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  • Kommentar: Erst retten wir den Planeten, dann klären wir die Kandidatur

    Kommentar: Erst retten wir den Planeten, dann klären wir die Kandidatur

    Frankreich steht vor gewaltigen Problemen. Der Staat ist hoch verschuldet, die politische Landschaft fragmentiert, die extreme Rechte wartet auf ihre historische Gelegenheit, die Industrie kämpft mit hohen Kosten und internationaler Konkurrenz, und der Klimawandel macht sich nicht mehr die Mühe, seine Existenz nur in wissenschaftlichen Modellrechnungen kundzutun. In dieser Lage hat Olivier Faure eine Nachricht von geradezu welthistorischer Tragweite: «L’heure du socialisme écologique a sonné.» Die Stunde des ökologischen Sozialismus hat geschlagen. Das klingt nach Jean Jaurès, nur mit Wärmepumpe. Und weil Frankreich das Land der großen politischen Begriffe ist, genügt es natürlich nicht zu sagen, dass Klimaschutz sozial verträglich sein müsse. Daraus muss eine Doktrin werden, eine historische Synthese, ein neues Kapitel der Linken. Der «socialisme écologique» ist da. Nun braucht man nur noch Wähler. Die große Entdeckung des Olivier Faure Die Grundidee ist bestechend: Ökologie und sozia…

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  • Kommentar: Der Klimawandel als unfreiwilliger Kartenverkäufer

    Kommentar: Der Klimawandel als unfreiwilliger Kartenverkäufer

    Das Kino stirbt. Eigentlich stirbt es seit Jahren, regelmäßig, zuverlässig und mit einer Beharrlichkeit, die beinahe bewundernswert wäre – wenn da nicht ein kleines Problem bestünde: Die Franzosen gehen einfach weiter hin.

    Und wie.

    19,94 Millionen Kinobesuche allein im August 2026. So viele wie noch nie in einem Monat August seit Beginn der monatlichen Erhebung im Jahr 1980. Fast doppelt so viele wie im August 2025. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2014? Überboten. Von Januar bis August 127,92 Millionen verkaufte Eintrittskarten. Ein Plus von 28,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

    Das klingt für eine angeblich sterbende Freizeitbeschäftigung erstaunlich lebendig.

    Aber: Da sitzt noch ein ziemlich unangenehmer Gast mit im Kinosaal – der Klimawandel.

    Natürlich wäre es unseriös, Frankreichs Besucherrekord kurzerhand der Erderwärmung auf die Rechnung zu schreiben. Ein heißer Sommer ist noch kein Beweis für die Ursache jedes einzelnen verkauften Tickets. Doch die zunehmende Belastung durch extreme Hitze verändert längst unseren Alltag – und damit auch die Frage, an welchen Orten Menschen ihre Freizeit verbringen.

    Plötzlich besitzt das Kino einen Wettbewerbsvorteil, den kein noch so ausgefeilter Empfehlungsalgorithmus liefern kann: eine Klimaanlage.

    Netflix mag Tausende Filme bereithalten. Disney+ lockt mit gewaltigen Markenwelten. Andere Streamingdienste kennen unsere Sehgewohnheiten vermutlich besser als manche Verwandte. Aber wenn sich die Wohnung am Nachmittag in einen Umluftbackofen verwandelt und das Thermometer draußen erbarmungslos nach oben marschiert, hilft selbst die brillanteste Startseite wenig.

    Eine Streamingplattform kühlt keine Zuschauer.

    Das Kino schon.

    Und darin steckt eine geradezu absurde Pointe unserer Zeit. Jahrelang galt das heimische Sofa als großer natürlicher Feind des Kinosaals: kein Anfahrtsweg, keine fremden Menschen, Pause auf Knopfdruck, Kühlschrank in Reichweite. Maximale Bequemlichkeit. Doch bei 35 oder 40 Grad verliert selbst das gemütlichste Sofa erheblich an Sexappeal, sofern die Wohnung keine Klimaanlage besitzt.

    Dann kosten zwei Stunden Hollywood plötzlich nicht nur Eintritt.

    Sie liefern zwei Stunden Zuflucht.

    Das bedeutet keineswegs, dass Millionen Franzosen ausschließlich wegen der angenehmen Raumtemperatur Spider-Man oder Homers Odysseus besucht hätten. Dafür waren die großen Filme offensichtlich selbst zu attraktiv, das Angebot zu vielfältig und der Erfolg über Wochen zu stabil. Aber die Hitze dürfte manchen spontanen Kinobesuch vom „Vielleicht“ zum „Los, wir gehen“ befördert haben.

    Und genau hier bekommt die Geschichte eine gesellschaftliche Dimension. Falls extrem heiße Sommer häufiger auftreten, gewinnen klimatisierte Kinos, Einkaufszentren, Bibliotheken, Museen und andere öffentliche Innenräume eine zusätzliche Funktion: Sie sind nicht mehr ausschließlich Orte des Konsums, der Kultur oder der Begegnung, sondern zeitweise Rückzugsräume vor der Hitze.

    Das ist für Kinobetreiber erfreulich.

    Für die Gesellschaft ist es weniger lustig.

    Denn hinter jedem Menschen, der während einer Hitzewelle freiwillig drei Stunden im klimatisierten Kinosaal verbringt, steht möglicherweise eine Wohnung, in der drei Stunden am Nachmittag schlicht keinen Spaß mehr machen.

    So betrachtet erzählt Frankreichs Kinorekord nicht nur eine Geschichte über Spider-Man, Christopher Nolan und die erstaunliche Widerstandskraft der großen Leinwand. Er erzählt womöglich auch eine kleine Geschichte über die Anpassung unseres Alltags an ein heißeres Klima.

    Die Streamingrevolution hat das Kino also vielleicht doch nicht endgültig besiegt.

    Der Planet dreht gerade an der Raumtemperatur.

    Und dagegen besitzt selbst der beste Algorithmus keinen Schalter.

    C. Hatty

  • Kommentar: Frankreich 2027: Philippe gegen Attal – der erbärmliche Erbstreit um Macrons Krone

    Kommentar: Frankreich 2027: Philippe gegen Attal – der erbärmliche Erbstreit um Macrons Krone

    Frankreich hat Probleme. Gewaltige Probleme. Die Staatsverschuldung drückt, die politische Landschaft ist zertrümmert, die Nationalversammlung bleibt ein Ort chronischer Unsicherheit, und Millionen Franzosen haben längst den Eindruck gewonnen, dass zwischen ihrem Alltag und der Pariser Machtblase mehrere Lichtjahre liegen.

