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  • Terrorfinanzierung im Namen der Zementproduktion: Der Lafarge-Prozess in Paris

    Terrorfinanzierung im Namen der Zementproduktion: Der Lafarge-Prozess in Paris

    Am 4. November 2025 beginnt vor der Cour d’assises spéciale in Paris ein Gerichtsverfahren von historischer Tragweite: Zum ersten Mal steht in Frankreich ein multinationales Unternehmen, Lafarge SA (heute Teil des Schweizer Konzerns Holcim Ltd.), wegen des Vorwurfs der Terrorismusfinanzierung vor Gericht. Der Zementhersteller soll in den Jahren 2012 bis 2014 mehrere Millionen Euro an bewaffnete Gruppen in Syrien gezahlt haben – darunter mutmaßlich auch an den sogenannten Islamischen Staat (IS) –, um den Weiterbetrieb seiner Zementfabrik in Jalabiya zu sichern.

    Geschäfte inmitten des Bürgerkriegs

    Die Fakten, wie sie durch französische Untersuchungsrichter zusammengetragen wurden, sind bemerkenswert. Lafarge betrieb über seine Tochtergesellschaft Lafarge Cement Syria ein Werk im Nordosten Syriens – in einem Gebiet, das zunehmend unter Kontrolle jihadistischer Gruppen geriet. Um die Zementproduktion trotz Bürgerkrieg aufrechtzuerhalten, soll das Unternehmen Vereinbarungen mit verschiedenen bewaffneten Akteuren getroffen und Zahlungen für sichere Transportwege sowie den Erwerb von Rohstoffen geleistet haben. Gleichzeitig soll Lafarge gegen ein EU-Embargo verstoßen haben, das jegliche wirtschaftliche Kontakte mit als terroristisch eingestuften Gruppen untersagte.

    Während das Unternehmen in den USA bereits 2022 ein Schuldeingeständnis abgelegt und eine Strafe von 778 Millionen Dollar akzeptiert hatte, steht in Frankreich nun die juristische und moralische Verantwortung auf dem Prüfstand. Zentral ist dabei die Frage, inwieweit multinationale Unternehmen in Konfliktzonen operieren können, ohne sich der Komplizenschaft mit Kriegsverbrechern schuldig zu machen.

    Verantwortung auf mehreren Ebenen

    Der Pariser Prozess geht über die persönliche Verantwortung einzelner Führungskräfte hinaus. Er ist ein Präzedenzfall für die strafrechtliche Haftung von Unternehmen als juristische Personen. Frankreich betritt damit juristisches Neuland: Zwar wurde in der Vergangenheit immer wieder über ethische Standards in der Geschäftstätigkeit von Konzernen diskutiert, doch selten kam es zu einer formellen Anklage wegen Terrorismusfinanzierung.

    Die Ankläger argumentieren, dass Lafarge nicht nur fahrlässig gehandelt, sondern bewusst Risiken eingegangen sei, um seine wirtschaftlichen Interessen zu wahren – auch um den Preis der Zusammenarbeit mit jihadistischen Gruppen. Die Verteidigung hingegen verweist auf die chaotischen Zustände im syrischen Bürgerkrieg, die Notwendigkeit zum Schutz der Angestellten und eine dezentrale Entscheidungsstruktur, die das Wissen der Pariser Konzernzentrale über die Vorgänge vor Ort in Frage stellt.

    Unternehmen zwischen Recht und Realität

    Der Fall Lafarge wirft ein Schlaglicht auf die Grauzonen globalisierter Wirtschaftstätigkeit. Immer mehr Unternehmen agieren in geopolitisch fragilen Regionen – sei es aus strategischem Kalkül, sei es infolge von Fehleinschätzungen. Die internationale Rechtsordnung hinkt der Entwicklung oftmals hinterher: Weder das internationale Strafrecht noch die handelsrechtlichen Normen bieten bisher klare Leitlinien für das Verhalten von Unternehmen in Kriegsgebieten.

    Gleichzeitig wird der Ruf nach Rechenschaftspflicht lauter. Organisationen wie Sherpa und das European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCHR), die im Fall Lafarge als Nebenkläger auftreten, fordern seit Jahren, dass Unternehmen zur Einhaltung menschenrechtlicher und völkerrechtlicher Standards gezwungen werden. Der Prozess könnte damit auch ein Signal an andere multinationale Akteure senden: ökonomisches Überleben darf nicht zur Rechtfertigung für Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden.

