Schlagwort: Papst Leo XIV.

  • Der Papst – eine neue Stimme für Europa?

    Der Papst – eine neue Stimme für Europa?

    Editorial Europa redet über Verteidigungsausgaben, Wettbewerbsfähigkeit, Migration und strategische Autonomie. Papst Leo XIV. spricht dagegen von Frieden, Menschenwürde, Recht, Versöhnung und den christlichen Wurzeln des Kontinents. Seine Frankreichreise zeigt: Der neue Papst versucht, eine europäis…

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  • Papst Leo XIV. in Frankreich: Paris wird zur Bühne eines historischen Besuchs

    Papst Leo XIV. in Frankreich: Paris wird zur Bühne eines historischen Besuchs

    Paris steht an diesem Freitag im Zeichen eines außergewöhnlichen Besuchs. Papst Leo XIV. beginnt am 25. September seine viertägige Reise durch Frankreich – mit politischen Gesprächen, einer Fahrt im Papamobil, einem symbolträchtigen Besuch in Notre-Dame und einer großen Jugendveranstaltung im Stade …

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  • Der Papst kommt – die Patienten warten

    Der Papst kommt – die Patienten warten

    Kommentar

    Manchmal schreibt die Wirklichkeit Satiren, bei denen jeder Redakteur sagen würde: ein bisschen weniger dick auftragen, bitte.

    Am Freitag kommt Papst Leo XIV. nach Paris. Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht Notre-Dame, also jenen Ort, an dem über Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und die Sorge um Schwache seit Jahrhunderten nicht gerade wenig gesprochen wird.

    Und was passiert direkt nebenan?

    Im Hôtel-Dieu werden wegen der Sicherheitsmaßnahmen medizinische Termine verschoben und Zugänge eingeschränkt.

    Man muss diesen Satz eigentlich nur zweimal lesen.

    Der Papst kommt.

    Und Kranke müssen warten.

    Nicht, weil Ärzte streiken. Nicht, weil ein Computertomograph kaputt ist. Nicht, weil ein Wasserrohr geplatzt ist.

    Sondern weil ein religiöses Oberhaupt vorbeikommt.

    Das ist schon eine bemerkenswerte Form christlicher Symbolpolitik.

    Natürlich braucht ein Papst Schutz. Selbstverständlich. Niemand schlägt ernsthaft vor, Leo XIV. ohne Personenschutz über den Vorplatz von Notre-Dame spazieren zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alle nett zueinander sind.

    Paris hat Erfahrung mit Terroranschlägen. Die Sicherheitsbehörden tragen Verantwortung. Das ist keine Nebensache.

    Aber genau deshalb existieren Sicherheitskonzepte.

    Ein Sicherheitskonzept soll Probleme lösen.

    Es soll nicht einfach andere Probleme schaffen und sie anschließend mit dem Wort „Sicherheit“ beschriften.

    Denn im Hôtel-Dieu geht es nicht darum, ob Monsieur Dupont am Freitag seinen Friseurtermin wahrnehmen kann. Es geht um MRT- und CT-Untersuchungen. Um Menschen, die teilweise seit Monaten auf Termine warten. Um Untersuchungen, bei denen es im schlimmsten Fall um schwere Erkrankungen geht.

    Und da wird die Geschichte plötzlich weniger komisch.

    Eine verschobene medizinische Untersuchung ist nämlich kein logistisches Detail.

    Für Behörden ist es ein Termin im Kalender.

    Für Patienten kann es die Frage sein, ob eine Diagnose am Freitag oder erst Wochen später gestellt wird.

    Die Gewerkschaft CGT nennt das „nicht akzeptabel“.

    Das klingt fast erstaunlich zurückhaltend.

    Denn besonders überzeugend wirkt die Begründung spätestens dann nicht mehr, wenn andere Einrichtungen innerhalb der Sicherheitszonen Lösungen finden.

    Das Institut Curie etwa hält den Zugang für Patienten mit Terminbestätigung und Ausweis aufrecht.

    Auch beim Palais de Justice wurden besondere Regelungen getroffen.

    Aha.

    Ein Gericht bekommt also einen geregelten Zugang.

    Andere medizinische Einrichtungen bekommen einen geregelten Zugang.

    Aber beim Hôtel-Dieu führt der Besuch des Papstes zu Einschränkungen, die medizinische Termine betreffen.

    Da drängt sich eine Frage geradezu auf:

    Warum geht dort nicht, was anderswo offenbar geht?

    Und bitte jetzt nicht einfach „Sicherheit“ sagen.

    Das ist keine Antwort.

    Das ist eine Überschrift.

    Man kann sich die Planungsbesprechung ungefähr vorstellen.

    Notre-Dame?

    Absperren.

    Straßen?

    Absperren.

    Métrostationen?

    Schließen.

    Krankenhaus?

    Schwierig.

    Patienten?

    Kommen später.

    Problem gelöst.

    So einfach ist moderne Großereignislogistik.

    Nur leider hat der menschliche Körper die unangenehme Angewohnheit, sich nicht an Protokollabteilungen zu halten.

    Ein verdächtiger Befund sagt nicht: „Ach, der Papst ist am Freitag da? Dann warten wir selbstverständlich bis Montag.“

    Ein Tumor respektiert keine Sicherheitszone.

    Eine Krankheit zeigt am Kontrollpunkt auch keinen Presseausweis vor.

    Und genau deshalb wirkt dieser Fall so grotesk.

    Das Hôtel-Dieu heißt übersetzt „Haus Gottes“.

    Es steht seit Jahrhunderten neben Notre-Dame.

    Und ausgerechnet wenn der Papst kommt, wird der Zugang zum Haus Gottes für viele Kranke komplizierter.

    Mehr Symbolik bekommt man selbst mit professioneller Dramaturgie kaum hin.

    Vielleicht wäre das sogar eine interessante Frage für Leo XIV. persönlich.

    Was hätte eigentlich Vorrang?

    Der möglichst reibungslose Ablauf eines Papstbesuchs?

    Oder der möglichst reibungslose Zugang eines Kranken zu seiner Untersuchung?

    Die Antwort dürfte theologisch nicht besonders kompliziert sein.

    Verwaltungstechnisch offenbar schon.

    Man muss auch nicht die Sicherheitsbehörden zum Feindbild erklären. Natürlich stehen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Der Schutz eines Papstes mitten im historischen Zentrum von Paris ist organisatorisch anspruchsvoll. Île de la Cité, Notre-Dame, Touristenströme, Verkehr, Terrorgefahr – das alles verlangt erhebliche Maßnahmen.

    Aber gerade deshalb darf man mehr erwarten als die bequemste Lösung.

    Sperren kann jeder.

    Organisieren ist schwieriger.

    Und genau darum geht es.

    Wenn Patienten mit Ausweis und Terminbestätigung anderswo kontrolliert durch Sicherheitszonen gelangen können, dann ist die Forderung nicht revolutionär, Ähnliches auch für ein Krankenhaus zu ermöglichen.

    Dafür braucht man keine Grundsatzdebatte über Religion.

    Man braucht Türen, Listen, Kontrollen und Beamte.

    Also ziemlich genau jene Dinge, die ein Sicherheitsapparat normalerweise beherrschen sollte.

    Die CGT hatte sich deshalb bereits direkt an Leo XIV. gewandt. Ein bemerkenswerter Vorgang.

    Eine Gewerkschaft schreibt dem Papst, damit Patienten wegen seines Besuchs nicht auf ihre Behandlung verzichten müssen.

    Allein dieser Satz müsste irgendwo in der Pariser Verwaltung einen Alarm auslösen.