    Und womit beschäftigt sich das politische Zentrum?

    Mit der Erbfolge.

    Édouard Philippe gegen Gabriel Attal. Der eine möchte endlich Präsident werden. Der andere offenbar möglichst auch. Beide wollen Emmanuel Macron beerben – und gleichzeitig so tun, als hätten sie mit den weniger erfreulichen Hinterlassenschaften der Macron-Jahre nur am Rande etwas zu tun.

    Willkommen bei der grossen politischen Nachlassversteigerung von 2027.

    Der König geht – die Höflinge bleiben

    Emmanuel Macron darf 2027 nicht für eine dritte unmittelbar aufeinanderfolgende Amtszeit antreten. Nach zehn Jahren endet damit eine Ära, die Frankreich tief verändert hat.

    Und plötzlich beginnt rund um den Élysée-Palast ein faszinierendes Schauspiel.

    Kaum nähert sich Macrons Abgang, entdecken seine ehemaligen politischen Weggefährten ihre Eigenständigkeit. Männer, die unter ihm Karriere machten, Ministerämter erhielten, Regierungen führten und vom politischen System Macron profitierten, präsentieren sich nun als Vertreter eines Neuanfangs.

    Das ist ungefähr so glaubwürdig, als würde der Kapitän der Titanic nach dem Zusammenstoss erklären, er sei eigentlich nur für das Unterhaltungsprogramm zuständig gewesen.

    Édouard Philippe war von 2017 bis 2020 Macrons Premierminister. Gabriel Attal durchlief unter Macron eine geradezu atemberaubende Karriere und wurde schliesslich selbst Regierungschef. Nun führen beide ihre politische Biografie vor, als müssten lediglich einige störende Seiten herausgerissen werden.

    Die angenehmen Kapitel des Macronismus? Gehören selbstverständlich zum eigenen Lebenslauf.

    Die unangenehmen?

    Macron war’s.

    Praktisch.

    Édouard Philippe: Der Präsident, der schon auf seinen Wahlabend wartet

    Bei Édouard Philippe ist die Sache wenigstens herrlich unkompliziert.

    Der Mann will in den Élysée.

    Er will es seit Jahren. Wahrscheinlich weiss es inzwischen sogar der Portier des Élysée.

    Philippe inszeniert sich als erwachsene Alternative in einem Land, dessen Politik gelegentlich einer schlecht moderierten Fernsehdiskussion ähnelt. Ruhig, seriös, erfahren, staatstragend. Ein Mann, der vermutlich sogar beim Frühstück aussieht, als müsse er gleich eine Regierungserklärung zur Lage der öffentlichen Finanzen abgeben.

    Seine Botschaft lautet im Kern:

    Frankreich braucht einen Erwachsenen.

    Und welch glücklicher Zufall: Édouard Philippe kennt einen.

    Édouard Philippe.

    Seine Partei Horizons verschafft ihm dabei einen entscheidenden Vorteil. Er besitzt eine eigene politische Maschine und kann Abstand zu Renaissance halten. Philippe versucht deshalb etwas ausgesprochen Raffiniertes: Er möchte Macrons Erbe antreten, ohne als Macronist wahrgenommen zu werden.

    Gewissermassen Macronismus ohne Macron.

    Coca-Cola ohne Zucker.

    Frankreich ohne französisches Haushaltsdefizit.

    Man darf gespannt sein, welches dieser drei Projekte am schwierigsten umzusetzen ist.

    Gabriel Attal: Macronismus mit Jugendfilter

    Gabriel Attal hat ein anderes Problem.

    Er kann schlecht behaupten, mit dem Macronismus nichts zu tun zu haben. Seine Karriere ist mit diesem politischen System so eng verbunden, dass eine vollständige Abgrenzung ungefähr so überzeugend wäre, wie wenn ein Mitglied der königlichen Familie plötzlich seine republikanische Vergangenheit entdeckte.

    Also versucht Attal etwas anderes.

    Er verkauft Erneuerung.

    Jünger. Schneller. Schärfer. Moderner.

    Wo Philippe Staatsmann ausstrahlen möchte, produziert Attal Energie. Wo Philippe Erfahrung verkauft, verkauft Attal Generationenwechsel.

    Die Verpackung unterscheidet sich erheblich.

    Beim Inhalt wird es schwieriger.

    Europa? Natürlich.

    Wirtschaftsreformen? Selbstverständlich.

    Staatsausgaben reduzieren? Aber sicher.

    Migration stärker kontrollieren? Gewiss.

    Frankreich modernisieren? Immer.

    Man könnte beinahe den Verdacht bekommen, dass sich hier nicht zwei politische Projekte bekämpfen, sondern zwei Marketingabteilungen mit demselben Produkt.

    Philippe verkauft Macronismus in dunkelblauem Anzug.

    Attal verkauft ihn mit hochgekrempelten Ärmeln.

    Wer möchte eigentlich noch Macronismus?

    Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil dieser Familienfeier.

    Was genau gibt es eigentlich zu erben?

    Macron hinterlässt zweifellos politische Erfolge. Frankreich gewann zeitweise erheblich an Attraktivität für internationale Investoren. Der Arbeitsmarkt entwickelte sich über weite Strecken günstiger als zuvor. Reformen, vor denen frühere Regierungen zurückgeschreckt waren, wurden tatsächlich umgesetzt. In Europa gewann Frankreich unter Macron zeitweise beträchtlichen Einfluss.

    Doch zum Erbe gehört eben auch der Rest.

    Eine massiv angewachsene Staatsverschuldung. Ein strukturelles Defizitproblem. Eine fragmentierte Parteienlandschaft. Die politischen Folgen der Auflösung der Nationalversammlung 2024. Eine Gesellschaft, in der das Misstrauen gegenüber Institutionen und politischen Eliten tief sitzt.

    Das politische Testament Emmanuel Macrons besteht deshalb nicht nur aus Familiensilber.

    Im Keller stehen auch ein paar Rechnungen.

    Philippe und Attal hätten gerne das Silber.

    Über die Rechnungen würden sie lieber später sprechen.

    Zwei Kandidaten, ein Karpfenteich

    Besonders grotesk wird die Sache bei der strategischen Frage.

    Denn Philippe und Attal fischen weitgehend im selben politischen Becken.

    Liberale Bürgerliche. Proeuropäische Wähler. Gemässigte Konservative. Teile der urbanen Mittelschicht. Sozialliberale. Macron-Wähler.

    Das Problem ist nur: Dieser Teich wird nicht grösser, bloss weil zwei Männer gleichzeitig hineinspringen.

    Im Gegenteil.