    Ein Präzedenzfall mit offenem Ausgang

    Der Prozess, der bis Mitte Dezember 2025 angesetzt ist, wird nicht nur juristisch, sondern auch politisch aufmerksam verfolgt. Frankreichs Justiz betritt mit der Anklage Neuland – mit potenziell weitreichenden Folgen für Compliance-Systeme, Risikomanagement und Konzernverantwortung. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, könnte dies eine Neubewertung der unternehmerischen Tätigkeit in Krisenregionen weltweit nach sich ziehen.

    Unabhängig vom Urteil hat der Fall bereits eines gezeigt: Die Zeit der straflosen Geschäftstätigkeit in Kriegsgebieten neigt sich dem Ende zu. Der globale Süden – oft zugleich Rohstoffquelle und Konfliktherd – wird zunehmend zum Prüfstein für die Glaubwürdigkeit westlicher Unternehmen. Lafarge steht in Paris nicht nur vor Gericht. Es steht symbolisch für ein ganzes Wirtschaftsmodell.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn alte Bilder laufen lernen – Wie Niort sein visuelles Gedächtnis mit KI neu belebt

    Wenn alte Bilder laufen lernen – Wie Niort sein visuelles Gedächtnis mit KI neu belebt

    Ein altes Straßencafé, ein Marktplatz voller Hüte und Pferdefuhrwerke, eine Gasse, die längst nicht mehr existiert – und plötzlich bewegt sich etwas. Ein Schatten huscht über die Fassade, eine leichte Kamerafahrt lässt den Blick tiefer ins Bild gleiten. Was wie Magie wirkt, ist das Werk künstlicher …

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  • Kommentar: Verurteilt die Schleuser – aber lasst es damit nicht bewenden

    Kommentar: Verurteilt die Schleuser – aber lasst es damit nicht bewenden

    Warum Europas Politik Mitschuld trägt, wenn Migranten im Ärmelkanal ertrinken

    Es sind immer die gleichen Bilder. Ein überfülltes Boot, Dunkelheit, Salzwasser, Schreie – dann Stille. Irgendwo im Ärmelkanal, im Grenzgebiet zwischen Hoffnung und Untergang, sterben immer wieder Menschen. Sieben Migranten verloren im Juli 2023 ihr Leben bei dem Versuch, das ersehnte Ufer Großbritanniens zu erreichen. Nun sitzen neun Männer in Paris auf der Anklagebank. Man wirft ihnen vor, dieses tödliche Geschäft organisiert zu haben. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, verdienen sie ein hartes Urteil.

    Aber machen wir uns nichts vor: Sie sind nur ein Teil des Problems.

    Was sich hier Bahn bricht, ist mehr als ein krimineller Akt. Es ist ein Systemversagen – und Europa steht mittendrin. Denn hinter jedem Schlauchboot, das in der Dunkelheit ablegt, steht ein Versprechen, das der Westen nicht einlöst: Schutz. Perspektive. Menschlichkeit.

    Europa macht dicht – und wundert sich über das Ergebnis. Wer legale Wege zur Einreise versperrt, öffnet Schleusern Tür und Tor. Wer Asylverfahren verschleppt, wer Visa unmöglich macht, wer inakzeptable Rückführungsabkommen mit autokratischen Staaten schließt, trägt Mitverantwortung für das, was in der Nacht geschieht. Für Menschlichkeit, die untergeht.

    Wir reden viel über Sicherheit – und zu wenig über Gerechtigkeit.

    Natürlich müssen Schleuser verurteilt werden. Wer andere bewusst in Lebensgefahr bringt, wer aus ihrer Not Profit schlägt, gehört vor Gericht. Aber das genügt nicht. Denn solange es keine anderen Wege gibt, solange das Leben in einem Schlauchboot die letzte Option bleibt, wird sich an der Zahl der Opfer nichts ändern.

    Europa hat sich bequem eingerichtet in seiner Abwehrhaltung. Aber jedes neue Bootsunglück, jeder neue Sarg sollte ein Aufschrei sein. Wo bleibt die Empörung über die eigenen Grenzen, die mehr verhindern als schützen? Wo sind die politischen Konzepte, die den Namen „Migrationspolitik“ verdienen? Nicht nur Mauern, nicht nur Abschreckung, sondern echte Alternativen?

