Kommentar
Frankreich liebt seine Lehrer. Wirklich. Die Republik liebt sie geradezu hingebungsvoll.
Sie liebt sie in Sonntagsreden. Sie liebt sie bei Schuljahresbeginn. Sie liebt sie nach Krisen, nach Anschlägen, nach Ausschreitungen, nach schlechten Pisa-Ergebnissen und immer dann, wenn irgendwo jemand erklären muss, dass Bildung selbstverständlich die oberste Priorität der Nation sei.
Frankreich liebt seine Lehrer so sehr, dass es ihnen immer neue Aufgaben schenkt.
Nur Geld schenkt es ihnen ungern.
Das wäre vermutlich zu gewöhnlich.
Lehrer sollen schließlich nicht wegen des Geldes Lehrer werden. Sie sollen Lehrer werden, weil sie an die Republik glauben, an die Jugend, an Voltaire, Victor Hugo, die Aufklärung, die Chancengleichheit und wahrscheinlich auch ein wenig an die Unsterblichkeit der französischen Verwaltung.
Die Vermieter in Paris haben für solche republikanischen Ideale bedauerlicherweise wenig Verständnis.
Sie bevorzugen Überweisungen.
Und damit sind wir beim Problem.
Die Republik bezahlt in Wertschätzung
Jahrelang konnte man die französische Lehrerschaft mit einem bemerkenswert einfachen politischen Geschäftsmodell verwalten: Der Staat lieferte Anerkennung in Worten, die Lehrer lieferten Unterricht in Wirklichkeit.
Das war günstig.
„Sie leisten eine unverzichtbare Arbeit.“
Danke.
„Sie sind das Rückgrat unserer Republik.“
Sehr freundlich.
„Sie bereiten unsere Kinder auf die Zukunft vor.“
Wunderbar.
Und jetzt bitte wieder zurück ins Klassenzimmer.
Das Wort „Wertschätzung“ gehört überhaupt zu den genialsten Erfindungen moderner Haushaltspolitik. Wertschätzung ist steuerfrei, schuldenbremsenkompatibel und verursacht keinerlei Personalkosten.
Man kann damit ganze Berufsgruppen bezahlen.
Zumindest rhetorisch.
Dann kam die Inflation.
Und plötzlich stellte sich heraus, dass der Supermarkt keine Wertschätzung akzeptiert.
An der Kasse von Carrefour funktioniert republikanisches Pathos ungefähr so gut wie eine abgelaufene Kreditkarte. Auch der Stromversorger zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt von der gesellschaftlichen Bedeutung des Lehrerberufs.
Und ein Vermieter senkt die Miete nur selten, weil sein Mieter täglich die Werte der Republik vermittelt.
So grausam kann Marktwirtschaft sein.
Emmanuel Macron und die wundersame Vermehrung der Prämien
Natürlich hat der Staat reagiert.
Es gab Aufwertungen. Prämien. Zulagen. Maßnahmen. Pakete. Weitere Maßnahmen. Neue Pakete.
Die französische Politik liebt Pakete fast so sehr wie Reformen.
Besonders praktisch sind Prämien. Eine Prämie kann politisch als Gehaltserhöhung präsentiert werden, ohne das gesamte Besoldungssystem grundsätzlich verändern zu müssen.
Und so entstand jene besondere Form staatlicher Großzügigkeit, bei der der Empfänger zunächst eine Broschüre benötigt, um herauszufinden, ob er überhaupt großzügig bedacht wurde.
Unter Emmanuel Macron ist diese Logik besonders sichtbar geworden: mehr Differenzierung, mehr Prämien, zusätzliche Vergütung für zusätzliche Aufgaben.
Der Staat sagt damit im Grunde: Natürlich verdienen Lehrer mehr Geld.
Sie müssen dafür nur noch ein bisschen mehr Lehrer sein.