    Sollten Philippe und Attal tatsächlich beide kandidieren, könnten sie einander Stimmen abnehmen und damit genau das produzieren, was sie angeblich verhindern wollen: einen zweiten Wahlgang ohne Vertreter des politischen Zentrums.

    Das wäre die vollendete Ironie des Macronismus.

    Eine politische Bewegung, die 2017 antrat, um das alte Parteiensystem zu überwinden, könnte zehn Jahre später daran scheitern, dass ihre Erben sich nicht einigen können, wer von ihnen der wichtigste Mann im Raum ist.

    Und über allem schwebt Macron

    Dann wäre da noch der Mann, dessen Erbe angeblich verteilt werden soll.

    Emmanuel Macron.

    Er ist noch Präsident. Und wer glaubt, ein Politiker dieses Formats werde die Auswahl seines möglichen Nachfolgers mit der emotionalen Distanz eines pensionierten Briefmarkensammlers beobachten, besitzt ein bemerkenswert romantisches Verständnis von Macht.

    Macrons Haltung kann entscheidend werden.

    Wen unterstützt er?

    Wen unterstützt er gerade nicht?

    Wem gewährt der Élysée Zugang?

    Wer wird demonstrativ auf Abstand gehalten?

    Und was geschieht, wenn plötzlich noch jemand auftaucht, der dem Präsidenten besser gefällt als seine beiden ehemaligen Regierungschefs?

    Genau deshalb ist dieser Erbstreit so delikat. Philippe und Attal müssen Macron nahe genug bleiben, um seine Wähler und politischen Netzwerke zu übernehmen – und gleichzeitig weit genug von ihm wegrücken, damit niemand auf die Idee kommt, sie seien bloss die dritte Staffel derselben Serie.

    Das politische Kunststück lautet:

    Danke für alles, Emmanuel.

    Und jetzt bitte verschwinde aus meinem Wahlkampf.

    Frankreich braucht keinen Erben

    Vielleicht liegt genau darin das ganze Elend dieser Debatte.

    Frankreich wählt 2027 keinen Kronprinzen.

    Es wählt einen neuen Präsidenten.

    Das klingt banal. Doch Philippe und Attal müssen erst beweisen, dass sie diesen Unterschied verstanden haben.

    Ein Land mit enormen finanzpolitischen Problemen, gesellschaftlichen Spannungen, einer schwierigen Sicherheitslage, ungelösten Migrationsfragen, einem angeschlagenen Parteiensystem und einer dramatisch veränderten europäischen Sicherheitsordnung braucht keine endlose Diskussion darüber, welcher ehemalige Premierminister das authentischere politische Kind Emmanuel Macrons ist.

    Es braucht Antworten.

    Und zwar ziemlich schnell.

    Bislang erinnert die Auseinandersetzung zwischen Philippe und Attal allerdings weniger an den grossen Wettbewerb zweier Zukunftsentwürfe als an zwei Brüder, die sich vor der Testamentseröffnung bereits darüber streiten, wer Grossvaters Uhr bekommt.

    Dabei haben beide ein Problem übersehen:

    Vielleicht möchte Frankreich die Uhr gar nicht mehr.

    Das wird die eigentliche Frage von 2027 sein.

    Nicht, wer Macron beerbt.

    Sondern ob nach zehn Jahren Macron überhaupt noch jemand einen Macron-Erben bestellen möchte.

    Daniel Ivers

  • Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Lehrer. Wirklich. Die Republik liebt sie geradezu hingebungsvoll.

    Sie liebt sie in Sonntagsreden. Sie liebt sie bei Schuljahresbeginn. Sie liebt sie nach Krisen, nach Anschlägen, nach Ausschreitungen, nach schlechten Pisa-Ergebnissen und immer dann, wenn irgendwo jemand erklären muss, dass Bildung selbstverständlich die oberste Priorität der Nation sei.

    Frankreich liebt seine Lehrer so sehr, dass es ihnen immer neue Aufgaben schenkt.

    Nur Geld schenkt es ihnen ungern.

    Das wäre vermutlich zu gewöhnlich.

    Lehrer sollen schließlich nicht wegen des Geldes Lehrer werden. Sie sollen Lehrer werden, weil sie an die Republik glauben, an die Jugend, an Voltaire, Victor Hugo, die Aufklärung, die Chancengleichheit und wahrscheinlich auch ein wenig an die Unsterblichkeit der französischen Verwaltung.

    Die Vermieter in Paris haben für solche republikanischen Ideale bedauerlicherweise wenig Verständnis.

    Sie bevorzugen Überweisungen.

    Und damit sind wir beim Problem.

    Die Republik bezahlt in Wertschätzung

    Jahrelang konnte man die französische Lehrerschaft mit einem bemerkenswert einfachen politischen Geschäftsmodell verwalten: Der Staat lieferte Anerkennung in Worten, die Lehrer lieferten Unterricht in Wirklichkeit.

    Das war günstig.

    „Sie leisten eine unverzichtbare Arbeit.“

    Danke.

    „Sie sind das Rückgrat unserer Republik.“

    Sehr freundlich.

    „Sie bereiten unsere Kinder auf die Zukunft vor.“

    Wunderbar.

    Und jetzt bitte wieder zurück ins Klassenzimmer.

    Das Wort „Wertschätzung“ gehört überhaupt zu den genialsten Erfindungen moderner Haushaltspolitik. Wertschätzung ist steuerfrei, schuldenbremsenkompatibel und verursacht keinerlei Personalkosten.

    Man kann damit ganze Berufsgruppen bezahlen.

    Zumindest rhetorisch.

    Dann kam die Inflation.

    Und plötzlich stellte sich heraus, dass der Supermarkt keine Wertschätzung akzeptiert.

    An der Kasse von Carrefour funktioniert republikanisches Pathos ungefähr so gut wie eine abgelaufene Kreditkarte. Auch der Stromversorger zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt von der gesellschaftlichen Bedeutung des Lehrerberufs.

    Und ein Vermieter senkt die Miete nur selten, weil sein Mieter täglich die Werte der Republik vermittelt.

    So grausam kann Marktwirtschaft sein.

    Emmanuel Macron und die wundersame Vermehrung der Prämien

    Natürlich hat der Staat reagiert.

    Es gab Aufwertungen. Prämien. Zulagen. Maßnahmen. Pakete. Weitere Maßnahmen. Neue Pakete.

    Die französische Politik liebt Pakete fast so sehr wie Reformen.

    Besonders praktisch sind Prämien. Eine Prämie kann politisch als Gehaltserhöhung präsentiert werden, ohne das gesamte Besoldungssystem grundsätzlich verändern zu müssen.