    Es reicht nicht, immer wieder dieselben Täter abzuurteilen, wenn das System sie stets neu gebiert. Es reicht nicht, die Hände zu heben und auf die „Komplexität des Problems“ zu verweisen. Menschen sterben – und Europa schaut zu, im Abstand der Formalität.

    Der Tod im Ärmelkanal ist kein trauriger Einzelfall. Er ist das Symptom einer Politik, die Verantwortung abwälzt – auf Gerichte, auf Drittstaaten, auf die Natur. Doch am Ende ertrinken keine Paragraphen. Es sind Menschen.

    Wann beginnt Europa, sich nicht nur rechtlich, sondern moralisch zu verantworten?

    Autor: Daniel Ivers

  • Tödliche Überfahrt, zäher Rechtsstaat

    Tödliche Überfahrt, zäher Rechtsstaat

    Ein Pariser Prozess rückt Europas gespaltenes Verhältnis zur Migration in den Fokus.

    Sieben Menschen starben im Juli 2023 beim Versuch, in einem Schlauchboot den Ärmelkanal zu überqueren. Es war nicht das erste Bootsunglück in diesen Gewässern, es wird kaum das letzte gewesen sein. Die Bilder solcher Tragödien sind hinlänglich bekannt – was bleibt, ist das Entsetzen. Und nun, über zwei Jahre später, der Versuch einer juristischen Aufarbeitung: Neun Männer stehen seit gestern in Paris vor Gericht. Der Vorwurf: organisierte Schleusung. Ihr Motiv: mutmaßlich Gewinn. Ihre Verantwortung: möglicherweise der Tod von sieben Menschen.

    Der französische Staat setzt mit diesem Prozess ein Zeichen. Nicht nur gegen jene, die aus Verzweiflung eine lebensgefährliche Route wählen, sondern gegen jene, die aus dieser Verzweiflung ein Geschäftsmodell machen. Das ist richtig – und notwendig. Denn was sich im Schatten der Migration abspielt, ist ein vielschichtiges Drama aus Armut, Perspektivlosigkeit und Ausbeutung. Die Angeklagten sollen Teil eines Netzwerks gewesen sein, das Migranten systematisch über den Ärmelkanal schleuste. Die Logistik war offenbar erprobt, die Methode bekannt: vollbesetzte Schlauchboote, Nachtfahrt, keine Schwimmwesten, keine Navigation – ein Spiel mit dem Tod.

    Doch wer jetzt auf schnelle Gerechtigkeit hofft, wird sich gedulden müssen. Der Rechtsstaat arbeitet langsamer als die Boote der Schleuser. Das ist keine Schwäche, sondern seine Stärke. Der Prozess in Paris ist der Versuch, die Verantwortlichen zu ermitteln – und zugleich ein Testfall für die juristische Handlungsfähigkeit in grenzüberschreitenden Delikten. Denn die Fluchtroute endet in Großbritannien, beginnt aber auf französischem Boden. Ein rechtlicher Graubereich, in dem staatliche Zuständigkeiten verschwimmen und politische Interessen aufeinandertreffen.

    Frankreich steht unter Druck – nicht nur aus London, sondern auch aus der eigenen Bevölkerung. Migration ist längst zu einem Reizthema geworden, in den Vororten ebenso wie in den Medien. Das Urteil in diesem Fall wird daran nichts ändern, aber es wird bewertet werden: als Signal der Härte oder der Hilflosigkeit. Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Der Staat kann gegen Schleuser vorgehen, er kann Netzwerke zerschlagen, Prozesse führen, Urteile fällen. Aber er kann nicht verhindern, dass es immer neue Wege gibt, solange Menschen fliehen – vor Krieg, Hunger, Verfolgung oder Hoffnungslosigkeit.

    Die Politik muss begreifen, dass der Kampf gegen Schleuser nur die halbe Arbeit ist. Solange es keine legalen Alternativen gibt, werden die illegalen Routen nicht versiegen. Solange sich Verzweiflung nicht an Grenzen hält, bleiben auch Grenzzäune nur symbolisch wirksam. Der Prozess in Paris ist ein notwendiger Schritt – aber er löst nicht das strukturelle Dilemma.

