Schlagwort: Notre-Dame

  • Lag das gallische Paris doch unter Notre-Dame?

    Lag das gallische Paris doch unter Notre-Dame?

    Mitten im Herzen von Paris, nur wenige Schritte von Notre-Dame entfernt, sind Archäologen auf eine mächtige Konstruktion aus Stein und Holz gestoßen. Der Fund könnte eine Frage beantworten, über die Historiker seit Jahrzehnten streiten: Wo genau lag das gallische Lutetia, von dem Julius Caesar berichtete?

    Paris gräbt – und stößt dabei immer wieder auf sich selbst.

    Kaum eine europäische Metropole besitzt einen Untergrund, in dem sich zwei Jahrtausende Stadtgeschichte derart dicht übereinandergeschoben haben. Römische Thermen, mittelalterliche Fundamente, Gräber, Mauern und Straßen liegen unter den heutigen Boulevards. Doch ausgerechnet von der Stadt, die schon vor den Römern existiert haben soll, fehlte bislang etwas Entscheidendes: der archäologische Beweis.

    Das könnte sich nun ändern.

    Bei Ausgrabungen auf dem Gelände des Hôtel-Dieu, unmittelbar neben der Kathedrale Notre-Dame auf der Île de la Cité, legten Archäologen im Sommer 2026 eine rund 20 Meter lange Konstruktion frei. Sie besteht aus Stein und Holz, zeigt Spuren eines heftigen Brandes und erinnert in ihrer Bauweise an Befestigungsanlagen gallischer Siedlungen der späten Eisenzeit.

    Sollte sich die Datierung bestätigen, wäre dies weit mehr als irgendeine alte Mauer unter Paris.

    Dann hätten die Archäologen möglicherweise einen Teil jener Stadtbefestigung gefunden, die das gallische Lutetia schützte – jenes Lutetia, das Julius Caesar im ersten Jahrhundert vor Christus in seinem Bericht über den Gallischen Krieg erwähnte.

    Damit berührt der Fund eine der merkwürdigsten offenen Fragen der Pariser Frühgeschichte.

    Caesars geheimnisvolle Insel

    Caesar beschreibt Lutetia als eine Siedlung der Parisii, eines keltischen Stammes, auf einer Insel der Seine. Seit Generationen lag deshalb eine Vermutung nahe: Diese Insel müsse die heutige Île de la Cité gewesen sein, also genau jener Ort, auf dem später Notre-Dame, der Königspalast und schließlich das historische Zentrum von Paris entstanden.

    Klingt logisch.

    Nur hatte die Archäologie bislang ein Problem damit.

    Bei früheren Ausgrabungen auf der Île de la Cité fanden sich zwar zahlreiche Überreste aus römischer und späterer Zeit. Doch eindeutige Spuren einer größeren befestigten gallischen Siedlung blieben erstaunlich rar. Keine unmissverständliche Stadtmauer, keine mächtigen Befestigungswerke, nichts, was zweifelsfrei zum Lutetia Caesars gepasst hätte.

    Das brachte Historiker und Archäologen ins Grübeln.

    War Caesar ungenau? Hatte sich die Topographie der Seine stärker verändert als angenommen? Oder lag das gallische Lutetia womöglich gar nicht dort, wo später das römische und mittelalterliche Paris entstand?

    Eine andere Hypothese gewann deshalb an Gewicht. Im heutigen Nanterre westlich von Paris waren bedeutende gallische Siedlungsspuren entdeckt worden. Manche Forscher hielten es für möglich, dass dort das eigentliche Zentrum der Parisii gelegen hatte.

    Aus einer scheinbar simplen Frage entstand ein archäologischer Krimi: Wo war Paris, bevor Paris Paris wurde?

    Eine Mauer verändert die Debatte

    Genau deshalb sorgt der Fund beim Hôtel-Dieu für so große Aufmerksamkeit.

    Die massive Konstruktion passt nach ersten Einschätzungen zu Befestigungstechniken, wie sie bei gallischen Oppida bekannt sind. Ein Oppidum bezeichnet eine größere befestigte Siedlung der späten keltischen Eisenzeit – gewissermaßen eine frühe Stadt mit Schutzanlagen, Handelsplätzen, Wohnbereichen und politischer Funktion.

    Hinzu kommen deutliche Brandspuren.

    Auch das macht die Sache interessant, denn Caesar berichtet von kriegerischen Ereignissen rund um Lutetia während des gallischen Aufstands gegen Rom. Ob die Brandspuren tatsächlich damit zusammenhängen, lässt sich derzeit allerdings nicht seriös behaupten. Zwischen einer verführerischen historischen Geschichte und einem wissenschaftlich gesicherten Zusammenhang liegt manchmal ein ziemlich tiefer Graben.

