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  • Exil fiscal – Mythen und Realitäten der Reichenbesteuerung in Frankreich

    Exil fiscal – Mythen und Realitäten der Reichenbesteuerung in Frankreich

    Die Diskussion um die Besteuerung hoher Vermögen gehört zu den Konstanten der französischen Politik. Seit Jahrzehnten entzünden sich an der Frage, ob eine Vermögenssteuer Wohlhabende zur Flucht ins Ausland treibt, hitzige Kontroversen. Jüngst hat der Conseil d’analyse économique (CAE), ein regierungsnahes Beratungsgremium, neue Daten vorgelegt, die das gängige Narrativ relativieren.

    Die Ergebnisse zeigen: Der fiskalische Exodus bleibt deutlich begrenzter, als politische Gegner einer Reichensteuer behaupten. Damit gewinnt die Debatte um Instrumente wie die sogenannte „Taxe Zucman“ neue Nahrung.


    Ein geringerer Abwanderungseffekt als angenommen

    Die Untersuchung des CAE fokussiert auf zwei Schlüsselereignisse der jüngeren Steuerpolitik: die Steuererhöhungen unter Präsident François Hollande 2013 und die Abschaffung der Impôt de solidarité sur la fortune (ISF) im Jahr 2017 durch Emmanuel Macron. Beide Reformen galten als potenzieller Auslöser für Kapital- und Personenabflüsse.

    Die empirischen Befunde sind jedoch ernüchternd für allzu dramatische Szenarien: Nur etwa 0,2 % der Haushalte aus dem obersten Einkommensprozent verlassen Frankreich jährlich – und damit weniger als der landesweite Durchschnitt. Selbst deutliche Änderungen der Steuerlast führten lediglich zu marginalen Anpassungen dieser Abwanderung: Eine zusätzliche Belastung um einen Prozentpunkt dürfte laut CAE höchstens 0,23 % der Superreichen zur Emigration bewegen, was weniger als 1.000 Haushalten entspräche.

    Das Bild vom massenhaften „Exil fiscal“, das Frankreich systematisch seiner Leistungsträger beraube, erhält so deutliche Risse.


    Unternehmensfolgen versus gesamtwirtschaftliche Wirkung

    Die Studie räumt ein, dass der Weggang einzelner hochvermögender Anteilseigner erhebliche Folgen für deren Unternehmen haben kann. Ein Austritt bedeutet im Durchschnitt einen Rückgang des Umsatzes um 15 %, der Beschäftigung um 30 % und der Wertschöpfung um 24 %.

    Makroökonomisch bleibe das Gewicht dieser Einzelfälle aber begrenzt. Eine Steuererhöhung, die Mehreinnahmen von vier Milliarden Euro generieren würde, reduziere die gesamtstaatliche Lohnsumme um lediglich 0,04 % und die Bruttowertschöpfung um 0,05 %. Der fiskalische Zugewinn übersteigt damit bei weitem die potenziellen Verluste.


    Die Debatte um die „Taxe Zucman“

    Vor diesem Hintergrund haben linke Parteien erneut für eine substanzielle Vermögensbesteuerung mobilisiert. Ihr Vorschlag – die nach dem in Berkeley lehrenden französischen Ökonomen Gabriel Zucman benannte Steuer – sieht eine jährliche Mindestabgabe von 2 % auf Vermögen über 100 Millionen Euro vor. Der Senat lehnte das Vorhaben zwar im Juni 2025 ab, doch die Debatte hat inzwischen wieder an Schärfe gewonnen.

    Der CAE weist darauf hin, dass nicht die physische Abwanderung das größte Risiko für den Steuerertrag darstellt, sondern legale und halblegale Optimierungsstrategien. Komplexe Konstruktionen zur Vermögensverschiebung ins Ausland, Nutzung von Steueroasen oder unternehmensinterne Gestaltungen mindern die Wirksamkeit einer Vermögensabgabe erheblich stärker als die Emigration einzelner Steuerzahler.


