Schlagwort: Nachrichten Frankreich

  • Die dunkle Seite der Croisette: Wenn Cannes seine Stars verbannt

    Die dunkle Seite der Croisette: Wenn Cannes seine Stars verbannt

    Das Filmfestival von Cannes liebt seine große Bühne. Goldene Palmen, blitzende Kameras, maßgeschneiderte Smokings und Roben, die mehr kosten als ein Kleinwagen — Jahr für Jahr inszeniert sich die Croisette als Zentrum der internationalen Filmwelt. Doch hinter all dem Glamour steckt ein System, das s…

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  • Frankreichs Justiz tastet sich an Riad heran

    Frankreichs Justiz tastet sich an Riad heran

    Die Entscheidung der französischen Justiz, eine gerichtliche Untersuchung zum Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi einzuleiten, ist weit mehr als ein juristischer Routinevorgang. Acht Jahre nach der Tötung des Regimekritikers im saudischen Konsulat in Istanbul erhält einer der folgenreichsten politischen Kriminalfälle der jüngeren Zeit neue Dynamik – diesmal in Europa. Dass nun ein Untersuchungsrichter in Paris mögliche Verantwortlichkeiten bis in die höchsten Ebenen des saudischen Machtapparates prüfen soll, verleiht dem Fall eine neue politische und diplomatische Dimension.

    Der Schritt erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Saudi-Arabien international weitgehend rehabilitiert scheint. Kronprinz Mohammed bin Salman, lange Zeit wegen des Falls Khashoggi isoliert, wird inzwischen wieder als zentraler geopolitischer Akteur behandelt – sei es im Kontext der Energiepolitik, regionaler Sicherheitsfragen oder milliardenschwerer Investitionsprojekte. Gerade deshalb besitzt die französische Entscheidung eine erhebliche Symbolkraft.

    Ein Mord, der die Welt erschütterte

    Jamal Khashoggi galt über Jahre als loyaler Insider des saudischen Establishments. Erst mit dem Aufstieg Mohammed bin Salmans entwickelte sich der Journalist zunehmend zu einem Kritiker des autoritärer werdenden Systems. In Kolumnen für die Washington Post warnte er vor der Repression gegen Dissidenten, der Ausschaltung innerer Machtzentren und der Konzentration politischer Kontrolle im Umfeld des Kronprinzen.

    Am 2. Oktober 2018 betrat Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul, um Dokumente für seine geplante Hochzeit abzuholen. Er verließ das Gebäude nie wieder. Türkische Ermittler kamen später zu dem Schluss, dass ein eigens aus Saudi-Arabien eingeflogenes Kommando den Journalisten im Konsulat ermordet, zerstückelt und seine Leiche verschwinden ließ. Bis heute wurde der Körper nicht gefunden.

    Die Brutalität des Verbrechens löste weltweit Empörung aus. Besonders brisant war dabei die Frage nach der politischen Verantwortung. Bereits 2021 gelangten amerikanische Geheimdienste zu der Einschätzung, dass die Operation auf höchster Ebene „genehmigt“ worden sei. Zwar bestritt Riad stets eine direkte Beteiligung des Kronprinzen, räumte jedoch ein, dass saudische Agenten verantwortlich gewesen seien.

    Die Rolle der französischen Justiz

    Der aktuelle Schritt in Frankreich geht auf mehrere Strafanzeigen zurück, die Menschenrechtsorganisationen seit 2022 eingereicht hatten. Darunter befinden sich unter anderem Reporters sans frontières (RSF), Trial International und Democracy for the Arab World Now – jene Organisation, die Khashoggi selbst kurz vor seinem Tod mitgegründet hatte.

    Die Kläger berufen sich auf das Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit. Dieses erlaubt nationalen Gerichten unter bestimmten Voraussetzungen, schwere internationale Verbrechen unabhängig vom Tatort oder der Staatsangehörigkeit der Beteiligten zu verfolgen. In Frankreich betrifft dies insbesondere Delikte wie Folter, erzwungenes Verschwindenlassen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

    Bemerkenswert ist vor allem die juristische Begründung der Pariser Berufungsrichter. Diese erklärten, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Mord Teil einer systematischen Repressionspolitik gegen saudische Oppositionelle gewesen sei. Damit öffnet sich theoretisch die Tür zu einer Einstufung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – ein Schritt mit erheblicher politischer Tragweite.

    Die schwierige Frage der Immunität

    Ob es jemals zu einem Prozess kommen wird, bleibt allerdings offen. Die juristischen Hürden sind enorm. Zentral ist dabei die Frage der Immunität hochrangiger Staatsvertreter. Mohammed bin Salman ist faktisch der mächtigste Mann Saudi-Arabiens und de facto Regierungschef des Königreichs. Internationale Gerichte und nationale Justizsysteme tun sich traditionell schwer damit, aktive Staatsführer strafrechtlich zu verfolgen.

    Bereits 2022 hatte die amerikanische Regierung erklärt, Mohammed bin Salman genieße als Regierungschef Immunität vor US-Gerichten. Diese Entscheidung sorgte damals international für Kritik, weil Präsident Joe Biden im Wahlkampf noch angekündigt hatte, Saudi-Arabien wegen des Falls Khashoggi zum „Paria“ machen zu wollen.

    Auch Frankreich dürfte erheblichem diplomatischem Druck ausgesetzt sein. Paris pflegt enge wirtschaftliche und strategische Beziehungen zu Saudi-Arabien. Beide Staaten kooperieren in Energiefragen, bei Investitionen sowie in sicherheitspolitischen Dossiers des Nahen Ostens. Französische Rüstungskonzerne zählen zudem seit Jahren zu wichtigen Lieferanten des Königreichs.

    Europas Balance zwischen Werten und Interessen

    Der Fall offenbart erneut ein strukturelles Dilemma westlicher Demokratien: den Konflikt zwischen Menschenrechtsrhetorik und geopolitischen Interessen. Nach dem Mord an Khashoggi reagierten zahlreiche westliche Regierungen zunächst mit scharfer Kritik. Unternehmen boykottierten Investorenkonferenzen in Riad, Politiker mieden demonstrativ den Kontakt zum saudischen Kronprinzen.

