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  • Drôme: Siebter Wolf abgeschossen – zwischen Schutzinstinkt und Artenschutz

    Drôme: Siebter Wolf abgeschossen – zwischen Schutzinstinkt und Artenschutz

    In den Bergen über Châtillon-en-Diois fiel am 15. September 2025 ein einzelner Schuss – und mit ihm ein Wolf. Nicht der erste in diesem Jahr. Nicht der letzte im Land. Es war bereits der siebte Abschuss im Département Drôme seit Jahresbeginn. Frankreichweit summiert sich die Zahl der getöteten Wölfe 2025 inzwischen auf 138 – erlaubt sind maximal 192. Der Fall rückt einmal mehr ein Thema in den Fokus, das seit Jahren polarisiert: Wie viel Schutz braucht der Wolf? Und wie viel Schutz braucht das Schaf? Ein Angriff, ein Schuss – ein toter Wolf Die Szene spielt sich ab wie ein typisches Kapitel aus dem Buch des ländlichen Überlebens: Ein Wolf attackiert eine Schafherde. Die louveterie – staatlich beauftragte Jäger zur Regulierung von Wildtieren – schreitet ein. Der Abschuss erfolgt im Rahmen eines tir de défense simple, also eines Notwehr-Schusses während eines laufenden Angriffs. Rechtlich gedeckt, operativ durchdacht – und doch alles andere als unproblematisch. Denn diese Eingriffe, auch…

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  • Europas radikale Rechte stilisiert Charlie Kirk zum Märtyrer – und andere World-News

    Europas radikale Rechte stilisiert Charlie Kirk zum Märtyrer – und andere World-News

    In den vergangenen Jahren zeigten sich die rechtspopulistischen Bewegungen in Europa von Land zu Land ziemlich unterschiedlich. In Italien stand das Thema Migration im Zentrum. In Frankreich dominierten Klagen über den Verrat der städtischen Eliten an der ländlichen Bevölkerung. Polnische Nationalisten wiederum beschäftigten sich nahezu obsessiv mit allem, was mit L.G.B.T.Q. zu tun hatte.

    Im Jahr 2019 reiste Steve Bannon, seinerzeit Chefideologe im Umfeld von Präsident Trump, durch Europas Hauptstädte mit dem Ziel, die Kräfte der extremen Rechten zu einen. Dieses Vorhaben verlief im Sande. Doch mittlerweile scheint sich da eine bemerkenswerte Änderung zu vollziehen.

    Nach dem Attentat auf den US-amerikanischen rechtskonservativen Aktivisten Charlie Kirk gab es eine Kundgebung der radikalen Rechten in Madrid, gemeinsam mit Parteivertretern aus ganz Europa und darüber hinaus.

    Es gab natürlich die üblichen Themen, die auf solchen Veranstaltungen immer wieder auftauchen: Migration, nationale Souveränität, die „bedrohliche“ Europäische Union. Doch das neue, alles dominierende Thema war diesmal Charlie Kirk. Das überrascht nicht wirklich – viele der europäischen rechtsextremen Parteien pflegen schon seit Jahren, teils Jahrzehnten, eine Erzählung von politischer Verfolgung. Das Attentat auf Kirk wurde sofort als unumstößlicher Beleg für diese angebliche Verfolgung interpretiert. Europäische Rechtspopulisten sind offen der Meinung, man müsse Kirk nun „nutzen“, um politische Mobilisierung zu betreiben.

    Könnte Charlie Kirk posthum das erreichen, woran Bannon scheiterte?

    Bannon wollte damals Politiker für eine Initiative gewinnen, die er „The Movement“ nannte. Einer der Gründe, warum das nicht funktionierte, war, dass viele Europäer das Gefühl hatten, es gehe dabei in erster Linie um Bannon selbst. Charlie Kirk hingegen hatte eine viel organischere Verbindung zur europäischen Rechten, besonders zur jungen Generation. Er war auf ihren Handys präsent, übersetzt in ihre jeweiligen Sprachen. Dass jemand, den man irgendwie persönlich kannte, vor laufender Kamera getötet wurde – das hat eine enorme Wirkung. Und, dass dies in Amerika passiert, ist von Bedeutung. Denn die USA haben mittlerweile eine Führungsrolle im globalen rechtspopulistischen Raum übernommen.