    Politik zwischen Warnung und Realität

    Die politischen Reaktionen auf den Bericht fallen erwartungsgemäß polarisiert aus. Premierminister François Bayrou warnte, eine Reichensteuer stelle eine „Bedrohung für Investitionen in Frankreich“ dar und begünstige einen „nomadisme fiscal“ der Eliten. Der CAE hält dagegen und konstatiert, dass das Phänomen in Wirklichkeit „relativ bescheiden“ bleibe und die volkswirtschaftlichen Konsequenzen nur am Rande spürbar seien.

    Damit verschiebt sich der Fokus der Debatte: Weg von alarmistischen Szenarien eines Steuerexodus, hin zur nüchternen Frage, wie der Staat Reichtum wirksam besteuern kann, ohne durch Ausweichstrategien den Ertrag zu verlieren.


    Die Analyse des Conseil d’analyse économique liefert somit eine empirische Grundlage, um den oft emotional geführten Diskurs über die Besteuerung hoher Vermögen zu versachlichen. Sie deutet darauf hin, dass Frankreich fiskalischen Spielraum besitzt, um eine progressivere Steuerpolitik umzusetzen, ohne massive Abwanderungswellen zu riskieren. Entscheidend dürfte künftig weniger die Frage des „ob“, sondern die des „wie“ sein: Nur mit international abgestimmten Maßnahmen und einer Schließung von Schlupflöchern kann eine Vermögensbesteuerung tatsächlich ihre Wirkung entfalten.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Die Autokraten marschieren – und Trump ist beleidigt

    Kommentar: Die Autokraten marschieren – und Trump ist beleidigt

    Der 3. September 2025 markiert eine Zäsur – nicht nur für China, sondern für die Welt. Was auf dem Tian’anmen-Platz in Peking inszeniert wurde, war keine Gedenkveranstaltung. Es war ein Fanal. Ein Marsch der Autokraten. Xi Jinping, Wladimir Putin und Kim Jong-un in trauter Einigkeit, Schulter an Schulter, mit nuklearen Raketen im Hintergrund und einem Lächeln auf den Lippen. Eine groteske Allianz, geboren aus dem Hass auf die westliche Ordnung – und nicht zufällig geschehen unter den Augen eines abermals amtierenden Donald Trump. Der Westen taumelt. Und seine Gegner wissen es.

    Diese Militärparade war nichts anderes als eine Machtdemonstration der Verachtung. Verachtung für Demokratie, für Menschenrechte, für Pluralismus. Xi ruft zur „richtigen Seite der Geschichte“ – und meint damit: die Seite der Unterdrückung, der Kontrolle, der Zensur. Putin, diskreditiert durch seinen endlosen Krieg in der Ukraine, sucht Rückhalt im Osten. Kim, isoliert wie eh und je, findet in der Umarmung Chinas eine neue Bühne. Es ist eine perfide Choreografie der Despotie – mit Applaus aus Teheran, Minsk und Naypyidaw.

    Und was macht der Westen? Er schweigt. Oder schlimmer: Er relativiert. Donald Trump, der das Weiße Haus zum zweiten Mal bewohnt, reagiert nicht als Verteidiger der Freiheit, sondern als gekränkter Nationalist. Seine Reaktion? Kein strategisches Kalkül. Keine geeinte Allianz der Demokratien. Sondern ein weiterer Social-Media-Ausbruch, gespickt mit Verdächtigungen, Pathos und Geschichtsklitterung. Es ist, als würde er die Parade nicht kritisieren, sondern beneiden. Denn was Xi, Putin und Kim zeigten, ist das, was Trump selbst gerne wäre: unumschränkter Herrscher, bejubelt von der Masse, ungestört von Verfassung, Presse oder Parlament.