    Und so entstand jene besondere Form staatlicher Großzügigkeit, bei der der Empfänger zunächst eine Broschüre benötigt, um herauszufinden, ob er überhaupt großzügig bedacht wurde.

    Unter Emmanuel Macron ist diese Logik besonders sichtbar geworden: mehr Differenzierung, mehr Prämien, zusätzliche Vergütung für zusätzliche Aufgaben.

    Der Staat sagt damit im Grunde: Natürlich verdienen Lehrer mehr Geld.

    Sie müssen dafür nur noch ein bisschen mehr Lehrer sein.

    Wer zusätzliche Aufgaben übernimmt, Vertretungen leistet oder sich an bestimmten Programmen beteiligt, kann zusätzlich verdienen.

    Das klingt modern.

    Es klingt leistungsorientiert.

    Es klingt nach Management.

    Nur übersieht diese Logik eine Kleinigkeit: Viele Lehrer empfinden bereits ihre normale Arbeit als ständig ausgeweitet.

    Sie sollen unterrichten, fördern, dokumentieren, integrieren, digitalisieren, beraten, Konflikte lösen, Eltern beruhigen, Mobbing erkennen, Radikalisierung bemerken, Behinderungen berücksichtigen, psychische Probleme auffangen und möglichst verhindern, dass irgendein Kind auf dem Weg durch das Bildungssystem verloren geht.

    Und dann kommt der Staat und sagt:

    Wenn Sie mehr verdienen möchten, könnten Sie vielleicht noch etwas zusätzlich machen.

    Man muss die Eleganz dieses Gedankens bewundern.

    Der Lehrer als pädagogisches Schweizer Taschenmesser

    Der moderne französische Lehrer ist längst kein Lehrer mehr.

    Er ist Sozialarbeiter, Psychologe, Integrationshelfer, Verwaltungsangestellter, Medienpädagoge, Berufsberater, Konfliktmanager und gelegentlich Sicherheitsbeauftragter.

    Zwischendurch unterrichtet er.

    Das ist allerdings fast schon nostalgisch.

    Die Schule soll heute Probleme lösen, die weit außerhalb der Schule entstehen.

    Wenn Integration nicht funktioniert: Schule.

    Wenn Jugendliche Schwierigkeiten mit sozialen Medien haben: Schule.

    Wenn Gewalt zunimmt: Schule.

    Wenn republikanische Werte erodieren: Schule.

    Wenn soziale Ungleichheit wächst: Schule.

    Wenn Kinder psychisch belastet sind: Schule.

    Wenn Eltern überfordert sind: Schule.

    Wenn die Demokratie Nachwuchsprobleme bekommt: natürlich Schule.

    Das Klassenzimmer ist die Reparaturwerkstatt der französischen Gesellschaft geworden.

    Nur beim Mechaniker diskutiert man weiterhin darüber, ob eine ordentliche Bezahlung womöglich seine intrinsische Motivation beschädigen könnte.

    Bitte retten Sie die Republik – Ihre Wohnung ist leider Ihr Problem

    Besonders hübsch wird diese Politik in Paris und anderen teuren Ballungsräumen.

    Dort darf ein junger Lehrer eine praktische Einführung in Volkswirtschaftslehre absolvieren.

    Kapitel eins: Angebot und Nachfrage.

    Kapitel zwei: Wohnungsmarkt.

    Kapitel drei: Warum Ihr Gehalt nicht reicht.

    Ein junger Akademiker wird vom Staat dorthin geschickt, wo Lehrer benötigt werden, und stellt anschließend fest, dass die Wohnkosten einen beträchtlichen Teil seines Einkommens verschlingen.

    Das ist immerhin pädagogisch wertvoll.

    So lernt er unmittelbar, was Kaufkraft bedeutet.

    Vielleicht könnte man dies künftig als Fortbildung anerkennen.

    Denn natürlich kann man jungen Menschen weiterhin erzählen, der Lehrerberuf sei attraktiv.

    Man darf sich nur nicht wundern, wenn sie nachrechnen.

    Und junge Akademiker können rechnen.

    Das ist für die Personalpolitik des Bildungsministeriums bedauerlich.

    Sie vergleichen nämlich.

    Sie sehen Freunde aus ihrem Studium, die in Unternehmen, Verwaltungen oder anderen qualifizierten Berufen arbeiten. Sie vergleichen Gehälter, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Status.

    Dann hören sie, Lehrer hätten immerhin viele Ferien.

    Das dürfte helfen.

    Und wenn niemand kommt, nimmt man Contractuels

    Der vielleicht aufschlussreichste Teil der französischen Bildungskrise ist der wachsende Rückgriff auf Vertragslehrer.

    Die contractuels sind nicht das Problem. Viele von ihnen leisten engagierte und professionelle Arbeit unter schwierigen Bedingungen.

    Sie sind vielmehr das Symptom.

    Wenn sich nicht genügend Menschen für einen Beruf finden, gäbe es theoretisch eine naheliegende Reaktion: Man macht den Beruf attraktiver.

    Frankreich hat eine weitere Möglichkeit entdeckt:

    Man verändert die Art, wie man Menschen hineinbekommt.

    Wo der klassische Weg über den Concours nicht genügend Lehrer hervorbringt, helfen Vertragskräfte, die Lücken zu schließen.

    Das ist pragmatisch.

    Ein Loch ist da. Ein Mensch wird hineingestellt. Das Loch ist weg.

    Voilà.

    Nur verschwindet dadurch nicht die Frage, warum das Loch überhaupt entstanden ist.

    Ein Bildungssystem, das zunehmend Schwierigkeiten hat, genügend qualifizierte Bewerber für seine regulären Laufbahnen zu gewinnen, sollte vielleicht weniger darüber nachdenken, wie man Personalengpässe verwaltet, und mehr darüber, warum Menschen diesen Beruf meiden.

    Es könnte dabei auf eine unangenehme Antwort stoßen.

    Vielleicht ist der Beruf tatsächlich nicht attraktiv genug.

    Die große französische Überraschung: Menschen arbeiten auch für Geld

    Hier berührt die Debatte ein fast philosophisches Problem.

    Von Lehrern erwartet die Gesellschaft traditionell eine besondere moralische Haltung.

    Ein Banker darf wegen des Geldes arbeiten.

    Ein Unternehmensberater darf Karriere machen wollen.

    Ein Manager darf seinen Bonus interessant finden.

    Ein Ingenieur darf ein höheres Gehalt verlangen.

    Aber beim Lehrer wird plötzlich Rousseau hervorgeholt.