    Insgesamt ist das ein Ausdruck dafür, dass das rechtsextreme Parteiensystem inzwischen global deutlich stärker vernetzt ist. Das liegt einerseits an sozialen Medien – an der globalen Wirkung von Plattformen wie X, Instagram und YouTube. Andererseits spiegelt es eine gezielte Strategie wider: Die rechten Parteien wollen näher zusammenrücken. Sie treten bewusst gegenseitig auf ihren Veranstaltungen auf. Sie teilen die gleichen politischen Themen – und dieselbe, strategisch nützliche Mythologie der Opferrolle. All das führt dazu, dass ein Ereignis von der Tragweite des Attentats auf Charlie Kirk weit über die USA hinaus wirkt – bis tief hinein nach Europa und darüber hinaus.


    TOP-MELDUNGEN

    Maximaler Pomp für Trump im Vereinigten Königreich
    Am ersten Tag seines Staatsbesuchs in Großbritannien nahmen Präsident Trump und seine Frau Melania an einem opulenten Staatsbankett auf Schloss Windsor teil. König Charles III. würdigte die „besondere Beziehung“ zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Trump bezeichnete den Besuch seinerseits als eine der „größten Ehren“ seines Lebens.
    „Der Präsident schien rundum zufrieden“, da waren sich die Beobachter einig. Ziel der britischen Seite: Trump gegenüber Premierminister Keir Starmer bei den heute anstehenden Verhandlungen milde zu stimmen.
    Nicht alle im Land teilten diese Einstellung: Tausende Demonstranten versammelten sich in London und protestierten gegen den Besuch.

    Proteste in Nepal
    Bei Protesten in Nepal kam es zu Brandanschlägen. Dabei wurden Regierungsgebäude, wichtige Gerichtsakten und sogar Dokumente zu internationalen Abkommen und Staatsinvestitionen zerstört.


    WEITERE NACHRICHTEN

    • USA: Der Sender ABC hat die Late-Night-Show von Jimmy Kimmel auf unbestimmte Zeit abgesetzt, nachdem ein Trump-Vertrauter dem Sender wegen Kimmels Kommentaren zur Ermordung Charlie Kirks Konsequenzen angedroht hatte.
    • Aleksei Nawalny: Die Organisation und die Witwe des russischen Oppositionsführers präsentierte neue Beweise, wonach Nawalny in der Haft vergiftet worden sei.
    • Gaza: Das israelische Militär kündigte eine neue Evakuierungsroute aus Gaza-Stadt an. Der Druck wächst angesichts Hunderttausender Palästinenser, die sich dort noch aufhalten.
    • USA: Die US-Notenbank senkte den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt – die erste Zinssenkung seit Dezember, trotz gemischter Wirtschaftssignale.
    • Rohstoffe: Die US-Regierung kündigte Investitionen in Höhe von 75 Millionen US-Dollar an, um den Abbau von Mineralien in der Ukraine zu beginnen.
    • Zölle: Donald Trump rief Indiens Premierminister Narendra Modi an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Beobachter in Indien werten dies als mögliches Signal für ein neues Handelsabkommen.
    • Klima: Steigen die Temperaturen weiter, könnten laut einer Studie bis zum Ende des Jahrhunderts fast alle Korallen im Atlantik ihr Wachstum einstellen und der Erosion anheimfallen.
    • Protest: Einer der Gründer von Ben & Jerry’s trat zurück. Er erklärte, das soziale Engagement der Marke sei unter Unilevers Kontrolle „zum Schweigen gebracht“ worden.