    Die Frage, ob hier eine neue Weltordnung entsteht, ist längst beantwortet – ja, sie entsteht. Und sie wird nicht von den Demokratien geschrieben. Sie wird von Staaten gestaltet, die Journalisten verhaften, Wahlen manipulieren und Minderheiten unterdrücken. Sie schreiben ihr eigenes Völkerrecht, ihren eigenen Geschichtsunterricht, ihre eigene Moral. Wer glaubt, dies sei bloße Symbolik, verkennt die Dynamik der Macht. Peking, Moskau und Pjöngjang führen längst einen ideologischen Krieg gegen den Westen – und sie tun es mit Wucht, mit Technik, mit Geld und mit einer Entschlossenheit, die dem demokratischen Lager abhandengekommen ist.

    Dass die USA unter Trump nicht mehr Führungsmacht der freien Welt sind, sondern ein destabilisierender Akteur im globalen Machtpoker, ist das eigentliche Drama. Denn ohne Amerika fehlt dem Westen das Rückgrat. Und ohne Rückgrat bleibt nur Rückzug.

    Der 3. September war nicht der Anfang – aber er war ein sichtbares Zeichen. Die neue Weltordnung ist autoritär. Und sie steht nicht mehr vor der Tür. Sie sitzt bereits im Wohnzimmer.

    Autor: P. Tiko

  • Ein autoritäres Schauspiel – Chinas Militärparade als Signal an die Welt

    Ein autoritäres Schauspiel – Chinas Militärparade als Signal an die Welt

    Am 3. September 2025 zelebrierte China auf dem Tian’anmen-Platz den 80. Jahrestag des Sieges über Japan im Zweiten Weltkrieg mit der größten Militärparade seiner Geschichte. Doch die Feier diente nicht allein dem Gedenken. Vielmehr nutzte die Volksrepublik den Moment, um sich als Führungsmacht einer neuen weltpolitischen Ordnung zu präsentieren – selbstbewusst, militärisch überlegen und eingebettet in ein Netzwerk autokratischer Verbündeter.

    Die Bilder aus Peking waren ebenso eindrücklich wie provokant: Präsident Xi Jinping auf dem zentralen Podium, flankiert von Russlands Wladimir Putin und Nordkoreas Kim Jong-un. In den Reihen der Ehrengäste: Delegationen aus Iran, Belarus, Myanmar und weiteren autoritär regierten Staaten. Kein einziger westlicher Regierungsvertreter war anwesend. Ein symbolischer Schulterschluss, der weltweit für Aufmerksamkeit sorgte – und für Beunruhigung.

    Militärische Machtdemonstration mit technologischer Botschaft

    Über 10.000 Soldaten marschierten in präziser Formation über den Tian’anmen-Platz, begleitet von einem Arsenal modernster Waffentechnik. Neben konventionellen Panzer- und Raketenverbänden präsentierte China erstmals KI-gesteuerte Kampfpanzer, Unterwasserdrohnen und hyperschallschnelle nuklearer Flugkörper mit weltweiter Reichweite. Beobachter werten die Parade als Schaufenster eines neuen, technologisch aufgerüsteten Autoritarismus, der sich nicht mehr mit dem Verteidigungsnarrativ begnügt, sondern globalen Gestaltungsanspruch erhebt.

    Xi Jinping erklärte in seiner Ansprache, die Welt stehe „am Scheideweg zwischen Frieden und Krieg, Dialog und Konfrontation“. China stehe „auf der richtigen Seite der Geschichte“ und sei bereit, „mit gleichgesinnten Nationen eine gerechtere, multipolare Ordnung“ zu formen. Dass diese Ordnung nicht westlich-liberal geprägt sein wird, wurde an diesem Tag in Peking unmissverständlich deutlich.

    Geopolitisches Schauspiel der Autokraten

    Die Anwesenheit Putins und Kims war weit mehr als symbolisch. Beide Regime befinden sich unter massivem westlichen Druck: Russland wegen des fortdauernden Kriegs in der Ukraine, Nordkorea aufgrund seines Nuklearprogramms und der systematischen Menschenrechtsverletzungen. Ihre gemeinsame Präsenz mit Xi suggeriert nicht nur politische Rückendeckung, sondern eine strategische Neuorientierung – weg vom Westen, hin zu einer „Achse der Autokraten“.

