Schlagwort: Nachrichten Frankreich

  • Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Der Tod von Brigitte Bardot hat Frankreich in einen Zustand versetzt, den man kennt und der doch jedes Mal überrascht: Das Land trauert – und streitet zugleich. Kaum war die Nachricht vom Ableben der wohl berühmtesten Blondine der Republik öffentlich, begann ein politischer Schlagabtausch, der weniger mit Pietät als mit Positionsbestimmung zu tun hat. Die Idee eines nationalen Gedenkens, vorgetragen mit Pathos und politischem Kalkül, spaltet die politische Klasse entlang vertrauter Linien.

    Auf der einen Seite jene, die in Bardot eine Verkörperung Frankreichs sehen, eine Marianne aus Zelluloid, deren Bild um die Welt ging. Éric Ciotti fordert den Präsidenten feierlich auf, der Nation einen letzten großen Akt der Anerkennung zu ermöglichen. Mehr als 15.000 Unterschriften stützen seine Petition, lanciert über die Parteiplattform der UDR. Unterstützung kommt aus einem politischen Lager, das sich seit Jahren auf Symbole und Identitätsfragen konzentriert. Die Nähe zu Marine Le Pen ist dabei kein Geheimnis, sondern Teil der Erzählung.

    Auch Christian Estrosi meldet sich zu Wort. In Nizza, won er Bürgermeister ist, soll ein markanter Ort künftig Bardots Namen tragen. Die Botschaft ist klar: Hier wird nicht nur getrauert, hier wird markiert. Bardot, so scheint es, eignet sich bestens als Projektionsfläche. Für Nostalgie. Für nationale Selbstvergewisserung. Und, ganz ehrlich, auch für Wahlkampf. Das ist Politik, wie sie lebt – manchmal von der Emotion, manchmal von der Gelegenheit.

    Doch ein nationaler Tribut ist kein Straßenfest. Er folgt festen Ritualen, ist selten und von Gewicht. Ein Dekret des Präsidenten, eine Zeremonie, oft im Herzen von Paris, etwa im Hof des Hôtel des Invalides. Von Staatsmännern, Widerstandskämpfern, Opfern des Terrors hat die Nation dort Abschied genommen. Auch Künstler, die weit über ihr Metier hinaus wirkten, wurden dort geehrt. Charles Aznavour. Jean-Paul Belmondo. Namen, die kaum Widerspruch auslösten.

    Bei Bardot liegt der Fall anders. Nicht wegen ihrer Bedeutung für das Kino, die unbestritten bleibt. Sondern wegen der Brüche, die ihr öffentliches Leben durchzogen. Der Ruhm der frühen Jahre, die Radikalität des Rückzugs, der kompromisslose Einsatz für den Tierschutz. Und dann jene Aussagen, die Gerichte beschäftigten und viele Menschen verletzten. Rassistisch. Fremdenfeindlich. Antimuslimisch. Worte, die nachhallen, auch wenn der Vorhang gefallen ist.

    Die Linke reagiert entsprechend reserviert, um nicht zu sagen: abwehrend. Olivier Faure (PS) formuliert nüchtern, nationale Ehrungen seien außergewöhnlichen Verdiensten um die Republik vorbehalten. Bardot habe sich, so der Vorwurf, von republikanischen Werten entfernt. Man spürt in diesen Tagen ein kollektives Unbehagen, fast so, als halte man sich die Nase zu, während andere bereits die Fahnen hissen.

    Dabei stellt sich eine grundsätzliche Frage, die über Bardot hinausweist. Lässt sich Trauer verordnen? Kann ein Dekret Emotion erzeugen? Die Geschichte spricht dagegen. Johnny Hallyday erhielt keinen nationalen Staatsakt, aber ein Volksbegräbnis, das die Straßen von Paris füllte. Der Präsident sprach auf den Stufen der Madeleine, und das reichte. Die Anteilnahme kam von unten, nicht von oben. Sie war echt, laut, manchmal kitschig, aber unbestreitbar.

    Im Fall Bardot schweigt Emmanuel Macron bislang. Ein Schweigen, das lauter wirkt als jede Rede. Vielleicht aus Respekt. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht, weil der Präsident weiß, dass jede Entscheidung – ob für oder gegen ein nationales Gedenken – sofort politisch gelesen würde. In Zeiten, in denen jede Geste seziert wird, ist Untätigkeit bisweilen die klügste Option.

    Und dann gibt es noch Bardot selbst, die Frau hinter der Ikone. Freunde berichten von ihrem Wunsch nach Schlichtheit, nach einem Abschied ohne großes Zeremoniell. Saint-Tropez, ein Wintertag, kein Pomp. Man kann diese Stimmen als nachträgliche Legendenbildung abtun. Man kann sie aber auch ernst nehmen. Denn vielleicht liegt hier die eigentliche Lehre dieser Tage: Nicht jedes Leben, so schillernd es auch gewesen sein mag, verlangt nach staatlicher Weihe.

    Frankreich liebt seine Debatten. Es liebt es, sich zu zerlegen und wieder zusammenzufügen. Der Streit um Bardot zeigt das in Reinform. Er offenbart die Sehnsucht nach guten Symbolen ebenso wie die Angst vor falschen. Er zeigt eine Republik, die ringt mit ihrem Selbstbild, mit ihrer Vergangenheit, mit der Frage, wer dazugehören darf – auch im Tod.

    Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Erinnerung kein Besitz ist, den man sich aneignen kann. Sie gehört denen, die fühlen. Und die fühlen unterschiedlich. Das mag unbefriedigend sein für jene, die klare Zeichen setzen wollen. Es ist aber vielleicht der ehrlichste Zustand, den eine pluralistische Gesellschaft erreichen kann. Bardot, die Unangepasste, hätte darüber womöglich gelächelt. Oder auch geschimpft. Man weiß es nicht. Und genau das passt erstaunlich gut.

    Von Andreas M. Brucker

  • Sparta im Kopf – wie ein antiker Mythos die Welt von 2025 erklärt

    Sparta im Kopf – wie ein antiker Mythos die Welt von 2025 erklärt

    Mitten in der globalen Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen griff Premierminister Benjamin Netanjahu im Herbst 2025 zu einem ungewöhnlichen historischen Bild: Israel müsse, so erklärte er, zu einem „Super-Sparta“ werden. In einer zunehmend feindseligen Welt solle sich das Land auf seine militärische Stärke und ökonomische Selbstgenügsamkeit besinnen. Wenige Sätze später bemühte er noch die Gegenthese: Man wolle zugleich „Athen und Super-Sparta“ sein – ein Spagat zwischen demokratischer Offenheit und martialischer Entschlossenheit.

    Der Rückgriff auf das antike Griechenland war mehr als eine rhetorische Geste. Netanjahus Verweis auf die autarke, kriegerisch organisierte Stadt Sparta traf einen Nerv – nicht nur in Israel. Denn die Metapher lässt sich in vielerlei Hinsicht auf eine Welt übertragen, in der viele Gesellschaften ein offenes, globales Modell zunehmend infrage stellen.

