Schlagwort: nachhaltige Fischerei

  • Winterpause für die Fischerei: Frankreich verlängert Schutzmaßnahme für Delfine im Golf von Biskaya

    Winterpause für die Fischerei: Frankreich verlängert Schutzmaßnahme für Delfine im Golf von Biskaya

    Frankreich setzt seinen Kurs zum Schutz der Meeresfauna fort. Die Regierung in Paris hat beschlossen, die saisonale Schließung des Golfs von Biskaya für einen Teil der Fischerei auch im kommenden Winter beizubehalten. Vom 22. Januar bis zum 20. Februar 2027 dürfen zahlreiche Fischereifahrzeuge in dem betroffenen Seegebiet ihre Netze nicht ausbringen. Ziel der Maßnahme bleibt der Schutz von Delfinen, die jedes Jahr in großer Zahl als unbeabsichtigter Beifang in Fischernetzen verenden.

    Der Golf von Biskaya zählt zu den wichtigsten Fischereigebieten Westeuropas. Gleichzeitig dient er zahlreichen Meeressäugern als Lebensraum. Genau dort prallen wirtschaftliche Interessen und Naturschutz seit Jahren aufeinander. Besonders Delfine geraten regelmäßig in Schlepp- und Stellnetze, aus denen sie sich oft nicht mehr befreien können.

    Die bisherigen Erfahrungen sprechen aus Sicht der Behörden eine deutliche Sprache.

    Nach Angaben der zuständigen wissenschaftlichen Beobachtungsstellen sank die Zahl der verendeten Delfine seit Einführung der temporären Schließungen erheblich. Während zwischen 2017 und 2023 durchschnittlich rund 4.700 Tiere pro Jahr betroffen waren, wurden im Winter 2024–2025 noch etwa 1.900 tote Delfine an den Küsten des westlichen Ärmelkanals und des Atlantiks registriert. Für Naturschützer gilt dies als ein bemerkenswerter Erfolg.

    Betroffen von der neuen Regelung sind alle Fischereifahrzeuge mit einer Länge von mehr als acht Metern. Kleinere Boote bleiben von den Einschränkungen ausgenommen. Genau dieser Punkt sorgt weiterhin für Diskussionen. Umweltverbände argumentieren, dass ein vollständiger Schutz nur dann erreicht werde, wenn sämtliche Fischereifahrzeuge einbezogen würden. Vertreter der Branche halten dagegen und verweisen auf die wirtschaftlichen Belastungen, die bereits jetzt beträchtlich seien.

    Um die Folgen für die Fischer abzufedern, stellt der Staat rund 21 Millionen Euro bereit. Das Geld soll Unternehmen entschädigen, die während der vierwöchigen Schließung keine Einnahmen erzielen können. Für viele Betriebe ist diese Unterstützung entscheidend. Gerade kleinere Familienunternehmen kämpfen ohnehin mit steigenden Betriebskosten, schwankenden Fangmengen und zunehmenden Umweltauflagen.

    Die Regierung betont jedoch, dass langfristig auch die Fischerei selbst von gesunden Meeresökosystemen profitiert. Ein Meer, dessen Artenvielfalt erhalten bleibt, sichert schließlich die Grundlagen für kommende Generationen von Fischern. Anders ausgedrückt: Wer heute schützt, sorgt dafür, dass morgen überhaupt noch etwas zu fangen ist.

    Entstanden ist die Regelung in enger Abstimmung zwischen Wissenschaftlern, Behörden und Vertretern der Fischerei. Die Entwicklung der Delfinbestände soll weiterhin genau beobachtet werden. Neue Daten und Forschungsergebnisse könnten künftig zu Anpassungen der Schutzmaßnahmen führen.

    Der Beschluss zeigt, dass Frankreich beim Schutz seiner Meeresgebiete zunehmend auf einen Ausgleich zwischen Ökologie und Wirtschaft setzt. Die Winterpause für die Fischerei mag nicht alle Konflikte lösen. Sie gilt jedoch als eines der wirksamsten Instrumente, um die Zahl der Delfine zu reduzieren, die durch menschliche Aktivitäten ihr Leben verlieren. Im kommenden Winter erhält dieser Ansatz nun eine weitere Bewährungsprobe.

