Schlagwort: Nachruf

  • Der Mann, der das Büro verstand wie kein anderer – Zum Tod von Dilbert-Erfinder Scott Adams

    Der Mann, der das Büro verstand wie kein anderer – Zum Tod von Dilbert-Erfinder Scott Adams

    Der Alltag im Großraumbüro, diese eigentümliche Mischung aus Sinnsuche, Kaffeemaschinenphilosophie und Managementsprech, hatte lange keinen Chronisten. Bis einer kam, der das alles zeichnete, zuspitzte, sezier­te – und damit einen Nerv traf, der weltweit vibrierte. Scott Adams, der Erfinder des Comi…

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  • „Der erste Stern, der fällt“ – Zum Tod von Ace Frehley, dem legendären Gitarristen von Kiss

    „Der erste Stern, der fällt“ – Zum Tod von Ace Frehley, dem legendären Gitarristen von Kiss

    Er kam von den Sternen – und kehrte nun zu ihnen zurück. Ace Frehley, der als „Spaceman“ von Kiss die Rockwelt elektrisierte, ist tot. Am 16. Oktober 2025 verstarb der Gründungsgitarrist der legendären US-Rockband im Alter von 74 Jahren. Die Todesursache: eine Gehirnblutung infolge eines Sturzes. In seinem Haus im US-Bundesstaat New Jersey sei er friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen, wie sein Management mitteilte.

    Die Nachricht traf Fans weltweit wie ein Stromschlag. Der Mann mit der rauchenden Gitarre, dem silbernen Stern im Gesicht und den himmlischen Riffs – plötzlich verstummt. Und mit ihm das erste Gründungsmitglied von Kiss, das endgültig die Bühne verlässt.

    Ein Leben zwischen Bronx und Bühnenblitz

    Geboren am 27. April 1951 in der Bronx, New York, wuchs Paul Daniel Frehley in einer musikalischen Familie auf. Mit 13 hielt er erstmals eine Gitarre in den Händen – und ließ sie nie wieder los. In den frühen 70ern tourte er als Roadie, unter anderem für Jimi Hendrix. Ein Lebensabschnitt, den er später oft mit Augenzwinkern erwähnte – als ob er damals schon wusste, dass er selbst bald zum Rockmythos werden würde.

    1973 nahm das Schicksal seinen Lauf: Gemeinsam mit Paul Stanley, Gene Simmons und Peter Criss gründete er die Band Kiss. Es war mehr als Musik – es war eine Show, ein Spektakel, eine neue Dimension von Rock. Frehley, der sich die Rolle des „Spaceman“ auf den Leib schneiderte, wurde zur Ikone. Seine Gitarren rauchten, Funken sprühten, Laser leuchteten – und die Fans tobten.

    Der Klang des Kosmos

    Doch hinter dem visuellen Bombast steckte ein echter Musiker. Seine Gitarrensoli – prägnant, melodiös, oft mit einem Augenzwinkern – prägten Klassiker wie Detroit Rock City, Shock Me oder Cold Gin. Kein Showeffekt ohne Substanz. Kein Glamour ohne Groove.

    1978 landete er mit „New York Groove“ einen Solo-Hit, der ihm fast mehr Ruhm einbrachte als manch ein Kiss-Track. 1982 stieg er aus – kreativer Druck, persönliche Konflikte, Drogenprobleme. Frehley suchte die Flucht nach vorn und ging seinen eigenen Weg. In den Neunzigern kehrte er zur Band zurück, spielte auf der Reunion-Tour 1996 und dem Album Psycho Circus. Ein nostalgisches Comeback – aber kein dauerhaftes.

    Nach dem zweiten Ausstieg 2002 konzentrierte er sich ganz auf seine Solo-Karriere. Anomaly, Space Invader, Origins – seine Alben fanden ihre Nische. Seine Fans blieben ihm treu, auch wenn die großen Bühnen seltener wurden. Noch 2025 ging er auf Tour – bis ihn gesundheitliche Probleme zum Abbruch zwangen.

    Letzter Vorhang

    Ein Sturz in seinem Haus führte zu jener folgenschweren Hirnblutung, die ihn schließlich ans Krankenbett fesselte. In seinen letzten Stunden war seine Familie bei ihm. Es sei ein friedlicher Abschied gewesen, heißt es. Und doch – der Schmerz sitzt tief.

    Seine ehemaligen Bandkollegen Gene Simmons und Paul Stanley äußerten sich in einem gemeinsamen Statement: Frehley sei ein „unersetzbarer Rocksoldat“ gewesen, ein Pionier, der die DNA von Kiss maßgeblich geprägt habe. Worte, die Respekt und Reue zugleich ausstrahlen – schließlich war das Verhältnis der Bandmitglieder nicht immer harmonisch.

    Ein Vermächtnis aus Rauch, Silber und Sound

    Ace Frehley war mehr als ein Musiker. Er war ein Symbol für eine Ära, in der Rock nicht nur gehört, sondern gesehen, gespürt, gelebt wurde. Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen von Gitarristen ist unbestritten – sein Stil, seine Sounds, seine Attitüde haben Spuren hinterlassen.