    Der Lehrer soll berufen sein.

    Er soll dienen.

    Er soll Sinn suchen.

    Er soll seine Arbeit lieben.

    Das darf er selbstverständlich.

    Nur sollte man aus seiner Berufung kein staatliches Rabattprogramm machen.

    Gerade Berufe mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung sind besonders anfällig für diese moralische Erpressung: Weil deine Arbeit wichtig ist, solltest du weniger auf das Geld achten.

    Man könnte die Logik auch umdrehen.

    Weil die Arbeit wichtig ist, sollte der Staat besonders darauf achten, dass sie angemessen bezahlt wird.

    Das wäre allerdings weniger poetisch.

    Und teurer.

    Was kostet eigentlich ein verlorener Lehrer?

    Bei jeder Gehaltserhöhung wird nach den Kosten gefragt.

    Völlig zu Recht.

    Öffentliche Haushalte bestehen nicht aus Konfetti. Frankreich trägt eine hohe Staatsverschuldung, die öffentlichen Ausgaben sind beträchtlich, und kein Finanzminister kann Milliarden einfach aus republikanischer Begeisterung erschaffen.

    Aber die interessante Frage lautet nicht nur:

    Was kostet eine bessere Bezahlung?

    Sie lautet auch:

    Was kostet schlechte Bezahlung?

    Was kostet es, wenn Stellen unbesetzt bleiben?

    Was kostet es, wenn Unterricht ausfällt?

    Was kostet es, wenn erfahrene Lehrer den Beruf verlassen?

    Was kostet es, wenn junge Talente sich gar nicht erst bewerben?

    Was kostet es, wenn Schulen in schwierigen Vierteln ständig neues Personal suchen?

    Und was kostet eine Republik langfristig, wenn ausgerechnet jene Institution an Attraktivität verliert, die soziale Unterschiede wenigstens teilweise ausgleichen soll?

    Diese Kosten erscheinen auf keiner monatlichen Gehaltsabrechnung.

    Aber sie existieren.

    Macron kann die Mathematik nicht wegmoderieren

    Emmanuel Macron hat Frankreich gern als eine Nation beschrieben, die sich transformieren müsse.

    Transformation ist eines jener herrlichen politischen Wörter, bei denen immer jemand transformiert wird.

    Bei den Lehrern bedeutete Transformation in den vergangenen Jahren häufig: neue Anforderungen, neue Programme, neue Instrumente, neue Erwartungen.

    Doch ein Staat kann seinen Bildungssektor nicht dauerhaft modernisieren, indem er die Menschen darin zu einer Art pädagogischer Verschleißmasse macht.

    Eine Schule ist keine App.

    Ein Lehrer lässt sich nicht mit einem Software-Update produktiver machen.

    Und Personalpolitik lässt sich nicht dauerhaft durch Kommunikation ersetzen.

    Man kann eine Pressekonferenz veranstalten.

    Man kann eine „historische Aufwertung“ verkünden.

    Man kann erklären, dass Bildung höchste Priorität habe.

    Man kann Programme benennen, Pakte schließen und Prämien verteilen.

    Am Monatsende bleibt trotzdem eine Zahl.

    Lehrer sind beruflich sogar besonders gut darauf vorbereitet, Zahlen zu verstehen.

    Frankreich bekommt die Schule, für die es bezahlt

    Das Gehalt ist deshalb längst mehr als eine gewerkschaftliche Forderung.

    Es ist ein politisches Misstrauensvotum.

    Nicht gegen die Schule.

    Sondern gegen die Vorstellung, dass man die Bedeutung eines Berufs jahrzehntelang rhetorisch erhöhen und seinen relativen materiellen Status gleichzeitig vernachlässigen könne.

    Die Inflation hat diesen Widerspruch brutal sichtbar gemacht.

    Plötzlich kostet der Wocheneinkauf mehr. Die Energie kostet mehr. Das Wohnen kostet mehr. Das Leben kostet mehr.

    Und die republikanische Anerkennung?

    Die bleibt erfreulich preisstabil.

    Vielleicht liegt darin die bitterste Pointe.

    Frankreich diskutiert seit Jahren über die Krise seiner Schule. Über Niveauverlust. Lehrermangel. Gewalt. Ungleichheit. Disziplin. Integration. Autorität. Pisa. Digitalisierung. Reformen.

    Es wird untersucht, evaluiert, reformiert und erneut evaluiert.

    Nur die einfachste Frage wirkt beinahe unanständig:

    Warum sollte ein hochqualifizierter junger Mensch heute Lehrer werden?

    Nicht aus Patriotismus.

    Nicht aus Pflichtgefühl.

    Nicht wegen der langen Sommerferien, die bekanntlich jeden Abend mit Korrekturen, Vorbereitungen und Konferenzen magisch verschwinden lassen.

    Sondern als vernünftige Lebensentscheidung.

    Darauf braucht Frankreich eine überzeugende Antwort.

    Denn man kann Lehrer durchaus jahrelang mit Anerkennung bezahlen.

    Man kann ihnen erklären, wie wichtig sie sind.

    Man kann sie Helden des Alltags nennen.

    Man kann ihnen die Zukunft der Kinder, den sozialen Frieden und nebenbei die Werte der Republik auf die Schultern legen.

    Nur sollte man sich anschließend nicht überrascht zeigen, wenn diese Lehrer irgendwann eine geradezu unpädagogische Frage stellen:

    Was bekomme ich eigentlich dafür?

    Das ist keine Gier.

    Es ist auch kein Verrat am Ideal des Lehrerberufs.

    Es ist die Rechnung, die nach Jahren politischer Sonntagsreden auf dem Tisch liegt.

    Und Frankreich sollte sie bezahlen.

    Denn die Alternative wäre die teuerste Sparmaßnahme von allen:

    eine Republik, die bei ihren Lehrern spart und eines Tages feststellen muss, dass sie damit an ihrer eigenen Zukunft gespart hat.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die Wirklichkeit inzwischen einen Satiriker beschäftigt. Einen ziemlich schwarzen noch dazu. Französische Fischer fahren hinaus aufs Meer, werfen ihre Netze aus – und ziehen statt Sardinen, Makrelen oder anderer Fische vor allem glibberige Quallen an Bord. Willkommen in einer Zukunft, in der das Meer zwar noch reichlich Leben hervorbringt, nur leider immer öfter das falsche.

    Klimawandel? Ach was. Wird schon nicht so schlimm werden.

    Ein bisschen wärmeres Wasser, ein paar hübsche neue Badetemperaturen, vielleicht verlängert sich sogar die Saison an der französischen Küste. Was soll daran schon dramatisch sein?