    Militarisierung und Autarkie als politische Vision

    Die Reaktionen auf Netanjahus Anspielung fielen gespalten aus. Für seine Kritiker war die Berufung auf Sparta ein gefährlicher Rückfall in autoritäre Denkmuster: Sparta war bekannt für seine Abgeschlossenheit, die extreme Disziplin des Bürgertums und die systematische Unterdrückung einer grossen, entrechteten Bevölkerungsmehrheit. In der Erinnerungskultur ist das Bild idealisiert, doch in der historischen Realität war Sparta eine sklavenbasierte Kriegergesellschaft, in der individuelle Freiheit und wirtschaftliche Innovation kaum Platz fanden.

    Gerade diese Aspekte lassen die Metapher für manche Beobachter als Warnung erscheinen. In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen und zunehmender Nationalisierungspolitik klingt der Ruf nach einem „Super-Sparta“ wie die Parole einer Welt, die sich auf Konfrontation statt Kooperation einstellt. Isolation, Rüstungsanstrengungen und wirtschaftliche Selbstgenügsamkeit werden zur neuen Währung nationaler Sicherheit.

    Der neue Reiz der Geschlossenheit

    Dass ausgerechnet Sparta – nicht Athen – heute als Vorbild dient, verweist auf ein tieferliegendes Bedürfnis nach Kontrolle, Ordnung und Identität in einer als chaotisch empfundenen Welt. Die Gegenüberstellung von Athen und Sparta ist dabei nicht neu. Schon antike Historiker zeichneten das Bild zweier gegensätzlicher Pole: Athen, offen, kosmopolitisch, innovationsfreudig – Sparta, verschlossen, diszipliniert, wehrhaft.

    Diese Dichotomie hat sich in politischen Diskursen über Jahrhunderte hinweg gehalten. In Zeiten des Aufbruchs wird Athen bemüht, in Zeiten der Unsicherheit Sparta. Der gegenwärtige Rückgriff auf den spartanischen Mythos spiegelt daher eine tektonische Verschiebung: Weg von der liberalen, global vernetzten Nachkriegsordnung – hin zu einem sicherheitsstaatlichen Denken, das auf Abschottung und militärische Stärke setzt.

    Rechte Ikonografie und der „Spartan Spirit“

    Die Faszination für Sparta ist dabei nicht nur rhetorisch. Rechte Bewegungen weltweit haben sich seit Jahren Elemente spartanischer Symbolik angeeignet: Vom Helm der Hopliten bis zur Parole „Molon Labe“ – „Komm und hol es dir“ – sind Versatzstücke spartanischer Geschichte in Subkulturen von Waffenlobbyisten, identitären Gruppen und Nationalisten präsent. Der Kult um die Schlacht von Thermopylai, in der 300 Spartaner einem übermächtigen Perserheer entgegenstanden, dient als Projektionsfläche für heroische Selbstinszenierung.

    Dass diese Symbolik auf autoritäre Sehnsüchte verweist, liegt auf der Hand: Sparta verkörpert eine Welt klarer Grenzen, klarer Rollenverteilung und kompromissloser Verteidigungsbereitschaft. Dabei wird ausgeblendet, dass Sparta in seiner Geschichte keineswegs wirtschaftlich überlegen oder kulturell führend war – sondern eine Gesellschaft, die auf Unterdrückung und Konformität beruhte.

    Europas Wendung nach innen

    Auch jenseits rechter Bewegungen finden sich heute zunehmend Elemente spartanischer Denkweise in der Realpolitik westlicher Demokratien. Die Rückkehr des Krieges nach Europa – mit dem russischen Angriff auf die Ukraine – hat das sicherheitspolitische Selbstverständnis vieler Länder grundlegend verändert. In Finnland wurde 2025 ein „Jahrzehnt des Militärs“ ausgerufen. Deutschland stellt seine Verteidigungspolitik neu auf und verabschiedet sich von der Illusion dauerhafter amerikanischer Schutzgarantien.

    Diese Entwicklungen sind nicht notwendigerweise Ausdruck eines autoritären Reflexes. Doch sie markieren eine Abkehr von jenem offenen, auf Handel und internationale Verflechtung setzenden Modell, das über Jahrzehnte als Garant für Frieden und Wohlstand galt. Die Vorstellung, sich „nach innen zu wappnen“, ist anschlussfähig für politische Strömungen unterschiedlichster Couleur.

    Sparta als verzerrter Spiegel

    Historiker weisen seit Langem darauf hin, dass Sparta in der politischen Imagination häufig überzeichnet wird – und zwar je nach Zeitgeist in unterschiedlicher Richtung. Während die Nationalsozialisten in Sparta das Vorbild einer völkisch geordneten Gesellschaft sahen, stilisierte der Kalte Krieg den Gegensatz zwischen Athen und Sparta zum Modell für das Systemduell zwischen USA und Sowjetunion.

    Heute lässt sich der spartanische Mythos als Chiffre für eine neue Weltdeutung lesen: Der Einzelne hat sich dem Kollektiv zu unterwerfen, wirtschaftliche Autonomie geht vor globaler Einbindung, Stärke wird nicht durch Offenheit, sondern durch Abschottung bewahrt. Diese Sichtweise passt in eine Welt, in der Vertrauen in multilaterale Institutionen erodiert, Migration als Bedrohung gedeutet wird und geopolitische Rivalitäten wieder in den Vordergrund treten.

    Am Ende, so mahnen viele Antike-Experten, ist Sparta ein zweischneidiges Vorbild. Seine martialische Glorifizierung blendet aus, dass die Stadt weder dauerhaft stabil noch wirtschaftlich prosperierend war. Ihre Strenge war auch ihre Schwäche. Und das, was von ihr blieb, sind weniger Bauwerke als ein Mythos – wandelbar, anschlussfähig und letztlich gefährlich, wenn man ihn zur politischen Leitidee erhebt.


    MEHR TOP-NACHRICHTEN

    Trump und Netanjahu trafen sich in Florida

    Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zeigten sich gestern nach einem Treffen in Mar-a-Lago, Trumps privatem Golf-Club in Florida, demonstrativ einig und lobten sich gegenseitig in höchsten Tönen.

    Über die inhaltlichen Ergebnisse ihrer Gespräche oder die nächsten Schritte im Gazafriedensplan äußerten sie sich nur vage. In diesem Plan soll die Hamas ihre Waffen niederlegen, während sich Israel militärisch aus dem Küstenstreifen zurückzieht. Trump erklärte jedoch, dass die USA israelische Angriffe auf den Iran unterstützen würden, sollte Teheran sein Programm für ballistische Raketen und Nuklearwaffen weiterverfolgen.

    Für Netanjahu deutet sich das kommende Jahr als wegweisend an – der Druck auf ihn wächst von allen Seiten.


    WEITERE MELDUNGEN

    – Die CIA soll vergangene Woche einen Drohnenangriff auf einen Hafen in Venezuela durchgeführt haben – der erste bekannte Luftschlag auf dem Festland nach monatelangen Angriffen auf See.

    – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Trump habe Sicherheitsgarantien für die Ukraine für 15 Jahre angeboten – deutlich weniger als die mehreren Jahrzehnte, die Selenskyj anstrebt.

