur Führung fehlt.


    Was bleibt

    Ein Nein zur Auflösung ist kein Ja zur Verantwortung. Eine Mehrheit des Refus ersetzt keine Regierung, sie vertagt nur die Krise. Der Präsident kann versuchen, daraus ein Exekutivprojekt zu formen – doch er würde auf Treibsand bauen. Wer in einem zersplitterten Parlament regieren will, muss Mehrheiten nicht nur zählen, sondern auch zusammenhalten. Andernfalls droht nicht nur die nächste Regierungskrise, sondern ein fataler Vertrauensverlust in die politische Ordnung.

    Autor: P. Tiko

  • Zwischen Dauerkrise und Chaos – Wie deutsche und britische Medien auf Frankreichs Regierungskrise blicken

    Zwischen Dauerkrise und Chaos – Wie deutsche und britische Medien auf Frankreichs Regierungskrise blicken

    Sébastien Lecornu war französischer Premierminister – allerdings nur kurz. Nach 27 Tagen im Amt und nur wenigen Stunden nach der Vorstellung seines Kabinetts war schon wieder Schluss. Eine Farce? Ein Albtraum? Oder schlicht Ausdruck einer politischen Realität, die Frankreichs Institutionen zunehmend sprengt?

    Ein Blick in die Presselandschaften Deutschlands und Großbritanniens zeigt: Der Nachhall dieser Rücktrittsposse hallt weit über Frankreich hinaus – und was man darin liest, klingt alarmierend.


    Großbritannien: Ein Land blickt kopfschüttelnd über den Ärmelkanal

    Die britische Presse liebt große Gesten, starke Bilder, ironische Zwischentöne. Genau das spiegelt sich in ihrer Berichterstattung über Frankreichs Regierungskrise.

    „Chaotisch“ lautet das zentrale Schlagwort. Lecornus Rücktritt wird als Symbol völliger Regierungsunfähigkeit gedeutet. Kommentatoren betonen, dass in Frankreich das Prinzip des Kompromisses offenbar ausgedient habe – Parteien agieren wie verfeindete Lager, die lieber alles blockieren, als gemeinsam Verantwortung zu tragen. Und in der Mitte: ein Präsident, der zunehmend wirkt wie ein Statist auf der eigenen Bühne.

    Das politische Drama wird dabei eng mit wirtschaftlichen Risiken verknüpft. Börsen reagieren nervös, der Euro schwächelt, die Renditen französischer Staatsanleihen steigen. Es klingt, als traue man Frankreich keine ernsthaften Reformen mehr zu. Ein Premier, der schneller geht als kommt, sendet das falsche Signal – vor allem an Investoren.

    Zwischen den Zeilen schwingt auch ein kultivierter Spott mit. „Sacre bleu!“ – nicht wörtlich, aber als Haltung. Die Idee eines Frankreichs, das brillant, impulsiv, aber im Grunde unregierbar ist, passt zu britischen Erzählmustern. Und doch: Hinter der Ironie liegt echtes Unbehagen. Denn wenn eine der wichtigsten Nationen Europas ins institutionelle Trudeln gerät, ist das keine französische Affäre mehr – sondern ein europäisches Problem.


    Deutschland: Analyse statt Drama – aber mit düsterem Unterton

    Ganz anders die Tonlage in der deutschen Presse. Keine schmissigen Überschriften, keine spitzen Kommentare – dafür umso mehr Analyse, Zahlen, Systemkritik.

    Man spricht von „Dauerkrise“, von einer „instabilen politischen Lage“, von einer „strukturellen Blockade“. Lecornus Rücktritt gilt nicht als Ausrutscher, sondern als Symptom einer tiefer liegenden Krankheit: Frankreichs politische Architektur kommt mit der realen Parteienlandschaft nicht mehr zurecht.

    Besonders deutlich wird das bei der Haushaltsproblematik. In mehreren Artikeln wird gewarnt, dass Frankreichs Budgetplanung ins Wanken geraten könnte. Ohne klare Mehrheiten und stabile Regierungsführung seien weder Reformen noch Investitionsprogramme verlässlich umsetzbar. Der Ton ist sachlich, aber unterschwellig alarmiert: Wenn Paris wackelt, wackelt auch die Eurozone.

    Einige Kommentare gehen noch weiter und fordern ein politisches „Loslassen“ – Macron müsse lernen, Macht zu teilen. Andere fragen offen, ob Frankreich noch regierbar ist. Diese Frage wirkt zunächst provokant, offenbart aber die Sorge, dass sich Frankreichs Demokratie in eine Sackgasse manövriert haben könnte.