Wer zusätzliche Aufgaben übernimmt, Vertretungen leistet oder sich an bestimmten Programmen beteiligt, kann zusätzlich verdienen.
Das klingt modern.
Es klingt leistungsorientiert.
Es klingt nach Management.
Nur übersieht diese Logik eine Kleinigkeit: Viele Lehrer empfinden bereits ihre normale Arbeit als ständig ausgeweitet.
Sie sollen unterrichten, fördern, dokumentieren, integrieren, digitalisieren, beraten, Konflikte lösen, Eltern beruhigen, Mobbing erkennen, Radikalisierung bemerken, Behinderungen berücksichtigen, psychische Probleme auffangen und möglichst verhindern, dass irgendein Kind auf dem Weg durch das Bildungssystem verloren geht.
Und dann kommt der Staat und sagt:
Wenn Sie mehr verdienen möchten, könnten Sie vielleicht noch etwas zusätzlich machen.
Man muss die Eleganz dieses Gedankens bewundern.
Der Lehrer als pädagogisches Schweizer Taschenmesser
Der moderne französische Lehrer ist längst kein Lehrer mehr.
Er ist Sozialarbeiter, Psychologe, Integrationshelfer, Verwaltungsangestellter, Medienpädagoge, Berufsberater, Konfliktmanager und gelegentlich Sicherheitsbeauftragter.
Zwischendurch unterrichtet er.
Das ist allerdings fast schon nostalgisch.
Die Schule soll heute Probleme lösen, die weit außerhalb der Schule entstehen.
Wenn Integration nicht funktioniert: Schule.
Wenn Jugendliche Schwierigkeiten mit sozialen Medien haben: Schule.
Wenn Gewalt zunimmt: Schule.
Wenn republikanische Werte erodieren: Schule.
Wenn soziale Ungleichheit wächst: Schule.
Wenn Kinder psychisch belastet sind: Schule.
Wenn Eltern überfordert sind: Schule.
Wenn die Demokratie Nachwuchsprobleme bekommt: natürlich Schule.
Das Klassenzimmer ist die Reparaturwerkstatt der französischen Gesellschaft geworden.
Nur beim Mechaniker diskutiert man weiterhin darüber, ob eine ordentliche Bezahlung womöglich seine intrinsische Motivation beschädigen könnte.
Bitte retten Sie die Republik – Ihre Wohnung ist leider Ihr Problem
Besonders hübsch wird diese Politik in Paris und anderen teuren Ballungsräumen.
Dort darf ein junger Lehrer eine praktische Einführung in Volkswirtschaftslehre absolvieren.
Kapitel eins: Angebot und Nachfrage.
Kapitel zwei: Wohnungsmarkt.
Kapitel drei: Warum Ihr Gehalt nicht reicht.
Ein junger Akademiker wird vom Staat dorthin geschickt, wo Lehrer benötigt werden, und stellt anschließend fest, dass die Wohnkosten einen beträchtlichen Teil seines Einkommens verschlingen.
Das ist immerhin pädagogisch wertvoll.
So lernt er unmittelbar, was Kaufkraft bedeutet.
Vielleicht könnte man dies künftig als Fortbildung anerkennen.
Denn natürlich kann man jungen Menschen weiterhin erzählen, der Lehrerberuf sei attraktiv.
Man darf sich nur nicht wundern, wenn sie nachrechnen.
Und junge Akademiker können rechnen.
Das ist für die Personalpolitik des Bildungsministeriums bedauerlich.
Sie vergleichen nämlich.
Sie sehen Freunde aus ihrem Studium, die in Unternehmen, Verwaltungen oder anderen qualifizierten Berufen arbeiten. Sie vergleichen Gehälter, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Status.
Dann hören sie, Lehrer hätten immerhin viele Ferien.
Das dürfte helfen.
Und wenn niemand kommt, nimmt man Contractuels
Der vielleicht aufschlussreichste Teil der französischen Bildungskrise ist der wachsende Rückgriff auf Vertragslehrer.
