Schlagwort: Nato

  • Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Ein möglicher Friedensschluss im Ukrainekrieg rückt näher, aber Präsident Wolodymyr Selenskyj setzt klare Bedingungen: Ein künftiger Friedensplan mit Russland soll zunächst dem ukrainischen Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. Diese Ankündigung erfolgte am 29. Dezember in einer Online-Pressekonferenz, kurz nach einem symbolträchtigen Treffen mit US-Präsident Donald Trump in Florida. Selenskyj betont damit einmal mehr, dass jede Lösung des Krieges nicht nur auf diplomatischen Kanälen verhandelt, sondern auch demokratisch legitimiert werden müsse.

    Friedensverhandlungen mit demokratischer Rückbindung

    Die Idee eines Referendums über einen möglichen Friedensvertrag ist nicht neu, erhält aber durch die jüngsten diplomatischen Entwicklungen neue Brisanz. Für Selenskyj steht fest: Ein so tiefgreifender Einschnitt in die Zukunft des Landes darf nicht ohne breite gesellschaftliche Zustimmung erfolgen. Die ukrainische Führung will sich damit offenbar gegen mögliche Vorwürfe wappnen, territoriale Zugeständnisse oder Neutralitätsversprechen hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Die ukrainische Verfassung kennt zwar kein obligatorisches Referendum für internationale Abkommen, doch in Fragen von nationaler Souveränität und territorialer Integrität ist ein solches Votum politisch kaum vermeidbar.

    Unklar bleibt indes, unter welchen Bedingungen ein solches Referendum durchgeführt werden könnte. Die seit Februar 2022 geltende Kriegsrechtsordnung – die unter anderem Männern im wehrfähigen Alter das Verlassen des Landes verbietet – bleibt laut Selenskyj in Kraft, bis der Krieg formell beendet ist. In einem Land, in dem Millionen Menschen vertrieben wurden oder im Ausland leben, wäre die Organisation eines fairen Urnengangs eine riesige logistische und rechtliche Herausforderung.

    Sicherheitsgarantien aus Washington

    Neben der Ankündigung eines Referendums stellte Selenskyj auch neue Elemente eines möglichen Sicherheitsrahmens vor. Die USA haben der Ukraine nach seinen Angaben umfassende Sicherheitsgarantien für eine Dauer von 15 Jahren angeboten – mit der Option auf Verlängerung. Ziel dieser Garantien sei es, eine erneute militärische Eskalation durch Russland zu verhindern und gleichzeitig eine verlässliche Perspektive für den Wiederaufbau und die politische Stabilisierung der Ukraine zu schaffen.

    Selenskyj selbst zeigte sich mit der vorgeschlagenen Dauer indes unzufrieden und forderte deutlich längere Zusagen – von „dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren“. Dies ist ein Hinweis auf das tiefsitzende Misstrauen Kiews gegenüber Moskau, aber auch auf das Bemühen, den Westen dauerhaft in die sicherheitspolitische Verantwortung für die Ukraine einzubinden. Die genaue Ausgestaltung dieser Garantien – ob sie militärische Beistandspflichten beinhalten oder eher politische und wirtschaftliche Unterstützung vorsehen – ist noch nicht öffentlich bekannt.

    Neue Dynamik durch US-Diplomatie

    Das diplomatische Momentum, in dem diese Vorschläge entstehen, ist bemerkenswert. Erst an diesem Wochenende hatte sich Donald Trump persönlich mit Selenskyj in Florida getroffen. Vorausgegangen war ein Telefongespräch Trumps mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das beide Seiten als „konstruktiv“ bezeichneten. Die Abfolge dieser Gespräche lässt darauf schließen, dass Washington hinter den Kulissen intensiv an einer diplomatischen Lösung arbeitet – mit Trump als zentralem Akteur.

    Zudem hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine internationale Geberkonferenz für Anfang Januar in Paris angekündigt. Ziel ist es, die konkreten Beiträge der Partnerstaaten zur Sicherheitsarchitektur für die Ukraine zu koordinieren. Dabei soll auch eine überarbeitete Fassung des amerikanischen Friedensplans diskutiert werden.

    Anpassungen am US-Friedensplan

    Laut ukrainischen Angaben liegt bereits eine neue Version des US-Friedensplans auf dem Tisch. Die Erstfassung war aus ukrainischer Sicht zu stark an russische Forderungen angelehnt. Nun soll unter anderem die Bedingung entfallen, dass sich die Ukraine völkerrechtlich zur Nichtmitgliedschaft in der NATO verpflichtet. Auch der vollständige Rückzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass sei in der neuen Fassung nicht mehr vorgesehen.

    Stattdessen wird offenbar ein eingefrorener Frontverlauf entlang der aktuellen Linien diskutiert – ein Konzept, das vielen Ukrainern als stillschweigende Anerkennung russischer Gebietsgewinne gilt. Ob ein solcher „Waffenstillstand ohne Lösung“ in einem Referendum Zustimmung fände, ist fraglich. Die ukrainische Bevölkerung hat sich in Umfragen wiederholt klar gegen territoriale Zugeständnisse ausgesprochen.

    Der politische Balanceakt ist offensichtlich: Ein tragfähiger Kompromiss mit Russland, der gleichzeitig den ukrainischen Souveränitätsanspruch wahrt, scheint kaum erreichbar. Dennoch mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten wächst – und dass das internationale Umfeld, insbesondere Washington und Paris, auf einen politischen Durchbruch drängt. Die Entscheidung, das ukrainische Volk in die letzte Phase dieses Prozesses einzubeziehen, markiert nicht nur einen demokratischen, sondern auch einen strategischen Schritt: Die politische Verantwortung für Frieden und Kompromiss soll gemeinschaftlich getragen werden.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Transatlantische Spannungen im hohen Norden: Trumps erneuter Druck auf Grönland

    Transatlantische Spannungen im hohen Norden: Trumps erneuter Druck auf Grönland

    Im Dezember 2025 hat US-Präsident Donald Trump die geopolitischen Spannungen in der Arktis erneut angeheizt. Mit der Ernennung des Gouverneurs von Louisiana, Jeff Landry, zum „Sondergesandten für Grönland“ verfolgt Trump augenscheinlich das Ziel, den Einfluss der Vereinigten Staaten auf das autonome dänische Territorium auszuweiten. Der Schritt hat nicht nur in Kopenhagen und Nuuk scharfe Reaktionen ausgelöst, sondern rückt auch grundsätzliche Fragen über Souveränität, Bündnistreue und strategische Interessen im hohen Norden in den Fokus.