    Was bleibt? Ein Nachhall auf sechs Saiten. Ein silberner Stern am Rock’n’Roll-Himmel. Und ein Gefühl von Wehmut – wie bei einem Konzert, das viel zu früh endet.

    Manchmal, wenn die Nacht besonders klar ist, meint man vielleicht, in einem der helleren Sterne ein Stück von ihm zu sehen. Vielleicht spielt er gerade ein Solo – für die Ewigkeit.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Diane Keaton – das Lächeln, das Hollywood prägte

    Diane Keaton – das Lächeln, das Hollywood prägte

    Sie war exzentrisch, elegant, unkopierbar – und jetzt ist sie gegangen. Diane Keaton, die eigenwillige Heldin des amerikanischen Kinos, ist am 11. Oktober 2025 im Alter von 79 Jahren in Kalifornien gestorben. Ein Verlust, der tief ins Herz Hollywoods trifft.

    Noch sind die Umstände ihres Todes unklar. Die Familie bestätigte den Tod, bat jedoch um Privatsphäre. Medien berichten, die Feuerwehr in Los Angeles sei am Samstagmorgen zu einem medizinischen Notfall in Keatons Haus gerufen worden. Was dort geschah, bleibt zunächst ein Geheimnis. Fest steht nur: Eine Ikone des Kinos hat ihre letzte Szene gespielt.

    Vom Theaterkind zur Leinwandlegende

    Diane Hall – so ihr Geburtsname – kam am 5. Januar 1946 in Los Angeles zur Welt, als ältestes von vier Kindern einer kreativen Familie. Früh entdeckte sie das Theater für sich, mit einer Begeisterung, die sie später ungebremst auf die Filmleinwand übertrug.

    Der Sprung auf die große Leinwand gelang ihr in den frühen 1970er-Jahren, und wie! Sie wurde zur Muse Woody Allens, mit dem sie in mehreren Filmen zusammenarbeitete – doch sie war weit mehr als das. Ihre Darstellung in Annie Hall (1977) machte sie zu einer der prägendsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Für diese Rolle erhielt sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin – und prägte zugleich ein neues Frauenbild im Kino: klug, etwas neurotisch, witzig, frei.

    Doch Keaton war nicht nur Annie Hall. Bereits zuvor hatte sie in Francis Ford Coppolas Der Pate als Kay Adams an der Seite von Al Pacino gespielt – eine Figur, die zwischen Liebe und Loyalität gefangen war. Diese Rolle, so still sie wirkte, war eine Art Gegenentwurf zum Glamour der damaligen Zeit. Keaton verkörperte Weiblichkeit ohne Pathos, Verletzlichkeit ohne Schwäche.

    Mit jedem Jahrzehnt wuchs ihr Repertoire. Ob in Manhattan, Reds, Marvins Töchter oder Was das Herz begehrt – sie war immer erkennbar und doch immer neu.

    Der Stil einer Frau, die nie dazugehören wollte

    Diane Keaton war nicht nur Schauspielerin, sondern auch Stilphänomen. Ihre Liebe zu Hüten, Anzügen, Krawatten – dieses androgyn-lässige Auftreten – wurde zu ihrem Markenzeichen. Während andere sich dem Glamour beugten, trug sie Tweed und Schwarz-Weiß, als wollte sie den Laufsteg Hollywoods in einen alten New Yorker Gehweg verwandeln.

    Sie selbst sagte einmal, sie habe sich „in Kleidung verliebt, weil sie ein Schutzschild ist“. Doch hinter diesem Schild steckte Humor, Verletzlichkeit, Lebensfreude – und ein Hauch von Trotz.

    In Interviews sprach Keaton offen über Essstörungen, über ihre Kämpfe mit Hautkrebs, über das Älterwerden in einer Branche, die Jugend vergöttert. Sie tat das ohne Bitterkeit, mit jener entwaffnenden Ehrlichkeit, die sie auch auf der Leinwand auszeichnete.

    Vielleicht war sie gerade deshalb so inspirierend für Generationen jüngerer Künstlerinnen – von Greta Gerwig bis Emma Stone. Sie zeigte, dass man im Rampenlicht stehen und doch ganz man selbst bleiben kann.

    Zwischen Kamera und Kameraobjektiv

    Weniger bekannt ist, dass Keaton auch hinter der Kamera brillierte. Sie arbeitete als Regisseurin, Drehbuchautorin, Produzentin und Fotografin. Ihre Bildbände dokumentieren mit einem liebevollen, oft melancholischen Blick das amerikanische Leben – Häuser, Menschen, Straßen, Stille.

    Es war dieselbe Sensibilität, die sie als Schauspielerin prägte: die Fähigkeit, Schönheit in Unvollkommenheit zu sehen.

