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  • Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Eigentlich wollte ich schon wieder einen Kommentar schreiben – über die nächste Regierungskrise in Frankreich, über die endlosen Rochaden, über das Schauspiel aus Rücktritt, Berufung, Rücktritt. Aber mir bleibt die Stimme weg. Nicht vor Erstaunen. Sondern vor Erschöpfung.

    Wie oft kann man denselben politischen Fehler begehen, bevor man begreift, dass es kein Zufall mehr ist?

    Frankreich steht am Rand eines Abgrunds, und im Élysée-Palast scheint man das Echo aus der bedrohlichen Tiefe noch immer für Applaus zu halten. Emmanuel Macron sucht seit Monaten nach einem Premierminister, der ihm gehorcht – statt einem, der das Land eint. Und mit jedem gescheiterten Versuch schrumpft der Raum der Vernunft, wächst die Versuchung der Extreme.

    Darum diese eine, einfache, fast verzweifelte Frage:
    Herr Macron, was ist so schlimm daran, eine Premierministerin oder einen Premierminister aus dem linken Lager zu ernennen?

    Wirklich – was?
    Wäre es Verrat? Schwäche? Ein Eingeständnis, dass die „Mitte“ allein nicht mehr trägt?

    Vielleicht wäre es einfach nur das, was Frankreich jetzt braucht: ein Zeichen der Demut. Ein Schritt auf die andere Seite, ohne die eigene zu verlieren. Eine Geste, die zeigt, dass Macht teilen keine Niederlage ist – sondern ein Akt politischer Reife.

    Denn alles, wirklich alles, ist besser als das, was sonst droht:
    Ein Sieg der Rechtspopulisten, ein Rutsch ins autoritäre Denken, ein Land, das sich selbst aufgibt, weil seine demokratische Elite zu stolz war, Brücken zu bauen.

    Frankreich hat schon zu oft in seiner Geschichte erlebt, wohin Überheblichkeit führt.
    Diesmal sollte es nicht wieder so enden.

    Herr Macron, hören Sie zu – nicht auf Ihre Berater, nicht auf Ihr Ego. Auf die Menschen. Auf das Land, das Sie führen sollen, nicht dominieren.

    Denn die Stimme, die mir heute fehlt, ist die vieler Franzosen.
    Und sie könnte bald sehr laut werden – aber dann nicht mehr in Ihrem Sinn.

    Von C. Hatty

  • Gabriel Attal bricht mit Macron – Aufstand in den Reihen des Macronismus

    Gabriel Attal bricht mit Macron – Aufstand in den Reihen des Macronismus

    „Wie viele Franzosen verstehe ich die Entscheidungen des Präsidenten nicht mehr.“Ein Satz, so unscheinbar wie ein Stein im Wasser. Doch als Gabriel Attal ihn am Montagabend in die Kameras von TF1 sprach, löste er eine politische Welle aus, die bis in den Élysée-Palast schwappte. Frankreichs einstiger Premierminister, bis vor Kurzem noch das Gesicht der macronistischen Disziplin, stellte sich offen gegen Emmanuel Macron – den Mann, der ihn groß gemacht hat. Damit ist eine Grenze überschritten. Zum ersten Mal seit Beginn der zweiten Amtszeit des Präsidenten spricht einer seiner engsten Vertrauten öffentlich von einem Bruch. Von einem Machtapparat, der sich verrannt hat. Von einem Präsidenten, der – so Attal – „krampfhaft versucht, die Kontrolle zu behalten“. Eine Regierung im freien Fall Der Kontext macht die Worte noch brisanter. Nur wenige Stunden zuvor war Sébastien Lecornu zurückgetreten – der Premierminister, den Macron erst Tage zuvor berufen hatte, um Stabilität zu schaffen. Statt…

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  • Die Montagne Pelée erwacht – bebt die große Dame von Martinique bald wieder?

    Die Montagne Pelée erwacht – bebt die große Dame von Martinique bald wieder?

    Sie schläft seit fast einem Jahrhundert, in majestätischer Stille über den grünen Hügeln der Karibikinsel Martinique. Doch seit einigen Wochen rumort es tief in ihrem Inneren: Die Montagne Pelée, einer der bekanntesten Vulkane der Welt, zeigt Anzeichen von neuem Leben.