    Nicht den Terroralarm.

    Den Absurditätsalarm.

    Denn niemand wirft dem Papst persönlich vor, MRT-Termine zu streichen.

    Natürlich nicht.

    Aber Großereignisse zeigen eben immer auch, welche Prioritäten ein Staat setzt, wenn verschiedene Interessen miteinander kollidieren.

    Und hier kollidieren zwei ausgesprochen gewichtige Interessen: Sicherheit und Gesundheitsversorgung.

    Beides muss möglich sein.

    Genau dafür gibt es Planung.

    Wenn die Lösung am Ende lautet, dass der hohe Gast geschützt wird und einige Kranke eben warten müssen, dann hat man das Problem nicht gelöst.

    Man hat es nur weitergereicht.

    An diejenigen, die sich am schlechtesten dagegen wehren können.

    Vielleicht liegt genau darin die bitterste Pointe dieser Geschichte.

    Leo XIV. reist nach Frankreich und wird zweifellos über Frieden, Menschlichkeit, Solidarität und die Würde des Einzelnen sprechen.

    Während wenige Meter entfernt womöglich jemand vor seinem Telefon sitzt und liest:

    Ihr Untersuchungstermin muss leider verschoben werden.

    Wegen des Papstes.

    Man könnte darüber lachen.

    Wenn es nicht so traurig wäre.

    Christine Macha

  • Leo XIV.: Der Papst entdeckt die Macht der Diplomatie

    Leo XIV.: Der Papst entdeckt die Macht der Diplomatie

    Ist Leo XIV. ein politischerer Papst als sein Vorgänger Franziskus? Nach gut sechzehn Monaten seines Pontifikats lässt sich diese Frage differenzierter beantworten: politischer vielleicht weniger im parteipolitischen Sinne als in der Methode. Seit seiner Wahl am 8. Mai 2025 hat Robert Francis Prevost ein Pontifikat entwickelt, in dem Multilateralismus, Völkerrecht, Migration, Krieg und Frieden sowie die politische Regulierung neuer Technologien zu zentralen Themen geworden sind. Der Unterschied zu Franziskus liegt dabei vor allem in der Form. Weniger spontane Gesten, dafür mehr Doktrin, Diplomatie und Institutionen.

    Als der erste in den Vereinigten Staaten geborene Papst im Mai 2025 auf die Loggia des Petersdoms trat, begann beinahe zwangsläufig die Suche nach politischen Etiketten. Progressiv oder konservativ? Fortsetzer des Kurses von Franziskus oder dessen Korrektiv? Inzwischen erscheint eine andere Kategorie ergiebiger. Leo XIV. beschäftigt sich auffallend intensiv mit dem Politischen im klassischen Sinne: mit der Ordnung des Gemeinwesens, den Beziehungen zwischen Staaten und der Frage, wie Macht durch Recht und Institutionen begrenzt werden kann.

    Das ist nicht dasselbe, wie ein politischer Papst im parteipolitischen Sinne zu sein.

    Gleiche Tradition, andere Methode

    Der Vergleich mit Franziskus liegt nahe. Er kann jedoch in die Irre führen.

    Franziskus hatte die päpstliche Diplomatie stark personalisiert. Seine Wirkung beruhte häufig auf Gesten, improvisierten Äusserungen und überraschenden Interventionen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 fuhr er persönlich zur russischen Botschaft beim Heiligen Stuhl – ein aussergewöhnlicher Schritt, der gerade deshalb Aufmerksamkeit erregte, weil er diplomatische Konventionen durchbrach.

    Leo XIV. wirkt anders. Sein Pontifikat zeigt bislang eine stärkere Neigung zu Verfahren, Institutionen und systematisch entwickelten Positionen. Im Zentrum steht dabei weiterhin der professionelle diplomatische Apparat des Heiligen Stuhls um Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und Erzbischof Paul Richard Gallagher, den Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten und internationalen Organisationen.

    Wo Franziskus Diplomatie häufig personalisierte, scheint Leo XIV. sie stärker zu institutionalisieren. Gerade dadurch kann sein Pontifikat paradoxerweise politischer erscheinen.

    Die Rückkehr des Völkerrechts

    Am deutlichsten zeigt sich dies in der Friedenspolitik. Leo XIV. argumentiert nicht allein moralisch gegen Krieg. Er beschäftigt sich mit den Mechanismen, durch die Konflikte verhindert, eingehegt und beendet werden sollen.

    Besonders deutlich wird das in seiner ersten Enzyklika «Magnifica Humanitas», die im Mai 2026 veröffentlicht wurde und eigentlich dem Schutz der menschlichen Person im Zeitalter künstlicher Intelligenz gewidmet ist. Darin geht Leo weit über Technologieethik hinaus. Er beschreibt eine sich ausbreitende «Kultur der Macht», in der Ressourcen, militärische Fähigkeiten und die Möglichkeit zur Dominanz zunehmend politische Entscheidungen bestimmten.

    Dem setzt er eine «Kultur der Verhandlung» entgegen.

    Diplomatie, Dialog und Verhandlungen sollen nach dieser Vorstellung nicht erst beginnen, wenn militärische Optionen ausgeschöpft sind. Sie sollen der Normalfall internationaler Politik sein. Leo verteidigt ausdrücklich Gespräche auch mit schwierigen oder politisch unerwünschten Gesprächspartnern und warnt vor einer Erosion des Multilateralismus.

    Bemerkenswert ist zudem, wie weit er den Sicherheitsbegriff fasst. Cyberangriffe, Datenmanipulation, Desinformation und der Einsatz künstlicher Intelligenz können nach seiner Analyse Staaten destabilisieren, noch bevor ein klassischer bewaffneter Konflikt beginnt. Besonders gefährlich sei dabei die unsichere Zuschreibung digitaler Angriffe, weil sie Fehlreaktionen und Eskalationen begünstige.

    Das ist nicht mehr nur päpstliche Friedensrhetorik. Es ist der Versuch, eine katholische Position zur internationalen Ordnung des 21. Jahrhunderts zu formulieren.

    Die Konfrontation mit Washington

    Politisch besonders heikel wird diese Linie dort, wo sie mit der Regierung von Donald Trump kollidiert.

    Die Wahl eines amerikanischen Papstes hatte eine historisch ungewöhnliche Konstellation geschaffen. In Washington und Rom stehen zwei weltweit wahrgenommene amerikanische Autoritäten, deren Vorstellungen über Macht, Migration und internationale Ordnung teilweise erheblich auseinanderliegen.

    Im Frühjahr 2026 brach der Konflikt offen aus. Trump griff Leo persönlich an und warf ihm vor, sich wie ein Politiker zu verhalten. Hintergrund waren insbesondere die päpstlichen Stellungnahmen zum Krieg mit Iran und seine wiederholten Friedensappelle.

    Leo reagierte ungewöhnlich deutlich, ohne die Auseinandersetzung zu personalisieren. Er sei kein Politiker und beabsichtige nicht, mit Trump eine politische Debatte zu führen, erklärte er während seiner Afrikareise. Zugleich machte er klar, dass er seine Kritik am Krieg fortsetzen werde. Seine Botschaft richte sich nicht gegen einen einzelnen Präsidenten, sondern an politische Entscheidungsträger generell.

    Genau darin liegt die politische Brisanz seines Ansatzes.

    Leo XIV. entwickelt keine Anti-Trump-Doktrin. Er formuliert vielmehr allgemeine Prinzipien, die zwangsläufig mit bestimmten Elementen der Politik Trumps in Konflikt geraten können.