    Nun, fragen wir doch einmal einen Fischer, dessen Netz so voller Quallen steckt, dass er es kaum noch aus dem Wasser bekommt.

    Die Hitzewellen dieses Sommers treffen nämlich nicht nur Menschen, Wälder und Landwirtschaft. Auch die französischen Meere reagieren auf ungewöhnlich hohe Temperaturen. Und dort zeigt sich eine jener Nebenwirkungen, die in der großen Klimadebatte gern untergehen: Massenhafte Quallenvorkommen erschweren regional die Fischerei erheblich.

    Das Problem klingt zunächst fast komisch.

    Quallen gegen Fischer.

    David gegen Goliath, nur eben glibberiger.

    Doch wer genauer hinsieht, dem vergeht das Lachen ziemlich schnell. Quallen gelangen in großer Zahl in die Netze und machen sie schwer. Ihr Schleim und ihre Nesselzellen beeinträchtigen den Fang. Fischer verbringen zusätzliche Zeit damit, ihre Geräte zu reinigen, verlieren Arbeitsstunden und verbrauchen Treibstoff für Fahrten, deren Ertrag schlimmstenfalls nicht einmal die Kosten deckt.

    Man fährt also hinaus, bezahlt Diesel, Personal, Wartung und Ausrüstung – und bringt am Ende eine Ladung glitschiger Meeresbewohner nach Hause, für die auf dem Fischmarkt niemand begeistert die Geldbörse zückt.

    Läuft.

    Besonders bitter daran: Die Fischerei steht ohnehin unter enormem Druck. Überfischung, steigende Betriebskosten, internationale Konkurrenz, Fangquoten und Veränderungen der Meeresökosysteme verlangen den Betrieben seit Jahren einiges ab. Nun mischt auch noch eine uralte Tiergruppe mit, deren Vertreter seit Hunderten Millionen Jahren durch die Ozeane treiben und offenbar ausgezeichnet mit Bedingungen zurechtkommen, unter denen andere Arten zunehmend Probleme bekommen.

    Natürlich wäre es wissenschaftlich unseriös, jede einzelne Quallenplage mit einem roten Stempel zu versehen: „Verursacht durch Klimawandel.“

    So einfach arbeitet die Natur nicht.

    Quallenpopulationen schwanken aus zahlreichen Gründen. Meeresströmungen, Nahrungsangebot, Fortpflanzungsbedingungen und Veränderungen innerhalb der Nahrungsketten spielen hinein. Auch Überfischung besitzt eine Bedeutung, denn weniger Fische bedeuten teilweise weniger Konkurrenz und weniger natürliche Gegenspieler. Schildkröten und bestimmte Fischarten fressen Quallen. Gerät dieses Gefüge aus dem Takt, entstehen ökologische Freiräume.

    Steigende Meerestemperaturen liefern manchen Quallenarten zusätzlich günstige Bedingungen. Wärmeres Wasser beeinflusst Stoffwechsel, Entwicklung und Fortpflanzungszyklen. Treffen mehrere Faktoren zusammen, entsteht jene Mischung, die Fischer überhaupt nicht gebrauchen können.

    Und plötzlich führt die abstrakte Debatte über Zehntelgrade mitten hinein in unseren Alltag.

    Denn Fischerei bedeutet nicht bloß romantische kleine Boote im Morgennebel, Hafenrestaurants und Möwengeschrei. Sie bedeutet Nahrung.

    Ernährungssicherheit hängt davon ab, dass Ökosysteme einigermaßen zuverlässig funktionieren. Nicht perfekt, nicht unverändert und schon gar nicht nach menschlichem Wunschzettel – aber stabil genug, damit Landwirtschaft, Fischerei und Aquakultur planbar bleiben.

    Genau hier liegt der Punkt, der viel zu selten ausgesprochen wird.

    Der Klimawandel bedroht unsere Ernährung nicht ausschließlich durch vertrocknete Felder, Überschwemmungen oder schlechte Ernten. Seine Folgen laufen durch komplizierte ökologische Ketten. Wasser erwärmt sich, Arten wandern, andere vermehren sich stärker, Nahrungsketten verschieben sich – und irgendwann steht ein Fischer auf seinem Boot und zieht ein Netz hoch, in dem kaum noch verkäuflicher Fang liegt.

    Keine Hollywood-Apokalypse. Kein dramatischer Weltuntergang mit Donner und Feuer.

    Nur ein schlechtes Netz.

    Und noch eines.

    Und irgendwann eine Fahrt, die sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

    Genau darin liegt die Tücke ökologischer Veränderungen. Sie kommen selten mit Sirene und rotem Warnlicht. Sie schleichen sich in Kalkulationen, Arbeitsabläufe und Lebensmittelpreise. Aus einem biologischen Phänomen entsteht ein wirtschaftliches Problem. Aus vielen wirtschaftlichen Problemen entsteht irgendwann ein gesellschaftliches.

    Die Quallen selbst trifft dabei übrigens keinerlei Schuld. Sie machen schlicht das, was Lebewesen seit Anbeginn des Lebens tun: Sie nutzen Bedingungen, die ihnen Vorteile bieten.

    Fast möchte man ihnen gratulieren.

    Während der Mensch seit Jahrzehnten Konferenzen veranstaltet, Klimaziele formuliert, verschiebt, neu formuliert und anschließend darüber diskutiert, ob das alles vielleicht doch ein bisschen unbequem und teuer sei, treiben die Quallen völlig unbeeindruckt durch das wärmere Wasser.

    Keine Pressekonferenz. Kein Aktionsplan. Keine Arbeitsgruppe.

    Einfach vermehren.

    Dabei reichen die Folgen großer Quallenvorkommen weit über die Fischerei hinaus. Sie beeinträchtigen Badegebiete, belasten Aquakulturen und geraten sogar in technische Anlagen. Frankreich kennt bereits die grotesk anmutende Situation, dass Quallen die Kühlwassersysteme des Kernkraftwerks Gravelines beeinträchtigten und Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden mussten.

    Man muss diesen Satz tatsächlich zweimal lesen.

    Eine hoch technisierte Industrienation baut Kernreaktoren, Stromnetze und gewaltige Infrastruktur – und dann kommt eine Armee aus nahezu hirnlosen Gallertwesen angeschwommen und sagt sinngemäß: „Heute nicht.“

    Die Natur besitzt Humor. Leider einen ziemlich trockenen.

    Noch gravierender erscheint jedoch die langfristige Frage: Was geschieht, wenn marine Hitzewellen häufiger auftreten und gleichzeitig Überfischung, Verschmutzung sowie Veränderungen der Küstenräume die Ökosysteme weiter schwächen?