    Was wie ein fernes Grollen begann, ist inzwischen ein regelrechtes Zittern geworden.


    Ein Vulkan mit tragischer Geschichte

    Die Montagne Pelée thront über dem Norden der Insel, nahe der Stadt Saint-Pierre. Ihr Name ist in das kollektive Gedächtnis der Karibik eingebrannt: 1902 zerstörte sie in einer der schlimmsten Eruptionen der modernen Geschichte die damalige Hauptstadt vollständig.
    Mehr als 28.000 Menschen verloren innerhalb weniger Minuten ihr Leben – ein Inferno aus Glut, Gas und Asche, das nur zwei Überlebende zurückließ.

    Seither steht die Pelée unter ständiger Beobachtung. Ihre letzte eruptive Phase liegt jedoch schon lange zurück: 1929 bis 1932 spuckte sie zuletzt Lava und Gas. Seitdem – Ruhe.

    Doch ein „ruhender“ Vulkan ist kein toter Vulkan. Geologisch betrachtet ist die Montagne Pelée nach wie vor aktiv – und besitzt damit jederzeit das Potenzial, sich wieder zu regen.


    Ein Zittern geht durch den Norden

    Zwischen dem 26. September und dem 3. Oktober 2025 registrierte das Observatoire Volcanologique et Sismologique de Martinique (OVSM) ganze 2.585 kleine Erdbeben vulkanischen Ursprungs. Eine Woche zuvor waren es „nur“ 2.267 gewesen.
    Das ist keine Kleinigkeit: Diese Zunahme signalisiert, dass sich im Inneren des Berges Spannungen aufbauen, Gestein bricht, vielleicht weil Flüssigkeiten oder Gase in Bewegung geraten.

    Normalerweise gehört ein gewisses Maß an Mikroseismik zum Alltag rund um den Vulkan. Aber dieser sprunghafte Anstieg lässt erfahrene Vulkanologen hellhörig werden. Die Instrumente zeigen eine unruhige Erde – ein beunruhigendes Flüstern aus der Tiefe.


    Kein sichtbares Aufblähen – noch nicht

    Doch trotz dieser Aktivität gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich der Vulkan physisch aufbläht.
    Das wäre ein klassisches Warnsignal für aufsteigendes Magma, das die Erdkruste dehnt und verformt. Auch chemische Analysen zeigen bislang keine drastischen Veränderungen in den austretenden Gasen. Kurz gesagt: Es rumort, aber der Deckel bleibt dicht.

    Die Wissenschaftler des OVSM sprechen daher von einem Zustand der „verstärkten Wachsamkeit“. Eine Phase, in der der Vulkan sich möglicherweise nur streckt und gähnt – ohne gleich aufzuwachen.


    Zwischen Ruhe und Risiko

    Was also bedeutet all das? Die meisten Experten raten zur Gelassenheit, ohne die Wachsamkeit zu verlieren.
    Die erhöhte Sismicité – wie die Franzosen sagen – ist zwar ungewöhnlich, aber kein eindeutiges Vorzeichen einer unmittelbar bevorstehenden Eruption. Entscheidend ist, ob sich im weiteren Verlauf eine magmatische Bewegung abzeichnet: Wenn Magma in die oberen Gesteinsschichten aufsteigt, Druck aufbaut oder sich zersetzt, dann kann der Prozess kippen – und die Pelée erwacht wirklich.

    Momentan scheint sie jedoch nur zu murmeln, nicht zu brüllen.


    Warum die Lage dennoch ernst bleibt

    Die nordmartinikanische Region um die Pelée ist keine Einöde. Zahlreiche Dörfer und kleine Städte liegen in Sichtweite des Vulkans – Orte wie Morne-Rouge, Ajoupa-Bouillon oder Le Prêcheur.
    Im Falle einer explosiven Eruption wären sie gefährdet durch Ascheregen, pyroklastische Ströme oder Schlammlawinen, sogenannte Lahars.
    Und jeder auf der Insel kennt die Geschichte von 1902. Niemand möchte, dass sich diese Tragödie wiederholt.

