Schlagwort: Picardie

  • Verstecktes Paradies auf dem Wasser

    Verstecktes Paradies auf dem Wasser

    Wer bei Frankreich sofort an Paris, die Provence oder die Strände der Côte d’Azur denkt, übersieht leicht einen der außergewöhnlichsten Orte des Landes. Im Herzen der Picardie, direkt vor den Toren von Amiens, liegt eine Landschaft, die wirkt, als sei sie einem Märchenbuch entsprungen: die Hortillonnages. Zwischen stillen Kanälen, blühenden Gärten und kleinen Inseln entfaltet sich eine Welt, die Besucher augenblicklich in ihren Bann zieht.

    Nur wenige Schritte vom lebhaften Stadtzentrum entfernt verändert sich die Kulisse schlagartig. Autos, Geschäfte und Straßencafés bleiben zurück. Stattdessen öffnet sich ein Labyrinth aus Wasserwegen, das sich über rund 300 Hektar erstreckt. Wer hier unterwegs ist, erlebt Frankreich von einer Seite, die selbst viele Einheimische kaum kennen.

    Die Geschichte dieser besonderen Landschaft reicht erstaunlich weit zurück. Bereits vor rund zwei Jahrtausenden begannen Menschen damit, die sumpfigen Gebiete entlang der Somme nutzbar zu machen. Aus Mooren und Feuchtgebieten entstanden nach und nach kleine Anbauflächen. Generation für Generation formte die Natur gemeinsam mit menschlicher Handarbeit ein einzigartiges Netz aus Inseln und Kanälen.

    Der Name „Hortillonnages“ stammt von den sogenannten Hortillons. Das waren Gemüsebauern, die ihre Felder auf den kleinen Inseln bewirtschafteten. Ihre Ernte transportierten sie mit flachen Booten direkt in die Stadtmärkte von Amiens. Damals gehörten die Boote zum Alltag wie andernorts Fahrräder oder Handwagen.

    Heute existieren nur noch wenige professionelle Gemüsebauern. Dennoch lebt die Tradition weiter und prägt bis heute den Charakter der Region.

    Besucher entdecken die Hortillonnages meist vom Wasser aus. Die schmalen Boote gleiten nahezu lautlos durch die Kanäle. Rechts wachsen Schilf und Weiden, links verstecken sich gepflegte Gärten hinter Hecken und Blumenbeeten. An vielen Stellen spiegeln sich Bäume auf der ruhigen Wasseroberfläche, als hätte jemand die Landschaft doppelt gemalt.

    Und genau darin liegt der Zauber dieses Ortes.

    Jede Kurve eröffnet einen neuen Blick. Hinter der nächsten Biegung taucht vielleicht eine kleine Holzbrücke auf. Wenige Meter weiter erscheinen Obstbäume, bunte Blumen oder ein winziges Gartenhaus. Manche Inseln dienen noch immer dem Gemüseanbau, andere sind private Rückzugsorte. Einige erreicht man ausschließlich per Boot.

    Wer früh morgens unterwegs ist, erlebt die Hortillonnages von ihrer schönsten Seite. Nebelschwaden ziehen über das Wasser. Vögel begrüßen den Tag mit ihrem Konzert. Libellen schwirren zwischen den Pflanzen umher. Die Atmosphäre besitzt etwas Zeitloses.

    Fast wirkt es so, als hätte jemand die Uhr angehalten.

    In einer Zeit, in der viele Reiseziele unter Besucherströmen leiden, entfalten die Hortillonnages eine wohltuende Ruhe. Hier drängt niemand durch überfüllte Gassen. Niemand stellt sich stundenlang für ein Foto an. Stattdessen bestimmen Gelassenheit und Natur das Tempo.

    Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis ihres Erfolgs.

    Immer mehr Reisende suchen heute nach Orten mit Charakter statt nach Sehenswürdigkeiten, die man lediglich abhakt. Sie wünschen sich echte Erlebnisse, Begegnungen mit der Geschichte und Augenblicke fernab des Trubels. Die Hortillonnages erfüllen all diese Wünsche beinahe mühelos.