    Doch dieser Zustand hielt nicht lange an. Spätestens mit der globalen Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gewann Saudi-Arabien als strategischer Partner wieder an Bedeutung. Hinzu kommt die zentrale Rolle Riads in regionalen Konflikten sowie bei internationalen Investitions- und Technologieprojekten.

    Die internationale Rückkehr Mohammed bin Salmans verlief daher bemerkenswert schnell. Staats- und Regierungschefs empfingen ihn erneut offiziell, Wirtschaftsdelegationen kehrten zurück, und selbst vormals kritische Staaten intensivierten die Zusammenarbeit. Menschenrechtsorganisationen werfen westlichen Regierungen seitdem vor, wirtschaftliche Interessen über rechtsstaatliche Prinzipien zu stellen.

    Gerade vor diesem Hintergrund besitzt die französische Entscheidung erhebliches Gewicht. Sie signalisiert zumindest, dass Teile des westlichen Rechtsstaats weiterhin bereit sind, die politische Verantwortung autoritärer Regime juristisch zu prüfen – auch wenn dies diplomatisch unbequem ist.

    Ein Präzedenzfall mit begrenzter Reichweite

    Die praktische Wirkung des Verfahrens könnte am Ende begrenzt bleiben. Selbst wenn französische Ermittler zu belastenden Ergebnissen gelangen sollten, wäre eine tatsächliche Strafverfolgung des saudischen Kronprinzen politisch und rechtlich äußerst schwierig. Wahrscheinlicher ist, dass das Verfahren vor allem symbolischen Charakter entfaltet.

    Doch Symbole spielen im internationalen Recht eine zentrale Rolle. Der Fall Pinochet Ende der 1990er Jahre zeigte bereits, dass nationale Gerichte unter Berufung auf universelle Gerichtsbarkeit internationale Machtstrukturen zumindest zeitweise erschüttern können. Auch damals galt die Vorstellung, ein ehemaliger Staatschef könne im Ausland juristisch belangt werden, lange als nahezu undenkbar.

    Im Fall Khashoggi könnte die französische Untersuchung vor allem dazu beitragen, die Erinnerung an das Verbrechen politisch wachzuhalten. Für autoritäre Regime besteht die eigentliche Gefahr häufig weniger in einer unmittelbaren Verurteilung als in der dauerhaften internationalen Delegitimierung.

    Die Entscheidung aus Paris markiert deshalb möglicherweise keinen juristischen Durchbruch, wohl aber eine politische Grenzziehung. Sie erinnert daran, dass selbst geopolitische Macht und wirtschaftliche Interessen die Frage individueller Verantwortung nicht vollständig verdrängen können. Gerade in einer Zeit, in der autoritäre Staaten weltweit an Einfluss gewinnen, besitzt diese Botschaft erhebliche Bedeutung.

    Von Andreas Brucker

  • Nantes und der lange Schatten des Drogengeschäfts

    Nantes und der lange Schatten des Drogengeschäfts

    Nantes galt lange als dynamische Atlantikstadt mit hoher Lebensqualität, Kultur und wirtschaftlichem Aufschwung. Heute fällt der Name der westfranzösischen Metropole immer häufiger im Zusammenhang mit Schießereien, Drogenhandel und Gewalt. Die Entwicklung alarmiert Polizei, Justiz und Anwohner gleichermaßen. Denn das Problem reicht längst über gewöhnliche Kriminalität hinaus. In einigen Vierteln entsteht eine regelrechte Parallelökonomie — brutal, hochprofitabel und erschreckend gut organisiert. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Immer häufiger knattern automatische Waffen zwischen Wohnblocks, Jugendliche übernehmen Rollen als Kuriere oder Wachposten, Bewohner leben mit der Angst, zur falschen Zeit am falschen Ort zu stehen. Viele Eltern lassen ihre Kinder abends kaum noch allein vor die Tür. „Früher gab’s hier Ärger, heute hört man Kalaschnikows“, sagte ein Bewohner kürzlich sinngemäß in einem Fernsehbericht. Ein Satz wie ein Faustschlag. Der französische Staat reagiert mit m…

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  • Die unsichtbare Pandemie – Wie der Klimawandel die globale Gesundheitsordnung verändert

    Die unsichtbare Pandemie – Wie der Klimawandel die globale Gesundheitsordnung verändert

    Der politische Streit über den Klimawandel wird meist entlang von Temperaturkurven, Emissionszielen oder Energiepreisen geführt. Weit weniger sichtbar, aber womöglich folgenreicher ist ein anderer Zusammenhang: die Wechselwirkung zwischen ökologischer Destabilisierung und der Ausbreitung infektiöser Krankheiten. Lange galt dies als Randthema von Epidemiologen und Umweltforschern. Heute gehört es zu den zentralen sicherheitspolitischen Fragen des 21. Jahrhunderts.

    Die Aussage, der Klimawandel begünstige neue Krankheiten, wird im politischen Diskurs häufig zugespitzt oder polemisch verkürzt. Doch hinter der Formel steht ein wissenschaftlich breit abgestützter Befund. Nicht das Klima selbst erzeugt Viren. Es verändert jedoch jene ökologischen Bedingungen, unter denen Krankheitserreger, Tiere und Menschen miteinander in Kontakt treten. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz.

    Verschobene Lebensräume, neue Risiken

    Der Anstieg globaler Durchschnittstemperaturen verändert weltweit die Verbreitungsgebiete zahlreicher Tier- und Insektenarten. Was zunächst wie eine abstrakte ökologische Verschiebung erscheint, hat unmittelbare gesundheitspolitische Konsequenzen.

    Besonders sichtbar wird dies bei sogenannten Vektoren — Organismen, die Krankheitserreger übertragen. Mückenarten wie die asiatische Tigermücke breiten sich inzwischen bis nach Mitteleuropa aus. Zecken, die Borreliose oder FSME übertragen, finden in höheren Lagen und nördlicheren Regionen zunehmend geeignete Lebensbedingungen. Regionen, die früher klimatisch als natürliche Barriere wirkten, verlieren diese Schutzfunktion.