    Dann geht es nicht mehr darum, ob Urlauber beim Baden einer Qualle begegnen.

    Dann reden wir über die Belastbarkeit unserer Nahrungsmittelsysteme.

    Niemand muss deshalb morgen Konservendosen im Keller stapeln. Frankreich steht nicht unmittelbar vor leeren Fischtheken, und Quallen werden auch nicht plötzlich sämtliche Speisefische aus europäischen Gewässern vertreiben. Solche Behauptungen wären Alarmismus.

    Doch Ernährungssicherheit zerbricht selten über Nacht.

    Sie erodiert.

    Ein schlechter Fang hier, eine Dürre dort, höhere Energiepreise, veränderte Fischbestände, Krankheiten in Aquakulturen, Ernteausfälle, steigende Transportkosten – jedes einzelne Problem erscheint beherrschbar. Gemeinsam ergeben sie eine Rechnung, die irgendwann jemand bezahlen muss.

    Meistens sitzt dieser Jemand an der Supermarktkasse.

    Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Klimawandel ausschließlich als abstraktes Umweltproblem für kommende Generationen zu betrachten. Er berührt Wirtschaft, Energieversorgung und Ernährung bereits dort, wo Menschen heute arbeiten.

    Manchmal sieht diese Realität nicht spektakulär aus.

    Manchmal ist sie durchsichtig, glibberig und steckt zu Tausenden im Fischernetz.

    Und während wir noch darüber streiten, ob uns Klimaschutz zu teuer kommt, liefert das Meer bereits eine andere Rechnung.

    Mit Quallen statt Fisch.

    Daniel Ivers

  • Kommentar: Erst fliegt das Dach weg, dann kommt die Versicherung – herzlich willkommen im Katastrophenmanagement

    Kommentar: Erst fliegt das Dach weg, dann kommt die Versicherung – herzlich willkommen im Katastrophenmanagement

    Es gibt vermutlich angenehmere Momente im Leben, um seine Versicherungsbedingungen kennenzulernen.

    Zum Beispiel nie.

    In Pomas allerdings bleibt vielen Menschen diese Bekanntschaft nicht erspart. Am 24. August fegte ein außergewöhnlich heftiger Tornado durch die kleine Gemeinde im Département Aude. Wenige Minuten reichten aus, um aus Häusern Ruinen, aus Gärten Trümmerfelder und aus einem gewöhnlichen Montagnachmittag eine Katastrophe zu machen.

    Rund 300 von etwa 500 Häusern wurden beschädigt, ungefähr 100 könnten vorerst oder dauerhaft unbewohnbar sein. Menschen wurden verletzt, Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt, Fahrzeuge herumgeschleudert.

    Windgeschwindigkeiten von möglicherweise 200 Kilometern pro Stunde oder mehr.

    Das schafft Tatsachen.

    Danach beginnt die Bürokratie.

    Und die besitzt bekanntlich einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Tornado: Sie hält wesentlich länger durch.

    Besonders hübsch – sofern man in dieser Tragödie überhaupt etwas „hübsch“ nennen möchte – klingt jene Schilderung eines Betroffenen, wonach für bestimmte unmittelbare Leistungen zunächst 360 Euro pro Person angeboten worden seien.

    360 Euro.

    Da möchte man fast applaudieren. Nicht zu laut natürlich, sonst fliegt womöglich die Plane vom Dach.

    Fairerweise gehört zur Wahrheit: Diese Summe bedeutet nicht automatisch, dass ein zerstörtes Haus mit 360 Euro abgegolten werden soll. Gebäudeschäden, Hausrat, Fahrzeuge, Unterbringung und andere Kosten folgen unterschiedlichen Regelungen. Die endgültigen Entschädigungen stehen erst nach Prüfung der Schäden und Verträge fest.

    Nur wirkt diese versicherungsrechtliche Präzision vermutlich etwas weniger beruhigend, wenn man gerade zwischen den Resten seines Wohnzimmers steht.

    Ein Bewohner namens André schätzt seinen Gesamtschaden auf 300.000 bis 400.000 Euro. Sein Haus müsse nach seiner Einschätzung abgerissen und neu gebaut werden.

    300.000 bis 400.000 Euro Schaden.

    Und irgendwo beginnt nun eine Akte.

    Aktenzeichen bitte gut aufbewahren.

    Das Haus ist zwar weg, aber verlieren Sie bloß nicht das Aktenzeichen.

    So beginnt nach vielen Katastrophen jene seltsame Parallelwelt, in der Menschen plötzlich beweisen sollen, was gestern noch selbstverständlich existierte. Der Schrank. Der Fernseher. Die Dachkonstruktion. Das Fenster. Die Gartenmöbel. Das Auto. Die persönlichen Gegenstände.

    Rechnung vorhanden?

    Foto vorhanden?

    Kaufdatum?

    Zeitwert?

    Wiederbeschaffungswert?

    Schaden unmittelbar durch Wind oder anschließend durch Regen?

    Man möchte antworten: Entschuldigung, der Tornado hat beim Eintreten leider keinen Schadensbericht ausgefüllt.

    Genau hier liegt das Problem.

    Natürlich müssen Versicherungen prüfen. Niemand erwartet, dass ein Sachbearbeiter nach einem kurzen Telefonat 350.000 Euro mit dem Vermerk „wird schon stimmen“ überweist. Versicherungen verwalten das Geld ihrer Versichertengemeinschaft, Betrug existiert, Schäden müssen nachvollziehbar ermittelt werden.

    Geschenkt.

    Doch ein Versicherungssystem beweist seine Qualität nicht an einem sonnigen Dienstag, wenn der Beitrag pünktlich vom Konto abgebucht wird.

    Es beweist sie, wenn das Dach fehlt.

    Jahrelang funktioniert das Verhältnis nämlich herrlich unkompliziert. Die Versicherung zieht Geld ein, der Kunde liefert es. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

    Kein Gutachter erscheint und fragt misstrauisch: „Sind Sie wirklich sicher, dass Sie diesen Beitrag zahlen möchten? Haben Sie dafür Beweise? Können Sie bitte drei Kostenvoranschläge einreichen?“

    Nein.

    Das klappt erstaunlich reibungslos.

    Erst wenn sich die Richtung des Geldflusses umkehrt, entdeckt das System seine Liebe zur Detailprüfung.

    Ein Schelm, wer darin eine gewisse Komik erkennt.

