Schlagwort: Nachrichten Frankreich

  • Weihnachtsmärkte im Ausnahmezustand – Wenn der Zauber unter Menschenmassen verschwindet

    Weihnachtsmärkte im Ausnahmezustand – Wenn der Zauber unter Menschenmassen verschwindet

    Die Lichterketten funkeln, der Duft von Glühwein liegt in der Luft, und aus den Lautsprechern tönt leise „O Tannenbaum“ – eigentlich ein Wintertraum. Doch dieser Traum bekommt zunehmend Risse. In der Adventszeit wird das Elsass, mit seiner Mischung aus deutscher Gründlichkeit und französischem Esprit, zu einem der meistbesuchten Weihnachtsziele Europas. Doch was lange Zeit als Geheimtipp galt, droht nun, an seinem eigenen Erfolg zu ersticken.

    Strasbourg – eine Hauptstadt im Dauerandrang

    3,4 Millionen Menschen strömten in der letzten Saison durch die festlich geschmückten Gassen der Straßburger Innenstadt. Das ist fast das 30-Fache der Einwohnerzahl der Stadt. Wer zur falschen Uhrzeit kommt, erlebt kein gemütliches Bummeln mehr, sondern ein Gedränge wie zur Rushhour in der Pariser Métro. Ein Glühwein wird zur Geduldsprobe, das Foto vorm Christbaum zur Herausforderung – weil man ständig jemandem im Bild steht.

    In kleineren Städten wie Riquewihr oder Kaysersberg sieht die Lage nicht besser aus. Im Gegenteil: Riquewihr mit seinen gut 1.000 Einwohnern empfängt bis zu 450.000 Besucher. Das sind Verhältnisse, die man eher von Großevents wie dem Oktoberfest kennt – nur ohne den organisatorischen Apparat dahinter.

    Einheimische zwischen Stolz und Frust

    Viele Elsässer sind stolz auf ihre Traditionen, das Kunsthandwerk, die Holzbuden, das einzigartige Flair. Doch immer mehr von ihnen erleben die Adventszeit nicht als besinnlich, sondern als zermürbend. Parkplätze? Fehlanzeige. Einkäufe im Zentrum? Kaum machbar. Und wenn man mal eben mit dem Kinderwagen durch die Gassen will – viel Glück dabei.

    „Früher sind wir nach der Arbeit über den Markt geschlendert, jetzt meiden wir ihn wie die Pest“, sagt ein Rentner aus Colmar. Ein bisschen übertrieben? Vielleicht. Aber dahinter steckt eine echte Frustration. Die Märkte – einst für die Gemeinschaft – wirken zunehmend wie ein reines Touristenprodukt.

    Zwischen Magie und Massentourismus

    Wie konnte es so weit kommen?

    Die Popularität der elsässischen Märkte explodierte mit dem Aufstieg des Billigflugverkehrs, der Sehnsucht nach „echtem Weihnachtsgefühl“ und der Macht von Instagram. Die Bilder von Fachwerkhäusern mit Schneemützen, liebevoll dekorierten Ständen und funkelnden Laternen gingen viral. Und wer will schon bei solchen Bildern nicht sofort die Koffer packen?

    Doch die Realität vor Ort sieht oft anders aus: Kilometerlange Staus vor den Dörfern. Reisegruppen, die sich wie eine Welle durch enge Gassen schieben. Und das alles bei 5 Grad und Nieselregen. Der Zauber? Für viele verblasst er spätestens in der Schlange an der Bratwurstbude.

    Was tun? Erste Schritte in Richtung Entlastung

    Die Kritik ist angekommen. Städte und Gemeinden arbeiten an Lösungen – mit unterschiedlichem Erfolg.

    In Straßburg wurden die Märkte auf mehrere Plätze verteilt, um die Menschenmassen zu entzerren. In Colmar gibt es inzwischen eine Art Crowd-Management-System mit Besucherampeln. Und in Kaysersberg wurde schlicht die Zahl der Buden reduziert.

    Das ist ein Anfang. Aber reicht das?

    Einige Initiativen setzen auf bewussteren Tourismus. Hotels bieten längere Aufenthalte mit Ausflügen in abgelegene Regionen an. Lokale Produzenten werben mit Qualität statt Quantität. Und Gemeinden empfehlen bewusst den Besuch unter der Woche – statt sich am Wochenende ins Getümmel zu stürzen.

    Das eigentliche Problem: Sehnsucht trifft auf Kommerz

    Warum sind diese Märkte überhaupt so beliebt?

    Die Antwort liegt tief im Zeitgeist verwurzelt. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, suchen Menschen nach Ruhe, nach „echten“ Momenten. Weihnachtsmärkte suggerieren genau das: Authentizität, Gemeinschaft, Wärme.

    Doch je größer der Andrang, desto weiter entfernt man sich von diesen Idealen. Wo einst Nachbarn miteinander plauderten, kämpfen heute Reiseleiter mit ihren Gruppen um Orientierung. Die Holzbuden ähneln sich, das Angebot wird austauschbar. Der Zauber wirkt wie ein Bühnenbild – schön, aber hohl.

    Wie könnte ein „neues“ Weihnachtsmarkterlebnis aussehen?

    Einfach mal träumen: Märkte, die bewusst auf Masse verzichten. Stände, die lokales Handwerk in den Vordergrund rücken – ohne Plastik-Ramsch made in China. Besucher, die sich Zeit nehmen. Und Einheimische, die nicht fliehen müssen, um durchzuatmen.

    Utopie? Vielleicht. Aber auch ein realistisches Ziel – wenn Politik, Tourismusbranche und Besucher gemeinsam an einem Strang ziehen.

    Denn die Lösung liegt nicht allein im Verbieten, sondern im Umdenken. Man kann die Märkte entzerren, kann neue Formate entwickeln, kann andere Orte ins Licht rücken. Man muss nur wollen.

    Zurück zur Essenz

    Wer schon einmal in einem kleinen elsässischen Dorf an einem ruhigen Montagabend über den Weihnachtsmarkt geschlendert ist, weiß, dass der Zauber noch da ist. Wenn Schneeflocken lautlos auf die Dächer fallen, die Gläser klirren und der Standbetreiber einen mit Namen begrüßt – dann fühlt sich Weihnachten plötzlich wieder echt an.

    Wollen wir dieses Gefühl bewahren? Dann ist jetzt der Moment, neue Wege zu gehen – mit Respekt, Rücksicht und einer guten Portion gesundem Menschenverstand.

    Denn die Märkte haben ihre Seele nicht verloren. Sie wurde nur unter dem Gewicht der Busse, Kameras und Kommerz ein bisschen plattgedrückt.