    Einen zusätzlichen Impuls erhielt die Region durch ein außergewöhnliches Kunstprojekt. Seit einigen Jahren verwandeln Künstler, Landschaftsarchitekten und Designer einzelne Inseln in kreative Freiluftgalerien. Zwischen Bäumen, Wasserläufen und Blumenbeeten entstehen Installationen, die sich harmonisch in die Umgebung einfügen.

    Das Spannende daran: Kunst und Natur treten nicht in Konkurrenz zueinander. Stattdessen entsteht ein Dialog. Mal schwebt eine Skulptur scheinbar über dem Wasser, mal überrascht eine Installation mitten im Grünen. Besucher entdecken die Werke während ihrer Bootsfahrt oft ganz nebenbei.

    So verbindet sich jahrhundertealte Kulturlandschaft mit moderner Kreativität.

    Auch für Amiens selbst sind die Hortillonnages ein Glücksfall. Die Stadt besitzt mit ihrer imposanten Kathedrale bereits eines der bedeutendsten Bauwerke Frankreichs. Viele Besucher kombinieren inzwischen beide Attraktionen miteinander. Morgens bestaunen sie die gotischen Meisterwerke im Stadtzentrum, wenige Minuten später gleiten sie bereits durch eine stille Wasserlandschaft.

    Diese Nähe von Stadt und Natur wirkt fast schon ungewöhnlich.

    Wo sonst lässt sich innerhalb kürzester Zeit von mittelalterlicher Architektur in eine Welt aus Kanälen und schwimmenden Gärten wechseln?

    Gerade deshalb zieht Amiens zunehmend Gäste aus Belgien, den Niederlanden, Deutschland und natürlich aus Frankreich selbst an. Besonders für Wochenendreisende bietet die Stadt eine reizvolle Alternative zu den bekannten Touristenrouten.

    Und mal ehrlich: Wer freut sich nicht über einen Ort, den noch nicht jeder auf seiner Reiseliste markiert hat?

    Die Hortillonnages zeigen eindrucksvoll, dass Frankreich weit mehr bereithält als seine berühmten Klassiker. Hier treffen Geschichte, Natur, Landwirtschaft und Kultur auf engstem Raum zusammen. Nichts wirkt künstlich inszeniert. Alles entstand über Jahrhunderte hinweg und entwickelte seinen ganz eigenen Rhythmus.

    Genau das macht den Reiz dieser Landschaft aus.

    Während viele Reiseziele mit immer spektakuläreren Attraktionen um Aufmerksamkeit kämpfen, bezaubern die Hortillonnages durch ihre Schlichtheit. Das Wasser fließt gemächlich. Die Gärten blühen im Wechsel der Jahreszeiten. Die Boote ziehen ihre Bahnen wie schon vor Generationen.

    Manchmal braucht es eben keine großen Sensationen.

    Manchmal genügt eine stille Bootsfahrt durch eine Landschaft, die wie ein verborgenes Gemälde mitten in Nordfrankreich wirkt. Wer die Hortillonnages besucht, nimmt nicht nur schöne Fotos mit nach Hause, sondern auch das seltene Gefühl, einen Ort entdeckt zu haben, der seine Seele bewahrt hat.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Tomme au Foin: Wie ein fast vergessener Käse die Herzen zurückerobert

    Tomme au Foin: Wie ein fast vergessener Käse die Herzen zurückerobert

    In den saftigen Wiesen der Oise blüht ein altes Käsehandwerk neu auf – wortwörtlich aus dem Heu geholt: die Tomme au Foin. Dieses aromatische Meisterwerk bringt nicht nur Käseliebhaber ins Schwärmen, sondern erzählt auch eine Geschichte von Tradition, Hingabe und regionalem Stolz.