    Khaleda Zia, 1991 zur ersten Premierministerin Bangladeschs gewählt, ist verstorben.

    – Im Iran gingen erneut Demonstranten auf die Straße – aus Protest gegen die rasant steigende Inflation und den Verfall der Landeswährung.

    – Die türkische Polizei stürmte ein mutmaßliches Versteck des sogenannten Islamischen Staates. Bei den Gefechten wurden drei Polizisten und sechs türkische Dschihadisten getötet.

    China hat Militärübungen rund um Taiwan begonnen, nachdem die Trump-Regierung neue Rüstungslieferungen an die Insel angekündigt hatte.

    Autor: P. Tiko

  • 29. Dezember – Ein Tag zwischen Drama, Wandel und französischem Feingeist

    29. Dezember – Ein Tag zwischen Drama, Wandel und französischem Feingeist

    Manche Tage tragen die ganze Wucht der Geschichte in sich – und der 29. Dezember ist so einer. Auf den ersten Blick scheint es ein gewöhnlicher Wintertag zu sein, irgendwo zwischen Weihnachten und Silvester, eingefasst in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren. Doch in Wahrheit hat dieser Tag weltweit – und besonders in Frankreich – erstaunlich viele Ereignisse hervorgebracht, die bis heute ihre Schatten werfen oder Licht auf Entwicklungen werfen, die unsere Gegenwart mitgestaltet haben.

    Werfen wir einen Blick zurück – und zugleich nach vorn.

    Macht, Märtyrer und Mythen

    Im Jahr 1170 wurde Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, brutal in seiner Kathedrale ermordet. Der Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Macht, den er verkörperte, war typisch für das Mittelalter – König Heinrich II. wollte seine Autorität durchsetzen, Becket pochte auf die Unabhängigkeit der Kirche. Der Mord, der wie aus einer düsteren Tragödie entsprungen wirkt, erschütterte Europa. Und siehe da: Becket wurde zur Ikone, sein Grab zur Pilgerstätte, sein Fall zum Lehrstück.

    Fast genau sieben Jahrhunderte später, 1890, spielt sich auf einem anderen Kontinent ein ganz anderes Drama ab: Das Massaker von Wounded Knee in den USA. Hunderte indigene Lakota-Sioux sterben durch das Feuer der US-Armee – ein Akt, der das gewaltsame Ende des Indianerwiderstands gegen die amerikanische Expansion markiert. Heute ist dieser Tag für viele Menschen ein Symbol des kolonialen Traumas und wird in Gedenkveranstaltungen noch immer schmerzhaft erinnert. Wie weit sind wir eigentlich gekommen, wenn es um Gerechtigkeit für indigene Völker geht?

    Frankreichs feine Klinge – Kultur, Wissenschaft und Sport

    Frankreich – das Land der Revolution, der Kunst, der Wissenschaft – hat an diesem Tag ebenfalls einige Spuren hinterlassen. Ein charmantes Beispiel: 1855 feierte Jacques Offenbachs Operette Ba-ta-clan in Paris Premiere. Eine bissige, musikalische Satire, die den Ton für das französische Musiktheater der folgenden Jahrzehnte setzte. Humor, Gesellschaftskritik und eingängige Melodien – voilà, Offenbach in Bestform.

    Ein anderes Kapitel öffnete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Himmel – wortwörtlich: Der Astronom Stéphane Javelle sichtete ein neues Objekt im Sternbild Walfisch. Es war Teil jener fieberhaften Phase, in der das Universum plötzlich riesig wurde und Frankreichs Forscher eifrig mitmischten. Galaxien, Nebel, neue Messmethoden – der Himmel war auf einmal nicht mehr nur romantisches Motiv für Gedichte, sondern ein gigantisches Forschungsfeld.

    Und der Sport? Auch da schaltet sich Frankreich mit Nachdruck ein. 2020 – mitten in einer ohnehin aufgewühlten Pandemiezeit – trennt sich der Fußballgigant Paris Saint-Germain von Trainer Thomas Tuchel. Der Rauswurf sorgte für Aufsehen, denn Tuchel hatte die Mannschaft bis ins Champions-League-Finale geführt. PSG wollte mehr – und zeigte, wie gnadenlos sich auch im Fußball Geschäft und Prestige über sportliche Kontinuität stellen. Der Tag war ein kleiner Beleg für das, was wir längst wissen: Fußball ist längst mehr als Sport – er ist ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Spielfeld.

    Kriege, Katastrophen und Erkenntnisse

    Der 29. Dezember trägt auch die Narben der Geschichte. So etwa 1940, als London durch deutsche Luftangriffe in Flammen stand – das sogenannte „Zweite große Feuer von London“. Mitten im Winter, mitten im Krieg. Die Bilder zerstörter Kirchen und Bibliotheken gingen um die Welt und festigten das Bild einer Stadt, die sich nicht unterkriegen ließ. Die Angriffe markierten einen Wendepunkt in der moralischen und psychologischen Kriegsführung.

    Ein weiteres tragisches Kapitel schrieb sich 1972 in den Everglades: Der Absturz von Flug 401 wurde später zu einem Lehrstück für Luftfahrtsicherheit. Über 100 Menschen starben, weil die Crew sich auf eine defekte Glühbirne konzentrierte und dabei die Flughöhe aus den Augen verlor. Der Unfall führte zu einer Reihe technischer und organisatorischer Änderungen – und zeigte, wie fatal menschliche Fehler in hochkomplexen Systemen sein können.

    Politik, Grenzen und Identitäten

    Zurück ins Jahr 1845: Texas wird offiziell Teil der Vereinigten Staaten. Was als regionaler Akt erscheint, hatte riesige Folgen – unter anderem löste es den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg aus. Die Entscheidung veränderte Grenzen, Identitäten und politische Spannungen in Nordamerika – ein Paradebeispiel dafür, wie scheinbar lokale Entscheidungen globale Folgen zeitigen können.

    Auch im Kleinen steckt oft das Große.

    Und heute?

    Wenn man durch diese Ereignisse blättert, kommt man nicht umhin, den 29. Dezember als Spiegel menschlicher Extreme zu sehen. Tragödien, Durchbrüche, Skandale und Aufbrüche – alles an einem Tag, der sich ansonsten in den ruhigen Tagen nach Weihnachten versteckt.

    Man könnte fast meinen, die Geschichte sei zwischen den Jahren besonders aktiv – während wir Geschenke auspacken oder uns über die Reste im Kühlschrank streiten, werden anderswo Bücher geschlossen und neue Kapitel aufgeschlagen.

    Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

    Es lohnt sich, solchen Daten wie dem 29. Dezember mehr Aufmerksamkeit zu schenken – nicht, weil sie „besonders“ sind, sondern weil sie zeigen, wie viel Welt in einem Tag stecken kann. Geschichte ist kein kalter Faktenblock, sondern ein wildes, chaotisches, oft tragisches, manchmal komisches und immer tief menschliches Geflecht.

    Und wer weiß – vielleicht wird genau heute, am 29. Dezember dieses Jahres, wieder etwas geschehen, das in Jahrzehnten in Geschichtsbüchern stehen wird. Nur eben diesmal mit uns als Zeitzeugen.