    C. Hatty

  • Selenskyj in Paris: Der ukrainische Präsident sucht Rückhalt – innenpolitisch geschwächt, außenpolitisch unter Druck

    Selenskyj in Paris: Der ukrainische Präsident sucht Rückhalt – innenpolitisch geschwächt, außenpolitisch unter Druck

    Volodymyr Selenskyj reist erneut nach Paris. Am Montag, dem 1. Dezember 2025, wird er von Emmanuel Macron im Élysée empfangen – bereits zum zehnten Mal seit Beginn der russischen Invasion, und zum zweiten Mal binnen zwei Wochen. Der Zeitpunkt ist alles andere als zufällig gewählt. Während sich die militärische Lage für die Ukraine zunehmend verschärft, gerät Selenskyj auch innenpolitisch unter massiven Druck. Die Entlassung seines mächtigen Präsidialamtschefs Andrij Jermak wegen eines Korruptionsskandals hat ein politisches Erdbeben ausgelöst. Die diplomatische Mission in Paris ist damit mehr als ein Routinebesuch: Es geht um Rückhalt in einer Zeit maximaler Verwundbarkeit. Der Kriegseintritt ins vierte Jahr – und eine militärische Sackgasse Militärisch befindet sich die Ukraine in einer schwierigen Lage. Die Frühjahrsoffensive 2025 hat keine entscheidenden Geländegewinne gebracht. Im Gegenteil: Russische Truppen verzeichnen kleinere, aber kontinuierliche Fortschritte, insbesondere im …

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  • Flammen in der Nacht – Eine Gemeinde steht unter Schock

    Flammen in der Nacht – Eine Gemeinde steht unter Schock

    Neuves-Maisons, eine kleine Stadt nahe Nancy, zählt gerade einmal 7.000 Seelen. Ein Ort, wo man sich kennt, wo die Nachbarschaft noch etwas bedeutet. Genau hier hat sich in der Nacht zum 30. November eine Tragödie ereignet, die die Gemeinde zutiefst erschüttert hat. Nach einer Party geht ein Wohnhaus in Flammen auf – fünf Menschen sterben. Ein Ehepaar, ihr 16-jähriger Sohn und zwei junge Freunde der Familie. Es ist 3 Uhr morgens, als das Feuer ausbricht. Noch liegt Dunkelheit über dem Viertel, die Straßen sind still. Was sich in den folgenden Minuten abspielt, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ein Haus, in dem bis vor Kurzem noch gelebt und gelacht wurde, ist nun eine Ruine. Als die Feuerwehr eintrifft – rund 70 Einsatzkräfte mit 40 Fahrzeugen – steht das Gebäude bereits in Vollbrand. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Doch so schnell sie auch sind, so geübt ihr Eingreifen: Sie kommen zu spät. Fünf Menschen finden in den Flammen den Tod. Nur der älteste Sohn der Familie überlebt…

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  • Militärmacht ohne Frieden – Israels neue Rolle im Nahen Osten

    Militärmacht ohne Frieden – Israels neue Rolle im Nahen Osten

    Mitten im libanesischen Vorstadtverkehr schlug vergangenen Monat eine israelische Rakete ein – ihr Ziel: Haytham Ali Tabatabai, ein langjähriger und hochrangiger Kommandeur der Hisbollah. Der Angriff tötete ihn und vier weitere Personen. Der Vorfall erregte internationales Aufsehen, doch er steht exemplarisch für eine Praxis, die längst zur Routine geworden ist: gezielte Tötungen durch Israel, weit über seine eigenen Grenzen hinaus.

    Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hat sich Israels militärische Strategie grundlegend verändert – oder, wie es der Politologe Abdulkhaleq Abdulla aus den Vereinigten Arabischen Emiraten formuliert, die Region befindet sich nun unter dem Einfluss eines „imperialen Israel“. Gemeint ist ein Staat, dessen Streitkräfte nahezu unbehelligt im gesamten Nahen Osten operieren, in der Luft wie am Boden, von Gaza bis Teheran, von Beirut bis Sanaa.

    Diese neue Realität wirft eine zentrale Frage auf: Führt militärische Überlegenheit zu Sicherheit – oder verhindert sie gerade das, was der Region am meisten fehlt?


    Ein festgefahrener Waffenstillstand

    Die politische Lage im Libanon ist ein Spiegelbild dieses Dilemmas. Zwar fordern sowohl die USA als auch Israel und die libanesische Regierung die vollständige Entwaffnung der Hisbollah bis Jahresende – doch angesichts der anhaltenden israelischen Angriffe wirkt dieses Ziel zunehmend utopisch.

    „Die Israelis erklären, sie können sich erst zurückziehen, wenn die Hisbollah entwaffnet ist. Und die Hisbollah sagt: Wir können uns nicht entwaffnen, solange die Israelis bleiben“, erklärte Libanons Premierminister Nawaf Salam in einem Interview. Es ist ein klassisches sicherheitspolitisches Patt – und ein fruchtbarer Boden für Eskalation.

    Hinzu kommt die Wirkung der Angriffe auf die gesellschaftliche Dynamik. Jeder neue Luftschlag, jeder getötete Kämpfer stärkt offenbar nicht die Abschreckung, sondern den Widerstandsgeist der Hisbollah-Miliz. Ein großflächiges Plakat an der libanesischen Küstenstraße bringt diesen Fatalismus auf den Punkt: „Wenn wir siegen, gewinnen wir. Wenn wir als Märtyrer sterben, gewinnen wir auch.“

    Der Libanon befindet sich damit in einem schwelenden Zwischenzustand – einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden, in der keine Seite entscheidende Fortschritte macht, aber jede Seite jederzeit zur Gewalt greifen kann. Beobachter befürchten, dass sich dieses Modell auch auf Gaza übertragen könnte, wo die Hamas jegliche Entwaffnung bislang verweigert und Israel selektive Militärschläge fortsetzt.

    Für die libanesische Regierung stellt dies eine existenzielle Herausforderung dar. Ihr Ziel, das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen, bleibt in weiter Ferne. Die andauernden Operationen Israels und die Reaktionen der Hisbollah untergraben jede innenpolitische Autorität.

    „Ich fürchte, es kommt zu einer massiven israelischen Eskalation“, warnte der frühere US-Botschafter im Libanon, Jeffrey Feltman. „Das würde das Ansehen des derzeit besten libanesischen Präsidenten und Premierministers seit Jahrzehnten schwer beschädigen.“


    Militärische Dominanz als Sackgasse

    Doch selbst wenn Israel seine militärischen Ziele kurzfristig erreicht, stellt sich eine grundlegendere Frage: Lässt sich aus militärischer Übermacht eine tragfähige strategische Ordnung entwickeln?

    Ein Blick auf die Region legt Zweifel nahe. Die vom Iran gestützte „Achse des Widerstands“, zu der auch die Hisbollah gehört, ist heute geschwächt. Der Iran selbst ist durch einen kurzen, aber intensiven Krieg mit Israel im Juni deutlich in die Defensive geraten. Syrien hat sich nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes von Teheran distanziert und fungiert nicht mehr als Waffenschmuggler für die Hisbollah.

    Damit hat Israel de facto eine neue Ausgangslage geschaffen. Doch statt daraus diplomatische Perspektiven zu entwickeln, setzt Jerusalem weiter auf präventive Militärschläge – auch gegen Ziele in Drittstaaten. Die Bereitschaft zu politischen Lösungen mit neuen Regierungen, etwa in Syrien oder im Libanon, scheint gering. Der Blick durch das Visier ersetzt den diplomatischen Dialog.

    Das macht Israels Strategie in gewisser Weise paradox: Je erfolgreicher das Land militärisch ist, desto instabiler bleibt das politische Umfeld. Ohne ein Konzept für die Zeit nach dem Sieg droht der Status quo zur Endlosschleife zu werden.

    Zudem bleibt ein fundamentaler Punkt ungelöst: die palästinensische Frage. Solange es keine klar definierte Perspektive für einen souveränen Palästinenserstaat gibt, bleibt dieser Konflikt ein permanenter Störfaktor – nicht nur für Israel, sondern für die gesamte Region.

    Präsident Trump sprach einst von einem „neuen Morgen im Nahen Osten“. Doch vieles, was sich derzeit zeigt, wirkt eher wie das lange Nachleuchten eines ungelösten Alptraums.


    Weitere wichtige Meldungen

    Chefunterhändler der Ukraine tritt zurück, doch Gespräche laufen weiter
    Ukrainische Vertreter trafen sich gestern in Florida mit hochrangigen Mitgliedern der Trump-Regierung, die Kiew unter Druck setzt, einem Vorschlag zur Beendigung des Krieges mit Russland zuzustimmen. Außenminister Marco Rubio erklärte nach den Gesprächen, es gebe noch „viel Arbeit“.

