Schlagwort: migrationsdebatte

  • Remigration – Wie ein Begriff der Identitären zum politischen Kampfbegriff Europas wurde

    Remigration – Wie ein Begriff der Identitären zum politischen Kampfbegriff Europas wurde

    Kaum ein Begriff hat in den vergangenen Jahren die europäische Migrationsdebatte so stark polarisiert wie die „Remigration“. Was ursprünglich ein Schlagwort kleiner identitärer Gruppierungen war, ist inzwischen fester Bestandteil des politischen Vokabulars verschiedener rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien geworden. Während Befürworter darunter eine konsequente Rückführung ausreisepflichtiger Migranten verstehen, sehen Kritiker darin ein politisches Konzept, das weit über geltendes Migrationsrecht hinausgeht und grundlegende Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats infrage stellt. Die Debatte zeigt exemplarisch, wie politische Begriffe aus ideologischen Randmilieus schrittweise in den öffentlichen Diskurs gelangen können. Ursprung in der identitären Bewegung Der Begriff „Remigration“ entstand Anfang der 2010er-Jahre innerhalb der europäischen Identitären Bewegung. Besonders in Frankreich, Österreich und Deutschland griffen Organisationen wie die inzwischen verbotene Génér…

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  • Kommentar – Wenn Angst regiert: Willkommen in der Republik der Panikmacher

    Kommentar – Wenn Angst regiert: Willkommen in der Republik der Panikmacher

    Es gibt wenige Disziplinen, in denen die extreme Rechte mit solcher Virtuosität brilliert wie im Verbreiten von Angst. Während andere politische Kräfte mühsam zwischen Fakten und Lösungen balancieren, inszeniert der Rassemblement National (RN) das perfekte Endzeitdrama – Woche für Woche, Mikrofon für Mikrofon. Sébastien Chenu, Vizepräsident der Partei und Abgeordneter des Departements Nord, hat heute einmal mehr bewiesen: Wer braucht differenzierte Analyse, wenn man auch mit einem rhetorischen Flammenwerfer auf die Realität zielen kann?

    Frankreich, so Chenu, sei auf dem direkten Weg in die Hölle. Gewalt explodiere, die Kriminalität befinde sich auf „nie dagewesenen Höchstständen“, und – natürlich – „die Immigration“ sei schuld. Dass Statistiken zu Gewalt- und Eigentumsdelikten in Frankreich komplexer sind als in einer Talkshow darstellbar, interessiert dabei nicht. Die Wahrheit hat im Theater der Empörung bekanntlich Sendepause.

    Dramaturgie statt Daten

    „Alles explodiert“, ruft Chenu. Die Zahl der versuchten Tötungsdelikte sei um „mehr als 85 Prozent“ gestiegen. In anderen Bereichen seien es „mehr als 115 Prozent“. Ob sich diese Zahlen auf ein Quartal, ein Jahr oder zehn Jahre beziehen? Nebensache. Hauptsache, sie klingen nach Ausnahmezustand.

    Tatsächlich zeigen die offiziellen Zahlen des französischen Innenministeriums und des Nationalen Observatoriums für Kriminalität (ONDRP) ein differenzierteres Bild: Während bestimmte Gewaltformen, wie etwa häusliche Gewalt oder Jugendgewalt, in den letzten Jahren zugenommen haben – teils infolge besserer Erfassung –, sind andere Deliktformen, insbesondere Eigentumsdelikte, rückläufig oder stabil. Und was den oft zitierten „Anstieg bei Tötungsdelikten“ betrifft: Die Zahl bleibt, gemessen an Frankreichs Gesamtbevölkerung, im europäischen Mittelfeld. Das ist schlimm genug – aber kein Indiz für den gesellschaftlichen Kollaps, den Chenu beschwört.

    Die Schuldigen stehen fest – bevor die Debatte beginnt

    Wenn Rechtspopulisten über Kriminalität sprechen, ist eines sicher: Die Schuldfrage ist längst geklärt, bevor das erste Argument gefallen ist. Auch Chenu macht keinen Hehl daraus: Schuld sind „die Jugendlichen“ und „die Immigranten“. Dass junge Menschen seit jeher statistisch häufiger in polizeilichen Kriminalitätsstatistiken auftauchen – international, altersunabhängig, milieubedingt – wird zur ideologischen Nebensache. Und dass die Kategorie „immigré“ in Frankreich ein weites, häufig undifferenziertes Feld umfasst – egal. Hauptsache, das Feindbild steht.

    Die Aussage, es gebe eine „überrepräsentierte Immigration“ in der Kriminalität, ist bewusst schwammig. Wer ist gemeint? Französische Staatsbürger mit Migrationshintergrund? Papierlose Migranten? Asylsuchende? In der rechtspopulistischen Rhetorik verschwimmt das alles zu einem bedrohlichen Amalgam, das nur eines will: „unsere“ Republik zerstören.