  • Wenn Buchstaben zum Spielball der Politik werden

    Wenn Buchstaben zum Spielball der Politik werden

    Ein paar Klicks in einer Textverarbeitung, ein unscheinbares Menü namens Schriftart, ein kurzer Moment der Routine. Und plötzlich steckt man mitten in einem Kulturkampf. Klingt absurd? Willkommen in den Vereinigten Staaten des Jahres 2025, wo selbst Buchstaben Haltung zeigen sollen.

    Es geht um „Calibri“. Eine Schrift, die viele von uns seit Jahren nutzen, ohne groß darüber nachzudenken. Klar, sachlich, modern. Für manche einfach nur praktisch. Für andere offenbar ein ideologisches Minenfeld.


    Die Nachricht wirkt auf den ersten Blick wie eine Satire, irgendwo zwischen „Postillon“ und später Abendrunde. Doch sie ist ernst gemeint. Die US Regierung unter Donald Trump hat ihren Diplomaten untersagt, weiterhin in Calibri zu schreiben. Der Grund: zu inklusiv, zu weich, zu sehr Symbol einer politischen Linie, die man loswerden will.

    Man reibt sich die Augen. Eine Schriftart als politischer Gegner?


    Ein Schritt zurück.

    Calibri war seit 2023 die Standardschrift in offiziellen Dokumenten der US Bundesregierung. Eingeführt unter Präsident Joe Biden, eingebettet in Programme für Diversität, Zugänglichkeit und Barrierefreiheit. Schlichte Buchstaben, klare Formen, gut lesbar auch für Menschen mit Seh oder Leseschwierigkeiten. Keine Serifen, keine Schnörkel, kein Firlefanz.

    Einfach Text.

    Oder eben nicht mehr.


    Denn mit dem Machtwechsel im Weißen Haus kam auch ein ästhetischer Kurswechsel. Der neue Außenminister Marco Rubio ordnete an, Calibri aus der diplomatischen Kommunikation zu verbannen. Stattdessen soll wieder „Times New Roman“ verwendet werden. Eine Schrift mit Geschichte, mit Gewicht, mit diesem Hauch von Amt und Aktenordner, der an dunkle Holztische und dicke Mappen erinnert.

    Rubio spricht von Professionalität. Von Ernsthaftigkeit. Von einem Stil, der Respekt einfordert.

    Und zwischen den Zeilen liest man: von Abgrenzung.


    Hier geht es längst nicht mehr um Typografie.

    Hier geht es um Symbole.


    Amerika steckt derzeit in einer kulturellen Dauerdebatte. Republikaner gegen Demokraten. Progressiv gegen konservativ. Stadt gegen Land. Woke gegen antiwoke. Alles wird politisch aufgeladen. Serien, Schulbücher, Sportwettkämpfe, sogar Farben.

    Warum also nicht auch Buchstaben?

    Wer Calibri nutzt, so der unausgesprochene Vorwurf, steht für eine Politik, die Vielfalt betont, Unterschiede sichtbar macht, Barrieren abbaut. Für viele Konservative ein rotes Tuch. Oder besser gesagt: ein serifenloses.


    Dabei wirkt der Gedanke fast schon ironisch. Jahrzehntelang galt Times New Roman als neutral, als Standard, als das Maß der Dinge. Doch auch Neutralität ist ein Produkt ihrer Zeit. Die Schrift entstand in den 1930er Jahren, entworfen für eine britische Zeitung, optimiert für Druck, nicht für Bildschirm, nicht für digitale Lesbarkeit.

    Calibri dagegen ist ein Kind des Computerzeitalters. Entwickelt für Bildschirme, für E Mails, für PDFs, für das schnelle Lesen zwischendurch. Und ja, auch für Menschen, deren Augen nicht mehr alles mitmachen.

    Ist Rückkehr wirklich Fortschritt?


    Die Entscheidung löste online einen Sturm aus. Auf Plattformen wie TikTok diskutieren Tausende über Sinn und Unsinn der Maßnahme. Eine besonders viel beachtete Stimme kam von Savannah von „YourLocalLibrary“, die mit trockenem Humor erklärte, warum Schriftarten niemanden indoktrinieren, wohl aber ausschließen können.

    @yourlocallibrary

    I know this is old news at this point but I have not been able to stop thinking about it. Technically comic sans is a more accessible font. At least they’re still using the homestuck font for official memos between countries or whatever #politics #fonts #marcorubio

    ♬ Club Penguin Pizza Parlor – Cozy Penguin

    Ihre Videos gingen viral. Kommentare prasselten ein. Von Kopfschütteln bis Gelächter war alles dabei.

    Manche schrieben: „Was kommt als Nächstes? Politische Absatzformate?“ Andere: „Ich wusste gar nicht, dass mein Lebenslauf linksgrün versifft ist.“

    Ganz ehrlich – ein bisschen schräg ist das schon.


    Doch hinter dem Spott steckt eine ernste Frage.

    Wie weit reicht Politik in unseren Alltag?


    Diplomatische Texte sollen sachlich, präzise, verbindlich sein. Sie transportieren Botschaften zwischen Staaten, zwischen Kulturen, zwischen Machtzentren. Die Schriftart ist dabei Mittel zum Zweck. Sie soll den Inhalt tragen, nicht überdecken.

    Wenn aber genau dieses Mittel zum Symbol erklärt wird, verschiebt sich der Fokus. Dann wird Form wichtiger als Inhalt. Dann zählt Haltung mehr als Aussage.

    Ein gefährlicher Trend.


    Befürworter der Entscheidung argumentieren, dass staatliche Kommunikation Klarheit und Autorität ausstrahlen müsse. Times New Roman wirke seriöser, traditioneller, staatstragender. Calibri hingegen zu locker, zu modern, zu nah am Büroalltag.

    Doch ist Seriosität wirklich eine Frage der Schrift?

    Oder ist das bloß Nostalgie mit politischem Beigeschmack?


    Ein ehemaliger Diplomat erzählte einmal, halb im Scherz, halb im Ernst: „Wenn ein Brief schlecht formuliert ist, rettet ihn keine Schrift der Welt.“ Und da ist was dran. Worte tragen Gewicht. Argumente schaffen Wirkung. Buchstaben sind nur das Gefäß.

    Oder etwa doch nicht?


    Interessant ist, dass ähnliche Debatten auch anderswo aufflammen. In Schulen, in Verwaltungen, in Unternehmen. Über gendergerechte Sprache. Über einfache Sprache. Über barrierefreie Kommunikation. Über das, was man sagt – und wie.

    Die Schriftfrage passt da nahtlos rein. Sie ist greifbar, sichtbar, leicht zu regulieren. Ein Erlass genügt, und schon sieht der Text anders aus.

    Politik zum Anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes.


    Kritiker werfen der Trump Administration vor, Nebenschauplätze zu eröffnen, um von größeren Themen abzulenken. Wirtschaft, Außenpolitik, soziale Spannungen – all das verlangt Antworten. Stattdessen diskutiert man über Schriftarten.

    Zugegeben, das wirkt kleinlich.