    Die Ernennung als politisches Signal

    Jeff Landry gilt als loyaler Trump-Vertrauter und vertritt öffentlich die Ansicht, dass Grönland Teil der USA werden solle – eine Formulierung, die diplomatisch kaum zu überbieten ist. Die symbolische Ernennung zum Sondergesandten unterstreicht Trumps wiederholtes Narrativ, wonach Grönland für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten unverzichtbar sei – nicht zuletzt wegen seiner geografischen Lage im arktischen Raum, seiner Nähe zu Russland und seiner Rolle im Kontext chinesischer Polarforschung und Investitionen.

    Die strategischen Interessen der USA in Grönland sind keineswegs neu. Bereits in der Vergangenheit – insbesondere während des Kalten Krieges – war die Insel ein wichtiger Bestandteil amerikanischer Frühwarnsysteme. Auch heute betreibt das US-Militär dort mit der Pituffik Space Base eine bedeutende Einrichtung. Dass die Arktis angesichts des Klimawandels wirtschaftlich an Bedeutung gewinnt – etwa durch neue Schifffahrtsrouten und den Zugang zu Rohstoffen wie Seltenen Erden –, verstärkt den geopolitischen Wettbewerb in der Region zusätzlich.

    Dänemarks und Grönlands entschiedene Reaktion

    Die Reaktion aus Kopenhagen und Nuuk fiel unmissverständlich aus. Die dänische Ministerpräsidentin und der grönländische Regierungschef betonten in einer gemeinsamen Erklärung, dass Grönland nicht veräußerbar sei und seine Zukunft ausschließlich in den Händen der grönländischen Bevölkerung liege. Dänemark berief zudem den US-Botschafter ein – ein seltener und ernster diplomatischer Schritt unter NATO-Partnern.

    Auch aus Brüssel kam deutliche Rückendeckung für Dänemark: Führende EU-Vertreter verwiesen auf die Unantastbarkeit der territorialen Integrität und warnten vor Alleingängen, die das Vertrauen innerhalb des westlichen Bündnisses untergraben könnten.

    In Grönland selbst wurde Trumps Vorstoß ebenfalls klar zurückgewiesen. Die politischen Kräfte auf der Insel verfolgen mehrheitlich einen langfristigen Kurs in Richtung staatlicher Unabhängigkeit von Dänemark – jedoch auf Grundlage demokratischer Selbstbestimmung und nicht unter amerikanischem Einfluss. Umfragen und Wahlergebnisse deuten darauf hin, dass eine Angliederung an die USA in der Bevölkerung auf breite Ablehnung stößt.

    Die Arktis als geopolitische Schlüsselregion

    Das wachsende geopolitische Interesse an der Arktis speist sich aus mehreren Entwicklungen: Der Klimawandel macht bislang unzugängliche Ressourcen erschließbar und eröffnet neue maritime Handelsrouten. Gleichzeitig rückt die Region in den Fokus globaler Sicherheitsstrategien. Neben den USA sind auch Russland und China zunehmend aktiv: Moskau modernisiert seine militärische Infrastruktur in der Arktis, Peking bemüht sich um wirtschaftliche Präsenz und politische Einflussnahme.

    In diesem Kontext erscheint Trumps Fokus auf Grönland als Versuch, den amerikanischen Zugriff auf die Arktis strategisch abzusichern. Washington sieht sich nicht nur als Schutzmacht Nordamerikas, sondern auch als Ordnungsfaktor in einer Region, die bislang weitgehend durch Kooperation geprägt war – etwa im Rahmen des Arktischen Rates.

    Trumps unilateralistischer Stil steht dabei im Kontrast zur bisherigen Praxis multilateraler Abstimmung. Sein Vorgehen wird in Europa vielfach als Provokation empfunden, die nicht nur die dänisch-amerikanischen Beziehungen belastet, sondern auch die Kohärenz innerhalb der NATO gefährden könnte.

    Eine Herausforderung für das westliche Bündnissystem

    Die Ernennung eines US-Sondergesandten für Grönland ist mehr als ein symbolischer Akt – sie ist Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung, die transatlantische Solidarität auf die Probe stellt. Während Washington auf geopolitische Interessen fokussiert, pochen Dänemark und die EU auf völkerrechtliche Prinzipien und Bündnisverlässlichkeit.

    Hinzu kommt die innenpolitische Dimension: Für Dänemark ist Grönland ein sensibles Thema, das nicht nur mit kolonialhistorischer Verantwortung, sondern auch mit gegenwärtigen Debatten um Autonomie, Selbstbestimmung und indigene Rechte verknüpft ist. Ein amerikanischer Vorstoß, der diese Dynamiken ignoriert, läuft Gefahr, nicht nur diplomatisch zu scheitern, sondern auch destabilisierend auf die grönländische Gesellschaft zu wirken.

    Unklar bleibt, wie dauerhaft und ernsthaft Trumps Initiative ist. Doch selbst wenn sie keine unmittelbaren Konsequenzen zeitigt, hat sie eines bereits erreicht: Sie hat Grönland – erneut – in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit gerückt.

    Die Arktis wird auch im Jahr 2026 ein geopolitischer Brennpunkt bleiben. In einer zunehmend fragmentierten Weltordnung steht die Frage im Raum, ob alte Allianzen neuen Großmachtambitionen standhalten können – und wie viel Bedeutung internationale Regeln noch haben, wenn strategische Interessen mit Nachdruck verfolgt werden.


    WEITERE MELDUNGEN

    Ein ranghoher russischer General wurde bei einem Autobombenanschlag in Moskau getötet – offenbar der jüngste in einer Reihe gezielter Attentate auf Gegner der Ukraine innerhalb Russlands.

    US-Präsident Trump ernannte einen Sondergesandten für Grönland und verstärkte damit seine Bemühungen, das halbautonome Gebiet unter amerikanische Kontrolle zu bringen.