    Die Fachleute bleiben deshalb vorsichtig.

    Ende August wurden Spezialisten für eisenzeitliche Befestigungen hinzugezogen. Mitte September beschäftigte sich eine wissenschaftliche Kommission mit dem Fund. Die Hinweise gelten offenbar als außergewöhnlich vielversprechend, doch Datierung, Funktion und Verlauf der Konstruktion müssen genauer untersucht werden.

    Denn eine alte Mauer allein macht noch kein Lutetia.

    Entscheidend dürften nun Holzanalysen, stratigraphische Untersuchungen und die Auswertung weiterer Fundstücke sein. Besonders Holz lässt sich unter günstigen Bedingungen erstaunlich genau datieren. Keramik, Metallobjekte oder organisches Material könnten ebenfalls helfen, die Anlage zeitlich einzuordnen.

    Paris bekommt möglicherweise seine Vorgeschichte zurück

    Bestätigt sich die Vermutung, hätte der Fund eine ungewöhnliche symbolische Bedeutung.

    Die römische Geschichte von Paris ist vergleichsweise gut sichtbar. Im Quartier Latin erinnern die Thermen von Cluny und die Arènes de Lutèce an das antike Lutetia. Das gallische Paris dagegen blieb bislang fast schemenhaft – bekannt aus Texten, Münzfunden und historischen Rekonstruktionen, aber ohne jenes monumentale Bauwerk, auf das man zeigen und sagen könnte: Hier stand die Stadt der Parisii.

    Genau das könnte sich nun ändern.

    Unter einem Krankenhaus neben einer der berühmtesten Kathedralen der Welt läge dann ein Stück jenes Paris, das existierte, bevor Römer, Könige, Revolutionäre und Stadtplaner die Metropole immer wieder neu erfanden.

    Vielleicht ist das die eigentliche Faszination dieses Fundes.

    Nicht die Erkenntnis, dass Paris gallische Wurzeln besitzt – daran bestand kaum ernsthafter Zweifel. Sondern die Möglichkeit, nach mehr als 2000 Jahren endlich einen konkreten Ort mit dem Lutetia Caesars verbinden zu können.

    Paris hätte damit nicht plötzlich eine neue Geschichte.

    Aber seine älteste Geschichte bekäme endlich eine Mauer.

    Andreas M. Brucker

  • Der Papst kommt – die Patienten warten

    Der Papst kommt – die Patienten warten

    Kommentar

    Manchmal schreibt die Wirklichkeit Satiren, bei denen jeder Redakteur sagen würde: ein bisschen weniger dick auftragen, bitte.

    Am Freitag kommt Papst Leo XIV. nach Paris. Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht Notre-Dame, also jenen Ort, an dem über Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und die Sorge um Schwache seit Jahrhunderten nicht gerade wenig gesprochen wird.

    Und was passiert direkt nebenan?

    Im Hôtel-Dieu werden wegen der Sicherheitsmaßnahmen medizinische Termine verschoben und Zugänge eingeschränkt.

    Man muss diesen Satz eigentlich nur zweimal lesen.

    Der Papst kommt.

    Und Kranke müssen warten.

    Nicht, weil Ärzte streiken. Nicht, weil ein Computertomograph kaputt ist. Nicht, weil ein Wasserrohr geplatzt ist.

    Sondern weil ein religiöses Oberhaupt vorbeikommt.

    Das ist schon eine bemerkenswerte Form christlicher Symbolpolitik.

    Natürlich braucht ein Papst Schutz. Selbstverständlich. Niemand schlägt ernsthaft vor, Leo XIV. ohne Personenschutz über den Vorplatz von Notre-Dame spazieren zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alle nett zueinander sind.

    Paris hat Erfahrung mit Terroranschlägen. Die Sicherheitsbehörden tragen Verantwortung. Das ist keine Nebensache.

    Aber genau deshalb existieren Sicherheitskonzepte.

    Ein Sicherheitskonzept soll Probleme lösen.

    Es soll nicht einfach andere Probleme schaffen und sie anschließend mit dem Wort „Sicherheit“ beschriften.

    Denn im Hôtel-Dieu geht es nicht darum, ob Monsieur Dupont am Freitag seinen Friseurtermin wahrnehmen kann. Es geht um MRT- und CT-Untersuchungen. Um Menschen, die teilweise seit Monaten auf Termine warten. Um Untersuchungen, bei denen es im schlimmsten Fall um schwere Erkrankungen geht.