    Damit verändert sich die geografische Landkarte infektiöser Krankheiten. Krankheiten, die einst als tropisch galten, rücken näher an europäische Ballungsräume heran. Die Gesundheitsinfrastruktur westlicher Staaten ist auf diese Entwicklung nur bedingt vorbereitet. Die Herausforderung liegt weniger in einzelnen spektakulären Epidemien als in der schleichenden Normalisierung neuer Risiken.

    Die gestörte Ordnung der Ökosysteme

    Mindestens ebenso bedeutsam wie die Temperaturentwicklung ist die Zerstörung natürlicher Lebensräume. Abholzung, Bodendegradation, Waldbrände oder extreme Dürren drängen Wildtiere näher an menschliche Siedlungen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit sogenannter Spillover-Ereignisse — also der Übertragung von Krankheitserregern vom Tier auf den Menschen.

    Rund drei Viertel aller neu auftretenden Infektionskrankheiten beim Menschen stammen nach Schätzungen internationaler Gesundheitsorganisationen ursprünglich aus dem Tierreich. Ebola, SARS, MERS oder Covid-19 sind prominente Beispiele für solche Zoonosen.

    Der entscheidende Punkt besteht darin, dass ökologische Stabilität auch eine Form biologischer Distanz schafft. Intakte Ökosysteme wirken gewissermaßen als Puffer zwischen Arten. Werden diese Systeme zerstört, verdichten sich die Kontakte zwischen Menschen, Nutztieren und Wildtieren. Das erhöht statistisch die Wahrscheinlichkeit neuer Krankheitssprünge.

    Die moderne Weltwirtschaft verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Globale Lieferketten, Massentierhaltung, Urbanisierung und internationale Mobilität erzeugen eine bis dahin unbekannte Geschwindigkeit der Verbreitung. Ein lokaler Ausbruch kann innerhalb weniger Tage globale Konsequenzen entfalten.

    Die Wissenschaft spricht von Wahrscheinlichkeiten

    Gerade in politischen Debatten wird häufig eine mechanische Kausalität suggeriert: Der Klimawandel verursache Pandemien. Eine solche Verkürzung hält wissenschaftlicher Prüfung jedoch nicht stand.

    Pandemien entstehen nie monokausal. Sie sind das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen biologischen, sozialen und ökonomischen Faktoren. Bevölkerungsdichte, Gesundheitsversorgung, internationale Verkehrsnetze, Ernährungssysteme und staatliche Krisenreaktionen spielen dabei ebenso zentrale Rollen wie ökologische Veränderungen.

    Covid-19 etwa gilt nicht als direkte Folge des Klimawandels. Die meisten Forschungen konzentrieren sich vielmehr auf den engen Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren, möglicherweise in Märkten mit lebenden Tieren. Dennoch argumentieren zahlreiche Wissenschaftler, dass globale Umweltveränderungen die Wahrscheinlichkeit solcher Übersprünge insgesamt erhöhen.

    Genau hier liegt die entscheidende Differenz zwischen Wissenschaft und Politik. Die Wissenschaft arbeitet mit Risikoerhöhungen, statistischen Wahrscheinlichkeiten und multifaktoriellen Modellen. Die Politik hingegen neigt zu klaren Schuldzuweisungen und einfachen Narrativen.

    Das erklärt auch, weshalb Aussagen mancher Politiker zwar im Kern auf realen Forschungsergebnissen beruhen, rhetorisch aber oft weiter gehen als der eigentliche wissenschaftliche Konsens.

    „One Health“ als geopolitisches Konzept

    In internationalen Organisationen hat sich deshalb in den vergangenen Jahren ein neuer Leitbegriff etabliert: „One Health“. Dahinter steht die Erkenntnis, dass menschliche Gesundheit, Tiergesundheit und ökologische Stabilität nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

    Diese Sichtweise markiert einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Gesundheitspolitik wird damit nicht länger ausschließlich als Aufgabe von Krankenhäusern oder Pharmasystemen verstanden, sondern als Teil einer umfassenden Umwelt- und Sicherheitspolitik.

    Die Konsequenzen reichen weit über medizinische Fragen hinaus. Staaten müssen künftig Biodiversität, Landwirtschaft, Stadtplanung und Klimapolitik stärker als Elemente präventiver Gesundheitssicherung begreifen. Pandemievorsorge wird damit zu einer Frage strategischer Resilienz.

    Besonders Entwicklungsländer geraten dabei unter Druck. Viele Regionen Afrikas, Südostasiens oder Lateinamerikas erleben gleichzeitig rasantes Bevölkerungswachstum, ökologische Zerstörung und schwache Gesundheitssysteme. Dort könnten sich die Folgen klimabedingter Krankheitsdynamiken besonders drastisch entfalten.

    Für Europa bedeutet dies wiederum eine neue Form globaler Verwundbarkeit. Infektionskrankheiten kennen keine nationalen Grenzen. Gesundheitspolitik wird damit zwangsläufig zur Außen- und Sicherheitspolitik.

    Zwischen Alarmismus und Verdrängung

    Die eigentliche Gefahr der Debatte liegt heute weniger im wissenschaftlichen Dissens als in der politischen Überreaktion auf beiden Seiten. Einerseits existiert ein alarmistischer Diskurs, der jede neue Epidemie unmittelbar dem Klimawandel zuschreibt. Andererseits gibt es nach wie vor Stimmen, die jeglichen Zusammenhang bestreiten und ökologische Faktoren vollständig ausblenden.

    Beide Positionen verkennen die Komplexität moderner Krisendynamiken.

    Der gegenwärtige Forschungsstand spricht weder für apokalyptische Gewissheiten noch für Entwarnung. Er deutet vielmehr auf eine strukturelle Verschiebung von Risiken hin. Eine wärmere und ökologisch instabilere Welt erhöht die Wahrscheinlichkeit neuer Infektionskrankheiten — nicht automatisch, aber messbar.

    Damit verändert sich auch der Charakter staatlicher Verantwortung. Klimapolitik erscheint nicht mehr nur als langfristige Umweltfrage, sondern zunehmend als Teil präventiver Gesundheitspolitik. Wer heute über Emissionsreduktion, Biodiversität oder Landnutzung spricht, diskutiert indirekt auch über die Stabilität zukünftiger Gesundheitssysteme.