    Der Begriff, den bereits westliche Think-Tanks wie das Center for Strategic and International Studies (CSIS) verwenden, steht für eine zunehmend koordinierte Zusammenarbeit autoritärer Regime in Bereichen wie Energie, Technologie, Desinformation und Militär. Chinas wachsende Rolle als Drehscheibe dieser Netzwerke verschiebt die Gewichte in der internationalen Ordnung – und stellt eine ernstzunehmende Herausforderung für bestehende Allianzen wie die NATO, die G7 oder die EU dar.

    Westliche Zurückhaltung und die strategische Lücke

    Auffällig war die demonstrative Abwesenheit westlicher Staaten bei den Feierlichkeiten. Während dies aus diplomatischer Sicht angesichts der innenpolitischen Lage in Russland und Nordkorea verständlich scheint, offenbart es zugleich eine strategische Schwäche: Die westliche Welt überlässt China symbolisch das Monopol auf die historische Erzählung vom Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Konflikt, dessen Ausgang auch durch das Opfer unzähliger amerikanischer, britischer und chinesischer Soldaten entschieden wurde.

    US-Präsident Donald Trump, seit Januar 2025 erneut im Amt, reagierte prompt via „Truth Social“. Er warf Xi, Putin und Kim vor, ein „Komplott gegen die Vereinigten Staaten“ zu schmieden, und erinnerte daran, dass „Hunderttausende Amerikaner ihr Leben ließen, um China im Krieg gegen Japan zu unterstützen“. Seine Worte mögen polemisch klingen, doch sie spiegeln eine reale Sorge: Dass China zunehmend die Deutungshoheit über historische wie geopolitische Narrative beansprucht.

    Die neue Weltordnung nach Pekinger Lesart

    Was sich am 3. September auf dem Tian’anmen-Platz entfaltete, war weniger ein Ritual des Erinnerns als ein bewusst inszenierter Akt internationaler Positionierung. Mit militärischer Präzision, politischem Kalkül und strategischer Symbolik stellte China seine Vision einer multipolaren Welt zur Schau – mit sich selbst als Dreh- und Angelpunkt.

    Diese Ordnung basiert nicht auf liberal-demokratischen Prinzipien, sondern auf staatlicher Kontrolle, technologischer Überwachung und nationaler Souveränität. Xi Jinpings autoritäres Modell, oft als „Digital-Leninismus“ bezeichnet, findet in Teilen der Welt durchaus Resonanz – vor allem dort, wo Regierungen Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung über politische Teilhabe stellen.

    In der westlichen Welt wird man sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass geopolitische Auseinandersetzungen künftig nicht nur in Stellvertreterkriegen oder Sanktionen ausgetragen werden, sondern ebenso in der symbolischen Arena – auf Paraden, Gipfeln und internationalen Bühnen, wo es um Deutungshoheit und Systemkonkurrenz geht.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • GR® 76 – Die Seele Burgunds auf Schusters Rappen entdecken

    GR® 76 – Die Seele Burgunds auf Schusters Rappen entdecken

    Stell dir vor, du stehst in Chagny, umgeben von Weingärten und uralten Steinhäuschen – und ein Pfad flüstert: „Komm, ich zeig dir das echte Burgund.“ Genau das verspricht der GR® 76. Ein Fernwanderweg, der quer durch das Herz Frankreichs führt – über 179 Kilometer lang, vorbei an Rebstöcken, verträumten Dörfern und durch Wälder, die kühler riechen […]

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  • Auf der Suche nach der Mehrheit: Frankreichs Sozialisten signalisieren Macron Gesprächsbereitschaft

    Auf der Suche nach der Mehrheit: Frankreichs Sozialisten signalisieren Macron Gesprächsbereitschaft