    Autor: P. Tiko

  • Grève du 18 septembre : Frankreich im Ausnahmezustand

    Grève du 18 septembre : Frankreich im Ausnahmezustand

    Frankreich erlebt an diesem Donnerstag, dem 18. September 2025, eine dieser Mobilisierungen, die in Erinnerung bleiben werden. Schulen geschlossen, Züge gestrichen, Straßen blockiert – eine Protestwelle von seltener Wucht legt das Land lahm. Offiziell rechnen die Behörden inzwischen mit bis zu 900 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Inoffiziell ist klar: Es geht längst nicht mehr nur um zwei gestrichene Feiertage.

    Ein Schulterschluss der Gewerkschaften

    Acht große Gewerkschaften, die sonst oft auf unterschiedlichen Wegen marschieren, ziehen diesmal geschlossen los: CFDT, CGT, FO, CFE-CGC, CFTC, Unsa, FSU und Solidaires. Ihr Gegner ist ein gemeinsamer: das „Budget Bayrou“. Hinter dem trockenen Titel verbirgt sich ein Katalog von Sparmaßnahmen – weniger Feiertage, weniger Mittel für Schulen und Krankenhäuser, eingefrorene Sozialleistungen. Für viele klingt das nach mehr Arbeit, weniger Einkommen und sinkendem Lebensstandard.

    Der neue Premierminister Sébastien Lecornu hat zu diesen Maßnahmen bisher weitgehend geschwiegen – lediglich die Streichung der 2 Feiertage will er wohl zurücknehmen. Und Schweigen kann in solchen Zeiten lauter wirken als Worte.

    Alltag im Ausnahmezustand

    Die Folgen werden die Menschen in Frankreich unmittelbar spüren. Wer morgen am Bahnhof steht, wird meits vergeblich auf den Zug warten. Eltern suchen kurzfristig nach Betreuungsmöglichkeiten, weil Schulen und Kitas geschlossen bleiben. In Krankenhäusern arbeiten Notdienste, geplante Eingriffe müssen verschoben werden. Selbst Apotheken schließen ihre Türen.

    Der Generalstreik greift direkt in das tägliche Leben der Bewohner Frankreichs ein.

    Sicherheit mit martialischem Gesicht

    Das Innenministerium reagiert mit einer Sicherheitsoperation von beispiellosem Ausmaß. 80.000 Polizisten und Gendarmen sind im Einsatz, unterstützt von gepanzerten Fahrzeugen, Wasserwerfern und Hubschraubern. In Paris führt die Demoroute von der Place de la Bastille bis zur Place de la Nation. Innenminister Bruno Retailleau warnt vor dem Aufmarsch radikaler Gruppen, die den Protest nutzen könnten, um Gewalt zu provozieren.

    Die Kulisse erinnert an ein Land, das sich auf eine Kraftprobe einstellt.

    Ein Boden, der längst bebt

    Die Proteste kommen nicht aus dem Nichts. Schon im Mai formierte sich auf den sozialen Netzwerken die Bewegung „Bloquons tout“. Ihr Name ist Programm: Blockieren statt hinnehmen. Am 10. September zogen bereits etwa 250.000 Menschen auf die Straßen. Offiziell unpolitisch, ohne direkte Parteibindung – und doch mit deutlichem Rückhalt von linken Strömungen und Teilen der Gewerkschaften.

    Der aktuelle Streikaufruf knüpft an diese Dynamik an, verstärkt sie, treibt sie weiter.

    Mehr als nur ein Abwehrkampf

    Hinter den Transparenten steckt weit mehr als der Protest gegen einzelne Haushaltsmaßnahmen. Es geht um Kaufkraft, soziale Gerechtigkeit, den Schutz öffentlicher Dienste. Es geht um das Gefühl, nicht länger für Fehler anderer zu zahlen.

    Die Gewerkschaften sprechen offen davon, einen dauerhaften Machtfaktor aufbauen zu wollen. Nicht bloß ein Aufschrei für einen Tag, sondern ein Signal, das sich in konkrete Politik übersetzt.

    Was bleibt vom 18. September?

