Schlagwort: Nachrichten Frankreich

  • Wenn der Feuerberg erwacht – der Piton de la Fournaise meldet sich 2026 zurück

    Wenn der Feuerberg erwacht – der Piton de la Fournaise meldet sich 2026 zurück

    Nach mehr als zweieinhalb Jahren auffälliger Zurückhaltung hat sich der wohl bekannteste Feuerberg Frankreichs wieder zu Wort gemeldet. Am Abend des 18. Januar 2026 begann am Piton de la Fournaise die erste Eruption des neuen Jahres. Für die Inselbewohner kein Grund zur Panik, eher ein leises Innehalten. Man kennt dieses Schauspiel. Und doch bleibt es jedes Mal etwas Besonderes.

    Der Ausbruch kam nicht überraschend, aber auch nicht beiläufig. Bereits am frühen Nachmittag jenes Sonntags registrierten die Instrumente des Observatoire volcanologique du Piton de la Fournaise eine deutliche Zunahme seismischer Aktivität. Ein klassisches Szenario, fast wie aus dem Lehrbuch. Kleine Erdstöße, rasch aufeinanderfolgend, verrieten den Aufstieg von Magma in Richtung Oberfläche. Wer die Sprache der Vulkane liest, wusste: Da braut sich etwas zusammen.

    Am späten Nachmittag öffnete sich der Boden.

    Innerhalb des Enclos Fouqué, jener weiten, kargen Caldera, die wie ein natürlicher Schutzschild wirkt, rissen mehrere eruptive Spalten auf. Drei, vielleicht vier. Genaue Zahlen spielen in solchen Momenten eine untergeordnete Rolle. Entscheidend war das Bild: flüssige, glutrote Lava, die sich langsam ihren Weg bahnte, begleitet von Fontänen, die den nächtlichen Himmel erhellten. Effusiv, nicht explosiv. Der Piton zeigte sich von seiner vergleichsweise gutmütigen Seite.

    Diese Art von Eruption gehört zum Charakter dieses basaltischen Schildvulkans. Seit dem 17. Jahrhundert zählt man mehr als 150 Ausbrüche. Manche kurz, manche länger, manche spektakulär, andere beinahe beiläufig. Doch Routine stellt sich nie ein. Dafür sorgt schon die rohe Präsenz des Naturereignisses. Lava riecht nicht nach Statistik, sie knistert, sie leuchtet, sie bewegt sich.

    Die Behörden reagierten rasch. Der Zugang zum Enclos Fouqué wurde umgehend gesperrt, die bekannten Warnmechanismen griffen. Sicherheit zuerst. Dennoch strömten Menschen in Richtung Vulkan. Familien, Touristen, Einheimische, manche mit Thermoskanne, andere mit Kamera, viele einfach nur mit staunendem Blick. Rund um den Pas de Bellecombe bildeten sich Staus, wie man sie sonst eher vom Berufsverkehr kennt. Ein paradoxes Bild: Stillstand aus Neugier.

    Das Spektakel spielte sich ausschließlich innerhalb der Caldera ab, weit entfernt von Siedlungen oder Infrastruktur. Gerade das macht den Piton de la Fournaise zu einem der am besten beobachtbaren aktiven Vulkane der Welt. Gefahr und Faszination liegen nah beieinander, aber selten überschreiten sie hier eine kritische Grenze. Die Lava blieb, wo sie hingehörte. Und doch zog sie die Blicke magisch an.

    Zwei Nächte lang hielt der Feuerberg die Bühne besetzt. Dann, am frühen Morgen des 20. Januar, verebbte das Schauspiel. Der vulkanische Tremor, jenes tieffrequente Zittern, das auf Magmabewegungen hinweist, ging deutlich zurück. Die Eruption war vorbei. Zurück blieb ein erkaltendes Lavafeld, das insgesamt weniger als eine Million Kubikmeter Material freigesetzt hatte. Für den Vulkan eine Randnotiz, für die Wissenschaft ein wertvolles Kapitel.

    Denn jeder Ausbruch, so kurz er auch sein mag, liefert Daten. Die Forscherinnen und Forscher beobachten weiter, analysieren seismische Muster, Bodenverformungen, Gasemissionen. Solange unter dem Massiv Mikrobeben auftreten, bleibt die Möglichkeit einer erneuten Aktivität bestehen. Vielleicht an derselben Stelle, vielleicht an einer anderen. Der Piton folgt keinem festen Drehbuch.

    Geologisch betrachtet ist dieser Vulkan ein Paradebeispiel für einen Hotspot. Tief im Erdmantel entsteht Magma, steigt auf, formt Schicht um Schicht den Berg, der den Südosten der Insel La Réunion prägt. Ein langsamer Prozess, gemessen in Jahrtausenden, unterbrochen von Momenten plötzlicher Dynamik. Wer hier lebt, wächst mit diesem Rhythmus auf. Der Vulkan gehört zum Alltag, auch wenn er schweigt.

    Schon in den Wochen vor dem Ausbruch hatten sich die Anzeichen verdichtet. Ende Dezember 2025, Anfang Januar 2026 wurden erhöhte seismische Phasen registriert, Alarmstufen angepasst, ohne dass es unmittelbar zu sichtbarer Aktivität kam. Solche Phasen verlangen Geduld, von den Wissenschaftlern ebenso wie von der Bevölkerung. Man wartet. Und wartet weiter. Bis es dann doch passiert.

    Diese Eruption erinnert daran, wie präsent die Naturkräfte auf La Réunion sind. Sie strukturieren den Raum, prägen die Landschaft, beeinflussen den Tourismus, den Alltag, die Gespräche am Abend. Der Piton de la Fournaise ist kein ferner Riese, sondern ein Nachbar. Einer, der meist ruhig ist, aber nie ganz schläft.

