Schlagwort: Naturkatastrophe

  • Wenn der Fluss nicht mehr schweigt: Die unaufhaltsame Flut in der Gironde

    Wenn der Fluss nicht mehr schweigt: Die unaufhaltsame Flut in der Gironde

    Der Fluss atmet anders in diesen Tagen.

    Schwerer. Träger. Bedrohlicher.

    Im Februar 2026 hat sich die Garonne in eine wuchtige, bräunliche Wassermasse verwandelt, die sich unaufhaltsam durch den Südwesten Frankreichs schiebt. In der Gironde steigen die Pegel auf Werte, die seit Jahrzehnten kaum gemessen wurden. Die Region erlebt Ausnahmezustand – und eine erneute Lektion in Demut gegenüber der Natur.

    Auslöser der dramatischen Entwicklung war das Sturmtief Nils, das mit ungewöhnlicher Wucht vom Atlantik hereinbrach. In der gesamten Nouvelle-Aquitaine bestimmen seither hydrologische Warnmeldungen, Evakuierungspläne und bange Blicke auf die Pegelanzeigen den Alltag. Die Behörden riefen die höchste Hochwasserwarnstufe aus. Ein Schritt, der nicht leichtfertig erfolgt.

    Diesmal trifft es nicht nur einzelne Uferabschnitte.

    Das gesamte Flusssystem wirkt überlastet.

    Bereits flussaufwärts, im Département Lot-et-Garonne, standen mehrere Gemeinden teilweise oder vollständig unter Wasser. In Tonneins verschwanden Straßen unter trübem Hochwasser. Der Druck auf die Deiche wuchs bedrohlich. Rund 1.500 Menschen verließen vorsorglich ihre Häuser. Wer einmal erlebt hat, wie Feuerwehrleute in Gummistiefeln an Türen klopfen und zur Eile mahnen, vergisst diesen Moment nicht so schnell.

    Die Gironde, am Unterlauf des Flusses gelegen, spürt nun die geballte Kraft der Wassermassen. Die Garonne funktioniert wie ein Trichter. Regen, der über den Pyrénées, dem Gers, dem Lot und der Dordogne niedergeht, sammelt sich unaufhaltsam in Richtung Bordeaux und Mündung.

    Eine schlichte, unerbittliche Mechanik.

    In Bordeaux selbst herrscht angespannte Wachsamkeit. Die historischen Uferpromenaden, einst Symbol städtischer Erneuerung, stehen stellenweise unter Wasser. Radwege verschwinden, Hausboote schwanken im kräftigen Strom. Noch bleiben katastrophale Höchststände aus – doch die Nervosität liegt in der Luft.

    Auf dem Land zeigt sich die Lage oft dramatischer. Nebenstraßen sind abgeschnitten, Felder überflutet, Betriebe blicken auf Ernten, die buchstäblich im Wasser stehen. In manchen Orten herrscht eine eigentümliche Stille. Kein Verkehr, kein Stimmengewirr. Nur das gleichmäßige Rauschen des Flusses. Fast gespenstisch.

    Meteorologen sprechen von einem außergewöhnlichen Ereignis. Orkanartige Böen trafen auf Böden, die nach einem ohnehin nassen Winter kaum noch Feuchtigkeit aufnehmen konnten. Fällt auf gesättigte Erde weiterer Starkregen, fließt das Wasser oberirdisch ab. Es sammelt sich, beschleunigt, drängt in Bäche und Ströme.

    Die Folge: Überflutung.

    Historisch betrachtet kennt die Region dieses Risiko. Chroniken berichten bereits im Mittelalter von schweren Hochwassern. Doch der Rhythmus verändert sich. Extreme Ereignisse treten häufiger auf, intensiver, flächendeckender. Was früher als Jahrhundertflut galt, wirkt heute fast zyklisch. Man möchte sagen: Das Klima dreht am Lautstärkeregler.

    Längere Trockenphasen im Sommer, drastische Regenmengen im Winter – ein irritierender Gegensatz. Die Wissenschaft beschreibt eine Beschleunigung des Wasserkreislaufs. Mehr Energie in der Atmosphäre führt zu heftigeren Niederschlägen. Die Gironde illustriert diese neue Realität exemplarisch: Wasserknappheit in heißen Monaten, Überfluss in der kalten Jahreszeit. Verrückt, aber wahr.