    Die Frage ist so einfach gestellt wie schwer zu beantworten: Wird der Tag als kurzer Sturm in Erinnerung bleiben, der sich rasch legt? Oder wird er zum Wendepunkt, der die Regierung zum Umdenken zwingt?

    Frankreich kennt solche Momente. 1995, 2010, 2019 – die Liste der großen sozialen Auseinandersetzungen ist lang. Jetzt reiht sich 2025 ein. Ob als Etappe oder Zäsur, das entscheidet sich in den kommenden Wochen.

    Andreas M. Brucker

  • Ein schlafender Lotse, ein kreisendes Flugzeug – und ein Weckruf für die Luftsicherheit in Ajaccio

    Ein schlafender Lotse, ein kreisendes Flugzeug – und ein Weckruf für die Luftsicherheit in Ajaccio

    Es klingt wie eine Szene aus einem Film, doch sie spielte sich tatsächlich am Montagabend, dem 15. September 2025, im Himmel über Ajaccio ab. Ein Airbus A320neo von Air Corsica, gestartet in Paris-Orly, kreiste fast eine Stunde über der korsischen Küste – nicht wegen eines technischen Defekts, nicht wegen des Wetters, sondern weil der einzige diensthabende Fluglotse eingeschlafen war.

    Der Flughafen im Tiefschlaf

    Kurz nach Mitternacht näherte sich das Flugzeug der Landebahn von Ajaccio-Napoléon-Bonaparte. Normalerweise übernehmen in diesem Moment Routine und Präzision die Regie: klare Funksprüche, blinkende Lichter, ein sauberer Anflug. Doch diesmal herrschte Funkstille. Keine Antwort aus dem Tower, keine Landebahnbeleuchtung.

    Die Piloten reagierten besonnen. Sie informierten die Flughafenfeuerwehr, die wiederum die Gendarmerie einschaltete. Währenddessen drehte die Maschine Schleifen über dem Golf von Ajaccio. Ein Ausweichflug nach Bastia stand kurzzeitig zur Debatte. Erst um 0.35 Uhr konnte das Flugzeug schließlich landen – nachdem der eingeschlafene Lotse wieder zu sich gekommen war und die Systeme hochgefahren hatte.

    Ein Einzelfall? Wohl kaum.

    Solche Zwischenfälle sind zwar selten, aber sie decken Schwachstellen auf, die vielen Insidern längst bekannt sind. Denn nachts ist in kleineren Flughäfen oft nur ein einziger Lotse im Dienst. Gerät dieser in eine Notlage – oder fällt in den Schlaf –, bleibt das System ohne Aufsicht.

    Dabei schreibt die französische Luftfahrtaufsicht (DGAC) eigentlich Redundanz vor: mindestens zwei Personen, die einander absichern. Besonders nachts, wenn die Pistenbeleuchtung und eine klare Kommunikation über Leben und Tod entscheiden können. Dass Ajaccio mit einer Minimalbesetzung arbeitet, zeigt, wie stark Personalfragen längst zum Sicherheitsrisiko geworden sind.

    Müdigkeit als unterschätzter Gegner

    Offizielle Tests ergaben, dass der Lotse weder unter Alkohol- noch unter Drogeneinfluss stand. Die Ursache war banal – Müdigkeit. Wer einmal nachts selbst im Auto fast eingeschlafen ist, weiß, wie gnadenlos der Körper manchmal abschaltet. In einer Branche, die absolute Wachsamkeit verlangt, wird das schnell zur tickenden Zeitbombe.

    Kontrollierte Schichtpläne, gesundheitliche Checks, Pausenregelungen – all das existiert längst. Aber die Realität sieht oft anders aus. Viele Lotsen berichten, dass der Druck hoch, die Personaldecke dünn und die Nachtschichten hart sind. „Wir haben immer ein bisschen Angst vor der nächsten Nachtschicht“, gestand ein Kollege gegenüber einem Radiosender.