    Migration als Prüfstein

    Ähnliches gilt für die Migration. Leo XIV. stellt sie konsequent in den Zusammenhang der Menschenwürde. Während seiner Spanienreise im Juni erklärte er auf Gran Canaria sinngemäss, die menschliche Würde besitze keinen Pass und verliere ihren Wert nicht beim Überschreiten einer Grenze.

    Dabei argumentiert der Papst differenzierter, als es die politische Polarisierung vermuten lässt. Er verteidigt Schutz und sichere Zugangswege für Flüchtlinge und Migranten, fordert Integration und bekämpft Menschenhandel. Zugleich betont er ein «Recht, nicht migrieren zu müssen»: Menschen sollten ihre Heimat nicht wegen Krieg, Hunger, Verfolgung, Korruption oder ökologischer Zerstörung verlassen müssen.

    In seiner Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2026 rückte er besonders minderjährige Flüchtlinge ins Zentrum. Nicht die abstrakte Zahl der Migranten, sondern die Würde jedes einzelnen Menschen bilde den Ausgangspunkt.

    Damit bewegt sich Leo zwangsläufig auf politischem Terrain, ohne daraus ein konkretes migrationspolitisches Regierungsprogramm abzuleiten.

    Gegen die Normalisierung des Krieges

    Noch deutlicher wurde dies im Juni vor dem spanischen Parlament.

    Leo warnte dort vor der Vorstellung, Aufrüstung sei die beinahe unvermeidliche Antwort auf die Unsicherheit der internationalen Lage. Waffen könnten vorübergehend Schweigen erzwingen, argumentierte er, aber keinen dauerhaften Frieden schaffen. Sicherheit entstehe vielmehr aus Gerechtigkeit, Dialog, internationalem Recht und belastbaren politischen Vereinbarungen.

    Damit setzt sich der Vatikan bewusst von einer Entwicklung ab, die insbesondere Europa seit dem russischen Angriff auf die Ukraine prägt: der Rückkehr militärischer Abschreckung ins Zentrum staatlicher Sicherheitspolitik.

    Der Gegensatz ist allerdings nicht vollständig. Leo bestreitet Staaten nicht grundsätzlich das Recht auf Verteidigung. Sein Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Warnung, militärische Stärke nicht zum eigentlichen Organisationsprinzip der internationalen Ordnung werden zu lassen.

    Gerade darin zeigt sich eine klassische vatikanische Position: Distanz zu den Machtblöcken bei gleichzeitigem Beharren auf Regeln, Verhandlungen und humanitären Grenzen.

    Eine dritte vatikanische Position

    Auch beim Ukrainekrieg ist diese Linie sichtbar. Beim Besuch des lettischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs Anfang September bekräftigte der Heilige Stuhl die Notwendigkeit eines stärkeren internationalen Engagements für friedliche Lösungen. Zugleich hat der Vatikan seine humanitären Bemühungen fortgesetzt, insbesondere bei der Rückführung ukrainischer Kinder und Kriegsgefangener.

    Leo XIV. versucht damit, eine traditionelle Stärke des Heiligen Stuhls neu zu aktivieren: seine eigentümliche Stellung als territorial unbedeutender Staat mit einem weltweiten diplomatischen Netzwerk und Beziehungen zu Akteuren, die untereinander oftmals kaum noch sprechen.

    In einer zunehmend von Grossmachtrivalitäten geprägten Welt erhält diese Position neues Gewicht.

    Gegen die Logik des Kräfteverhältnisses setzt Leo den Multilateralismus. Gegen die Normalisierung des Krieges die Verhandlung. Gegen eine ausschliesslich sicherheitspolitische Betrachtung von Migration die Menschenwürde. Gegen eine unregulierte militärische Nutzung künstlicher Intelligenz die persönliche moralische Verantwortung. Und gegen die Vorstellung, internationale Politik erschöpfe sich in Transaktionen, stellt er das Völkerrecht.

    Das mag idealistisch klingen. Die Methode dahinter ist jedoch ausgesprochen institutionell: professionelle Diplomatie, internationale Organisationen, multilaterale Verfahren und langfristige Verhandlungen.

    Seine Reise nach Frankreich vom 25. bis 28. September 2026 dürfte diese Linie besonders sichtbar machen. Das Programm selbst besitzt eine bemerkenswerte politische Dramaturgie. Nach seiner Ankunft in Paris trifft Leo XIV. den französischen Staatspräsidenten und Vertreter von Staat, Zivilgesellschaft und Diplomatie. Anschliessend besucht er den Sitz der Unesco. Am folgenden Tag steht mit der Maison Bakhita eine Einrichtung für soziale Begleitung und Integration auf dem Programm. Nach Lourdes führt ihn die letzte Etappe nach Metz, wo ein interreligiöses Treffen und eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel «An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit» vorgesehen sind.

    Damit führt die Reise beinahe exemplarisch durch die politischen Themen seines Pontifikats: Staat und Religion, Multilateralismus, Migration, gesellschaftliche Integration, europäische Identität und Frieden.

    Nach sechzehn Monaten lässt sich deshalb weniger von einem parteipolitischen Papst als von einem Papst der politischen Ordnung sprechen. Franziskus versuchte häufig, durch eine unerwartete Geste oder eine zugespitzte Formulierung Gewissen aufzurütteln. Leo XIV. scheint stärker auf jene Strukturen einzuwirken, innerhalb derer politische Entscheidungen überhaupt getroffen werden.

    Darin liegt das eigentliche Paradox seines Pontifikats: Im Auftreten wirkt Leo XIV. weniger politisch als Franziskus. In seiner Methode könnte er sich jedoch als ausgesprochen politischer Papst erweisen.

    Sein Anspruch besteht nicht darin, selbst zu einem weiteren Akteur im internationalen Machtspiel zu werden. Er versucht vielmehr, den Akteuren dieses Machtspiels in Erinnerung zu rufen, dass Politik nach katholischem Verständnis nicht allein durch Interessen, militärische Fähigkeiten und Kräfteverhältnisse bestimmt werden sollte.

    Gerade dieser Anspruch macht sein Pontifikat politisch.

    P.T.

  • 27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    Kommentar

    Hallo? Darf man mal eine ganz ketzerische Frage stellen?

    27 MILLIONEN EURO?

    Für vier Tage Papstbesuch?

    Natürlich muss man sofort dazusagen, bevor irgendwo Weihrauch aus dem Bildschirm quillt: Nein, der französische Staat überweist nicht einfach 27 Millionen Euro aus der Staatskasse an den Vatikan. Das Geld ist das veranschlagte Organisationsbudget der katholischen Kirche in Frankreich und soll vor allem über Spenden und Mäzene finanziert werden. Der Staat übernimmt dagegen Aufgaben wie Sicherheit und öffentliche Ordnung.

    Also alles gut?

    Na dann können wir ja nach Hause gehen.

    Oder vielleicht doch nicht.

    Denn 27 Millionen Euro bleiben 27 Millionen Euro. Und während man diese Summe für Bühnen, Absperrungen, Übertragungen, Pilgerlogistik, Kommunikation und eine viertägige Reise mobilisiert, darf man zumindest fragen:

    Was könnte man mit 27 Millionen Euro eigentlich sonst machen?

    Ich weiß, völlig verrückter Gedanke.

    Zum Beispiel Menschen helfen.

    Aber gut, das ist natürlich organisatorisch komplizierter.

    Willkommen beim katholischen Großevent

    Papst Leo XIV. kommt vom 25. bis 28. September nach Frankreich. Paris, Lourdes, Metz. Élysée-Palast, UNESCO, Notre-Dame, Stade de France, Place de la Concorde, Lourdes, Papamobil, Gottesdienste, Großveranstaltungen.