    Ein Abschied voller Würde

    Als die Nachricht ihres Todes am 11. Oktober 2025 die Runde machte, reagierte Hollywood mit Trauer – und Zuneigung. Bette Midler nannte sie „ein Original, wie es nur einmal kommt“. Steve Martin schrieb, sie habe „Licht in jede Szene gebracht, selbst in die dunklen“.

    In den sozialen Netzwerken häufen sich Erinnerungen: Drehfotos, Filmausschnitte, gemeinsame Momente. Viele sprechen von ihrer „Freundlichkeit“, von ihrer „Ansteckung durch Freude“. Worte, die selten so ehrlich klingen wie in diesem Fall.

    Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Monaten Retrospektiven und Hommagen entstehen – in Los Angeles, New York, Paris. Denn Keaton war, was man im besten Sinne eine internationale Künstlerin nennt: amerikanisch in der Form, universal in der Wirkung.

    Und man darf annehmen, dass in Kinosälen überall auf der Welt wieder jener Satz erklingen wird, der sie als Annie Hall unsterblich machte:
    „La-di-da, la-di-da.“

    Eine Frau, die nie laut sein musste, um gehört zu werden. Eine Schauspielerin, die Widersprüche liebte – und dadurch wahrhaftig blieb.

    Der Tod Diane Keatons hinterlässt eine Leerstelle in der Filmgeschichte. Aber ihr Lächeln, ihr Stil, ihre Rollen – sie bleiben, wie gutes Kino bleibt: ein Stück Seele auf Zelluloid.

    Autor: C.H.

  • Jane Goodall ist tot – und hinterlässt der Welt mehr als nur Forschung

    Jane Goodall ist tot – und hinterlässt der Welt mehr als nur Forschung

    Sie gab Schimpansen Namen. Sie gab der Natur eine Stimme. Und sie gab uns ein Vermächtnis, das bleibt.

    Am 1. Oktober 2025 ist Jane Goodall im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben – mitten auf einer Vortragsreise, wie es sinnbildlicher kaum sein könnte. Bis zuletzt war sie unterwegs, um zu sprechen, zu bewegen, zu erinnern. Der Tod dieser bemerkenswerten Frau markiert nicht nur das Ende eines außergewöhnlichen Lebens, sondern auch einen Moment der kollektiven Rückschau: Was bleibt, wenn die Stimme der Natur verstummt?

    Eine stille Beobachterin, die laut wurde

    Jane Goodall wurde 1934 in London geboren – in eine Welt, die von Männern regiert und von Konventionen begrenzt wurde. Doch schon als Kind war da diese Neugier, dieses stille Staunen über Tiere und ihre Welt. Mit Mitte Zwanzig zog es sie nach Afrika, wo sie 1960 in Tansania ihre Langzeitbeobachtung von Schimpansen begann – ohne akademischen Abschluss, ohne formale Ausbildung. Nur mit einem Fernglas, einem Notizbuch und einem unbeirrbaren Willen.

    Sie saß stundenlang im Busch, beobachtete, schrieb mit – und veränderte, was wir über Tiere dachten. Schimpansen, entdeckte sie, benutzen Werkzeuge. Sie haben Emotionen. Sie bilden soziale Strukturen, kennen Freundschaft und Konflikt, Liebe und Verlust. Goodall sprach nicht von „Versuchsobjekten“, sondern von David Greybeard, Flo, Goliath. Sie benannte, wo andere nummerierten – und schenkte uns dadurch neue Augen.

    Vom Regenwald ins Weltgeschehen

    Doch Jane Goodall blieb nicht im Dschungel. Ab den 1980er Jahren wandelte sie sich von der Forscherin zur Aktivistin. Sie reiste, sprach, forderte. Sie kämpfte gegen Wildtierhandel, gegen die Vernichtung von Lebensräumen, gegen das Verstummen der Artenvielfalt.

    1977 gründete sie das Jane Goodall Institute. Es war mehr als eine Stiftung – es war eine Vision. Naturschutz, so glaubte sie, funktioniert nur, wenn man Menschen mitnimmt: lokale Gemeinschaften, junge Generationen, politische Entscheidungsträger. Ihr Bildungsprogramm „Roots & Shoots“ wurde zu einer globalen Bewegung, in der Kinder Bäume pflanzen, Umweltprojekte starten und lernen, dass auch kleine Taten große Kreise ziehen.

    Die Macht der leisen Revolution

    Jane Goodall war nie laut. Aber sie hatte eine Präsenz, die Räume veränderte. Ihre Stimme – sanft, aber bestimmt. Ihre Sprache – klar, niemals belehrend. Ihre Haltung – immer von Respekt getragen, vor Mensch und Tier.

    Und dennoch war sie unbequem. Sie sprach unbeirrt von Verantwortung, von unserer Rolle als Teil, nicht als Herrscher der Natur. Ihr Leben war ein Appell: Seht hin. Hört zu. Handelt.