    Politik der harten Hand – und des kurzen Denkens

    Die Lösung, wie immer, liegt auf der Hand: mehr Gefängnisse, härtere Strafen, niedrigere Hürden für Haft. Auch für Minderjährige, selbstverständlich. Aber bitte nicht gemeinsam mit „Multirezidivisten“ – Chenu gibt sich da großzügig differenziert. Stattdessen fordert er spezielle Strukturen – von denen er weiß, dass sie bislang nicht existieren, was ihn jedoch nicht davon abhält, deren Fehlen der Regierung anzulasten.

    Das eigentliche Ziel dieser Straflust? Nicht Sicherheit, sondern Machtdemonstration. Es geht nicht darum, Ursachen von Gewalt zu bekämpfen – Armut, soziale Desintegration, Bildungsmangel –, sondern darum, einen imaginären Ordnungspfeiler einzurammen. Einen, der „den Franzosen“ signalisiert: Wir wissen, wo das Böse wohnt. Und es kommt aus dem Ausland.

    Migration als Sündenbock in Endlosschleife

    Was wäre ein RN-Interview ohne den obligaten Ruf nach Abschiebungen? Auch Chenu enttäuscht nicht: „Wer nicht Franzose ist und hier ein Verbrechen begeht, muss raus.“ Dass ein erheblicher Teil der Delikte von Menschen mit französischer Staatsangehörigkeit begangen wird? Unerheblich. Dass internationale Abschiebeabkommen oft fehlen oder Staaten die Rücknahme verweigern? Detailfrage.

    So wird das Migrationsproblem zur universellen Erklärung für jedes gesellschaftliche Symptom – und zugleich zur Waffe gegen eine politische Elite, die angeblich „nicht sehen will“, was die Straße längst erkannt habe. Dass diese „Straße“ vom RN selbst seit Jahren mit Empörung beliefert wird, versteht sich von selbst.

    Ein Land wird mürbe gemacht

    Die wahre Gefahr liegt nicht in den – realen – Herausforderungen durch Jugendkriminalität, Drogenhandel oder Parallelgesellschaften. Sie liegt in der systematischen Polarisierung der Debatte. In der Transformation eines sozialen Problems in ein kulturelles und letztlich ethnisches. Und in der Erosion des Vertrauens in demokratische Institutionen.

    Wer permanent ein Land beschreibt, als stünde es am Abgrund, betreibt keine Sicherheitspolitik – er betreibt politische Brandstiftung. Wer Kriminalitätsstatistiken als Waffe gegen die Grundwerte der Republik nutzt, zersetzt nicht nur das Vertrauen in Regierung und Verwaltung, sondern auch in den demokratischen Diskurs.

    Am Ende bleibt das Bild eines Frankreichs, das angeblich im Chaos versinkt – aber in Wahrheit von jenen destabilisiert wird, die davon politisch profitieren wollen. Und Chenu? Der steht dabei nicht am Rand, sondern mitten im Epizentrum dieser Erzählung. Denn Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber. Sie ist auch ein verdammt effektives Wahlkampfmittel.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Herkunft als Ausschlusskriterium

    Herkunft als Ausschlusskriterium

    Trumps Vorstoß gegen Migration aus „armen Ländern“ markiert eine neue Stufe restriktiver US-Einwanderungspolitik

    Am 28. November 2025 kündigte Donald J. Trump in einer medial breit beachteten Erklärung an, er wolle die Einwanderung aus sogenannten „armen Ländern“ dauerhaft aussetzen. Es sei an der Zeit, „Amerikas Grenzen gegen das Chaos der Dritten Welt zu sichern“. Einwanderung solle nur noch dann erfolgen, wenn der Zuwanderer ein „nachweislicher Netto-Nutzen“ für die USA sei. Die Debatte um diesen radikalen Vorschlag berührt zentrale Fragen von Verfassung, Menschenrechten und internationaler Ordnung – und könnte zum Lackmustest für die künftige Ausrichtung westlicher Migrationspolitik werden.

    Die Formulierung „poor nations“ bleibt in Trumps Ankündigung bewusst vage. Eine offizielle Liste liegt bislang nicht vor. Der Begriff knüpft jedoch an bekannte Narrative von „Shithole countries“ und geopolitisch diskriminierenden Kategorien an, die bereits während Trumps erster Amtszeit Kontroversen auslösten. Damals wie heute wird nicht nur mit Ressentiments operiert, sondern auch mit weitreichenden strukturellen Eingriffen in das Einwanderungssystem.

    Von der Quotenpolitik zur Herkunftssperre

    Historisch betrachtet wäre ein pauschales Einreiseverbot nach wirtschaftlicher Herkunft ein Bruch mit den Grundprinzipien des modernen US-Einwanderungsrechts. Der Immigration and Naturalization Act von 1965 hatte das zuvor geltende Quotensystem auf Basis nationaler Herkunft abgeschafft. Stattdessen rückten seither Kriterien wie Familienzusammenführung, Arbeitskräftebedarf und humanitärer Schutz in den Vordergrund. Die Reform von 1965 war eine direkte Antwort auf Jahrzehnte eines rassistisch geprägten Migrationsregimes, das etwa Einwanderung aus Asien, Afrika oder Lateinamerika gezielt einschränkte.