    Von C. Hatty

  • Wenn das Meer sich zurückzieht

    Wenn das Meer sich zurückzieht

    Es gibt Momente, da wirkt die Welt plötzlich größer.

    Nicht, weil sich etwas hinzufügt – sondern weil sich etwas zurückzieht. Auf der Île de Ré geschieht genau das, wenn das Meer weicht und den Blick freigibt auf einen verborgenen Kosmos aus Sand, Schlick und schimmernden Steinen. Dann beginnt ein Schauspiel, das leise daherkommt und doch voller Leben steckt.

    Und mittendrin: Menschen.

    Mit Gummistiefeln, Eimern, manchmal mit krummen Rücken und neugierigen Blicken. Sie gehen nicht spazieren. Sie suchen.

    Oder besser gesagt – sie spüren auf.

    Denn die Fischerei zu Fuß, wie sie hier gelebt wird, gleicht weniger einer Tätigkeit als einer Haltung. Eine Mischung aus Geduld, Erfahrung und diesem ganz eigenen Gespür für die kleinen Zeichen im Boden. Wer einmal dabei war, weiß: Hier unten, zwischen den freigelegten Riffen, spricht die Erde – man muss nur lernen, zuzuhören.

    Ein leichtes Zittern im Sand.
    Ein winziges Loch.
    Eine Spur, die kaum jemand sieht.

    Und plötzlich: eine Muschel.

    Oder zwei.

    Oder ein ganzer Schatz.


    Der Rhythmus des Lebens an der Küste folgt hier keinem Kalender aus Papier. Er richtet sich nach dem Mond, nach der Gravitation, nach uralten Kräften, die niemand beeinflusst. Steigt der Gezeitenkoeffizient, zieht sich das Wasser weiter zurück als sonst – und legt Flächen frei, die sonst verborgen bleiben.

    Das ist der Moment, auf den viele warten.

    Tage vorher wird geplant, diskutiert, gerechnet. „Wann ist Niedrigwasser?“ – eine Frage, die hier mehr Bedeutung trägt als jede Terminabsprache im Alltag. Und wenn es dann so weit ist, zieht es die Menschen hinaus.

    Fast wie ein stiller Ruf.


    Man trifft sie überall.

    Familien mit Kindern, die begeistert im Sand graben. Alteingesessene Inselbewohner, deren Bewegungen so routiniert wirken, als gehörten sie selbst zum Rhythmus der Gezeiten. Und dazwischen neugierige Besucher, die sich vorsichtig herantasten – manchmal etwas unbeholfen, aber mit leuchtenden Augen.

    Ist es nicht genau das, wonach sich viele sehnen?
    Ein Moment, in dem Zeit keine Rolle spielt?


    Die Fischerei zu Fuß hat auf der Île de Ré eine Geschichte, die tief verwurzelt ist. Sie gehört zum Alltag, zur Identität, fast zur DNA der Insel. Wissen wird hier nicht in Büchern gesammelt, sondern weitergegeben – von Hand zu Hand, von Generation zu Generation.

    „Hier musst du graben“, sagt der Großvater und zeigt auf eine Stelle, die für andere vollkommen unscheinbar wirkt.

    „Nicht zu tief.“

    „Und hör auf das Geräusch.“

    Ein leises Knacken, wenn die Schale nachgibt.

    Das sind Lektionen, die kein Lehrplan vorsieht.

    Und genau darin liegt ihr Wert.


    Wenn die großen Gezeiten zurückkehren, verändert sich die Insel.

    Plötzlich öffnen sich Räume. Die Küste wirkt weiter, freier, fast grenzenlos. Bereiche, die sonst unter Wasser liegen, laden zur Erkundung ein – wie eine verborgene Landschaft, die nur für kurze Zeit existiert.

    Ein flüchtiges Reich.

    Und genau das macht seinen Zauber aus.

    Denn alles, was man hier erlebt, trägt ein leises Versprechen in sich: Es wird nicht bleiben. Bald kommt das Meer zurück und holt sich alles wieder.

    Vielleicht liegt darin der Reiz.

    Vielleicht sogar ein bisschen Magie.


    Doch bei aller Romantik – ganz ohne Regeln läuft es längst nicht mehr.