    Krisenpläne greifen, Einsatzkräfte koordinieren Evakuierungen, Pegelstände stehen unter permanenter Beobachtung. Dennoch zeigt sich eine Grenze staatlicher Steuerung. Gegen die langsame, stetige Kraft eines anschwellenden Flusses existiert kein schneller Hebel. Technik verschafft Zeit – Kontrolle jedoch nicht.

    So bleibt vorerst nur das Warten.

    Auf sinkende Pegel.

    Auf trockenere Tage.

    Und auf die bange Frage, die sich hinter vorgehaltener Hand viele stellen: Wann kommt die nächste Flut?

    Die Garonne bleibt Lebensader und Risiko zugleich. Sie nährt Weinberge, prägt Landschaften, schenkt Städten Identität. Doch sie erinnert mit jeder Flut daran, dass menschliche Planung an natürlichen Grenzen endet.

    Ein Fluss vergisst nichts.

    Und er verhandelt nicht.

    Daniel Ivers

  • Die Garonne steigt – Südwestfrankreich ringt mit einem Ausnahmehochwasser

    Die Garonne steigt – Südwestfrankreich ringt mit einem Ausnahmehochwasser

    Der Südwesten Frankreichs steht unter Hochspannung. Während anderswo der Februar graue Routine verspricht, blickt man zwischen Bordeaux und Agen mit sorgenvoller Stirn auf Pegelstände, die seit Tagen nicht weichen wollen. Die Hochwasserwarnungen bleiben bestehen, in mehreren Départements gilt weiterhin höchste Alarmstufe. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: die Garonne, jener mächtige Strom, der sich vom spanischen Hochland bis zur Gironde-Mündung windet und nun erneut über die Ufer tritt. Wer die Region kennt, weiß, dass Hochwasser hier kein Fremdwort ist. Doch diesmal trägt das Ereignis eine andere Dimension. Die Böden sind nach Wochen unablässiger Niederschläge gesättigt wie ein Schwamm, der keinen Tropfen mehr aufnehmen mag. Jede weitere Regenfront verwandelt sich in unmittelbaren Abfluss – und damit in steigende Pegel. Hydrologen sprechen von einem klassischen Kumulationseffekt: Nicht der einzelne Starkregen entscheidet, sondern die Summe vieler nasser Tage. Besonders kritisch zeigt si…

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  • Als das Wasser kam: Wie Sturm Nils eine Kleinstadt in der Vendée einschloss

    Als das Wasser kam: Wie Sturm Nils eine Kleinstadt in der Vendée einschloss

    In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, als der Regen nicht mehr aufhörte, verwandelte sich das beschauliche Leben von Chantonnay in ein Szenario, das viele nur aus Fernsehbildern kennen. Straßen verschwanden unter braunem Wasser, Gärten glichen Seenlandschaften, und ganze Wohnviertel lagen plötzlich wie Inseln inmitten einer unruhigen, strömenden Fläche. Die Tempête Nils traf die kleine Gemeinde im Département Vendée mit einer Wucht, die selbst erfahrene Anwohner überraschte. Die Nacht sei lang gewesen, erzählen Bewohner am Morgen danach. Kaum jemand habe wirklich geschlafen. Erst prasselte der Regen gleichmäßig, fast monoton. Dann, gegen späten Abend, intensivierten sich die Niederschläge. Innerhalb weniger Stunden sättigte sich der Boden vollständig. Felder, die noch Tage zuvor Wasser aufgenommen hatten, gaben nichts mehr her. Das Wasser suchte sich andere Wege – über Straßen, durch Einfahrten, in Senken zwischen Häuserreihen. Die umliegenden Bäche, sonst eher unscheinbar, traten …

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  • Tornado: Als der Himmel über der Gironde die Kontrolle verlor