    2025, wenige Monate vor ihrem Tod, erhielt sie die Presidential Medal of Freedom – als Symbol dafür, wie weit ihre Botschaft gereist war. Vom Tanganyika der Sechzigerjahre bis in die politische Bühne der Welt heute.

    Was bleibt, wenn sie geht?

    Ihr Tod ist ein Verlust. Keine Frage. Aber vielleicht ist es mehr ein Übergang. Denn Jane Goodalls größter Beitrag war nie allein die Wissenschaft. Es war die Idee, dass Veränderung bei uns beginnt – in unserem Blick auf Tiere, auf Umwelt, aufeinander.

    Was also bleibt?

    Vier Spuren, die ihr Wirken hinterlässt:

    1. Empathie als Wissenschaftsprinzip:
    Sie zeigte, dass Beobachtung nicht kühl sein muss. Dass auch im Forschen Mitgefühl möglich ist. Ihre Methode war revolutionär – gerade weil sie menschlich war.

    2. Naturschutz als Gemeinschaftsaufgabe:
    Goodall glaubte nicht an Lösungen von oben. Sie glaubte an Engagement von innen. Ihr Vermächtnis ist partizipativ, inklusiv, dezentral.

    3. Eine globale Stimme für das Stumme:
    Ob beim Weltwirtschaftsforum oder vor Schüler:innen in ländlichen Schulen – Goodall sprach für die, die selbst keine Stimme haben: Tiere, Pflanzen, Ökosysteme.

    4. Ein Netzwerk, das weiterwächst:
    Das Jane Goodall Institute lebt weiter. In Afrika, Europa, Asien. Ihr Denken ist kein Monument, sondern ein Samen, der weiter Früchte trägt.

    Und jetzt?

    Die Frage, die bleibt, ist keine kleine: Wer spricht jetzt für die Natur? Wer füllt die Lücke, wenn ihre Stühle leer bleiben, ihre Sätze verhallen?

    Die Antwort liegt womöglich in ihrem eigenen Glaubenssatz: Jeder Mensch kann einen Unterschied machen – jeden Tag.

    Sicher beginnt ihr Erbe nicht in Gedenkfeiern, sondern im Alltag. Beim Plastikverzicht. Beim Spaziergang mit offenen Augen. Beim Gespräch mit Kindern über Tiere. Beim Pflanzen eines Baumes.

    Denn was Jane Goodall uns gelehrt hat, ist nicht nur Biologie. Es ist eine Haltung. Eine Verbindung. Ein Blick auf das Leben, der leise sagt: Du bist Teil davon. Also kümmere dich.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Claudia Cardinale – Ein letzter Vorhang für die große Diva des europäischen Kinos

    Claudia Cardinale – Ein letzter Vorhang für die große Diva des europäischen Kinos

    Die Leinwand ist ein bisschen dunkler geworden. Am 23. September 2025 ist Claudia Cardinale, eine der letzten Ikonen des europäischen Nachkriegskinos, im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus im französischen Nemours verstorben – im Beisein ihrer Kinder. Ihr Tod bedeutet weit mehr als das Verschwinden einer Schauspielerin. Es ist ein Abschied von einer Epoche, in der Kino noch nach Zigarettenrauch, samtroten Vorhängen und großen Träumen roch.

    Claudia Cardinale, geboren am 15. April 1938 in Tunis, verkörperte wie kaum eine andere Schauspielerin die goldene Ära des italienischen Films. Sie war zugleich Leinwandgöttin und bodenständige Frau, schillernde Diva und stille Kämpferin. Und sie hinterlässt eine Filmografie, die bis heute Maßstäbe setzt.


    Von Tunis nach Rom – ein unerwarteter Weg zur Schauspielerei

    Cardinales Geschichte beginnt nicht in Cinecittà, sondern im nordafrikanischen Tunis. Sie wuchs als Tochter einer italienischen Familie auf, sprach zu Hause Sizilianisch, in der Schule Französisch. Das Kino? Zunächst nur eine ferne Welt. Doch ein Schönheitswettbewerb mit dem Titel „Die schönste Italienerin in Tunesien“ brachte sie 1957 nach Venedig. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, doch das Schicksal entschied anders.

    Der Preis – eine Reise zu den Filmfestspielen – öffnete Türen, die sie nie gesucht hatte, und doch war es der Startschuss für eine beispiellose Karriere. Bald stand sie vor der Kamera, und Rom, das damals das pulsierende Herz der europäischen Filmindustrie war, nahm die junge Frau aus Tunis mit offenen Armen auf.


    Die Muse der großen Regisseure

    In den 1960er-Jahren war Claudia Cardinale unübersehbar. Sie arbeitete mit Regisseuren, die heute als Legenden gelten: Federico Fellini, Luchino Visconti, Sergio Leone. In Fellinis „8½“ spielte sie die Traumfrau eines zerstreuten Regisseurs, in Viscontis „Der Leopard“ verkörperte sie an der Seite von Burt Lancaster und Alain Delon die Verlockung der Moderne. Und in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ wurde sie zur geheimnisvollen Jill – eine Rolle, die das Western-Genre für immer veränderte.