    Frankreichs innenpolitische Krise verschärft sich. Inmitten wachsender Spannungen um die Zukunft der Regierung signalisiert der Erste Sekretär der Parti socialiste, Olivier Faure, überraschend Gesprächsbereitschaft mit Präsident Emmanuel Macron. Die Bereitschaft zu einem möglichen Regierungswechsel markiert einen bemerkenswerten Schritt der angeschlagenen Sozialisten – und könnte die politische Tektonik in Paris nachhaltig verschieben. Macron steht damit vor einer heiklen Entscheidung: Gelingt ihm eine Öffnung nach links – oder endet der Versuch in einer neuen politischen Sackgasse? Eine Krise mit Ansage Auslöser der aktuellen Zuspitzung ist eine für den 8. September angesetzte Vertrauensabstimmung über Premierminister François Bayrou. Der Zentrums-Politiker, von Macron erst im Dezember 2024 überraschend als Regierungschef eingesetzt, steht seither unter massivem Druck – nicht nur von der Opposition, sondern auch aus Teilen der präsidentiellen Mehrheit. Bayrou hatte bereits mehrfach Sc…

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  • Tornado-Schock in der Bretagne: Guéhenno im Ausnahmezustand

    Tornado-Schock in der Bretagne: Guéhenno im Ausnahmezustand

    Als der Himmel sich am 2. September 2025 dunkel färbte und der Wind plötzlich zu toben begann, ahnte in Guéhenno niemand, dass dieser Dienstagmorgen nicht wie jeder andere verlaufen würde. Doch was dann geschah, war mehr als ein Wetterumschwung – es war ein Naturereignis, das die kleine bretonische Gemeinde ins Mark traf.

    Acht Minuten Verwüstung

    Kurz nach acht Uhr morgens zieht ein extrem heftiger Luftwirbel über mehrere Weiler von Guéhenno hinweg – acht Kilometer lang, kaum zehn Minuten lang, aber mit zerstörerischer Kraft. Dächer fliegen davon, Scheunen stürzen ein, ein Wohnmobil wird buchstäblich vom Boden gerissen.

    „So etwas haben wir hier noch nie erlebt“, sagt Nolwenn Bauché, Bürgermeisterin der 850-Seelen-Gemeinde. Der Sturm kam ohne Vorwarnung, war auf keiner Wetterkarte angekündigt – und dennoch hinterließ er ein Bild der Zerstörung.

    Wenn das Zuhause zum Albtraum wird

    Drei Menschen wurden leicht verletzt – unter ihnen ein Kind. Eine Mutter berichtet unter Schock: „Er schlief noch, es war gegen 7:45 Uhr. Er ist aufgewacht, als plötzlich alles auf ihn herunterfiel.“ Ihr Sohn hatte Glück: Ein Holzstück bohrte sich knapp hinter seinem Bett in die Wand, ein Velux-Fenster krachte auf seinen Schreibtisch.

    Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Entsetzen, die man in den Augen der Bewohner sieht. Viele von ihnen stehen fassungslos vor ihren Häusern, deren Dächer abgerissen wirken. Schutt auf der Straße, zerfetzte Stromleitungen, verwüstete Gärten – das Bild nach dem Sturm ist bedrückend.

    Einsatz im Ausnahmezustand

    Rund 50 Feuerwehrleute rückten an, um Straßen zu sichern, Dächer notdürftig abzudecken und Menschen zu evakuieren. Priorität habe laut Einsatzleiter Manuel Gouriou, weitere Schäden bei möglichem Regen zu verhindern. Besonders gefährdet: jene Häuser, deren Dächer komplett verloren gingen.

    Für mehrere Familien, deren Unterkünfte unbewohnbar geworden sind, werden nun alternative Unterbringungen organisiert. Die Solidarität in der Region ist groß – Nachbarn helfen, Unterkünfte werden angeboten, Spendenaktionen laufen an.