    Tornado: Als der Himmel über der Gironde die Kontrolle verlor

    Der Sturm ist weitergezogen, doch die innere Unruhe bleibt. In mehreren Gemeinden der Gironde versuchen die Menschen seit dem vergangenen Samstag zu begreifen, was geschehen ist. Ein Tornado von ungewöhnlicher Intensität hat Dächer abgedeckt, Bäume wie Streichhölzer geknickt und das Gefühl der Sicherheit erschüttert, das in dieser Region lange als selbstverständlich galt. Die Rettungskräfte haben ihre Einsätze beendet, die Sirenen schweigen wieder. Aber Ruhe fühlt sich anders an. Es war einer dieser Tage, an denen das Wetter seine Drohungen zunächst nur andeutet. Schwere Wolken, drückende Luft, ein Grollen in der Ferne. Nichts, was man nicht schon erlebt hätte. Und doch verdichtete sich die Lage innerhalb weniger Minuten zu einem meteorologischen Ausnahmezustand. Ein rotierender Luftwirbel bildete sich, gewann an Kraft und fegte durch Wohngebiete und ländliche Zonen. Wer hinaussah, sah plötzlich nichts mehr, nur Grau, Staub, fliegende Trümmer. Dann dieses Geräusch, das viele Betroffene…

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  • Wenn das Wasser bleibt: Wie die Überschwemmungen in der Bretagne Unternehmen lahmlegen

    Wenn das Wasser bleibt: Wie die Überschwemmungen in der Bretagne Unternehmen lahmlegen

    Die Bretagne erlebt seit Ende Januar Tage, die man dort so schnell nicht vergessen wird. Regen, der nicht aufhört. Flüsse, die nicht zurückweichen. Straßen, die verschwinden. In den Départements Finistère, Morbihan, Ille-et-Vilaine und Côtes-d’Armor steht das Wasser vielerorts höher als in den Erinnerungen selbst älterer Einwohner. Und während Einsatzkräfte Deiche sichern und Anwohner ihre Häuser räumen, steht ein anderer Teil des Lebens still – die Wirtschaft. Was abstrakt nach „Betriebsunterbrechung“ klingt, ist vor Ort bittere Wirklichkeit. Werkstätten, deren Maschinen unter Wasser stehen. Läden, die ihre Türen nicht öffnen können, weil der Gehweg davor zum Kanal geworden ist. Lagerhallen, in denen Kartons aufweichen wie Pappe im Regen. In Orten entlang der Laïta, der Vilaine oder des Oust zeigt sich, wie verletzlich selbst solide gewachsene Wirtschaftsstrukturen sind, wenn das Wasser kommt und bleibt. In Quimperlé etwa, einer Stadt, die Hochwasser kennt, aber selten in dieser Dauer…

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  • Ein Tornado, wenige Sekunden, ein Dorf im Ausnahmezustand

    Ein Tornado, wenige Sekunden, ein Dorf im Ausnahmezustand

    Es geht schnell. So schnell, dass die Angst kaum Zeit findet, sich zu melden. Am Sonntagnachmittag, dem 25. Januar, fegte ein kleiner Tornado über die Gemeinde Riocaud im Département Gironde hinweg und hinterließ ein Bild, das eher an einen Sturm aus dem amerikanischen Mittleren Westen erinnert als an das sonst so beschauliche Südwestfrankreich.

    Das Dach der Dorfkirche hielt den Kräften nicht stand. Es wurde schlicht davongetragen, als bestünde es aus Papier. Rundherum liegen entwurzelte Bäume, beschädigte Denkmäler, blockierte Straßen. Das Zentrum des Dorfes wirkt wie nach einem Schlag, der aus heiterem Himmel kam – was er auch tat.

    In einem benachbarten Ort lag das Wohnhaus von Véronique Vergnioll direkt auf der Zugbahn des Tornados. Der Wind drang durch die Fenster des Dachbodens ein, hob das Dach an und riss es auf. Zwei Sekunden, sagt sie. Mehr Zeit blieb nicht. Kein Schreien, kein Überlegen. Danach ein Loch, durch das der Himmel in die Wohnung blickte. Improvisierte Planen bedecken notdürftig den Dachstuhl. Mehr geht im Moment nicht.

    Dann, fast reflexhaft, setzt etwas ein, das man in Katastrophenberichten gern beschreibt, hier aber sehr konkret wird: Solidarität. Nachbarn, Freunde, junge Leute aus dem Ort packen an, sammeln Dachziegel, sichern Balken, helfen beim Abdecken. Keine großen Worte, einfach machen. So läuft das hier.

    Auch die Gemeinde steht unter Strom. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter koordinieren, soweit es geht. Doch vieles liegt nicht in ihrer Hand. Die Straßen lassen sich noch nicht räumen, zu groß die Gefahr weiterer Schäden. Firmen aus der Umgebung bieten Hilfe an, warten jedoch auf das grüne Licht der Versicherungen. Über der Kirche hängt die Sorge, dass das Gewölbe nachgeben könnte.

    Riocaud hat inzwischen offiziell die Anerkennung als Naturkatastrophengebiet beantragt. Ein formaler Schritt, nüchtern formuliert. Für die Menschen vor Ort bedeutet er Hoffnung auf Unterstützung. Und die leise Erkenntnis, dass selbst ein Dorf, das man eigentlich nur vom Durchfahren kennt, innerhalb von Sekunden aus der Normalität gerissen werden kann.

    Autor: Daniel Ivers

  • Wenn der Boden nachgibt: Der Felssturz von Thiverny und seine Warnung

    Wenn der Boden nachgibt: Der Felssturz von Thiverny und seine Warnung

    Am Sonntagnachmittag, dem 25. Januar 2026, veränderte sich das Gesicht eines ruhigen Ortes im Süden des Départements Oise schlagartig. In Thiverny, einer Gemeinde, die bislang kaum Schlagzeilen machte, brach ein massiver Teil einer Kalksteinfelswand ab. Binnen Sekunden stürzten tonnenschwere Gesteinsmassen talwärts, begruben eine Garage unter sich und ließen die verbleibende Felsflanke bedrohlich instabil zurück. Ein Ereignis, das laut, aber nicht überraschend kam – und dennoch viele unvorbereitet traf. Kurz vor drei Uhr nachmittags gingen die ersten Notrufe ein. Gegen 14.50 Uhr wurde der Alarm ausgelöst, wenig später füllte sich das Areal mit Einsatzfahrzeugen. Rund fünfzig Feuerwehrleute des SDIS de l’Oise rückten an, unterstützt von Spezialisten für Gebäudesicherheit, Drohnenteams und Hundeführern. Die Technik surrte über den Trümmern, Kameras tasteten die Felswand ab, Suchhunde prüften jeden Winkel. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob sich Menschen unter den Geröllmassen befande…

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  • Wenn der Süden untergeht – Alarmzustand zwischen Aude, Mittelmeer und Bergen

    Wenn der Süden untergeht – Alarmzustand zwischen Aude, Mittelmeer und Bergen

    Der Süden Frankreichs steht unter Wasser. Kein metaphorischer Regen, keine journalistische Übertreibung, sondern bittere Realität. Straßen verschwinden, Felder werden zu Seen, Schulen schließen ihre Tore, während das Wasser weiter steigt. Besonders hart getroffen ist das Département Aude, wo die Natur mit einer Wucht zurückkehrt, die selbst erfahrene Kommunalpolitiker ratlos macht. Auch die Pyrénées-Orientales und Corse stehen unter erhöhter Alarmstufe. Ein Winter, der nicht nur nass, sondern gnadenlos wirkt. In der Region um Narbonne zeigt sich das Ausmaß der Lage besonders drastisch. Schulen bleiben geschlossen, weil niemand garantieren kann, dass Kinder den Schulweg sicher bewältigen. Häuser werden evakuiert, Straßen gesperrt, ganze Viertel sind nur noch per Boot oder Traktor erreichbar. Am Montagabend steigt das Wasser weiter. Still, unaufhaltsam, fast gleichgültig gegenüber menschlicher Planung. Ein Autofahrer wird überrascht, sein Wagen bleibt im Wasser stecken. Ein Traktor zieht…

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  • Wenn der Fluss ins Haus kommt: Leben mit dem Hochwasser im Doubs

    Wenn der Fluss ins Haus kommt: Leben mit dem Hochwasser im Doubs

    Wasser bis zur Türklinke – für viele Menschen in Ornans, einem kleinen Städtchen im französischen Département Doubs, ist das längst keine Seltenheit mehr. Wieder einmal ist die Loue über die Ufer getreten, wieder einmal haben die Fluten das gewohnte Leben durcheinandergebracht. Und wieder einmal zeigt sich: In dieser Region lebt man nicht gegen das Wasser, sondern mit ihm.

    Es war Montagabend, kurz vor Mitternacht, als der Pegel seinen Höchststand erreichte. Zwei Meter – das ist mehr als nur nasse Füße. Ein Mann trat vor die Tür, maß mit wachem Blick und ruhiger Hand den Wasserstand. Nicht aus Neugier, sondern aus Routine. Denn wer hier lebt, kennt den Rhythmus der Flut.

    Am nächsten Morgen steht das Wasser noch in manchen Gärten, umspült Sträucher, schwappt an Haustüren. Doch Panik? Fehlanzeige. In Ornans kennt man seine Pappenheimer – auch wenn sie aus Wasser bestehen.

    Alain Verdenet, ein langjähriger Anwohner, nimmt’s gelassen. „Wir wissen, was zu tun ist. Man hebt die Möbel hoch, bringt die empfindlichen Sachen in Sicherheit, fertig“, sagt er – als sei das Einrichten gegen die Flut eine zweite Natur geworden. Und vielleicht ist es das längst.

    Nicht weit entfernt, in einem Notariat, stapeln sich Bürostühle auf Tischen, Drucker balancieren auf Regalen. Christian Zédet, der dort arbeitet, sagt: „Das Anstrengende ist gar nicht das Wasser. Sondern, dass man nicht mehr richtig arbeiten kann.“ Termine werden verschoben, Akten bleiben liegen. Statt juristischer Paragraphen geht es nun um Sandsäcke und Sperrholzplatten.

    Hier, im Herzen der Franche-Comté, sind Hochwasser kein seltenes Phänomen. Die Landschaft ist durchzogen von Flüssen, die mal träge, mal ungestüm durch die Täler ziehen. Die Loue, dieser malerische Nebenfluss des Doubs, kann binnen Stunden von idyllisch auf gefährlich umschalten. Was wie ein Widerspruch klingt, gehört hier zum Alltag.

    Die Behörden haben reagiert, haben das Département Doubs am Dienstagmorgen unter Warnstufe Gelb gesetzt – erhöhte Wachsamkeit bei moderater Gefahr. Ein Signal, mehr nicht. Denn die Menschen vor Ort verlassen sich längst nicht allein auf offizielle Durchsagen. Sie vertrauen ihrer Erfahrung, ihren Beobachtungen, ihrem Gespür für das Verhalten des Wassers.

    Und doch bleibt die Frage: Wie lange noch? Wie oft wird man noch Schreibtische hochheben, Gartenmöbel retten, Türen verbarrikadieren? Klimaforscher schlagen seit Jahren Alarm – Extremwetter, Starkregen, steigende Flusspegel. Auch wenn in Ornans niemand laut von Klimawandel spricht: Die Häufung der Ereignisse bleibt nicht unbemerkt.

    Wer durch die Straßen läuft, sieht mehr als nur nasse Keller. Er sieht ein Dorf, das gelernt hat, mit der Unsicherheit zu leben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht dieser Tage: Nicht die zwei Meter Wasser, nicht die gesperrten Straßen. Sondern die stille Entschlossenheit der Menschen, ihre Gelassenheit, ihre Anpassungsfähigkeit.

    Und die Hoffnung, dass es morgen nicht noch schlimmer kommt.

    Von C. Hatty

  • „Der Strom hat mich einfach umgeworfen“ – Als eine Welle aus Schlamm über Fréterive rollte

    „Der Strom hat mich einfach umgeworfen“ – Als eine Welle aus Schlamm über Fréterive rollte

    Es war kurz nach zwei Uhr morgens, als in einem kleinen Tal in der Savoie die Natur ihr eigenes Drehbuch schrieb – und es war kein gutes.

    Was sich in dieser Novembernacht im verschlafenen Bergdorf Fréterive abspielte, wirkt wie ein Kapitel aus einem Katastrophenfilm: sintflutartige Regenfälle, schmelzender Schnee, ein überlaufender Gebirgsbach – und am Ende eine braune Masse aus Schlamm, Steinen und Ästen, die sich mit erschreckender Wucht durch den Ort fraß.