    Die Zeiten, in denen jeder einfach nahm, was er fand, gehören der Vergangenheit an. Heute stehen Schutz und Nachhaltigkeit im Fokus. Und das spürt man.

    Bestimmte Zonen sind gesperrt. Andere dürfen nur eingeschränkt genutzt werden. Es gibt Mindestgrößen, Höchstmengen, klare Vorgaben. Wer sich nicht daran hält, riskiert Strafen – und mehr noch: den Verlust eines empfindlichen Gleichgewichts.

    Denn das Ökosystem reagiert sensibel.

    Zu viele Sammler, zu wenig Rücksicht – und das fragile Zusammenspiel gerät ins Wanken.

    Das wissen die meisten.

    Und viele handeln entsprechend.


    Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – bleibt die Fischerei zu Fuß lebendig. Sie hat sich angepasst, verändert, weiterentwickelt. Tradition bedeutet hier nicht Stillstand, sondern Bewegung.

    Ein bisschen wie das Meer selbst.


    Und dann ist da noch die Sache mit der Sicherheit.

    So harmlos die freigelegte Küste wirken mag – sie täuscht.

    Die Flut kommt zurück. Schnell. Unerbittlich. Und manchmal schneller, als man denkt. Jedes Jahr geraten Menschen in Gefahr, weil sie die Dynamik unterschätzen oder die Zeit aus den Augen verlieren.

    Ein Schritt zu weit hinaus.
    Ein Moment der Unachtsamkeit.
    Und plötzlich wird aus einem Ausflug ein Risiko.

    Die Einheimischen wissen das.

    Sie schauen öfter zum Horizont.
    Behalten die Uhr im Blick.
    Und gehen selten allein.

    Das klingt simpel, fast banal – und doch entscheidet es über Sicherheit.


    Interessant ist, wie sehr genau diese Mischung aus Freiheit und Risiko den Reiz verstärkt. Wer hinausgeht, spürt sofort: Hier draußen gelten andere Regeln. Keine Zäune, keine klaren Wege, keine Garantie.

    Nur Natur.

    Ungefiltert.

    Und genau das zieht an.


    Mit dem wachsenden Tourismus steigt auch der Druck auf diese fragile Welt. Immer mehr Menschen entdecken die großen Gezeiten für sich – angelockt von Bildern, Geschichten, Empfehlungen. Die Idee, selbst Muscheln zu sammeln, klingt verlockend.

    Ein bisschen Abenteuer.
    Ein bisschen Ursprünglichkeit.

    Doch wo viele kommen, hinterlassen viele auch Spuren.

    Manche graben zu tief. Andere nehmen zu viel. Wieder andere achten nicht darauf, wie empfindlich der Lebensraum unter ihren Füßen ist. Das bleibt nicht ohne Folgen.

    Deshalb setzen Initiativen verstärkt auf Aufklärung.

    Nicht belehrend, sondern erklärend.

    Warum eine Muschel zu klein ist.
    Warum ein Bereich tabu bleibt.
    Warum weniger manchmal mehr bedeutet.

    Es geht um Respekt.

    Und um ein Bewusstsein, das wächst.


    Denn am Ende steht eine einfache Frage:

    Wie nutzt man einen Ort, ohne ihn zu zerstören?

    Eine Frage, die weit über die Île de Ré hinausreicht.


    Die Antwort liegt vielleicht genau hier – zwischen Ebbe und Flut. In diesem ständigen Wechsel, der nichts festhält und doch alles prägt. Wer sich darauf einlässt, erkennt schnell: Die Natur gibt viel, aber sie fordert auch Aufmerksamkeit.

    Und ein bisschen Demut.


    Es sind diese kleinen Momente, die bleiben.

    Das kalte Wasser, das langsam zurückkehrt und die Füße umspült.
    Das Gewicht des Eimers in der Hand.
    Das zufriedene Lächeln nach einem gelungenen Fund.

    Oder einfach das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.

    Nicht als Besitzer.
    Sondern als Gast.


    Und wenn das Meer schließlich zurückkommt, verschwindet alles wieder.

    Die Spuren im Sand.
    Die Löcher, die gegraben wurden.
    Die Wege, die man gegangen ist.

    Zurück bleibt eine glatte Fläche.

    Fast so, als wäre nichts geschehen.

    Und doch weiß jeder, der dabei war: Da war etwas.

    Ein Moment, der sich nicht festhalten lässt – nur erinnern.


    Vielleicht liegt genau darin der Zauber dieser alten Praxis. Sie zwingt niemanden, sie lockt nicht laut. Sie wartet einfach – geduldig, ruhig, verlässlich.

    Bis die nächste große Gezeit kommt.

    Und mit ihr die Menschen.


    Und mal ehrlich – wer könnte diesem Ruf widerstehen?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Stiller Winter im Golf von Biskaya

    Stiller Winter im Golf von Biskaya

    Es sind diese Maßnahmen, die auf den ersten Blick klein wirken und doch ein großes Symbol tragen. Wenn im Winter die Netze eingerollt bleiben und die Häfen ungewohnt ruhig erscheinen, dann geht es im Golf von Biskaya nicht um Romantik, sondern um den Schutz eines bedrohten Ökosystems. Auch 2026 gilt wieder, was bereits in den beiden Vorjahren angeordnet worden ist: Vom 22. Januar bis zum 20. Februar ruht die kommerzielle Fischerei für größere Schiffe. Betroffen sind alle Boote über acht Meter Länge. Sie müssen im Hafen bleiben, während draußen auf See eine der sensibelsten Phasen des Jahres beginnt. Der Grund dafür liegt unter der Wasseroberfläche. In den Wintermonaten folgen Delfine den Fischschwärmen näher an die Küste – und geraten dabei immer wieder tödlich in die Fanggeräte der Fischerei. Ein tragischer Beifang, der seit Jahren für Schlagzeilen sorgt. Wissenschaftler des International Council for the Exploration of the Sea sprechen von mehreren tausend verendeten Tieren pro Jahr. …

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  • Meeresschätze im Winter: Das Seeigelessen am Meer 2026 an der Côte d’Azur

    Meeresschätze im Winter: Das Seeigelessen am Meer 2026 an der Côte d’Azur

    Wenn der Winter an der Côte d’Azur Einzug hält und die Tage kurz, aber die Meeresluft frisch ist – dann ist wieder Zeit für das Seeigelessen am Meer. Diese kulinarische Tradition – genannt Oursinade – im Süden Frankreichs hat 2026 eine ganz eigene Note. Was macht sie so besonders? Und warum zieht sie Jahr für […]

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  • Wenn Meeresfrüchte zur Nordstern‑Party werden: Die Fête de la Coquille in Courseulles‑sur‑Mer

    Wenn Meeresfrüchte zur Nordstern‑Party werden: Die Fête de la Coquille in Courseulles‑sur‑Mer

    An einem kühlen Novemberwochenende erwacht im kleinen Küstenstädtchen Courseulles-sur-Mer im Département Calvados eine ganz besondere Stimmung: Die Seeluft ist würzig, der Hafen belebt — und überall duftet es nach frisch geöffneten Muscheln. Denn einmal im Jahr feiert man hier die Königin der Meere: die Coquille Saint-Jacques. Vom Alltag zum Fest: Ein Hafen verwandelt sich Am […]

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  • Zwischen Hoffen und Zögern – Die leise Rückkehr der Pétoncles vor La Rochelle

    Zwischen Hoffen und Zögern – Die leise Rückkehr der Pétoncles vor La Rochelle

    Es gibt Tage, an denen das Meer schweigsamer wirkt als sonst, fast wie ein alter Freund, der nach einer langen Pause wieder gegenüber sitzt und erst einmal nichts sagt. An einem dieser stillen Morgen legt La Rochelle seine Hafengerüche frei – eine Mischung aus Salz, Seetang und den Geschichten der Männer und Frauen, die seit Generationen von diesem Wasser leben. Ein bisschen rau, klar und doch voller Vertrautheit. Genau hier, in diesem eigenwilligen Gleichgewicht, beginnt die vorsichtige Rückkehr der Pétoncle-Fischerei.

    Ein paar Boote, nicht viele, tasten sich nach drei Jahren Stillstand zurück in die Gewässer des Pertuis Breton. Drei Jahre, in denen die Muschelbänke litten, in denen ganze Bestände kollabierten und die Fischer mit verschränkten Armen am Kai standen, unfreiwillig. Sie mussten zuschauen, wie eine Landschaft unter Wasser regelrecht zusammenknickte. Und nun – ein zaghaftes Wiedersehen. Nicht triumphal. Eher wie ein erster Schritt nach einer schweren Verletzung, bei dem man selbst noch nicht so recht weiß, ob das Bein wieder trägt.

    Die Pétoncle, eine kleine, runde Jakobsmuschelart, gehört seit jeher zu den kulinarischen Schätzen dieser Region. Man findet sie sonst häufig auf Restaurantkarten, reduziert auf ihren Geschmack. Doch hinter jeder dieser kleinen Muscheln steckt ein ganzer Kosmos aus Jahreszeiten, Strömungen, Temperaturwechseln und all den unsichtbaren Kräften, die das marine Leben beeinflussen. Ein Kosmos, der in den letzten Jahren ins Wanken geriet.

    Und so steht La Rochelle nun vor einem Wendepunkt. Ein Wendepunkt, der sich nicht laut anfühlt – eher wie das sanfte Knirschen eines Bootsrumpfs an der Mole, wenn die Leinen wieder ein wenig nachgeben.


    Die Regeln sind streng. Strenger als alles, was die Fischer hier seit Langem kennen. Fünf Tage. Mehr nicht.

    Fünf Mittwochvormittage – 19. und 26. November, dann 3., 10. und 17. Dezember. Als würde man einem Kind, das lange krank war, nur kleine Schritte erlauben. Der Pertuis Breton ist geöffnet, doch der Pertuis d’Antioche bleibt geschlossen. Die Behörden sagen: „Zum Schutz der Bestände.“ Die Fischer nicken, manche überzeugt, manche nur, weil ihnen wenig anderes übrig bleibt.

    Am ersten dieser Mittwoche fuhren gerade einmal zehn Boote aus dem Hafen von La Rochelle. Zehn. „Früher standen wir hier dicht an dicht“, murmelt ein älterer Fischer, der sich seine fingerlosen Handschuhe zurechtrückt. „Jetzt fühlt es sich fast an wie Nebensaison, selbst wenn die Sonne hochsteht.“

    Das Meer schien anfangs nicht wirklich bereit für eine Rückkehr. Dreißig Kilo in zwei Stunden, so berichten einige Männer nach der ersten Ausfahrt – doch neunzig Prozent davon tot. Muscheln, die zwar noch gesammelt werden konnten, aber keine Hoffnung mehr trugen. Wie sollte das Mut machen?


    Es gibt Momente, in denen die Natur einem klar macht, dass menschliche Pläne nicht viel zählen. Diese fragile Situation der Pétoncles gehört sicher dazu.

    Seit dem Massensterben 2022 meldeten Biologen und Berufsfischer über Monate hinweg denselben Befund: zu wenig Erneuerung, zu viele Jungtiere, die es nicht bis ins Erwachsenenalter schaffen. So etwas trifft nicht nur die Statistik. Es trifft die Herzen derer, die ihr Leben auf dem Wasser verbringen. Du stehst da, siehst unzählige kleine Muschelansätze im Sediment, und trotzdem gelingt es ihnen kaum, größer zu werden. Fast wie ein Garten, der voller Knospen steht und doch kaum blüht und keine Früchte hervorbringt.

    Die Gründe sind komplex. Es geht um Temperaturspitzen im Sommer, um mögliche Krankheiten, um Schwankungen im Salzgehalt und vielleicht auch um Stoffe, die der Mensch ins Meer entlässt. Die Fischer sprechen darüber nicht gern, aber insgeheim wissen viele: „Das Meer zeigt uns gerade seine Grenzen.“ Und jeder weiß, dass La Rochelle nicht die einzige Region ist, die solche Fragilität spürt.

    Für die Wirtschaft bedeutet dies natürlich eine Herausforderung. Eine Ausfahrt kostet Diesel, Zeit, Kraft. Wenn man am Ende mehr verliert als verdient – wozu das Ganze? Die Seefahrt ist kein romantisches Hobby. Sie ist ein hartes Brot. Und wenn jemand sagt: „So lohnt sich das nicht, das ist nur Geld vernichten“, dann spürt man, wie eng der Gürtel schon sitzt.