    Die nächste Pandemie wird vermutlich nicht allein durch das Klima entstehen. Doch eine Welt im ökologischen Ungleichgewicht schafft Bedingungen, unter denen solche Krisen wahrscheinlicher werden. Genau darin liegt die eigentliche politische Herausforderung: nicht in simplen Ursache-Wirkungs-Erzählungen, sondern in der Fähigkeit moderner Gesellschaften, komplexe Risiken frühzeitig zu erkennen und institutionell darauf zu reagieren.

    Andreas M. Brucker

  • Cannes 2026: Das Festival entdeckt den Autorenfilm neu

    Cannes 2026: Das Festival entdeckt den Autorenfilm neu

    Auf der Croisette weht in diesem Jahr ein anderer Wind. Weniger Blitzlichtgewitter aus Hollywood, weniger kalkulierter Glamour — dafür mehr düstere Stoffe, sperrige Erzählungen und Filme, die nicht gefallen wollen, sondern herausfordern. Schon in den ersten Tagen des Filmfestivals von Cannes 2026 ze…

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  • Papst Leo XIV. kommt nach Frankreich – ein Besuch mit politischer Signalwirkung

    Papst Leo XIV. kommt nach Frankreich – ein Besuch mit politischer Signalwirkung

    Der Vatikan hat den ersten Frankreich-Besuch von Papst Leo XIV. offiziell bestätigt. Vom 25. bis 28. September wird das neue Oberhaupt der katholischen Kirche mehrere Stationen in Frankreich besuchen. Bereits die Ankündigung zeigt: Diese Reise ist weit mehr als ein rein pastoraler Termin. Sie markiert den Beginn eines Pontifikats, das sich offenbar stärker als unter Papst Franziskus den politischen und institutionellen Zentren Europas zuwendet. Die Einladung erfolgte gemeinsam durch Präsident Emmanuel Macron, die französische Kirche sowie die UNESCO. Damit erhält der Besuch von Beginn an eine doppelte Dimension – religiös und geopolitisch. Besonders die bereits bestätigte Station am Sitz der UNESCO in Paris deutet darauf hin, dass Leo XIV. die großen gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart offensiv aufgreifen will: Bildung, Kultur, künstliche Intelligenz und die Frage nach den ethischen Grundlagen moderner Gesellschaften. Paris als Bühne eines neuen Pontifikats Das detaillierte Progr…

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  • Fünf Jahre Haft für Saad Lamjarred – Frankreichs Justiz setzt ein deutliches Zeichen

    Fünf Jahre Haft für Saad Lamjarred – Frankreichs Justiz setzt ein deutliches Zeichen

    Der marokkanische Popsänger Saad Lamjarred ist vom Schwurgericht in Draguignan zu fünf Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Das Urteil fiel am 15. Mai nach einem einwöchigen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Trotz der Schwere der Strafe verließ der Künstler das Gericht als freier Mann – ein sofortiger Haftbefehl wurde nicht erlassen. Für viele Beobachter markiert das Verfahren einen weiteren tiefen Einschnitt im Fall eines Mannes, der über Jahre als einer der größten Popstars der arabischen Welt galt. Millionen Menschen feierten seine Songs, vor allem den Hit Lm3allem, der im Internet Rekorde brach und Lamjarred weit über Marokko hinaus berühmt machte. Nun dominiert ein ganz anderes Bild die Schlagzeilen. Die Vorwürfe reichen zurück bis in den Sommer 2018. Damals lernte eine junge Frau den Sänger in einem Nachtclub in Saint-Tropez kennen. Später folgte sie ihm laut Ermittlungsakten in sein Hotel, wo beide zunächst etwas trinken wollten. Die Frau erklärte späte…

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  • Hantavirus in Frankreich: Warum der Ausbruch im Jura nichts mit dem Kreuzfahrtschiff Hondius zu tun haben kann

    Hantavirus in Frankreich: Warum der Ausbruch im Jura nichts mit dem Kreuzfahrtschiff Hondius zu tun haben kann

    Die Diskussion um Hantaviren sorgt derzeit auch in Frankreich für erhebliche Verunsicherung. Auslöser sind mehrere gemeldete Infektionsfälle im französischen Jura sowie die internationale Aufmerksamkeit rund um einen Hantavirus-Ausbruch auf dem Expeditionsschiff MV Hondius. Beide Ereignisse werden in Medien und sozialen Netzwerken häufig miteinander verknüpft. Nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand sprechen jedoch zahlreiche Hinweise dafür, dass es sich um zwei unterschiedliche Virusvarianten handelt – mit erheblichen medizinischen und epidemiologischen Unterschieden. Zwei Virusgruppen unter einem Namen Der Begriff „Hantavirus“ bezeichnet keine einzelne Krankheit, sondern eine ganze Familie von Viren, die weltweit vorkommen und überwiegend durch Nagetiere übertragen werden. Dabei unterscheiden sich die regionalen Varianten teils erheblich hinsichtlich Übertragungsweg, Krankheitsbild und Gefährlichkeit. In Europa dominieren seit Jahrzehnten sogenannte „alte Welt“-Hantaviren. Be…

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  • Philippine Leroy-Beaulieu oder die Kunst, sich selbst genug zu sein

    Philippine Leroy-Beaulieu oder die Kunst, sich selbst genug zu sein

    Es gibt Menschen, die wirken, als hätten sie irgendwann beschlossen, dem Lärm der Welt einfach nicht mehr hinterherzulaufen. Philippine Leroy-Beaulieu gehört offenbar dazu.

    Mit 63 Jahren steht die französische Schauspielerin plötzlich im Zentrum eines kulturellen Phänomens, das weit über Mode, Serien oder Glamour hinausgeht. Millionen kennen sie als Sylvie Grateau aus der Serie Emily in Paris — kühl, elegant, scharfzüngig. Eine Frau mit Haltung. Doch die eigentliche Faszination entsteht nicht durch Designerblazer oder französischen Chic. Sondern durch etwas viel Selteneres.

    Innere Ruhe.

    Oder zumindest den Versuch davon.