    Und vielleicht liegt genau darin seine Faszination. Er kündigt sich an, er gibt Zeichen, er bleibt berechenbar, soweit ein Vulkan berechenbar sein kann. Und doch bleibt immer ein Rest Ungewissheit. Ein Rest Ehrfurcht. Wenn der Boden warm wird und der Himmel rot leuchtet, dann wird aus Wissenschaft wieder Staunen. Und aus Routine ein Moment, den man nicht vergisst.

    Autor: C.H.

  • Fünf Tonnen auf offener See – wie Frankreichs Marine einem Pazifik-Drogen-Kartell in die Parade fuhr

    Fünf Tonnen auf offener See – wie Frankreichs Marine einem Pazifik-Drogen-Kartell in die Parade fuhr

    Manchmal reicht ein einziger Funkspruch, um ein Kapitel globaler Kriminalgeschichte neu zu schreiben. In den Weiten des Südpazifiks, dort wo der Horizont oft wichtiger wirkt als jede Grenze, hat die Marine nationale française einen Schlag gelandet, der weit über die Lagunen der Polynésie française hinaus nachhallt. Nahezu fünf Tonnen Kokain, verborgen im Bauch eines unscheinbaren Fischereischiffs, wurden Mitte Januar auf hoher See sichergestellt. Eine Menge, die man nicht einfach „mitnimmt“, sondern die für ganze Märkte bestimmt ist. Die Route führte aus Mittelamerika, das Ziel lag im australischen Raum. Der Pazifik, lange als Randzone des weltweiten Drogenhandels betrachtet, rückt damit endgültig ins Zentrum. Die Operation selbst verlief nüchtern, beinahe lehrbuchhaft. Verdachtsmomente, Annäherung, Kontrolle. Doch hinter dieser scheinbaren Routine steckt jahrelange Erfahrung, gepaart mit internationaler Abstimmung und technischer Präzision. Wer in dieser Region patrouilliert, weiß, da…

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  • Endlich Wasser, endlich Aufatmen – wie der Regen den Pyrénées-Orientales eine Atempause verschafft

    Endlich Wasser, endlich Aufatmen – wie der Regen den Pyrénées-Orientales eine Atempause verschafft

    Fast zwei Jahre lang war Wasser im äußersten Süden Frankreichs ein politisches, ökologisches und zutiefst persönliches Thema. In den Pyrénées-Orientales, einem Département zwischen Pyrenäen und Mittelmeer, bestimmte die Trockenheit den Alltag. Brunnen versiegten, Flüsse schrumpften zu Rinnsalen, Gärten verdorrten hinter Zäunen, die Schläuche und Rasensprenger längst verbannt hatten. Seit 2022 galt hier fast durchgehend der Alarmzustand, häufig sogar die höchste Stufe der sogenannten Wasserkrise. Und dann, kurz vor dem Jahreswechsel 2025, kam der Regen. Nicht zaghaft, nicht schüchtern, sondern mit einer Wucht, die man in dieser Region beinahe vergessen hatte.

    Der Dezember brachte ein mediterranes Unwetter, das seinem Namen gerecht wurde. Innerhalb weniger Wochen fiel mehr Wasser als sonst in einem halben Jahr. In Perpignan summierten sich die Niederschläge auf rund 255 Millimeter, ein Wert, der die saisonale Norm um ein Mehrfaches übertraf. Straßen standen unter Wasser, Felder saugten sich voll, trockene Bachbetten führten plötzlich wieder Strömung. Ein paradoxes Bild: Während anderswo über Hochwasserschäden geklagt wurde, sprach man hier von Erlösung.

    Diese Regenfälle veränderten die hydrologische Lage spürbar. Oberflächennahe Grundwasserschichten begannen sich zu erholen, Quellen, die seit Jahren als verloren galten, zeigten wieder Leben. Für eine Region, die sich an das Geräusch von trockenen Rohren und das Zählen von Litern gewöhnt hatte, war das mehr als eine meteorologische Randnotiz. Es war ein psychologischer Wendepunkt.

    Die Präfektur reagierte Anfang Januar 2026 mit einem Schritt, der noch wenige Monate zuvor undenkbar schien. In 169 Gemeinden wurden sämtliche Nutzungsbeschränkungen für Wasser aufgehoben. Private Pools dürfen wieder befüllt, Gärten bewässert, Autos gewaschen werden. Für viele Einwohner fühlte sich das an wie das Ende eines langen Ausnahmezustands. Endlich wieder Normalität, zumindest ein Stück davon. Man hörte Sätze wie: Jetzt kann man wieder durchatmen. Oder, etwas salopper: Zeit, dass der Schlauch aus dem Keller kommt.

    Doch nicht überall fiel der Befreiungsschlag so umfassend aus. In einigen Gemeinden bleibt die Lage angespannt. Dort gelten weiterhin Einschränkungen, wenn auch deutlich gelockerte. Der Grund liegt unter der Oberfläche. Tiefe Grundwasserleiter, insbesondere in kalkreichen, geologisch komplexen Zonen, reagieren träge. Das Wasser muss erst versickern, Schicht für Schicht, ein Prozess, der Wochen oder Monate dauert. Regen allein löst das Problem nicht über Nacht.