    Hollywood klopfte ebenfalls an. „The Pink Panther“, „The Professionals“ – internationale Produktionen boten ihr Ruhm und Reichtum. Doch Cardinale blieb Europa treu. Sie entschied sich bewusst gegen eine reine Hollywood-Karriere. Ihr Platz war in Italien, in Frankreich, in jener Filmkultur, die mehr auf Charaktere und Geschichten als auf Glamour und Blockbuster setzte.


    Schönheit mit Widerstandskraft

    Claudia Cardinale galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Doch sie wollte nicht auf ihre Erscheinung reduziert werden. Sie spielte Figuren mit Tiefe, mit Brüchen, mit Ambivalenz. Frauen, die mehr waren als bloße Projektionsflächen männlicher Fantasien.

    Dabei war ihr eigenes Leben von Härten geprägt. In jungen Jahren erlitt sie sexualisierte Gewalt, die zu einer Schwangerschaft führte – eine Erfahrung, die sie lange geheim halten musste. Erst Jahre später sprach sie offen darüber. Ihr Sohn Patrick wuchs zunächst als „Bruder“ auf, bevor die Wahrheit publik wurde. Trotz dieser Erfahrung ließ sie sich nicht brechen, sondern kämpfte für ihre Autonomie – beruflich wie privat.

    Mit dem Regisseur Pasquale Squitieri verband sie eine jahrzehntelange Partnerschaft, die bis zu seinem Tod 2017 andauerte. Zusammen hatten sie eine Tochter, Claudia.


    Eine Stimme für Frauenrechte und Menschlichkeit

    Cardinale nutzte ihre Prominenz nicht nur für Glamour und Filmplakate. Sie engagierte sich öffentlich für Frauenrechte und humanitäre Anliegen. Ihre eigene Geschichte machte sie zu einer glaubwürdigen Stimme gegen Gewalt und für Gleichberechtigung.

    Als UN-Botschafterin für Frauenrechte setzte sie sich dafür ein, dass Themen wie Selbstbestimmung, Schutz vor Übergriffen und Bildung von Mädchen nicht im Schatten der großen Politik verschwinden.


    Der Tod einer Ära

    Mit Claudia Cardinale verlässt eine der letzten noch lebenden Ikonen des europäischen Films die Bühne. Sie war Teil einer Generation, die Film nicht nur machte, sondern lebte – eine Generation, die Kino als Kunst, als Bühne der Sehnsucht und als Spiegel der Gesellschaft verstand.

    Ihr Tod bedeutet nicht nur den Verlust einer Schauspielerin, sondern auch das endgültige Ende einer Ära, die von Namen wie Fellini, Visconti und Leone geprägt wurde. Und doch bleibt etwas zurück: ihre Filme, ihre Haltung, ihre unverwechselbare Mischung aus Schönheit und Stärke.

    Wird es jemals wieder Schauspielerinnen geben, die zugleich so geheimnisvoll, so nahbar und so kompromisslos eigenständig sind?


    Empfehlung für alle, die sie (neu) entdecken möchten

    Wer Claudia Cardinale heute kennenlernen will, sollte in diese Filme eintauchen:

    • „8½“ (1963) – Fellinis Meisterwerk über Träume und kreative Krisen.
    • „Der Leopard“ (1963) – ein Monument des europäischen Historienfilms.
    • „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) – Sergio Leones epischer Western, in dem Cardinale die vielleicht wichtigste Frauenrolle des Genres spielt.

    Diese Filme sind nicht nur Klassiker, sie sind Zeitreisen. Sie zeigen eine Schauspielerin, die ihre Rollen nicht spielte, sondern verkörperte.


    Claudia Cardinale war eine Frau, die ihre Schönheit nie zur Maske machte, sondern zur Waffe. Eine Künstlerin, die dem Kino ihren Stempel aufdrückte, ohne laut sein zu müssen. Ihr Lächeln bleibt. Ihr Blick bleibt. Und ihre Filme werden noch lange leuchten, wenn die Scheinwerfer längst erloschen sind.

    Autor: C.H.

  • Robert Redford ist tot: Der Sundance-Held verlässt die Bühne

    Robert Redford ist tot: Der Sundance-Held verlässt die Bühne

    Er war der lässigste Held des amerikanischen Kinos, ein Mann mit Haltung, Herz – und einer verdammt guten Sonnenbrille. Robert Redford, Schauspieler, Regisseur, Umweltaktivist und Festivalgründer, ist am 16. September 2025 im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Utah friedlich im Schlaf gestorben. Zurück bleibt ein Vermächtnis, das weit über Hollywood hinausreicht.

    Ein Gigant geht. Und hinterlässt mehr als bloßen Glanz.

    Der schöne Rebell

    Geboren am 18. August 1936 in Santa Monica, Kalifornien, wuchs Charles Robert Redford Jr. in einfachen Verhältnissen auf. Kein Kind der Traumfabrik, sondern ein Jugendlicher, der sich durchs Leben hangelte, in Europa malte, trank, träumte – und scheiterte. Erst übers Theater fand er seine Berufung: die Schauspielerei.

