Schlagwort: Parallelgesellschaft

  • Kommentar: Sind wir schon soweit – Dealer organisieren Nachbarschaftshilfe und Kinderbetreuung?

    Kommentar: Sind wir schon soweit – Dealer organisieren Nachbarschaftshilfe und Kinderbetreuung?

    Was zur Hölle läuft da schief?

    Drogendealer schreiben Entschuldigungsbriefe. Sie bitten um Nachsicht für den nächtlichen Lärm, die Schüsse, das illegale Feuerwerk. Und als Wiedergutmachung? Bieten sie Hilfe beim Einkaufen an. Organisieren Hüpfburgenfeste für Kinder. Finanzieren das alles mit Geld aus dem Drogenhandel. Ganz offiziell. Ganz offen. Und niemand stoppt sie.

    Sind wir wirklich schon soweit?

    Was früher noch heimlich hinter dunklen Ecken geschah, tritt jetzt im freundlichen Tonfall in die Öffentlichkeit. Dealer als Nachbarschaftshelfer, als Ersatz-Stadtteilmanagement, als freundliche Onkels von nebenan. Die sich kümmern, während der Staat abwesend bleibt. Während Schulen marode sind, Sozialarbeiter überlastet, die Polizei zu selten vorbeischaut.

    Es ist eine Ohrfeige. Für alle, die sich an Recht und Gesetz halten. Eine Verhöhnung für jede alleinerziehende Mutter, die sich abrackert. Für jeden Jugendlichen, der versucht, auf ehrliche Weise voranzukommen. Und ja – es ist auch ein Schlag ins Gesicht für jeden Beamten, der tagtäglich versucht, gegen diese Parallelwelten anzukämpfen. Ohne Rückendeckung, ohne ausreichende Mittel, oft genug ohne Gehör.

    Und doch ist dieser Brief nicht das eigentliche Problem.

    Er ist ein Symptom. Ein Symptom einer Gesellschaft, die sich an das Abnormale gewöhnt hat. Wo in bestimmten Vierteln andere Regeln gelten. Wo kriminelle Netzwerke sich Raum nehmen, weil niemand sonst ihn füllt. Wo Kinder lernen: Der Typ mit dem Roller, der Geld hat und Geschenke verteilt – das ist der, zu dem du aufschauen musst.

    Wie konnte es soweit kommen?

    Weil der Staat kapituliert hat. Weil man weggeschaut hat. Weil man glaubte, mit Integrationsprojekten und Sozialrhetorik allein die komplexen Probleme sozialer Brennpunkte lösen zu können. Weil man die Kontrolle abgegeben hat – an Netzwerke, die nicht das Wohl der Gemeinschaft im Sinn haben, sondern Macht, Geld und Schweigen.

    Jetzt also diese Briefe. Diese auf Hochglanz gedruckten Schachzüge. Das Lächeln im Gesicht des Dealers, das uns sagen will: „Seht her, wir kümmern uns.“

    Aber die Wahrheit ist: Sie kümmern sich um eines – um ihre Geschäfte.

    Und wer glaubt, das sei harmlos, naiv oder sogar sozial – der soll mal mit den Eltern sprechen, deren Kinder in diese Strukturen hineingezogen wurden. Der soll mal mit Rentnern reden, die nachts nicht schlafen können. Oder mit Jugendlichen, die keinen Ausweg sehen, weil der Drogenboss mehr Einfluss hat als der Schuldirektor.

    Was wir brauchen, ist kein verständnisvolles Kopfnicken. Wir brauchen Klarheit. Rückgrat. Und einen Staat, der seine Aufgabe wieder ernst nimmt: Sicherheit zu garantieren. Und Chancengleichheit. Beides.

    Denn wer Dealer zu Helden macht, verrät die Ehrlichen.

    Und das ist ein Preis, den wir als Gesellschaft nicht zahlen dürfen.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Dealer mit Dienstleistungscharme – wenn Kriminalität auf Nachbarschaftshilfe macht

    Dealer mit Dienstleistungscharme – wenn Kriminalität auf Nachbarschaftshilfe macht

    Ein Brief sorgt für Furore – nicht aus Paris, nicht von der Regierung, sondern aus einem sozial belasteten Viertel im Süden Frankreichs. Genauer gesagt: aus dem Escanaux-Viertel in Bagnols-sur-Cèze (Gard). Die Absender? Drogendealer. Ihr Anliegen? Eine Entschuldigung. Ihr Angebot? Nachbarschaftshilfe. Was klingt wie der Plot eines Films, ist jedoch Realität – und wirft brisante Fragen auf. Der Brief, der alle überrascht hat Mitten im Alltag der Bewohner von Escanaux flattert ein bunt gestaltetes A4-Schreiben in die Briefkästen. Darin entschuldigt sich das Drogennetzwerk „La Gitanie“ für Lärmbelästigung, Sachbeschädigungen und nächtliche Unruhe. Man wolle das Leben im Viertel angenehmer gestalten, so der Tenor. Die Dealer bieten Hilfe beim Einkauf, bei kleinen handwerklichen Tätigkeiten und sogar bei der Kinderbetreuung an. Und als wäre das nicht schon genug, wird im selben Zuge ein Nachbarschaftsfest mit Hüpfburgen angekündigt – finanziert aus Drogengeldern. Zwischen Unglauben und kalt…