    Und zwischen all der Nüchternheit schleicht sich ein Gedanke ein, der fast revolutionär klingt: Frankreich, so heißt es einmal, sei „reif für einen politischen Umbruch“.


    Was die internationalen Schlagzeilen gemeinsam haben

    So unterschiedlich die Tonlagen – das Urteil ist ähnlich.

    Erstens: Frankreich erscheint als unregierbar. Präsident und Parlament blockieren sich gegenseitig, während Regierungschefs im Monatsrhythmus das Handtuch werfen. Das Wort „Impasse“ – politisches Patt – taucht auffallend häufig auf, vor allem in der deutschen Berichterstattung.

    Zweitens: Die wirtschaftlichen Folgen stehen im Zentrum. Beide Länderpressehäuser sehen eine direkte Verbindung zwischen Instabilität in Paris und Reaktionen auf den Finanzmärkten. Vertrauen schwindet, Risiken steigen – das ist der Subtext jeder zweiten Analyse.

    Drittens: Macron selbst gerät ins Zentrum der Kritik. Manche fragen, ob es nicht an der Zeit sei, die eigene Rolle zu überdenken. Denn wer immer wieder Premiers benennt, die im politischen Maschinenraum sofort zerrieben werden, verliert irgendwann selbst an Autorität.


    Und was zwischen den Zeilen mitschwingt

    Interessanterweise wird eines selten thematisiert: die französische Öffentlichkeit. Was bedeutet all das für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger? Wie lange lassen sich solche Regierungsexperimente noch durchhalten, ohne dass eine größere politische Erschütterung folgt?

    Und dann ist da noch die europäische Dimension. Besonders in deutschen Kommentaren wird zwar auf mögliche Folgen für die EU hingewiesen – aber was das konkret für gemeinsame Projekte, die deutsch-französische Zusammenarbeit oder Europas Rolle in der Welt bedeutet, bleibt vage.

    Vielleicht liegt genau hier die größte Leerstelle: Frankreichs politische Dauerkrise hat das Potenzial, die europäische Architektur zu destabilisieren. Nur traut sich das bislang kaum jemand laut auszusprechen.

    Oder traut man es sich einfach nicht zu denken?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Stunde der Ungewissheit: Lecornus Rücktritt erschüttert Frankreichs Märkte

    Stunde der Ungewissheit: Lecornus Rücktritt erschüttert Frankreichs Märkte

    Der spektakuläre Rücktritt von Sébastien Lecornu vom Amt des Premierministers nur wenige Stunden nach der Vorstellung seines Kabinetts hat Frankreich in eine neue Phase politischer Unsicherheit gestürzt. Die Reaktion der Finanzmärkte war unmittelbar: Die Risikoprämien für französische Staatsanleihen zogen spürbar an, der Leitindex CAC 40 verlor innerhalb weniger Stunden über zwei Prozent. Was auf den ersten Blick wie ein personalpolitisches Missgeschick wirken mag, ist in Wahrheit Ausdruck einer tieferliegenden strukturellen Krise: Die politische Mitte in Frankreich verliert an Halt – und mit ihr der ökonomische Handlungsspielraum des Staates. Vertrauensschock auf den Anleihemärkten Nur wenige Minuten nach Bekanntwerden der Rücktrittsmeldung gerieten französische Staatsanleihen unter Druck. Der Zins auf zehnjährige französische Bonds stieg kurzfristig auf 3,61 % – ein kritischer Wert, der nach Einschätzung von Marktbeobachtern als psychologische Schwelle gilt. Zwar pendelte sich der Zi…

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  • Wenn Regieren unmöglich wird – Frankreich im Spiegel der Weimarer Republik

    Wenn Regieren unmöglich wird – Frankreich im Spiegel der Weimarer Republik

    „On ne peut pas être Premier ministre quand les conditions ne sont pas réunies“ – man kann nicht Premierminister sein, wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind. Der Satz wirkt zunächst wie eine schlichte Feststellung politischer Zweckmäßigkeit. Doch in Zeiten institutioneller Unsicherheit erhält er eine tiefere Bedeutung: Was sind eigentlich die „Bedingungen“ für eine Regierung? Und wer entscheidet, ob sie erfüllt sind? Ein Blick auf das gegenwärtige Frankreich und die historische Weimarer Republik zeigt, wie eng politische Legitimität an stabile Mehrheiten, institutionelle Kultur und strategisches Kalkül geknüpft ist.