    Am Ende bleibt die Frage, die nicht vor Gericht verhandelt wird: Wie viele Tote braucht es noch, bis Europa sich auf eine gemeinsame Migrationspolitik einigt, die diesen Namen verdient? Eine, die Schleuser nicht nur bestraft, sondern überflüssig macht.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Die Festung über dem Abgrund – Penne und sein mittelalterliches Erbe

    Die Festung über dem Abgrund – Penne und sein mittelalterliches Erbe

    Ein Ort wie aus der Zeit gefallen Stell dir vor, du fährst durch die hügelige Landschaft des südfranzösischen Départements Tarn, irgendwo zwischen Montauban und Albi, und plötzlich taucht sie auf: eine mittelalterliche Festung, die wie ein Steinadlerhorst hoch oben auf einem Fels thront. Willkommen in Penne – einem Dorf, das auf den ersten Blick wirkt, […]

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  • Mord an einem Anwalt – und ein Prozess, der viel mehr ist als nur ein Strafverfahren

    Mord an einem Anwalt – und ein Prozess, der viel mehr ist als nur ein Strafverfahren

    Ein Justizdrama, das über ein Jahrzehnt alt ist, entfaltet sich nun vor den Augen der Öffentlichkeit: Der Mord an dem korsischen Anwalt Antoine Sollacaro wird seit dem 3. November 2025 vor dem Schwurgericht der Bouches-du-Rhône in Aix-en-Provence verhandelt. Dreizehn Jahre nach der Tat. Und die Spannungen sind mit Händen zu greifen. Die Geschichte beginnt mit einer Hinrichtung. Am 16. Oktober 2012, einem Dienstagmorgen in Ajaccio, wird Antoine Sollacaro erschossen – kaltblütig, am Steuer seines Porsche, vor einer Tankstelle. Der Täter kam auf einem Motorrad, feuerte aus nächster Nähe und verschwand. Der Tod des prominenten Strafverteidigers erschütterte ganz Frankreich. Es war der erste Mord an einem Anwalt seit zwanzig Jahren. Doch Sollacaro war nicht irgendein Jurist. Er war eine Institution: ehemaliger Präsident der Anwaltskammer von Ajaccio, Verteidiger von Größen der korsischen Nationalisten-Szene wie Yvan Colonna oder Alain Orsoni. In seinen Plädoyers verband sich Justiz mit Poli…

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  • Huawei in der Sackgasse? Warum die neue Mega-Fabrik im Elsass leer steht

    Huawei in der Sackgasse? Warum die neue Mega-Fabrik im Elsass leer steht

    Acht Hektar Gelände. Über 50.000 Quadratmeter Produktionsfläche. Ein 300-Millionen-Euro-Investment. Und jetzt? Gähnende Leere. Mit großem Tamtam hatte der chinesische Tech-Riese Huawei Ende 2020 den Bau einer hochmodernen Fabrik in Brumath angekündigt – rund 20 Kilometer nördlich von Straßburg. Ziel: Die Herstellung von Antennen für 4G- und 5G-Netze in Europa. Ein Prestigeprojekt, das die europäische Industrie stärken und hunderte Arbeitsplätze schaffen sollte. Doch inzwischen scheint von dieser Vision wenig übrig.

    Ein Industrie-Traum aus Beton – aber ohne Leben Der riesige Industriekomplex steht fertig da. Die Hallen glänzen im Neuzustand, alles ist bereit für den Produktionsstart – theoretisch. Denn praktisch tut sich: nichts. Die versprochenen 300 Arbeitsplätze? Nicht besetzt. Der geplante Start der Produktion am 1. Januar 2026? Fraglich. Und Huawei selbst? Hält sich bedeckt. Weder konkrete Zusagen noch Dementis – nur die Bestätigung, dass man „über verschiedene Optionen nachdenke“…

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  • Steuer-Schock in der Bretagne? Warum die „Verdreifachung der Tourismusabgabe“ (noch) nicht kommt

    Steuer-Schock in der Bretagne? Warum die „Verdreifachung der Tourismusabgabe“ (noch) nicht kommt

    Kaum war die Rede von einer möglichen Verdreifachung der Taxe de séjour – also der Tourismusabgabe – in der Bretagne, ging ein Raunen durch die Branche. Finanzieren sollte diese drastische Maßnahme angeblich den öffentlichen Nahverkehr in der Region. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Von einer tatsächlichen Verdreifachung kann derzeit keine Rede sein.