    Nicht anwesend in der ukrainischen Delegation war Andrij Jermak, der engste Vertraute und Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der am Freitag im Zuge einer Korruptionsermittlung zurücktrat. Das Treffen fand nur einen Tag nach einem massiven russischen Drohnen- und Raketenangriff auf die Ukraine statt, der fast zehn Stunden andauerte.


    Trump erhöht Druck auf Venezuela
    Trump warnte Fluggesellschaften und Piloten, dass der Luftraum über Venezuela geschlossen sei, und verschärfte damit die Offensive seiner Regierung, die sie als Krieg gegen Drogenkartelle bezeichnet.

    Doch die US-Kampagne in der Karibik gerät zunehmend unter Druck im US-Kongress, nachdem die Washington Post berichtet hatte, dass Verteidigungsminister Pete Hegseth einen Befehl erteilt hatte, alle Personen an Bord von Booten zu töten, die des Drogenschmuggels verdächtigt wurden. Dies veranlasste im September einen Militärkommandanten dazu, einen zweiten Angriff auf Überlebende eines ersten Angriffs durchzuführen. Ein führender Republikaner und mehrere Demokraten im Kongress äußerten die Vermutung, dass dieser Folgeangriff ein Kriegsverbrechen gewesen sein könnte.


    Weitere Meldungen:

    • Die Behörden in Indonesien suchen nach Hunderten Vermissten nach tödlichen Überschwemmungen.
    • In Honduras wird ein neuer Präsident gewählt – viele befürchten Spannungen, auch weil Trump einen Kandidaten unterstützt und eine Begnadigung für einen unbeliebten Ex-Präsidenten angekündigt hat.
    • Pakistan intensiviert die Massenausweisungen von Afghanen, nachdem sich die Beziehungen zu den Taliban massiv verschlechtert haben.
    • Papst Leo XIV. teilte mit, er habe mit dem türkischen Präsidenten über Möglichkeiten gesprochen, wie Israel und die Palästinenser zu einer Zwei-Staaten-Lösung kommen könnten.
    • Mindestens acht Hausangestellte aus dem Ausland starben bei einem Wohnungsbrand in Hongkong. Die Überlebenden fürchten um ihre Jobs. Die Zahl der Todesopfer liegt inzwischen bei 146.

    Autor: P. Tiko

  • Magie aus Metall – Wie im Vaucluse ein neues Weihnachtslicht entsteht

    Magie aus Metall – Wie im Vaucluse ein neues Weihnachtslicht entsteht

    Manchmal reicht ein einziger Schritt über eine Schwelle, und die Welt verändert sich. In Apt, mitten im Vaucluse, geschieht genau das: Hinter den Toren von Blachere Illumination durchquert man eine unscheinbare Industriehalle und landet in einem Paralleluniversum, in dem es das ganze Jahr nach Winter riecht, nach warmen Kindheitserinnerungen, nach Kupfer, Metall und kleinen Lichtern, die große Geschichten erzählen.

    Kurzer Atemzug.

    Dann öffnet sich die Sicht auf ein unfertiges Rentier von sieben Metern Höhe, auf blitzende Schweißpunkte, auf Werkbänke, die aussehen wie die Schreibstube des Weihnachtsmanns – nur lauter, heißer und voller Funkenflug. Hier beginnt Weihnachten lange vor Plätzchenduft und Adventskerzen, ja manchmal schon im Frühling. Warum? Weil die Städte darauf warten, und weil die Menschen, tief drinnen, jedes Jahr wieder diesen Funken spüren möchten, der sich zwischen Herz und Hals setzt, wenn die Straßen plötzlich glühen wie ein verspielter Sternenhimmel.

    Ein Ort wie dieser hat etwas Unwahrscheinliches. Und doch: Er existiert.

    Kreative Funken und schwere Rahmen

    Paul steht da, der Schweißer, mit seinem Helm, den Blick konzentriert auf eine metallene Linie, die bald die Form eines majestätischen Rentiers tragen soll. Daneben ein Funkenregen, der im Flug erlischt. Er sagt ruhig: „Hier entsteht das Skelett. Danach zieht das andere Team die Lichter auf – wie Kleidung eben.“

    Kleidung – das Wort hängt kurz in der Luft, und man versteht sofort, was er meint. Ein nacktes Metallgerüst wirkt ja tatsächlich wie ein Körper ohne Stoff. Erst wenn die Lichter darüber gelegt werden, entsteht etwas, das die Fantasie der Leute einfängt.

    Ein wenig wie ein Model auf einer Modenschau, das erst mit dem passenden Kleidungsstück strahlt. Oder wie ein Satz, der erst mit dem richtigen Rhythmus lebendig wird.

    Und plötzlich wird klar: Diese Fabrik hat mehr mit Haute Couture zu tun, als man vermuten würde. Für viele Kommunen gibt es einen Katalog voller fertiger Stücke – von der schlichten Sternengirlande bis zur Pinguinfamilie. Das ist der sogenannte „prêt à porter“. Doch hier, in Apt, schlägt das Herz der Maßanfertigung.

    Jedes Jahr entwirft die künstlerische Leitung rund 100 neue Dekorationen.

    Ja – hundert. Eine Kollektion pro Jahr, fast wie Paris Fashion Week, nur dass statt Models die Strassen der Städte diese leuchtende Kollektion tragen.

    Die Kunst, Weihnachten neu zu denken

    Im Büro der künstlerischen Leitung sitzt Julie Taton, umgeben von Skizzen, Farbkarten, Moodboards, kleinen LED-Proben und einem Stapel Notizen, die aussehen wie Einladungen zu einer märchenhaften Reise. Sie arbeitet schon an der Kollektion 2027.

    Ist das nicht verrückt? Während viele erst über das kommende Fest nachdenken, lebt sie längst zwei Winter in der Zukunft.

    „Die Leute wollen ihren Weihnachtsmann, ihr Rentier, ihr Schlittenmotiv. Die Klassiker sind wichtig. Der Trick liegt darin, sie immer wieder zu verwandeln“, sagt sie.

    Ein bisschen Kino, ein bisschen Kunst, ein bisschen Meeresluft für die Küstenstädte, ein bisschen Geschichte für die alten Städte Frankreichs und dann – warum nicht – ein paar sportliche Ideen, inspiriert von den Olympischen Spielen.

    Wer sagt denn, dass ein Weihnachtsbaum nicht auch ein paar Turnschuhe tragen darf? Oder dass ein Pinguin nicht mit einem Basketball posieren kann?

    Und plötzlich fragt man sich: Was macht Weihnachten eigentlich aus? Die Tradition? Oder das Staunen? Vielleicht beides – wie zwei Hände, die einander halten.

    Wenn Bürgermeister glänzen wollen

    Kurz bevor die Festtage starten, kennen die Telefone in Apt kaum Pausen. Jede Stadt will ihren eigenen Moment der Begeisterung schaffen. Und in Wahljahren steigt die Spannung noch weiter. In Rathäusern wird diskutiert, gerechnet, neu geplant – denn man weiß, dass Lichter nicht nur warm scheinen, sondern auch Stimmungen formen.

    Yohan Hugues, Mitglied der Unternehmensführung, sagt dazu: „Es gibt immer ein bisschen einen Effekt der Kommunalwahlen. Ein Ort von tausend Einwohnern steckt vielleicht ein bis zwei tausend Euro in den Topf. Eine große Stadt kann sich mehr leisten, konzentriert es aber auf bestimmte Achsen.“

    Licht ist Politik – wer hätte das gedacht?