    Die Fünfte Republik am Rand der Handlungsunfähigkeit

    Die französische Verfassung verleiht dem Präsidenten große Befugnisse. Er ernennt den Premierminister – formell ohne Rücksicht auf das Parlament. Doch in der politischen Praxis ist dieses Recht längst eingebettet in ein Geflecht unausgesprochener Regeln: Ein Premierminister muss regierungsfähig sein, muss ein Programm durchbringen, Gesetze einbringen, Mehrheiten organisieren können. All das setzt voraus, dass das Parlament ihn zumindest duldet – besser: unterstützt. Wenn diese Voraussetzungen fehlen, nützt auch der Rückhalt im Élysée wenig.

    Seit den letzten Parlamentswahlen ist genau das der Fall. Keine der politischen Blöcke verfügt über eine klare Mehrheit. Die Nationalversammlung ist zersplittert, das Vertrauen zwischen den Fraktionen gering. Der Präsident muss Premierminister ernennen, die im besten Fall Kompromisse zwischen diametral entgegengesetzten Lagern aushandeln – oder im schlechtesten Fall bereits am ersten Haushaltsentwurf scheitern.

    Die politische Folge ist eine Serie kurzer, instabiler Regierungen. Premierminister treten ab, bevor sie ihr Programm vorstellen können. Andere verweigern gleich ganz die Amtsübernahme – mit Verweis auf „nicht erfüllte Bedingungen“. Der Satz wird so zur realpolitischen Selbstdiagnose. Denn auch wenn die Verfassung keine Vertrauensabstimmung verlangt: In der Realität entscheidet das Parlament über die Lebensdauer jeder Regierung. Und eine Regierung, die keine Gesetze mehr durchbekommt, ist keine.

    Zwar existieren verfassungsrechtliche Auswege – etwa das berühmte Instrument Artikel 49.3, das es erlaubt, Gesetze ohne Abstimmung zu verabschieden. Doch jedes Mal, wenn die Exekutive zu solchen Mitteln greift, verliert sie ein Stück politische Autorität. Der Ausnahmezustand wird zur Normalität – ein gefährliches Spiel, wenn man die Geschichte Europas kennt.


    Weimar: Wenn Institutionen nicht tragen

    Die Weimarer Republik kannte keine präsidentielle Exekutive französischen Zuschnitts, wohl aber ähnliche Dilemmata. Auch dort konnte der Reichspräsident den Reichskanzler ernennen, formal ohne Zustimmung des Parlaments. Aber ein Kanzler ohne parlamentarische Mehrheit war politisch ohnmächtig. Er konnte nicht regieren – oder nur mithilfe von Notverordnungen, wenn er auf das Vertrauen des Reichstags verzichten musste.

    Zwischen 1919 und 1933 sah Weimar eine Flut kurzlebiger Kabinette. Der Grund: ein zersplittertes Parteiensystem, fragile Koalitionen, tiefe gesellschaftliche Gräben. Regierungen standen unter ständigem Druck, wurden gestürzt, traten zurück oder verloren schlicht ihre Handlungsfähigkeit. Auch hier wurde oft versucht, durch präsidentielle Notverordnungen weiterzuregieren – an der parlamentarischen Realität vorbei. Was als Ausnahme gedacht war, wurde zur Regel. Die Konsequenz war eine schleichende Aushöhlung demokratischer Legitimität.

    Die Kanzler der späten Weimarer Jahre – Brüning, Papen, Schleicher – regierten alle ohne parlamentarische Mehrheit, gestützt allein auf den Reichspräsidenten. Formell im Amt, praktisch isoliert, politisch zusehends delegitimiert. Und doch hielten sie sich – bis schließlich die Republik selbst scheiterte.

    Weimar zeigt, was geschieht, wenn die institutionelle Balance zwischen Exekutive und Legislative kippt. Wenn Regierungen existieren, aber nicht mehr regieren. Wenn „die Bedingungen“ nicht erfüllt sind – und es dennoch niemanden gibt, der das ausspricht. Der Weg ins Autoritäre beginnt nicht mit einem Putsch, sondern mit einem schleichenden Verlust parlamentarischer Realität.


    Regieren als Balanceakt zwischen Verfassung und Vertrauen

    Was lässt sich aus diesem Vergleich ziehen? Zunächst: In beiden Systemen ist die Regierungsfähigkeit nicht allein eine Frage der Verfassung. Sondern eine Frage der politischen Kultur, der Koalitionsfähigkeit, des Vertrauens. Regieren setzt voraus, dass ein Regierungschef nicht nur ernannt wird, sondern auch durchsetzen kann. Die Fähigkeit, Mehrheiten zu organisieren, ist nicht bloß taktisches Geschick – sie ist die Grundlage jeder politischen Autorität.