    Und da wird die Geschichte plötzlich weniger komisch.

    Eine verschobene medizinische Untersuchung ist nämlich kein logistisches Detail.

    Für Behörden ist es ein Termin im Kalender.

    Für Patienten kann es die Frage sein, ob eine Diagnose am Freitag oder erst Wochen später gestellt wird.

    Die Gewerkschaft CGT nennt das „nicht akzeptabel“.

    Das klingt fast erstaunlich zurückhaltend.

    Denn besonders überzeugend wirkt die Begründung spätestens dann nicht mehr, wenn andere Einrichtungen innerhalb der Sicherheitszonen Lösungen finden.

    Das Institut Curie etwa hält den Zugang für Patienten mit Terminbestätigung und Ausweis aufrecht.

    Auch beim Palais de Justice wurden besondere Regelungen getroffen.

    Aha.

    Ein Gericht bekommt also einen geregelten Zugang.

    Andere medizinische Einrichtungen bekommen einen geregelten Zugang.

    Aber beim Hôtel-Dieu führt der Besuch des Papstes zu Einschränkungen, die medizinische Termine betreffen.

    Da drängt sich eine Frage geradezu auf:

    Warum geht dort nicht, was anderswo offenbar geht?

    Und bitte jetzt nicht einfach „Sicherheit“ sagen.

    Das ist keine Antwort.

    Das ist eine Überschrift.

    Man kann sich die Planungsbesprechung ungefähr vorstellen.

    Notre-Dame?

    Absperren.

    Straßen?

    Absperren.

    Métrostationen?

    Schließen.

    Krankenhaus?

    Schwierig.

    Patienten?

    Kommen später.

    Problem gelöst.

    So einfach ist moderne Großereignislogistik.

    Nur leider hat der menschliche Körper die unangenehme Angewohnheit, sich nicht an Protokollabteilungen zu halten.

    Ein verdächtiger Befund sagt nicht: „Ach, der Papst ist am Freitag da? Dann warten wir selbstverständlich bis Montag.“

    Ein Tumor respektiert keine Sicherheitszone.

    Eine Krankheit zeigt am Kontrollpunkt auch keinen Presseausweis vor.

    Und genau deshalb wirkt dieser Fall so grotesk.

    Das Hôtel-Dieu heißt übersetzt „Haus Gottes“.

    Es steht seit Jahrhunderten neben Notre-Dame.

    Und ausgerechnet wenn der Papst kommt, wird der Zugang zum Haus Gottes für viele Kranke komplizierter.

    Mehr Symbolik bekommt man selbst mit professioneller Dramaturgie kaum hin.

    Vielleicht wäre das sogar eine interessante Frage für Leo XIV. persönlich.

    Was hätte eigentlich Vorrang?

    Der möglichst reibungslose Ablauf eines Papstbesuchs?

    Oder der möglichst reibungslose Zugang eines Kranken zu seiner Untersuchung?

    Die Antwort dürfte theologisch nicht besonders kompliziert sein.

    Verwaltungstechnisch offenbar schon.

    Man muss auch nicht die Sicherheitsbehörden zum Feindbild erklären. Natürlich stehen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Der Schutz eines Papstes mitten im historischen Zentrum von Paris ist organisatorisch anspruchsvoll. Île de la Cité, Notre-Dame, Touristenströme, Verkehr, Terrorgefahr – das alles verlangt erhebliche Maßnahmen.

    Aber gerade deshalb darf man mehr erwarten als die bequemste Lösung.

    Sperren kann jeder.

    Organisieren ist schwieriger.

    Und genau darum geht es.

    Wenn Patienten mit Ausweis und Terminbestätigung anderswo kontrolliert durch Sicherheitszonen gelangen können, dann ist die Forderung nicht revolutionär, Ähnliches auch für ein Krankenhaus zu ermöglichen.

    Dafür braucht man keine Grundsatzdebatte über Religion.

    Man braucht Türen, Listen, Kontrollen und Beamte.

    Also ziemlich genau jene Dinge, die ein Sicherheitsapparat normalerweise beherrschen sollte.

    Die CGT hatte sich deshalb bereits direkt an Leo XIV. gewandt. Ein bemerkenswerter Vorgang.

    Eine Gewerkschaft schreibt dem Papst, damit Patienten wegen seines Besuchs nicht auf ihre Behandlung verzichten müssen.

    Allein dieser Satz müsste irgendwo in der Pariser Verwaltung einen Alarm auslösen.

