Schlagwort: nachrichten.fr

  • François Bayrou in Pau: Politische Erdung nach verpasster Pariser Chance

    François Bayrou in Pau: Politische Erdung nach verpasster Pariser Chance

    Zwischen Pyrenäenpanorama und kommunalem Haushaltsausschuss vollzieht sich derzeit eine leise, aber politisch aufschlussreiche Bewegung. François Bayrou, langjähriger Zentrumsstratege und Bürgermeister von Pau, betont seit Monaten seine Konzentration auf das Lokale. Noch im vergangenen Jahr war er Premierminister unter Präsident Emmanuel Macron. Heute spricht Bayrou vor allem über Stadtentwicklung, Verkehrspolitik und kommunale Finanzen. Der Wechsel der Tonlage ist mehr als eine persönliche Präferenz – er ist Ausdruck einer strategischen Neuverortung. Vom Hoffnungsträger für Matignon zurück ins Rathaus Bayrou ist eine Konstante der Fünften Republik. Dreimal kandidierte er für das Präsidentenamt (2002, 2007, 2012), 2007 gründete er das Mouvement Démocrate (MoDem) und positionierte sich als unabhängige Kraft zwischen Sozialisten und Konservativen. 2017 unterstützte er Macron maßgeblich auf dessen Weg in den Élysée-Palast. Seine Partei wurde zu einem wichtigen Baustein der präsidialen Meh…

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  • Zwischen Ehrenamt und Exekutivamt: Wie Frankreich seine Bürgermeister entlohnt

    Zwischen Ehrenamt und Exekutivamt: Wie Frankreich seine Bürgermeister entlohnt

    Wer in Frankreich das Bürgermeisteramt übernimmt, erhält kein „Gehalt“ im arbeitsrechtlichen Sinne. Offiziell handelt es sich um eine indemnité de fonction – eine Funktionsentschädigung. Sie ist gesetzlich geregelt, streng gedeckelt und hängt nicht von politischem Gewicht oder persönlichem Profil ab, sondern nahezu ausschließlich von der Einwohnerzahl der jeweiligen Kommune. Das System spiegelt den stark normierten Charakter der französischen Kommunalverfassung wider – und offenbart zugleich die Spannweite zwischen ehrenamtlichem Engagement auf dem Land und professioneller Exekutivfunktion in den Metropolen. Ein gesetzlich fixiertes Stufensystem Die Höhe der Entschädigung orientiert sich an einem Prozentsatz des sogenannten indice brut terminal des öffentlichen Dienstes (Index 1027). Je größer die Gemeinde, desto höher der maximal zulässige Betrag. Die Spannweite ist erheblich. In Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern liegt die monatliche Bruttoentschädigung bei rund 1.000 Euro. In …

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  • Berthoud – Savoyer Ofenglück aus dem Chablais

    Berthoud – Savoyer Ofenglück aus dem Chablais

    Manchmal liegt das große Glück in einem kleinen Tontöpfchen. Eine goldene Kruste, die beim Anstoßen leise knackt. Darunter geschmolzener Käse, der Fäden zieht wie ein zarter Vorhang aus Duft und Wärme. Knoblauch steigt in die Nase, Weißwein mischt Frische unter die würzige Tiefe. Und plötzlich sitzt man gedanklich irgendwo zwischen Alpwiesen und Berggipfeln. Willkommen beim […]

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  • Vallauris – Wo Ton Geschichte erzählt

    Vallauris – Wo Ton Geschichte erzählt

    Zwischen den schillernden Promenaden von Cannes und den eleganten Gassen von Antibes liegt ein Ort, der leiser wirkt – und gerade deshalb nachhallt: Vallauris. Kein Meerblick, kein Yachthafen. Stattdessen ockerfarbene Fassaden, schmale, ansteigende Straßen und Schaufenster voller glasierter Krüge, Teller, Skulpturen. Hier riecht es nach Erde, nach Ofenhitze, nach Kreativität. Vallauris lebt von einem Material, […]

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  • 3. März – Wendepunkte zwischen Revolution, Reform und Erinnerung

    3. März – Wendepunkte zwischen Revolution, Reform und Erinnerung

    Der 3. März wirkt auf den ersten Blick wie ein Datum unter vielen. Doch die Geschichte liebt diese scheinbar unscheinbaren Tage. Sie füllt sie mit Entscheidungen, Katastrophen, Aufbrüchen – und manchmal mit Momenten, die erst Jahrzehnte später ihre eigentliche Sprengkraft entfalten.

    Ein Blick in die Weltgeschichte zeigt das eindrücklich.

    1875 feierte im Pariser Opernhaus eine Oper Premiere, die das Publikum erschütterte: Georges Bizet brachte mit Carmen ein Werk auf die Bühne, das Leidenschaft, Eifersucht und gesellschaftliche Abgründe ins Zentrum rückte. Das Publikum reagierte kühl, teils irritiert. Zu realistisch, zu provokant, hieß es. Bizet starb nur wenige Monate später – ohne den späteren Triumph seiner Oper zu erleben. Heute zählt Carmen zu den meistgespielten Opern weltweit. Ironie der Geschichte: Was einst als Skandal galt, prägt heute das kulturelle Selbstverständnis Frankreichs. Kunst braucht manchmal Zeit – und ein dickes Fell.

    1918 unterzeichnete Sowjetrussland im litauischen Brest-Litowsk einen Friedensvertrag mit den Mittelmächten: der Vertrag von Brest-Litowsk. Hauptakteur auf russischer Seite war Wladimir Iljitsch Lenin. Der Vertrag beendete für Russland den Ersten Weltkrieg – allerdings um den Preis enormer Gebietsverluste. Für Lenin zählte vor allem eines: die junge bolschewistische Revolution sichern. Der Frieden schuf innenpolitische Luft, verschärfte jedoch die Spannungen in Osteuropa. Die Grenzverschiebungen und Machtvakuums jener Zeit wirken bis heute nach, gerade in Regionen wie der Ukraine oder dem Baltikum. Manchmal fühlt sich Geschichte an wie ein Echo, das einfach nicht verhallen will.

    1931 nahm mit The Star-Spangled Banner die Nationalhymne der Vereinigten Staaten offiziell Gestalt an. Präsident Herbert Hoover unterzeichnete das entsprechende Gesetz. Der Text stammt von Francis Scott Key und geht auf den Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 zurück. Patriotische Symbole entfalten ihre Wirkung besonders in Krisenzeiten – in den 1930er Jahren litt das Land unter der Großen Depression. Identität stiftet Halt. Diese Dynamik lässt sich bis in aktuelle Debatten über Nationalstolz und politische Spaltung verfolgen.

    1945 – ein düsteres Kapitel.

    Die US-Luftwaffe bombardierte die japanische Hauptstadt Tokyo. Der Angriff forderte innerhalb einer Nacht über 100.000 Todesopfer. Es war einer der verheerendsten Luftangriffe der Geschichte. Während Europa im Frühjahr 1945 bereits auf das Ende des Krieges zusteuerte, eskalierte im Pazifikraum die Gewalt. Die Zerstörung Tokios markierte einen Schritt hin zu den späteren Atombombenabwürfen. Die moralische Debatte über strategische Bombardements dauert bis heute an – und sie berührt Fragen moderner Kriegsführung, Drohneneinsätze und ziviler Opferzahlen. Wie viel Zerstörung gilt als legitim im Namen eines rascheren Friedens?

    1969 startete die unbemannte Raumsonde Apollo 9. Ziel war die Erprobung der Mondlandefähre im Erdorbit. Wenige Monate später setzte Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond. Der 3. März markiert somit einen technischen Meilenstein auf dem Weg zur Mondlandung. Der Wettlauf ins All war mehr als Wissenschaft – er war Symbol des Kalten Krieges. Heute erlebt die Raumfahrt eine neue Phase, geprägt von privaten Unternehmen und geopolitischem Wettbewerb. Die Vision vom All als gemeinsamer Raum der Menschheit steht im Spannungsfeld nationaler Interessen. Ganz ehrlich: Der Traum vom Mond wirkt plötzlich wieder erstaunlich aktuell.

    Auch in Frankreich trägt der 3. März historische Schichten.

    1791 verabschiedete die Nationalversammlung ein Gesetz zur Organisation der Justiz im revolutionären Frankreich. Die Reform zielte auf Transparenz, gewählte Richter und eine Vereinheitlichung der Rechtsprechung. Die Französische Revolution rang um neue Strukturen – und sie tat das mit einer Mischung aus Idealismus und Chaos. Die Justizreformen jener Zeit beeinflussen das französische Rechtssystem bis heute. Das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz, damals ein radikaler Gedanke, bildet inzwischen das Fundament moderner Demokratien.

    1878 unterzeichnete Frankreich gemeinsam mit Großbritannien ein Abkommen über Ägypten. Hintergrund war die Kontrolle des Suezkanals. Die koloniale Rivalität prägte die Außenpolitik der Dritten Republik. Der 3. März steht hier exemplarisch für Frankreichs Rolle als Kolonialmacht. Die Folgen dieser Epoche reichen tief in die Gegenwart – in gesellschaftliche Debatten über Migration, Identität und Erinnerungskultur. Kolonialgeschichte ist kein fernes Kapitel, sondern Teil aktueller politischer Diskussionen.

    1930 erschütterte eine Naturkatastrophe den Südwesten Frankreichs. In Montpellier und Umgebung führten schwere Überschwemmungen zu erheblichen Schäden. Naturereignisse prägten schon immer den Lauf der Geschichte. Heute, im Zeitalter des Klimawandels, erhalten solche Ereignisse neue Brisanz. Extremwetter gilt längst nicht mehr als Ausnahme, sondern als Warnsignal. Die Vergangenheit liefert Vergleichswerte – die Gegenwart verlangt entschlossenes Handeln.

    Ein ganz anderer 3. März verdient ebenfalls Aufmerksamkeit: 2002 unterzeichnete die Schweiz den Beitritt zur UNO, nachdem ein Referendum grünes Licht gegeben hatte. Auch wenn dieses Ereignis nicht direkt Frankreich betrifft, beeinflusst es die europäische Diplomatie. Multilaterale Zusammenarbeit bildet das Rückgrat internationaler Politik – besonders in einer Zeit globaler Krisen. Frankreich spielt als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat eine zentrale Rolle. Entscheidungen einzelner Tage verdichten sich zu langfristigen Linien.

    Geschichte verdichtet sich an Daten wie dem 3. März zu einem Kaleidoskop.

    Manche Ereignisse wirken wie laute Donnerschläge – andere eher wie ein leises Rascheln im Hintergrund, das sich später als Sturm entpuppt. Revolutionäre Reformen, militärische Entscheidungen, kulturelle Premieren oder wissenschaftliche Missionen: Sie alle erzählen von Menschen, die handelten, zweifelten, riskierten.

    Und was bleibt?

    Der 3. März erinnert daran, dass Geschichte kein fernes Museum ist. Sie lebt in Institutionen, in politischen Konflikten, in kulturellen Selbstverständlichkeiten. Ob Opernbühne, Schlachtfeld oder Weltraum – jeder dieser Schauplätze spiegelt menschliche Ambitionen und Abgründe. Vergangenheit und Gegenwart stehen in einem ständigen Dialog. Wer genau hinhört, erkennt die leisen Zwischentöne.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung solcher Tage: Sie schärfen den Blick für Zusammenhänge. Sie zeigen, dass Entscheidungen Konsequenzen tragen – manchmal sofort, manchmal erst Generationen später.

    Der 3. März? Kein gewöhnlicher Tag.

    Ein Datum, das mehr erzählt, als es auf den ersten Blick preisgibt.

  • Frankreich: Militärische Präsenz im Schatten eines eskalierenden Nahostkonflikts

    Frankreich: Militärische Präsenz im Schatten eines eskalierenden Nahostkonflikts

    Die Entscheidung Frankreichs, seine militärische Präsenz im Nahen Osten angesichts der Eskalation mit Iran deutlich zu verstärken, markiert einen sicherheitspolitischen Wendepunkt. Während sich der Konflikt zwischen Teheran, Israel und den Vereinigten Staaten ausweitet und zunehmend regionale Akteure hineinzieht, sieht sich Paris gezwungen, seine bisher primär diplomatisch geprägte Haltung durch konkrete militärische Maßnahmen zu ergänzen. Die jüngsten iranischen Angriffe auf Einrichtungen mit französischer Militärpräsenz haben die Schwelle symbolischer Präsenz überschritten – und die Frage nach Frankreichs strategischer Handlungsfähigkeit gestellt. Vom Appell zur Abschreckung Noch vor wenigen Tagen hatte Präsident Emmanuel Macron auf internationaler Bühne auf Deeskalation und multilaterale Vermittlung gedrängt. Frankreich setzte auf eine politische Lösung im Rahmen der Vereinten Nationen und suchte den Schulterschluss mit europäischen Partnern, um eine weitere Destabilisierung der Reg…

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  • Tödlicher Streit im Morgengrauen: Messerangriff erschüttert Dorf in der Sarthe

    Tödlicher Streit im Morgengrauen: Messerangriff erschüttert Dorf in der Sarthe

    In der Nacht zum 2. März verwandelte sich ein Wohnhaus im kleinen Ort Tresson in einen Tatort. Ein 45-jähriger Mann lag dort leblos am Boden, getroffen von einem Messerstich in den Brustkorb. Die Staatsanwaltschaft von Le Mans bestätigte wenig später, was im Dorf längst wie ein Lauffeuer kursierte: Es handelt sich um ein mutmaßliches Tötungsdelikt innerhalb einer Partnerschaft. Der Tatort liegt am Ortsausgang, im Weiler Les Chevaleries, eingebettet in die stille Landschaft des Départements Sarthe. Felder, Hecken, ein paar verstreute Häuser – eine Gegend, in der sonst höchstens ein bellender Hund die Nacht durchbricht. Und nun Blaulicht. Als die Rettungskräfte eintrafen, befand sich der 55-jährige Lebensgefährte des Opfers noch im Haus. Gendarmen der Brigade aus Mamers nahmen ihn fest und brachten ihn in Gewahrsam. Die Ermittlungen laufen wegen „Mordes durch den Partner“ – ein juristischer Begriff, der die persönliche Dimension dieser Tat kaum fassen mag. Über das Motiv herrscht Schweig…

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  • Frankreichs atomare Wende: Macron europäisiert die Abschreckung – ohne sie zu teilen

    Frankreichs atomare Wende: Macron europäisiert die Abschreckung – ohne sie zu teilen

    Am 2. März 2026 hat der französische Präsident Emmanuel Macron von der bretonischen U-Boot-Basis Île Longue aus eine strategische Zäsur verkündet. In einer Rede, die in Paris wie in den europäischen Hauptstädten mit Spannung erwartet wurde, präsentierte er eine tiefgreifende Überarbeitung der französischen Nukleardoktrin. Es ist die wohl einschneidendste Anpassung seit dem Ende des Kalten Krieges – und sie folgt einer nüchternen Diagnose: Europas Sicherheitsordnung ist brüchiger geworden, die Abschreckung muss robuster, flexibler und europäischer gedacht werden. Macron wählte den symbolträchtigen Ort mit Bedacht. Die Île Longue ist Herzstück der französischen seegestützten Abschreckung; hier liegen die strategischen U-Boote mit ihren ballistischen Raketen vor Anker. Von hier aus sendete der Präsident eine Botschaft der Entschlossenheit – nach außen wie nach innen. Mehr Sprengköpfe, weniger Transparenz Kern der neuen Doktrin ist eine quantitative und qualitative Härtung der französische…

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  • Wenn der Wasserhahn schweigt – Familien und die Angst, die aus der Leitung kommt

    Wenn der Wasserhahn schweigt – Familien und die Angst, die aus der Leitung kommt

    Ich heiße Thomas Martin, bin 42 Jahre alt, Vater von zwei Kindern – und ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Kindern einmal erklären muss, warum sie das Wasser aus unserem eigenen Hahn nicht trinken dürfen.

    Wir leben in den Vogesen, zwischen Wäldern, klarer Luft und Bächen, die früher nach Kindheit rochen. Und jetzt? Jetzt stapeln sich bei uns im Flur Plastikflaschen wie in einem schlecht sortierten Supermarkt. Seit über sechs Monaten gilt das Leitungswasser als ungenießbar, belastet mit PFAS – diesen „ewigen Schadstoffen“, die offenbar länger durchhalten als politische Versprechen.

    „Papa, warum dürfen wir das Wasser nicht trinken?“
    Tja. Gute Frage.

    Weil irgendwann irgendwer entschied, dass Chemikalien schon irgendwie verschwinden würden. Spoiler: Tun sie nicht. Sie bleiben. Im Boden. Im Grundwasser. Im Körper. „Ewig“ klingt poetisch, fast romantisch – bis man begreift, dass hier nichts Märchenhaftes gemeint ist, sondern eine chemische Hinterlassenschaft mit Langzeitfolgen, die selbst Experten nur vorsichtig zu umschreiben wagen.

    Ich sehe meine Tochter, wie sie nach dem Sport durstig in die Küche kommt. Reflexartig dreht sie den Hahn auf. Reflexartig sage ich: „Stopp.“ Dieser eine Moment sagt alles. Vertrauen – abgestellt.

    Natürlich gibt es Ersatz. Wasserlieferungen, Kanister, organisierte Verteilungen. Alles sehr ordentlich geregelt. Fast schon beruhigend. Wäre da nicht diese leise Frage, die immer nachts lauter wird: Was ist mit den vergangenen Jahren? Mit dem Wasser, das wir getrunken haben, ohne zu ahnen, dass es mehr enthielt als nur Mineralien?

    Die Behörden ermitteln. Juristen prüfen. Verantwortlichkeiten werden diskutiert. Ich sitze am Küchentisch und rechne: Wie viele Flaschen brauchen wir pro Woche? Wie lange noch? Ein halbes Jahr ohne sauberes Leitungswasser – in Frankreich, im Jahr 2026. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem absurden Theaterstück. Nur dass hier niemand applaudiert.

    Das Bitterste ist nicht einmal die Logistik.

    Es ist die Ohnmacht.

    Als Vater soll ich Sicherheit geben. Stabilität. Antworten. Stattdessen erkläre ich, warum „ewig“ manchmal bedeutet, dass Fehler von gestern unsere Kinder noch ihr Leben lang begleiten könnten. Und während Politiker von Grenzwerten sprechen, denke ich an Schulbrote, die ich morgens schmiere und die Smoothies, die ich mixe – mit Wasser aus der Flasche.

    Ganz ehrlich? Das macht wütend. Und zwar richtig.

    Denn Wasser ist kein Luxus. Es ist das Minimum. Wenn selbst das nicht mehr selbstverständlich ist, dann läuft etwas grundlegend schief.

    Und ich stehe daneben – Thomas Martin, Familienvater – mit einem leeren Glas in der Hand.

    Ein Meinungsbeitrag von Thomas Martin

  • Mouthe – Wie die „Petite Sibérie“ ihren Winter verliert

    Mouthe – Wie die „Petite Sibérie“ ihren Winter verliert

    Es gab eine Zeit, da genügte ein einziges Wort – Mouthe – und man fröstelte innerlich.

    Das Dorf im französischen Jura, auf rund 1.000 Metern Höhe in einer Mulde des Hoch-Doubs gelegen, trug seinen Ruf wie ein frostiges Ehrenabzeichen. 1968 sank das Thermometer hier auf minus 36,7 Grad Celsius. Ein nationaler Rekord. Seither galt der Ort als kältester bewohnter Flecken Frankreichs, als „Petite Sibérie“. Ein Spitzname, halb stolz, halb ergeben getragen.

    Heute klingt er wie ein Echo aus einer anderen Klimazone.

    Die geografische Lage von Mouthe erklärt viel von seiner meteorologischen Eigenart. In klaren Winternächten sammelt sich die schwere Kaltluft im Talkessel, eine klassische Inversionslage. Während es auf den umliegenden Höhen milder bleibt, gefriert unten das Leben. Jahrzehntelang prägte dieses Mikroklima Architektur und Alltag. Steile Dächer, massive Bauernhäuser, Holzvorräte in beeindruckender Stapelhöhe – hier baute und lebte man gegen die Kälte.

    Und mit ihr.

    Schnee war keine Laune der Natur, sondern eine verlässliche Jahreszeit. Er strukturierte den Kalender, brachte Langläufer in Scharen, füllte Pensionen, belebte Cafés. Das weiße Schweigen der Landschaft zog Menschen an, die Stille suchten und das Knirschen unter den Skiern. Die „Petite Sibérie“ avancierte zur Marke – rau, authentisch, ein bisschen extrem.

    Doch seit gut einem Jahrzehnt verschiebt sich das Bild.

    Die Winter verkürzen sich. Kälteperioden treten weiterhin auf, doch sie wirken wie Gastspiele statt wie Dauersendungen. Zwischen Frostnächte schieben sich milde Phasen, Regen fällt mitten im Januar. Der Schnee kommt später, schmilzt schneller, kehrt manchmal zurück – ein Winter in Etappen, nicht mehr als geschlossene Erzählung.

    „Es ist nicht mehr wie früher“, sagen die Bewohner, ohne Pathos, fast beiläufig. Aber in diesem Satz steckt Erfahrung.

    Für die nordischen Skigebiete im Hoch-Doubs verschärft sich die Lage. Weniger natürliche Schneetage bedeuten stärkere Abhängigkeit von künstlicher Beschneiung. Die kostet Energie, Geld – und braucht ihrerseits ausreichend tiefe Temperaturen. Wenn selbst diese unberechenbar werden, gerät das Geschäftsmodell ins Wanken. Ausgerechnet jener Ort, der den Frost zur Identität erhob, verliert sein klimatisches Kapital. Schon irgendwie bitter.

    Der Wandel zeigt sich nicht nur in Messreihen, sondern im Alltag. Grüne Wiesen im Dezember. Dächer ohne weiße Haube im Januar. Bäche, die früher zuverlässig zufroren, plätschern nun offen durch den Winter. Ältere erinnern sich an Schneeverwehungen bis zu den Fenstern im Erdgeschoss. Jüngere kennen eher ein Auf und Ab aus Morgenfrost und kaltem Nieselregen.

    Mit dem Klima verändert sich auch das Selbstverständnis. Wer aus Mouthe kam, stammte aus einem Ort der Extreme. Die Kälte war Teil der Erzählung, fast ein Charakterzug. Wenn diese Ausnahme ihre Regelmäßigkeit verliert, was bleibt dann vom Mythos? Der Name „Petite Sibérie“ steht weiterhin auf Schildern und Prospekten, doch er wirkt zunehmend wie ein historisches Zitat.

    Das Phänomen reicht über das Dorf hinaus. Der Juramassiv gehört zu jenen Mittelgebirgsregionen Europas, in denen wenige Grad Temperaturanstieg ausreichen, um Schnee in Regen zu verwandeln. Zwischen 800 und 1.200 Metern entscheidet sich im Winter oft alles an der sogenannten Regen-Schnee-Grenze. Steigt sie nur geringfügig, kippt die Saison.

    Für viele Gemeinden dieser Höhenlage entsteht eine heikle Zwischenzone: zu niedrig für verlässliche Schneesicherheit, zu hoch und strukturell geprägt vom Wintersport, um sich rasch neu zu erfinden. Mouthe liegt genau in diesem Spannungsfeld.

    Die Reaktion? Anpassung statt Resignation. Mehr Sommertourismus, Wanderwege, Mountainbike-Strecken, Naturerlebnisse. Lebensqualität, Ruhe, ländliche Authentizität – Argumente, die auch im Zeitalter des Homeoffice Gewicht erhalten. Doch eine klimatische Identität ersetzt man nicht im Handumdrehen. Der Winter war mehr als Wetter. Er war Rhythmus, Wirtschaftsfaktor, Gesprächsstoff am Stammtisch.

    Die symbolische Dimension ist nicht zu unterschätzen. In der französischen Vorstellung verkörperte Mouthe das Gegenstück zur Mittelmeerküste – das Land der klirrenden Kälte auf dem eigenen Staatsgebiet. Wenn nun dieser Frostpol an Verlässlichkeit einbüßt, wirkt der Klimawandel plötzlich weniger abstrakt. Er bekommt ein Gesicht.

    Niemand behauptet, der Winter verschwinde vollständig. Strenge Kältewellen treten weiterhin auf, Schneelandschaften tauchen das Tal nach wie vor in gleißendes Weiß. Doch die Tendenz zeigt Richtung größerer Variabilität und kürzerer Saisons. Die Gewissheit, dass der Winter kommt und bleibt, erodiert.

    Mouthe bleibt ein Hochlagenort, kälter als viele andere Regionen Frankreichs. Aber der Nimbus des Extremen bröckelt. Vielleicht liegt gerade darin eine neue Chance: sich nicht über das Thermometer zu definieren, sondern über Anpassungsfähigkeit. Die Geschichte des Jura war stets eine des Arrangements mit den Naturbedingungen.

    Nun ändern sich diese Bedingungen.

    Und die „Petite Sibérie“ steht vor der Aufgabe, aus dem Verlust des Winters eine neue Erzählung zu formen.

    Andreas M. Brucker