    Doch es ist auch Wirtschaft. Menschen bleiben länger auf einer hell beleuchteten Straße, verweilen unter einem leuchtenden Bogen, trinken einen Kaffee, schnuppern an einem Keksstand, kaufen Geschenke. Eine Stadt, die strahlt, fühlt sich lebendiger an, ein kleines bisschen sicherer, ein kleines bisschen offener.

    Und Hand aufs Herz: Wer bleibt denn nicht stehen, wenn irgendwo eine riesige Lichtkugel aufgebaut ist, groß genug, um hindurchzugehen? Man hört Schritte, knirschend auf dem Kies, riecht einen Hauch von Zimt aus einem Café – und man fühlt sich für einen winzigen Moment fünf Jahre alt.

    Energie, LED und ein Blick auf die Zukunft

    Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. In Zeiten von Energiekrisen wirken Lichter manchmal wie ein Luxus. 2022 war das besonders heikel. Aber seitdem hat sich viel getan. LEDs haben alte Lichter verdrängt wie Elektroautos frühere Motoren. Städte wie Straßburg haben dadurch ihren Verbrauch auf ein Zehntel gedrückt.

    Ein Zehntel. Das ist mehr als nur ein Erfolg, das ist ein neues Kapitel.

    Doch ein anderer Punkt blieb lange ein Schmerzpunkt: Die Herkunft der Lichter. Vor allem die berühmten LED-Girlanden kamen meist aus China.

    Nach der Pandemie stellte man sich in Apt die Frage: Kann man das nicht selber machen?

    Robotik, Automatisierung, KI – die Werkzeuge sind da. Und nach jahrelanger Entwicklung ist sie endlich da: die erste komplett französisch gefertigte Lichterkette.

    Zugegeben, die Rohstoffe kommen noch aus dem Ausland. Aber die Montage? 100 Prozent aus Apt.

    Das ist ein Anfang, ein Schritt Richtung Souveränität – ein Wort, das in Frankreich gern gebraucht wird, aber hier ausnahmsweise mit echtem Inhalt gefüllt ist.

    Ein Stück Zukunft im Smartphone

    Die nächste Generation der Dekorationen bricht bereits an. Nicht nur Licht, sondern Interaktion.

    Ein kleiner QR Code neben dem leuchtenden Eisbären, und schon erklingt Musik.

    Ein Klick auf dem Handy, und der Pinguin wechselt die Farbe von Weiß zu Rosa, dann zu Blau.

    Eine Stadt, die sich auf ihrem Smartphone verwandeln lässt – ein bisschen verspielt, ein bisschen futuristisch.

    Ist das noch Tradition? Oder schon eine neue Form des Volkstheaters? Wer weiß das schon – und ist es nicht gerade das Schöne daran, dass Weihnachten etwas ist, das wir gemeinsam neu erfinden dürfen?

    Ein Werkstattwinter, der leuchtet

    Wenn man durch die Hallen geht, merkt man: Der Lärm ist vertraut, aber das Ergebnis bleibt magisch. Eine Arbeiterin wirft ein Kabel über einen Rahmen wie ein Schneider ein Seidenband über eine Schulter. Ein kleines Team prüft, ob jede LED zuverlässig aufblinkt.

    Draußen riecht es nach Pinienharz. Drinnen nach Metall und Hoffnung.

    Es ist dieser merkwürdige Mix aus Handwerk und Fantasie, der einen unwillkürlich an alte Weihnachtsgeschichten denken lässt. Manche sehen darin Industrie – andere sehen darin ein riesiges, strahlendes Herz.

    Ein Mitarbeiter lacht und sagt: „Hier drin ist Weihnachten nie vorbei. Manchmal reden wir sogar im Juli über Tannenbäume.“

    Und doch hat dieser Satz etwas Tröstliches, etwas zutiefst Menschliches. Wenn man es genau nimmt, sucht jeder von uns das ganze Jahr über nach dem Gefühl, das wir an einem einzigen Dezemberabend für selbstverständlich halten: Gemeinschaft, Freude, ein bisschen Wärme im kalten Wind.

    Warum all das zählt

    Vielleicht stellt sich jemand die Frage: Lohnt sich dieser Aufwand wirklich? So viel Licht, so viel Arbeit, so viel Planung?

    Die Antwort liegt nicht im Budget einer Stadt, sondern im Gesicht eines Kindes, das unter einem Bogen aus Sternen läuft und die Hand seiner Mutter drückt. Oder in dem älteren Mann, der sich an eine Bank lehnt, den Mantel schließt und leise sagt: „Das ist schön geworden dieses Jahr.“

    Das Leuchten in den Straßen ist kein Selbstzweck. Es erinnert uns daran, dass Menschen Geschichten brauchen – auch im Winter, auch im Alltag, auch dann, wenn die Welt etwas schwerer wirkt.

    Und vielleicht ist genau das der Kern dessen, was in Apt geschieht: Menschen bauen Dinge, die andere Menschen miteinander verbinden.

    Ein letzter Blick auf das große Rentier

    Man sieht Paul noch einmal, wie er die letzten Punkte am Gerüst setzt. Das Rentier ist fast fertig, noch nackt, aber bereits majestätisch. In ein paar Wochen wird es irgendwo in Frankreich stehen, wahrscheinlich auf einem Platz, den morgens Senioren überqueren und abends Verliebte. Kinder werden davor posieren, Handys werden gezückt, Stimmen werden lachen.

    Und niemand wird sich fragen: Wer hat das gebaut?

    Aber vielleicht – ganz vielleicht – wird ein Funken dieser Werkstattatmosphäre über den Platz huschen. Ein bisschen Metall, ein bisschen Arbeitsschweiß, ein bisschen Fantasie und der alte Wunsch, dem Winter Licht zu schenken.

    Und während die Halle in Apt weiter dröhnt, wie ein Herz, das im Takt des Schweißgeräts schlägt, merkt man beim Hinausgehen, dass Weihnachten – dieses seltsame, warme, leuchtende Gefühl – im Grunde nichts anderes ist als ein Kunstwerk, das jedes Jahr ein neues Kleid trägt.

    Ein Kleid, das hier beginnt.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Aigues Mortes – Steinernes Tor zur Zeit

    Aigues Mortes – Steinernes Tor zur Zeit

    Schon beim ersten Schritt durch das mächtige Stadttor von Aigues Mortes streift einen dieses eigenartige Kribbeln, das man sonst nur aus Filmen kennt: Man hat das Gefühl, einen Ort zu betreten, der seit Jahrhunderten nur kurz innegehalten hat, um einem leise „Bonjour, tritt ein“ zuzuflüstern.

    Ein Hauch von Salz liegt in der Luft, das Licht ist weich, der Wind trägt Geschichten – und irgendwo ruft eine Möwe, als säße sie über der langen Chronik dieser mittelalterlichen Festungsstadt wache.

    Aigues Mortes im Departement Gard ist kein Museum hinter Glas. Die Stadt lebt, atmet, plaudert, duftet. Sie lockt mit ihrer mächtigen Silhouette, die sich wie ein steinernes Schiff aus den Ebenen der Camargue erhebt.

    Und genau das macht sie zu einem Thema, das man an einem gemächlichen Sonntag kaum beiseite legen möchte.


    Man steht vor den Mauern, streicht die Hand über die groben Steine, und plötzlich raschelt die Vergangenheit wie ein alter Mantel, den der Wind ein Stück anhebt. Kein Wunder – diese Mauern erzählen von Königen, Kreuzrittern, Händlern, Pilgern und vom un stillen Rhythmus der Camargue.