    Deshalb intensivieren Behörden und Wissenschaftler ihre Überwachung: Sensoren, GPS-Stationen, Gasanalysen, Drohnenflüge. Derzeit gilt die gelbe Warnstufe, was erhöhte Aufmerksamkeit bedeutet, aber keine akute Gefahr.


    Vertrauen ist so wichtig wie Technik

    Was sich in diesen Tagen zeigt, ist nicht nur ein geologisches, sondern auch ein menschliches Phänomen: Wie kommuniziert man Unsicherheit?
    Die Wissenschaft weiß viel – aber nicht alles. Sie kann Daten lesen, Tendenzen erkennen, Szenarien berechnen. Doch wann genau ein Vulkan explodiert, bleibt selbst für erfahrene Forscher oft ein Rätsel.

    Darum kommt es jetzt auf klare, transparente Information an.
    Keine Panikmache, aber auch keine Beschwichtigung. Vertrauen wächst, wenn die Bevölkerung versteht, was geschieht – und warum bestimmte Vorsichtsmaßnahmen notwendig sind.


    Ein Fenster für die Forschung

    Für die Geowissenschaft ist die aktuelle Situation ein Glücksfall.
    Kaum ein anderer Vulkan der Karibik ist so gut instrumentiert wie die Pelée. Jedes Zittern, jedes Gas, jede minimale Temperaturveränderung wird aufgezeichnet.
    Sollte sich tatsächlich ein neuer Zyklus ankündigen, wäre das eine einmalige Gelegenheit, die Frühphasen einer Reaktivierung eines Vulkans in Echtzeit zu beobachten – etwas, das weltweit nur selten gelingt.


    Zwischen Faszination und Furcht

    Vielleicht ist das das Besondere an Vulkanen: Sie vereinen Zerstörung und Schönheit, Angst und Ehrfurcht.
    Wer einmal vor der Montagne Pelée gestanden hat, spürt ihre Kraft – selbst im Schweigen.
    Die Menschen auf Martinique wissen, dass sie mit ihr leben müssen. Sie nennen sie „la grande dame“ – die große Dame – und behandeln sie mit einer Mischung aus Respekt, Liebe und stiller Sorge.

    Wird sie diesmal ruhig weiterschlummern?
    Oder ist dies das leise Vorspiel eines neuen Erwachens?

    Die Antwort liegt – buchstäblich – in der Tiefe.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Zwei Brände auf Korsika unter Kontrolle: 400 Hektar Maquis zerstört – Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft

    Zwei Brände auf Korsika unter Kontrolle: 400 Hektar Maquis zerstört – Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft

    Ein heißer, trockener Wind, eine Landschaft aus dichtem Buschwerk – und binnen Stunden wird die Idylle zum Inferno. Am Sonntag, dem 5. Oktober 2025, standen in der Region Haute-Corse gleich zwei Großbrände in Flammen: einer bei Saint-Florent, der andere im Gebiet des Padula-Sees nahe Oletta. Insgesamt fielen fast 400 Hektar Vegetation den Flammen zum Opfer.Zwar melden die Einsatzkräfte, die Feuer seien inzwischen „unter Kontrolle“, doch von Entwarnung kann keine Rede sein. Die Gefahr einer Wiederentzündung ist noch lange nicht gebannt.

    Wenn der Maquis brennt Gegen späten Vormittag am Sonntag wurde der erste Brand oberhalb von Saint-Florent gemeldet. Rund 220 Hektar Buschland brannten in kurzer Zeit nieder. Laut Feuerwehr ist dieser Brandherd mittlerweile „weitgehend gelöscht“.Doch kaum war dort Entspannung in Sicht, brach am Sonntagnachmittag ein weiteres Feuer im Gebiet des Lac de Padula bei Oletta aus. Hier wurden rund 160 Hektar zerstört – ein Areal, das wegen seiner unzugänglichen…

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  • Schließung der Moschee „Les Bleuets“ in Marseille – zwischen Sicherheitsinteresse und Glaubensfreiheit

    Schließung der Moschee „Les Bleuets“ in Marseille – zwischen Sicherheitsinteresse und Glaubensfreiheit