    Mitten in der Nacht kommt die Welle

    Alain Gayet wird wach – nicht durch ein Geräusch, sondern durch das dumpfe Grollen, das man fühlt, bevor man es hört. Er öffnet die Tür seines Hauses – und in diesem Moment reißt ihn die Gewalt des Wassers zu Boden. Schlamm strömt in die Wohnräume, Fenster klirren, Möbel schwimmen.

    Seine Frau Brigitte steht mit nassen Socken auf dem Sofa, ruft die Feuerwehr. Minuten später helfen Einsatzkräfte den beiden, über Geröll und Lehm zur Straße zu klettern. Ihre Stimmen zittern noch Stunden später, als sie erzählen, wie nah ihnen die Natur gekommen ist.

    Ein Dorf im Schockzustand

    Am Morgen danach zeigt sich das ganze Ausmaß: Eine Schneise aus Matsch zieht sich durch Fréterive. Die braune Masse steht in Kellern, liegt auf der Straße, füllt Garageneinfahrten. Autos sind bis zur Fensterscheibe eingeschlossen. Eine ganze Hauswand ist unter Steinen und Ästen kaum mehr erkennbar.

    Und mittendrin Menschen, die aufräumen, schaufeln, sortieren – mit leerem Blick und durchnässter Kleidung.

    Die Ursache? Eine fatale Kombination

    Was ist passiert?

    Die Antwort liegt oberhalb des Dorfes. Dort, wo sich der Bach Ruisseau de Dom Girard seinen Weg durch die Bergflanke bahnt, hatte sich bereits Anfang November Geröll angesammelt. Der Boden war durchweicht, die Böschung instabil. Als dann tagelanger Regen einsetzte und gleichzeitig ein Temperaturanstieg die Schneeschmelze auslöste, war es nur eine Frage der Zeit, bis der natürliche Damm nachgab.

    Und als er das tat, nahm das Wasser alles mit, was locker saß: Steine, Äste, Erde – eine sogenannte „lave torrentielle“, eine zähflüssige, unaufhaltbare Schlammwelle.

    Infrastruktur am Limit

    Die Naturkatastrophe hat mehr als nur ein Dorf getroffen.

    Die Bahnlinie zwischen Chambéry und Albertville – stillgelegt. Ein Teilstück der vielbefahrenen Départementstraße RD 201 – verschüttet. Auch Stromleitungen und Telekommunikationskabel sind betroffen. Der Verkehr in der Region liegt lahm, der Schaden ist immens.

    Viele Anwohner sprechen von Glück im Unglück: Niemand kam ernsthaft zu Schaden. Doch was bleibt, ist ein Gefühl von Hilflosigkeit – und viele Fragen.

    Wie geht es weiter?

    Die Behörden sind vor Ort, der Katastrophenschutz koordiniert die Räumarbeiten. Bagger tragen die schwersten Brocken ab, Pumpen saugen den Lehm aus den Kellern. Einige Familien sind vorübergehend in Gemeindezentren untergebracht, andere bei Verwandten.

    Doch wie sicher sind die Häuser? Wie stabil ist das Gelände? Und vor allem: War das ein Einzelfall – oder ein Vorgeschmack?

    Klimafaktor Alpenraum

    Denn die Wahrheit ist: Solche Ereignisse häufen sich. Der Alpenraum ist sensibel. Starkregen, plötzliche Schneeschmelzen und sich verändernde Permafrostschichten destabilisieren die Hänge. Dort, wo früher eine Lawine pro Jahrzehnt runterkam, drohen heute mehrfach im Jahr Muren und Gerölllawinen.

    Die Bewohner wissen das. Und sie leben mit diesem Risiko – meist still, manchmal trotzig. Doch in Nächten wie dieser bricht es hervor: die Angst, das Gefühl der Ohnmacht, die Frage, wie oft man das noch durchstehen kann.

    Die Moral der Geschichte?

    Vielleicht ist sie noch nicht geschrieben. Vielleicht liegt sie darin, wie ein Dorf zusammenrückt, wenn alles aus den Fugen gerät. Vielleicht aber auch in der Erkenntnis, dass sich Natur nicht bändigen lässt – schon gar nicht, wenn man sie unterschätzt.

    Autor: Andreas M. B.