    Ein Schlag für das Vertrauen

    Die Sicherheit in der Luftfahrt lebt von Vertrauen. Passagiere steigen ins Flugzeug mit der stillschweigenden Gewissheit: Hier oben ist jeder Handgriff durchdacht, jedes Risiko minimiert. Wenn dann bekannt wird, dass ein Flugzeug beinahe umgeleitet werden musste, weil der Lotse eingeschlafen war, gerät dieses Vertrauen ins Wanken.

    Und die Frage drängt sich auf: Was, wenn das Flugzeug wirklich nach Bastia hätte ausweichen müssen? Was, wenn schlechtes Wetter oder ein technisches Problem gleichzeitig hinzugekommen wäre?

    Lehren für die Zukunft

    Dieses Ereignis ist mehr als ein peinlicher Zwischenfall – es ist ein Weckruf. Für die Flughafenbetreiber, die ihre Nachtdienste neu organisieren müssen. Für die Aufsichtsbehörden, die stärker kontrollieren sollten, ob die Vorschriften tatsächlich eingehalten werden. Und für die Politik, die sich fragen lassen muss, warum sicherheitsrelevante Positionen oft am Limit besetzt sind.

    Denn eines ist klar: Sicherheit darf nicht von der Belastbarkeit einer einzelnen Person abhängen. Ein Flughafen im Schlafmodus passt nicht ins 21. Jahrhundert.

    Von C. Hatty

  • Heute in der Geschichte: Der 17. September

    Heute in der Geschichte: Der 17. September

    Ein Tag, der es in sich hat. Der 17. September ist in den Geschichtsbüchern kein leeres Blatt, sondern ein Datum, an dem sich weltweit wie auch in Frankreich entscheidende Momente abspielten. Manche schienen damals nur ein Schritt unter vielen zu sein – heute erkennen wir, wie weitreichend sie waren…

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  • Politische Skandale ohne Folgen – Frankreichs eigentümliche Kultur des politischen Einflusses

    Politische Skandale ohne Folgen – Frankreichs eigentümliche Kultur des politischen Einflusses

    In kaum einem anderen westeuropäischen Land reihen sich so viele Korruptions- und Finanzskandale aneinander wie in Frankreich – und doch bleibt die politische Karriere der Betroffenen oft erstaunlich unbeschadet. Von Jacques Chirac über Nicolas Sarkozy bis hin zu Marine Le Pen: Verurteilungen vor Gericht haben nicht zwangsläufig zu einem Ende ihrer politischen Laufbahn geführt. Diese Resilienz wirft die Frage auf, ob Frankreich eine demokratische Ausnahme bildet – oder ob hier ein tieferes gesellschaftliches Phänomen sichtbar wird.


    Von Chirac bis Le Pen: eine Chronik der Skandale

    Die Liste der Fälle ist lang und prominent besetzt. Jacques Chirac, Präsident von 1995 bis 2007, wurde 2011 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt – wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder während seiner Zeit als Bürgermeister von Paris. Nicolas Sarkozy, sein Nachfolger als Präsident, erhielt 2021 wegen Korruption und Einflussnahme eine dreijährige Strafe, ein Jahr davon tatsächlich zu verbüßen – allerdings unter elektronischer Überwachung im Hausarrest.

    Auch François Fillon, Premierminister unter Nicolas Sarkozy, wurde 2022 im Zusammenhang mit Scheinbeschäftigungen seiner Ehefrau zu vier Jahren Haft, davon ein Jahr unbedingt, verurteilt. Und im März 2025 wurde Marine Le Pen, Vorsitzende des Rassemblement National, zu vier Jahren Gefängnis, davon zwei Jahre unbedingt, sowie fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt. Der Vorwurf: Veruntreuung europäischer Parlamentsgelder.

    Trotz solcher Urteile sind diese Persönlichkeiten im öffentlichen Raum präsent geblieben. Sarkozy tritt noch immer bei Veranstaltungen seiner Partei auf, Fillon pflegt ein internationales Netzwerk, und Le Pen führt ihre Bewegung weiter an – die Verurteilung hat ihrer Popularität bislang kaum geschadet.