    Denn wenn Philippine Leroy-Beaulieu über Selbstvertrauen spricht, klingt das angenehm unperfekt. Keine Kalendersprüche. Keine toxische Positivität. Kein „Du musst nur fest genug an dich glauben“. Stattdessen erzählt sie von Grenzen, Widersprüchen und der anstrengenden Arbeit, sich selbst auszuhalten.

    Und genau deshalb hören ihr heute so viele Menschen zu.

    Vielleicht, weil das Thema Selbstvertrauen inzwischen völlig überdreht wirkt.

    Überall lauern Ratgeber, Podcasts und Motivationsvideos, die erklären, wie man die beste Version seiner selbst wird. Morgens meditieren. Kalt duschen. Erfolgreich denken. Mehr lächeln. Weniger zweifeln. Das moderne Leben klingt inzwischen manchmal wie ein nie endender Optimierungsparcours.

    Wer da nicht mithält, fühlt sich schnell wie ein kaputtes Gerät.

    Philippine Leroy-Beaulieu setzt dem etwas entgegen, das fast altmodisch wirkt: Gelassenheit.

    Und Ehrlichkeit.

    Sie sagt offen, dass Selbstvertrauen nicht plötzlich vom Himmel fällt. Nicht mit zwanzig. Nicht mit vierzig. Vielleicht nie komplett. Es entsteht eher langsam — wie eine Landschaft, die sich über Jahre verändert. Durch Erfahrungen. Durch Enttäuschungen. Durch Momente, in denen man merkt, dass Anpassung auf Dauer müde macht.

    Besonders deutlich spricht sie über das Nein sagen.

    Ein kleines Wort.

    Und für viele Frauen eine lebenslange Baustelle.

    Denn ganze Generationen lernten früh, freundlich zu bleiben. Nicht anzuecken. Harmonie herzustellen. Zu vermitteln. Rücksicht zu nehmen. Wer dauernd versucht, von allen gemocht zu werden, verliert allerdings irgendwann die Verbindung zur eigenen Stimme. Genau davor warnt Philippine Leroy-Beaulieu.

    Sie erzählt, dass sie in ihrer Karriere bestimmte Kompromisse bewusst nicht eingegangen sei — auch wenn das beruflich Nachteile brachte. Das klingt zunächst nach klassischer Künstlerpose. Doch bei ihr wirkt es weniger wie Rebellion als wie Selbsterhaltung.

    Wie oft verrät man sich selbst aus Angst, andere könnten enttäuscht sein?

    Diese Frage zieht sich unterschwellig durch viele ihrer Aussagen.

    Und plötzlich geht es nicht mehr nur um eine Schauspielerin.

    Sondern um ein Lebensgefühl.

    Vielleicht erklärt das auch, weshalb gerade Frauen jenseits der vierzig so stark auf sie reagieren. Philippine Leroy-Beaulieu verkörpert eine Form von Weiblichkeit, die in sozialen Netzwerken erstaunlich selten geworden ist. Sie inszeniert sich nicht als ewiges Mädchen. Sie versteckt das Älterwerden nicht hinter Filtern oder künstlicher Jugendlichkeit.

    Sie wirkt vielmehr wie jemand, der verstanden hat, dass Schönheit irgendwann ihren Charakter verändert.

    Mit zwanzig funktioniert Schönheit oft wie eine Eintrittskarte.

    Später eher wie eine Haltung.

    Das Gesicht erzählt dann plötzlich Geschichten. Müdigkeit. Freude. Verluste. Ironie. Vielleicht sogar Befreiung.

    Natürlich bleibt Philippine Leroy-Beaulieu eine außergewöhnlich attraktive Frau. Doch die eigentliche Ausstrahlung entsteht woanders. In ihrer Art zu sprechen. In dieser Mischung aus Distanz und Wärme. In dem Eindruck, dass sie niemandem mehr etwas beweisen möchte.

    Und genau das irritiert viele Menschen heute fast mehr als Perfektion.

    Denn unsere Gegenwart lebt vom dauernden Beweis.

    Man soll sichtbar sein.

    Präsent.

    Relevant.

    Jeder Gedanke wird veröffentlicht, jede Mahlzeit fotografiert, jeder Erfolg dokumentiert. Selbst Selbstzweifel erscheinen inzwischen oft wie kleine Marketingkampagnen. „Authentizität“ gehört längst zum Geschäftsmodell.

    Philippine Leroy-Beaulieu dagegen wirkt beinahe anti digital.

    Nicht demonstrativ.

    Nicht belehrend.

    Eher wie eine Frau, die irgendwann beschlossen hat, ihre Energie nicht länger vollständig nach außen zu richten.

    Das klingt simpel. Ist es aber nicht.

    Wer wirklich unabhängig vom Urteil anderer lebt, zahlt dafür einen Preis. Man wird missverstanden. Nicht immer gemocht. Manchmal sogar ausgeschlossen. Viele Menschen unterschätzen, wie eng Selbstvertrauen mit Einsamkeit verbunden sein kann.

    Auch darüber spricht Philippine Leroy-Beaulieu erstaunlich offen.

    Sie sagt nicht, dass Verletzlichkeit verschwindet. Im Gegenteil. Die stärksten Menschen seien oft besonders sensibel. Nur lernen manche irgendwann, sich besser zu schützen, ohne komplett zu verhärten.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Reife.

    Nicht unverwundbar zu werden.

    Sondern durchlässig zu bleiben, ohne sich ständig selbst zu verlieren.

    Das erinnert fast an alte französische Filme, in denen Figuren rauchten, schwiegen und komplizierte Gefühle nicht sofort therapeutisch einordneten. Ein Blick genügte damals oft für einen ganzen Dialog. Heute hingegen wird jede Emotion sofort analysiert, benannt und online diskutiert.

    Manchmal sehnen sich Menschen deshalb wieder nach Persönlichkeiten wie Philippine Leroy-Beaulieu.

    Nach Menschen mit Zwischentönen.

    Mit Widersprüchen.

    Mit Falten, die nicht wegretuschiert wirken wie ungeliebte Tippfehler.