    Aber Symbole sind mächtig. Das wussten schon die Römer. Fahnen, Farben, Rituale – sie schaffen Identität. Heute kommen Fonts dazu.

    Willkommen im 21. Jahrhundert.


    Man darf auch nicht vergessen: Für Menschen mit Legasthenie oder Sehschwächen ist die Wahl der Schrift kein Luxus. Sie entscheidet darüber, ob Texte zugänglich sind oder nicht. Calibri wurde genau deshalb geschätzt.

    Times New Roman mit seinen feinen Serifen und enger Laufweite gilt vielen als schwerer lesbar. Besonders auf Bildschirmen.

    Ist das egal?

    Oder opfert man hier Inklusion auf dem Altar der Ideologie?


    Die offizielle Linie lautet natürlich anders. Niemand wolle jemanden ausschließen. Es gehe nur um Stil. Um Einheitlichkeit. Um Tradition.

    Doch Tradition ist kein neutraler Raum. Sie schließt immer auch aus, schlicht weil sie auf Vergangenem basiert.

    Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz.


    Ein kurzer Moment der Leichtigkeit sei erlaubt. Ein User schrieb unter einem der viralen Videos: „Ich schreibe jetzt alles in Comic Sans. Rebellion muss Spaß machen.“ Man lacht. Und dann denkt man kurz nach.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik dieser Debatte. Dass sie uns dazu bringt, über Dinge zu streiten, die uns früher egal waren. Dass selbst Buchstaben nicht mehr unschuldig sind.

    Muss wirklich alles eine Frontlinie sein?


    Die USA dienen hier wie so oft als Vergrößerungsglas. Was dort passiert, schwappt früher oder später nach Europa. Auch hier diskutieren Verwaltungen über Sprache, Form, Ton. Auch hier ringen Gesellschaften um Identität.

    Die Schriftfrage mag banal wirken. Doch sie erzählt eine größere Geschichte. Von Macht und Deutungshoheit. Von dem Wunsch, Ordnung zu schaffen in einer unübersichtlichen Welt.

    Und von der Angst vor Veränderung.


    Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Kulturkämpfe selten bei großen Themen beginnen. Sie schleichen sich ein. In Klassenzimmer, in Büros, in Textverarbeitungen. Leise, fast unscheinbar.

    Bis jemand sagt: Diese Buchstaben gefallen mir nicht.


    Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, was wirklich zählt. Die Form oder der Inhalt? Die Tradition oder die Zugänglichkeit? Die Symbolik oder der gesunde Menschenverstand?

    Und ganz ehrlich – liest man einen diplomatischen Brief wirklich anders, nur weil die Serifen fehlen?

    Die Antwort kennt vermutlich jeder selbst.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Brigitte Bardots letzter Wunsch: Ruhe im eigenen Garten, nahe dem Meer

    Brigitte Bardots letzter Wunsch: Ruhe im eigenen Garten, nahe dem Meer

    Es ist ein stiller, beinahe poetischer Abschied, wie ihn sich wohl nur wenige Ikonen des 20. Jahrhunderts erlauben konnten. Brigitte Bardot, Schauspielerin, Stilikone, Projektionsfläche einer ganzen Epoche, wird nach ihrem Tod im Alter von 91 Jahren nicht auf einem großen Pariser Friedhof beigesetzt, nicht mit Staatsakt, nicht mit roten Teppichen. Sie wird, ihrem ausdrücklichen Wunsch entsprechend, in ihrem eigenen Garten nahe dem Meer beerdigt. Dort, wo sie jahrzehntelang gelebt, gestritten, geliebt und sich zurückgezogen hat.

    Diese Information bestätigte ihre langjährige Freundin, die Journalistin Wendy Bouchard, am Montagmorgen in einem Interview. Bardot sei am Sonntag, dem 28. Dezember, in ihrer Villa La Madrague im südfranzösischen Saint-Tropez gestorben. „Sie hat es sich so gewünscht, und dieser Wunsch wird respektiert“, sagte Bouchard. Es gehe darum, in der Nähe jener Wesen zu ruhen, die ihr am meisten bedeutet hätten. Ihre Tiere.

    La Madrague, diese unscheinbare, fast trotzig einfache Villa direkt an der Küste von Saint-Tropez, war für Bardot mehr als nur ein Wohnhaus. Sie war Mythos, Rückzugsort, Bollwerk gegen die Außenwelt. Bardot hatte das Anwesen 1958 gekauft, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, als Fotografen ihr folgten wie Schatten und das Kino sie zur Göttin erklärte. Dass sie nun dort auch ihre letzte Ruhe finden wird, wirkt konsequent. Fast zwingend.

    Die Beisetzung, so Wendy Bouchard, werde „in größter Einfachheit und im völligen Verzicht“ stattfinden. Kein Prunk, kein Pathos. Ein Abschied ohne große Gesten. Juristisch ist ein solches Begräbnis auf privatem Grund in Frankreich möglich, allerdings nur in Ausnahmefällen und nach Genehmigung durch den zuständigen Präfekten. In Bardots Fall gilt das als Formsache. Ihr Wille war bekannt, dokumentiert, klar formuliert.

    In den Worten ihrer Freundin klingt etwas an, das Bardots Leben durchzogen hat wie ein roter Faden. Der Wunsch, eins zu werden mit jener Erde, „die viel Leid gesehen hat, aber auch ihren Kampf“. Gemeint ist der Kampf für die Tiere. Für viele war Brigitte Bardot nicht nur Filmstar, sondern vor allem das Gesicht eines radikalen, unbequemen Engagements gegen Tierleid. Ein Engagement, das sie selbst als existenziell empfand.

    „Die Tiere haben sie gerettet“, sagte Wendy Bouchard. Bardot sei von klein auf mit ihnen aufgewachsen. Die Zuneigung, die ihr vielleicht im familiären Umfeld gefehlt habe, habe sie bei Tieren gefunden. Das ist kein PR-Satz, sondern eine nüchterne Beobachtung. Bardot identifizierte sich mit der Verletzlichkeit, der Wehrlosigkeit der Tiere. Sie teilte ihren Schmerz. Und machte ihn öffentlich.

    Legendär bleibt ihr Einsatz gegen die Jagd auf Robbenbabys im Jahr 1977. Bilder von blutigen Eisschollen gingen um die Welt, Bardot mittendrin, wütend, fassungslos, laut. Dieser Protest veränderte etwas. Nicht sofort, nicht überall, aber nachhaltig. Er sensibilisierte eine Generation, die bis dahin lieber wegschaute. Wendy Bouchard formuliert es zurückhaltend, fast untertrieben: Dieser Einsatz habe „einen Teil der Welt erschüttert“.

    Die Resonanz auf Bardots Engagement war enorm. Jedes Jahr, zu ihrem Geburtstag, erhielt sie Dutzende Säcke voller Briefe, beschriebenes Papier aus aller Welt, in allen Sprachen. Menschen, die sich bedankt haben. Menschen, die Trost suchten. Menschen, die sich verstanden fühlten. Für Bardot war das kein Fanpost-Ritual, sondern Bestätigung. Ein Beweis, dass ihr Kampf Bedeutung hatte.