    Und doch, trotz all der Skepsis, mischt sich in diese Vorsicht ein Funken Hoffnung. Die Rückkehr der Pétoncle-Fischerei – so klein sie ausfällt – trägt eine starke symbolische Wirkung. Die Fischer kehren zu einem Teil ihres Jahreskreislaufs zurück, zu einem Stück Identität.

    Es ist, wie wenn man nach langem Winter wieder den Garten betritt und den ersten warmen Boden unter den Fingern fühlt. Noch blüht nichts, aber der Boden lebt.

    Der regionale Ausschuss der Seefischerei betont immer wieder: Die Pétoncle bleibt empfindlich. Aber Empfindlichkeit bedeutet nicht zwangsläufig Ohnmacht. Es bedeutet nur, dass jeder Schritt besonders bewusst erfolgen muss. Und so läuft in der Region ein Experiment – ein gemeinsames, von Behörden, Wissenschaftlern und Fischern getragenes Experiment, das untersucht: Lässt sich nachhaltiger Wiederaufbau und wirtschaftlicher Betrieb unter einen Hut bringen?

    Eine Frage, die sich heute nicht abschließend beantworten lässt, aber mit jedem Mittwochausflug näher an eine Antwort rückt.


    Ein Fischer aus Angoulins erzählt mir bei einem Kaffee am Quai, dass er sich inzwischen viel mehr als früher mit Biologen austauscht. „Früher haben wir uns gedacht: Ach, das Meer macht das schon. Jetzt wissen wir: Wenn wir genau schauen, können wir verhindern, dass alles wieder schiefläuft.“ Dann lächelt er kurz und winkt ab, als wolle er seine plötzliche Nachdenklichkeit nicht zu groß werden lassen. „Und na klar, am Ende wollen wir doch auch nur ordentlich arbeiten und heimkommen, ohne dass der Monat mit roten Zahlen endet.“

    Interessant ist, wie sich das Denken verändert. Vor zehn Jahren hätte man selten erlebt, dass Fischer und Wissenschaftler in dieser Intensität zusammenarbeiten. Heute teilen sie Daten, manchmal sogar Boote, und es finden sich Worte wie „Anpassungsmodell“, „Ertragsfenster“ oder „Reproduktionsmessung“ im Vokabular jener Männer wieder, die früher schlicht sagten: „Wir schauen mal, wie voll das Netz wird.“

    Eine kleine Anekdote am Rand: Ein junger Fischer erzählte mir, wie er vor ein paar Tagen eine Gruppe Touristen am Hafen belauscht hatte. „Der eine meinte: ‚Warum fahren die überhaupt raus, wenn da kaum was drin ist?‘ Ich wollte eigentlich etwas sagen, hab’s aber gelassen. Die Leute wissen halt nicht, wie wichtig so ein Neustart ist – auch wenn’s erst mal wenig bringt.“ Er zuckte die Schultern. „Manchmal muss man’s einfach machen, selbst wenn das Ergebnis mickrig aussieht.“


    Das Meer entscheidet, nicht die Bürokratie. Doch die Bürokratie legt die Rahmen fest, und in diesem Fall sind diese Rahmen wie ein schmaler Pfad zwischen zwei Felswänden.

    Der Kalender steht fest. Die Fangmengen sind streng limitiert. Die Kontrollen intensiv. Und die Fischer wissen genau: Jeder Regelverstoß würde nicht nur Sanktionen bringen, sondern die fragile Stimmung in der Region gefährden. Vertrauen ist hier ein kostbares Gut.

    Gleichzeitig ahnt man, dass die Zukunft dieser Fischerei von weit mehr abhängt als von fünf Versuchstagen im Jahr. Was passiert, wenn der nächste Sommer wieder zu heiß wird? Was passiert, wenn die Strömungen sich erneut verschieben? Und – vielleicht die wichtigste Frage – was, wenn die Kosten für Diesel weiter steigen? Die Wirtschaftlichkeit hängt an vielen Fäden, und manchmal kommen einem diese Fäden ziemlich dünn vor.

    Doch gerade deshalb ergibt sich hier ein Moment, der von Bedeutung ist. Denn selten zuvor stand die Frage so deutlich im Raum: Wie lässt sich eine traditionelle, kleinräumige Fischerei erfolgreich ins 21. Jahrhundert führen?