    Ein Verwaltungsakt sorgt im Süden Frankreichs für hitzige Debatten: Die Präfektur der Bouches-du-Rhône hat am 6. Oktober 2025 die vorübergehende Schließung der Moschee „Les Bleuets“ im Norden von Marseille angeordnet. Zwei Monate soll das Gebetshaus geschlossen bleiben – eine Maßnahme, die juristisch ebenso brisant wie symbolisch ist. Der Vorwurf: Hassrede und religiöser Extremismus Im Zentrum der Entscheidung steht der Imam der Moschee, Smaïn Bendjilali – in der Öffentlichkeit bekannt als „Imam Ismaïl“. Nach Angaben der Präfektur verbreite er in seinen Predigten und Online-Auftritten „eine fundamentalistische Vision des Islam“, die den Dschihad rechtfertige und die Einführung der Scharia befürworte. Seine Aussagen sollen, so das offizielle Dokument, „zum Hass aufstacheln“ und Gewalt rechtfertigen. Die Schließung ist im amtlichen Register des Départements festgehalten – präzise benannt, mit Adresse und Frist. Formal gesehen: eine administrative Routineentscheidung. Inhaltlich jedoch: e…

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  • Frankreich taumelt – Europas Medien sehen ein Land am Rand des politischen Zusammenbruchs

    Frankreich taumelt – Europas Medien sehen ein Land am Rand des politischen Zusammenbruchs

    Frankreich steht unter Strom. Die überraschende Demission von Premierminister Sébastien Lecornu, nur 26 Tage nach seiner Ernennung, hat nicht nur in Paris Schockwellen ausgelöst – sie hat auch in den Redaktionen Europas ein Beben verursacht. Kaum ein Leitmedium, das die Entwicklung nicht als Zeichen einer tiefgreifenden Instabilität deutet. Von „Unordnung ohne Beispiel“ spricht die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die spanische ABC konstatiert eine „atemberaubende Eskalation“, und der italienische Corriere della Sera nennt das politische System der Fünften Republik eine „Maschine, die nur noch stottert“. Ein Land, das einst als Garant europäischer Stabilität galt, erscheint plötzlich wie ein politisches Experiment unter Notstrom.

    Eine Krise mit Ansage Der aktuelle Sturm ist nicht vom Himmel gefallen. Sein Ursprung reicht zurück in den Sommer 2024 – den Moment, als Präsident Emmanuel Macron in einem riskanten Manöver die Nationalversammlung auflöste, in der Hoffnung, die wachsende Unruh…

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  • „Die Kippa abnehmen?“ – Wenn Sichtbarkeit zur Gefahr wird

    „Die Kippa abnehmen?“ – Wenn Sichtbarkeit zur Gefahr wird

    Seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des brutalen Hamas-Angriffs auf Israel, hat Frankreich eine Welle des Antisemitismus erlebt, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Überall im Land mehren sich Übergriffe, Beschimpfungen, Schmierereien – und eine wachsende Angst, die sich in einem Satz verdichtet hat: „Man nimmt die Kippa ab.“Ein Satz, der mehr sagt als tausend Kommentare. Ein Satz, der inzwischen in jüdischen Familien, WhatsApp-Gruppen und Gemeindetreffen zirkuliert – halb als Schutzinstinkt, halb als resignierte Erkenntnis. Doch was steckt hinter dieser scheinbar simplen Geste? Die Entscheidung, die Kippa – das sichtbarste Symbol jüdischer Identität – abzulegen, steht für ein Spannungsfeld zwischen Angst, Freiheit und Zugehörigkeit.