    Rund eine Million Teilnehmer werden nach Angaben der Organisatoren erwartet.

    Eine Million!

    Da braucht man natürlich Infrastruktur.

    Sicherheit.

    Sanitäter.

    Verkehrslenkung.

    Absperrgitter.

    Polizei.

    Gendarmerie.

    Und vermutlich mindestens einen Menschen, dessen einzige Aufgabe darin besteht, herauszufinden, wo man in Paris noch ein Absperrgitter hinstellen kann.

    Der französische Staat bezahlt zwar nicht die religiösen Veranstaltungen selbst. Aber sobald Hunderttausende Menschen zusammenkommen, beginnt selbstverständlich die öffentliche Rechnung: Polizei, Rettungsdienste, Verkehrsmanagement und andere hoheitliche Aufgaben.

    Wie hoch diese Rechnung am Ende genau sein wird?

    Das ist derzeit die eigentlich interessante Zahl.

    Denn bei der berühmten französischen laïcité funktioniert die Trennung von Kirche und Staat offenbar ungefähr so:

    Die Kirche bezahlt die Messe. Der Staat sorgt dafür, dass alle heil wieder nach Hause kommen.

    Juristisch nachvollziehbar.

    Finanziell trotzdem nicht kostenlos.

    Aber es sind doch Spenden!

    Natürlich.

    Und jeder darf sein Geld ausgeben, wofür er möchte.

    Wer 50 Euro für den Papstbesuch spenden möchte: bitte.

    Wer 500 Euro spendet: ebenfalls.

    Wer 50 000 Euro spendet: Der Herr sei mit Ihrer Steuerberatung.

    Nur darf man trotzdem über Prioritäten reden.

    Denn 27 Millionen Euro sind eine bemerkenswerte Summe für eine Institution, deren Kernbotschaft seit ungefähr zweitausend Jahren auch darin besteht, sich um Arme, Kranke und Ausgegrenzte zu kümmern.

    Und jetzt kommt die unangenehme Rechenaufgabe.

    Für 27 Millionen Euro könnte man sehr viele Mahlzeiten finanzieren.

    Sehr viele Schlafplätze.

    Sehr viel Sozialarbeit.

    Sehr viele Hilfsprojekte.

    Sehr viele Beratungsstellen.

    Oder man finanziert vier Tage Großveranstaltung.

    Das ist keine mathematische Antwort auf die Frage, was moralisch „richtiger“ wäre. Aber es ist eine Frage, die sich gerade eine Kirche gefallen lassen muss:

    Wie viel Inszenierung braucht eine Botschaft, die ursprünglich mit Sandalen verbreitet wurde?

    Und dann kommt der Staat

    Besonders hübsch wird es bei der Sicherheit.

    Natürlich muss Frankreich den Papst schützen.

    Was soll die Regierung denn machen?

    „Tut uns leid, Eure Heiligkeit, dieses Jahr ist das Polizeibudget knapp. Vielleicht nehmen Sie die Métro?“

    Selbstverständlich braucht ein Ereignis dieser Größenordnung massive Sicherheitsmaßnahmen.

    Und genau darin steckt das Dilemma.

    Die religiöse Veranstaltung wird privat beziehungsweise kirchlich finanziert – ihre Auswirkungen landen zwangsläufig im öffentlichen Raum.

    Hunderttausende Besucher verschwinden schließlich nicht durch göttliche Intervention aus dem Pariser Straßenverkehr.

    Also zahlt die Allgemeinheit dort, wo der Staat seine Aufgaben erfüllen muss.

    Das ist rechtlich etwas völlig anderes als eine staatliche Finanzierung der katholischen Kirche.

    Für den Steuerzahler bleibt allerdings eine wesentlich profanere Frage:

    Was kostet es?

    Und darauf wäre nach dem Besuch eine transparente Antwort durchaus angebracht.

    Laïcité mit Blaulicht

    Frankreich nimmt die Trennung von Staat und Religion traditionell besonders ernst. Das Gesetz von 1905 bildet dafür bis heute einen zentralen rechtlichen Rahmen.

    Der Staat finanziert keinen Gottesdienst, nur weil der Papst kommt.

    Aber er gewährleistet Sicherheit, Verkehrsführung und öffentliche Ordnung.

    Das ist kein Widerspruch, sondern eine Konsequenz staatlicher Verantwortung.

    Nur sollte man daraus keine Zaubershow machen, bei der öffentliche Kosten plötzlich verschwinden, nur weil auf der Rechnung nicht „Heilige Messe“ steht.

    Polizisten kosten Geld.

    Rettungsdienste kosten Geld.

    Straßensperren kosten Geld.

    Kommunale Dienstleistungen kosten Geld.

    Und wenn Paris, Lourdes oder Metz zusätzliche Infrastruktur bereitstellen, fällt auch die nicht vom Himmel.

    Nicht einmal in Lourdes.

    Vielleicht liegt genau hier die interessante Frage

    Der Papstbesuch ist zweifellos ein außergewöhnliches Ereignis. Der Vatikan spricht von der ersten offiziellen päpstlichen Frankreichreise seit 18 Jahren. Leo XIV. trifft Präsident Emmanuel Macron, besucht die UNESCO, reist nach Lourdes und nimmt in Metz an einem Treffen über Europa, Frieden und Einheit teil.

    Das hat religiöse Bedeutung.

    Diplomatische Bedeutung.

    Gesellschaftliche Bedeutung.

    Und für viele Gläubige eine enorme persönliche Bedeutung.

    Aber Bedeutung hebt Kosten nicht auf.

    Deshalb sollte die Debatte auch nicht bei der billigen Behauptung stehen bleiben: „Der Staat schenkt dem Papst 27 Millionen.“

    Das stimmt so eben nicht.

    Die interessantere Frage lautet:

    Was kostet dieses Großereignis Kirche, Staat und Kommunen tatsächlich – und welche gesellschaftlichen Prioritäten spiegeln sich darin wider?

    Denn vielleicht ist genau das die säkularste Frage, die man in Frankreich stellen kann:

    Nicht, ob der Papst kommen darf.

    Nicht, ob Menschen ihren Glauben feiern dürfen.

    Sondern schlicht:

    Wer bezahlt was?

    Und danach bitte eine vollständige Rechnung.

    Ohne Weihrauch.

    Christine Macha

  • Frankreich rüstet sich für Leo XIV.: Ein Papstbesuch zwischen Glauben, Politik und Europas Krisen

    Frankreich rüstet sich für Leo XIV.: Ein Papstbesuch zwischen Glauben, Politik und Europas Krisen

    Nur noch wenige Tage, dann beginnt eine der politisch und kirchlich bedeutendsten Reisen des jungen Pontifikats von Leo XIV. Vom 25. bis 28. September besucht der Papst Frankreich. Paris, Lourdes und Metz markieren die drei Etappen einer Reise, die pastorale Begegnungen, internationale Diplomatie und zentrale gesellschaftspolitische Fragen miteinander verbindet. Für Frankreich ist es zugleich ein seltenes Ereignis: Seit dem Besuch Benedikts XVI. im Jahr 2008 hat kein Papst mehr eine vergleichbare offizielle Reise durch das Land unternommen.

    Die französischen Behörden, die betroffenen Diözesen und der Vatikan befinden sich inzwischen in der letzten Phase der Vorbereitungen. Sicherheitsmassnahmen, Verkehrsregelungen, Pilgerströme und liturgische Veranstaltungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Besonders Paris und Lourdes stellen die Organisatoren angesichts der erwarteten Menschenmengen vor erhebliche logistische Herausforderungen.