    Nicht den Terroralarm.

    Den Absurditätsalarm.

    Denn niemand wirft dem Papst persönlich vor, MRT-Termine zu streichen.

    Natürlich nicht.

    Aber Großereignisse zeigen eben immer auch, welche Prioritäten ein Staat setzt, wenn verschiedene Interessen miteinander kollidieren.

    Und hier kollidieren zwei ausgesprochen gewichtige Interessen: Sicherheit und Gesundheitsversorgung.

    Beides muss möglich sein.

    Genau dafür gibt es Planung.

    Wenn die Lösung am Ende lautet, dass der hohe Gast geschützt wird und einige Kranke eben warten müssen, dann hat man das Problem nicht gelöst.

    Man hat es nur weitergereicht.

    An diejenigen, die sich am schlechtesten dagegen wehren können.

    Vielleicht liegt genau darin die bitterste Pointe dieser Geschichte.

    Leo XIV. reist nach Frankreich und wird zweifellos über Frieden, Menschlichkeit, Solidarität und die Würde des Einzelnen sprechen.

    Während wenige Meter entfernt womöglich jemand vor seinem Telefon sitzt und liest:

    Ihr Untersuchungstermin muss leider verschoben werden.

    Wegen des Papstes.

    Man könnte darüber lachen.

    Wenn es nicht so traurig wäre.

    Christine Macha

  • Papstbesuch in Paris: Wo am 25. und 26. September mit Sperrungen zu rechnen ist

    Papstbesuch in Paris: Wo am 25. und 26. September mit Sperrungen zu rechnen ist

    Der Besuch von Papst Léon XIV. bringt Paris am Freitag, 25. September, und Samstag, 26. September 2026, erhebliche Verkehrsbehinderungen. Autofahrer müssen mit großräumigen Sperrungen rechnen, zahlreiche Metro- und RER-Stationen bleiben zeitweise geschlossen, Buslinien werden umgeleitet.

    Besonders betroffen sind am Freitag das Zentrum rund um Notre-Dame, die Île de la Cité, Saint-Michel, das Quartier Latin und Montparnasse. Am Samstag verlagert sich der Schwerpunkt auf die Place de la Concorde, die Champs-Élysées und den Bereich rund um den Arc de Triomphe.

    Am Freitag fährt der Papst am Nachmittag mit dem Papamobil von Notre-Dame-des-Champs in Richtung Place Saint-Michel. In diesem Bereich gelten bereits ab dem Morgen weitreichende Verkehrs- und Parkverbote.

    Auch rund um Notre-Dame sind zahlreiche Straßen und Seine-Ufer gesperrt. Die Kathedrale selbst bleibt am Donnerstag und Freitag für Besucher geschlossen.

    Bei Metro und RER treffen die Einschränkungen besonders zentrale Stationen. Am Freitag schließen im Laufe des Tages unter anderem Cité, Odéon, Luxembourg, Port-Royal, Duroc, Alma-Marceau und Iéna. Am Abend folgen mehrere Stationen entlang der Champs-Élysées.

    Auch der RER B ist betroffen: Zwischen Châtelet–Les Halles und Denfert-Rochereau fahren die Züge zeitweise ohne Halt an mehreren Stationen durch.

    Am Samstag sollten Reisende vor allem den Bereich Concorde–Champs-Élysées–Étoile meiden. Mehrere Stationen bleiben von Betriebsbeginn an geschlossen, darunter Charles-de-Gaulle–Étoile, George V, Franklin D. Roosevelt, Concorde und Tuileries.

    Für Besucher der großen Messe am Samstag um 15 Uhr empfiehlt es sich, weiter entfernt auszusteigen und den Rest zu Fuß zurückzulegen. Geeignete Ausgangspunkte sind beispielsweise Saint-Lazare, Opéra, Madeleine, Invalides, Miromesnil oder Porte Maillot.

    Autofahrern ist an beiden Tagen zu großräumigen Umfahrungen zu raten. Am Freitag betrifft dies vor allem Montparnasse, Saint-Michel, Île de la Cité und Invalides, am Samstag Concorde, Champs-Élysées, Étoile, Alma und Iéna.

    Auch Busse sind keine verlässliche Alternative, da zahlreiche Linien verkürzt oder umgeleitet werden.

    Wer am Freitagabend zur Vigil im Stade de France fährt, sollte bevorzugt die Linie 14 bis Saint-Denis–Pleyel nutzen. Rund 80.000 Besucher werden erwartet.