    Tornado in der Bretagne – seit wann gibt es das?

    Tornados gelten in Frankreich als selten – doch sie sind kein völliges Novum. Besonders in den letzten Jahren häufen sich solche Extremwetterereignisse. Im Département Morbihan, wo Guéhenno liegt, kam es bereits in der Vergangenheit zu kleineren Wirbelstürmen.

    Die jetzt gemessenen Windgeschwindigkeiten – 123 km/h auf der nahegelegenen Insel Groix – deuten darauf hin, dass der Tornado von Guéhenno zwischen den Stufen EF1 und EF2 auf der erweiterten Fujita-Skala liegt. Das entspricht Windstärken zwischen 138 und 217 km/h – genug, um Häuserdächer zu zerstören und Fahrzeuge umzukippen.

    Warnung in Gelb – reichte das?

    Météo-France hatte den Morbihan bereits am Vortag in die Warnstufe Gelb versetzt – wegen möglicher Gewitter und starker Winde. Doch mit einem Tornado in dieser Stärke rechnete niemand. Dass dieser plötzlich und punktuell zuschlug, zeigt einmal mehr die Grenzen selbst modernster Wettervorhersage.

    Und es wirft eine unbequeme Frage auf: Müssen wir uns in Zukunft häufiger auf solche Ereignisse einstellen?

    Klimawandel – ein neuer Risikofaktor?

    Die Zunahme von Extremwetterereignissen in Europa ist längst kein Randthema mehr. Ob Starkregen, Hitzewellen oder eben Tornados – die Natur scheint unberechenbarer zu werden. Fachleute vermuten, dass veränderte Temperatur- und Luftdruckverhältnisse solche Phänomene wahrscheinlicher machen.

    Ein Weckruf mit Nachhall

    Der Tornado von Guéhenno war mehr als ein Unwetter – er war ein erneuter Weckruf. Für die Bewohner, für die Behörden, aber auch für die gesamte Region. Naturkatastrophen machen auch vor idyllischen Landgemeinden nicht halt. Was bleibt, ist die Frage: Sind wir bereit für das, was kommt?

    Von C. Hatty

  • Sparpolitik als Zerreißprobe: Wie sich die französische Rechte vor dem Vertrauensvotum neu positioniert

    Sparpolitik als Zerreißprobe: Wie sich die französische Rechte vor dem Vertrauensvotum neu positioniert

    Frankreich steht am 8. September vor einem wegweisenden Vertrauensvotum. Im Zentrum der Debatte: ein ambitionierter Sparkurs in Höhe von 44 Milliarden Euro, den Premierminister François Bayrou zur Stabilisierung der Staatsfinanzen vorschlägt. Doch nicht nur die politische Linke, auch die bürgerlich-konservative Rechte, insbesondere die Partei Les Républicains (LR), zeigt sich gespalten – und zögert, sich vorbehaltlos hinter Bayrou zu stellen. Die Abstimmung wird zur Nagelprobe für die politische Architektur der Fünften Republik. Sie entscheidet nicht nur über das Überleben der Regierung, sondern auch über das Selbstverständnis einer Partei, die sich zwischen Oppositionshaltung und staatspolitischer Verantwortung neu orientieren muss. Ein Premier mit schwachem Rückhalt Bayrou, der erst im Dezember 2024 nach dem Rücktritt von Michel Barnier das Amt des Premierministers übernahm, agiert seither mit begrenztem politischem Kapital. Seine Regierung stützt sich auf eine fragile Mitte, deren R…

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  • Gérard Depardieu erneut vor Gericht: Frankreichs Filmikone zwischen Ruhm, Skandal und #MeToo

    Gérard Depardieu erneut vor Gericht: Frankreichs Filmikone zwischen Ruhm, Skandal und #MeToo