    In Frankreich wie in Weimar gilt: Der Verfassungstext allein garantiert keine Stabilität. Wer sich allein auf formale Rechte beruft, riskiert den Verlust realer Handlungsmacht. Eine Exekutive, die ohne parlamentarischen Rückhalt agiert, mag kurzfristig funktionieren – langfristig führt sie in eine politische Sackgasse. Und mit jeder Krise, mit jeder Regierung, die scheitert, wächst das Misstrauen in das System selbst.

    Doch der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Republiken liegt in der institutionellen Resilienz. Frankreich verfügt über ein gefestigtes republikanisches Selbstverständnis, über ein Bewusstsein für die Grenzen exekutiver Macht – und über eine Zivilgesellschaft, die auf autoritäre Tendenzen sensibel reagiert. Weimar hatte das nicht. Dort traf institutionelle Schwäche auf gesellschaftliche Radikalisierung – ein gefährlicher Cocktail.


    Wenn also heute französische Politiker erklären, sie könnten unter den gegebenen Bedingungen kein Regierungsamt übernehmen, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist – zumindest im besten Fall – ein Ausdruck politischer Klarsicht. Eine Regierung, die keine Mehrheit hat, ist nicht nur ineffektiv. Sie gefährdet die Legitimität des gesamten Systems.

    Und das lehrt uns auch die Geschichte: „Premierminister“ oder „Kanzler“ ist kein Titel, den man allein durch Ernennung trägt. Es ist ein Amt, das sich im täglichen politischen Handeln bewähren muss. Ohne Unterstützung, ohne Zustimmung, ohne die Fähigkeit zum Kompromiss – bleibt nur der Rücktritt. Oder der Weg in die Irre.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Lecornu im Stresstest: Proteste, Budget und fragile Mehrheiten

    Lecornu im Stresstest: Proteste, Budget und fragile Mehrheiten

    Der neue französische Premierminister Sébastien Lecornu steht vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Zwischen wachsendem sozialen Druck, einem umstrittenen Haushalt 2026 und einer instabilen politischen Lage könnten die kommenden Tage bereits über seine Zukunft im Hôtel de Matignon entscheiden. Die Straße als Machtfaktor Seit seinem Amtsantritt am 9. September wird Lecornu von den Gewerkschaften frontal herausgefordert. Sie fordern mehr soziale Gerechtigkeit, die Rücknahme des Sparprogramms sowie neue Abgaben für Spitzenverdiener. Für den heutigen Donnerstag ist bereits die dritte landesweite Protest- und Streikwelle angekündigt. Ihr Ziel: den Haushaltsprozess zu beeinflussen und eine klare Abkehr von den unpopulären Sparmaßnahmen durchzusetzen. Sollte es Lecornu nicht gelingen, den Unmut zu kanalisieren, droht eine politische Eskalation. Haushalt 2026: Balanceakt zwischen Finanzmärkten und Wählern Auf finanzpolitischer Ebene versucht Lecornu, Kontinuität mit Anpassungen zu verbinde…

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  • Wie zerrüttete Politik die Justiz gefährdet

    Wie zerrüttete Politik die Justiz gefährdet

    Im vergangenen Monat wurde Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro wegen der Planung eines Staatsstreichs verurteilt. Das Urteil: 27 Jahre Haft und ein lebenslanges Verbot, erneut für ein politisches Amt zu kandidieren.

    Das hätte das Ende der Affäre sein können. Die Beweislast gegen Bolsonaro war ungewöhnlich erdrückend – der Putschplan lag sogar schriftlich vor.

    Doch seither demonstrieren seine Anhänger regelmäßig. Einige Mitglieder des brasilianischen Parlaments diskutieren offen über ein Amnestiegesetz, um ihn begnadigen – was wiederum Gegendemonstrationen ausgelöst hat. Das Verfahren, wie ein Richter des Obersten Gerichts sagte, sollte „der Heilung von Wunden“, Brasiliens Gesellschaft bleibt jedoch von ihren Wunden schwer gezeichnet.

    Der Prozess gegen Bolsonaro steht exemplarisch für ein Problem, mit dem Gerichte weltweit konfrontiert sind. Ihre Aufgabe ist es, das Recht durchzusetzen – nicht zuletzt im Dienste demokratischer Stabilität. Ein als neutral empfundenes Gericht kann verhindern, dass Konflikte in Gewalt oder Chaos münden.

    Doch in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Spaltung und schwindenden Vertrauens in Institutionen verlieren selbst unabhängige Urteile ihre stabilisierende Wirkung. Mancherorts wirken sie sogar destabilisierend.