    Die wichtigste Empfehlung lautet deshalb: Fahrten möglichst früh planen, größere Zeitreserven einkalkulieren und die Verkehrslage kurz vor Abfahrt noch einmal prüfen. Zusätzliche Sperrungen können von den Behörden kurzfristig angeordnet werden.

    Daniel Ivers

  • Zuerst Papst, dann Staatsoberhaupt: Warum Leo XIV. in Frankreich auf die Ehren eines Staatsbesuchs verzichtet

    Zuerst Papst, dann Staatsoberhaupt: Warum Leo XIV. in Frankreich auf die Ehren eines Staatsbesuchs verzichtet

    Wenn Papst Leo XIV. am 25. September in Paris landet, empfängt Frankreich einen Gast mit einer ungewöhnlichen Doppelrolle. Der Pontifex ist geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Souverän des Vatikanstaats. Genau diese beiden Funktionen sorgen vor seinem viertägigen Frankreich-Besuch für eine protokollarisch heikle Frage: Kommt Leo XIV. als Staatschef – oder als Papst? Die Antwort des Vatikans fällt deutlich aus. Rom bezeichnet die Reise vom 25. bis 28. September ausdrücklich als „apostolische Reise“. Das Protokoll trägt dieser Gewichtung Rechnung. Zwei Rollen in einer Person Das Problem beginnt mit einer staatsrechtlichen Besonderheit. Der Papst steht nicht nur an der Spitze einer weltumspannenden Religionsgemeinschaft. Er ist zugleich Souverän des Staates der Vatikanstadt. Diplomatisch handelt allerdings in erster Linie der Heilige Stuhl, der als eigenständiges Völkerrechtssubjekt internationale Beziehungen unterhält. 184 Staaten unterhalten derzeit diplomatische …

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  • Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich bereitet sich auf einen der grössten religiösen Anlässe der vergangenen Jahrzehnte vor. Vom 25. bis 28. September reist Papst Leo XIV. nach Paris, Lourdes und Metz. Es ist der erste Besuch eines Papstes in der französischen Hauptstadt seit Benedikt XVI. im Jahr 2008. Mehr als eine Million Menschen könnten an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Doch die Reise ist weit mehr als ein katholisches Grossereignis: Sie berührt das schwierige Verhältnis Frankreichs zur Religion, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche und nicht zuletzt die Frage nach Europas politischer und kultureller Identität.

    Vier Tage zwischen Republik und Kirche

    Der Auftakt könnte symbolischer kaum sein. Am 25. September landet Leo XIV. in Paris und wird zunächst von Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast empfangen. Anschliessend trifft er Vertreter der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Dass ein Papst im laizistischen Frankreich mit derartiger Aufmerksamkeit empfangen wird, ist keineswegs selbstverständlich. Seit dem Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat von 1905 gehört die laïcité zu den tragenden Prinzipien der französischen Republik. Der Staat erkennt keine Religion als privilegiert an und finanziert grundsätzlich keinen Kultus.

    Doch Frankreichs Verhältnis zum Katholizismus ist komplizierter, als es dieses Prinzip vermuten lässt. Die Republik ist säkular, ihre Geschichte und ihr kulturelles Erbe sind es nicht. Kathedralen, Klöster, Feiertage und Pilgerorte gehören ebenso zur französischen Identität wie die republikanische Tradition der Trennung von Religion und Politik.

    Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Besuch von Leo XIV.

    Nach seinem Treffen mit Macron spricht der Papst am Sitz der UNESCO. Damit erhält die Reise bereits am ersten Tag eine internationale Dimension. Themen wie Bildung, Kultur, Frieden und der Schutz des kulturellen Erbes gehören traditionell zu jenen Feldern, auf denen der Heilige Stuhl seine diplomatische Rolle besonders sichtbar macht.

    Danach folgt eine Fahrt im Papamobil durch Paris. Am späten Nachmittag feiert Leo XIV. mit Bischöfen, Priestern, Diakonen und Ordensleuten die Vesper in Notre-Dame.

    Auch dieser Ort trägt eine aussergewöhnliche Symbolik. Die Kathedrale wurde nach dem verheerenden Brand von 2019 im Dezember 2024 wiedereröffnet. Der Papstbesuch macht Notre-Dame erneut zu einer Bühne, auf der sich französische Geschichte, christliches Erbe und moderne nationale Identität überschneiden.

    Am Abend werden rund 80 000 Jugendliche zu einer Gebetsvigil im Stade de France in Saint-Denis erwartet.