    Doch bevor wir uns in den Jahrhunderten verlieren, ein kleiner Gedanke: Wie oft begegnet man einem Ort, der so beständig wirkt, dass man meint, die Zeit hätte sich hier die Schuhe ausgezogen, um nicht zu laut zu trampeln?


    Der Traum eines Königs

    Aigues Mortes entstand nicht zufällig. Der französische König Ludwig der Neunte – später als Saint Louis verehrt – entschied im 13. Jahrhundert, dass Frankreich einen eigenen Zugang zum Mittelmeer benötigte. Etwas Eigenes, etwas Unabhängiges, etwas, das nicht von fremden Fürsten oder rivalisierenden Handelsstädten abhängig war.

    Also wählte er diesen Ort.
    Damals ein Sumpfgebiet, durchzogen von Wasserläufen und Salzflächen, ein ungezähmtes Land zwischen Himmel und Erde.

    „Warum ausgerechnet hier?“ fragt man sich unweigerlich, während man auf der Stadtmauer entlanggeht und den Blick schweifen lässt. Vielleicht, weil König Ludwig wusste, dass aus Widrigkeiten oft Großes wächst. Vielleicht auch, weil dieser Ort schon damals den Zauber einer Schwelle besaß: zwischen Meer und Land, zwischen Wildnis und Zivilisation.


    Die Stadtmauern – ein Spaziergang über den Dingen

    Der Rundgang über die Stadtmauern ist wie eine Zeitreise – hoch oben, dem Wind näher als den Straßen, sieht man die Dächer, die Plätze, die winkligen Gassen. Manchmal bleibt man einfach stehen, weil der Moment etwas Festes braucht: die Hand auf dem Stein, die Augen in der Ferne.

    Die Mauern ziehen sich über 1,6 Kilometer, durchsetzt von Türmen wie steinernen Wächtern. Der berühmteste darunter: der Tour de Constance. Ein mächtiger Rundturm, der früher Wachposten, später Kerker und heute ein stummes Erinnerungsstück ist.

    Hier oben versteht man, warum Menschen seit Jahrhunderten an solche Orte zurückkehren. Die Aussicht wechselt je nach Licht und Jahreszeit. Die Luft riecht je nach Windrichtung nach Meer, Salz oder dem trockenen Gras der Camargue.

    Und irgendwo, ganz leise, spricht der Ort die gleiche Sprache wie alte Reiseführer, vergilbte Landkarten oder Großmutters Geschichten aus früheren Zeiten.


    Tour de Constance – Turm, Theater, Tragödie

    Der Tour de Constance ist so gewaltig, dass er fast überirdisch wirkt. Seine massiven Mauern erzählen vor allem vom Leid der Frauen, die hier als Hugenottinnen eingesperrt waren.

    Eine von ihnen, Marie Durand, hinterließ ein eingekratztes „RESISTER“.

    Ein einziges Wort. Und doch vielleicht das mutigste Wort, das in diesen Turmsteinen zu finden ist.

    Wenn man die Treppen hinaufsteigt – eng, kühl, leicht feucht –, spürt man den Atem der Geschichte richtig körperlich. Der runde Innenraum wirkt wie ein Herz, das aufgegeben hat zu schlagen, aber dennoch warm geblieben ist.

    Und man fragt sich: Wie viel Kraft braucht ein Mensch, um Jahre der Ungewissheit zu überstehen, ohne sich selbst zu verlieren?


    Gassen, Plätze und das Leben dazwischen

    Unten in der Altstadt wirkt Aigues Mortes plötzlich viel lebendiger. Das Licht fällt warm auf die Häuser, die Cafés sind voller Stimmen, und auf dem Place Saint Louis sitzen Menschen, die die Minuten wie Bonbons lutschen.

    Hier steht eine Statue des Königs, der all das ins Leben rief – mild lächelnd, als freue er sich über jede Familie, jeden Wanderer, jede Studentin, die neugierig über den Platz schlendert.

    Die Gassen sind schmal, manchmal kaum breiter als ein schmaler Schatten. Kleine Läden duften nach Seife, Lavendel oder frisch gebackenem Brot. Und wenn man Glück hat, hört man das Klappern eines Fahrrads, das langsam über die Pflastersteine rollt – ein Geräusch, das Aigues Mortes ganz besonders gut steht.

    Ein kleiner Funken Umgangssprache huscht manchmal über die Lippen der Ladenbesitzer: „Allez, komm rein, schau dich um, fühl dich wie zuhause.“ Und man tut es. Weil es passt.


    Salzfelder – Rosa Träume im Sonnenlicht

    Sobald man die Stadt verlässt, öffnet sich ein Panorama, das wirkt wie ein Gemälde: die Salins du Midi.

    Je nach Jahreszeit und Licht schimmern die Salzbecken rosa, blau oder weiß – eine Laune der Natur, die in Aigues Mortes fast zum Alltag gehört.

    Flamingos ziehen ihre eleganten Kurven, als hätten sie eine Tanzschule besucht. Überall glitzert das Salz, manchmal wie kleine Sterne, die jemand ins Wasser geworfen hat.

    Es gibt Momente, in denen die Welt hier draußen so still wirkt, dass man fast zu laut atmet. Und gleichzeitig fühlt man sich aufgehoben in einem großen, ruhigen Rhythmus, den die Natur vorgibt.


    Das Mittelalter im Heute

    Aigues Mortes lebt nicht nur von Geschichte, sondern mit ihr.

    Märkte erfüllen die Stadt mit Farben und Stimmen, Feste lassen mittelalterliche Kostüme wieder aufleben, und manchmal stolpert man fast über eine kleine Gruppe Troubadoure, die eine Melodie aus einer anderen Epoche anstimmen.

    Man hört dann ein Kind fragen: „Sind die echt oder verkleidet?“
    Und die Mutter lächelt: „Ein bisschen von beidem, ma chérie, ein bisschen von beidem.“

    Diese Mischung aus Authentischem und Spielerischem macht den Ort so wohltuend. Nichts wirkt gezwungen, nichts aufgesetzt. Die Leute hier leben einfach mit ihren Mauern, als wären sie ein altes Familienmitglied, das jeden Morgen zum Frühstück kommt.


    Kulinarische Schleifen des Südens

    Hungrig wird man hier früher oder später, und Aigues Mortes versteht es prächtig, den Bauch zu umschmeicheln.

    Es gibt Meeresfrüchte, die gerade aus dem Golf gezogen wurden, Stiergerichten aus der Camargue, Brot mit Oliven, Honig aus der Region und natürlich den berühmten Fougasse d’Aigues Mortes, ein süßes Gebäck mit Orangenblüten – luftig, duftend, ein kleines Gedicht.

    Manchmal reicht ein Bissen, und man ist kurz sprachlos. Wie kann ein Stück Teig so poetisch schmecken? Nun ja, willkommen in Südfrankreich.


    Sonnenuntergänge, die sich ins Herz graben

    Gegen Abend taucht die Sonne die Mauern in ein goldenes Licht, das den Stein fast weich erscheinen lässt. Der Schatten des Tour de Constance fällt lang, die Dächer glühen, und im Hafen wiegen sich die Boote wie Tiere, die sich zum Schlaf niederlassen.

    Wer hier sitzt, vielleicht mit einem Glas Rosé oder einfach nur mit der eigenen Ruhe, der spürt etwas Uraltes. Eine verbundene Art von Frieden.

    Und man denkt sich: Wieso nehmen wir uns im Alltag nicht öfter Zeit für solche Momente?


    Nächtliche Stille, nächtliches Flüstern

    Wenn die Nacht über Aigues Mortes fällt, verändert sich der Ort noch einmal. Die Besucher gehen, die Mauern stehen still, und in den Gassen hört man fast nur das leise Schlagen von Geschirr aus einer letzten, müden Restaurantküche.