    Brasilien, Frankreich, Türkei und andere

    In jüngster Zeit wurden in einer Vielzahl von Ländern prominente Politiker strafrechtlich verfolgt: in Brasilien, der Türkei, Rumänien, Frankreich, Südkorea und den Vereinigten Staaten, um nur einige zu nennen. Auffällig dabei ist, wie ähnlich diese Verfahren wahrgenommen werden – unabhängig vom jeweiligen Grad der richterlichen Unabhängigkeit.

    In der Türkei wurde der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu wegen Korruption und Terrorismus verhaftet – just in dem Moment, als er sich als ernstzunehmender Herausforderer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan etablierte.
    In Frankreich wurde die rechtsextreme Oppositionsführerin Marine Le Pen der Veruntreuung schuldig gesprochen und von der Teilnahme an der Präsidentschaftswahl 2027 ausgeschlossen. Umfragen zufolge hätte sie gute Chancen gehabt, Präsident Emmanuel Macron zu schlagen.

    In internationalen Rankings der richterlichen Unabhängigkeit rangiert Frankreich weit vor der Türkei – ein Land, in dem Erdoğan seit Langem beschuldigt wird, den Staatsapparat zur Ausschaltung politischer Gegner zu instrumentalisieren. Doch die Reaktionen auf die jeweiligen Urteile klingen nahezu identisch:

    „Wir erleben einen Putschversuch gegen unseren nächsten Präsidenten“, sagte der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei.
    Die französische Demokratie sei „hingerichtet worden“, klagte ein Vertrauter Le Pens.

    In einer derart polarisierten Atmosphäre fällt es vielen schwer, zwischen politisch motivierter Justiz und unabhängigen Urteilen, die lediglich ein missliebiges Ergebnis liefern, zu unterscheiden.

    Gerichte als Brandbeschleuniger der Spaltung

    Ivan Krastev, Politologe und einflussreicher Denker zum Thema demokratischer Rückschritt, stellt gegenüber der New York Times fest, dass viele Wähler weltweit inzwischen jede Wahl als Entscheidung über das Überleben der Demokratie ansehen. Vor diesem Hintergrund würden auch Gerichtsurteile gegen führende Kandidaten durch ein zutiefst politisches Prisma betrachtet – was die Polarisierung weiter befeuert.

    Dabei war die Idee unabhängiger Gerichte ursprünglich gerade dazu gedacht, sich nicht von politischem Kalkül oder öffentlicher Meinung leiten zu lassen. Doch dieses Prinzip verfolgt letztlich ein Ziel: die Bewahrung einer resilienten Demokratie.

    Krastev argumentiert: Wenn ein Urteil die politische Lage erheblich destabilisiert, dann dürften Gerichte das nicht ignorieren. Wenn die gesellschaftlichen Folgen eines Wahlausschlusses, einer Unwählbarkeit, gravierender seien als das geahndete Vergehen, müsse das Urteil dies womöglich reflektieren. Das bedeute keineswegs Straflosigkeit – aber es erfordere eine Abwägung zwischen Gerechtigkeit und sozialer Stabilität.

    Dieser Zielkonflikt ist nicht neu. In vielen Ländern – darunter Brasilien – wurden Amnestien für politische Straftaten bereits als Mittel zur Befriedung eingesetzt. Weniger diskutiert wird diese Frage jedoch bei Delikten wie Veruntreuung oder Korruption. Doch auch in solchen Fällen stellen sich heikle Fragen: Wann ist eine Person prominent genug, dass ein Verfahren politische Sprengkraft hat? Welche Straftaten wiegen so schwer, dass Milde keine Option ist?

    Für viele Richterinnen und Richter ist der Gedanke, solche Überlegungen anzustellen, inakzeptabel. Nancy Gertner, ehemalige US-Bundesrichterin und heute Professorin an der Harvard Law School, warnt vor einem „gefährlichen Dammbruch“.

    Verlorenes Vertrauen in die Justiz

    Letztlich, so Krastev, sei die wahrgenommene Politisierung der Justiz ein weiteres Symptom einer tiefer liegenden Krise der Demokratie. In den USA, wo Präsident Donald Trump die zahlreichen Verfahren gegen ihn als politische Hexenjagd darstellte, ist das Vertrauen in die Justiz auf ein historisches Tief gefallen – nur noch 35 Prozent der Bevölkerung halten sie für glaubwürdig.

    Wenn Richter ebenso spalten wie die Politiker, über deren Verfehlungen sie urteilen, steht nicht weniger als das demokratische Fundament zur Disposition.


    Israel stoppt Hilfskonvoi für Gaza

    Die israelische Marine hat gestern mehr als ein Dutzend Boote gestoppt, die als Teil einer internationalen Flottille humanitäre Hilfe nach Gaza bringen wollten. Laut den Organisatoren wurden über 150 Aktivisten festgesetzt, rund 30 weitere Schiffe seien noch unterwegs in Richtung der abgeriegelten Küstenenklave.

    Unter den Teilnehmern befanden sich prominente Persönlichkeiten wie Greta Thunberg und Mandla Mandela, ein Enkel von Nelson Mandela. Frühere Versuche, Gaza auf dem Seeweg zu erreichen, waren gescheitert – ein Boot wurde sogar von Schüssen getroffen.

    Israel beschränkt seit Beginn des Kriegs vor fast zwei Jahren den Zugang humanitärer Hilfe zum Gazastreifen stark. Infolge dessen verzeichnen Hilfsorganisationen Rekordwerte bei Mangelernährung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erklärte gestern, es müsse seine Einsätze in Gaza-Stadt aufgrund der anhaltenden israelischen Offensive einstellen. Ein US-israelischer Friedensplan sieht vor, dass „sofort umfassende Hilfe“ geliefert werden soll – sobald ein Abkommen mit der Hamas zustande kommt. Diese hat sich bisher nicht zu dem Vorschlag geäußert.


    Zum Tod von Jane Goodall

    Jane Goodall wurde in den 1960er Jahren weltberühmt durch ihre Beobachtungen des Verhaltens wilder Schimpansen in Ostafrika. Ihre jahrzehntelange Arbeit als Umweltschützerin machte sie zur Ikone des Naturschutzes.

    Gestern starb sie im Alter von 91 Jahren in Kalifornien.

    Goodall war die Erste, die dokumentierte, dass Schimpansen Fleisch essen und Werkzeuge verwenden – Erkenntnisse, die das Verständnis von Primaten revolutionierten. In einem Interview mit der New York Times sagte sie einmal: „Wir Menschen waren sehr arrogant zu glauben, wir seien so grundlegend anders.“


    Weitere Meldungen

    • Um den politischen Druck im Haushaltsstreit zu erhöhen, fror die Trump-Regierung Milliardenhilfen für demokratisch regierte Bundesstaaten ein und bereitete Massenentlassungen vor.
    • Ein Erdbeben auf den Philippinen hat mindestens 69 Menschen getötet – darunter viele Bewohner eines Dorfes, das nach einem Taifun errichtet worden war.
    • Russland droht mit Gegenmaßnahmen, sollte die EU russische Vermögenswerte in Höhe von 165 Milliarden Dollar zur Unterstützung der Ukraine freigeben.
    • Donald Trump unterzeichnete ein Dekret, das die militärische Verteidigung Katars durch die USA im Angriffsfall zusichert.
    • Ein Haupttäter eines Gruppenvergewaltigungsfalls in England wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt.
    • Ein sudanesischer Arzt, der zuvor die Schrecken des Krieges dokumentiert hatte, wurde bei einem Raketenangriff auf eine Moschee getötet.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn der Staat stillsteht: Warum der US-Regierung unter Donald Trump das Geld ausgeht – und was wirklich hinter dem erneuten Shutdown steckt

    Wenn der Staat stillsteht: Warum der US-Regierung unter Donald Trump das Geld ausgeht – und was wirklich hinter dem erneuten Shutdown steckt

    Am 1. Oktober 2025 trat in den Vereinigten Staaten erneut ein sogenannter Shutdown in Kraft – ein teilweiser Stillstand der Bundesverwaltung, verursacht durch das Ausbleiben fristgerechter Haushaltsbeschlüsse. Was in anderen Demokratien undenkbar erscheint, ist in Washington längst politische Routine. Doch diesmal ist die Situation besonders zugespitzt – nicht nur wegen des Haushaltsstreits im Kongress, sondern auch durch das Vorgehen der Exekutive selbst: Präsident Trump hat in seiner zweiten Amtszeit eine rigide Sparpolitik durchgesetzt, Mittel eingefroren und den Staatsapparat massiv verschlankt. Kritiker sprechen von gezielter Sabotage. Die Lage offenbart strukturelle Schwächen der amerikanischen Haushaltsführung – und wird zum Schauplatz eines Machtkampfes zwischen Legislative und Exekutive.