    Eine Messe für eine halbe Million Menschen

    Der organisatorische Höhepunkt folgt am Samstag. Nach einem Besuch im Sozial- und Integrationszentrum Maison Bakhita und einer Begegnung am Institut Catholique de Paris feiert Leo XIV. um 15 Uhr eine Messe auf der Place de la Concorde.

    Rund 500 000 Menschen werden im Bereich zwischen Concorde und Champs-Élysées erwartet. Die Zahl könnte noch steigen. Anfang September waren für die Veranstaltungen der Papstreise insgesamt bereits mehr als 700 000 Teilnehmer registriert; zeitweise gingen täglich Tausende weitere Anmeldungen ein.

    Damit erreicht der Besuch Dimensionen, wie sie Frankreich sonst eher von politischen Grossereignissen, internationalen Sportveranstaltungen oder nationalen Gedenkfeiern kennt.

    Die logistischen Anforderungen sind entsprechend hoch. Allein die kirchlichen Organisatoren rechnen mit rund 12 000 freiwilligen Helfern. Der französische Staat plant auf dem Höhepunkt des Besuchs ein Sicherheitsdispositiv von etwa 15 000 Polizisten, Gendarmen, Angehörigen mobiler Einheiten und Soldaten der Operation Sentinelle. Rund 14 000 Sicherheitskräfte sollen zeitweise allein in Paris eingesetzt werden.

    Die Regierung hat den Papstbesuch offiziell als «Grossereignis» im Sinne des französischen Sicherheitsrechts eingestuft. Hintergrund sind vor allem die enormen Menschenansammlungen und das damit verbundene Terrorismusrisiko. Eine konkrete terroristische Bedrohung war Anfang September nach Angaben der Behörden allerdings nicht bekannt.

    Auch finanziell ist das Ereignis aussergewöhnlich. Die französische Bischofskonferenz beziffert die Kosten inzwischen auf rund 27 Millionen Euro. Finanziert werden Organisation, Infrastruktur und kirchliche Veranstaltungen vor allem von der Kirche und durch private Spenden; die staatlichen Sicherheitsmassnahmen trägt hingegen die öffentliche Hand. Anfang September waren erst rund 5,5 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen.

    Lourdes und die offene Wunde des Missbrauchs

    Am Samstagabend reist Leo XIV. weiter nach Lourdes. Der Wallfahrtsort am Fuss der Pyrenäen gehört zu den bedeutendsten katholischen Pilgerstätten der Welt. Für den Sonntag rechnen die Organisatoren dort mit etwa 150 000 Besuchern.

    Das Programm folgt zunächst der klassischen Symbolik von Lourdes: Gebet an der Grotte von Massabielle, eine grosse Messe auf der Prairie des Heiligtums und am Sonntagabend Rosenkranz und Lichterprozession.

    Doch der vielleicht politisch und kirchlich sensibelste Termin steht nicht im öffentlichen Mittelpunkt des offiziellen Programms. Leo XIV. soll in Lourdes sieben Menschen treffen, die innerhalb der katholischen Kirche Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

    Die Begegnung ist für die französische Kirche von besonderer Bedeutung. Seit der Veröffentlichung des Berichts der unabhängigen Untersuchungskommission CIASE im Jahr 2021 steht das Ausmass sexuellen Missbrauchs im französischen Katholizismus im Zentrum einer schmerzhaften Aufarbeitung. Die Kommission kam damals zu dem Ergebnis, dass seit 1950 Hunderttausende Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere mit der Kirche verbundene Personen geworden waren.

    Dass Leo XIV. Betroffene persönlich trifft, ist deshalb nicht bloss eine pastorale Geste. Es berührt unmittelbar die Glaubwürdigkeit einer Institution, die um Vertrauen ringt.

    Ein säkulares Land mit katholischem Gedächtnis

    Die Reise fällt zugleich in eine bemerkenswerte Phase des französischen Katholizismus.

    Langfristig ist der Bedeutungsverlust eindeutig. Nach einer Ifop-Erhebung von 2025 erklärten nur noch 41 Prozent der Franzosen, an Gott zu glauben; 1947 waren es noch 66 Prozent gewesen. Nur 26 Prozent gaben an, zumindest einige Male im Jahr eine Messe zu besuchen. 1961 waren es noch 68 Prozent.

    Gleichzeitig zeigen sich gegenläufige Entwicklungen. Die französische Kirche registriert seit einigen Jahren einen starken Anstieg bei Erwachsenentaufen und Katechumenen. Gerade unter jüngeren Erwachsenen scheint Religion für eine kleine, aber sichtbare Minderheit wieder stärker identitätsstiftend zu werden.