    Ein Sturm im Wasserglas?

    Vielleicht. Vielleicht auch nicht.


    Die Steuer, die Urlauber bezahlen

    Die sogenannte Taxe de séjour ist nichts Neues: Sie wird auf Übernachtungen erhoben und je nach Art und Komfort des Quartiers berechnet – Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, alle müssen melden, was bei ihnen an Gästen so ein- und ausgeht.

    In einer Region wie der Bretagne, die jährlich Millionen Tourist:innen anzieht, kommt da einiges zusammen. Rund 22 Millionen Euro spülte diese Steuer allein im Jahr 2023 in die Kassen der Kommunen. Und: In Départements wie Ille-et-Vilaine oder den Côtes-d’Armor gibt es bereits einen 10-prozentigen Aufschlag, der zusätzlich zur regulären Abgabe erhoben wird.

    Aber selbst mit dieser Zusatzgebühr ist die Steuer meilenweit von einer Verdreifachung entfernt.


    Woher kommt dann das Gerücht?

    Die Spur führt ins französische Parlament. Dort brachte Paul Molac, ein regional verankerter Abgeordneter, Ende Oktober 2025 einen Änderungsantrag zum Haushaltsgesetz ein: Die Taxe de séjour solle um 200 % erhöht werden – explizit in der Bretagne. Begründung? Das Geld werde für Busse, Bahnen und regionale Mobilitätsprojekte gebraucht.

    Doch der Antrag scheiterte.

    Schon in der ersten Beratung im Finanzausschuss wurde der Vorschlag abgelehnt. Offiziell vom Tisch ist die Idee damit zwar nicht – aber sie hat derzeit keine rechtliche Grundlage. Keine Region, kein Département hat bislang einen entsprechenden Beschluss verabschiedet.


    Gute Idee?

    Es gibt durchaus Argumente für eine stärkere Beteiligung von Tourist:innen an den Folgekosten ihres Aufenthalts. Müll, Abwasser, Verkehrsstaus – die Liste an Nebeneffekten langer Sommermonate ist nicht gerade kurz. Und: Wer die Infrastruktur nutzt, könnte dafür auch ein bisschen was bezahlen.

    Doch so logisch das klingt – ganz so einfach ist es nicht.

    Denn mit jeder Erhöhung der Steuer steht die Wettbewerbsfähigkeit der Region auf dem Spiel. Weniger Gäste, kürzere Aufenthalte, Abwanderung zu billigeren Regionen? Alles denkbar. Gerade Plattformen wie Airbnb, die auf Preis-Leistungs-Sensibilität setzen, könnten darunter leiden. Und die Hotellerie, die in den letzten Jahren ohnehin nicht auf Rosen gebettet ist, könnte erneut unter Druck geraten.


    Der Knackpunkt: Glaubwürdigkeit

    Was viele in der Branche irritiert, ist die mangelnde Transparenz. Wofür genau sollen die Mehreinnahmen verwendet werden? Wie hoch wäre die Steuer konkret pro Nacht und Kategorie? Welche Kommunen wären betroffen? Und vor allem: Wird diese Idee im Hinterzimmer bereits still und heimlich vorbereitet?


    Aktueller Stand: Keine Änderung in Sicht

    Fakt ist: Es gibt keinen gültigen Beschluss in der Bretagne, der eine Verdreifachung der Tourismusabgabe vorsieht. Der Vorstoß von Paul Molac ist vorerst gescheitert. Die einzige nachgewiesene Erhöhung liegt weiterhin bei rund +10 % in bestimmten Départements – und die gibt es schon seit Längerem.

    Heißt das, die Idee ist vom Tisch?

    Nicht unbedingt.

    Aber bis sie Realität wird, müssten weitere öffentliche Debatten stattfinden, Haushaltspläne angepasst und konkrete Satzungen verabschiedet werden. Davon sind die bretonischen Behörden derzeit noch ein gutes Stück entfernt.


    Vielleicht ist das alles also wirklich nur ein Testballon gewesen. Oder ein Signal, das die Richtung andeuten soll.