    Zwischen Sicherheit und Selbstbehauptung Für viele praktizierende Juden ist die Kippa kein bloßes Stück Stoff, sondern Ausdruck von Glauben, Würde und Zugehörigkeit. Doch wer sie heute auf offener Straße trägt, riskiert mehr als nur misstrauische Bl…

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  • „Alle fangen an, wirklich besorgt zu sein“ – Frankreichs politische Krise lässt in Straßburg die Alarmglocken erklingen

    „Alle fangen an, wirklich besorgt zu sein“ – Frankreichs politische Krise lässt in Straßburg die Alarmglocken erklingen

    Straßburg. Eigentlich wird hier über den Zustand der Welt debattiert – Migration, Klima, internationale Beziehungen. Doch in letzter Zeit rückt ein anderes Thema immer stärker in den Vordergrund: Frankreich. Nicht als klassisches Mitgliedsland. Sondern als Unsicherheitsfaktor. „Alle fangen an, wirklich besorgt zu sein“, so bringt es ein EU-Parlamentarier auf den Punkt – auch wenn der Satz so nirgends offiziell auftaucht, beschreibt er exakt die Stimmung hinter den Kulissen. Wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft ins Schlingern gerät Frankreich steckt in einer politischen Dauerkrise. Seit der Auflösung der Nationalversammlung im Jahr 2024 hat kein Kabinett mehr lange gehalten. Regierungen kamen und gingen – Barnier, Bayrou, Lecornu –, doch keine konnte eine stabile Mehrheit hinter sich vereinen. Der politische Kompass scheint verloren.Was einst als französisches Innenproblem galt, beginnt nun, europäische Kreise zu ziehen. Denn ein instabiles Frankreich bedeutet ein instabiles Europa – wi…

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  • Frankreichs politische Selbstblockade

    Frankreichs politische Selbstblockade

    Die 48 Stunden nach Sébastien Lecornus Rücktritt zeigen die institutionelle Erschöpfung der Fünften Republik

    Der Rücktritt von Sébastien Lecornu nach nur 27 Tagen im Amt des französischen Premierministers markiert weit mehr als ein persönliches Scheitern. Innerhalb von zwei Tagen legte sich ein grelles Licht auf die tiefe Funktionsstörung des französischen politischen Systems – ein System, das zwischen institutioneller Erstarrung, parteipolitischer Fragmentierung und einem präsidialen Machtvakuum taumelt.


    Ein Mandat ohne Mehrheit

    Als Emmanuel Macron Anfang September 2025 den jungen, erfahrenen Vertrauten Sébastien Lecornu zum Premierminister ernannte, verband er damit die Hoffnung, dem zerrissenen politischen Zentrum neues Leben einzuhauchen. Doch schon die Ausgangslage war ziemlich aussichtslos. Nach den vorgezogenen Parlamentswahlen von 2024 verfügte kein Lager über eine absolute Mehrheit: Weder das Mitte-Bündnis „Renaissance“ noch die Republikaner, Sozialisten oder die linkspopulistische „La France insoumise“ (LFI) sind regierungsfähig.

    Lecornu, zuvor Verteidigungsminister, versuchte, sich durch eine pragmatische Haltung von seinem Vorgänger François Bayrou abzugrenzen. Er versprach, den berüchtigten Artikel 49.3 – der es der Regierung erlaubt, Gesetze ohne Abstimmung durchzusetzen – nur als letztes Mittel zu nutzen, und suchte stattdessen einen „Dialog mit allen Kräften des Landes“. Doch das politische Klima ist vergiftet. Die Kompromissbereitschaft, auf die das parlamentarische System angewiesen wäre, blieb Illusion.


    Erste Risse am Koalitionsgefüge

    Schon bei der Vorbereitung der Regierungsbildung zeigte sich, dass Lecornus Versuch einer Öffnung zum Scheitern verurteilt war. Mehrere Minister der konservativen Republikaner (LR) drohten mit Rücktritt, nachdem ihre Partei nur unbedeutende Ressorts erhalten sollte. François Bayrou, Chef der Zentrumspartei MoDem und unglücklicher Vorgänger Lecornus, protestierte lautstark gegen die „Marginalisierung“ seines Lagers.

    Diese Konflikte waren keine taktischen Episoden, sondern Ausdruck einer strukturellen Krise. In einem politischen Feld, in dem persönliche Loyalitäten, parteitaktische Kalküle und ideologische Reinheit einander blockieren, war Lecornu von Anfang an eine Übergangsfigur – ohne eigene Mehrheit, ohne Rückhalt in der Assemblée nationale, ohne sichtbaren Plan.