    Ein desillusioniertes Publikum

    Die relative Gelassenheit, mit der große Teile der französischen Öffentlichkeit auf diese Skandale reagieren, erstaunt. Meinungsumfragen dokumentieren zwar seit Jahren ein tiefes Misstrauen gegenüber der politischen Klasse. Doch dieses Misstrauen übersetzt sich nicht in konsequente Wahlniederlagen für die Betroffenen. Sarkozy bleibt für viele Konservative eine Referenzfigur; Le Pens Partei erreicht weiterhin zweistellige Ergebnisse bei Wahlen und hat gute Chancen, 2027 die Präsidentschaft ernsthaft anzugreifen.

    Politikwissenschaftler verweisen auf eine Art „Abnutzungseffekt“. Da Skandale seit den 1980er-Jahren fester Bestandteil des politischen Alltags sind, hat sich ein gewisser Zynismus durchgesetzt: Viele Wähler nehmen Korruption als systemimmanent wahr und unterscheiden kaum mehr zwischen Integrität und Verfehlung. Eine weitere Erklärung liegt in der verbreiteten Skepsis gegenüber der Justiz. Verfahren ziehen sich oft über viele Jahre hin, sodass Urteile mit erheblicher zeitlicher Distanz zu den eigentlichen Vorwürfen fallen. Die politische Brisanz ist dann vielfach verpufft.


    Eine Justiz unter Verdacht

    Das französische Justizsystem trägt selbst zum Vertrauensverlust bei. Die Cour de justice de la République, zuständig für Regierungsmitglieder, gilt als zu nachsichtig, da dort auch Parlamentarier über die Schuld von Ministern urteilen. Mehrfach wurde sie als „Gericht der Politiker für Politiker“ kritisiert.

    Darüber hinaus nährt die lange Dauer von Verfahren den Verdacht einer politisch motivierten Justiz. So beklagte Sarkozy wiederholt, Opfer einer „judiciarisation de la politique“ zu sein, während Marine Le Pen von „politischen Prozessen“ sprach. Auch wenn unabhängige Gutachter diese Vorwürfe zurückweisen, bleibt die Wahrnehmung einer selektiven oder parteiischen Justiz in der Öffentlichkeit bestehen.

    Ein Vergleich mit anderen Demokratien verdeutlicht die Besonderheit: In Deutschland oder Großbritannien bedeutet schon der Verdacht eines schwerwiegenden Fehlverhaltens oft das sofortige Ende einer politischen Karriere. In Frankreich hingegen haben selbst rechtskräftige Urteile nicht automatisch dieselbe Konsequenz.


    Reformforderungen und institutionelle Blockaden

    Seit Jahren wird über Reformen diskutiert, um die Glaubwürdigkeit der Institutionen zu stärken. Gefordert werden unter anderem die Abschaffung der Cour de justice de la République, eine automatisches verbot der Bekleidung öffentlicher Ämter bei schweren Verurteilungen sowie mehr Ressourcen für die Finanzstaatsanwaltschaft.

    Einige Maßnahmen sind bereits umgesetzt worden: Das 2013 verabschiedete Gesetz zur Transparenz des öffentlichen Lebens verpflichtet Minister:innen zur Offenlegung ihres Vermögens. Doch die Wirksamkeit bleibt begrenzt, solange Strafurteile keine klaren politischen Folgen nach sich ziehen.

    Die Debatte berührt ein Kernproblem der französischen Demokratie: das Spannungsverhältnis zwischen einem auf das Präsidentenamt zugeschnittenen System und dem Anspruch gleicher Rechtsanwendung. In einem Staat, der sich als „République exemplaire“ versteht, wirkt die wiederkehrende Diskrepanz zwischen Rechtsprechung und politischer Realität besonders scharf.