    Doch bis aus dem „Was wäre, wenn“ ein „So wird’s gemacht“ wird, braucht es noch Zeit – und eine Menge politischer Überzeugungsarbeit.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Machtprobe am Hudson: Wie Donald Trump die Bürgermeisterwahl in New York beeinflusst

    Machtprobe am Hudson: Wie Donald Trump die Bürgermeisterwahl in New York beeinflusst

    In kaum einer anderen Stadt der USA ist Donald Trump so präsent wie in New York – sei es als Bauunternehmer, Fernsehmilliardär oder (Ex)-Präsident. Doch ausgerechnet in der liberalen Hochburg, die ihn politisch nie akzeptierte, versucht Trump im Jahr 2025 zum Königsmacher aufzusteigen. Bei der Bürgermeisterwahl in New York City mischt er sich mit ungewöhnlicher Vehemenz ein – und bringt damit nicht nur das lokale Parteiensystem, sondern auch föderale Grundsätze ins Wanken.


    Ein kalkulierter Tabubruch

    Donald Trump hat sich in den letzten Wochen offen hinter den parteiunabhängigen Kandidaten Andrew Cuomo gestellt – ausgerechnet jenen ehemaligen Gouverneur von New York, der nach seinem erzwungenen Rücktritt im Jahr 2021 politisch abgeschrieben war. Für Trump jedoch ist Cuomo das geringere Übel im Vergleich zum demokratischen Kandidaten Zohran Mamdani, einem linken Abgeordneten mit Wurzeln in der Working Families Party.

    In Reden und auf seinem sozialen Netzwerk „Truth Social“ bezeichnete Trump Mamdani als „Kommunisten“ und kündigte an, New York City im Falle von Mamdanis Wahlsieg nur noch das „absolute Minimum“ an Bundesmitteln zukommen zu lassen. „Wenn dieser radikale Sozialist Bürgermeister wird, wird New York zur dritten Welt“, so Trump wörtlich laut TIME.

    Diese direkte Einflussnahme ist ungewöhnlich – selbst für US-Verhältnisse, wo politische Rhetorik oft scharf ist. Ein ehemaliger Präsident, der offen droht, eine Stadt finanziell auszutrocknen, sollte sie nicht den „richtigen“ Kandidaten wählen, bewegt sich an der Grenze zum institutionellen Erpressungsversuch.


    Machtpolitisches Kalkül

    Trumps Intervention ist kein impulsiver Alleingang, sondern Teil eines kalkulierten Machtspiels. Es geht ihm dabei nicht allein um New York. Die Metropole ist für Trump von symbolischer Bedeutung: Sie ist seine Heimatstadt – und war stets sein ideologisches Gegenbild. Seine politischen Niederlagen dort (im Jahr 2020 erhielt er in NYC nur 23 % der Stimmen) dürften sein persönliches Motiv verstärken, sich dort doch noch als dominierender Faktor zu etablieren.

    Zugleich setzt Trump auf eine Polarisierungsstrategie, die sich seit 2016 bewährt hat: Indem er linke Kandidaten als Feindbild aufbaut, mobilisiert er konservative Wähler – auch über Parteigrenzen hinweg. Andrew Cuomo, dessen Politik als Gouverneur als moderat-progressiv galt, erscheint Trump als potenzieller Bündnispartner gegen Mamdani. Dass Cuomo derzeit parteilos kandidiert, erhöht seine strategische Anschlussfähigkeit.

    Die republikanische Partei spielt dabei eine Nebenrolle. Trump soll laut Berichten sogar Druck ausgeübt haben, den republikanischen Kandidaten Curtis Sliwa zum Rückzug zu bewegen – um das konservative Lager hinter Cuomo zu einen. Eine de facto Koalition gegen die progressive Linke also, orchestriert von einem US-Präsidenten, der von persönlichen Eitelkeiten getrieben scheint.


    Reaktionen und Widerstände

    Die Reaktionen in New York fielen heftig aus. Gouverneurin Kathy Hochul warf Trump vor, sich „als Königsmacher aufzuspielen“, und warnte vor dem Missbrauch föderaler Finanzinstrumente zur politischen Disziplinierung. Auch Bürgermeister Eric Adams, der nicht zur Wiederwahl antritt, sprach von einem „gefährlichen Präzedenzfall“.