    Sein Durchbruch? 1969, mit Butch Cassidy and the Sundance Kid an der Seite von Paul Newman. Zwei Gesetzlose, zwei Charismatiker, ein Film für die Ewigkeit. Aus „Sundance“ wurde nicht nur ein Spitzname, sondern eine Mission.

    Die 1970er- und 1980er-Jahre machten Redford zur Projektionsfläche des liberalen Amerika. Ob in The Sting, All the President’s Men oder Out of Africa: Er spielte Männer mit Haltung. Nachdenklich, unbequem, charmant. Kein lauter Held – ein leiser.

    Der Mann hinter der Kamera

    Doch Redford wollte mehr, als nur Held sein. 1980 gab er sein Regiedebüt mit Ordinary People – ein psychologisches Familiendrama, das mit vier Oscars ausgezeichnet wurde, darunter für die beste Regie. Kein Paukenschlag, sondern eine melancholische Meisterklasse.

    Es folgten Werke wie A River Runs Through It, Quiz Show oder The Horse Whisperer. Filme, die nicht schreien, sondern nachhallen. Redford inszenierte mit einem Blick für Zwischentöne, für moralische Dilemmata, für das Menschliche im Unvollkommenen.

    Er war kein stilistischer Visionär. Aber ein Erzähler mit Haltung.

    Sundance – mehr als ein Festival

    1981 gründete Redford das Sundance Institute. Eine Heimat für den unabhängigen Film, fernab vom Blockbuster-Betrieb. Daraus erwuchs das Sundance Film Festival – heute das bedeutendste seiner Art weltweit.

    Hier wurden Karrieren geboren: Quentin Tarantino, Steven Soderbergh, Ava DuVernay – sie alle fanden bei Sundance ihr erstes Publikum. Für Redford war das Festival keine Bühne des Glamours, sondern ein Ort für Geschichten, die sonst niemand erzählen wollte.

    Sundance war sein Gegenentwurf zu Hollywoods Maschinerie. Eine Filmbewegung mit Rückgrat.

    Der Aktivist mit Cowboyhut

    Parallel zur Filmkarriere engagierte sich Redford früh für Umwelt- und Bürgerrechte. Er kämpfte gegen Kohlekraftwerke, setzte sich für indigene Gemeinschaften ein, gründete das Redford Center – und blieb dabei stets unbequem.

    Er war kein lauter Demonstrant, aber ein beharrlicher. Einer, der seinen Prominentenstatus für politische Anliegen nutzte. Auch auf die Gefahr hin, sich Feinde zu machen.

    Privat blieb Redford gezeichnet von Verlusten: 1959 starb sein Sohn Scott kurz nach der Geburt, 2020 verlor er Sohn James an Krebs. Seit 2009 war er mit der deutschen Künstlerin Sibylle Szaggars verheiratet – eine Partnerschaft voller künstlerischer Verbindung.

    Der letzte Vorhang

    2018 zog sich Redford mit dem Film The Old Man & the Gun offiziell von der Schauspielerei zurück. Doch ganz still wurde es nie: 2025 überraschte er mit einem ironischen Gastauftritt in der Serie Dark Winds – gemeinsam mit George R. R. Martin. Ein Augenzwinkern zum Abschied.

    Ein Leben für die Kunst – und die Wahrheit

    Robert Redford war kein Lautsprecher, kein Egomane, kein Blender. Er war ein Mann mit Prinzipien. Einer, der der Verlockung des schnellen Ruhms widerstand. Einer, der mit Integrität zur Legende wurde.

    In einer Branche, die oft mehr Schein als Sein bietet, blieb er glaubwürdig. Als Schauspieler, Regisseur, Mentor, Aktivist.

    Die Filmwelt trauert. Und verneigt sich.

    Nicht nur vor einem Star – sondern vor einem ihrer letzten echten Überzeugungstäter.

    Andreas M. Brucker

  • Letzter Gruß an den „Prince of Darkness“ – Ozzy Osbourne ist tot

    Letzter Gruß an den „Prince of Darkness“ – Ozzy Osbourne ist tot

    Er war der Mann mit dem Fledermausbiss. Der Sänger mit dem unnachahmlichen Vibrato. Der König des Heavy Metal – und der Hofnarr des Rock.

    Ozzy Osbourne ist am 22. Juli 2025 im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Birmingham verstorben. Friedlich, im Kreis seiner Familie. So endete ein Leben, das alles war – nur nicht ruhig.

    Was bleibt, ist ein Vermächtnis aus donnernden Riffs, exzentrischen Auftritten und einer Stimme, die Generationen von Rockfans geprägt hat.