    Hier zu spazieren hat etwas Magisches. Die beleuchteten Türme wirken wie flammende Kerzen eines gewaltigen Geburtstagskuchens. In den Fenstern schimmern einzelne Lampen. Die Luft ist mild.

    Und man meint manchmal, ein altes Gespräch aufzufangen, ein leises Wispern – als würde die Stadt selbst sagen: „Bleib noch ein bisschen.“


    Eine Reise durch Zeit und Gefühl

    Aigues Mortes ist ein Ort, der sich nicht erklären lässt, ohne dass etwas in einem mitschwingt.

    Man kommt mit Erwartungen, geht aber mit Empfindungen. Und das ist selten geworden in einer Welt, die oft schneller läuft, als man Schritt halten kann.

    Hier breitet sich eine Ruhe aus, die durch die Jahrhunderte getragen wurde. Eine Stärke, die weder laut noch selbstverliebt auftritt. Eine Schönheit, die nicht funkeln muss, um zu glänzen.

    Und irgendwie weiß man, während man die Stadt verlässt: Ich komme zurück.
    Vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht dieses Jahr, aber eines Tages – ganz sicher.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn ein Land die Ärmel hochkrempelt

    Wenn ein Land die Ärmel hochkrempelt

    Manchmal gibt es Wochenenden, die sich anfühlen wie gemeinsame Herzschläge.
    Nicht diese lauten, spektakulären Momente, über die die ganze Welt spricht, sondern jene leisen, warmen, die ein Land von innen her zusammenhalten. Die nationale Sammlung der Banques Alimentaires am letzten Novemberwochenende gehört genau dazu. Drei Tage, in denen die Menschen überall in Frankreich anhalten, ein Lächeln schenken, ein Paket Nudeln in einen orangefarbenen Wagen legen und damit mehr tun, als sie vielleicht ahnen.

    Der 28. bis 30. November 2025 klingt nüchtern wie ein Termin im Kalender. Doch sobald man an einem dieser Tage die Schiebetüren eines Supermarkts durchschreitet und auf die Freiwilligen trifft, spürt man, dass hier etwas anderes geschieht.

    Etwas, das den Blick verändert.

    Etwas, das uns daran erinnert, dass das Leben manchmal mit einer einzigen Geste heller wirkt.


    Die stille Kraft eines einfachen Einkaufs

    Es ist fast poetisch, wie unscheinbare Dinge plötzlich zu Botschaftern der Fürsorge werden.
    Eine Dose Tomaten, ein Paket Reis, ein Stück Seife.
    Im Alltag nehmen wir sie in die Hand, ohne darüber nachzudenken – und an diesem Wochenende tragen sie den Wert einer kleinen Lebensversicherung.

    Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen sind auf diese Unterstützung angewiesen, verteilt über ein riesiges Netzwerk aus mehreren tausend Vereinen, sozialen Einrichtungen und solidarischen Lebensmittelstellen. Hinter diesen nüchternen Zahlen stehen Geschichten: die junge Mutter, die trotz Job kaum das Nötigste bezahlen kann; der Rentner, dessen Ersparnisse schmelzen; Studierende, die sich Nudeln und Toast nicht mehr leisten können.

    Manchmal fragt man sich doch: Wie kann ein so reiches Land gleichzeitig ein Land mit so viel verstecktem Hunger sein?

    Und trotzdem bleibt in dieser ernsten Realität Platz für Licht. Denn genau hier, zwischen Kassenband und Gemüseauslage, verwandelt sich ein normaler Einkauf in ein kleines Wunder.


    Szenen aus einem solidarischen Wochenende

    Man muss nicht lange beobachten, um in diesen drei Tagen echte Momentaufnahmen der Menschlichkeit zu sehen.
    Da steht ein Teenager, der sein Taschengeld in drei Gläser gespendete Babynahrung umwandelt.
    Eine ältere Dame erklärt geduldig, dass sie „immer doppelt kauft – eins für sich, eins zum Spenden“.
    Ein Vater hält die Hand seiner Tochter, die ernst wie eine kleine Wissenschaftlerin in die Prospektliste schaut: „Papa, wir nehmen das, was sie am dringendsten brauchen.“

    In solchen Augenblicken fühlt man, wie sehr Menschen fähig sind, einander zu tragen. Der Alltag hat ja oft die Gewohnheit, uns abzulenken, uns schneller laufen zu lassen, als uns guttut. Doch an diesem Wochenende drückt jemand gewissermassen die Pausetaste.

    Man schaut einander wieder an.
    Man spricht kurz miteinander.
    Man lächelt über die Kante des Einkaufswagens hinweg.

    Und spätestens dann wird klar: Hier wird nicht bloss Nahrung gesammelt – hier wird Verbindung gestiftet.


    Wenn Regale leer – und Herzen voller werden

    Weniger poetisch ist die Lage in den Lagern der Banques Alimentaires, die immer wieder an denselben Engpässen leiden. Besonders Produkte wie Öl, Windeln, Babynahrung und Hygieneartikel fehlen oft schon im Herbst.
    Die Freiwilligen erzählen davon, wie die Paletten schrumpfen, während die Nachfrage steigt. Nicht dramatisch laut, sondern in einem Ton, der verrät, dass sie diese Entwicklung schon lange beobachten.

    Es wirkt wie ein Spiegel der Gesellschaft.
    Energiepreise klettern, Lebensmittelpreise ziehen nach, und viele Haushalte haben Probleme. Manche halten sich noch über Wasser, andere rutschen – manchmal lautlos – über eine unsichtbare Schwelle. Das nennt niemand gern „Armut“, doch das Gefühl, wenn am Monatsende alles auf Kippe steht, kennen mehr Menschen, als man glaubt.

    Genau deswegen gewinnt diese Sammlung jedes Jahr an Bedeutung.
    Sie füllt nicht nur Lücken im Regal, sondern federt Lebensrealitäten ab, die sonst in einem stillen aber dramatischen Absturz enden könnten.


    Die Orte der Sammlung – kleine Bühnen des Miteinanders

    Rund achttausend Sammelpunkte entstehen an diesem Wochenende.
    Supermärkte in Grossstädten, Dorfshops mit schmalen Gängen, Schulhöfe, Firmenflure, Rathäuser – überall steht ein kleiner Tisch, ein grosser Behälter, eine Handvoll Menschen, die die ärmsten Haushalte im Blick behalten.

    Die Atmosphäre ist fast immer dieselbe: warm, freundlich, ein wenig improvisiert, aber gerade dadurch liebenswert.
    Da liegen handgeschriebene Zettel mit den wichtigsten Artikeln.
    Da steht eine Thermoskanne, aus der sich die Freiwilligen nach mehreren Stunden Kälte heissen Tee einschenken.
    Da mischen sich Stimmen: „Merci beaucoup“, „Gern geschehen“, „Ah oui, das hier brauchen wir sehr“.

    Und manchmal, ganz selten, gibt es Momente, die einem unter die Haut fahren.
    Wie die Geschichte einer Freiwilligen, die erzählte, dass ein junger Mann ihr eine Tüte überreichte und leise meinte: „Vor ein paar Jahren war ich selbst derjenige, der die Hilfe brauchte. Heute kann ich etwas zurückgeben.“
    Solche Sätze bleiben hängen – wie kleine Knoten, die man nicht mehr lösen möchte, weil sie einen daran erinnern, wie das Leben Kreise zieht.