    Dass sie sich im Alter zunehmend zurückzog, kaum noch Interviews gab, kaum noch öffentlich auftrat, passte zu diesem Lebensentwurf. Die Welt hatte sie lange genug betrachtet, bewertet, vereinnahmt. Am Ende wollte sie Stille. Meer. Tiere. Erde.

    La Madrague liegt abgeschieden, ein Ort, an dem das Mittelmeer fast direkt ins Wohnzimmer zu schwappen scheint. Hier lebte Bardot mit Hunden, Katzen, Ziegen, Vögeln. Hier empfing sie wenige Freunde. Hier starb sie. Und hier wird sie begraben. Nicht als Star, sondern als Frau, die ihren Platz gefunden hatte.

    Es ist ein Abschied, der viel über Brigitte Bardot erzählt. Über ihren Eigensinn, ihre Konsequenz, ihre Unbeugsamkeit. Und über eine Form von Würde, die nicht aus Orden oder Ehrungen entsteht, sondern aus der Treue zu sich selbst. Manche werden das romantisch finden. Andere radikal. Bardot hätte vermutlich nur mit den Schultern gezuckt.

    Sie wollte nie gefallen. Sie wollte etwas verändern. Und am Ende, das wird jetzt deutlich, wollte sie einfach bleiben.

    Von C. Hatty

  • Tod im Schnee von Val Thorens – ein stilles Drama in Europas höchstem Skigebiet

    Tod im Schnee von Val Thorens – ein stilles Drama in Europas höchstem Skigebiet

    Der Winter zeigt sich dieses Jahr in den französischen Alpen gern von seiner glänzenden Seite. Pulverschnee, Sonnentage, volle Terrassen vor den Skihütten. Doch manchmal kippt das Bild, leise, ohne Vorwarnung. In Val Thorens, der höchstgelegenen Skistation Europas, hat sich kurz nach Weihnachten ein Drama ereignet, das viele Fragen offenlässt und einen bitteren Nachhall hinterlässt. Ein 58-jähriger belgischer Urlauber, von den Medien als Alain J. bezeichnet, galt seit dem Nachmittag des 26. Dezember als vermisst. Zwei Tage später, am Sonntag, dem 28. Dezember, fanden Rettungskräfte seinen leblosen Körper am Fuß einer felsigen Steilwand im Bereich des Montaulever. Der Fundort liegt abseits der belebten Pisten, in einem Gelände, das selbst erfahrene Berggänger respektvoll stimmt. Die Suche nach dem Mann hatte rasch große Ausmaße angenommen. Nachdem Angehörige und Behörden Alarm geschlagen hatten, rückten noch am Samstagabend Gendarmen aus Les Belleville sowie spezialisierte Bergpatrouill…

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  • Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Zelensky kündigt Referendum über künftigen Friedensplan an

    Ein möglicher Friedensschluss im Ukrainekrieg rückt näher, aber Präsident Wolodymyr Selenskyj setzt klare Bedingungen: Ein künftiger Friedensplan mit Russland soll zunächst dem ukrainischen Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. Diese Ankündigung erfolgte am 29. Dezember in einer Online-Pressekonferenz, kurz nach einem symbolträchtigen Treffen mit US-Präsident Donald Trump in Florida. Selenskyj betont damit einmal mehr, dass jede Lösung des Krieges nicht nur auf diplomatischen Kanälen verhandelt, sondern auch demokratisch legitimiert werden müsse.

    Friedensverhandlungen mit demokratischer Rückbindung

    Die Idee eines Referendums über einen möglichen Friedensvertrag ist nicht neu, erhält aber durch die jüngsten diplomatischen Entwicklungen neue Brisanz. Für Selenskyj steht fest: Ein so tiefgreifender Einschnitt in die Zukunft des Landes darf nicht ohne breite gesellschaftliche Zustimmung erfolgen. Die ukrainische Führung will sich damit offenbar gegen mögliche Vorwürfe wappnen, territoriale Zugeständnisse oder Neutralitätsversprechen hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Die ukrainische Verfassung kennt zwar kein obligatorisches Referendum für internationale Abkommen, doch in Fragen von nationaler Souveränität und territorialer Integrität ist ein solches Votum politisch kaum vermeidbar.

    Unklar bleibt indes, unter welchen Bedingungen ein solches Referendum durchgeführt werden könnte. Die seit Februar 2022 geltende Kriegsrechtsordnung – die unter anderem Männern im wehrfähigen Alter das Verlassen des Landes verbietet – bleibt laut Selenskyj in Kraft, bis der Krieg formell beendet ist. In einem Land, in dem Millionen Menschen vertrieben wurden oder im Ausland leben, wäre die Organisation eines fairen Urnengangs eine riesige logistische und rechtliche Herausforderung.

    Sicherheitsgarantien aus Washington

    Neben der Ankündigung eines Referendums stellte Selenskyj auch neue Elemente eines möglichen Sicherheitsrahmens vor. Die USA haben der Ukraine nach seinen Angaben umfassende Sicherheitsgarantien für eine Dauer von 15 Jahren angeboten – mit der Option auf Verlängerung. Ziel dieser Garantien sei es, eine erneute militärische Eskalation durch Russland zu verhindern und gleichzeitig eine verlässliche Perspektive für den Wiederaufbau und die politische Stabilisierung der Ukraine zu schaffen.

    Selenskyj selbst zeigte sich mit der vorgeschlagenen Dauer indes unzufrieden und forderte deutlich längere Zusagen – von „dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren“. Dies ist ein Hinweis auf das tiefsitzende Misstrauen Kiews gegenüber Moskau, aber auch auf das Bemühen, den Westen dauerhaft in die sicherheitspolitische Verantwortung für die Ukraine einzubinden. Die genaue Ausgestaltung dieser Garantien – ob sie militärische Beistandspflichten beinhalten oder eher politische und wirtschaftliche Unterstützung vorsehen – ist noch nicht öffentlich bekannt.

    Neue Dynamik durch US-Diplomatie

    Das diplomatische Momentum, in dem diese Vorschläge entstehen, ist bemerkenswert. Erst an diesem Wochenende hatte sich Donald Trump persönlich mit Selenskyj in Florida getroffen. Vorausgegangen war ein Telefongespräch Trumps mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das beide Seiten als „konstruktiv“ bezeichneten. Die Abfolge dieser Gespräche lässt darauf schließen, dass Washington hinter den Kulissen intensiv an einer diplomatischen Lösung arbeitet – mit Trump als zentralem Akteur.

    Zudem hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine internationale Geberkonferenz für Anfang Januar in Paris angekündigt. Ziel ist es, die konkreten Beiträge der Partnerstaaten zur Sicherheitsarchitektur für die Ukraine zu koordinieren. Dabei soll auch eine überarbeitete Fassung des amerikanischen Friedensplans diskutiert werden.

    Anpassungen am US-Friedensplan

    Laut ukrainischen Angaben liegt bereits eine neue Version des US-Friedensplans auf dem Tisch. Die Erstfassung war aus ukrainischer Sicht zu stark an russische Forderungen angelehnt. Nun soll unter anderem die Bedingung entfallen, dass sich die Ukraine völkerrechtlich zur Nichtmitgliedschaft in der NATO verpflichtet. Auch der vollständige Rückzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass sei in der neuen Fassung nicht mehr vorgesehen.