    Gérard Depardieu – für die einen ein nationaler Schatz, für die anderen längst Symbol eines übergriffigen Patriarchats. Der französische Schauspieler, weltbekannt für seine wuchtigen Rollen und sein ungezähmtes Auftreten, wird sich bald in Paris erneut einem Strafgericht stellen müssen. Der Vorwurf: Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe. Die Anklage bezieht sich auf zwei mutmaßliche Vorfälle im August 2018. Die Schauspielerin Charlotte Arnould schildert, dass sie in Depardieus Pariser Wohnung sexuell missbraucht wurde. Er selbst weist die Anschuldigungen zurück und spricht von einvernehmlichen Begegnungen. Schon einmal, im Jahr 2020, waren die Ermittlungen eingestellt worden. Doch Arnould gab nicht auf, reichte eine Zivilklage ein – und zwang damit die Justiz zur Wiederaufnahme des Falls. Nun kommt es zur Verhandlung vor der Cour criminelle départementale de Paris. Ein Gerichtssaal als Symbolraum Der Prozess ist nicht irgendeiner. Er gilt als einer der ersten Fälle, in denen ein franz…

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  • Toulouse: 30-Euro-Strafe für verspätete Eltern – clevere Lösung oder soziale Schieflage?

    Toulouse: 30-Euro-Strafe für verspätete Eltern – clevere Lösung oder soziale Schieflage?

    Es ist kurz vor halb sieben in Toulouse. Kinder warten mit gepackten Rucksäcken in der Schulaula, während die Erzieherinnen unruhig auf die Uhr schauen. Früher war das ein alltägliches Bild – Eltern, die in letzter Minute oder auch später eintrafen. Doch seit Anfang 2025 hat sich die Szene drastisch verändert: Wer sein Kind nach 18:30 Uhr abholt, muss 30 Euro Strafe zahlen. Eine scheinbar kleine Maßnahme, die große Wirkung entfaltet – und noch größere Debatten.

    Warum Toulouse durchgriff Die Stadtverwaltung stand vor einem wachsenden Problem. Im Schuljahr 2023/2024 kam es zu mehr als 8.000 Verspätungen. Für die Erzieherinnen und Betreuer bedeutete das Überstunden, Frust und organisatorisches Chaos. Im Februar 2025 folgte daher der radikale Schnitt: Nach einer kurzen Übergangsphase, in der Eltern informiert und ermahnt wurden, griff die Stadt durch. Wer zu spät kommt, zahlt. Punkt. Offiziell geht es nicht um Geld in der Stadtkasse, sondern um Pünktlichkeit – und Respekt gegenüber dem Pe…

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  • Messerattacke im Herzen von Marseille: Gewalt, Verzweiflung und viele offene Fragen

    Messerattacke im Herzen von Marseille: Gewalt, Verzweiflung und viele offene Fragen

    Ein Nachmittag im Spätsommer, mitten im belebten Zentrum von Marseille. Menschen flanieren, kaufen ein, genießen den Tag – bis plötzlich Panik ausbricht. Gegen 14:45 Uhr am 2. September wird das Viertel Belsunce, unweit des Vieux-Port, Schauplatz einer blutigen Messerattacke. Fünf Menschen werden verletzt, einer davon schwebt in Lebensgefahr. Der Täter, ein 35-jähriger Mann aus Tunesien, stirbt bei dem nachfolgenden Polizeieinsatz. Was wie ein spontaner Angriff erscheint, entpuppt sich schnell als Amoklauf mit erschreckender Zielstrebigkeit.

    Ein brutaler Rachefeldzug Auslöser der Tat: der Rauswurf aus einem Hotel – offenbar wegen unbezahlter Rechnungen. Der Täter kehrt wenig später zurück, bewaffnet mit zwei Messern und einer Teleskopschlagstock-artigen Waffe. Ohne Vorwarnung sticht er auf den neuen Bewohner seines ehemaligen Zimmers ein. Der Mann wird schwer am Bauch verletzt. Doch damit nicht genug. Auch der Hotelbesitzer und dessen Sohn geraten ins Visier. Letzterer wird beim Versu…

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