    Von einer «Rückkehr Frankreichs zum Katholizismus» zu sprechen wäre deshalb übertrieben. Eher verändert sich die Struktur des französischen Katholizismus: Aus einer einst gesellschaftlich dominierenden Volkskirche wird zunehmend eine kleinere, bewusst praktizierende Gemeinschaft.

    Der Papstbesuch macht diese Minderheit für einige Tage aussergewöhnlich sichtbar.

    Metz und die europäische Botschaft

    Die letzte Station der Reise führt Leo XIV. am 28. September nach Metz. Die Wahl der lothringischen Stadt ist politisch aufgeladen.

    Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend steht eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel «Zu den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit» auf dem Programm.

    Der Bezug auf Robert Schuman ist bewusst gewählt. Der französische Aussenminister und christdemokratische Politiker gehörte gemeinsam mit Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Jean Monnet zu den prägenden Figuren der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt als einer der politischen Ausgangspunkte der heutigen Europäischen Union.

    Metz liegt zudem in einer Grenzregion, deren Geschichte von den französisch-deutschen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Kaum ein Ort eignet sich deshalb besser, um über Versöhnung, Frieden und europäische Zusammenarbeit zu sprechen.

    Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der angespannten Beziehungen zu Russland und der wachsenden strategischen Unsicherheit Europas erhält diese Botschaft eine Aktualität, die weit über kirchliche Fragen hinausgeht.

    Am Nachmittag feiert Leo XIV. in der Kathedrale Saint-Étienne seine letzte Messe auf französischem Boden, bevor er nach Rom zurückkehrt.

    Die Reise zeigt damit eine bemerkenswerte Dramaturgie. Paris steht für das Verhältnis zwischen Kirche, Republik und internationaler Diplomatie. Lourdes verkörpert Glauben und Wallfahrt, aber ebenso die Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der Kirche. Metz verbindet schliesslich christliches Erbe mit der politischen Idee Europas.

    Gerade darin liegt die Bedeutung des Besuchs. Leo XIV. kommt nicht in ein Land, in dem die katholische Kirche noch die gesellschaftliche Stellung früherer Jahrzehnte besitzt. Er kommt in eine weitgehend säkularisierte Republik, in der religiöse Bindungen schwächer geworden sind, das katholische Erbe aber weiterhin tief in Landschaft, Architektur, Geschichte und kollektiver Erinnerung verankert ist.

    Wenn Hunderttausende Menschen Ende September auf den Champs-Élysées, in Lourdes und in Metz zusammenkommen, wird deshalb nicht nur sichtbar werden, wie viele Katholiken Frankreich noch mobilisieren kann. Der Besuch dürfte zugleich zeigen, welche Rolle Religion in einer europäischen Gesellschaft spielen kann, die politisch säkular geworden ist, ihre religiöse Vergangenheit aber keineswegs vollständig hinter sich gelassen hat.

    P.T.

  • Papst Leo XIV. kommt nach Frankreich – ein Besuch mit politischer Signalwirkung

    Papst Leo XIV. kommt nach Frankreich – ein Besuch mit politischer Signalwirkung

    Der Vatikan hat den ersten Frankreich-Besuch von Papst Leo XIV. offiziell bestätigt. Vom 25. bis 28. September wird das neue Oberhaupt der katholischen Kirche mehrere Stationen in Frankreich besuchen. Bereits die Ankündigung zeigt: Diese Reise ist weit mehr als ein rein pastoraler Termin. Sie markiert den Beginn eines Pontifikats, das sich offenbar stärker als unter Papst Franziskus den politischen und institutionellen Zentren Europas zuwendet. Die Einladung erfolgte gemeinsam durch Präsident Emmanuel Macron, die französische Kirche sowie die UNESCO. Damit erhält der Besuch von Beginn an eine doppelte Dimension – religiös und geopolitisch. Besonders die bereits bestätigte Station am Sitz der UNESCO in Paris deutet darauf hin, dass Leo XIV. die großen gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart offensiv aufgreifen will: Bildung, Kultur, künstliche Intelligenz und die Frage nach den ethischen Grundlagen moderner Gesellschaften. Paris als Bühne eines neuen Pontifikats Das detaillierte Progr…

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  • Hinter den Kulissen des Vatikans: Was die Gerüchte um Papst Leo XIV. und Emmanuel Macron wirklich bedeuten

    Hinter den Kulissen des Vatikans: Was die Gerüchte um Papst Leo XIV. und Emmanuel Macron wirklich bedeuten