    Stattdessen wird offenbar ein eingefrorener Frontverlauf entlang der aktuellen Linien diskutiert – ein Konzept, das vielen Ukrainern als stillschweigende Anerkennung russischer Gebietsgewinne gilt. Ob ein solcher „Waffenstillstand ohne Lösung“ in einem Referendum Zustimmung fände, ist fraglich. Die ukrainische Bevölkerung hat sich in Umfragen wiederholt klar gegen territoriale Zugeständnisse ausgesprochen.

    Der politische Balanceakt ist offensichtlich: Ein tragfähiger Kompromiss mit Russland, der gleichzeitig den ukrainischen Souveränitätsanspruch wahrt, scheint kaum erreichbar. Dennoch mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten wächst – und dass das internationale Umfeld, insbesondere Washington und Paris, auf einen politischen Durchbruch drängt. Die Entscheidung, das ukrainische Volk in die letzte Phase dieses Prozesses einzubeziehen, markiert nicht nur einen demokratischen, sondern auch einen strategischen Schritt: Die politische Verantwortung für Frieden und Kompromiss soll gemeinschaftlich getragen werden.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Verkaufserfolge rechter Politiker-Bücher in Frankreich: Symptom oder Strategie?

    Verkaufserfolge rechter Politiker-Bücher in Frankreich: Symptom oder Strategie?

    Kurz vor Weihnachten avancierten mehrere Bücher französischer Rechts- und Rechtspopulisten zu Bestsellern. Laut den Verkaufszahlen der Plattform Edistat, die von France Inter ausgewertet wurden, haben die Bücher von Nicolas Sarkozy, Philippe de Villiers und Jordan Bardella teils deutlich die Marke von 100.000 verkauften Exemplaren überschritten. Diese kommerzielle Dynamik ist bemerkenswert – doch was sagt sie über die politische Landschaft Frankreichs aus?

    Der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy veröffentlichte mit Journal d’un prisonnier eine Art persönliche Abrechnung und Selbstrechtfertigung nach seiner Verurteilung wegen illegaler Wahlkampffinanzierung. Philippe de Villiers, Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France und langjähriger Akteur der französischen Rechten, publizierte unter dem Titel Populicide eine kulturpessimistische Kampfschrift gegen die angebliche „Zerstörung des Volkes“. Jordan Bardella, derzeit Vorsitzender des Rassemblement National (RN), bringt sich mit seinem Buch Ce que veulent les Français als legitimer Nachfolger Marine Le Pens in Stellung – eine Position, die zunehmend als Vorbereitung auf die Präsidentschaftswahl 2027 gedeutet wird.

    Verkaufszahlen mit politischer Schlagkraft?

    Nach Angaben von Edistat wurden bis zum 21. Dezember 161.504 Exemplare von de Villiers‘ Buch, 142.764 von Sarkozys Werk und 89.797 von Bardellas Publikation verkauft. Die tatsächlichen Zahlen dürften noch höher liegen, da Direktverkäufe bei Lesungen und Signierstunden nicht berücksichtigt wurden. Rein wirtschaftlich handelt es sich dabei um beachtliche Erfolge – insbesondere auf einem ansonsten rückläufigen französischen Buchmarkt.

    Doch was bedeuten diese Zahlen politisch? Der Politologe Christian Le Bart von der Universität Rennes warnt vor vorschnellen Rückschlüssen: „Das Wählerpotenzial ist etwas anderes als das Leserpotenzial“, betont er. Selbst ein Publikum von mehreren hunderttausend Lesern stelle, in absoluten Zahlen, keine relevante Wählerbasis dar. Vielmehr sei dieser Bucherfolg ein Medienphänomen, das die Sichtbarkeit und Relevanz bestimmter politischer Akteure erhöhe – besonders in einem Umfeld, das sich bereits auf den Wahlkampf 2027 vorbereitet.

    Der Bolloré-Effekt: Medienmacht und politische Agenda

    Ein zentrales Element beim Erfolg dieser Bücher ist laut Le Bart das Verlags- und Medienumfeld. Alle drei Titel erschienen im renommierten Verlag Fayard, der inzwischen Teil der Bolloré-Gruppe ist – einem Medienimperium mit klar konservativem bis rechtspopulistischem Kurs. Fayard gehört seit 2021 zum Verlagskonzern Editis, der wiederum unter dem Dach des Mischkonzerns Vivendi von Vincent Bolloré steht.

    Der Einfluss dieser Medienmacht ist nicht zu unterschätzen. Bolloré kontrolliert neben Fayard unter anderem auch Fernsehsender wie CNews, der sich stilistisch und inhaltlich an amerikanische Formate wie Fox News anlehnt, sowie Magazine und Radiostationen. Die omnipräsente Sichtbarkeit der genannten Bücher – etwa in Bahnhofsfilialen, TV-Talkshows oder konservativen Leitmedien – folgt einer durchdachten Kommunikationsstrategie, die politische Botschaften über kulturelle Kanäle verbreitet.

    Politisches Buch als Wahlkampfinstrument

    Der Erfolg dieser Werke lässt sich nicht losgelöst vom politischen Kalender interpretieren. Die französische Präsidentschaftswahl 2027 wirft bereits jetzt ihren Schatten voraus. Marine Le Pen hat angedeutet, nicht mehr kandidieren zu wollen – Jordan Bardella, derzeit Vorsitzender des RN und EU-Parlamentsabgeordneter, gilt als ihr designierter Nachfolger. Sein Buch versteht sich dabei weniger als inhaltliches Manifest denn als rhetorisches Positionierungspapier. Mit platten, aber wirkmächtigen Slogans wie „Ce que veulent les Français“ zielt Bardella auf Emotionalisierung und Identifikation – ein Spiel, das in sozialen Medien und TV-Debatten zunehmend dominiert.

    Auch Nicolas Sarkozy verfolgt mit seiner Publikation eigene Ziele. Zwar ist eine Rückkehr in ein politisches Amt unwahrscheinlich, doch seine Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs bleibt hoch. In Journal d’un prisonnier inszeniert sich Sarkozy als Opfer der Justiz – ein Narrativ, das bei Teilen des bürgerlichen Lagers verfängt, die in den Institutionen der Republik zunehmend Misstrauen sehen.

    De Villiers wiederum bedient mit Populicide ein intellektuelles Milieu, das sich vom politischen Mainstream entfremdet hat. Seine Thesen zur kulturellen Auflösung der Nation reihen sich ein in einen größeren Trend von Anti-Globalismus, anti-liberaler Kritik und der Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt – Themen, die auch außerhalb Frankreichs Konjunktur haben.

    Kulturkampf durch Bestseller

    Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, in den Buchverkäufen lediglich ein Randphänomen zu sehen. In Zeiten wachsender Fragmentierung der Öffentlichkeit und steigender Skepsis gegenüber klassischen Institutionen entwickeln Bücher – und speziell politische Autobiografien oder Kampfschriften – eine neue Rolle: Sie sind zugleich Projektionsfläche, Identifikationsangebot und strategisches Kommunikationsinstrument.