    Juristisch ist Trumps Drohung zur Finanzierungskürzung kaum haltbar. Zwar verfügt der Präsident über gewisse Spielräume bei der Mittelvergabe, doch viele Förderprogramme sind gesetzlich fixiert oder unterliegen Mitentscheidungsrechten des Kongresses. Zudem könnten gezielte Kürzungen als parteipolitisch motivierte Diskriminierung verfassungsrechtlich angreifbar sein – der Guardian weist auf frühere Fälle hin, in denen Gerichte derartige Praktiken untersagten.

    Politisch jedoch entfaltet Trumps Intervention Wirkung. Cuomo, der zu Beginn des Wahlkampfs als Außenseiter galt, verzeichnet in jüngsten Umfragen deutliche Zugewinne – auch weil moderate Wähler in Manhattan und Queens zunehmend verunsichert sind durch Mamdanis explizit sozialistische Positionen zu Wohnungsbau, Polizeireform und Vermögensumverteilung.


    Eine Wahl mit Signalwirkung

    Der eigentliche Konflikt dieser Wahl ist somit nicht Cuomo gegen Mamdani, sondern Establishment gegen linke Basis, Föderalismus gegen Zentralmacht, und nicht zuletzt: Trumpismus gegen urban-liberale Selbstbestimmung. Dass sich diese Auseinandersetzung in einer Kommunalwahl entlädt, ist Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels in der US-Politik.

    Lokale Wahlen, traditionell von Sachfragen und Nähe zur Bevölkerung geprägt, werden zunehmend zu Projektionsflächen nationaler Lagerkämpfe. Das zeigt sich nicht nur in New York: Auch in San Francisco, Atlanta oder Chicago nahmen in den letzten Jahren parteipolitische Polarisierungen bei Bürgermeisterwahlen deutlich zu.

    Trump testet nun, wie weit er diesen Trend treiben kann – als Präsident mit erheblichem politischem Kapital. Die Wahl in New York wird damit zu einem Testfall: Kann ein Präsident durch strategische Polarisierung und mediale Inszenierung das Ergebnis einer Wahl in einer Großstadt wie New York beeinflussen? Und wenn ja – mit welchen Folgen für das demokratische Selbstverständnis auf lokaler Ebene?

    Es ist offen, ob Trumps Rechnung aufgehen wird. Fest steht: Der Versuch allein verändert das Spiel. Und möglicherweise auch die Regeln.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Architektur zum Einsteigen: Zwei neue Pariser Bahnhöfe zählen zu den schönsten der Welt

    Architektur zum Einsteigen: Zwei neue Pariser Bahnhöfe zählen zu den schönsten der Welt

    Paris ist bekannt für seine historischen Bahnhöfe – Gare du Nord, Gare de Lyon, Gare Saint-Lazare. Doch 2025 kommen zwei Newcomer aus der Banlieue auf die große Bühne: Saint-Denis – Pleyel und Villejuif – Gustave-Roussy wurden vom renommierten Prix Versailles unter die „sieben schönsten Bahnhöfe der Welt“ gewählt. Ein doppelter Ritterschlag – nicht nur für die Architektur, sondern auch für die urbane Selbstbehauptung des Großraums Paris.

    Ein Bahnhof als Kathedrale. Und einer als urbane Lichtskulptur.

    Saint-Denis – Pleyel: Die Zukunft hält unter der Erde

    Wer heute in Saint-Denis aus der Metro steigt, landet nicht einfach an einem Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs. Sondern in einem unterirdischen Raum, der mit Licht, Glas und Holz überrascht – und berührt.

    27 Meter tief liegt der neue Bahnhof Saint-Denis – Pleyel. Entworfen vom japanischen Architekten Kengo Kuma, ist er das neue Prunkstück des Grand Paris Express. Rund 250.000 Reisende sollen hier täglich umsteigen – zwischen den Linien 14, 15, 16 und 17. Doch was sonst als Zweckarchitektur abgestempelt würde, erstrahlt hier als Stadtzeichen.

    Die Architektur öffnet sich über mehrere Ebenen wie ein riesiger Lichttrichter. Die Materialien – viel Holz, viel Glas – sorgen für Wärme und Transparenz. Man vergisst fast, dass man sich in einem der dichtesten Verkehrsknotenpunkte Europas befindet. Es fühlt sich an wie ein Raum zum Verweilen – nicht nur zum Durchhetzen.

    Was dabei auffällt: Der Bahnhof ist nicht nur für die Menschen gebaut, sondern mit ihnen gedacht. Die Wege sind klar, die Räume großzügig. Man spürt: Hier wurde nicht nur in Quadratmetern geplant, sondern in Bewegungsflüssen, in Tageslicht, in Atmosphäre.

    Aber reicht das?

    Die wahre Probe kommt bekanntlich im Alltag. Wird der Bahnhof auch nach Monaten noch glänzen? Bleiben die Wege übersichtlich, die Informationen klar, die Toiletten sauber? Architektur kann ein Versprechen sein – aber auch eine schöne Fassade. Der Alltag wird zeigen, was darunter liegt.

    Villejuif – Gustave-Roussy: Das Unten als Oben gedacht

    Weiter südlich, im Val-de-Marne, setzt ein anderer Bahnhof Maßstäbe – im wahrsten Sinne des Wortes. Villejuif – Gustave-Roussy wirkt wie ein umgedrehter Wolkenkratzer. Eine riesige, zylindrische Halle gräbt sich in die Tiefe. Die Lichtführung von oben verwandelt das, was sonst düster und gedrängt wirkt, in einen Raum mit sakraler Anmutung.

    Architekt Dominique Perrault – bekannt für die Französische Nationalbibliothek – hat hier nicht einfach eine Station entworfen. Sondern eine Geste. Ein Zeichen dafür, dass auch die Banlieue Anspruch auf architektonische Exzellenz hat.

    Das Design erinnert an eine unterirdische Kathedrale – Beton, Stahl, viel Raum und eine zentrale Öffnung, durch die Licht in die Tiefe fällt. Man schaut nach oben, obwohl man unten ist. Das ist nicht nur ein architektonischer Kniff. Das ist ein Statement.

    Denn zu oft wurden die Vorstädte vernachlässigt – als bloße Schlafstädte ohne Anspruch auf Schönheit. Dieser Bahnhof widerspricht dem. Er sagt: Auch hier beginnt die Stadt. Auch hier kann Infrastruktur Ausdruck von Würde sein.

    Zwei Bahnhöfe, eine Botschaft

    Dass gleich zwei Bahnhöfe aus der Île-de-France im Jahr 2025 zu den schönsten der Welt gekürt wurden, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Wende in der französischen Infrastrukturpolitik – weg von der reinen Zweckdienlichkeit, hin zur gestalterischen Aufwertung des Alltags.

    Was früher grau und funktional war, darf heute wieder glänzen. Mobilität wird nicht mehr nur gemessen in Geschwindigkeit und Taktfrequenz, sondern in Aufenthaltsqualität, in Identität, in Stolz. Und ja, in Schönheit.

    Der Prix Versailles, der als eine Art „Architektur-Oscar“ gilt, würdigt dabei nicht nur den gestalterischen Anspruch, sondern auch die gesellschaftliche Vision. Beide Stationen zeigen: Es geht nicht nur um Ästhetik. Es geht um ein neues Verhältnis zur Stadt, zur Banlieue, zur Mobilität als Lebensraum.

    Schönheit mit Schatten?

    Natürlich bleibt eine Frage offen: Was passiert, wenn der Alltag einzieht? Wenn Graffiti, Müll, überfüllte Bahnsteige und technische Defekte das glänzende Bild ankratzen?

    Dann wird sich zeigen, ob die neuen Bahnhöfe wirklich mehr sind als nur ein schönes Gesicht.

    Die Architektur hat geliefert. Jetzt ist die Betriebsqualität gefragt. Nur wenn Design und Alltag zusammenpassen, wird aus einer architektonischen Ikone ein echter Lieblingsort.

    Und ganz ehrlich: Wer träumt nicht davon, morgens zur Arbeit zu fahren – und dabei durch eine Kathedrale zu schreiten?

    Ein Fenster in die Zukunft

    Saint-Denis – Pleyel und Villejuif – Gustave-Roussy sind nicht nur zwei neue Bahnhöfe. Sie sind Symbole eines neuen Anspruchs. Sie zeigen, dass auch Orte des Übergangs Orte des Erlebens sein können. Dass das Unterwegssein nicht bloß Mittel zum Zweck ist – sondern Teil der städtischen Erzählung.

    Ein Bahnhof kann eben mehr sein als ein Bahnsteig. Er kann ein Versprechen sein. Eines auf ein besseres, schöneres, gemeinschaftlicheres Morgen.

    Autor: Andreas M. Brucker