Die contractuels sind nicht das Problem. Viele von ihnen leisten engagierte und professionelle Arbeit unter schwierigen Bedingungen.
Sie sind vielmehr das Symptom.
Wenn sich nicht genügend Menschen für einen Beruf finden, gäbe es theoretisch eine naheliegende Reaktion: Man macht den Beruf attraktiver.
Frankreich hat eine weitere Möglichkeit entdeckt:
Man verändert die Art, wie man Menschen hineinbekommt.
Wo der klassische Weg über den Concours nicht genügend Lehrer hervorbringt, helfen Vertragskräfte, die Lücken zu schließen.
Das ist pragmatisch.
Ein Loch ist da. Ein Mensch wird hineingestellt. Das Loch ist weg.
Voilà.
Nur verschwindet dadurch nicht die Frage, warum das Loch überhaupt entstanden ist.
Ein Bildungssystem, das zunehmend Schwierigkeiten hat, genügend qualifizierte Bewerber für seine regulären Laufbahnen zu gewinnen, sollte vielleicht weniger darüber nachdenken, wie man Personalengpässe verwaltet, und mehr darüber, warum Menschen diesen Beruf meiden.
Es könnte dabei auf eine unangenehme Antwort stoßen.
Vielleicht ist der Beruf tatsächlich nicht attraktiv genug.
Die große französische Überraschung: Menschen arbeiten auch für Geld
Hier berührt die Debatte ein fast philosophisches Problem.
Von Lehrern erwartet die Gesellschaft traditionell eine besondere moralische Haltung.
Ein Banker darf wegen des Geldes arbeiten.
Ein Unternehmensberater darf Karriere machen wollen.
Ein Manager darf seinen Bonus interessant finden.
Ein Ingenieur darf ein höheres Gehalt verlangen.
Aber beim Lehrer wird plötzlich Rousseau hervorgeholt.
Der Lehrer soll berufen sein.
Er soll dienen.
Er soll Sinn suchen.
Er soll seine Arbeit lieben.
Das darf er selbstverständlich.
Nur sollte man aus seiner Berufung kein staatliches Rabattprogramm machen.
Gerade Berufe mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung sind besonders anfällig für diese moralische Erpressung: Weil deine Arbeit wichtig ist, solltest du weniger auf das Geld achten.
Man könnte die Logik auch umdrehen.
Weil die Arbeit wichtig ist, sollte der Staat besonders darauf achten, dass sie angemessen bezahlt wird.
Das wäre allerdings weniger poetisch.
Und teurer.
Was kostet eigentlich ein verlorener Lehrer?
Bei jeder Gehaltserhöhung wird nach den Kosten gefragt.
Völlig zu Recht.
Öffentliche Haushalte bestehen nicht aus Konfetti. Frankreich trägt eine hohe Staatsverschuldung, die öffentlichen Ausgaben sind beträchtlich, und kein Finanzminister kann Milliarden einfach aus republikanischer Begeisterung erschaffen.
Aber die interessante Frage lautet nicht nur:
Was kostet eine bessere Bezahlung?
Sie lautet auch:
Was kostet schlechte Bezahlung?
Was kostet es, wenn Stellen unbesetzt bleiben?
Was kostet es, wenn Unterricht ausfällt?
Was kostet es, wenn erfahrene Lehrer den Beruf verlassen?
Was kostet es, wenn junge Talente sich gar nicht erst bewerben?
Was kostet es, wenn Schulen in schwierigen Vierteln ständig neues Personal suchen?
Und was kostet eine Republik langfristig, wenn ausgerechnet jene Institution an Attraktivität verliert, die soziale Unterschiede wenigstens teilweise ausgleichen soll?
Diese Kosten erscheinen auf keiner monatlichen Gehaltsabrechnung.
Aber sie existieren.