    Paris zwischen Élysée, UNESCO und Notre-Dame

    Leo XIV. wird am Freitag, dem 25. September, um 10 Uhr auf dem Flughafen Paris-Orly erwartet. Bereits eine Stunde später steht der Besuch bei Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast auf dem Programm. Anschliessend begegnet der Papst Vertretern der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Damit beginnt die Reise bewusst an der Schnittstelle zwischen Religion und Politik. Frankreich versteht sich seit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat von 1905 als laizistische Republik. Gerade deshalb besitzen Begegnungen zwischen einem Papst und der französischen Staatsspitze stets eine besondere symbolische Bedeutung.

    Am Nachmittag besucht Leo XIV. den Hauptsitz der UNESCO. Dieser Termin dürfte zu den politisch interessantesten Stationen der Reise gehören. Fragen von Bildung, Kultur und technologischer Entwicklung haben für den Papst erhebliches Gewicht. In seiner im Mai 2026 veröffentlichten Enzyklika «Magnifica Humanitas» widmete er sich ausführlich den Folgen der künstlichen Intelligenz und forderte, technische Innovation müsse dem Vorrang und der Würde des Menschen untergeordnet bleiben.

    Um 17.15 Uhr folgt die Vesper in Notre-Dame de Paris mit Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten und Seminaristen. Die 2019 durch einen Grossbrand schwer beschädigte und Ende 2024 wiedereröffnete Kathedrale bildet dabei eine symbolträchtige Kulisse: Sie steht zugleich für die christliche Geschichte Frankreichs und für die kulturelle Bedeutung des Katholizismus in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft.

    Der erste Besuchstag endet mit einer Gebetsvigil mit Jugendlichen im Stade de France in Saint-Denis.

    Messe auf der Place de la Concorde

    Auch der Samstag beginnt mit gesellschaftspolitischen Akzenten. Leo XIV. besucht zunächst die Maison Bakhita, ein Zentrum für soziale Begleitung und Integration. Danach trifft er am Institut Catholique de Paris Mitglieder einer synodalen Versammlung sowie Katechumenen und Neugetaufte.

    Gerade dieser Termin verweist auf eine bemerkenswerte Entwicklung innerhalb des französischen Katholizismus. Während die langfristige Bindung an die Kirche deutlich zurückgegangen ist, steigt seit einigen Jahren die Zahl der Erwachsenentaufen kräftig.

    Nach Angaben der französischen Bischofskonferenz wurden 2026 zu Ostern 13 234 Erwachsene getauft. Das waren 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht: 2016 waren es noch 4124 Erwachsene gewesen. Besonders stark vertreten sind inzwischen die 18- bis 25-Jährigen, die 42 Prozent der erwachsenen Täuflinge ausmachen.

    Dieser Trend bedeutet keine generelle Rückkehr Frankreichs zum praktizierten Katholizismus. Er zeigt jedoch, dass sich parallel zur fortschreitenden Säkularisierung neue Formen religiöser Suche entwickeln.

    Am Samstagnachmittag folgt um 15 Uhr einer der öffentlichkeitswirksamsten Termine der Reise: eine grosse Messe auf der Place de la Concorde. Danach fliegt Leo XIV. nach Lourdes weiter.

    Lourdes erwartet einen aussergewöhnlichen Pilgerstrom

    Der südfranzösische Marienwallfahrtsort dürfte den spirituellen Mittelpunkt der Reise bilden. Unmittelbar nach seiner Ankunft am Samstagabend wird der Papst an der Grotte von Massabielle beten.

    Der Sonntag ist vollständig Lourdes gewidmet. Am Vormittag trifft Leo XIV. zunächst die Bischöfe der französischen Bischofskonferenz. Um 11 Uhr feiert er eine Messe auf der grossen Wiese des Heiligtums. Später folgen Begegnungen mit Mitarbeitern und betreuten Kranken des Accueil Notre-Dame sowie ein privater Besuch bei den Karmelitinnen.

    Den Abschluss bildet am Abend der Rosenkranz mit der traditionellen Lichterprozession.

    Für Lourdes ist der Papstbesuch eine organisatorische Ausnahmesituation. Pilgergruppen aus Frankreich und zahlreichen europäischen Ländern werden erwartet. Freiwillige, kirchliche Mitarbeiter, Sicherheitskräfte und medizinische Dienste müssen dabei insbesondere die Betreuung älterer, kranker und mobilitätseingeschränkter Besucher gewährleisten.

    Metz macht aus dem Papstbesuch ein europäisches Ereignis

    Die letzte Station der Reise besitzt eine besondere geopolitische Symbolik. Am Montagmorgen fliegt Leo XIV. von Lourdes nach Metz. Die Stadt liegt nur wenige Dutzend Kilometer von Luxemburg und dem Saarland entfernt und befindet sich in einer Region, deren Geschichte wie kaum eine andere von den Konflikten zwischen Frankreich und Deutschland geprägt wurde.

    Entsprechend europäisch ist das Programm gestaltet. Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend folgt ein Treffen unter dem programmatischen Titel «An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit».

    Der Name Robert Schuman ist dabei selbst eine politische Botschaft. Der frühere französische Aussenminister und Mitbegründer der europäischen Integration stammte aus Lothringen. Die Wahl von Metz verbindet damit katholische Sozialtradition, deutsch-französische Versöhnung und die Entstehung des europäischen Einigungsprojekts.

    Auch aus Deutschland reisen zahlreiche Gläubige an. Besonders aus den Bistümern Trier, Speyer und Mainz wurden Busreisen organisiert; einzelne Angebote waren bereits vor dem Besuch ausgebucht. Die Nähe zu Deutschland, Luxemburg und Belgien macht die letzte Etappe der Reise damit zu einem grenzüberschreitenden katholischen Ereignis.

    Um 16 Uhr feiert Leo XIV. die Abschlussmesse in der Kathedrale Saint-Étienne. Am Abend fliegt er nach Rom zurück.

    Frankreichs gesellschaftspolitische Konflikte begleiten die Reise

    Der Papst kommt allerdings in ein Land, dessen gesellschaftspolitische Entwicklung in mehreren Punkten deutlich von der katholischen Morallehre abweicht. Frankreich nahm 2024 die Freiheit zum Schwangerschaftsabbruch ausdrücklich in seine Verfassung auf. Im August 2026 wurde zudem das Gesetz über das «Recht auf Hilfe zum Sterben» verkündet. Unter festgelegten Voraussetzungen ermöglicht es schwer und unheilbar Erkrankten den Zugang zu einer tödlichen Substanz.

    Damit dürfte die Frage nach dem Schutz menschlichen Lebens während des Besuchs zumindest indirekt präsent sein. Leo XIV. hat die Menschenwürde zu einem Leitmotiv seines Pontifikats gemacht. Dazu gehören für ihn neben bioethischen Fragen allerdings ebenso Migration, Armut, Krieg und Frieden sowie die gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien.

    Gerade darin liegt eine mögliche Spannung des Besuchs. Der Papst trifft auf eine Republik, deren Laizität zu ihrem politischen Selbstverständnis gehört und deren Gesetzgebung in wichtigen ethischen Fragen Positionen vertritt, die der katholischen Lehre widersprechen. Gleichzeitig bleiben die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen Frankreich und dem Katholizismus tief.