    Diese Ungleichzeitigkeit prägt die aktuelle Situation. Sichtbare Fülle an der Oberfläche, fragile Reserven im Untergrund. Wer genau hinschaut, erkennt die Ambivalenz. Ja, die Quellen sprudeln wieder. Ja, manche Flüsse führen ordentlich Wasser. Und doch bleibt das System verletzlich. Ein trockener Frühling oder ein heißer Sommer könnten die Fortschritte rasch wieder zunichtemachen.

    Gerade deshalb mahnen Behörden und Wasserverbände zur Vorsicht. Der Appell lautet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern Maß und Augenmaß. Sparsamer Umgang, angepasste Nutzung, regionale Unterschiede ernst nehmen. Es ist eine leise, aber deutliche Botschaft: Der Regen hat geholfen, doch er hat die strukturellen Probleme nicht weggewischt.

    Denn die Trockenheit der vergangenen Jahre war kein Zufall, sondern Symptom. Der Klimawandel verändert den Rhythmus der Niederschläge. Längere Dürreperioden wechseln sich mit kurzen, intensiven Regenereignissen ab. Für die Wasserwirtschaft ist das eine enorme Herausforderung. Speicher, Leitungen, Bewässerungssysteme, all das wurde für ein anderes Klima konzipiert. Jetzt gerät dieses Modell ins Wanken.

    In den Pyrénées-Orientales zeigt sich das besonders deutlich. Landwirtschaft, Tourismus, wachsende Städte, all diese Faktoren konkurrieren um eine Ressource, die nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Der jüngste Regen verschafft Zeit. Mehr nicht. Zeit, um Konzepte zu überdenken, um Infrastruktur anzupassen, um über Wiederverwendung, effizientere Bewässerung und neue Speicherformen nachzudenken.

    Die Menschen vor Ort wissen das. Viele haben gelernt, mit wenig Wasser auszukommen. Sie haben Zisternen gebaut, Pflanzen ausgetauscht, Gewohnheiten geändert. Diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit den ersten gefüllten Becken. Und vielleicht ist das die stille Hoffnung dieser Episode: dass die Erinnerung an die Dürre länger anhält als der Applaus für den Regen.

    Der Winter 2025/26 markiert damit eine Zäsur. Nicht das Ende der Wasserkrise, aber eine Atempause. Eine Gelegenheit, innezuhalten, ohne sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Die Natur hat geliefert, was sie lange schuldig geblieben war. Nun liegt es an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, daraus mehr zu machen als nur einen kurzen Moment der Erleichterung.

    Denn eines ist sicher: Der nächste trockene Sommer kommt bestimmt. Die Frage ist nur, wie gut man darauf vorbereitet sein wird.

    Von Daniel Ivers

  • Carbonade Flamande – Ein Schmorgericht mit Charakter, Herz und Heimat

    Carbonade Flamande – Ein Schmorgericht mit Charakter, Herz und Heimat

    Flandern auf dem Teller: ein Hauch von Bier, der Duft karamellisierter Zwiebeln und ein Topf, der stundenlang auf dem Herd köchelt – das ist die Carbonade Flamande. Mehr als nur ein Rinderragout: Sie ist Geschichte, Identität und pure Gastfreundschaft in einem einzigen Gericht. Wer in Nordfrankreich unterwegs ist oder das Glück hat, in einem belgischen […]

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  • Das Gedächtnis des Eises – warum die Menschheit ihre klimatische Vergangenheit nun in der Antarktis bewahrt

    Das Gedächtnis des Eises – warum die Menschheit ihre klimatische Vergangenheit nun in der Antarktis bewahrt

    Manchmal reicht ein Schnitt mit der Schere, um Geschichte zu markieren. Kein Staatsakt, keine große Bühne, sondern eine Geste in dicker Polarjacke, bei minus 52 Grad, umgeben von nichts als Eis und Wind. Am 14. Januar 2026 wird tief auf dem antarktischen Hochplateau das erste glaziale Archiv-Sanktuarium der Welt eröffnet. Ein Ort, der still wirkt und doch laut spricht – über Verlust, Verantwortung und Weitsicht.

    Schauplatz ist die franco-italienische Forschungsstation Concordia, eine der abgelegensten wissenschaftlichen Einrichtungen des Planeten. Hier, fernab jeder Zivilisation, wurde eine 35 Meter lange und fünf Meter hohe Höhle direkt ins Eis gegraben. Keine futuristische Architektur, kein Hightech-Glamour. Nur Eis. Und Zeit. Viel Zeit.

    In dieser natürlichen Kühlkammer lagern fortan Eisbohrkerne, zylindrische Proben aus Gletschern der Alpen, aus Hochgebirgen und Polarregionen. Sie stammen aus Landschaften, die sich schneller verändern, als viele wahrhaben wollen. Gletscher ziehen sich zurück, zerfallen, verschwinden. Was bleibt, sind Daten – sofern man sie rechtzeitig sichert.

    Genau hier setzt das internationale Projekt „Ice Memory“ an. Getragen von sieben wissenschaftlichen Institutionen aus Frankreich, Italien und der Schweiz, verfolgt es ein ebenso schlichtes wie ehrgeiziges Ziel: die klimatische und ökologische Erinnerung der Erde zu konservieren, bevor sie buchstäblich dahinschmilzt. Die Idee klingt beinahe archaisch – Wissen nicht digital, sondern physisch zu bewahren. In Eis eingeschrieben, Schicht für Schicht.