    Interessant bleibt dabei, dass ihr Erfolg ausgerechnet jetzt seinen Höhepunkt erreicht. In einer Branche, die Jugend jahrzehntelang wie eine Religion behandelte.

    Hollywood und große Teile der Modewelt erzählten Frauen lange dieselbe Geschichte: Sichtbarkeit besitzt ein Ablaufdatum. Mit zunehmendem Alter verschwinden viele Schauspielerinnen aus Hauptrollen, Magazincovern und Werbekampagnen — als hätte Attraktivität ein biologisches Verfallsdatum.

    Philippine Leroy-Beaulieu widerlegt dieses Narrativ mit fast beiläufiger Eleganz.

    Nicht kämpferisch.

    Nicht laut.

    Eher durch Präsenz.

    Das macht ihre Wirkung so stark.

    Denn sie predigt keine Revolution. Sie lebt einfach eine andere Möglichkeit vor.

    Und vielleicht brauchen Menschen genau das heute mehr denn je.

    Keine perfekten Vorbilder.

    Sondern glaubwürdige Menschen.

    Menschen, die nicht ständig so tun, als hätten sie das Leben komplett verstanden.

    In Interviews spricht Philippine Leroy-Beaulieu oft über Authentizität. Ein Wort, das inzwischen ziemlich strapaziert klingt. Bei ihr erhält es jedoch eine andere Bedeutung. Authentisch zu sein heißt für sie offenbar nicht, jede Emotion öffentlich auszubreiten. Sondern innerlich in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben.

    Eine stille Form von Klarheit.

    Wer sich selbst akzeptiert, wirkt automatisch überzeugender. Nicht, weil plötzlich alles perfekt läuft. Sondern weil kein dauernder innerer Krieg mehr geführt wird.

    Das spüren andere sofort.

    Jeder kennt Menschen, die objektiv wunderschön erscheinen und trotzdem unsicher wirken. Und andere, die einen Raum betreten und sofort Aufmerksamkeit erzeugen — ganz ohne klassische Perfektion.

    Ausstrahlung entsteht selten aus Makellosigkeit.

    Eher aus Wahrhaftigkeit.

    Philippine Leroy-Beaulieu scheint genau das verstanden zu haben.

    Vielleicht fasziniert sie deshalb auch jüngere Generationen. Nicht trotz ihres Alters, sondern gerade deswegen. In einer Zeit voller digitaler Selbstoptimierung wirkt jemand, der mit sich selbst halbwegs im Reinen scheint, fast radikal.

    Natürlich bleibt auch bei ihr vieles Inszenierung. Schauspielerinnen leben schließlich davon. Doch selbst ihre Eleganz wirkt nie steril. Eher wie ein alter Kaschmirpullover, den man seit Jahren trägt und der gerade deshalb Charakter besitzt.

    Ein bisschen zerknittert.

    Aber echt.

    Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Geschichte.

    Selbstvertrauen bedeutet nicht, sich großartig zu fühlen.

    Es bedeutet oft nur, sich nicht permanent infrage zu stellen.

    Nicht jeden Raum gewinnen zu müssen.

    Nicht jedem gefallen zu wollen.

    Nicht jede Falte zu bekämpfen, als hinge davon die eigene Würde ab.

    Das klingt banal.

    Ist allerdings verdammt schwer.

    Denn die moderne Welt lebt davon, Menschen in permanenter Unsicherheit zu halten. Wer sich selbst akzeptiert, konsumiert weniger Sehnsüchte. Weniger Versprechen. Weniger künstliche Mängel.

    Vielleicht wirkt Philippine Leroy-Beaulieu deshalb auf viele wie ein Gegenmittel.

    Nicht perfekt.

    Nicht unnahbar.

    Sondern frei.

    Und Freiheit bleibt vermutlich die attraktivste Form von Selbstvertrauen.

    Wer möchte nicht irgendwann an den Punkt gelangen, an dem das Urteil anderer leiser wird als die eigene innere Stimme?

    Philippine Leroy-Beaulieu scheint diesem Zustand ziemlich nahe gekommen zu sein.

    Zumindest wirkt es so.

    Und ganz ehrlich — allein das fühlt sich heute schon fast revolutionär an.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Das steinerne Schweigen der Lozère

    Das steinerne Schweigen der Lozère

    Wer zum ersten Mal den causse Méjean erreicht, spürt sofort diese eigentümliche Verlangsamung. Die Straße windet sich hinauf, vorbei an den letzten dichten Wäldern, vorbei an Schluchten, in denen die Tarn und die Jonte wie grüne Bänder durch den Kalkstein schneiden, und plötzlich öffnet sich ein Hochplateau, das wirkt, als hätte jemand die Welt auf ein Minimum reduziert. Himmel. Wind. Stein. Licht.

    Mehr nicht.

    Und doch steckt gerade in dieser scheinbaren Leere eine fast überwältigende Fülle.

    Der causse Méjean liegt im Herzen der Lozère, jener französischen Region, die von Paris aus betrachtet oft wie ein blinder Fleck auf der Landkarte erscheint. Keine mondänen Seebäder. Keine glamourösen Skigebiete. Keine Boulevards voller Luxusgeschäfte. Stattdessen eine Landschaft, die sich jeder schnellen Vereinnahmung entzieht. Wer hierher kommt, sucht keine Zerstreuung. Er sucht Abstand.

    Vielleicht sogar sich selbst.

    Das Plateau gehört zu den Grands Causses des südlichen Zentralmassivs und erhebt sich auf über tausend Meter Höhe. Die Luft besitzt hier eine andere Schärfe. Selbst im Sommer trägt der Wind manchmal eine Kühle in sich, die an frühe Herbstmorgen erinnert. Die wenigen Straßen schneiden wie schmale Linien durch die Weite, vorbei an Trockenmauern, vereinzelten Gehöften und winzigen Dörfern mit romanischen Kirchen, deren Glocken eher nach Jahrhunderten als nach Stunden klingen.

    Es gibt Orte, die laut um Aufmerksamkeit kämpfen.

    Der causse Méjean zählt nicht dazu.

    Seine Kraft liegt im Gegenteil.

    In der Stille.