    Die Trump-Regierung hat fast 30 Botschafter aus diplomatischen Vertretungen weltweit zur Rückkehr in die USA aufgefordert.

    Oracle-Gründer Larry Ellison erklärte, er werde persönlich über 40 Milliarden Dollar für die feindliche Übernahme von Warner Bros. durch seinen Sohn garantieren.

    Der Lynchmord an einem hinduistischen Textilarbeiter in Bangladesch hat die Sorge vor wachsender religiöser Intoleranz geschürt.

    Nach dem Louvre nun auch der Élysée-Palast: Aus der französischen Präsidentenresidenz wurden wertvolle Kupfertöpfe, Porzellan und Champagnergläser gestohlen.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreich rüstet sich – Parlament billigt symbolisch höhere Verteidigungsausgaben

    Frankreich rüstet sich – Parlament billigt symbolisch höhere Verteidigungsausgaben

    Frankreichs Nationalversammlung hat am Mittwochabend mit großer Mehrheit dem Prinzip einer deutlichen Erhöhung des Verteidigungshaushalts zugestimmt. Der symbolische Akt markiert eine wichtige Etappe in der politischen Strategie von Premierminister Sébastien Lecornu, dem aktuellen Haushaltsstreit eine sicherheitspolitische Wendung zu geben. „Wir müssen den Streitkräften Frankreichs die Mittel geben, um unserer Rolle als Großmacht gerecht zu werden, unsere Sicherheit zu garantieren und unsere Interessen überall auf dem Globus zu verteidigen“, erklärte Lecornu vor den Abgeordneten. Die Botschaft ist eindeutig: Angesichts der globalen Unsicherheiten und des wachsenden geopolitischen Wettbewerbs will Paris nicht nur symbolisch aufrüsten, sondern seine sicherheits- und verteidigungspolitische Position substanziell ausbauen. Symbolpolitik mit strategischer Absicht Der Vorstoß Lecornus ist Teil eines politischen Manövers: Weil der eigentliche Staatshaushalt für 2026 im Senat auf Widerstand st…

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  • Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Wie die neue US-Sicherheitsstrategie die transatlantischen Beziehungen auf eine harte Probe stellt

    Mit der Veröffentlichung ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie hat die US-Regierung unter Donald Trump Anfang Dezember 2025 für diplomatische Irritationen gesorgt. In dem 33-seitigen Grundlagendokument wird Europa nicht nur als wirtschaftlich und politisch geschwächt beschrieben – es ist gar von einem drohenden „zivilisatorischen Verschwinden“ die Rede, sollte der Kontinent seine politische und demografische Entwicklung nicht korrigieren. Die Wortwahl ist ungewöhnlich drastisch für ein offizielles Strategiepapier – und sie markiert einen weiteren Tiefpunkt in den transatlantischen Beziehungen.

    Eine harsche Diagnose aus Washington

    Die neue National Security Strategy (NSS) formuliert die außen- und sicherheitspolitischen Leitlinien der USA unter Präsident Trump für die kommenden Jahre. Dabei fällt der Blick auf Europa ungewöhnlich kritisch aus. Die Autoren beklagen eine Kombination aus demografischem Niedergang, zu liberaler Migrationspolitik, wirtschaftlicher Stagnation und einem zunehmenden Einfluss supranationaler Institutionen wie der EU auf nationale Souveränität.

    Wörtlich heißt es, der Kontinent steuere „auf eine düstere Realität zu, in der er innerhalb von zwei Jahrzehnten nicht mehr wiederzuerkennen sein wird“. Der Begriff des „zivilisatorischen Verschwindens“ bringt dabei eine Weltanschauung zum Ausdruck, in der kulturelle und ethnische Homogenität als politisches Ideal erscheint – eine Sichtweise, die in Europa vor allem von rechten bis rechtsextremen Kreisen vertreten wird.

    Strategiewechsel und ideologische Kampfansage

    Tatsächlich steht diese Wortwahl nicht isoliert da, sondern reflektiert einen tiefgreifenden Wandel in der außenpolitischen Philosophie Washingtons. Die USA unter Trump verstehen sich nicht mehr als Architekt eines liberalen, regelbasierten Weltordnungssystems, sondern als machtpolitischer Akteur, der eigene Interessen über multilaterale Verpflichtungen stellt – ein Kurs, der in der Rückbesinnung auf die Monroe-Doktrin seinen Ausdruck findet.

    Wie der Politökonom Jonas Gensler analysiert, will Washington eine ideologische „Gegenbewegung“ innerhalb Europas fördern. Ziel sei es, europäische Regierungen und Gesellschaften zu einer „Korrektur ihrer derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Ausrichtung“ zu bewegen – sei es in der Sicherheits-, Energie- oder Migrationspolitik. Implizit fordert die NSS auch eine stärkere militärische Selbstverantwortung der Europäer, insbesondere im Rahmen der NATO.

    Europäische Reaktionen zwischen Besorgnis und Zurückweisung

    Die Reaktionen auf beiden Seiten des Atlantiks ließen nicht lange auf sich warten. Die EU-Außenbeauftragte Josep Borrell betonte in Brüssel, dass die Vereinigten Staaten trotz aller Differenzen „nach wie vor der wichtigste Verbündete Europas“ seien. Zugleich wies er die dramatisierende Rhetorik entschieden zurück: Europa befinde sich nicht in einem zivilisatorischen Verfallsprozess, sondern inmitten komplexer Transformationsprozesse, die demokratisch ausgehandelt würden.

    In Berlin zeigte man sich ungehalten über die amerikanischen Bewertungen. „Europa braucht keine Belehrungen über Meinungsfreiheit oder kulturelle Identität“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. In Paris wiederum warnte man vor einer gefährlichen ideologischen Aufladung der transatlantischen Beziehungen, insbesondere angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine und der Abhängigkeit Europas von US-amerikanischer Sicherheitsgarantie im NATO-Rahmen.

    Ein Meinungsbild des Meinungsforschungsinstituts IFOP ergab zuletzt, dass knapp die Hälfte der Europäer Donald Trump als „Feind Europas“ wahrnimmt – ein Wert, der die gestiegene Distanz in der öffentlichen Wahrnehmung widerspiegelt.

    Polarisierung als politische Strategie

    Der Verweis auf ein angeblich bevorstehendes zivilisatorisches Verschwinden Europas ist mehr als eine außenpolitische Provokation. Er ist Teil einer bewusst polarisierenden Strategie, die kulturelle und gesellschaftliche Konfliktlinien auch auf internationaler Ebene zuspitzt. Damit korrespondiert die NSS mit Narrativen, wie sie in Teilen der europäischen Rechten kursieren – etwa der sogenannten „Bevölkerungsaustausch“-These, die vom französischen Publizisten Renaud Camus geprägt wurde und mittlerweile fester Bestandteil rechtsextremer Diskurse ist.

    Diese Verbindung ist nicht zufällig: Trumps Strategiepapier liest sich stellenweise wie eine außenpolitische Verlängerung innenpolitischer Kulturkämpfe. Europa wird dabei nicht nur als Partner, sondern auch als ideologischer Gegenentwurf inszeniert – ein Narrativ, das der Präsident im beginnenden US-Wahlkampf 2026 vermutlich weiter zuspitzen wird.

    Strategische Autonomie als europäische Antwort?

    Für Europa stellt sich nun erneut die alte Frage: Wie viel Eigenständigkeit braucht – und wie viel verträgt – das transatlantische Verhältnis? Während die militärische Kooperation im Rahmen der NATO weiterbesteht, verstärken sich die Stimmen, die eine eigenständigere europäische Sicherheitsarchitektur fordern. Initiativen wie PESCO (Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) oder die Entwicklung eines europäischen Rüstungs- und Verteidigungsfonds erhalten dadurch neues Gewicht.

    Gleichzeitig zeigt sich: Der normative Rahmen einer „westlichen Wertegemeinschaft“ ist nicht mehr selbstverständlich. Die USA und Europa verfolgen zunehmend unterschiedliche gesellschaftspolitische Agenden – und das nicht nur unter Trump. Auch im Kongress findet diese strategische Neuorientierung zunehmend parteiübergreifende Unterstützung, etwa im Hinblick auf den Rückzug aus globalen Verpflichtungen oder den Fokus auf chinesische und lateinamerikanische Herausforderungen.

    Europa muss darauf eine Antwort finden – und dabei entscheiden, ob es sich als Subjekt oder Objekt globaler Ordnungspolitik verstehen will.

    Die Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang“ ist keine geopolitische Prognose, sondern eine Kampfansage in rhetorischer Form. Doch sie offenbart einen tiefen Bruch im transatlantischen Selbstverständnis. Was einst als Wertegemeinschaft begann, steht heute auf dem Prüfstand gemeinsamer Interessen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem geopolitische Herausforderungen wie Krieg, Klimakrise und Migration entschlossene und koordinierte Antworten verlangen. Die Dynamik zwischen Washington und Brüssel könnte sich im kommenden Jahrzehnt grundlegend verändern – und damit das transatlantische Verhältnis, wie wir es bisher kannten.

    Autor: P. Tiko

  • Ein schwieriger Moment für Europa und die USA

    Ein schwieriger Moment für Europa und die USA

    Die jüngste National Security Strategy (NSS) der Trump-Administration markiert einen fundamentalen Bruch mit der bisherigen US-Außenpolitik gegenüber Europa. Erstmals steht nicht Russland oder China im Zentrum der Bedrohungsanalyse, sondern Europa. In Brüssel, Berlin und Paris wird das Dokument als Angriff auf den Kern des europäischen Projekts gelesen: Liberale Demokratien, multilaterale Institutionen und ein gemeinsamer sicherheitspolitischer Rahmen stehen auf dem Prüfstand. Was bislang implizit mitschwang, ist nun explizite Linie: Der transatlantische Schulterschluss verliert für Washington an Relevanz.

    Ein neuer Ton aus Washington

    Die NSS 2025 zeichnet ein Bild Europas als Kontinent in der Krise: „zivilisatorischer Verfall“ durch Migration, demographischer Niedergang, gefährdete nationale Identitäten und eine angeblich inkompetente politische Elite. Der Text lobt offen den Aufstieg „patriotischer“ europäischer Parteien, die sich gegen das europäische Integrationsprojekt stellen. Tatsächlich liest sich der Abschnitt zu Europa wie ein ideologisches Manifest der europäischen Rechten – kein Wunder, dass Frankreichs früherer UN-Botschafter Gérard Araud ihn als „Pamphlet der extremen Rechten“ bezeichnete.

    Hinzu kommt die Anforderung, dass Europa bis 2027 wesentliche Teile der NATO-Verteidigungsfähigkeiten übernehmen solle – von Aufklärung bis Raketenabwehr. Dieser Zeitplan wirkt für viele Hauptstädte wie ein verkappter Rückzug der USA aus ihren sicherheitspolitischen Verpflichtungen. Der Politikwissenschaftler Henry Farrell spricht von einem „Weckruf“ für Europa: „Wenn Amerika seine Verbündeten als Gegner behandelt, werden diese nach Alternativen suchen.“

    Revisionistischer Transatlantizismus

    Was sich hier andeutet, ist eine strategische und ideologische Neuausrichtung: Die USA ziehen sich nicht nur militärisch zurück, sondern wollen aktiv Einfluss auf die politische Architektur Europas nehmen. Der von den Brookings-Forscherinnen Tara Varma und Sophia Besch geprägte Begriff des „revisionistischen Transatlantizismus“ trifft den Kern. Gemeint ist eine transatlantische Achse zwischen einem nationalistischen Washington und europäischen Rechtsparteien, die gemeinsame liberale Werte in Frage stellen und stattdessen ethnonationalistische Ordnungsvorstellungen propagieren.

    Trumps politische Annäherung an Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban und seine Unterstützung für Konzepte wie „Remigration“ passen ins Bild. Gleichzeitig richtet sich die Kritik der NSS gegen „instabile Minderheitsregierungen“ in Europa – ein direkter Seitenhieb auf liberale Zentristen wie Emmanuel Macron oder Friedrich Merz.

    Sicherheitsarchitektur unter Druck

    Faktisch droht Europa damit ein geopolitisches Vakuum: Ohne amerikanische Sicherheitsgarantien und mit wachsendem internen Druck durch nationalistische Bewegungen geraten sowohl die NATO als auch die EU unter Legitimationsdruck. Die Forderung nach europäischer Souveränität in Verteidigungsfragen klingt in diesem Kontext weniger wie ein partnerschaftlicher Appell denn als Ultimatum.

    Zugleich zeigt sich, dass Russland diese Dynamik für sich zu nutzen weiß: Putins Sprecher Dmitri Peskow lobte öffentlich die neue US-Strategie als „mit unserer Sichtweise weitgehend übereinstimmend“. Eine geopolitische Allianz zwischen revisionistischen Kräften in Washington, Moskau und Teilen Europas wäre für die liberale Weltordnung ein tektonischer Bruch.

    Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz warnten in einem offenbar durchgesickerten Gesprächsprotokoll vor einem „schnellen politischen Deal“ zwischen Trump und Russland – auf Kosten der Ukraine. In einer Rede in Peking mahnte Macron: „Nur in der Einheit von Europa und den USA liegt die Kraft, derartige Konflikte dauerhaft zu lösen.“

    Trumps Strategiepapier könnte sich als doppelter Kipppunkt erweisen: Für die amerikanische Außenpolitik und für Europas Selbstverständnis. Es zwingt die Europäer, ihre Abhängigkeit von Washington zu überdenken – sicherheitspolitisch, technologisch und wirtschaftlich. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es Europa gelingt, diese Herausforderung zu einer strategischen Erneuerung zu nutzen oder ob die innere Zersplitterung weiter voranschreitet.


    MEHR TOP-NACHRICHTEN

    Chinas Handelsüberschuss übersteigt erstmals eine Billion US-Dollar

    Trotz der von Präsident Trump verhängten Zölle ist es nicht gelungen, die globale Exportwelle aus China aufzuhalten. Die chinesische Zollbehörde gab heute bekannt, dass der kumulierte Handelsüberschuss des Landes bis Ende November 1,08 Billionen US-Dollar erreicht hat.

    Zwar sind Chinas Exporte in die USA infolge der Zölle um ein Fünftel zurückgegangen, doch hat Peking im Gegenzug auch seine Importe aus den Vereinigten Staaten – etwa von Sojabohnen und anderen Produkten – stark reduziert. Das Verhältnis bleibt unausgeglichen: China verkauft weiterhin dreimal so viel in die USA, wie es von dort bezieht. Zudem hat China seine Exporte in andere Weltregionen erheblich ausgeweitet – insbesondere nach Südostasien, Afrika, Europa und Lateinamerika.


    Rückgang in Trumps Zustimmungswerten

    Eine Analyse von Umfragedaten der New York Times zeigt: Die Zustimmungswerte von Präsident Trump sind in den vergangenen Wochen leicht, aber messbar gesunken – nach Monaten weitgehender Stabilität.


    WEITERE NACHRICHTEN

    – Laut US-Beamten hat die Trump-Regierung eine Chartermaschine voller Iraner in den Iran abgeschoben – erst zum zweiten Mal in der Geschichte der USA.

    – In Benin ist es gestern zu einem Putschversuch durch Teile des Militärs gekommen, was das westafrikanische Land in einen Zustand der Unsicherheit gestürzt hat.

    – Mindestens 25 Menschen starben bei einem verheerenden Brand in einem Nachtclub im indischen Bundesstaat Goa.

    – Präsident Wladimir Putin hat das russische Militär angewiesen, sich auf Kämpfe unter winterlichen Bedingungen vorzubereiten – ein Signal, dass er trotz Gesprächen mit US-Vertretern nicht von seinen Forderungen abrückt.

    Netflix plant die Übernahme von Warner Bros. Discovery für 82,7 Milliarden US-Dollar – ein Geschäft, das die Filmindustrie und die gesamte Medienlandschaft grundlegend verändern könnte.

    Saudi-Arabien hat stillschweigend begonnen, Alkohol an einige ausländische Einwohner zu verkaufen.

    Katy Perry und Justin Trudeau haben gemeinsam Japan erkundet – und ihre Verbindung mit gemeinsamen Fotos auf Instagram quasi offiziell gemacht.

    Von Andreas Brucker

  • Frankreichs neue Arktisstrategie: Vom Forschungsposten zum geopolitischen Vorposten

    Frankreichs neue Arktisstrategie: Vom Forschungsposten zum geopolitischen Vorposten

    Mit der am 3. Dezember 2025 vorgestellten „Stratégie polaire 2026–2040“ richtet Frankreich seinen Blick in den hohen Norden – und verändert dabei grundlegend seine Haltung zur Arktis. Was früher ein Feld wissenschaftlicher Neugier und diplomatischer Kooperation war, wird nun als geopolitische Schlüsselregion betrachtet. Der Ton ist ernster geworden, die Sprache strategischer. Hinter dem nüchternen Titel verbirgt sich ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel – Frankreich will im künftigen arktischen Kräftemessen nicht am Rand stehen. Vom Sonderfall zum geopolitischen Brennpunkt Lange galt die Arktis als Ausnahmezone in der internationalen Politik – ein Raum der Zusammenarbeit, relativ frei von Großmachtkonflikten. Diese „arktische Ausnahme“ hat sich jedoch seit 2022 weitgehend aufgelöst. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markierte nicht nur eine Zeitenwende für Europa, sondern erschütterte auch die fragile sicherheitspolitische Balance im hohen Norden. Die NATO-Erweiterung um F…

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  • Putins Kriegsrhetorik gegenüber Europa – Drei Momente der Eskalation

    Putins Kriegsrhetorik gegenüber Europa – Drei Momente der Eskalation

    Die Drohungen kamen nicht beiläufig daher. Inmitten neuer diplomatischer Initiativen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine warnte Wladimir Putin Anfang Dezember 2025 erneut offen vor einem möglichen Krieg mit Europa. „Wir sind bereit, sofort“, erklärte der russische Präsident, wenn Europa sich für einen Krieg entscheide. Es war nicht das erste Mal, dass der Kreml-Chef eine derart scharfe Rhetorik wählte – wohl aber eine der deutlichsten. Drei Ereignisse der vergangenen zwei Jahre zeigen, wie systematisch Putin Europa als Kriegspartei darstellt – und sich zugleich als Verteidiger in Stellung bringt.

    Die jüngste Warnung: „Wir sind bereit – wenn Europa es ist“

    Am 2. Dezember 2025, am Rande eines Wirtschaftsforums in Moskau, erklärte Putin, Russland wolle zwar keinen Krieg, sei aber vorbereitet. Europa, so der Präsident, habe sich selbst aus den Friedensverhandlungen ausgeschlossen und sich stattdessen für die Unterstützung Kiews entschieden – also für den Krieg. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt: Kurz darauf sollte eine US-Delegation unter Leitung des Geschäftsmanns Steve Witkoff – ein Vertrauter Donald Trumps – Gespräche über einen Waffenstillstand aufnehmen. Putins Botschaft war klar: Moskau verhandelt mit Washington, nicht mit Brüssel – und wer nicht am Tisch sitzt, dem droht die Konfrontation.

    Diese Rhetorik zielt auf mehrere Ebenen: Sie diskreditiert die europäische Politik als destruktiv, stellt Russland als reaktiv dar und hebt zugleich die eigene Gesprächsbereitschaft hervor. Doch sie signalisiert auch militärische Entschlossenheit – eine Botschaft, die vor allem an jene Staaten gerichtet ist, die militärisch aufrüsten oder neue Sicherheitsstrategien formulieren.

    Im Herbst bereits angekündigt: „Die Antwort wird sehr überzeugend sein“

    Bereits im Oktober 2025, bei einer Rede in Sotschi, hatte Putin eine schärfere Gangart gegenüber Europa angekündigt. Sollte der Westen weiter Waffen an die Ukraine liefern oder die eigene militärische Präsenz ausbauen, werde Russland entsprechend reagieren. In einer rhetorisch geschärften Passage verwies Putin auf Pläne Deutschlands, seine Armee wieder zur stärksten in Europa zu machen – eine Anspielung, die historische Tiefenwirkung entfaltet. Die Warnung: Wer sich militärisch in Stellung bringt, muss mit Konsequenzen rechnen.

    Bemerkenswert ist die argumentative Umkehr: Russland, so das wiederkehrende Narrativ, sei nicht der Aggressor, sondern gezwungen zu reagieren – auf westliche Provokationen, auf eine „Militarisierung Europas“, auf eine angebliche Eskalation, die nicht von Moskau, sondern von Brüssel und Berlin ausgehe. Es ist ein klassisches Element russischer Außenrhetorik seit 2014: Verteidigung als Selbstbehauptung, Aggression als Notwehr.

    März 2024: Als das Tabu der nuklearen Drohung fiel

    Die bisher wohl gefährlichste Äußerung Putins in Richtung Europa erfolgte im März 2024. In einem Interview im staatlichen Fernsehen erklärte er, dass Russland „militärtechnisch“ bereit sei – auch mit nuklearen Mitteln. Der Kontext: Emmanuel Macron hatte zuvor öffentlich erwogen, europäische Truppen in die Ukraine zu entsenden, zumindest im Rahmen eines Sicherheitsengagements. Putins Antwort: Wenn Frankreich und andere EU-Staaten keine „roten Linien“ mehr gegenüber Russland anerkennen, werde auch Moskau sich nicht länger an solche Grenzen halten.

    Diese Äußerung war kein Ausrutscher, sondern Ausdruck einer Strategie: die Abschreckung durch bewusste Ambiguität. Indem Russland nukleare Optionen implizit mitkonnotiert, erhöht es den psychologischen Druck auf europäische Regierungen – insbesondere jene, die militärische Hilfe intensivieren. Die Gefahr liegt nicht primär in der Umsetzung solcher Drohungen, sondern in ihrer kalkulierten Unklarheit: Sie destabilisieren, ohne sofort zu eskalieren.

    Die Strategie hinter den Drohungen

    Putins verbale Eskalationen gegenüber Europa folgen keinem erratischen Muster, sondern einem strategischen Kalkül. Die wiederholte Darstellung Russlands als verteidigende Macht, der Versuch, die EU aus zentralen diplomatischen Prozessen herauszudrängen, und die gleichzeitige Androhung ernsthafter Konsequenzen für jede Form von Unterstützung der Ukraine ergeben ein konsistentes Bild.

    Dabei geht es nicht nur um politische Kommunikation nach innen – also um die Mobilisierung patriotischer Unterstützung in Russland selbst –, sondern auch um eine psychologische Einflussnahme auf europäische Entscheidungszentren. Die Botschaft: Wer sich einmischt, riskiert einen Krieg, für den Russland „bereit“ sei – nuklear, militärisch, strategisch.

    Die damit einhergehende Unsicherheit ist Teil der russischen Taktik. Sie zielt darauf ab, Spaltungen innerhalb der EU zu vertiefen, etwa zwischen stärker engagierten Staaten wie Polen oder Frankreich und zurückhaltenderen wie Ungarn oder der Slowakei. Zugleich erhöht sie den Druck auf Regierungen, die Unterstützung für die Ukraine könnte „zu viel“ sein – und gefährlich werden.

    Europa steht damit vor einem Dilemma: Jedes Zögern könnte als Schwäche ausgelegt werden, jede Festigkeit als Provokation. Doch wer sich auf diese Logik einlässt, akzeptiert die Deutungshoheit eines Systems, das sich bewusst außerhalb der regelbasierten Ordnung stellt. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht in der militärischen Drohung selbst – sondern in ihrer systematischen Normalisierung.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs Militärmacht im Wandel – Verteidigung zwischen Anspruch und Realität

    Frankreichs Militärmacht im Wandel – Verteidigung zwischen Anspruch und Realität

    Frankreich versteht sich traditionell als militärische Großmacht Europas. Auch 2025 untermauert Paris diesen Anspruch: Mit einer weltweit präsenten Armee, atomarer Abschreckung und modernen Streitkräften gilt das Land als strategischer Eckpfeiler europäischer Sicherheit. Doch die sicherheitspolitische Lage ist im Wandel – und Frankreichs Verteidigungsapparat steht vor strukturellen wie konzeptionellen Prüfsteinen. Mit der aktuellen Aufstockung des Militärbudgets, einer Neuausrichtung der Streitkräfte und ambitionierten Planungen für das kommende Jahrzehnt will die französische Regierung die militärische Handlungsfähigkeit sichern – national wie international. Der Blick auf Zahlen, Strukturen und Strategien zeigt: Frankreich bleibt eine der wenigen europäischen Nationen mit globalem Gestaltungsanspruch – doch dieser ist zunehmend kostenintensiv und komplex. Aufrüstung mit Augenmaß – das Budget als strategisches Signal Im Haushaltsjahr 2025 beläuft sich der französische Verteidigungsetat…

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  • Zwischen Rhetorik und Realität: Europas Suche nach sicherheitspolitischer Glaubwürdigkeit

    Zwischen Rhetorik und Realität: Europas Suche nach sicherheitspolitischer Glaubwürdigkeit

    Als Frankreichs Generalstabschef Fabien Mandon vergangene Woche erklärte, dass die Verteidigung Frankreichs und Europas im Angesicht russischer Aggression auch das mögliche Sterben junger Franzosen einschließen könne, löste das in der Heimat heftige Reaktionen aus.

    Frankreich brauche, so Mandon, eine Haltung, „die akzeptiert, dass wir leiden müssen, um zu schützen, was wir sind“. Politiker von links bis rechts warfen ihm daraufhin „Kriegshetze“ vor.

    Diese innenpolitische Debatte entfaltete sich, noch bevor die Vereinigten Staaten ihren jüngsten diplomatischen Vorstoß zur Beendigung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine unternahmen. Und doch steht sie sinnbildlich für eine zentrale europäische Herausforderung: Wie weit trägt Diplomatie, wenn die militärischen Mittel zur Untermauerung fehlen? Und was, wenn die eigenen Gesellschaften nicht gewillt sind, diese Mittel überhaupt bereitzustellen?


    Strategische Lücken trotz Aufrüstung

    Die größten und wirtschaftlich leistungsfähigsten Demokratien Europas haben in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg konsequent von der sogenannten Friedensdividende profitiert. Verteidigungsausgaben wurden reduziert, Armeen verkleinert, Panzer stillgelegt. Sicherheit erschien als gegeben – und wurde in hohem Maße an transatlantische Partnerschaften delegiert.

    Erst der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 leitete einen Kurswechsel ein. Die Wehrausgaben stiegen europaweit spürbar, Beschaffungsprozesse wurden beschleunigt, nationale Strategiepapiere neu formuliert.

    Doch der politische Konsens über diese Neupriorisierung bleibt brüchig. In Zeiten niedrigen Wachstums sehen sich Regierungen gezwungen, Ausgaben für Verteidigung gegen sozialstaatliche Bedürfnisse abzuwägen – Renten, Pflege, Bildung. Die Frage, wofür ein Staat seine begrenzten Mittel einsetzt, ist ein Ausdruck seiner strategischen Selbstvergewisserung.

    Ein weiteres Maß für den Verteidigungswillen einer Gesellschaft ist unmittelbarer: die Bereitschaft zum Dienst an der Waffe. Und gerade hier zeigen sich eklatante Defizite.


    Verteidigungsbereitschaft in Frage gestellt

    Wie gewinnt man in Friedenszeiten Hunderttausende neue Soldatinnen und Soldaten? Die Antwort fällt in vielen europäischen Gesellschaften ernüchternd aus. Laut einer EU-weiten Umfrage wären weniger als ein Drittel der Befragten bereit, im Falle eines Krieges ihr Land zu verteidigen. Zum Vergleich: In den USA liegt dieser Wert bei 41 Prozent, in Indien sogar bei 76 Prozent.

    In Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft, äußerten nur 23 Prozent entsprechende Kampfbereitschaft. Politische Vorstöße zur Wiedereinführung der 2011 ausgesetzten Wehrpflicht stießen bislang auf erbitterten Widerstand.

    Dagegen zeigt sich entlang Europas Ostflanke ein anderes Bild. Die geografische Nähe zu Russland wirkt mobilisierend. In Polen wird derzeit eine verpflichtende militärische Grundausbildung für alle Männer vorbereitet. Finnland hält an der allgemeinen Wehrpflicht fest, ebenso Norwegen und Dänemark – Letzteres hat sie kürzlich auf Frauen ausgeweitet. Schweden reaktivierte den Wehrdienst bereits 2017. Auch die baltischen Staaten verfügen über eigene Modelle eines verpflichtenden Dienstes.

    Doch all diese Länder sind klein und verfügen über begrenzte strategische Reichweite. Auf europäischer Ebene dominieren nach wie vor jene Staaten die sicherheitspolitische Agenda, in denen die Debatte um Verteidigungsfähigkeit und Opferbereitschaft gesellschaftlich kaum verankert ist.


    Diplomatie ohne Rückhalt?

    Gleichzeitig mehren sich Anzeichen, dass europäische Diplomatie auf höchster Ebene Wirkung zeigt – zumindest kurzfristig. Deutschland, Frankreich und Großbritannien führten in den vergangenen Tagen intensive Gespräche mit Washington und konnten offenbar erreichen, dass der US-Friedensplan in mehreren Punkten von pro-russischen Positionen befreit wurde.

    Ob dieser Erfolg von Dauer ist, bleibt allerdings offen. Mehrere europäische Diplomaten äußerten Zweifel, dass ein Kompromiss, der europäischen Interessen entspricht, jemals von Moskau akzeptiert würde.

    Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bleibt europäische Unterstützung die wichtigste diplomatische Rückendeckung – besonders nach der harschen Behandlung im Weißen Haus, nach dem bilateralen Treffen zwischen Trump und Putin in Alaska und angesichts des aktuellen Friedensvorschlags.

    Doch aus Kiew ist seit Langem Kritik zu hören: Europas Solidaritätsbekundungen seien zu oft nicht von militärischer Substanz gedeckt. Die Rhetorik, so hochstehend sie auch sei, reiche nicht aus.

    In der Tat hat Europa seit Beginn des Kriegs eine bemerkenswert einheitliche und wertebasierte Haltung eingenommen. Doch im Schatten einer sich wandelnden amerikanischen Außenpolitik wird sich bald zeigen, wie belastbar diese Haltung ist – und ob Europa bereit ist, die geopolitische Verantwortung auch militärisch zu tragen.


    Weitere Nachrichten

    • Die US-Regierung drängt auf den raschen Bau von Wohnsiedlungen für Palästinenser in israelisch kontrollierten Teilen des Gazastreifens.
    • Die britische Regierung stellt heute ihren Jahreshaushalt vor – ein wichtiger Test für die Labour-Partei und für Finanzministerin Rachel Reeves, deren Amtszeit bislang turbulent verlief.
    • Ein Vulkanausbruch in Äthiopien schleuderte eine Aschewolke aus, die bis nach Asien zog und in Indien zu Flugausfällen führte.
    • Die Hamas gab an, die Überreste einer bislang nicht identifizierten Geisel im Zentrum des Gazastreifens übergeben zu haben.
    • Brasiliens Oberstes Gericht ordnete an, dass Ex-Präsident Jair Bolsonaro eine 27-jährige Haftstrafe wegen des Versuchs eines Staatsstreichs antreten muss.
    • Im Zusammenhang mit dem Louvre-Raub im vergangenen Monat wurden vier weitere Personen festgenommen.

    Autor: P. Tiko

  • Angriffe trotz Friedensgesprächen – neue Eskalation zwischen Russland und der Ukraine

    Angriffe trotz Friedensgesprächen – neue Eskalation zwischen Russland und der Ukraine

    Während Diplomaten an Verhandlungstischen sitzen und um Formulierungen für ein mögliches Ende des Krieges ringen, brennen in der Ukraine erneut Energieanlagen – zerstört von russischen Marschflugkörpern. In der Nacht zum Dienstag, dem 25. November, erlebten die Frontlinien im Osten Europas eine neue Eskalation. Und das ausgerechnet inmitten zäher Friedensgespräche, die allerdings bisher kaum als solche zu erkennen sind.

    Die Szenen gleichen einem Spiegelbild der vergangenen Monate – nur intensiver.

    Russland und die Ukraine lieferten sich eine weitere massive Angriffsnacht: Kiew wurde erneut zur Zielscheibe russischer Raketen, während ukrainische Drohnen in Rostow und auf der Krim zuschlugen. Laut russischem Verteidigungsministerium waren es etwa 250 Drohnen, die ins Landesinnere eindrangen – allerdings ohne große Schäden zu verursachen.

    Umgekehrt schlugen russische Raketen gezielt in ukrainische Infrastruktur ein: Stromwerke, Umspannstationen, Energiezentralen. Die Hauptstadt wurde dabei ebenso getroffen wie strategische Punkte entlang der Front. Die klare Botschaft: Dieser Krieg lässt sich noch nicht mit Gesprächsrunden beenden.

    Friedensplan? Eher ein diplomatisches Tauziehen

    Dabei könnte man meinen, dass Frieden in greifbarer Nähe liegt. Tatsächlich aber zeigt der Verlauf der Verhandlungen: Der Weg dorthin ist noch lang – und voller Stolperfallen. Der jüngste Vorschlag aus Washington, maßgeblich geprägt durch Donald Trump, wurde von Moskau unterstützt, aber von Kiew und Brüssel scharf zurückgewiesen. Zu nah an russischen Forderungen, zu wenig Schutz für die Ukraine.

    Die Gegenofferte – ein europäischer Alternativplan – stößt in Moskau auf taube Ohren. „Nicht konstruktiv“, heißt es aus dem Kreml. Ein klassisches diplomatisches Patt. Während US-Außenminister Marco Rubio immerhin von „signifikanten Fortschritten“ spricht, verhärtet sich die russische Position – begleitet von neuen Bombenangriffen.

    Kann man unter diesen Bedingungen überhaupt noch glaubhaft von Friedensverhandlungen sprechen?

    Die „Koalition der Freiwilligen“ formiert sich neu

    Europa gibt sich derweil kämpferisch – zumindest rhetorisch. Im westlichen Paris-Vorort Mont-Valérien, Sitz der sogenannten „Koalition der Freiwilligen“, rückt man enger zusammen. Diese internationale Allianz wurde vor acht Monaten gegründet, um der Ukraine militärisch wie politisch zur Seite zu stehen – jetzt tagt sie zum zweiten Mal.

    Frankreich, Großbritannien, Japan, Australien, Kanada – mehr als 30 Staaten sind dabei. Aber der Schulterschluss ist brüchig. Nicht jeder will mitziehen, wenn es um konkrete militärische Präsenz geht. Truppen zu Lande, in der Luft, zur See? Frankreich und Großbritannien sind bereit. Deutschland und Polen hingegen zögern – und warten ab, wie sich die USA positionieren. Eine Haltung, die von manchem als zögerlich, von anderen als vorsichtig bezeichnet wird.

    Im Zentrum der aktuellen Gespräche: Sicherheitsgarantien für die Zeit nach dem Krieg. Denn dass Russland wieder angreifen könnte – diese Sorge teilt man inzwischen fast einstimmig. Die Idee, der Ukraine eine Art „Schutzschild“ zu bieten, sobald die Waffen schweigen, gewinnt an Boden. Doch wie dieser Schild aussehen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

    Macron warnt vor einem „Signal der Schwäche“

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ließ am Dienstagmorgen aufhorchen. Im Interview mit RTL sprach er von einem „großen Risiko“: Man dürfe die Ukraine nicht fallenlassen – denn das würde nicht nur Kiew schwächen, sondern die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur. Eine Absage an Passivität – und ein Seitenhieb gegen jene, die zögern, Verantwortung zu übernehmen.

    Macrons Worte lassen keinen Zweifel: Er sieht den Ukraine-Krieg nicht als isolierten Konflikt, sondern als Prüfstein für die Verteidigungsfähigkeit Europas. Russland, so seine Warnung, wolle wieder eine imperiale Großmacht werden – und teste die Entschlossenheit des Westens.

    Zwischen Front und Friedenshoffnung

    Während sich Staatschefs beraten, Drohnen fliegen und diplomatische Notizen hin- und hergeschickt werden, bleibt das Leid der Zivilbevölkerung ungebrochen. In Kiew gehen die Sirenen, Menschen suchen Schutz in U-Bahn-Schächten, Energie fällt aus, Heizungen bleiben kalt. Der Winter bricht an, und mit ihm die nächste humanitäre Krise.

    Die Welt schaut zu – und fragt sich: Wann endet dieser Krieg?

    Vielleicht lautet die ehrlichere Frage: Wie lange kann und darf der Frieden noch warten?

    Autor: C.H.