    Den Anfang machen zwei Bohrkerne, die an diesem Januartag in weißen Spezialkisten in das Sanktuarium gebracht werden. Einer stammt aus dem Mont-Blanc-Massiv, der andere aus dem Grand Combin in der Schweiz. Zusammen wiegen sie 1,7 Tonnen. Ihre Reise gleicht einer wissenschaftlichen Odyssee. Mitte Oktober 2025 verlassen sie die italienische Hafenstadt Triest an Bord eines Eisbrechers. Mittelmeer, Atlantik, Pazifik, Südlicher Ozean, Rossmeer. Dann per Flugzeug weiter ins antarktische Inland, stets bei minus 20 Grad gehalten. Kein Spielraum für Fehler. Einmal aufgetaut, wäre die Geschichte verloren.

    Weitere Proben sollen folgen. Aus den Anden, dem Kaukasus, vom Elbrus, aus Spitzbergen. Dutzende sogenannte patrimoniale Eisbohrkerne sind geplant. Jeder einzelne ein einzigartiges Archiv, jeder unwiederholbar.

    Warum dieser Aufwand? Weil Gletscher mehr sind als gefrorenes Wasser. Sie sind Chronisten. Über Jahrtausende haben sie Luftblasen eingeschlossen, winzige Kapseln vergangener Atmosphären. Kohlendioxid, Methan, Aerosole, Staub, Schadstoffe. Wer tief genug bohrt, reist weit zurück. Je tiefer die Schicht, desto älter die Geschichte.

    So ließ sich rekonstruieren, wie sich Temperaturen entwickelten, wie sich industrielle Verschmutzung in der Atmosphäre niederschlug, wie Vulkanausbrüche globale Spuren hinterließen. Ohne Eisbohrkerne wüsste die Klimaforschung deutlich weniger – und würde künftig noch weniger wissen, wenn die Gletscher verschwinden, bevor man sie untersucht hat.

    Denn das Tempo ist dramatisch. Seit 1975 haben die Gletscher weltweit mehr als 9 000 Milliarden Tonnen Eis verloren. Ein Volumen, vergleichbar mit einem gigantischen Eisblock von der Größe Deutschlands. Einige Gletscher existieren bereits nur noch in Lehrbüchern und Erinnerungen. Der Glacier de Sarenne im Skigebiet von Alpe d’Huez ist so ein Fall. Weg. Einfach weg.

    Die durchschnittliche Erdtemperatur ist seit dem 19. Jahrhundert um 1,3 Grad Celsius gestiegen. Für Laien klingt das harmlos. Für Klimaforscher ist es ein Alarmsignal. Der Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten gilt als gesichert. Kohle, Öl, Gas – bequem, billig, folgenreich. Die Geschwindigkeit dieser Erwärmung ist historisch beispiellos.

    „Jedes Jahr wird es komplizierter“, sagt eine beteiligte Forscherin sinngemäß. Man spürt die Dringlichkeit, fast körperlich. Es geht nicht nur um Messwerte, sondern um Möglichkeiten. Um das Potenzial künftiger Forschung. Technologien, die heute noch nicht existieren, könnten eines Tages Details aus dem Eis lesen, von denen man aktuell nur träumt. Vorausgesetzt, das Eis existiert noch.

    Genau deshalb liegt das Archiv ausgerechnet in der Antarktis. Nicht, weil sie spektakulär ist, sondern weil sie stabil bleibt. Während anderswo Kühlhäuser Energie brauchen, politische Systeme wechseln und Infrastrukturen veralten, liefert das antarktische Klima eine natürliche Garantie. Minus 52 Grad, verlässlich, kostenlos, dauerhaft.

    Das Sanktuarium versteht sich nicht als Museum, sondern als Geschenk an die Zukunft. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die noch nicht geboren sind. Für Fragen, die heute noch niemand stellt. Für Antworten, die ohne diese Proben unmöglich wären.

    Natürlich löst ein Eisarchiv die Klimakrise nicht. Es stoppt keine Gletscherschmelze, senkt keine Emissionen. Aber es bewahrt Wissen. Und Wissen entscheidet, ob Gesellschaften handeln oder verdrängen. Ob sie reagieren oder resignieren.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Symbolik dieses Ortes. Während oben auf der Welt politische Debatten kreisen, während sich Alltag und Krisen überlagern, ruht tief im Eis ein stilles Versprechen. Dass man zumindest versucht hat, nichts achtlos verschwinden zu lassen. Dass man Verantwortung ernst genommen hat. Und dass Erinnerung manchmal kalt gelagert werden muss, um nicht verloren zu gehen.

    Autor: C.H.

  • Die Cotriade: Wenn die bretonische See im Suppentopf landet

    Die Cotriade: Wenn die bretonische See im Suppentopf landet

    Manchmal reicht ein einziger Topf, um eine ganze Küste zu verstehen. In der Bretagne ist das die Cotriade. Keine Modeerscheinung, kein touristisch aufgeblasenes Aushängeschild, sondern ein Gericht, das aus Wind, Arbeit und Salzwasser entstanden ist. Wer sie kostet, löffelt nicht nur Fischsuppe, sondern ein Stück maritimer Lebenswirklichkeit – rau, ehrlich, erstaunlich fein.

    Die Cotriade gilt als kulinarisches Gedächtnis der bretonischen Fischer. Sie steht sinnbildlich für jene Küche, die sich nicht aus Kochbüchern entwickelt hat, sondern aus Notwendigkeit, Erfahrung und Gemeinschaft. Nach einem langen Tag auf See, wenn Netze eingeholt, Hände aufgesprungen und Gesichter vom Wetter gegerbt sind, landet das, was der Markt nicht will, im Kessel. Und genau daraus entsteht etwas, das bis heute Bestand hat.

    Der Name verrät bereits alles Wesentliche. Cotriade leitet sich vom bretonischen kaoteriad ab, was so viel bedeutet wie „Inhalt des Kessels“. Kein poetischer Überbau, keine Metapher, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Was da ist, kommt hinein. Punkt. Genau diese sprachliche Schlichtheit prägt auch das Gericht selbst.