Macron kann die Mathematik nicht wegmoderieren
Emmanuel Macron hat Frankreich gern als eine Nation beschrieben, die sich transformieren müsse.
Transformation ist eines jener herrlichen politischen Wörter, bei denen immer jemand transformiert wird.
Bei den Lehrern bedeutete Transformation in den vergangenen Jahren häufig: neue Anforderungen, neue Programme, neue Instrumente, neue Erwartungen.
Doch ein Staat kann seinen Bildungssektor nicht dauerhaft modernisieren, indem er die Menschen darin zu einer Art pädagogischer Verschleißmasse macht.
Eine Schule ist keine App.
Ein Lehrer lässt sich nicht mit einem Software-Update produktiver machen.
Und Personalpolitik lässt sich nicht dauerhaft durch Kommunikation ersetzen.
Man kann eine Pressekonferenz veranstalten.
Man kann eine „historische Aufwertung“ verkünden.
Man kann erklären, dass Bildung höchste Priorität habe.
Man kann Programme benennen, Pakte schließen und Prämien verteilen.
Am Monatsende bleibt trotzdem eine Zahl.
Lehrer sind beruflich sogar besonders gut darauf vorbereitet, Zahlen zu verstehen.
Frankreich bekommt die Schule, für die es bezahlt
Das Gehalt ist deshalb längst mehr als eine gewerkschaftliche Forderung.
Es ist ein politisches Misstrauensvotum.
Nicht gegen die Schule.
Sondern gegen die Vorstellung, dass man die Bedeutung eines Berufs jahrzehntelang rhetorisch erhöhen und seinen relativen materiellen Status gleichzeitig vernachlässigen könne.
Die Inflation hat diesen Widerspruch brutal sichtbar gemacht.
Plötzlich kostet der Wocheneinkauf mehr. Die Energie kostet mehr. Das Wohnen kostet mehr. Das Leben kostet mehr.
Und die republikanische Anerkennung?
Die bleibt erfreulich preisstabil.
Vielleicht liegt darin die bitterste Pointe.
Frankreich diskutiert seit Jahren über die Krise seiner Schule. Über Niveauverlust. Lehrermangel. Gewalt. Ungleichheit. Disziplin. Integration. Autorität. Pisa. Digitalisierung. Reformen.
Es wird untersucht, evaluiert, reformiert und erneut evaluiert.
Nur die einfachste Frage wirkt beinahe unanständig:
Warum sollte ein hochqualifizierter junger Mensch heute Lehrer werden?
Nicht aus Patriotismus.
Nicht aus Pflichtgefühl.
Nicht wegen der langen Sommerferien, die bekanntlich jeden Abend mit Korrekturen, Vorbereitungen und Konferenzen magisch verschwinden lassen.
Sondern als vernünftige Lebensentscheidung.
Darauf braucht Frankreich eine überzeugende Antwort.
Denn man kann Lehrer durchaus jahrelang mit Anerkennung bezahlen.
Man kann ihnen erklären, wie wichtig sie sind.
Man kann sie Helden des Alltags nennen.
Man kann ihnen die Zukunft der Kinder, den sozialen Frieden und nebenbei die Werte der Republik auf die Schultern legen.
Nur sollte man sich anschließend nicht überrascht zeigen, wenn diese Lehrer irgendwann eine geradezu unpädagogische Frage stellen:
Was bekomme ich eigentlich dafür?
Das ist keine Gier.
Es ist auch kein Verrat am Ideal des Lehrerberufs.
Es ist die Rechnung, die nach Jahren politischer Sonntagsreden auf dem Tisch liegt.
Und Frankreich sollte sie bezahlen.
Denn die Alternative wäre die teuerste Sparmaßnahme von allen:
eine Republik, die bei ihren Lehrern spart und eines Tages feststellen muss, dass sie damit an ihrer eigenen Zukunft gespart hat.
Von Andreas Brucker