    Ein scheinbar harmloser diplomatischer Vorgang hat sich binnen Tagen zur medialen Kontroverse entwickelt: Der französische Präsident Emmanuel Macron sei vom neuen Papst Leo XIV. «kaltgestellt» worden – so jedenfalls behaupten es kursierende Beiträge in sozialen Netzwerken. Doch eine genaue Analyse zeigt: Die Behauptung ist nicht nur falsch, sondern offenbart tiefere Missverständnisse über die Funktionsweise vatikanischer Diplomatie und die komplexe Beziehung zwischen Paris und dem Heiligen Stuhl. Der Ursprung einer Falschmeldung Seit Anfang Januar 2026 kursieren in sozialen Netzwerken wie X (ehemals Twitter) zahlreiche Behauptungen, Papst Leo XIV. habe eine geplante Audienz mit Emmanuel Macron aus politischen oder kulturellen Gründen explizit verweigert. Als Beleg dienten angebliche Aussagen vatikanischer Kreise über Unmut in Bezug auf französische Entscheidungen wie die umstrittene Gestaltung der neuen Glasfenster in der Kathedrale Notre-Dame de Paris oder die Debatte um ein neues Ges…

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  • Die stille Wucht einer Rückkehr: Wie Notre-Dame zum neuen Herz des Pariser Tourismus geworden ist

    Die stille Wucht einer Rückkehr: Wie Notre-Dame zum neuen Herz des Pariser Tourismus geworden ist

    Als die Türen von Notre-Dame im Dezember 2024 erstmals wieder aufschwangen, lag ein Hauch von Neuanfang in der Luft – ein leises Raunen, das über den Vorplatz wehte, als hätte der Stein selbst aufgeatmet. Ein Jahr später hat sich dieses Raunen in ein internationales Echo verwandelt. Mehr als elf Millionen Menschen haben die Kathedrale seit dem Abschluss der Restaurierung betreten. Elf Millionen – eine Zahl, die selbst für Paris wie ein Ausrufezeichen wirkt. Wer die restaurierte Kathedrale betritt, spürt sofort, weshalb sie plötzlich mehr Besucher anzieht als vor der Katastrophe von 2019. Der Brand, der einst die Welt erschütterte, hat eine zweite Geschichte geschrieben: die eines Wiederaufbaus, der die Grenzen technischer Machbarkeit auslotete und gleichzeitig die emotionale Bindung der Menschen an diesen Ort ins grelle Licht rückte. Fünf Jahre lang wuchs die Baustelle über sich hinaus. Fast 840 Millionen Euro an internationalen Spenden flossen in dieses Mammutprojekt – ein globales Be…

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  • Notre-Dame öffnet ihre Türme wieder: Ein neuer Aufstieg ins Herz von Paris

    Notre-Dame öffnet ihre Türme wieder: Ein neuer Aufstieg ins Herz von Paris

    Ein halbes Jahrzehnt lang blieben sie verschlossen, verborgen hinter Baugerüsten, Rußspuren und Sicherheitszonen. Jetzt, anlässlich der Europäischen Tage des Denkmals, ist es so weit: Am Samstag, dem 20. September 2025, öffnen die Türme der Kathedrale Notre-Dame de Paris wieder ihre Pforten für Besu…

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  • Wenn Wahrheit in Flammen steht – Wie ein altes Video zur Notre-Dame erneut Verschwörungstheorien entfacht

    Wenn Wahrheit in Flammen steht – Wie ein altes Video zur Notre-Dame erneut Verschwörungstheorien entfacht

    Ein paar Sekunden genügen – und das Netz brennt. Eine alte, längst widerlegte Videoaufnahme von der brennenden Kathedrale Notre-Dame in Paris kursiert wieder auf sozialen Plattformen. Und mit ihr kehren absurde Theorien zurück, die eigentlich schon 2019 widerlegt waren. Das Video zeigt lodernde Flammen und dramatische Rauchschwaden über dem historischen Bauwerk. Untermalt wird die Szene von Kommentaren, die auf einen angeblich „verschleierten Terroranschlag“ hinweisen – völlig ohne Belege. Schon damals, im April 2019, hatten französische Ermittler klar festgestellt: Das Feuer war ein tragischer Unfall, ausgelöst durch Renovierungsarbeiten. Keine kriminellen Hintergründe, keine Verschwörung. Doch das Internet vergisst nicht – oder besser gesagt: Es erinnert sich genau dann, wenn es Klicks verspricht.

    Lügen, die länger leben als Fakten Schon kurz nach dem Brand vor sechs Jahren schossen Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem…

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