    Spenden, selbst wenn man nicht vor Ort sein kann

    Nicht alle können in diesen Tagen hinausgehen oder Zeit finden.
    Doch das hält niemanden davon ab, sich einzubringen.
    Über Onlineplattformen lässt sich ein finanzieller Beitrag leisten, der später in dringend benötigte Produkte umgemünzt wird. Diese Form der Unterstützung ist besonders wertvoll, weil sie das ermöglicht, was in der Sammlung am meisten zählt: gezielt kaufen, was rar ist.

    Eine Art unsichtbare Hand trägt also das Ganze weiter, auch wenn man selbst auf dem Sofa sitzt oder gerade arbeitet.
    Und da fragt man sich doch: Ist es nicht beeindruckend, wie viele Wege es gibt, einander zu helfen?


    Warum die Sammlung mehr ist als ein solidarischer Reflex

    In einer idealen Welt bräuchte es solche Aktionen gar nicht.
    Doch solange die Realität anders aussieht, bildet die nationale Sammlung einen Schutzwall – nicht laut, nicht spektakulär, sondern pragmatisch und zutiefst menschlich. Sie mildert Notlagen, bewahrt Familien vor Entbehrungen und schenkt kleinen Kindern ruhige Nächte, weil wenigstens die Babymilch sicher ist.

    Hier wirkt Solidarität nicht als grosses Konzept, sondern als alltäglicher Kraftakt, zusammengesetzt aus vielen Händen, kleinen Gesten und der Bereitschaft, nicht wegzuschauen.
    Und vielleicht ist das der schönste Aspekt dieses Wochenendes: Man sieht, wie viele Menschen bereit sind, Verantwortung mitzutragen, selbst wenn ihr eigenes Leben manchmal schwankt.

    Ein Land ist stärker, wenn es teilt.
    Und an diesem Novemberwochenende teilt es nicht nur Lebensmittel – es teilt Zuversicht.


    Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

    Wenn der Sonntagabend der Sammlung kommt und die Freiwilligen beginnen, die letzten Kisten zu stapeln, wirkt die Luft anders. Eine Mischung aus Müdigkeit und stolz gemütlichem Schweigen.
    Man weiss, dass hier mehr passiert ist, als man in Zahlen abbilden könnte.

    Vielleicht ist es gerade dieses Gefühl, das die Menschen Jahr für Jahr wiederkommen lässt – die Ahnung, dass Solidarität ansteckend wirkt. Und dass ein kleines Zeichen, irgendwo zwischen Reis und Shampoo, weit mehr Bedeutung trägt, als es im ersten Moment scheint.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Herkunft als Ausschlusskriterium

    Herkunft als Ausschlusskriterium

    Trumps Vorstoß gegen Migration aus „armen Ländern“ markiert eine neue Stufe restriktiver US-Einwanderungspolitik

    Am 28. November 2025 kündigte Donald J. Trump in einer medial breit beachteten Erklärung an, er wolle die Einwanderung aus sogenannten „armen Ländern“ dauerhaft aussetzen. Es sei an der Zeit, „Amerikas Grenzen gegen das Chaos der Dritten Welt zu sichern“. Einwanderung solle nur noch dann erfolgen, wenn der Zuwanderer ein „nachweislicher Netto-Nutzen“ für die USA sei. Die Debatte um diesen radikalen Vorschlag berührt zentrale Fragen von Verfassung, Menschenrechten und internationaler Ordnung – und könnte zum Lackmustest für die künftige Ausrichtung westlicher Migrationspolitik werden.

    Die Formulierung „poor nations“ bleibt in Trumps Ankündigung bewusst vage. Eine offizielle Liste liegt bislang nicht vor. Der Begriff knüpft jedoch an bekannte Narrative von „Shithole countries“ und geopolitisch diskriminierenden Kategorien an, die bereits während Trumps erster Amtszeit Kontroversen auslösten. Damals wie heute wird nicht nur mit Ressentiments operiert, sondern auch mit weitreichenden strukturellen Eingriffen in das Einwanderungssystem.

    Von der Quotenpolitik zur Herkunftssperre

    Historisch betrachtet wäre ein pauschales Einreiseverbot nach wirtschaftlicher Herkunft ein Bruch mit den Grundprinzipien des modernen US-Einwanderungsrechts. Der Immigration and Naturalization Act von 1965 hatte das zuvor geltende Quotensystem auf Basis nationaler Herkunft abgeschafft. Stattdessen rückten seither Kriterien wie Familienzusammenführung, Arbeitskräftebedarf und humanitärer Schutz in den Vordergrund. Die Reform von 1965 war eine direkte Antwort auf Jahrzehnte eines rassistisch geprägten Migrationsregimes, das etwa Einwanderung aus Asien, Afrika oder Lateinamerika gezielt einschränkte.

    Zwar gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Bestrebungen, das System stärker zu ökonomischen Kriterien hin auszurichten – etwa mit dem von Trump 2017 vorgestellten RAISE Act, der ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild vorsah. Doch selbst diese Vorschläge vermieden eine Kategorisierung nach Herkunftsland. Das nun avisierte Verbot würde einen fundamentalen Paradigmenwechsel darstellen: von einem selektiv leistungsbezogenen Ansatz hin zu einem generalisierenden Territorialausschluss.

    Rechtsstaat unter Druck

    Juristisch ist ein pauschales Einreiseverbot auf Basis ökonomischer Entwicklungslage höchst problematisch. Die US-Verfassung kennt keine explizite Gleichstellungsklausel für Nicht-Staatsbürger – dennoch ist die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen nach Herkunft schwer mit dem Grundsatz individueller Prüfung vereinbar, wie ihn auch internationale Abkommen wie die Genfer Flüchtlingskonvention fordern. Das Individualprinzip ist zentraler Pfeiler westlicher Rechtsstaatlichkeit: Jeder Antrag auf Asyl, auf Aufnahme, auf Aufenthalt muss anhand persönlicher Umstände geprüft werden.

    Trumps Vorstoß umgeht diese Logik. Er setzt voraus, dass Herkunft allein Rückschluss auf Integrationsfähigkeit, ökonomische Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Kompatibilität zulässt – ein Argumentationsmuster, das nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch empirisch widerlegt ist.

    Die Realität internationaler Migration

    Zahlreiche Studien widerlegen die Annahme, Migration aus „armen Ländern“ sei per se problematisch. Eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung (2024) zeigt: Die ökonomische Herkunft eines Migranten sagt wenig über dessen Integrationsaussichten oder Beitrag zum Arbeitsmarkt aus. Vielmehr spielen Bildung, Alter, Sprachkenntnisse und Aufnahmestrukturen entscheidende Rollen. Auch die Kriminalitätsraten unter Migranten zeigen laut Untersuchungen des Migration Policy Institute kein signifikant höheres Niveau in Abhängigkeit vom Herkunftsland.

    Hinzu kommt der demografische Aspekt: Die USA – wie viele westliche Staaten – sehen sich mit alternden Bevölkerungen und Fachkräftemangel konfrontiert. Gerade Menschen aus Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen sind oftmals bereit, Tätigkeiten in unbeliebten Bereichen zu übernehmen. Ein rigoroser Ausschluss würde nicht nur humanitäre, sondern auch wirtschaftliche Kosten nach sich ziehen.

    Globale Verantwortung oder Abschottung?

    Auch außenpolitisch setzt der Vorschlag ein heikles Signal. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten stets eine Doppelrolle eingenommen: als Fluchtursache – etwa durch militärische Interventionen – ebenso wie als Zufluchtsort. Der pauschale Ausschluss von Menschen aus strukturell benachteiligten Regionen entzieht dieser doppelten Verantwortung die Grundlage. Er delegitimiert internationale Normen wie das Recht auf Asyl und schwächt multilaterale Ansätze zur Lösung globaler Krisen.

    Für viele Länder des globalen Südens ist Migration ein soziales Sicherheitsventil. Geldsendungen von Migranten machen in Staaten wie Nepal, Haiti oder El Salvador bis zu 20 % des BIP aus. Wird dieses Ventil geschlossen, steigt der Druck auf ohnehin fragile Gesellschaften. Migrationsvermeidung durch Abschottung erzeugt nicht Stabilität, sondern Destabilisierung – mit Folgekosten, die auch den Westen treffen.

    Ein Wahlkampfmanöver mit System

    Politisch reiht sich Trumps Ankündigung ein in eine Strategie gezielter Provokation. Bereits 2017 hatte die Regierung mit dem „Muslim Ban“ versucht, Einreisen aus überwiegend muslimischen Ländern zu unterbinden – ein Vorhaben, das erst nach mehreren Anläufen vom Supreme Court in abgeschwächter Form durchgewunken wurde. Auch das jetzige Vorhaben dürfte auf juristischen Widerstand stoßen, könnte aber im Wahlkampf der Zwischenwahlen mobilisierend wirken.

    Die Forderung nach „Netto-Nutzen“ und „Null-Kosten-Migration“ spricht ein Publikum an, das Globalisierung, Migration und kulturellen Wandel zunehmend kritisch sieht. Dabei ersetzt der Vorschlag keine Reform des US-Einwanderungssystems – sondern bietet ein einfaches Feindbild: den Anderen, den Fremden, den Armen.

    Was auf den ersten Blick wie ein instrumenteller Tabubruch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Projekt: Migration wird nicht als Bestandteil globaler Realität, sondern als Bedrohung nationaler Homogenität verstanden. Der Preis dafür ist hoch – für Rechtsstaatlichkeit, für internationale Ordnung und für den inneren Zusammenhalt pluraler Demokratien.

    Autor: P. Tiko

  • Wendepunkte am 28. November – Von Königshochzeiten bis Weltpolitik

    Wendepunkte am 28. November – Von Königshochzeiten bis Weltpolitik

    Es gibt Daten, die im Geschichtsbuch zwar nicht auf den ersten Seiten stehen, aber dennoch wie kleine Nähte das große Gewebe der Weltgeschichte zusammenhalten. Der 28. November ist so ein Datum. Auf den ersten Blick unscheinbar – auf den zweiten faszinierend.

    Werfen wir einen Blick auf das, was an einem solchen Tag weltweit – und besonders in Frankreich – geschah.

    Beginnen wir ganz groß.

    Im Jahr 1943 trafen sich in Teheran drei Männer, deren Namen die Landkarten neu schreiben sollten: Roosevelt, Churchill und Stalin. Ihre Teheran-Konferenz, die am 28. November begann, war ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Sie einigten sich auf die Eröffnung einer zweiten Front in Westeuropa – später die Landung in der Normandie. Auch die Nachkriegsordnung stand auf dem Zettel: Deutschlands Zukunft, Osteuropa, und die Rolle der UNO.

    Nicht weniger spektakulär, aber viel weiter zurück, liegt ein anderes Ereignis, das die Welt umrundete – wortwörtlich. Am 28. November 1520 erreichte Ferdinand Magellan mit seiner Expedition nach einer waghalsigen Durchfahrt durch die stürmische Magellanstraße den Pazifik. Er nannte ihn „friedlich“, was bei einem Ozean mit Taifunen und Monsterwellen beinahe ironisch klingt. Trotzdem – mit diesem Moment öffnete sich der Weg zur ersten Weltumsegelung.

    Knapp 400 Jahre später – ein weiteres Kapitel der Entkolonialisierung: Mauretanien erklärte am 28. November 1960 seine Unabhängigkeit von Frankreich. Damit fiel ein weiterer Dominostein im imperialen Gefüge, das zu jener Zeit bereits kräftig ins Wanken geraten war. Frankreich hatte nach Indochina, Marokko und Tunesien bereits viele seiner Kolonien verloren – Mauretanien folgte in der langen Reihe derer, die eigene Wege gehen wollten.

    Und während Frankreich eines seiner Überseegebiete verlor, erinnerte sich ein anderer Teil Europas an seine nationale Geburt: Albanien feiert den 28. November als Unabhängigkeitstag – 1912 erklärte sich das Land frei vom Osmanischen Reich.

    Nun zur Grande Nation selbst.

    Im Jahr 1615, an einem kalten Novembertag, heiratete der junge Ludwig XIII. die spanische Infantin Anna von Österreich. Diese Ehe war mehr als nur höfischer Prunk – sie war Teil eines geopolitischen Schachzugs zwischen Frankreich und Spanien. Die Verbindung dieser zwei Herrscherhäuser sollte Frieden bringen – zumindest auf dem Papier. In Wahrheit blieb die Beziehung zwischen den beiden Mächten brüchig, die Ehe selbst ebenfalls. Aber sie brachte einen König hervor: Ludwig XIV., der Sonnenkönig.

    Etwas später, am selben Datum, verstarb Jean de Thévenot, ein französischer Forschungsreisender. Seine Reisen durch den Nahen Osten, Persien und Indien machten ihn zu einer Art Marco Polo Frankreichs – seine Beobachtungen flossen in frühe geographische und ethnografische Werke ein. Manchmal lohnt sich ein Blick auf solche Randfiguren der Geschichte, denn sie waren die Augen und Ohren einer Welt, die viele ihrer Bewohner noch nie verlassen hatten.

    Springen wir in die jüngere Zeit: Am 28. November 1991 erklärte Südossetien einseitig seine Unabhängigkeit von Georgien. Was wie eine Randnotiz wirkt, wurde später zu einem geopolitischen Brennpunkt im postsowjetischen Raum. Russland, Georgien, internationale Spannungen – bis heute ist die Region ein Pulverfass.

    Manchmal treffen sich an einem Tag viele Fäden – politisch, kulturell, menschlich.

    Denn auch kulturell ist der 28. November kein leeres Blatt: Der französische Philosoph Michel de Montaigne schrieb an einem solchen Tag in einem seiner Essays über die Unberechenbarkeit des Lebens. Zwar ist das kein belegter historischer Fakt – aber wer seine Texte kennt, der weiß: Ihm hätte dieser Tag gefallen.

    Und apropos Leben – und Sterben: Am 28. November 1859 wurde der britische Naturforscher Charles Darwin weltweit bekannt, als sein Werk On the Origin of Species erschien. Auch das – eine Revolution. Nicht mit Kanonen, sondern mit Worten und Ideen.

    Gibt es so etwas wie einen „bedeutungsvollen Tag“? Oder füllen erst unsere Geschichten, Entscheidungen und Begegnungen ein Datum mit Bedeutung?

    Der 28. November zeigt, dass selbst ein scheinbar gewöhnlicher Tag Schauplatz von Wendepunkten, Abenteuern, Abschieden und Neuanfängen sein kann.

    Und wer weiß – vielleicht schreibt ja jemand genau heute, am 28. November, wieder ein kleines Stück Weltgeschichte.

  • Burgund – Wo Frankreichs Seele zwischen Weinreben, Kanälen und Kathedralen flüstert

    Burgund – Wo Frankreichs Seele zwischen Weinreben, Kanälen und Kathedralen flüstert

    Ein stiller Kanal, auf dem ein Hausboot sanft vor sich hinschippert. Weinberge, die sich wie ein Teppich über sanfte Hügel legen. Eine uralte Abtei, in der Geschichte durch das Mauerwerk atmet. Wer nach Burgund reist, taucht ein in ein Stück Frankreich, das leise begeistert – mit Genuss, Kultur und ehrlicher Landschaft. Diese Region in Zentralfrankreich […]

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