    Zwar gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Bestrebungen, das System stärker zu ökonomischen Kriterien hin auszurichten – etwa mit dem von Trump 2017 vorgestellten RAISE Act, der ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild vorsah. Doch selbst diese Vorschläge vermieden eine Kategorisierung nach Herkunftsland. Das nun avisierte Verbot würde einen fundamentalen Paradigmenwechsel darstellen: von einem selektiv leistungsbezogenen Ansatz hin zu einem generalisierenden Territorialausschluss.

    Rechtsstaat unter Druck

    Juristisch ist ein pauschales Einreiseverbot auf Basis ökonomischer Entwicklungslage höchst problematisch. Die US-Verfassung kennt keine explizite Gleichstellungsklausel für Nicht-Staatsbürger – dennoch ist die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen nach Herkunft schwer mit dem Grundsatz individueller Prüfung vereinbar, wie ihn auch internationale Abkommen wie die Genfer Flüchtlingskonvention fordern. Das Individualprinzip ist zentraler Pfeiler westlicher Rechtsstaatlichkeit: Jeder Antrag auf Asyl, auf Aufnahme, auf Aufenthalt muss anhand persönlicher Umstände geprüft werden.

    Trumps Vorstoß umgeht diese Logik. Er setzt voraus, dass Herkunft allein Rückschluss auf Integrationsfähigkeit, ökonomische Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Kompatibilität zulässt – ein Argumentationsmuster, das nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch empirisch widerlegt ist.

    Die Realität internationaler Migration

    Zahlreiche Studien widerlegen die Annahme, Migration aus „armen Ländern“ sei per se problematisch. Eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung (2024) zeigt: Die ökonomische Herkunft eines Migranten sagt wenig über dessen Integrationsaussichten oder Beitrag zum Arbeitsmarkt aus. Vielmehr spielen Bildung, Alter, Sprachkenntnisse und Aufnahmestrukturen entscheidende Rollen. Auch die Kriminalitätsraten unter Migranten zeigen laut Untersuchungen des Migration Policy Institute kein signifikant höheres Niveau in Abhängigkeit vom Herkunftsland.

    Hinzu kommt der demografische Aspekt: Die USA – wie viele westliche Staaten – sehen sich mit alternden Bevölkerungen und Fachkräftemangel konfrontiert. Gerade Menschen aus Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen sind oftmals bereit, Tätigkeiten in unbeliebten Bereichen zu übernehmen. Ein rigoroser Ausschluss würde nicht nur humanitäre, sondern auch wirtschaftliche Kosten nach sich ziehen.

    Globale Verantwortung oder Abschottung?

    Auch außenpolitisch setzt der Vorschlag ein heikles Signal. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten stets eine Doppelrolle eingenommen: als Fluchtursache – etwa durch militärische Interventionen – ebenso wie als Zufluchtsort. Der pauschale Ausschluss von Menschen aus strukturell benachteiligten Regionen entzieht dieser doppelten Verantwortung die Grundlage. Er delegitimiert internationale Normen wie das Recht auf Asyl und schwächt multilaterale Ansätze zur Lösung globaler Krisen.

    Für viele Länder des globalen Südens ist Migration ein soziales Sicherheitsventil. Geldsendungen von Migranten machen in Staaten wie Nepal, Haiti oder El Salvador bis zu 20 % des BIP aus. Wird dieses Ventil geschlossen, steigt der Druck auf ohnehin fragile Gesellschaften. Migrationsvermeidung durch Abschottung erzeugt nicht Stabilität, sondern Destabilisierung – mit Folgekosten, die auch den Westen treffen.

    Ein Wahlkampfmanöver mit System

    Politisch reiht sich Trumps Ankündigung ein in eine Strategie gezielter Provokation. Bereits 2017 hatte die Regierung mit dem „Muslim Ban“ versucht, Einreisen aus überwiegend muslimischen Ländern zu unterbinden – ein Vorhaben, das erst nach mehreren Anläufen vom Supreme Court in abgeschwächter Form durchgewunken wurde. Auch das jetzige Vorhaben dürfte auf juristischen Widerstand stoßen, könnte aber im Wahlkampf der Zwischenwahlen mobilisierend wirken.

    Die Forderung nach „Netto-Nutzen“ und „Null-Kosten-Migration“ spricht ein Publikum an, das Globalisierung, Migration und kulturellen Wandel zunehmend kritisch sieht. Dabei ersetzt der Vorschlag keine Reform des US-Einwanderungssystems – sondern bietet ein einfaches Feindbild: den Anderen, den Fremden, den Armen.

    Was auf den ersten Blick wie ein instrumenteller Tabubruch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Projekt: Migration wird nicht als Bestandteil globaler Realität, sondern als Bedrohung nationaler Homogenität verstanden. Der Preis dafür ist hoch – für Rechtsstaatlichkeit, für internationale Ordnung und für den inneren Zusammenhalt pluraler Demokratien.

    Autor: P. Tiko