    Die politische Kultur Frankreichs offenbart hier eine eigentümliche Widersprüchlichkeit: Einerseits ist das Land stolz auf seine revolutionäre Tradition von Rechtsgleichheit und Transparenz. Andererseits etabliert sich faktisch eine Toleranz gegenüber Verfehlungen der Eliten. Solange juristische Sanktionen nicht mit klaren politischen Konsequenzen verbunden sind, bleibt die Gefahr bestehen, dass sich das Misstrauen der Bürger weiter vertieft – und damit die Attraktivität populistischer Alternativen wächst.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Grenzen der Provokation: Éric Zemmour endgültig für rassistische Äusserungen aus 2019 verurteilt

    Grenzen der Provokation: Éric Zemmour endgültig für rassistische Äusserungen aus 2019 verurteilt

    Die französische Justiz hat ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit dem Urteil des Pariser Berufungsgerichts vom 22. Februar 2024 endet ein langwieriger Rechtsstreit um eine Rede Éric Zemmours aus dem Jahr 2019 – und mit ihm ein weiteres Kapitel in der juristischen Auseinandersetzung mit einem der umstrittensten politischen Akteure Frankreichs. Die Richter verurteilten den Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Reconquête wegen öffentlicher Beleidigung sowie Anstiftung zu Hass und Diskriminierung. Die Rede, gehalten auf der „Convention de la droite“ im September 2019, war ein radikales Manifest gegen Einwanderung und Islam – nun wurde sie auch rechtskräftig als strafwürdig eingestuft. Eine Rede, die bewusst verletzte Zemmour hatte in seiner Rede Muslime pauschal als „Kolonisatoren“ diffamiert und die muslimische Präsenz in Frankreich mit einer „Armee der Besatzung“ verglichen. Er sprach von einer „ethnischen Unterwerfung“, gegen die man sich wehren müsse, und verknüpfte islamische Identitä…

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  • Frankreich: Angst vor den „Black Blocs“ bei der Großmobilisierung

    Frankreich: Angst vor den „Black Blocs“ bei der Großmobilisierung

    Frankreich hält den Atem an. Am 18. September soll es landesweit zu einer massiven Protestwelle kommen – getragen von Gewerkschaften, Studierenden, Beschäftigten im öffentlichen Dienst, aber auch von einem breiteren Bündnis unter dem Motto „Bloquons tout“ („Blockieren wir alles“). Doch während Hunderttausende Menschen auf die Straße gehen dürften, liegt ein Schatten über der Bewegung: die Furcht vor den Black Blocs. „Bloquons tout“: Vom Hashtag zur Straßenmacht Die Bewegung begann unscheinbar in den sozialen Medien. Binnen weniger Tage formte sich daraus ein Protest, der bereits am 10. September ein deutliches Zeichen setzte. Damals zogen zwischen 175.000 und 250.000 Menschen durch französische Städte, von Paris bis Montpellier, von Nantes bis Lyon.Es blieb nicht überall friedlich. Straßensperren, brennende Mülltonnen, Kollisionen mit der Polizei. Bilder, die viele an die Gelbwesten-Zeit erinnerten. Diesmal, am 18. September, erwarten die Behörden über 400.000 Menschen in rund 250 Demo…

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  • Mit einem Stück Zahn zurück ins Leben: Wie Dylan nach zwölf Jahren Blindheit wieder sehen lernte

    Mit einem Stück Zahn zurück ins Leben: Wie Dylan nach zwölf Jahren Blindheit wieder sehen lernte

    Ein junger Mann, zwölf Jahre ohne Licht, ohne Farben, ohne Gesichter. Und dann, ein medizinisches Wunder in Montpellier: Dylan, 24 Jahre alt, hat seine Sehkraft zurück – dank eines Stück Zahns, das ihm als Träger einer künstlichen Linse eingesetzt wurde. Klingt nach Science-Fiction, ist aber reale Hightech-Medizin.