    Ein letztes Mal zurück zu den Wurzeln

    Gerade einmal 17 Tage vor seinem Tod stand Ozzy noch ein letztes Mal auf der Bühne. Beim „Back to the Beginning“-Konzert im Villa Park in Birmingham – jener Stadt, in der alles begann – trat er zusammen mit den Originalmitgliedern von Black Sabbath auf. Zum ersten Mal seit 2005.

    Sitzend auf einem schwarzen Thron, geschwächt von Parkinson, aber stimmlich kraftvoll wie eh und je, ließ er sich von über 40.000 Fans feiern. Es war ein Abschied, wie ihn nur Rocklegenden erleben: laut, emotional, unvergesslich.

    Vom Arbeiterkind zum Weltstar

    Geboren wurde John Michael Osbourne am 3. Dezember 1948 im Arbeiterviertel Aston in Birmingham. Der Spitzname „Ozzy“ klebte früh an ihm – und blieb.

    Sein Aufstieg begann 1969 mit der Gründung von Black Sabbath. Mit Songs wie „Paranoid“, „Iron Man“ und „War Pigs“ veränderte die Band die Musikgeschichte. Sie schuf den Sound des Heavy Metal: düster, wuchtig, kompromisslos.

    Nach dem Ausstieg 1979 folgte die zweite Karriere – die Solokarriere. „Blizzard of Ozz“, „Diary of a Madman“, „No More Tears“: Alben voller Hits, geprägt von Gitarrenvirtuosen wie Randy Rhoads und Zakk Wylde.

    Und als ob das alles nicht schon genug gewesen wäre, eroberte Ozzy in den 2000ern auch noch das Reality-TV: Mit „The Osbournes“ auf MTV öffnete er die Tür zu einer kurios-chaotischen Rockerfamilie – und zeigte dabei auch seine verletzliche, schräge, oft berührende Seite.

    Rockstar und Kämpfer

    Seit 2020 lebte Ozzy mit der Diagnose Parkinson. Dazu kamen Rückenprobleme, Infektionen, Krankenhausaufenthalte.

    Doch aufgeben? Kam für ihn nie infrage.

    Im Februar 2025 veröffentlichte er mit Billy Morrison den Song „Gods of Rock n Roll“. Eine letzte Studioaufnahme – roh, hymnisch, trotzig. Fast wie ein musikalisches Testament.

    Weltweite Trauer, ehrliche Worte

    Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich in Windeseile – und löste weltweite Anteilnahme aus. Elton John nannte ihn „eine Ikone, die unsere Jugend geprägt hat“. Metallica dankte ihm für „den Weg, den er für uns alle geebnet hat“. Rod Stewart sprach schlicht von einem „Giganten der Musikgeschichte“.

    Und selbst Fußballclubs wie Aston Villa gedachten ihm – dem leidenschaftlichen Fan mit Dauerkarte auf Lebenszeit.

    Mehr als nur Musik

    Ozzy Osbourne war nie nur Sänger. Nie nur Provokateur. Nie nur ein Fernsehstar.

    Er war Symbol einer Generation, die laut sein wollte. Die anders sein wollte. Die der Welt zeigen wollte, dass aus Chaos auch Kunst entstehen kann.

    Sein Einfluss reicht weit über das Genre hinaus. Künstler aus Metal, Punk, Pop und Hip-Hop nennen ihn als Inspiration. Sein Stil, seine Art zu performen, seine Offenheit über psychische Erkrankungen und Suchtprobleme – all das hat Türen geöffnet. Tabus gebrochen. Mut gemacht.

    Ein Mythos bleibt

    Die Familie bat um Privatsphäre. Die Fans trauern. Und doch wird der Name Ozzy Osbourne nicht verstummen.

    Seine Songs werden weiter durch Stadionboxen dröhnen. Sein Lachen in unzähligen Interviews nachhallen. Sein Vermächtnis – ein Sturm aus Gitarren, Wahnsinn und Herz – bleibt.

    Er war der „Prince of Darkness“. Doch seine Musik bringt Licht.

    Rock in Peace, Ozzy.

    Andreas M. Brucker

  • Ein letzter Sprint: Der tragische Tod von Diogo Jota und seinem Bruder André Silva

    Ein letzter Sprint: Der tragische Tod von Diogo Jota und seinem Bruder André Silva

    Es war ein milder Sommermorgen in Kastilien, als die Nachricht die Welt erschütterte. Am 3. Juli 2025 verloren der portugiesische Fußballstar Diogo Jota (28) und sein jüngerer Bruder André Silva (25) bei einem schweren Autounfall auf der A-52 nahe Cernadilla in der spanischen Provinz Zamora ihr Leben. Ein Reifenplatzer während eines Überholmanövers – Sekundenbruchteile, in denen sich alles entschied. Ihr Lamborghini kam von der Straße ab, ging in Flammen auf. Für beide Brüder kam jede Hilfe zu spät. Eine Karriere im Höhenflug Diogo Jota, geboren am 4. Dezember 1996 in Porto, war seit 2020 fester Bestandteil des Teams des FC Liverpool. 65 Tore in 182 Spielen – Zahlen, die nicht nur auf dem Papier beeindruckten. Seine Schnelligkeit, sein feines Auge für Lücken und sein unbändiger Wille machten ihn zu einem Stürmer, dem man nicht gern gegenüberstand. Gerade erst hatte er mit Liverpool die Premier League der Saison 2024/25 gewonnen, dazu kamen FA Cup und EFL Cup 2022. Auch in der portugies…

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  • Adiós, Mario Vargas Llosa – Der Abschied eines literarischen Giganten

    Adiós, Mario Vargas Llosa – Der Abschied eines literarischen Giganten

    Mit dem Tod von Mario Vargas Llosa am 13. April 2025 in Lima verliert die Welt nicht nur einen der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas, sondern auch eine Stimme, die über sechs Jahrzehnte hinweg mit sprachlicher Brillanz und intellektuellem Mut den Puls der Zeit fühlbar machte. Er wurde 89 Jahre alt – und hinterlässt ein Erbe, das weit über die Literatur hinausreicht.

    Von Arequipa in die Welt

    Geboren 1936 im peruanischen Arequipa, fand Vargas Llosa früh zur Feder – zunächst als Journalist, später als Romancier. Der Durchbruch gelang ihm 1963 mit La ciudad y los perros („Die Stadt und die Hunde“), einem Werk, das die Härte des Militärsystems in Peru entlarvte. Was folgte, war eine Flut an Romanen, in denen sich politische Klarheit und literarische Raffinesse meisterhaft verbanden.

    Vargas Llosa wurde zu einer der tragenden Figuren des „Boom“ der lateinamerikanischen Literatur der 1960er-Jahre, gemeinsam mit Größen wie Gabriel García Márquez, Julio Cortázar und Carlos Fuentes. Doch während sich viele seiner Zeitgenossen dem magischen Realismus verschrieben, ging Vargas Llosa einen anderen Weg – analytisch, realistisch, unbequem.

    Literatur als Spiegel der Macht

    Ob in Gespräch in der Kathedrale, Das grüne Haus oder Der Krieg am Ende der Welt – Vargas Llosa durchleuchtete stets die Beziehung zwischen Individuum und Macht, zwischen Ideal und Realität. Seine Sprache war präzise, seine Struktur oft komplex, seine Botschaft klar: Literatur ist kein schöner Schein – sie ist Werkzeug der Erkenntnis.

    Ein Intellektueller mit Haltung

    Doch Vargas Llosa war mehr als ein Erzähler – er war ein politischer Kopf. In den 1980er-Jahren kehrte er dem Marxismus den Rücken, trat für marktwirtschaftliche und demokratische Prinzipien ein und stellte sich 1990 gar als Präsidentschaftskandidat zur Wahl. Gegen Alberto Fujimori verlor er zwar, doch sein Engagement machte ihn zu einer moralischen Instanz – und zur Zielscheibe. Er sprach Klartext – auch, wenn es unbequem war. Für viele wurde er dadurch zum Kompass, für andere zur Reizfigur.

    Weltbürger mit Feder

    Der Nobelpreis für Literatur, der ihm 2010 verliehen wurde, war die Krönung einer beispiellosen Karriere. Auch der Cervantes-Preis und die Aufnahme in die Académie Française im Jahr 2023 – als erster nicht französischsprachiger Autor – unterstreichen seine internationale Bedeutung. Vargas Llosa schrieb auf Spanisch, aber sein Werk sprach in alle Sprachen der Welt.

    Bis ins hohe Alter blieb er produktiv. Tiempos recios (2019) und Le dedico mi silencio (2023) zeugen von seiner ungebrochenen Neugier und seinem Drang, Geschichte und Gegenwart Lateinamerikas literarisch zu durchdringen.

    Ein Vermächtnis voller Kontraste

    Was Vargas Llosa besonders machte, war seine Fähigkeit, Schönheit mit Schärfe zu verbinden. Seine Texte glänzten – und schnitten. Er war ein Liberaler mit Leidenschaft, ein Erzähler mit Haltung, ein Intellektueller mit Charisma. Und auch wenn seine politische Positionierung nicht immer unumstritten war, blieb er sich stets treu – auch gegen den Zeitgeist.

    Keine Trauerfeier, aber bleibende Wirkung

    Seine Familie hat angekündigt, dass keine öffentliche Zeremonie stattfinden wird. Er soll eingeäschert werden, so wie er es sich wünschte. Doch seine Bücher, Essays, Interviews und Reden – sie bleiben. Und sie werden bleiben. In Universitätsseminaren, auf den Nachttischen junger Schriftsteller, in politischen Debatten – und im Herzen all jener, die Literatur nicht nur lesen, sondern leben.

    Was also bleibt von Mario Vargas Llosa? Ein Werk, das Welten erschloss – und aufrüttelte. Und die Erinnerung an einen Autor, der nie den einfachen Weg wählte, sondern stets den, der zum Denken zwingt.

    Autor: M.A.B.