    Wenn ich dort bin, gehe ich manchmal früh morgens an den Hafen von La Rochelle, einfach so, weil es mich beruhigt. Die Stadt hat viele schöne Ecken, vom Altstadtkern bis zu den Türmen am Hafen, doch hier, wo der Boden nach Fisch riecht und die Luft etwas Kratziges in sich trägt, spürt man die wahren Nerven der Region.

    In diesen Tagen beobachtet man dort Fischer, die mit einem Blick auf die Wetterkarten fast so wirken wie Piloten. Daten, Tabellen, Prognosen – all das spielt plötzlich eine größere Rolle als früher. Junge Familien stehen hinter ihnen und hoffen, dass sich die Branche stabilisiert. Kleine Betriebe, kleine Einkommen, große Abhängigkeit vom Meer.

    Das Bild, das sich entwickelt, ist keines von Niedergang, sondern eines von Anpassung. Manche würden sagen: „Modernisierung.“ Andere würden eher flüstern: „Notwendigkeit.“ Doch in beiden Fällen zeigt sich ein Fortschrittsgedanke, der weder laut noch aggressiv ist – eher ein leises, aber bestimmtes Nach-vorne-Gehen.


    Die Wiederaufnahme der Pétoncle-Fischerei ist deshalb mehr als nur ein Testlauf. Sie ist ein Spiegel. Ein Spiegel, der der Region zeigt, wie verletzlich sie ist, aber auch, wie viel Kraft in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Umwelt steckt.

    Und vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses herbstlichen Neustarts: dass man nicht mit Gewalt zurück ins alte Tempo springen muss. Dass Remobilisierung auch langsam, vorsichtig und von Zweifeln begleitet geschehen darf. Und dass Geduld manchmal die beste Investition ist.

    „Wir probieren es“, sagt ein Fischer, der gerade seinen Kutter für die nächste Ausfahrt überprüft. „Und wenn’s diesmal noch nicht richtig klappt, probieren wir’s nochmal. Es geht ja um mehr als ums Geld. Es geht darum, nicht aufzugeben.“ Dann grinst er und fügt in fast schon kumpeligem Ton hinzu: „Sonst wär das ja alles komplett für die Katz.“


    Doch am Ende bleibt eine Frage, die man nicht leicht beiseiteschieben kann: Wie viel Zeit bleibt uns noch, das Gleichgewicht wirklich wiederzufinden?

    Und eine zweite: Wird die Region den Mut bewahren, auch dann vorsichtig zu bleiben, wenn die ersten besseren Fangmeldungen eintreffen?

    Die Zukunft der Pétoncle-Fischerei hängt davon ab. Von Mut und Maß – und von der Bereitschaft, das Meer nicht als Schatzkiste zu sehen, sondern als Partner, der Respekt erwartet.

    Eines steht fest: Die kommenden Wochen im Pertuis Breton werden entscheidend. Nicht, weil sie riesige Mengen Muscheln bringen, sondern weil sie zeigen, ob ein nachhaltiger Neustart möglich ist. Ein Neustart, der nicht nur wirtschaftlich zählt, sondern auch emotional, kulturell und ökologisch.

    Die Fischer von La Rochelle setzen darauf. Und mit ihnen eine ganze Region, die gelernt hat, dass selbst kleine Muscheln große Geschichten erzählen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Der weite Atlantikkorridor zwischen Frankreich und Spanien – der Golf von Biskaya – wird zunehmend zum Schauplatz einer alarmierenden Ökokrise. Während des Winters 2022/2023 wurden über 1.400 tote Delfine an der französischen Atlantikküste gezählt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass bis zu 10.000 Tiere in der Tiefe verendet sein könnten. Das Problem ist nicht neu – aber es verschärft sich. Der Hauptgrund für das Massensterben: unbeabsichtigte Beifänge in Fanggeräten wie pelagischen Schleppnetzen und Stellnetzen. Die Tiere verfangen sich, ertrinken und bleiben oft unentdeckt. Ohne entschlossenes Gegensteuern droht der Bestand des Gemeinen Delfins im Nordostatlantik dauerhaft zu kollabieren. Wenn die Kamera mitfährt Die Antwort der Behörden? Sichtbarkeit schaffen – wortwörtlich. Seit 2023 kommen verstärkt Kameras an Bord von Fischereischiffen zum Einsatz. Diese Maßnahme, „Electronic Monitoring“ genannt, soll die Interaktionen zwischen Fischerei und Meeressäugern do…

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  • Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Sie kennt den Ozean wie ihre Westentasche. Sie hat Stürme überlebt, Flauten durchstanden, war wochenlang allein auf hoher See – und nun segelt sie in neuen Gewässern: Catherine Chabaud, die erste Frau, die den Vendée Globe bezwungen hat, wurde zur französischen Ministerin für Meer und Fischerei ernannt. Ein symbolischer Akt? Ja. Aber auch eine Ansage. Denn selten ist der Weg vom Deck eines Hochseeseglers direkt in die Schaltzentrale eines Ministeriums so glaubwürdig, so selbstverständlich, so verdammt authentisch.

    Eine Karriere mit Salzwasser im Blut Catherine Chabaud wurde 1962 in Bron geboren, einem Vorort von Lyon – weit weg vom Atlantik, und doch zog es sie früh ans Wasser. Erst als Journalistin, dann als Seglerin, schließlich als politische Stimme der Meere. Der große Durchbruch kam 1996. Beim härtesten Einhandrennen der Welt, dem Vendée Globe, umrundete sie als erste Frau allein, nonstop und ohne Hilfe den Globus. Platz sechs – doch das war nebensächlich. Ihr Name ging in die Ge…

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  • Die Muschelfischer kehren in die Bucht der Somme zurück

    Die Muschelfischer kehren in die Bucht der Somme zurück

    Zwei Jahre lang war die Stille auf den „hénonnières“ fast ohrenbetäubend. Wo sonst das rhythmische Kratzen der Rechen über den Sandboden und das Klappern der Eimer zu hören war, herrschte gähnende Leere. Nun, im Herbst 2025, dürfen Muschelfischer und Sammler endlich zurück in die Bucht der Somme. Ein Neustart – vorsichtig, streng überwacht und mit einer gehörigen Portion Hoffnung im Gepäck. Zwei Jahre Stillstand – und viele Sorgen Seit 2023 war die Muschelernte in der Bucht der Somme verboten. Der Grund: Massensterben der Muscheln, Verschlechterung der Wasserqualität und bakterielle Verunreinigungen, die im schlimmsten Fall auch für den Menschen gefährlich werden konnten. Besonders in der nahegelegenen Bucht von Authie wurden kritische Werte gemessen. Für die Region war das ein Schock. Die Schalentiere sind nicht nur maritimes Kulturgut, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Die professionellen Fischer verloren einen erheblichen Teil ihres Einkommens, während Hobby-Sammler ein Stück ihre…

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  • Hobbyfischer: Ab 2026 gilt eine Pflicht zur Fangmeldung

    Hobbyfischer: Ab 2026 gilt eine Pflicht zur Fangmeldung

    Ab dem 10. Januar 2026 verändert sich für Frankreichs Hobbyfischer einiges. Wer bestimmte Arten angelt, muss seine Fänge künftig digital melden – eine kleine Revolution für ein Freizeitvergnügen, das bisher eher mit Freiheit, Spontaneität und Meeresluft verbunden war. Grundlage ist ein EU-Reglement von 2023, das Frankreich nun umsetzt.

    Welche Arten sind betroffen? Fünf Arten stehen auf der Liste dieser neuen Meldepflicht – und sie haben es in sich.Es geht um den Seelachs (lieu jaune), den Wolfsbarsch, den Roten Thunfisch, die Goldbrasse (dorade rose) sowie die Goldmakrele (dorade coryphène/mahi-mahi). Sie alle sind begehrte Angelfische, kulinarisch hochgeschätzt, aber auch ökologisch sensibel. Die Gebiete sind genau abgesteckt: Atlantik, Ärmelkanal, Mittelmeer – je nach Art. Und das Ganze ist offen nach oben. Je nach Zustand der Bestände und wissenschaftlicher Empfehlungen könnte die Liste in den kommenden Jahren wachsen. Was heute wie ein Pilotprojekt aussieht, könnte morgen zu einem…

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