    Ein Zahn als Schlüssel zur Sicht Die Technik, die Dylan das Sehen zurückgebracht hat, trägt den sperrigen Namen Ostéo-Odonto-Kératoprothèse. Hinter diesem komplizierten Begriff steckt ein ebenso ungewöhnlicher wie genialer Ansatz: Ein Stück Zahn wird entnommen, bearbeitet und mit einer winzigen Linse versehen. Dieses Stück wird zunächst unter die Haut implantiert, um durchblutet zu werden, und später als Basis einer künstlichen Hornhaut in das Auge verpflanzt. Klingt nach einem doppelten chirurgischen Kunststück – und genau das ist es auch. Denn bei Dylan war die Hornhaut so stark zerstört, dass herkömmliche Transplantationen scheiterten. Die Ursache: das Syndrom von Lyell,…

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  • Kommentar: Respekt muss man sich verdienen – ihr Herren und Damen Abgeordneten

    Kommentar: Respekt muss man sich verdienen – ihr Herren und Damen Abgeordneten

    600 Kondome. Ein groteskes Bild, ja. Aber auch ein bitteres Symbol. Denn was Pierre Guiraud, alias „Pierrot le Zygo“, da an die Nationalversammlung schickte, war mehr als ein Scherz. Es war ein Schlag ins Gesicht der französischen Politik – und ehrlich gesagt: ein überfälliger.

    Respekt ist keine Standardeinstellung, die mit dem Mandat automatisch mitgeliefert wird. Respekt ist kein dekoratives Abzeichen, das man sich ans Revers heftet, sobald man ins Parlament gewählt wird. Respekt muss man sich verdienen. Und genau hier liegt das Problem: Viel zu viele Abgeordnete haben diesen Respekt verspielt.

    Wer im Hohen Haus brüllt, statt zu argumentieren.
    Wer den politischen Gegner beleidigt, statt ihn mit Argumenten herauszufordern.
    Wer die Bühne des Parlaments als persönliche Arena missbraucht, statt als Ort des demokratischen Ringens – der darf sich nicht wundern, wenn Bürger die Nase voll haben.


    Die Kondome sind in Wahrheit kein Scherz, sondern eine Metapher. „Bitte vermehrt euch nicht weiter“, heißt die Botschaft. Übersetzt: Eure Art Politik zu machen, braucht keine Nachkommen. Wir wollen keine Fortpflanzung dieses Stils, keine Reproduktion dieser Kultur des gegenseitigen Zerschreiens, dieses immergleichen Theaters der Eitelkeiten.

    Und mal ehrlich: Haben nicht viele von uns längst genau diesen Gedanken gehabt, wenn sie die Bilder aus den Parlamenten sehen? Man fragt sich: Ist das der Ernst der Demokratie? Oder ein schlechter Abklatsch einer Reality-Show?


    Die Bürger draußen schuften, zahlen Steuern, kämpfen mit steigenden Preisen, Zukunftsängsten, Unsicherheit. Drinnen im Parlament aber? Wortgefechte, die kaum noch etwas mit den realen Sorgen zu tun haben. Da passt der Satz von Guiraud wie ein Hieb: „Das hat kein Niveau mehr, wir befinden uns im Rinnstein.“

    Und es stimmt. Wer so mit seiner Verantwortung umgeht, zieht die Demokratie selbst mit in den Dreck.


    Dieser Kommentar will polarisieren, ja. Weil es nicht mehr reicht, höflich und sachlich zu sagen: „Bitte benehmt euch doch besser.“ Nein, ihr Herren und Damen Abgeordneten: Ihr verspielt das Vertrauen. Ihr verspielt die Geduld. Ihr verspielt die Würde eures Amtes.

    Wenn euch dieser Respekt wieder wichtig ist – dann müsst ihr ihn euch zurückholen. Durch Taten, nicht durch Worte. Durch echte Debatten, nicht durch Schauspiel. Durch Haltung, nicht durch Lautstärke.

    Bis dahin wirken die 600 Kondome wie eine bittere Pointe. Eine, die euch entlarvt.

    Denn Demokratie lebt nicht von eurem Mandat. Sie lebt davon, dass Bürger euch zuhören wollen. Und genau das tun sie immer weniger.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker