Schlagwort: nachhaltige Stadtplanung

  • 15 Grad weniger: Wie Cuers zum Freiluftlabor gegen die Hitze wird

    15 Grad weniger: Wie Cuers zum Freiluftlabor gegen die Hitze wird

    Wenn sich schwarzer Asphalt auf mehr als 60 Grad aufheizt, fühlt sich selbst ein kurzer Spaziergang wie ein Gang durch einen Backofen an. Genau das erleben die Einwohner von Cuers im Département Var inzwischen regelmäßig. Die rund 14.000 Einwohner zählende Gemeinde im Hinterland von Toulon kämpft jeden Sommer mit Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke. An besonders heißen Tagen kratzt das Thermometer sogar an 40 Grad. Statt die Entwicklung als unvermeidlich hinzunehmen, entschied sich die Kommune nach dem außergewöhnlich heißen Sommer 2022 für einen ungewöhnlichen Weg.

    Unter dem Namen „Ville Basse Température l’Été“ – Stadt mit niedriger Sommertemperatur – entstand ein kommunales Versuchslabor unter freiem Himmel. Ziel ist nicht, einzelne Prestigeprojekte umzusetzen, sondern systematisch herauszufinden, welche Maßnahmen Straßen, Plätze und Gebäude tatsächlich kühler halten. Dafür prüft die Gemeinde Straßenbeläge, Begrünung, Verschattung und neue Bauvorgaben unter realen Bedingungen.

    Die ersten Messungen machten das Ausmaß der Hitze sichtbar. Auf einer unbeschatteten Straße erreichte schwarzer Asphalt eine Oberflächentemperatur von 61 Grad. Im Schatten eines Baumes blieb derselbe Belag mit rund 31 Grad um etwa 30 Grad kühler. Dieser Unterschied zeigt eindrucksvoll, wie stark Material und Beschattung das Mikroklima beeinflussen.

    Ein zentrales Experiment fand in der Rue Carnot statt. Dort ersetzte Cuers den klassischen schwarzen Asphalt auf einer Teststrecke durch einen hellen, ockerfarbenen Belag. Gleichzeitig erhielten die Gehwege ein wasserdurchlässiges Material mit pflanzlichem Bindemittel. Die Idee dahinter klingt einfach: Helle Flächen reflektieren mehr Sonnenlicht und speichern weniger Wärme als dunkle Oberflächen.

    Die ersten Ergebnisse sorgten für Aufsehen. Direkt nach dem Einbau lag die Oberflächentemperatur des hellen Straßenbelags um etwa 15 bis 20 Grad unter jener von herkömmlichem Asphalt. Für eine Testfläche von lediglich 43 Metern investierte die Stadt rund 46.000 Euro ohne Steuern – ein hoher Preis, der sich nur rechtfertigen ließ, wenn die Wirkung dauerhaft anhielt.

    Doch genau hier zeigte sich, warum Cuers als Freiluftlabor so spannend ist. Nach einem Jahr fiel die Bilanz deutlich nüchterner aus. Reifenabrieb und Straßenschmutz verdunkelten den hellen Belag nach und nach. Gleichzeitig bleichte die intensive Sonne den schwarzen Asphalt etwas aus. Der anfängliche Temperaturvorteil schrumpfte dadurch auf lediglich drei bis fünf Grad.

    Für stark befahrene Straßen erwies sich die Lösung damit als wirtschaftlich kaum vertretbar. Ockerfarbener Asphalt kostet ein Vielfaches des klassischen Materials. Die Stadt entschied sich deshalb, auf Fahrbahnen überwiegend wieder auf den bewährten schwarzen Belag zurückzugreifen.

    Anders sieht die Situation auf Gehwegen aus. Dort fehlt der ständige Reifenabrieb, sodass die Oberfläche deutlich länger hell bleibt. Zudem kann Regenwasser durch das wasserdurchlässige Material in den Boden einsickern, anstatt sofort über die Kanalisation abzufließen. Die gespeicherte Feuchtigkeit unterstützt die natürliche Verdunstung und trägt zur Kühlung des Umfelds bei. Deshalb setzt Cuers diese Lösung weiterhin in Fußgängerbereichen ein.

    Gerade die Bereitschaft, auch weniger erfolgreiche Maßnahmen offen zu bewerten, macht das Projekt glaubwürdig. Die Gemeinde verkauft ihre Ideen nicht als Patentrezepte, sondern sammelt Erfahrungen unter realen Bedingungen. Was funktioniert, bleibt bestehen. Was sich nicht bewährt, verschwindet wieder. So entsteht Schritt für Schritt ein praxisnahes Wissen für den Umgang mit zunehmender Sommerhitze.

    Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Schulen. Der Schulhof der École Marcel Pagnol erhielt einen hellen, wasserdurchlässigen Boden statt der früheren Asphaltfläche. Zusätzlich sorgen Pflanzen für mehr Schatten und ein angenehmeres Umfeld. Auch die historische Schulgruppe Jean Jaurès wurde umfassend modernisiert. Große Vordächer, außenliegende Sonnenschutzelemente und durchbrochene Fassaden reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und verhindern, dass sich die Gebäude unnötig stark aufheizen.

    Der Ansatz verfolgt ein klares Ziel: Gebäude sollen Hitze möglichst lange draußen halten und sich nachts wieder abkühlen können. Statt überall energieintensive Klimaanlagen einzubauen, setzt die Stadt auf eine Architektur, die mit dem mediterranen Klima arbeitet und nicht gegen es.

    Den größten Beitrag leisten allerdings weiterhin Bäume. Entlang wichtiger Fußwege, auf Plätzen, in Parks und in neuen Gewerbegebieten pflanzt Cuers zusätzliche schattenspendende Arten. Wo unterirdische Leitungen oder enge Straßen eine Begrünung unmöglich machen, ergänzen große Sonnensegel das Konzept.

    Ganz ohne entsprechenden Aufwand gelingt auch das nicht. Jeder neu gepflanzte Baum verursacht einschließlich Pflanzung, Schutz und Pflege Kosten von mehr als 1.500 Euro. Hinzu kommt die Herausforderung, geeignete Arten auszuwählen, die längere Trockenperioden überstehen und mit immer knapper werdenden Wasserressourcen auskommen.

    Parallel dazu hat Cuers seinen Bebauungsplan angepasst. Neue Bauprojekte müssen strengere Vorgaben für Begrünung, Bodenversiegelung, Fassadengestaltung und Parkplätze erfüllen. Klimaanpassung gehört damit nicht mehr zur freiwilligen Verschönerung einer Stadt, sondern zum festen Bestandteil moderner Stadtplanung.

    Cuers zeigt eindrucksvoll, dass der Klimawandel zwar nicht gestoppt, seine Folgen jedoch gemildert werden können. Nicht spektakuläre Großprojekte stehen dabei im Mittelpunkt, sondern sorgfältige Messungen, viele kleine Veränderungen und die Bereitschaft, aus Rückschlägen zu lernen. Die wichtigste Erkenntnis wirkt fast überraschend schlicht: Helle Oberflächen leisten ihren Beitrag, durchlässige Böden verbessern das Stadtklima – den größten Unterschied macht jedoch nach wie vor ein ausgewachsener Baum.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Lyon sagt der dicken Luft den Kampf an: So drastisch sind die neuen Verkehrsregeln

    Lyon sagt der dicken Luft den Kampf an: So drastisch sind die neuen Verkehrsregeln

    Frische Luft statt Abgassmog – Lyon krempelt seinen Stadtverkehr radikal um. Seit Anfang Juni ist Schluss mit dem freien Durchkommen in der historischen Innenstadt. Die Presqu’île, das Herz der Stadt, ist jetzt eine Zone mit streng limitierter Verkehrsregelung. Und das ist nur der Anfang.

    Die neue Verkehrszone: Nur noch mit Anwohner-Pass durch die Presqu’île

    Seit dem 1. Juni 2025 gilt auf der zentralen Presqu’île eine neue Regel: Zutritt nur noch mit Anwohner-Ausweis! Rund um die Uhr dürfen hier nur noch Anwohner, Menschen mit Arbeitsplatz in der Zone, Rettungsdienste sowie gezielt zugelassene Fahrzeuge fahren. Ein gemütlicher Sonntagsausflug mit dem Auto durch die Innenstadt? Ab sofort passé – es sei denn, man zählt zur privilegierten Ausnahmegruppe.

    Die Idee dahinter: Weniger Verkehr, weniger Abgase, mehr Lebensqualität. Denn genau da hat es in den vergangenen Jahren ordentlich geknirscht. Der Stau – eine Dauerplage. Die Luft – dick wie Suppe. Zeit für einen Wandel.

    Luftrein statt laut: Die Umweltzone wächst

    Parallel zur Presqu’île-Offensive hat die Metropole Lyon ihre Umweltzone (ZFE – Zone à Faibles Émissions) ordentlich ausgeweitet. Seit dem 1. Januar 2025 gehören nun auch Bron und Vénissieux dazu, neben den bisher betroffenen Gemeinden Lyon, Villeurbanne und Caluire.

    Für Fahrzeuge mit den Crit’Air-Plaketten 3, 4, 5 oder gar ohne Klassifizierung heißt das: Einfahrt verboten! Weder fahren noch parken ist in dieser Zone erlaubt – egal, ob man nur kurz hält oder die Kinder zur Schule bringt.

    Klingt streng? Ist es auch. Aber es zeigt Wirkung.

    Saubere Luft? Endlich messbar!

    Und siehe da – die Maßnahmen zahlen sich aus. Die Stickstoffdioxid-Werte (NO₂) sinken. Der Grenzwert, jahrelang übertroffen, liegt nun in greifbarer Nähe. Auch bei den berüchtigten Feinstaubpartikeln (PM10) gibt’s endlich Entwarnung: Die aktuellen Werte liegen im grünen Bereich.

    Die Stadt atmet auf – buchstäblich.

    Doch was sagen die Menschen vor Ort?

    So groß die Fortschritte auch sind – nicht alle jubeln. Gerade Geschäftsleute und Bewohner der betroffenen Stadtteile haben Fragen: Wie komme ich zur Arbeit? Wer bringt die Einkäufe? Wer zahlt am Ende die Zeche?

    Einige fühlen sich schlicht ausgeschlossen. Denn nicht jeder kann sich mal eben ein neues, umweltfreundliches Auto leisten. Die Umstellung trifft besonders jene hart, die ohnehin knapp bei Kasse sind.

    Lyon reagiert darauf – mit Hilfsprogrammen zur Fahrzeugumrüstung, Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und Maßnahmen zur sozialen Abfederung.

    Aber reicht das?

    Zwischen Idealismus und Alltag: Wie geht es weiter?

    Eines steht fest: Lyon will grün, gesund und zukunftstauglich sein. Die Maßnahmen gegen Luftverschmutzung sind keine Spielerei, sondern ein tiefgreifender Umbau des städtischen Lebens. Die Politik spricht von „Modellcharakter“ – doch was bedeutet das für den Alltag der Menschen?

    Klar ist: Wer in einer modernen Stadt leben will, muss sich auf Veränderungen einstellen. Der Weg dahin ist manchmal unbequem – aber vielleicht lohnt sich der Blick auf das große Ganze.

    Denn wer möchte schon in einer Stadt wohnen, in der der Himmel permanent grau vor Smog ist?

    Von Andreas M. Brucker