    Zwei Tage zwischen Macht und Ohnmacht

    Am Morgen des 6. Oktober reichte Lecornu seine Demission im Élysée ein. Präsident Macron akzeptierte sie – und betraute ihn zugleich mit einer letzten Mission: 48 Stunden lang sollte er versuchen, doch noch eine „Plattform der Stabilität“ zu schaffen. Der Auftrag war symbolisch, fast theatralisch. Denn schon bald sickerte durch, dass Lecornu nicht bereit war, im Fall eines Erfolgs erneut die Regierung zu führen.

    Diese Episode legte die ganze Tragik der französischen Gegenwartspolitik offen. Lecornu war de facto Premierminister eines Landes ohne Regierung, Unterhändler eines Präsidenten ohne Mehrheit und Mediator eines Systems, das sich selber lähmt. Weder die Sozialisten noch die Republikaner, weder die Grünen noch die Linkspopulisten wollten sich auf ein gemeinsames Programm einlassen. Die Fronten zwischen den Blöcken blieben unversöhnlich.


    Der Stillstand als Systemzustand

    Was sich in diesen zwei Tagen abspielte, war weniger eine Krise als die Offenbarung einer Dauerkrise. Die Fünfte Republik, 1958 auf die Autorität des Präsidenten zugeschnitten, steht im Jahr 2025 vor einem strukturellen Paradox: Das Präsidialsystem verlangt Durchsetzungsfähigkeit, das Parteiensystem produziert Unregierbarkeit.

    Ohne Mehrheit im Parlament kann kein Premier Gesetzesvorhaben durchbringen; ohne funktionierende Legislative verliert der Präsident seine Handlungsbasis. Die Folge ist ein institutioneller Stillstand, der in Brüssel und an den Finanzmärkten zunehmend Besorgnis auslöst. Der Financial Times zufolge reagierten Investoren mit wachsendem Misstrauen auf den politischen Schwebezustand: steigende Risikoaufschläge, schwankende Kurse französischer Staatsanleihen, zunehmende Skepsis gegenüber der Haushaltsstabilität.

    Zudem zeichnet sich ab, dass Macron – inzwischen politisch weitgehend isoliert – den letzten verbliebenen Hebel nutzt: die Drohung einer erneuten Auflösung der Nationalversammlung. Doch eine weitere Parlamentswahl könnte die Fragmentierung eher vertiefen als beheben.


    Ermüdung der Institutionen

    Die französische Öffentlichkeit reagiert zunehmend mit Gleichgültigkeit auf die Abfolge von Rücktritten, Krisensitzungen und Neuverhandlungen. Seit 2024 haben sich drei Regierungen im Amt abgelöst, keine davon dauerte länger als einige Monate. Der fortgesetzte Ausnahmezustand des Regierens unterminiert nicht nur das Vertrauen in die Parteien, sondern auch in die demokratische Effizienz des Staates selbst.

    Politikwissenschaftler in Paris sprechen von einer „institutionellen Erschöpfung“: Die Mechanismen der V. Republik – einst Garant für Stabilität – seien in einer Gesellschaft, die nach Dialog und Repräsentation verlangt, zu starr geworden. Der Versuch, das alte Machtmodell durch technokratische Pragmatik zu retten, verstärkt nur den Eindruck, dass Politik sich im Kreis dreht.


    Ein Präsident scheint Schachmatt

    Für Emmanuel Macron ist Lecornus Rücktritt ein schwerer Rückschlag. Der Präsident, dessen zweite Amtszeit ohnehin von schwindender Zustimmung und Autorität geprägt ist, sieht sich ohne verlässliche Mehrheiten, ohne stabile Regierung und ohne politische Reservebank. Jede Personalentscheidung wird zur Frage der Legitimität seines eigenen Systems.

    Macrons Machtbasis beruht noch auf der Rolle des Moderators zwischen Blöcken, doch selbst diese Position verliert an Gewicht. Die extreme Rechte des Rassemblement National (RN) profitiert von der Lähmung des Zentrums, während auf der Linken das Bündnis „Nouveau Front populaire“ zwischen Sozialisten, Grünen und LFI in sich zerfällt. Frankreich steuert damit auf ein institutionelles Niemandsland zu – in dem weder klare Mehrheiten noch dauerhafte Opposition existieren.