    Der politische Buchmarkt in Frankreich wird damit selbst zum Teil des Wahlkampfs – nicht als direkter Stimmenfänger, wohl aber als Mittel zur Agenda-Setzung. Der Verkaufserfolg wird zum Signal an Journalisten, Parteien und potenzielle Bündnispartner: Diese Stimmen haben Reichweite, ihre Themen besitzen Resonanz.

    Gleichzeitig zeigt sich, wie wirkungsvoll eine medienübergreifende Struktur genutzt werden kann, um politische Narrative zu verankern. Die Koordination zwischen Verlag, Medien und Autoren – insbesondere im Umfeld der Bolloré-Gruppe – illustriert, wie sich kulturelle Produkte in politische Strategien einfügen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus, Literatur und Propaganda zunehmend.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Knall am Trocadéro – Wenn Feuerwerk zur Sicherheitsfrage wird

    Knall am Trocadéro – Wenn Feuerwerk zur Sicherheitsfrage wird

    Paris liebt das Spektakel. Die Lichter, die Kulisse, den großen Auftritt. Doch am vergangenen Samstagabend, dem 27. Dezember, kippte die Inszenierung. Gegen 20.50 Uhr flackerten am Trocadéro nicht nur die Lichter der Stadt, sondern auch die grellen Spuren illegal gezündeter Feuerwerkskörper. Rauch stieg auf, Knallgeräusche hallten über die Esplanade, direkt gegenüber dem Eiffelturm. Wenig später zählte die Polizei vierzig Festnahmen. Kein Verletzter, kein größerer Schaden – und doch ein Abend, der mehr erzählt als bloß von ein paar Raketen.

    Die Einsatzkräfte handelten schnell. Über die Videoprotektion hatten sie die ersten Bilder gesehen: Gruppen von Menschen, die auf der Place du Trocadéro und der Place de Varsovie Feuerwerkskörper und Rauchfackeln zündeten. Ein Ort, der tagsüber von Touristenströmen überrollt wird und abends oft wie eine Postkarte wirkt, verwandelte sich für Minuten in eine unübersichtliche Bühne. Polizeieinheiten rückten an, umringten die Beteiligten, trennten Schaulustige von Akteuren. Vierzig Personen wurden vorläufig festgenommen, ein Dutzend davon später der Justiz vorgeführt – wegen unerlaubten Umgangs mit pyrotechnischem Material. Der Rest durfte nach Überprüfung und Befragung wieder gehen.

    Was war der Anlass? Keine politische Demonstration, keine gezielte Provokation. Einige der Festgenommenen erklärten, sie hätten Erfolge von Paris Saint-Germain feiern wollen, darunter den Triumph in der Champions League. Ein spontaner Jubel, so die Darstellung, der sich verselbständigt habe. Man wollte feiern, ein bisschen laut, ein bisschen groß. Paris eben. Tja – blöd nur, dass Feuerwerk im öffentlichen Raum strengen Regeln unterliegt und der Trocadéro nicht gerade als Hinterhof durchgeht.

    Solche Szenen kommen nicht aus dem Nichts. Bereits Mitte Dezember hatte es an gleicher Stelle einen ähnlichen Vorfall gegeben. Auch damals knallte es unerlaubt, auch damals schaltete sich die Justiz ein. Wer glaubt, das seien isolierte Ausrutscher, irrt. Die französische Hauptstadt erlebt seit Monaten eine Serie von spontanen Feiern, die immer wieder an dieselbe Grenze stoßen: Wo endet kollektive Freude, wo beginnt die Gefährdung anderer?

    Der Sommer lieferte ein drastisches Beispiel. Nach einem großen Titelgewinn von Paris Saint-Germain strömten Tausende auf die Straßen. Was als ausgelassene Party begann, mündete in Krawalle, hunderte Festnahmen, beschädigte Geschäfte. Seitdem reagiert die Polizei sensibler, schneller, entschlossener. Der Trocadéro, mit seiner Symbolkraft und seiner Nähe zu einem der meistbesuchten Monumente der Welt, steht dabei besonders im Fokus.

    Am Samstag blieb es vergleichsweise ruhig. Kein Steinwurf, keine Panik, keine Verletzten. Die Polizei spricht von einer professionellen Intervention, von reibungsloser Zusammenarbeit spezialisierter Einheiten, von Einsatztechnik, die hilft, bevor etwas eskaliert. Das klingt nach Routine – und genau darin liegt die eigentliche Geschichte. Wenn das Außergewöhnliche zur Routine wird, verändert sich der Blick auf die Stadt.

    Paris lebt von seinen öffentlichen Räumen. Plätze wie der Trocadéro gehören allen, Einheimischen wie Besuchern. Gerade in der Weihnachtszeit, wenn Lichterketten funkeln und der Jahreswechsel näher rückt, steigt die Versuchung, das Feiern nach draußen zu verlagern. Ein paar Raketen, ein paar Bengalos – was soll schon passieren? Die Antwort der Behörden ist klar: ziemlich viel. Funken, die in Menschenmengen fallen. Rauch, der Sichtachsen blockiert. Panikreaktionen, die niemand geplant hat. Sicherheit, so nüchtern das klingt, verträgt keine Spontaneität.

    Gleichzeitig bleibt die Frage, wie viel Kontrolle eine Stadt verträgt, ohne ihre Seele zu verlieren. Paris ohne nächtliches Leben, ohne Improvisation, ohne emotionale Ausbrüche – das passt nicht ins Bild. Die Herausforderung besteht darin, den schmalen Grat zu gehen. Präsenz zeigen, ohne zu erdrücken. Eingreifen, bevor es knallt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

    Die Präfektur hat angekündigt, ihre Präsenz in den kommenden Tagen zu verstärken. Rund um die Champs-Élysées, an der Seine, am Trocadéro. Gerade mit Blick auf Silvester soll klar sein: Feiern ja, Feuerwerk bitte nur dort, wo es erlaubt ist. Das klingt nach erhobenem Zeigefinger, ist aber vor allem Ausdruck einer Erfahrung, die man lieber nicht jedes Wochenende wiederholt.

    Wie die Justiz mit den aktuellen Fällen umgeht, bleibt abzuwarten. Die Entscheidungen der kommenden Tage senden ein Signal – nicht nur an Fußballfans, sondern an alle, die glauben, öffentlicher Raum sei rechtsfreier Raum. Paris beobachtet sich selbst in diesen Momenten. Und die Stadt lernt, manchmal schmerzhaft, dass ihre ikonischsten Orte auch ihre empfindlichsten sind.

    So bleibt vom Samstagabend mehr als die Zahl vierzig. Es bleibt das Bild einer Stadt, die zwischen Feierlust und Sicherheitsdenken pendelt. Einer Stadt, die sich immer wieder neu erfinden muss, ohne sich selbst zu verlieren. Und eines Abends, an dem es laut wurde, ohne dass es eskalierte – was man in Paris inzwischen fast schon als Erfolg verbucht.

    Von C. Hatty

  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty