Schlagwort: orion 2026

  • Kommentar: Der Russe vor den Toren von Bordeaux? Wirklich?

    Kommentar: Der Russe vor den Toren von Bordeaux? Wirklich?

    Man könnte meinen, morgen früh rollen russische Panzer über den Place Bellecour in Lyon, nehmen unterwegs noch einen Café crème in Bordeaux und biegen anschließend Richtung Vieux-Port in Marseille ab. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man manchen politischen Reden und militärischen Inszenierungen aufmerksam zuhört.

    Seit Jahren wird der Bevölkerung vermittelt, Europa stehe an der Schwelle zu einer neuen Epoche permanenter Bedrohung. Fast täglich ist von Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und Hochintensitätskonflikten die Rede. Nun trainiert die Armee sogar den Häuserkampf in nachgebauten Städten – und die Botschaft scheint klar zu sein: Bereitet euch vor.

    Aber worauf eigentlich?

    Soll die französische Bevölkerung ernsthaft glauben, dass russische Soldaten eines Tages durch die Straßen von Lyon, Marseille oder Bordeaux marschieren werden? Dass sich der nächste große Krieg ausgerechnet in französischen Wohnvierteln entscheidet? Oder wird hier vor allem ein Gefühl erzeugt, das politisch nützlich ist – die ständige Erwartung einer existenziellen Bedrohung?

    Noch vor wenigen Jahrzehnten lautete das politische Versprechen nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts: „Nie wieder Krieg.“ Europa sollte ein Kontinent der Verständigung werden. Die Europäische Union erhielt sogar den Friedensnobelpreis für ihren Beitrag zur Überwindung jahrhundertealter Feindschaften.

    Heute scheint sich der Ton verändert zu haben. Aus „Nie wieder Krieg“ wird zunehmend „Seid bereit für den nächsten Krieg“. Aus Friedenspolitik wird Sicherheitsrhetorik. Aus Diplomatie wird Abschreckung. Und wer kritische Fragen stellt, riskiert schnell, als naiv oder sicherheitspolitisch verantwortungslos abgestempelt zu werden.

    Natürlich wäre es ebenso naiv, bestehende Bedrohungen zu ignorieren. Der Krieg in der Ukraine zeigt eindrücklich, dass militärische Gewalt in Europa keineswegs der Vergangenheit angehört. Staaten müssen ihre Verteidigung organisieren und ihre Streitkräfte auf unterschiedlichste Szenarien vorbereiten. Das gehört zu den Aufgaben jeder Regierung.

    Doch genau deshalb sollte auch die öffentliche Debatte ehrlich bleiben.

    Zwischen einer professionellen militärischen Vorsorge und einer gesellschaftlichen Gewöhnung an den Gedanken eines unvermeidlichen Krieges besteht ein erheblicher Unterschied. Wer permanent von der nächsten Eskalation spricht, verändert das Denken einer Gesellschaft. Angst wird zum politischen Dauerbegleiter. Ausnahmezustände erscheinen plötzlich normal.

    Vielleicht sollte man sich deshalb eine einfache Frage stellen: Dient jede martialische Inszenierung tatsächlich der Sicherheit des Landes – oder trägt sie auch dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem Aufrüstung, steigende Verteidigungsausgaben und militärisches Denken zunehmend als alternativlos erscheinen?

    Wer Frieden erhalten will, braucht glaubwürdige Verteidigung. Aber er braucht ebenso Diplomatie, Dialog und die Fähigkeit, Bedrohungen nüchtern einzuordnen, statt sie ständig zu dramatisieren.

    Denn eines sollte auch heute noch gelten: Das eigentliche Ziel darf niemals sein, den Häuserkampf in französischen Städten perfekt zu beherrschen. Das eigentliche Ziel muss bleiben, alles dafür zu tun, dass ein solcher Kampf niemals stattfinden muss.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich bereitet sich auf den Häuserkampf vor: Die Armee trainiert für den Krieg in der Stadt

    Frankreich bereitet sich auf den Häuserkampf vor: Die Armee trainiert für den Krieg in der Stadt

    Wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli rückt die französische Armee einen Bereich ihrer Ausbildung in den Mittelpunkt, der lange Zeit nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielt: den Kampf in urbanem Gelände. Während auf den Champs-Élysées Soldaten, Fahrzeuge und Flugzeuge militärische Stärke demonstrieren, bereiten sich die Landstreitkräfte unter realitätsnahen Bedingungen auf ein Szenario vor, das militärische Planer inzwischen für besonders wahrscheinlich halten – Gefechte in dicht besiedelten Städten gegen einen technologisch ebenbürtigen Gegner. Im Rahmen der Großübung ORION 2026 absolvieren zahlreiche Einheiten der französischen Streitkräfte ein anspruchsvolles Ausbildungsprogramm, das die Anforderungen moderner Hochintensitätskonflikte widerspiegeln soll. Städte werden zum Schlachtfeld moderner Kriege Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben die militärische Planung grundlegend verändert. Ob in Mariupol, Bachmut oder Gaza – aktuell…

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  • Frankreichs Armee trainiert für den Ernstfall – „Wir üben, um vorbereitet zu sein“

    Frankreichs Armee trainiert für den Ernstfall – „Wir üben, um vorbereitet zu sein“

    „On s’entraîne pour se préparer, c’est indispensable“ – mit diesem Leitsatz bringt die französische Armee ihren strategischen Kurswechsel auf den Punkt. Jahrzehntelang standen Auslandseinsätze zur Terrorismusbekämpfung im Mittelpunkt der militärischen Ausbildung. Heute richtet sich der Blick wieder auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, zunehmende hybride Bedrohungen sowie die wachsenden Spannungen zwischen den Großmächten haben die sicherheitspolitische Lage Europas grundlegend verändert. Frankreich reagiert darauf mit einer umfassenden Modernisierung seiner Streitkräfte und einer deutlich intensiveren Ausbildung für den Konflikt hoher Intensität.

    Rückkehr zur klassischen Landesverteidigung

    Seit dem Ende des Kalten Krieges konzentrierten sich die französischen Streitkräfte vor allem auf Expeditionseinsätze. Ob auf dem Balkan, in Afghanistan oder in der Sahelzone – die Armee war auf asymmetrische Konflikte gegen nichtstaatliche Gegner ausgerichtet. Kleine, hochmobile Verbände, Luftunterstützung und Spezialkräfte prägten das Einsatzprofil.

    Diese Prioritäten haben sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Möglichkeit eines konventionellen Krieges zwischen technologisch hochgerüsteten Staaten wieder in den Mittelpunkt militärischer Planungen gerückt. Frankreich bereitet seine Streitkräfte deshalb erneut auf Gefechte vor, in denen schwere Verbände, Artillerie, Luftverteidigung, elektronische Kampfführung und logistische Durchhaltefähigkeit entscheidend sind.

    Die französische Militärplanung bis 2030 trägt dieser Entwicklung Rechnung. Milliardenschwere Investitionen sollen nicht nur moderne Waffensysteme beschaffen, sondern vor allem die Einsatzbereitschaft und Widerstandsfähigkeit der gesamten Armee erhöhen.

    Realitätsnahe Übungen statt theoretischer Planspiele

    Die Ausbildung erfolgt heute unter Bedingungen, die möglichst nahe an einem tatsächlichen Konflikt liegen. Übungen beschränken sich nicht mehr auf einzelne Truppenteile, sondern umfassen sämtliche Teilstreitkräfte sowie zivile Behörden und internationale Partner.

    Besonders deutlich wird dies bei der Übungsserie ORION, die inzwischen als wichtigstes französisches Großmanöver seit dem Ende des Kalten Krieges gilt. Während ORION 2023 bereits neue Maßstäbe setzte, wurde ORION 2026 nochmals deutlich ausgeweitet. Rund 12.500 Soldatinnen und Soldaten aus 24 Nationen trainierten über mehrere Monate gemeinsam ein Szenario, das unverkennbar an den Krieg in der Ukraine erinnert.

    Dabei ging es nicht allein um klassische Gefechte. Simuliert wurden politische Entscheidungsprozesse, strategische Planung, amphibische Landungen, Luftlandeoperationen, Cyberangriffe, Weltraumoperationen sowie die Führung multinationaler Streitkräfte. Erstmals wurde auch das Zusammenspiel zwischen militärischen und zivilen Institutionen im Fall eines großflächigen Konflikts umfassend getestet.

    Die Lehren aus dem Krieg in der Ukraine

    Kaum ein militärischer Konflikt hat westliche Streitkräfte in den vergangenen Jahrzehnten so nachhaltig beeinflusst wie der Krieg in der Ukraine. Zahlreiche Annahmen über moderne Kriegführung mussten korrigiert werden.

    Drohnen haben sich von unterstützenden Aufklärungsmitteln zu zentralen Waffensystemen entwickelt. Elektronische Kampfführung kann Kommunikations- und Navigationssysteme innerhalb kürzester Zeit lahmlegen. Präzisionswaffen erhöhen die Verwundbarkeit militärischer Infrastruktur, während Satellitenaufklärung und digitale Datenverarbeitung das Gefechtsfeld nahezu in Echtzeit transparent machen.

    Ebenso deutlich wurde jedoch die Bedeutung vermeintlich klassischer Faktoren. Große Munitionsvorräte, funktionierende Nachschubwege, industrielle Produktionskapazitäten und belastbare Transportlogistik entscheiden zunehmend darüber, wie lange eine Armee durchhaltefähig bleibt.

    Frankreich integriert diese Erkenntnisse konsequent in seine Ausbildung. Soldaten üben den Einsatz unter GPS-Ausfällen, gestörten Kommunikationsnetzen und permanenter Drohnenbedrohung. Gleichzeitig werden Reservisten stärker eingebunden und die Zusammenarbeit mit Polizei, Katastrophenschutz und anderen staatlichen Einrichtungen intensiviert.

    Kriegführung in allen Dimensionen

    Moderne Konflikte beschränken sich längst nicht mehr auf Land, Luft und See. Cyberraum und Weltraum gelten heute als eigenständige Operationsdimensionen.

    Cyberangriffe können Energieversorgung, Kommunikationsnetze oder militärische Führungsstrukturen erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig sind Satelliten unverzichtbar für Navigation, Aufklärung und Datenübertragung. Entsprechend trainieren die französischen Streitkräfte zunehmend das koordinierte Zusammenwirken aller militärischen Fähigkeiten.

    Dieses sogenannte Multi-Domain-Operations-Konzept verlangt eine enge Verzahnung sämtlicher Teilstreitkräfte. Entscheidungen müssen innerhalb weniger Minuten getroffen werden, während Informationen aus unterschiedlichsten Quellen nahezu in Echtzeit verarbeitet werden. Die Fähigkeit, diese komplexen Abläufe zu koordinieren, gilt heute als ebenso wichtig wie die Qualität einzelner Waffensysteme.

    Zusammenarbeit mit den Verbündeten

    Frankreich versteht seine Verteidigung zunehmend als Teil einer gemeinsamen europäischen und transatlantischen Sicherheitsarchitektur. Großübungen werden deshalb regelmäßig gemeinsam mit NATO-Partnern sowie weiteren befreundeten Staaten durchgeführt.

    Im Mittelpunkt steht die sogenannte Interoperabilität – die Fähigkeit unterschiedlicher Streitkräfte, im Ernstfall ohne Zeitverlust gemeinsam zu operieren. Dazu gehören einheitliche Kommunikationsstandards, kompatible Führungsverfahren sowie abgestimmte logistische Abläufe.

    Die multinationalen Übungen dienen dabei nicht nur militärischen Zwecken. Sie senden zugleich ein politisches Signal. Eine sichtbare Zusammenarbeit der Verbündeten soll potenziellen Gegnern verdeutlichen, dass ein Angriff auf einen europäischen Staat erhebliche gemeinsame Gegenmaßnahmen nach sich ziehen würde.

    Abschreckung als sicherheitspolitisches Leitprinzip

    Die verstärkte Ausbildung bedeutet nicht, dass Frankreich einen unmittelbar bevorstehenden Krieg erwartet. Vielmehr folgt sie dem klassischen Prinzip glaubwürdiger Abschreckung.

    Militärische Stärke entfaltet ihre größte Wirkung dann, wenn sie einen Konflikt verhindert. Gut ausgebildete Soldaten, moderne Ausrüstung und funktionierende Kommandostrukturen erhöhen die Glaubwürdigkeit einer Verteidigung und sollen mögliche Aggressoren davon abhalten, militärische Risiken überhaupt einzugehen.

    Dieses Verständnis prägt inzwischen die französische Verteidigungspolitik ebenso wie die Sicherheitsstrategie zahlreicher europäischer Staaten. Vorbereitung wird nicht als Ausdruck von Kriegsbereitschaft verstanden, sondern als Voraussetzung für die Bewahrung des Friedens.

    Europa erlebt gegenwärtig die tiefgreifendste sicherheitspolitische Neuorientierung seit dem Ende des Kalten Krieges. Frankreich nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Als einzige Atommacht der Europäischen Union mit globalen militärischen Fähigkeiten investiert das Land erheblich in die Modernisierung seiner Streitkräfte und passt Ausbildung, Organisation und Ausrüstung an die veränderten Bedrohungen an.

    Der Satz „Wir trainieren, um vorbereitet zu sein“ steht deshalb für weit mehr als ein militärisches Motto. Er beschreibt einen grundlegenden Wandel der französischen Sicherheitsstrategie. Die Armee soll künftig nicht nur Krisen in entfernten Weltregionen bewältigen, sondern im Verbund mit ihren Partnern auch in der Lage sein, Europa gegen einen hochintensiven militärischen Angriff zu verteidigen.

    Autor: Andreas M. Brucker