    Eine Kirche zwischen Krise und neuer religiöser Suche

    Auch innerhalb der französischen Kirche selbst ist die Lage widersprüchlich. Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs hat das Vertrauen in die Institution schwer beschädigt. Die unabhängige Untersuchungskommission CIASE schätzte 2021, dass seit 1950 rund 216 000 Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Priester oder Ordensleute geworden waren. Unter Einbeziehung von Laien, die in kirchlichen Einrichtungen tätig waren, lag die Schätzung bei rund 330 000 Betroffenen.

    Der Papst besucht somit keine Kirche, die lediglich unter rückläufigen Mitgliederzahlen leidet. Er trifft auf eine Institution, die ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten, Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und zugleich Antworten auf eine Gesellschaft finden muss, in der traditionelle religiöse Bindungen schwächer geworden sind.

    Umso bemerkenswerter erscheint der gleichzeitige Anstieg der Erwachsenentaufen. Er widerspricht nicht der Säkularisierung Frankreichs, ergänzt sie aber um eine zweite Entwicklung: Religion verliert ihre frühere gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, kann für einzelne Menschen gerade dadurch jedoch wieder zu einer bewussten persönlichen Entscheidung werden.

    Drei Tage vor der Ankunft des Papstes sind die wesentlichen organisatorischen Entscheidungen gefallen. Nun beginnt die letzte Phase eines Besuchs, dessen Bedeutung weit über die katholische Kirche hinausreicht. Paris steht für das Verhältnis von Religion, Republik und moderner Gesellschaft; Lourdes für die spirituelle und soziale Dimension des Katholizismus; Metz für Versöhnung und europäische Einheit.

    Wenn Leo XIV. am 28. September Frankreich wieder verlässt, wird sich die Wirkung seiner Reise deshalb nicht allein an den Menschenmengen auf der Place de la Concorde, in Lourdes oder vor der Kathedrale von Metz messen lassen. Entscheidend wird sein, welche Sprache der Papst für ein Land findet, das zu den historischen Kernräumen des europäischen Katholizismus gehört und zugleich zu den konsequentesten säkularen Republiken Europas.

    C. Hatty

  • Papstmesse in Paris: 600.000 Anmeldungen sprengen alle Erwartungen

    Papstmesse in Paris: 600.000 Anmeldungen sprengen alle Erwartungen

    Paris bereitet sich auf einen außergewöhnlichen Tag vor: Für die große Messe mit Papst Leo XIV. am 26. September 2026 haben sich bereits nahezu 600.000 Menschen angemeldet. Der Andrang übertrifft die Erwartungen der Organisatoren deutlich – und zwingt die französische Hauptstadt dazu, den ursprüngli…

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  • Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris kennt große Menschenmengen. Jubelnde Fußballfans, Demonstrationen, Konzerte und historische Feiern gehören zum Bild der französischen Hauptstadt. Doch am 26. September 2026 dürfte sich im Herzen der Metropole eine Menschenmenge versammeln, die selbst für Pariser Verhältnisse außergewöhnlich ausfällt: Mindestens 500.000 bis 600.000 Gläubige sollen an der großen Messe mit Papst Leo XIV. teilnehmen.

    Und dabei dürfte noch Luft nach oben sein.

    Die Organisatoren rechnen angesichts der bisherigen Anmeldungen inzwischen mit einem enormen Andrang. Die Place de la Concorde, die Champs Élysées und das Gebiet rund um den Arc de Triomphe verwandeln sich für einige Stunden in eine riesige Kirche unter freiem Himmel.

    Man stelle sich dieses Bild vor: Hunderttausende Menschen stehen auf einer der berühmtesten Straßen Europas, Familien neben Pilgern, Jugendliche neben Ordensleuten, Pariser neben Besuchern aus allen Teilen Frankreichs und vermutlich aus zahlreichen Nachbarländern.

    Wann erlebt Paris schon einmal eine solche Kulisse?

    Die Messe bildet den Höhepunkt der ersten offiziellen Frankreichreise von Papst Leo XIV., die vom 25. bis 28. September geplant ist. Vier Tage lang stehen politische Gespräche, religiöse Feiern und Begegnungen mit unterschiedlichen Teilen der französischen Gesellschaft auf dem Programm.

    Zu Beginn seiner Reise trifft Leo XIV. Präsident Emmanuel Macron im Élysée Palast. Auch eine Rede bei der UNESCO gehört zum Programm. Eine Fahrt mit dem Papamobil durch Paris dürfte anschließend zahlreiche Menschen an die Straßen locken.

    Besonders symbolträchtig verspricht der Besuch von Notre Dame zu sein. Dort feiert der Papst die Vesper. Die nach dem verheerenden Brand von 2019 restaurierte Kathedrale rückt damit erneut ins Zentrum eines internationalen kirchlichen Ereignisses — ein Moment voller Geschichte und Emotionen.

    Auch die junge Generation erhält ihren großen Auftritt.

    Rund 80.000 Jugendliche sollen zu einer gemeinsamen Vigil im Stade de France zusammenkommen. Wo sonst Fußballspiele und Konzerte Zehntausende begeistern, stehen an diesem Abend Gebete, Musik und Begegnungen im Mittelpunkt. Gerade solche Veranstaltungen entwickeln bei Papstreisen oft ihre ganz eigene Dynamik: weniger Protokoll, mehr spontane Begeisterung.

    Dann folgt die große Messe mitten in Paris.

    Wie organisiert man eigentlich eine Veranstaltung, deren Besucherzahl der Bevölkerung einer ganzen Großstadt entspricht?

    Allein die Zahlen zeigen die Dimension. Rund 12.000 freiwillige Helfer sollen die Pilger empfangen, informieren und durch die verschiedenen Bereiche führen. Entlang der Champs Élysées sind 42 Großbildschirme vorgesehen. So lässt sich die Feier auch dort verfolgen, wo der eigentliche Altar längst nur noch als kleiner Punkt in der Ferne erscheint.

    Hinzu kommt ein gewaltiges Sicherheitskonzept. Rund 14.000 Polizisten und Gendarmen sollen im Einsatz sein. Bei der Planung greifen die Verantwortlichen auf Erfahrungen der Olympischen Spiele von Paris zurück. Kontrollierte Zugänge, abgesicherte Bereiche und eine genaue Steuerung der Besucherströme gehören zum Konzept.

    Kurz gesagt: Paris fährt ziemlich groß auf.

    Nach den Bildern der riesigen Menschenmenge erhält die Reise in Lourdes einen stilleren und ernsteren Charakter. Dort soll Leo XIV. unter anderem Opfer sexuellen Missbrauchs treffen. Zudem steht die berühmte Lichterprozession auf dem Programm. Tausende Kerzen, Gebete und Gesänge prägen seit Jahrzehnten die besondere Atmosphäre des Wallfahrtsortes.

    Die letzte Station führt den Papst nach Metz. Dort richtet sich der Blick auf Frieden in Europa und das politische Erbe Robert Schumans, eines der Wegbereiter der europäischen Einigung.

    Sollten sich die bisherigen Erwartungen bestätigen, erlebt Frankreich Ende September eines seiner größten katholischen Treffen seit Jahrzehnten. Doch vermutlich erzählen die bloßen Zahlen nur einen Teil der Geschichte.

    Denn zwischen 600.000 Menschen entstehen auch 600.000 persönliche Geschichten: Menschen reisen aus Glauben an, aus Neugier, aus Hoffnung oder schlicht deshalb, weil sie einen historischen Moment miterleben möchten.

    Und Paris?

    Für einen Tag verwandelt sich seine berühmteste Prachtachse in einen riesigen Pilgerweg.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich bereitet sich auf einen der grössten religiösen Anlässe der vergangenen Jahrzehnte vor. Vom 25. bis 28. September reist Papst Leo XIV. nach Paris, Lourdes und Metz. Es ist der erste Besuch eines Papstes in der französischen Hauptstadt seit Benedikt XVI. im Jahr 2008. Mehr als eine Million Menschen könnten an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Doch die Reise ist weit mehr als ein katholisches Grossereignis: Sie berührt das schwierige Verhältnis Frankreichs zur Religion, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche und nicht zuletzt die Frage nach Europas politischer und kultureller Identität.

    Vier Tage zwischen Republik und Kirche

    Der Auftakt könnte symbolischer kaum sein. Am 25. September landet Leo XIV. in Paris und wird zunächst von Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast empfangen. Anschliessend trifft er Vertreter der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Dass ein Papst im laizistischen Frankreich mit derartiger Aufmerksamkeit empfangen wird, ist keineswegs selbstverständlich. Seit dem Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat von 1905 gehört die laïcité zu den tragenden Prinzipien der französischen Republik. Der Staat erkennt keine Religion als privilegiert an und finanziert grundsätzlich keinen Kultus.

    Doch Frankreichs Verhältnis zum Katholizismus ist komplizierter, als es dieses Prinzip vermuten lässt. Die Republik ist säkular, ihre Geschichte und ihr kulturelles Erbe sind es nicht. Kathedralen, Klöster, Feiertage und Pilgerorte gehören ebenso zur französischen Identität wie die republikanische Tradition der Trennung von Religion und Politik.

    Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Besuch von Leo XIV.

    Nach seinem Treffen mit Macron spricht der Papst am Sitz der UNESCO. Damit erhält die Reise bereits am ersten Tag eine internationale Dimension. Themen wie Bildung, Kultur, Frieden und der Schutz des kulturellen Erbes gehören traditionell zu jenen Feldern, auf denen der Heilige Stuhl seine diplomatische Rolle besonders sichtbar macht.

    Danach folgt eine Fahrt im Papamobil durch Paris. Am späten Nachmittag feiert Leo XIV. mit Bischöfen, Priestern, Diakonen und Ordensleuten die Vesper in Notre-Dame.

    Auch dieser Ort trägt eine aussergewöhnliche Symbolik. Die Kathedrale wurde nach dem verheerenden Brand von 2019 im Dezember 2024 wiedereröffnet. Der Papstbesuch macht Notre-Dame erneut zu einer Bühne, auf der sich französische Geschichte, christliches Erbe und moderne nationale Identität überschneiden.

    Am Abend werden rund 80 000 Jugendliche zu einer Gebetsvigil im Stade de France in Saint-Denis erwartet.

    Eine Messe für eine halbe Million Menschen

    Der organisatorische Höhepunkt folgt am Samstag. Nach einem Besuch im Sozial- und Integrationszentrum Maison Bakhita und einer Begegnung am Institut Catholique de Paris feiert Leo XIV. um 15 Uhr eine Messe auf der Place de la Concorde.

    Rund 500 000 Menschen werden im Bereich zwischen Concorde und Champs-Élysées erwartet. Die Zahl könnte noch steigen. Anfang September waren für die Veranstaltungen der Papstreise insgesamt bereits mehr als 700 000 Teilnehmer registriert; zeitweise gingen täglich Tausende weitere Anmeldungen ein.

    Damit erreicht der Besuch Dimensionen, wie sie Frankreich sonst eher von politischen Grossereignissen, internationalen Sportveranstaltungen oder nationalen Gedenkfeiern kennt.

    Die logistischen Anforderungen sind entsprechend hoch. Allein die kirchlichen Organisatoren rechnen mit rund 12 000 freiwilligen Helfern. Der französische Staat plant auf dem Höhepunkt des Besuchs ein Sicherheitsdispositiv von etwa 15 000 Polizisten, Gendarmen, Angehörigen mobiler Einheiten und Soldaten der Operation Sentinelle. Rund 14 000 Sicherheitskräfte sollen zeitweise allein in Paris eingesetzt werden.

    Die Regierung hat den Papstbesuch offiziell als «Grossereignis» im Sinne des französischen Sicherheitsrechts eingestuft. Hintergrund sind vor allem die enormen Menschenansammlungen und das damit verbundene Terrorismusrisiko. Eine konkrete terroristische Bedrohung war Anfang September nach Angaben der Behörden allerdings nicht bekannt.

    Auch finanziell ist das Ereignis aussergewöhnlich. Die französische Bischofskonferenz beziffert die Kosten inzwischen auf rund 27 Millionen Euro. Finanziert werden Organisation, Infrastruktur und kirchliche Veranstaltungen vor allem von der Kirche und durch private Spenden; die staatlichen Sicherheitsmassnahmen trägt hingegen die öffentliche Hand. Anfang September waren erst rund 5,5 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen.

    Lourdes und die offene Wunde des Missbrauchs

    Am Samstagabend reist Leo XIV. weiter nach Lourdes. Der Wallfahrtsort am Fuss der Pyrenäen gehört zu den bedeutendsten katholischen Pilgerstätten der Welt. Für den Sonntag rechnen die Organisatoren dort mit etwa 150 000 Besuchern.

    Das Programm folgt zunächst der klassischen Symbolik von Lourdes: Gebet an der Grotte von Massabielle, eine grosse Messe auf der Prairie des Heiligtums und am Sonntagabend Rosenkranz und Lichterprozession.

    Doch der vielleicht politisch und kirchlich sensibelste Termin steht nicht im öffentlichen Mittelpunkt des offiziellen Programms. Leo XIV. soll in Lourdes sieben Menschen treffen, die innerhalb der katholischen Kirche Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

    Die Begegnung ist für die französische Kirche von besonderer Bedeutung. Seit der Veröffentlichung des Berichts der unabhängigen Untersuchungskommission CIASE im Jahr 2021 steht das Ausmass sexuellen Missbrauchs im französischen Katholizismus im Zentrum einer schmerzhaften Aufarbeitung. Die Kommission kam damals zu dem Ergebnis, dass seit 1950 Hunderttausende Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere mit der Kirche verbundene Personen geworden waren.

    Dass Leo XIV. Betroffene persönlich trifft, ist deshalb nicht bloss eine pastorale Geste. Es berührt unmittelbar die Glaubwürdigkeit einer Institution, die um Vertrauen ringt.

    Ein säkulares Land mit katholischem Gedächtnis

    Die Reise fällt zugleich in eine bemerkenswerte Phase des französischen Katholizismus.

    Langfristig ist der Bedeutungsverlust eindeutig. Nach einer Ifop-Erhebung von 2025 erklärten nur noch 41 Prozent der Franzosen, an Gott zu glauben; 1947 waren es noch 66 Prozent gewesen. Nur 26 Prozent gaben an, zumindest einige Male im Jahr eine Messe zu besuchen. 1961 waren es noch 68 Prozent.

    Gleichzeitig zeigen sich gegenläufige Entwicklungen. Die französische Kirche registriert seit einigen Jahren einen starken Anstieg bei Erwachsenentaufen und Katechumenen. Gerade unter jüngeren Erwachsenen scheint Religion für eine kleine, aber sichtbare Minderheit wieder stärker identitätsstiftend zu werden.

    Von einer «Rückkehr Frankreichs zum Katholizismus» zu sprechen wäre deshalb übertrieben. Eher verändert sich die Struktur des französischen Katholizismus: Aus einer einst gesellschaftlich dominierenden Volkskirche wird zunehmend eine kleinere, bewusst praktizierende Gemeinschaft.

    Der Papstbesuch macht diese Minderheit für einige Tage aussergewöhnlich sichtbar.

    Metz und die europäische Botschaft

    Die letzte Station der Reise führt Leo XIV. am 28. September nach Metz. Die Wahl der lothringischen Stadt ist politisch aufgeladen.

    Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend steht eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel «Zu den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit» auf dem Programm.

    Der Bezug auf Robert Schuman ist bewusst gewählt. Der französische Aussenminister und christdemokratische Politiker gehörte gemeinsam mit Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Jean Monnet zu den prägenden Figuren der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt als einer der politischen Ausgangspunkte der heutigen Europäischen Union.

    Metz liegt zudem in einer Grenzregion, deren Geschichte von den französisch-deutschen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Kaum ein Ort eignet sich deshalb besser, um über Versöhnung, Frieden und europäische Zusammenarbeit zu sprechen.

    Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der angespannten Beziehungen zu Russland und der wachsenden strategischen Unsicherheit Europas erhält diese Botschaft eine Aktualität, die weit über kirchliche Fragen hinausgeht.

    Am Nachmittag feiert Leo XIV. in der Kathedrale Saint-Étienne seine letzte Messe auf französischem Boden, bevor er nach Rom zurückkehrt.

    Die Reise zeigt damit eine bemerkenswerte Dramaturgie. Paris steht für das Verhältnis zwischen Kirche, Republik und internationaler Diplomatie. Lourdes verkörpert Glauben und Wallfahrt, aber ebenso die Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der Kirche. Metz verbindet schliesslich christliches Erbe mit der politischen Idee Europas.

    Gerade darin liegt die Bedeutung des Besuchs. Leo XIV. kommt nicht in ein Land, in dem die katholische Kirche noch die gesellschaftliche Stellung früherer Jahrzehnte besitzt. Er kommt in eine weitgehend säkularisierte Republik, in der religiöse Bindungen schwächer geworden sind, das katholische Erbe aber weiterhin tief in Landschaft, Architektur, Geschichte und kollektiver Erinnerung verankert ist.

    Wenn Hunderttausende Menschen Ende September auf den Champs-Élysées, in Lourdes und in Metz zusammenkommen, wird deshalb nicht nur sichtbar werden, wie viele Katholiken Frankreich noch mobilisieren kann. Der Besuch dürfte zugleich zeigen, welche Rolle Religion in einer europäischen Gesellschaft spielen kann, die politisch säkular geworden ist, ihre religiöse Vergangenheit aber keineswegs vollständig hinter sich gelassen hat.

    P.T.

  • Papst Leo XIV. kommt nach Metz: Moselle bereitet sich auf ein historisches Ereignis vor

    Papst Leo XIV. kommt nach Metz: Moselle bereitet sich auf ein historisches Ereignis vor

    Die Nachricht sorgt weit über die Grenzen Lothringens hinaus für Aufmerksamkeit: Papst Leo XIV. wird im September 2026 während seiner Frankreichreise auch Metz besuchen. Damit rückt die Hauptstadt der Moselle für einige Tage ins Zentrum der internationalen katholischen Öffentlichkeit. Noch fehlt die endgültige Bestätigung des vollständigen Reiseprogramms durch den Vatikan, doch zahlreiche Hinweise sprechen inzwischen dafür, dass Metz zu den wichtigsten Stationen des Pontifex gehören wird.

    Für die Stadt besitzt der angekündigte Besuch eine besondere historische Bedeutung. Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen, seit zuletzt ein Papst nach Metz kam. Im Jahr 1988 hatte Johannes Paul II. die Stadt besucht und Zehntausende Gläubige versammelt. Viele Bewohner erinnern sich noch heute an die außergewöhnliche Atmosphäre jener Tage. Nun erhält die Region die seltene Gelegenheit, erneut Gastgeber eines Kirchenoberhaupts zu sein.

    Die geplante Reise von Leo XIV. nach Frankreich soll vom 25. bis 28. September 2026 stattfinden. Neben Paris und weiteren Orten zählt offenbar auch Metz zu den zentralen Etappen. Die Wahl überrascht Beobachter nicht. Die Stadt liegt an einem symbolträchtigen Ort Europas, nur wenige Kilometer von Deutschland, Luxemburg und Belgien entfernt. Kaum eine andere französische Stadt verkörpert die Idee eines grenzüberschreitenden Europas so deutlich wie Metz.

    Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf Scy Chazelles, eine Gemeinde westlich der Stadt. Dort befindet sich das Grab von Robert Schuman. Der ehemalige französische Außenminister gilt als einer der Väter der europäischen Einigung und spielte nach dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines friedlichen Europas. Als überzeugter Katholik verband Schuman politischen Weitblick mit christlichen Werten. Ein Besuch des Papstes an seiner Grabstätte hätte daher eine starke symbolische Wirkung.

    Gerade in einer Zeit, in der Europa vor zahlreichen Herausforderungen steht, könnte eine solche Geste eine klare Botschaft senden. Kriege an den Außengrenzen, politische Spannungen und gesellschaftliche Unsicherheiten prägen vielerorts die Debatten. Metz bietet dem Papst die Möglichkeit, mitten im Herzen Europas für Frieden, Dialog und Zusammenhalt zu werben. Was könnte dafür geeigneter sein als der Besuch eines Mannes, dessen Lebenswerk der Versöhnung der europäischen Völker gewidmet war?

    Auch kirchlich dürfte der Aufenthalt einen besonderen Akzent setzen. Hinter den Kulissen laufen bereits umfangreiche Vorbereitungen. Verantwortliche der Diözese Metz arbeiten gemeinsam mit staatlichen Stellen an organisatorischen Konzepten. Dabei geht es um Sicherheitsmaßnahmen, Verkehrslenkung und die Unterbringung der erwarteten Besucher.

    Vieles deutet darauf hin, dass eine große Freiluftmesse Teil des Programms sein könnte. Offizielle Angaben fehlen zwar noch, doch die Dimension der Planungen lässt auf ein Ereignis schließen, das Tausende Pilger aus mehreren Ländern anziehen dürfte. Gläubige aus Frankreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien könnten gemeinsam an den Feierlichkeiten teilnehmen. Das würde dem Besuch zusätzlich eine europäische Dimension verleihen.

    Für Hotels, Restaurants und den Einzelhandel der Region eröffnet sich zugleich eine außergewöhnliche Gelegenheit. Großveranstaltungen dieser Art sorgen traditionell für eine hohe Nachfrage und beleben die lokale Wirtschaft. Schon jetzt wächst die Vorfreude bei vielen Einwohnern. In Cafés und auf Marktplätzen gehört das Thema längst zu den meistdiskutierten Gesprächen.

    Doch der Besuch erschöpft sich nicht in organisatorischen Fragen oder wirtschaftlichen Erwartungen. Für viele Katholiken stellt die Begegnung mit dem Papst ein tief bewegendes Erlebnis dar. Manche planen bereits ihre Teilnahme, andere erinnern sich an frühere Papstbesuche in Frankreich. Solche Momente bleiben oft über Generationen hinweg im Gedächtnis – wie ein Fotoalbum voller lebendiger Erinnerungen.

    Bis zur offiziellen Veröffentlichung des Programms bleiben noch einige Details offen. Dennoch zeichnet sich bereits heute ab, dass Ende September 2026 ein außergewöhnlicher Abschnitt in die Geschichte von Metz und der Moselle eingehen dürfte. Die Stadt bereitet sich auf Tage vor, in denen sie nicht nur Mittelpunkt Frankreichs, sondern für einen kurzen Augenblick auch Mittelpunkt der katholischen Welt sein wird.

    Ein Artikel von M. Legrand