    Frankreich erlebt in diesen Tagen die Agonie eines politischen Modells, das seine eigene Modernität überlebt hat. Die Fünfte Republik, geboren aus der Krise von 1958, hat sich über Jahrzehnte durch ihre Stabilität ausgezeichnet. Nun droht sie an genau diesem Prinzip zu scheitern: an der Unfähigkeit, Mehrdeutigkeit und Pluralismus in Regierungsfähigkeit zu übersetzen. Lecornus Rücktritt ist kein Unfall, sondern Symptom einer Republik, die in ihren eigenen Mechanismen gefangen ist – und deren Zukunft ungewisser kaum sein könnte.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Israel im Krieg mit sich selbst

    Israel im Krieg mit sich selbst

    Zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober ist Israel ein zerrissenes Land. Der Krieg im Gazastreifen hat Zehntausende Palästinenser das Leben gekostet. Doch noch immer sind nicht alle israelischen Geiseln befreit, und das kollektive Trauma wirkt fort. Die stetig wachsende Siedlerbewegung hat die palästinensischen Hoffnungen auf einen eigenen Staat immer weiter zerstört. Der endlose Krieg hat Israel gespalten – und es ist international isolierter als je zuvor.

    Ein Land im Griff des Zweifels. Und das war noch vor Beginn der jüngsten Verhandlungen zur möglichen Freilassung von Geiseln und – vielleicht – einem Ende des Krieges. Seit Beginn dieser Gespräche ist die gesellschaftliche Anspannung sogar noch größer geworden.

    Israel führt Krieg gegen die Hamas. Doch es führt auch Krieg gegen sich selbst.


    Zwei Traumata

    Der längste Krieg in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts stellt Israels Selbstverständnis und nationales Selbstbild infrage. Nach Angaben lokaler Gesundheitsbehörden wurden fast 70.000 Palästinenser getötet. Die Zerstörung ist so umfassend, dass viele Staaten Israel des Völkermords bezichtigen. Weltweit nimmt der Antisemitismus wieder zu.

    Für Palästinenser bleibt ein eigener Staat – obwohl zuletzt immer mehr Länder Palästina offiziell anerkannten – eine ferne, kaum erreichbare Hoffnung. Der ungelöste Status einer palästinensischen Staatlichkeit ist der unverrückbare Kern eines immer wieder aufflammenden Konflikts.

    US-Präsident Donald Trump schlägt nun, in Missachtung jahrzehntelanger westlicher Fehlversuche im Nahen Osten, eine Art Treuhandschaft für Gaza vor. Internationale Organisationen sollen wirtschaftlichen Wohlstand schaffen – als vermeintlichen „Weg“ zum Frieden.

    Doch Trumps Vorstellung, Gaza in eine Art Küstenhandelszone mit „bevorzugten Zoll- und Zugangsbedingungen“ zu verwandeln, bei gleichzeitig minimaler palästinensischer Selbstverwaltung, wirkt herablassend gegenüber der Bevölkerung und ist kaum realistisch.

    Vertreibung und das Streben nach Heimat sind tief verankerte Bestandteile der verflochtenen Schicksale von Israelis und Palästinensern. Die Shoah und die Nakba von 1948 – die „Katastrophe“, bei der rund 750.000 Palästinenser während des israelischen Unabhängigkeitskriegs vertrieben wurden – konkurrieren auf den kalten Waagschalen des Opferdiskurses um moralische Deutungshoheit. Die Hamas-Attacke vom 7. Oktober und der seither tobende Krieg haben beide Seiten in ihre jeweils tiefsten historischen Traumata zurückgeworfen – und den Hass vertieft.


    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“

    In arabischen Nachbarstaaten spricht man von einem imperialen Israel, seit Premierminister Benjamin Netanjahu Militärschläge gegen Hisbollah-Führer im Libanon und gegen das iranische Atomprogramm führte. Doch in Israel selbst ist wenig von Siegesgewissheit zu spüren.