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  • Schießerei in Arles: Wenn die Gewalt regiert – ein Stadtteil im Ausnahmezustand

    Schießerei in Arles: Wenn die Gewalt regiert – ein Stadtteil im Ausnahmezustand

    In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2025 erschütterte eine tödliche Schießerei das Viertel Barriol in Arles. Zwei junge Männer – 23 und 22 Jahre alt – wurden in ihrem Fahrzeug angegriffen. Der Fahrer wurde in den Kopf getroffen und starb noch am Tatort. Sein Beifahrer erlitt eine Schussverletzung am Arm und kam ins Krankenhaus. Lebensgefahr besteht bei ihm nicht.

    Beide Opfer sind der Polizei bestens bekannt – das deutet in eine klare Richtung.


    Ein gezielter Anschlag – wie aus dem Nichts

    Laut bisherigen Ermittlungen soll ein einzelner Täter das Feuer eröffnet haben. Fünf Patronenhülsen vom Kaliber 9 mm wurden am Tatort gefunden. Alles spricht für eine präzis geplante Tat. Kein wilder Schusswechsel, kein Zufall – sondern eine Hinrichtung auf offener Straße.

    Die Polizei geht derzeit von einem klassischen Racheakt im Drogenmilieu aus. Ein weiterer Fall in einer langen Kette blutiger Abrechnungen, wie sie in der Region inzwischen fast zur traurigen Routine geworden sind.


    Barriol – ein Viertel zwischen Angst und Hoffnungslosigkeit

    Barriol gilt als sozial schwacher Stadtteil mit anhaltenden Problemen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, und mittendrin – ein florierender Drogenmarkt. Hier rekrutieren Dealer junge Menschen, hier werden Schulden nicht mit Mahnungen beglichen, sondern mit Kugeln.

    Wer hier lebt, gewöhnt sich an Schüsse. „Wir schlafen mit dem Handy unterm Kopfkissen – für den Fall, dass wir fliehen müssen“, erzählt ein Anwohner. Polizei-Patrouillen gehören zum Alltag. Vertrauen in den Staat? Kaum noch vorhanden.


    Staatliche Maßnahmen: Viel Polizei, wenig Wirkung

    Die Behörden versuchen gegenzusteuern. Die Polizei ist mit erhöhter Präsenz im Viertel, Sondereinheiten ermitteln. Die Justiz setzt auf konsequente Strafverfolgung. Doch die Erfolge sind punktuell. Jeder zerschlagene Ring wird schnell durch neue Strukturen ersetzt – meist brutaler als zuvor.

    Auch Prävention wird versucht: Projekte für Jugendliche, Sportvereine, Sozialarbeit. Aber gegen schnelle Geldversprechen und Gruppenzugehörigkeit im Drogenmilieu wirken diese Angebote oft hilflos.


    Ein tödlicher Kreislauf

    Der Fall von Arles reiht sich ein in eine ganze Serie ähnlicher Taten in Südfrankreich. Marseille, Nîmes, Perpignan – immer wieder kommt es dort zu Schießereien im Zusammenhang mit dem Drogenhandel. Und die Opfer werden immer jünger.

    Der getötete Fahrer war gerade mal 23. Ein Alter, in dem das Leben eigentlich losgehen sollte. Stattdessen endete es mit einem Schuss in den Kopf – mitten in der Nacht, mitten im Viertel, mitten in Europa.


    Wie weiter?

    Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Das zuständige Kommissariat und die Polizeijudikative aus Bouches-du-Rhône sind mobilisiert. Ziel ist es, Täter und mögliche Hintermänner schnellstmöglich zu fassen. Doch selbst wenn das gelingt – das eigentliche Problem bleibt bestehen.

    Kann man diese Gewaltspirale überhaupt noch stoppen? Oder ist sie längst fester Bestandteil einer Parallelwelt geworden, die mit der offiziellen Gesellschaft kaum noch Berührungspunkte hat?

    Was es braucht, ist mehr als Polizeipräsenz. Es braucht neue Perspektiven, echten sozialen Wandel – und den Willen, auch die „vergessenen“ Stadtteile nicht aufzugeben.

    Denn solange Kugeln statt Chancen verteilt werden, bleibt der nächste Schuss nur eine Frage der Zeit.

    Von Andreas M. B.