    Wer am späten Nachmittag auf einer Anhöhe steht und über die scheinbar endlosen Flächen blickt, versteht rasch, weshalb viele Besucher von einer beinahe mystischen Erfahrung sprechen. Das Licht verändert sich hier ständig. Wolkenschatten wandern wie langsame Tiere über den Boden. Das Gras flimmert silbrig im Wind. In der Ferne ziehen einzelne Schafe über die Ebene, so klein, dass sie beinahe wie helle Kiesel wirken.

    Und dann dieses Schweigen.

    Nicht das Schweigen eines geschlossenen Raumes, sondern jenes große, offene Schweigen der Natur, das plötzlich jedes unnötige Wort überflüssig erscheinen lässt.

    Dabei wirkt die Landschaft keineswegs sanft. Der causse Méjean besitzt etwas Herbens, beinahe Sprödes. Der Kalksteinboden fordert Mensch und Tier seit Jahrhunderten heraus. Wasser versickert rasch im porösen Gestein, die Sommer fallen trocken aus, die Winter hart. Wer hier leben wollte, brauchte Geduld, Ausdauer und eine gewisse Sturheit.

    Vielleicht gerade deshalb entstand auf diesem Plateau eine Kultur, die bis heute erstaunlich widerstandsfähig wirkt.

    Die alten Bauernhäuser aus blondem Stein schmiegen sich tief in die Landschaft. Ihre schweren Dächer aus Lauzeplatten trotzen seit Generationen den Stürmen. Vor vielen Höfen stehen noch uralte Wacholderbüsche, deren knorrige Formen aussehen, als hätte ein Bildhauer sie absichtlich verdreht. Hinter den Mauern hört man das leise Blöken der Schafe.

    Denn ohne die Schafe gäbe es den causse Méjean in seiner heutigen Form vermutlich gar nicht.

    Seit Jahrhunderten prägt die Wanderschäferei das Plateau. Die Tiere halten die Flächen offen, verhindern die Verbuschung und liefern zugleich die Milch für einen der berühmtesten Käse Frankreichs: den Roquefort. Wer morgens an einer Herde vorbeifährt, erlebt manchmal noch jene Szenen, die anderswo längst folkloristische Kulisse geworden sind. Ein Hirte steht im Wind, die Hunde kreisen aufmerksam um die Tiere, irgendwo klappert ein Metalltor.

    Kein Spektakel.

    Einfach Alltag.

    Gerade darin liegt die stille Würde dieser Gegend.

    Der causse Méjean gehört seit 2011 zum UNESCO Welterbe der Causses und Cevennen, ausgezeichnet als einzigartige Kulturlandschaft agro pastoraler Tradition. Doch selbst dieser internationale Titel änderte wenig am Charakter der Region. Der Massentourismus blieb aus. Zum Glück, sagen viele Bewohner.

    Man versteht sofort, warum.

    Denn die Schönheit des Plateaus entfaltet sich nicht in Attraktionen, die man abhaken könnte wie Programmpunkte einer Rundreise. Sie entsteht langsam, beinahe widerwillig. Wer nur kurz vorbeifährt, sieht womöglich bloß Steine und Weite. Erst nach Stunden beginnt die Landschaft ihre Zwischentöne zu zeigen.

    Da ist etwa das Geräusch des Windes, der durch trockene Gräser streicht.

    Oder der Duft von wildem Thymian an heißen Tagen.

    Oder dieses eigenartige Gefühl, gleichzeitig vollkommen allein und doch merkwürdig geborgen zu sein.

    Besonders eindrucksvoll offenbart sich die Wildheit des causse Méjean an seinen Rändern. Dort brechen die Hochflächen abrupt ab und stürzen in die tief eingeschnittenen Schluchten der Tarn und der Jonte hinunter. Die Felsen fallen hunderte Meter steil ab. Kalkwände leuchten weiß in der Sonne. Unten glitzern Flüsse, die aus der Höhe beinahe unbeweglich wirken.

    Und über allem kreisen die Geier.

    Noch vor wenigen Jahrzehnten galt ihre Rückkehr als kaum vorstellbar. Der Gänsegeier war in der Region verschwunden, Opfer von Verfolgung und veränderten landwirtschaftlichen Strukturen. In den achtziger Jahren begann schließlich ein ambitioniertes Wiederansiedlungsprogramm.

    Mit Erfolg.

    Heute ziehen wieder mächtige Schatten über die Schluchten. Wer an den Aussichtspunkten der Jonte steht, erlebt ein Naturschauspiel, das fast archaisch wirkt. Die riesigen Vögel gleiten scheinbar mühelos auf den Aufwinden entlang der Felsen. Kein Flügelschlag. Nur elegantes Schweben.

    Manchmal kommen sie den Besuchern erstaunlich nah.

    Dann sieht man plötzlich jedes Detail: die gewaltige Spannweite, die hellen Federn, den kahlen Kopf, der zugleich fremdartig und majestätisch erscheint.

    Neben dem Gänsegeier leben inzwischen auch Mönchsgeier und Schmutzgeier wieder in der Region. Ornithologen aus ganz Europa reisen deshalb in die Lozère. Doch selbst Menschen, die normalerweise wenig Interesse an Vögeln besitzen, geraten hier ins Staunen.

    Wie könnte man auch unberührt bleiben?

    Es gibt Momente auf dem causse Méjean, in denen man das Gefühl bekommt, in eine andere Zeit geraten zu sein. Eine Zeit vor Autobahnen, Einkaufszentren und Dauerbenachrichtigungen.

    Das gilt besonders für den chaos de Nîmes le Vieux. Schon der Name klingt wie ein Versprechen aus einem Abenteuerroman. Tatsächlich wirkt diese Felsenlandschaft wie eine vergessene Ruinenstadt. Über Jahrtausende formten Wind, Regen und Frost bizarre Kalksteinformationen, die plötzlich menschliche oder tierische Gestalten anzunehmen scheinen.

    Einige Felsen erinnern an Burgtürme.

    Andere an versteinerte Riesen.

    Wieder andere sehen aus wie gewaltige Pilze.

    Beim Wandern zwischen diesen Steinblöcken verändert sich ständig die Perspektive. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Formation. Kinder erfinden hier sofort Geschichten. Erwachsene übrigens auch, selbst wenn sie das niemals zugeben würden.

    An einem windstillen Abend kann der Ort beinahe unwirklich erscheinen. Das goldene Licht der untergehenden Sonne legt sich auf die Felsen, Schwalben schießen durch die Luft, und plötzlich entsteht der Eindruck, als würde die Landschaft atmen.

    Nicht weit davon entfernt öffnet sich ein weiterer Schatz des Plateaus: der Aven Armand.

    Von außen deutet zunächst wenig darauf hin, was sich tief unter der Erde verbirgt. Doch dann führt der Weg hinab in eine gewaltige Höhle, entdeckt Ende des neunzehnten Jahrhunderts vom Höhlenforscher Édouard Alfred Martel.

    Der erste Eindruck bleibt unvergesslich.

    Eine Kathedrale aus Stein.

    Überall wachsen Stalagmiten empor, dicht an dicht wie ein mineralischer Wald. Manche reichen mehrere Meter in die Höhe. Das Licht zeichnet bizarre Schatten auf die Wände, Tropfen fallen irgendwo in der Dunkelheit, und die Temperatur bleibt konstant kühl.

    Fast jeder Besucher verstummt irgendwann.

    Vielleicht, weil diese unterirdische Welt eine Ehrfurcht hervorruft, die sich kaum in Worte fassen lässt.

    Der causse Méjean besitzt überhaupt eine bemerkenswerte Beziehung zur Zeit. Viele Orte Europas wirken heute beschleunigt, überformt, bis ins letzte Detail organisiert. Hier dagegen scheint noch Platz für Zufall zu existieren. Für Langsamkeit. Für leere Stunden.

    Man fährt kilometerweit, ohne einem anderen Auto zu begegnen.

    Man setzt sich auf einen Stein und hört minutenlang nichts außer Wind.

    Man schaut nachts in den Himmel und entdeckt plötzlich die Milchstraße mit einer Klarheit, die in den meisten Städten längst verloren ging.

    Die Dunkelheit gehört zu den großen Reichtümern des Plateaus. Lichtverschmutzung existiert kaum. Wenn die Nacht hereinbricht, verschwindet der Horizont fast vollständig. Über den Ebenen spannt sich ein Sternenzelt, das beinahe einschüchternd wirkt.

    Ein alter Bewohner erzählte einmal lachend, die Sterne seien hier so hell, dass man nachts fast Zeitung lesen könne.

    Ganz unrecht hatte er nicht.

    Wer spätabends vor einer abgelegenen Schäferei steht, erlebt etwas Seltenes: echte Finsternis. Keine Neonreklame. Kein Verkehrsrauschen. Kein flackernder Bildschirm hinter Gardinen.

    Nur Himmel.

    Und diese tiefe Ruhe, die modernen Menschen fast fremd geworden ist.

    Natürlich romantisiert man solche Orte schnell. Auch auf dem causse Méjean verläuft das Leben nicht idyllisch. Viele junge Menschen ziehen fort, Arbeitsplätze fehlen, Schulen kämpfen ums Überleben. Die Winter können einsam sein. Der Wind nervt manchmal tagelang. Und wer hier dauerhaft lebt, weiß, dass Schönheit allein keine Rechnungen bezahlt.

    Doch vielleicht liegt gerade darin die besondere Ehrlichkeit dieser Landschaft.

    Der causse Méjean versucht nicht, jemand anderes zu sein.

    Er verkauft keine künstliche Provence Folklore.

    Er inszeniert sich nicht als hippe Outdoor Destination.

    Das Plateau bleibt rau, still und eigensinnig.

    Und genau deshalb berührt es so tief.

    Während viele touristische Regionen längst nach denselben Mustern funktionieren, besitzt die Lozère noch etwas Unberechenbares. Ein Café mag plötzlich geschlossen bleiben, weil der Besitzer auf einer Beerdigung ist. Ein Wanderweg verschwindet kurz hinter einer Schafherde. In kleinen Dörfern sitzen ältere Männer auf Steinbänken und beobachten schweigend die wenigen Vorbeifahrenden.

    Manchmal fühlt sich das an wie eine Reise in ein Frankreich, das andernorts längst verschwunden scheint.

    Nicht museal.

    Sondern lebendig.

    Gerade deshalb zieht der causse Méjean Künstler, Schriftsteller und Fotografen an. Viele sprechen von einer Landschaft, die den Blick reinigt. Tatsächlich verändert die Weite etwas in der Wahrnehmung. Das Auge findet hier kaum Ablenkung und beginnt plötzlich, Details intensiver wahrzunehmen: das Muster einer Trockenmauer, den Schatten eines Vogels, das matte Glänzen des Kalksteins nach einem Sommerregen.

    Vielleicht braucht der Mensch solche Orte dringender, als ihm bewusst ist.

    Orte, die keinen Lärm produzieren.

    Orte, die keine Aufmerksamkeit erzwingen.

    Orte, in denen Stille nicht als Leere erscheint, sondern als kostbarer Zustand.

    Der causse Méjean besitzt keine spektakuläre Eleganz. Seine Schönheit gleicht eher einem alten Gesicht voller Linien und Geschichten. Man entdeckt sie nicht auf den ersten Blick. Doch je länger man bleibt, desto stärker wirkt sie nach.

    Am Ende verlässt man das Plateau oft mit einem seltsamen Gefühl. Nicht euphorisch. Eher still.

    Als hätte die Landschaft etwas zurechtgerückt.

    Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Magie.

    Nicht im Dramatischen.

    Sondern im Reduzierten.

    Im Wind über den Ebenen.

    Im Flug der Geier.

    Im Klang der Glocken eines abgelegenen Dorfes.

    Und in jenem kostbaren Eindruck, dass die Welt trotz allem noch Orte kennt, die sich dem hektischen Rhythmus der Gegenwart widersetzen.

    Der causse Méjean wartet nicht auf Besucher.

    Er existiert einfach.

    Seit Jahrhunderten.

    Unbeirrbar.

    Fast störrisch.

    Und gerade deshalb vergisst man ihn nicht.

    Ein Artikel von M. Legrand