    Käse mit Geschichte – und Heu im Herzen

    Bereits im 18. Jahrhundert nutzten Bauern im Pays de Bray eine clevere Methode, um ihre Käse länger haltbar zu machen: Sie lagerten die Laibe im Heu. Das schützte nicht nur, sondern verlieh dem Käse ein feinwürziges Aroma mit Noten von Walnuss und Wiesenkräutern.

    Doch dann kam das Vergessen.

    Fast zwei Jahrhunderte lang verschwand der Tomme au Foin aus den Regalen – bis Jean-Marie Beaudoin 1993 beschloss, dem Käse neues Leben einzuhauchen. In Villers-sur-Auchy grub er alte Rezepte aus, hörte den Alten im Dorf zu und wagte einen Neustart. Seine Idee? Kein Nostalgieprojekt, sondern ein echtes Revival.

    Handarbeit statt Massenware

    Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Der Herstellungsprozess des Tomme au Foin ist ein echtes Handwerk. Rohmilch von Kühen, die auf unbehandelten Wiesen grasen, wird sanft zu Käse verarbeitet – mit traditionellen Techniken, wie sie schon die Vorfahren kannten.

    Nach dem ersten Reifeschritt ruht der Käse dann in getrocknetem Heu. Klingt rustikal? Ist es auch – aber genau das macht den Unterschied. Die Pflanzenstoffe des Heus, vor allem die aromatische Cumarin-Verbindung, verleihen der Tomme ihren unverwechselbaren Charakter. Die Kruste wird grau, die Konsistenz geschmeidig, das Aroma komplex.

    Ein bisschen wie ein gutes Buch: außen unscheinbar, innen voller Überraschungen.

    Zwei Fromagerien, eine Mission

    Heute gibt es gerade mal zwei Produzenten, die diese Tradition bewahren: die Fromagerie Jean-Marie Beaudoin in Villers-sur-Auchy und die Fromagerie de la Chapelle Saint Jean in Grémévillers. Beide setzen auf biologische Landwirtschaft, nachhaltige Methoden und viel Geduld.

    Die Mühe wird belohnt: Bei der Weltmeisterschaft des Käses in Tours gewann der Tomme au Foin 2023 die Silbermedaille. Kein Wunder – die Qualität schmeckt man. Jeder Biss ist eine kleine Reise durch die grüne Seele der Picardie.

    Genuss, der verbindet

    Wie isst man so einen Käse?

    Am besten bei Zimmertemperatur, damit sich das volle Aroma entfalten kann. Ein fruchtiger Weißwein oder ein leichter Roter passt hervorragend dazu. Auch in der Küche macht er eine tolle Figur – etwa in einer herzhaften Tarte, in der klassischen Ficelle Picarde oder einfach auf knusprigem Landbrot.

    Und auf dem Käsebrett? Da wird er schnell zum heimlichen Star, dem alle anderen Platz machen müssen.

    Was bleibt?

    Mehr als nur ein Käse.

    Der Tomme au Foin ist ein Stück lebendige Kultur – ein Zeugnis dafür, wie man mit Leidenschaft und Respekt vor der Vergangenheit neue Begeisterung wecken kann. Wer durch die Oise reist, sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Denn manchmal liegt das Besondere direkt im Heu verborgen.

    Von Andreas M. Brucker

  • Gastronomische Wiederentdeckungen: Bisteu aus der Picardie – Ein fast vergessenes Juwel der französischen Küche

    Gastronomische Wiederentdeckungen: Bisteu aus der Picardie – Ein fast vergessenes Juwel der französischen Küche

    Die französische Küche ist reich an regionalen Spezialitäten, von denen viele im Schatten berühmter Klassiker wie Coq au Vin oder Ratatouille stehen. Doch einige dieser kulinarischen Schätze verdienen eine Wiederentdeckung – so auch der Bisteu, eine herzhafte, rustikale Spezialität aus der Picardie,…

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  • Frieren im Klassenzimmer: Proteste der Schüler in Amiens gegen eisige Temperaturen

    Frieren im Klassenzimmer: Proteste der Schüler in Amiens gegen eisige Temperaturen

    In Amiens gehen Schüler auf die Barrikaden – und das nicht ohne Grund. In mehreren Schulen der Stadt herrschen in den Klassenzimmern aktuell Temperaturen, die eher an einen Kühlschrank erinnern. Mit teilweise unter 10 °C sind die Lernbedingungen katastrophal, und sowohl Schüler als auch Lehrer haben genug davon.


    Unterricht bei 6 °C? Alltag für viele Schüler

    Es klingt fast absurd, aber genau das erleben die Schüler der Cité Scolaire in Amiens jeden Tag. Eine Lehrerin berichtet: „Ich habe in Klassenzimmern unterrichtet, in denen es 6 °C war.“ Diese Bedingungen machen das Lernen fast unmöglich. Schüler, die im Internat wohnen, haben es nicht besser.

    „Wir schlafen sehr schlecht, selbst mit zwei Decken. Am nächsten Tag sind wir so müde, dass wir im Unterricht einschlafen,“ klagt ein Schüler. Neben dem gesundheitlichen Risiko schlägt die Kälte auch direkt auf die Konzentration – und damit auf die schulischen Leistungen.


    Veraltete Heizungen als Hauptproblem

    Die Ursache liegt auf der Hand: marode Heizsysteme. Lehrer und Schüler kritisieren die alten Anlagen, die den winterlichen Temperaturen nicht mehr gewachsen sind. Laut Jean-Christophe Mornal, Lehrer am Lycée Louis-Thuillier und Vertreter des SNES-FSU, schwanken die Temperaturen in den Klassenzimmern zwischen 5 und 15 °C. Für ihn sind diese Zustände nicht nur unzumutbar, sondern ein Zeichen von Missachtung gegenüber Lehrern und Schülern: „Die Lehrer sind frustriert, die Schüler sind krank, und es herrscht das Gefühl, dass unsere Situation niemanden interessiert.“

    Die Kritik bleibt nicht ungehört. Schüler und Lehrer fordern schnelle Lösungen, um diese inakzeptablen Zustände zu beenden.


    Schuldzuweisungen und vage Versprechungen

    Wie so oft bei solchen Problemen bleibt die Zuständigkeit unklar. Das Schulamt verweist auf den Regionalrat, der wiederum verspricht, die defekten Heizungen zu ersetzen und langfristig eine energetische Sanierung der Schulen in Betracht zu ziehen. Doch konkrete Maßnahmen lassen auf sich warten.

    Die Schüler fragen sich inzwischen, wie lange sie noch frieren müssen, bis endlich etwas passiert. Denn eines ist klar: Mit dicken Jacken lernt es sich nicht besser – egal, wie gut die Lehrer sind.

  • Ault: Ein Geheimtipp an der picardischen Küste mit normannischem Flair

    Ault: Ein Geheimtipp an der picardischen Küste mit normannischem Flair

    Willkommen in Ault, einem bezaubernden Fischerdorf an der Küste der Picardie, das mit seinem normannischen Charme begeistert. Hoch oben auf den Kreidefelsen gelegen, eröffnet sich hier ein Panoramablick auf das schimmernde Wasser des Ärmelkanals – ein Anblick, der im 19. Jahrhundert besonders die Pariser Aristokratie magisch anzog. Ein erster Eindruck – Postkartenidylle ohne Trubel Ault […]

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  • Die Râpés de Compiègne: Geschichte, Tradition und Rezept

    Die Râpés de Compiègne: Geschichte, Tradition und Rezept

    Die Râpés de Compiègne, ein traditionelles Gericht aus der nordfranzösischen Region Picardie, stehen für ländliche Einfachheit und kulinarischen Einfallsreichtum. Diese würzigen Kartoffelpfannkuchen, die oft mit Speck oder Käse verfeinert werden, haben eine reiche Geschichte und gehören fest zur Identität ihrer Herkunftsregion. Die Entstehung und Geschichte der Râpés de Compiègne Die Râpés de Compiègne stammen aus […]

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