    Ein Haushalt ohne Legitimation

    In den frühen Morgenstunden des 1. Oktober verstrich die Frist zur Verabschiedung des Bundeshaushalts für das Fiskaljahr 2026 – ohne Ergebnis. Damit beginnt ein Shutdown: Bundesbehörden müssen ihre Arbeit einstellen, nicht lebenswichtige Programme werden eingefroren, hunderttausende Angestellte gehen in unbezahlten Zwangsurlaub. Lediglich sicherheitsrelevante und gesetzlich besonders geschützte Bereiche – etwa das Militär, Sozialleistungen wie Social Security und Medicare – bleiben zunächst funktionsfähig.

    Dass „der Regierung das Geld ausgeht“, ist jedoch eine rhetorische Zuspitzung. Der Bundeshaushalt wird in den USA jährlich vom Kongress bewilligt. Ohne diese Appropriations darf die Regierung keine neuen finanziellen Verpflichtungen eingehen. Bereits zugesagte oder vertraglich gebundene Ausgaben können jedoch oft fortgeführt werden – zumindest kurzfristig.

    Doch genau hier liegt das Problem: Mit dem Ausbleiben der Bewilligungen fehlt der Regierung die rechtliche Grundlage für wesentliche Ausgaben. Nicht ein tatsächlicher Mangel an Mitteln ist die Ursache, sondern eine institutionell erzwungene Blockade. Die Regierung wird handlungsunfähig, weil ihr der Gesetzgeber keine Ausgabenerlaubnis erteilt – ein wiederkehrendes Muster amerikanischer Innenpolitik.

    Ein Präsident auf Sparkurs

    Neu ist in diesem Jahr jedoch das aggressive Vorgehen der Exekutive selbst. Schon Monate vor dem Shutdown begann die Trump-Regierung, einzelne Ausgaben zurückzuhalten oder Mittelzuweisungen pauschal einzufrieren. Ein internes Memo der Budgetbehörde OMB verfügte zeitweise die Aussetzung fast aller Bundeszuschüsse („grants und loans“) – ein Schritt, der rechtlich umstritten ist und teils gerichtlich kassiert wurde.

    Gleichzeitig wurden im Zuge einer „Effizienzoffensive“ weitreichende Kürzungen vorgenommen. Mit der Gründung einer neuen Behörde – dem Department of Government Efficiency (DOGE) – setzte die Regierung gezielt auf Kostenreduktion durch Stellenabbau, die Streichung von Forschungsprogrammen und die Umstrukturierung bestehender Verwaltungsapparate. Laut Berichten in den US-Medien kam es zu „mass layoffs“, also Massenentlassungen im öffentlichen Dienst. Infrastrukturausgaben, Wissenschaftsförderung und Umweltprogramme wurden in vielen Fällen gestoppt oder zurückgefahren.

    All dies reiht sich ein in ein politisches Narrativ: Donald Trump hat seine zweite Amtszeit unter das Motto „America First – Again“ gestellt. Dazu zählt auch ein ideologisch motivierter Staatsumbau, der auf Deregulierung, Dezentralisierung und Sparsamkeit setzt. Doch der Versuch, damit Druck auf den Kongress auszuüben, geht über die bloße Haushaltsführung hinaus – er wird Teil eines umfassenden Machtkampfes.

    Die politische Geometrie der Blockade

    Der amerikanische Haushaltsprozess ist ein Paradebeispiel für die Checks and Balances der US-Verfassung – aber zugleich auch für ihre Verwundbarkeit. Der Präsident darf keine Ausgaben tätigen, die nicht ausdrücklich vom Kongress genehmigt wurden. Umgekehrt kann der Kongress zwar Mittel bewilligen, doch ohne die Unterschrift des Präsidenten treten sie nicht in Kraft. In Zeiten politischer Polarisierung wird dieser Mechanismus zur Falle.

    Derzeit blockiert eine republikanische Kongressmehrheit unter dem Einfluss trumpistischer Hardliner jeden Haushalt, der nicht auch drastische Kürzungen vorsieht – insbesondere im Bereich von Sozial- und Umweltprogrammen. Gleichzeitig nutzt die Exekutive ihre Verwaltungsbefugnisse, um bereits genehmigte Ausgaben zu verzögern oder umzulenken. Das Ergebnis ist ein Deadlock – ein Stillstand, der weder durch Verhandlungen noch durch institutionelle Automatismen aufgelöst werden kann.

    Hinzu kommt: Die Trump-Regierung nutzt bewusst den Shutdown als politisches Instrument. In Interviews und öffentlichen Verlautbarungen wird die Verantwortung auf „unkooperative Demokraten“ im Senat geschoben, obwohl die entscheidenden Blockaden oft aus den eigenen Reihen stammen. Insofern ist der Stillstand nicht nur Ergebnis eines Systemfehlers, sondern auch Teil eines strategischen Spiels.

    Ein transatlantischer Vergleich

    Vergleicht man die Situation mit parlamentarischen Systemen wie Frankreich oder Deutschland, wird die Sonderstellung des US-Systems deutlich. In Berlin oder Paris ist der Haushaltsbeschluss integraler Bestandteil der Regierungsmehrheit. Eine Blockade im Parlament käme einer Regierungskrise gleich – oft mit Neuwahlen als Folge. In Washington hingegen bleibt die Regierung im Amt, auch wenn ihr das Budget fehlt. Dies öffnet Raum für politisches Taktieren, Drohkulissen und Blockadepolitik.

    Hinzu kommt die Rolle des Präsidenten als Regierungschef mit weitreichender Exekutivgewalt – eine Konstellation, die es in europäischen parlamentarischen Demokratien so nicht gibt. Trump nutzt diese Stellung, um seine politische Agenda auch gegen den Willen großer Teile des Kongresses durchzusetzen. Die Haushaltskrise wird so zum Symptom eines tieferliegenden institutionellen Konflikts.

    Dass dies massive Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit des Staates hat, zeigt sich nicht nur an den geschlossenen Behörden. Auch internationale Partner beobachten die Entwicklungen mit Sorge. Ein handlungsunfähiger US-Staat schwächt nicht nur das Vertrauen in die Stabilität der amerikanischen Demokratie, sondern auch in ihre Verlässlichkeit als geopolitischer Akteur.

    Wenig deutet derzeit auf eine schnelle Lösung hin. Der politische Wille zum Kompromiss fehlt, die Fronten sind verhärtet, und der Präsident setzt weiter auf Konfrontation statt auf Vermittlung. Der „Regierungsstillstand“ ist daher weit mehr als eine administrative Episode – er ist Ausdruck eines systemischen Versagens.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreich im Wartestand: Lecornus Zermürbungstaktik und die Krise des Regierens

    Frankreich im Wartestand: Lecornus Zermürbungstaktik und die Krise des Regierens

    Seit seiner Ernennung zum Premierminister am 9. September 2025 steht Sébastien Lecornu im Zentrum eines ungewöhnlich langen politischen Vakuums. Sechzehn Tage nach Amtsantritt hat Frankreich noch immer keine Regierung. Während offizielle Stellen das Vorgehen als „überlegt“ und „konsultativ“ verteidigen, mehren sich die Zweifel: Ist hier ein neuer Regierungsstil im Entstehen – oder deutet sich vielmehr eine gefährliche Erosion politischer Handlungsfähigkeit an?

    Ein ungewöhnlich langer Stillstand Gemessen an den Gepflogenheiten der Fünften Republik ist die aktuelle Phase bemerkenswert. Frankreich kennt keine festgelegte Frist für die Regierungsbildung nach einer Ernennung – anders als etwa Deutschland oder Belgien – doch politische Erfahrung und institutionelle Logik fordern zügiges Handeln. Lecornu droht nun, den bisherigen Rekord für die längste Regierungsbildungsphase unter der Fünften Republik zu überbieten. Bereits sein Vorgänger Michel Barnier hatte 2024 sechzehn Tage benötigt. Da…

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  • Frankreichs finanzpolitisches Dilemma: Wenn Schulden zum Risiko für die Souveränität werden

    Frankreichs finanzpolitisches Dilemma: Wenn Schulden zum Risiko für die Souveränität werden

    Die jüngste Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Fitch hat die Fragilität der zweitgrössten Volkswirtschaft der Eurozone schonungslos offengelegt. Von „AA-“ auf „A+“ reduziert, signalisiert das Urteil nicht nur steigende Zweifel an der Tragfähigkeit der französischen Staatsfinanzen. Es macht auch sichtbar, wie sehr fiskalische Schwäche und politische Instabilität in Frankreich mittlerweile ineinandergreifen. Ein Staat im Dauerdefizit Frankreichs öffentliche Verschuldung hat Ende 2024 mit 113,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts einen historischen Höchststand erreicht und könnte nach Projektionen internationaler Finanzinstitute bis 2026 auf 118 Prozent anwachsen (Financial Times, 2025). Seit Jahren gelingt es Paris nicht, die Ausgabenlast zu zügeln. Selbst im konjunkturell robusteren Umfeld vor der Pandemie lagen die Defizite deutlich über den europäischen Referenzwerten. Die jüngste Verschärfung ist auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen: gros…

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