    In den Augen der Bevölkerung ist Israel mit Hamas, seinem vermeintlich schwächsten Gegner, konfrontiert – und zeigt sich erschütternd machtlos. Vielleicht, weil sich eine Idee nicht militärisch besiegen lässt. Diese Erkenntnis hat eine innere Debatte ausgelöst: Hat das Land seine moralischen Prinzipien verloren?

    In Kairo fanden gestern Gespräche zwischen israelischen und Hamas-Unterhändlern über einen möglichen Austausch israelischer Geiseln gegen palästinensische Gefangene statt. Schätzungen zufolge werden derzeit noch rund 20 Geiseln sowie die Leichen von 25 weiteren in Gaza festgehalten – seit über 725 Tagen.

    Zu den Entführten zählt auch Nimrod Cohen, der kürzlich 21 Jahre alt wurde. Alle paar Monate erhalten seine Mutter Vicki und ihr Ehemann Yehuda „Lebenszeichen“ über das israelische Militär.

    Hunderttausende Israelis, darunter auch die Cohens, demonstrieren regelmäßig – sie fordern, dass die Regierung das Leid der Nation endlich ernst nimmt und die Befreiung der Geiseln zur obersten Priorität macht.

    „Wir sehen Netanjahus Regierung als unseren Feind“, sagte Nimrods Vater der New York Times. „Er verlängert den Krieg nur, um politisch zu überleben.“

    Er glaubt: Der einzige Weg, den Krieg zu beenden, sei, wenn Trump Netanjahu dazu zwingt.

    Wie empfinden Israelis ihr Land heute? „Ich will nicht in einem Land leben, das über andere herrscht“, sagt Nimrods Vater. „Ich will nicht in einem Land leben, dessen internationale Grenzen nicht anerkannt sind. Ich will in einem normalen Land leben.“


    Das Leid in Gaza

    Mindestens einer von 34 Bewohnern des Gazastreifens wurde in diesem Krieg bisher getötet. Ganze Stadtviertel sind ausgelöscht. Familien wurden auseinandergerissen, Gemeinschaften zerstört. Die meisten Menschen in Gaza kämpfen nur noch ums nackte Überleben. Die Zukunft bleibt für sie unvorstellbar – der Krieg hat die Gesellschaft zerrüttet und entstellt.


    Die kurzlebigste Regierung in der modernen Geschichte Frankreichs

    Sébastien Lecornu sorgte gestern für eine große Überraschung, als er nur knapp 24 Stunden nach der Bildung seines Kabinetts als Premierminister zurücktrat. Er war nicht einmal einen Monat im Amt – damit ist seine Regierung die am kürzesten amtierende in der Geschichte der Fünften Republik.

    Der Rücktritt erhöht den Druck auf Präsident Emmanuel Macron, entweder Neuwahlen für das Parlament auszurufen oder selbst zurückzutreten – Optionen, die er bislang ausgeschlossen hat. Die Märkte reagierten nervös, denn durch die Regierungskrise ist nun auch die Verabschiedung eines Haushalts zur Eindämmung des steigenden Defizits bis Jahresende gefährdet.

    Kaum jemand rechnet ernsthaft mit Macrons Rücktritt – er ist auch rechtlich nicht dazu verpflichtet. Doch seine Handlungsspielräume schrumpfen, und er muss nun zwischen mehreren unangenehmen Optionen die am wenigsten schädliche wählen.


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    – Nach starkem Schneefall am Wochenende saßen Hunderte Menschen am Mount Everest fest.
    – Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte es ab, die Verurteilung von Ghislaine Maxwell – einer engen Vertrauten von Jeffrey Epstein – noch einmal zu überprüfen.
    – Bei den ersten Parlamentswahlen in Syrien seit Jahren erhielten vor allem sunnitische Männer Mandate, die zuvor gegen das Assad-Regime gekämpft hatten.
    OpenAI gab einen bedeutenden Vertrag über den Kauf von Computerchips bei AMD bekannt – wenige Wochen nachdem ein ähnlicher Deal mit dem Konkurrenten Nvidia abgeschlossen wurde.
    Pakistan erlebt derzeit den heftigsten Aufstand der Taliban seit einem Jahrzehnt – unterstützt durch die afghanischen Taliban.
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    Autor: P. Tiko