    Historisch lässt sich die Cotriade mindestens bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen. In lokalen Schriften aus dem Jahr 1877 taucht sie bereits auf, vor allem im Süden der Bretagne rund um Morbihan und die Häfen von Lorient. Doch wie bei vielen Gerichten der Volksküche liegt die wahre Herkunft vermutlich deutlich weiter zurück – in einer Zeit, in der gekocht wurde, was verfügbar war, nicht was angesagt erschien.

    In ihrer Grundidee ähnelt die Cotriade anderen Fischergerichten Europas. Die Bouillabaisse in Marseille, der baskische ttoro oder die italienische zuppa di pesce folgen demselben Prinzip. Vielfalt statt Perfektion, Menge statt Filetästhetik. In der Bretagne nannte man den Teil des Fangs, der nicht verkauft wurde, godaille. Kleine, unscheinbare Fische, manchmal beschädigt, oft unterschätzt. In der Cotriade erleben sie ihre kulinarische Rehabilitation.

    Strukturell lässt sich die Cotriade am ehesten als maritimer Pot-au-feu beschreiben. Statt Rindfleisch und Markknochen schwimmen hier Merlu, Seelachs, Makrele, Conger, Knurrhahn oder Sardinen im Sud. Je nach Tagesfang gesellen sich auch Wolfsbarsch oder Lippfisch dazu. Je größer die Vielfalt, desto höher das Ansehen der Suppe. Luxus entsteht hier nicht durch Exklusivität, sondern durch Fülle.

    Der Sud bildet das Herzstück. Zwiebeln, Lauch, Möhren, Kartoffeln, dazu Lorbeer, Thymian, Petersilie und ein Schuss trockener Weißwein. Keine Sahne, keine Tomaten, kein überbordendes Gewürzarsenal. Die See liefert das Aroma. Die Fische werden grob zerteilt, nicht filetiert, denn Geschmack sitzt an Gräten und Haut. Sanft gegart, niemals totgekocht, entfalten sie ihre ganze Kraft.

    Serviert wird die Cotriade traditionell in zwei Akten. Zuerst die Bouillon, klar, intensiv, leicht ölig, fast schon meditativ. Danach Fisch und Gemüse, oft begleitet von geröstetem Brot, manchmal mit etwas gesalzener Butter. Mancher Haushalt serviert alles gemeinsam, löffelbereit, großzügig. Regeln existieren, Dogmen nicht.

    Was dieses Gericht besonders macht, liegt jenseits der Zutatenliste. Die Cotriade erzählt vom Verhältnis der Bretonen zur See. Sie ist Ausdruck eines Wirtschaftens, das auf Respekt basiert. Nichts wird verschwendet, alles verwertet. Der Ozean gibt, der Mensch nimmt – aber maßvoll. Diese Haltung wirkt heute fast modern, dabei ist sie schlicht überliefert.

    Auch die soziale Dimension spielt eine Rolle. Die Cotriade war nie ein Gericht für Einzelgänger. Sie dampft im großen Topf, wurde geteilt, weitergereicht, kommentiert. Auf Booten, in Hafenhäusern, später in Dorfgaststätten. Gespräche entstanden, Schweigen wurde akzeptiert, Hunger verschwand. So simpel, so menschlich.

    In der Gegenwart erlebt die bretonische Regionalküche eine leise, aber nachhaltige Renaissance. Junge Köchinnen und Köche greifen alte Rezepte auf, nicht um sie zu zerlegen, sondern um sie zu verstehen. Die Cotriade taucht wieder auf Speisekarten auf – mal rustikal, mal präziser interpretiert, doch selten verfremdet. Dazu ein Glas trockener Weißwein oder ein herber Cidre, und der Atlantik scheint plötzlich ganz nah.

    In einer Zeit, in der Kulinarik oft ins Spektakuläre kippt, wirkt die Cotriade fast trotzig bodenständig. Sie will nicht beeindrucken, sie will nähren. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie zeigt, dass große Küche nicht laut sein muss. Dass Tiefe aus Einfachheit entstehen kann. Und dass Identität manchmal in einem Suppentopf wohnt.

    Wer in der Bretagne unterwegs ist und die Gelegenheit bekommt, eine Cotriade zu probieren, sollte sie nutzen. Nicht als touristisches Pflichtprogramm, sondern als Einladung zum Verstehen. Ein Löffel genügt, um zu begreifen, wie eng hier Meer, Menschen und Alltag miteinander verwoben sind.

    Autor: C.H.

  • Pinke Botschafter der Camargue – Wie der Flamingo die Provence verzaubert

    Pinke Botschafter der Camargue – Wie der Flamingo die Provence verzaubert

    Die Sonne steht schon tief über den weitläufigen Marschen der Camargue, als ich zum ersten Mal diese grazilen Vögel sehe – tausende Flamingos, die in einer seltsamen, fast schon choreografierten Harmonie ihr rosenfarbenes Federkleid im Wind wiegen. Gleich am Anfang frage ich mich: Was macht diese Schwärme so unglaublich faszinierend? Klar, es ist die Farbe, […]

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  • „Ich habe als Kind gesagt, dass ich einmal in Kanada leben werde“ – warum manche Versprechen ein Leben lang halten

    „Ich habe als Kind gesagt, dass ich einmal in Kanada leben werde“ – warum manche Versprechen ein Leben lang halten

    Manche Sätze bleiben hängen wie ein Lied, das man nie ganz vergisst. Leise ausgesprochen, fast nebenbei, irgendwo zwischen Pausenbrot und Kinderträumen. „Ich werde einmal in Kanada leben.“ Stéphane Denis hatte diesen Satz mit sechs oder sieben Jahren gesagt. Kein Schwur, kein Plan, eher ein Gedanke, der sich festsetzte. Heute steht er mehr als 5.000 Kilometer von seiner Geburtsstadt Dieppe entfernt, mitten in den endlosen Wäldern von Québec, und weiß: Dieser Satz hat sein Leben geschrieben.

    Wer Stéphane heute begegnet, sieht keinen klassischen Auswanderer. Kein Mann auf der Flucht, kein Abenteurer mit romantischer Verklärung. Sondern jemanden, der angekommen ist. Die Krawatte hat er längst gegen Parka und Wollmütze getauscht. Seit 23 Jahren lebt er hier, und noch immer, sagt er, verschlägt es ihm regelmäßig die Sprache. Nicht aus Kälte. Sondern aus Ehrfurcht.

    Die kanadische Wildnis hat eine eigene Art, Menschen zu erden. Sie duldet keine Eile, keine Ungeduld. Wer hier lebt, lernt schnell, dass der Wald keinen Zeitplan kennt. Stéphane lernte es auf die harte Tour. Als er mit Anfang 30 beschloss, alles hinter sich zu lassen, verkaufte er seine Unternehmen in der französischen Fischzucht. Ein sicherer Weg, ein solides Leben. Aber kein ruhiges.

    Der Wunsch nach Stille, nach Weite, nach etwas Ursprünglichem hatte sich über Jahre aufgebaut. Kanada war dabei weniger Ziel als Verheißung. Schon sein Vater hatte ihm als Kind Geschichten erzählt. Von Bisons, von riesigen Ebenen, von einer Welt, die größer schien als alles, was man kannte. Diese Erzählungen wirkten wie ein innerer Kompass. Sie zeigten nicht den Weg, aber die Richtung.

    Als Stéphane schließlich in Québec ankam, war nichts romantisch. Die Kälte kam zuerst. Minus 40 Grad, manchmal mehr. Ein Winter, der keine Fehler verzeiht. Vier Jahre brauchte er, um sich wirklich anzupassen. Feuer im Schnee zu machen, bei starkem Wind, ohne moderne Hilfsmittel. „Du bist den Elementen ausgeliefert“, beschreibt er es. Wie ein Seemann auf offener See. Wer den Sturm unterschätzt, zahlt einen Preis.

    Diese Erfahrung schärft den Blick. Und sie formt den Charakter. Stéphane baute sich sein Leben Schritt für Schritt auf. Erst kleine Hütten im Wald, dann ein ganzes Aktivitätszentrum für Reisende, die die Wildnis erleben wollten. Kein Massentourismus, kein Spektakel. Sondern Respekt vor dem Ort.

    Besonders am Herzen lagen ihm die Waldbisons. Tiere, die fast ausgerottet worden wären, Opfer menschlicher Gier während der Eroberung des Westens. Stéphane gründete die erste Bison-Reserve dieser Art in Québec. Kein Prestigeprojekt, sondern eine Verpflichtung. Er spricht über diese Tiere mit einer Mischung aus Fachwissen und kindlicher Begeisterung. Man merkt sofort: Das ist keine Rolle. Das ist Identität.

    Integration war für ihn nie ein abstrakter Begriff. Sie begann am Esstisch, bei Nachbarn, bei Mitarbeitenden. Das Québec-Französisch stellte ihn vor Herausforderungen. Der Dialekt, die Redewendungen, der Tonfall. Ein kleines Dorf, sagt er, kann sprachlich härter sein als eine Großstadt. Aber auch ehrlicher.

    Stéphane lernte zuzuhören. Nicht zu korrigieren, nicht zu vergleichen. Sondern anzunehmen. Heute wechselt er mühelos den Akzent, wenn er mit Einheimischen spricht. Ein Franzose, der sich selbstironisch fast als „mehr Québecer als die Québecer“ bezeichnet. Ein Satz mit Augenzwinkern, aber nicht ohne Wahrheit.

    Diese doppelte Kultur lebt er nicht nur selbst, er gab sie weiter. Seine Tochter kam mit zehn Jahren nach Kanada. Sie wuchs hier auf, ging zur Schule, lernte dieselben Winter zu lieben und zu fürchten. Heute besitzt sie die doppelte Staatsbürgerschaft. Frankreich bleibt Teil ihrer Geschichte, aber Kanada ist ihr Alltag. Ihr Normalzustand.

    Was treibt Menschen wie Stéphane an? Es ist nicht der Wunsch nach Flucht. Es ist die Sehnsucht nach Kohärenz. Danach, dass das eigene Leben zu den inneren Bildern passt. Viele tragen solche Bilder in sich. Wenige folgen ihnen.

    Natürlich gibt es Zweifel. Natürlich gibt es Einsamkeit. Wer behauptet, Auswandern sei ein endloser Urlaub, war nie wirklich weg. Aber Stéphane spricht über diese Brüche ohne Bitterkeit. Eher mit Gelassenheit. Probleme, sagt er, verlieren hier draußen ihre Lautstärke. Nicht ihre Bedeutung, aber ihre Dringlichkeit.

    Vielleicht liegt genau darin das Glück, das so viele im „anderen Ende der Welt“ suchen. Nicht in der Entfernung, sondern im Maßstab. Wenn der Horizont weiter wird, schrumpfen die Sorgen. Ein bisschen zumindest.

    Und irgendwo, zwischen knarrendem Schnee, bellenden Hunden und dem dampfenden Atem der Bisons, steht ein Mann, der als Kind einen Satz gesagt hat. Und ihn ernst genommen hat. Nicht sofort. Aber rechtzeitig.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Der 19. Januar – Wendepunkte zwischen Republik, Revolution und Rekorden

    Der 19. Januar – Wendepunkte zwischen Republik, Revolution und Rekorden

    Manche Tage in der Geschichte wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Doch ein genauerer Blick auf den 19. Januar zeigt: Hinter diesem Winterdatum verbergen sich einige erstaunliche Brüche, Premieren und Geschichten – in Frankreich wie weltweit.

    Fangen wir in Frankreich an, wo gleich mehrere Ereignisse ihre Schatten bis heute werfen.


    Frankreich und der Kampf um die Republik

    Am 19. Januar 1795 – Frankreich befand sich noch mitten im revolutionären Fieber – marschierten französische Truppen in Amsterdam ein. Damit fiel nicht nur die Stadt, sondern praktisch auch die alte Ordnung der Niederlande. Die französische Revolutionsarmee errichtete die sogenannte Batavische Republik, ein Satellitenstaat, der sich offiziell auf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ berief. Die Aktion zeigte, wie der revolutionäre Geist nicht nur Frankreich selbst auf den Kopf stellte, sondern in Europa als ansteckende Idee um sich griff – mit teilweise brachialer Macht.

    Ironie der Geschichte: Die Truppen marschierten bei gefrorenen Kanälen sogar bis zur liegenden niederländischen Flotte und nahmen diese – zu Fuß – ein. Ein militärisches Kuriosum, das in keinem Lehrbuch fehlen sollte.

    Fast ein halbes Jahrhundert später, am 19. Januar 1840, verstarb Pierre-Jean de Béranger, ein Dichter, der mit seinen Chansons den Geist der Juli-Monarchie einfing und ein Sprachrohr für das einfache Volk wurde. Sein Tod markiert das Ende einer Ära, in der das gesungene Wort oft mehr Gewicht hatte als politische Reden.


    Deutsche Reichsgründung – ein Datum mit Nachhall

    Ein historischer Knall – und das nicht weit von Frankreich entfernt. Der 19. Januar 1871 war der Tag nach der offiziellen Gründung des Deutschen Kaiserreichs in Versailles, im Spiegelsaal des Schlosses. Warum dort? Der Ort war bewusst gewählt – ein symbolischer Triumph Preußens über Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Diese Machtdemonstration im Herzen französischer Geschichte nagte tief an der nationalen Seele Frankreichs und bildete den Nährboden für einen jahrzehntelangen deutsch-französischen Antagonismus.

    Die Folgen? Nicht nur Revanchismus in Frankreich, sondern langfristig auch ein beschädigtes europäisches Gleichgewicht – mit Spätfolgen bis in den Ersten Weltkrieg.


    Frauenpower in Indien

    Weltweit gesehen sticht ein anderes Datum heraus: Am 19. Januar 1966 übernahm Indira Gandhi das Amt der Premierministerin Indiens. Damit wurde sie nicht nur zur ersten Frau in diesem Amt, sondern auch zu einer der prägenden Gestalten der internationalen Nachkriegspolitik. Ihre Regierungszeit – geprägt von ambitionierten Reformen, aber auch dem umstrittenen Ausnahmezustand – spiegelt die Spannungen eines Landes zwischen Demokratie, Armut und Modernisierung.

    Und ganz nebenbei: Es war ein deutliches Zeichen, dass Frauen an der Spitze großer Staaten durchaus Politik gestalten konnten – ein Signal, das weltweit Beachtung fand.


    Technik, Tempo und die Lust am Fliegen

    Ein Sprung in die Welt der Innovation: Am 19. Januar 1937 stellte Howard Hughes, amerikanischer Unternehmer und Abenteurer der Lüfte, einen neuen Transkontinental-Rekord im Flugverkehr auf. In weniger als acht Stunden überquerte er die USA – ein Wahnsinnstempo für damalige Verhältnisse. Hughes war nicht nur Technikfreak, sondern ein Visionär. Und auch wenn er später in exzentrischen Rückzug abdriftete, bleibt sein Beitrag zur Luftfahrt unbestritten.

    Solche Rekorde wirken heute fast beiläufig – bei all den Superjets und Direktflügen. Doch damals bedeutete das: Die Welt wurde kleiner. Die Zeit schrumpfte. Distanzen verloren ihren Schrecken.


    Kurioses und kulturelle Zwischentöne

    Ein kleiner Schlenker in den Bereich der Musik: Am 19. Januar 1809 wurde Edgar Allan Poe geboren – einer der düstersten Dichter und Autoren der US-Literatur. Und ja, seine Werke beeinflussten auch zahlreiche französische Literaten. Charles Baudelaire verehrte ihn, übersetzte ihn, machte ihn in Paris bekannt.

    Noch ein Geburtsdatum? Janis Joplin, Ikone der Rockmusik, hätte am 19. Januar Geburtstag gefeiert – wäre sie nicht viel zu früh gestorben. Ihre Stimme hallt bis heute nach – raue Emotionen, Freiheit, Schmerz und Rebellion in einem Atemzug.


    Und heute?

    Was macht den 19. Januar heute noch bedeutsam?

    Zunächst – viele dieser Ereignisse wirken nach: Die deutsch-französische Versöhnung beispielsweise, lange nach der Demütigung von Versailles 1871, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie wurde hart erarbeitet – mit politischen Gesten, wirtschaftlicher Verflechtung und nicht zuletzt einer gemeinsamen Erinnerungskultur. Wer hätte damals gedacht, dass aus Feinden Partner in der EU werden würden?

    Gleichzeitig ist der 19. Januar ein gutes Beispiel für die Gleichzeitigkeit von Wandel und Wiederholung. Technologische Sprünge – wie die von Hughes – wiederholen sich heute in der Raumfahrt. Politische Umbrüche – wie 1795 in Amsterdam – sieht man in digitaler Form weltweit, auf den Straßen wie in sozialen Netzwerken.

    Und nicht zu vergessen: Die Geschichten großer Frauen – wie Indira Gandhi – bleiben heute genauso aktuell wie damals. Nur kämpfen sie heute mit anderen Mitteln – aber oft gegen ähnliche Widerstände.


    Wer also glaubt, der 19. Januar sei bloß ein Tag wie jeder andere, der irrt gewaltig. Geschichte lauert manchmal in den stillen Kalenderlücken – und springt dann plötzlich hervor wie ein überraschender Gast auf einer ruhigen Party.

    Die Frage bleibt: Welcher 19. Januar wartet noch auf uns?

  • Wie Rennes seinen Fluss zurückholt – und warum Beton jetzt weichen muss

    Wie Rennes seinen Fluss zurückholt – und warum Beton jetzt weichen muss

    Es gibt Städte, die ihren Fluss feiern, und andere, die ihn jahrzehntelang vergessen haben. Rennes gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Seit den 1960er-Jahren lag die Vilaine unter einer massiven Betondecke verborgen, überbaut von einem Parkplatz, der praktisch, nüchtern und ziemlich trostlos wirkte. Jetzt aber frisst sich eine riesige Greifzange Tag für Tag durch den Beton. Fünf Meter täglich. Stück für Stück kehrt der Fluss zurück ins Stadtbild – sichtbar, hörbar, spürbar.

    Das Baustellenszenario wirkt wie aus einem Katastrophenfilm, nur ohne Katastrophe. Schweres Gerät, tonnenschwere Betonplatten, Lastkähne auf dem Wasser. Über 6.000 Tonnen Schutt verschwinden nicht per Lkw, sondern elegant auf dem Wasserweg, vier Kilometer flussabwärts. Der Grund dafür liegt weniger in der Ästhetik als im Gewissen. Kein Staub, kein Betonrest soll in die Vilaine gelangen. Umweltauflagen, die hier nicht als lästige Pflicht daherkommen, sondern als Leitmotiv des gesamten Projekts.

    Im Frühjahr 2026 soll der Moment kommen, den viele Rennais kaum noch für möglich hielten. Auf 270 Metern Länge wird die Betondecke verschwunden sein. Der Fluss fließt dann wieder offen durch das Herz der Stadt. Zusätzlich entsteht ein Kilometer neu gestalteter Quai – Raum zum Gehen, Verweilen, Durchatmen. Kostenpunkt: 29 Millionen Euro. Eine Summe, die Fragen provoziert, aber auch Antworten liefert.

    Denn dieses Projekt ist mehr als Stadtverschönerung. Es ist eine Reaktion auf den Klimawandel, auf überhitzte Innenstädte, auf Asphaltflächen, die im Sommer wie Heizplatten funktionieren. Nathalie Appéré spricht von Temperaturunterschieden von bis zu fünf Grad zwischen versiegelten Flächen und offenen Wasserläufen. Fünf Grad – das entscheidet darüber, ob eine Stadt im Hochsommer erträglich bleibt oder zur Betonpfanne wird.

    Natürlich geht es nicht ohne Reibung. Mit dem Rückbau verschwinden 249 Parkplätze. Für manche ein kleiner Preis, für andere ein handfester Einschnitt. Besonders Händler und Gastronomen schlagen Alarm. Weniger Parkplätze bedeuten weniger Laufkundschaft, weniger spontane Besuche, weniger Umsatz. Ein Pizzarestaurant in unmittelbarer Nähe spricht von Einbußen zwischen 20 und 30 Prozent. Ältere Menschen, Familien mit Kinderwagen, Kunden aus dem Umland – sie bleiben aus, sagen die Betroffenen. Klartext statt Schönfärberei.

    Die Stadtverwaltung hält dagegen. Der Autoverkehr im Zentrum sei in den vergangenen drei Jahren bereits um 30 Prozent zurückgegangen. Rennes bewege sich, so das Argument, längst in Richtung einer anderen Mobilität. Öffentlicher Nahverkehr, kurze Wege, weniger Autos. Der Parkplatz über dem Fluss wirke da wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Stadtplanung vor allem Blech im Blick hatte.

    Und was sagen die Menschen auf der Straße? Die Antworten klingen erstaunlich gelassen. Manche freuen sich schlicht auf den Anblick des Wassers. Andere zucken mit den Schultern und sagen: Parkplätze findet man irgendwie immer. Ein bisschen weniger Komfort gegen ein bisschen mehr Stadtqualität – deal, sagen sie. Nicht laut, nicht euphorisch, eher pragmatisch.

    Rennes wagt damit einen Schritt, der weit über die Bretagne hinaus Beachtung findet. Der Rückbau von Beton zugunsten natürlicher Strukturen gilt als eine der großen urbanen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte. Flüsse freilegen, Hitzeinseln entschärfen, Städte wieder lebenswert machen. Klingt groß. Ist es auch.

    Und ja, es ist ein Wagnis. Aber manchmal muss eine Stadt ihren eigenen Untergrund aufbrechen, um wieder zu sich selbst zu finden. Rennes tut genau das – mit schwerem Gerät, viel Geduld und einer klaren Idee davon, wie Zukunft aussehen soll.

    Andreas M. B.