    In Frankreich kommt noch eine sprachlich-juristische Delikatesse hinzu. Ein Tornado muss nicht zwingend als „catastrophe naturelle“ anerkannt sein, damit Windschäden reguliert werden. Viele Gebäudeversicherungen enthalten eine „garantie tempête“, unter die typische Sturmschäden fallen.

    Das ist fachlich relevant.

    Emotional ungefähr so tröstlich wie der Hinweis, dass der Fachbegriff für das Loch im Dach korrekt angewendet wurde.

    Während Juristen, Gutachter und Versicherer Schadensursachen auseinandernehmen, sitzen in Pomas Menschen unter Planen. Manche können nicht zurück in ihre Häuser. Andere wohnen bei Freunden oder Verwandten. Einsatzkräfte prüfen Gebäude, Helfer räumen Trümmer weg, die beschädigte Schule zwingt die Gemeinde zu Ausweichlösungen.

    Das echte Leben wartet nämlich nicht auf die Schadenregulierung.

    Der Handwerker möchte bezahlt werden. Eine Ersatzwohnung kostet Geld. Kleidung muss gekauft werden. Möbel fehlen. Autos sind beschädigt. Kinder müssen zur Schule. Kredite laufen weiter.

    Die monatliche Rate für ein zerstörtes Haus entwickelt erstaunlicherweise keine menschlichen Gefühle.

    Sie kommt.

    Pünktlich.

    Gerade deshalb trägt die Versicherungswirtschaft jetzt eine enorme Verantwortung. Nicht weil jeder geforderte Betrag ungeprüft überwiesen werden müsste. Sondern weil Geschwindigkeit, Transparenz und vernünftige Vorschüsse nach einer Katastrophe darüber entscheiden, ob aus einem materiellen Schaden eine soziale Katastrophe entsteht.

    Wer Menschen jetzt wochenlang durch Hotlines schickt, Zuständigkeiten weiterreicht und bei jedem Formular einen neuen Nachweis verlangt, spart vielleicht Geld.

    Aber er produziert etwas anderes: Wut.

    Und diese Wut wäre verständlich.

    Denn eine Versicherung verkauft letztlich kein Papier.

    Sie verkauft Sicherheit.

    Das ist ihr Produkt.

    Niemand schließt begeistert eine Wohngebäudeversicherung ab, weil Versicherungsbedingungen so aufregende Abendlektüre bieten. Niemand sitzt mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa und sagt: „Schatz, heute lesen wir Abschnitt 14.3 über Ausschlüsse bei meteorologischen Ereignissen.“

    Menschen versichern ihr Haus aus einem einfachen Grund.

    Falls etwas passiert.

    Nun ist etwas passiert.

    Also Bühne frei.

    In Pomas zeigt sich jetzt, ob die jahrzehntelang bezahlte Sicherheit tatsächlich Sicherheit war – oder hauptsächlich ein sehr erfolgreiches Versprechen für Tage, an denen nichts passiert.

    Die Bewohner selbst erleben derweil eine andere Form von Versicherung: Nachbarn helfen einander. Feuerwehrleute sichern Gebäude. Freiwillige räumen auf. Familien nehmen Betroffene auf. Hilfsorganisationen springen ein. Für beschädigte öffentliche Einrichtungen wurde ein Solidaritätsfonds aktiviert.

    Merkwürdig.

    Diejenigen mit den wenigsten Vertragsklauseln scheinen oft am schnellsten zu verstehen, was gerade gebraucht wird.

    Eine Leiter.

    Eine Plane.

    Ein Bett.

    Eine helfende Hand.

    Manchmal ist Katastrophenhilfe erstaunlich simpel.

    Natürlich lässt sich ein Schaden von mehreren hunderttausend Euro nicht mit Nachbarschaftshilfe lösen. Genau deshalb existieren Versicherungen. Sie sollen den finanziellen Absturz verhindern, wenn das Unvorstellbare plötzlich Realität wird.

    Pomas braucht deshalb jetzt keine freundlichen Werbeslogans über Vertrauen, Nähe und Sicherheit.

    Bitte nicht.

    Davon lässt sich kein Dach decken.

    Das Dorf braucht faire Gutachten, schnelle Entscheidungen, angemessene Vorschüsse und Versicherer, die begreifen, dass hinter jeder Schadennummer ein Mensch steht, dessen bisheriges Leben möglicherweise innerhalb weniger Minuten zerlegt wurde.

    Vielleicht sollte jeder Sachbearbeiter, der über solche Fälle entscheidet, einmal durch Pomas gehen.

    Nicht durch eine Excel-Tabelle.

    Durch Pomas.

    An den zerstörten Häusern vorbei. Unter den Planen hindurch. Zu den Familien, die nicht wissen, wann sie zurückkehren können.

    Danach darf gerechnet werden.

    Denn der Tornado war brutal genug.

    Es wäre eine ziemlich bittere Pointe, wenn die Menschen anschließend feststellen müssten, dass der Wind zwar ihr Dach mitgenommen hat – aber erst die Schadenregulierung ihnen den letzten Nerv raubt.

    Der Tornado brauchte dafür wenige Minuten.

    Mal sehen, wie lange der Papiersturm dauert.

    Daniel Ivers

  • Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Frankreich steht vor einer bemerkenswerten politischen Entdeckung: Wenn man ein Problem lange genug ignoriert, verschwindet es nicht. Es wird Präsidentin. Oder Präsident.

    Der Satz stammt natürlich nicht aus einem Lehrbuch der Politikwissenschaft. Aber er könnte irgendwann als Kurzfassung jener Jahre dienen, in denen Frankreichs politische Mitte zusah, wie der Rassemblement national vom politischen Schmuddelkind zum Favoriten auf den Élysée-Palast wurde.

    William Thay, Präsident des gaullistischen Think-Tanks Le Millénaire, fasst die Lage mit bemerkenswerter Nüchternheit zusammen: «Jamais le RN n’a enregistré de tels scores dans les sondages.» Auf Deutsch: Noch nie hat der RN in den Umfragen derart hohe Werte erreicht.

    Und tatsächlich: Das ist keine rhetorische Übertreibung.

    Ipsos BVA ermittelte im Juni für die Präsidentschaftswahl 2027 je nach Konstellation 31 bis 36 Prozent für Marine Le Pen beziehungsweise Jordan Bardella. Ifop sah Bardella bereits im Februar bei 36 Prozent, zwanzig Punkte vor Édouard Philippe. Nach Marine Le Pens Kandidaturerklärung im Juli maß Ifop auch sie bei 36 Prozent. OpinionWay kam im Juni auf 33 bis 35 Prozent für einen RN-Kandidaten.

    Das sind keine Messfehler mehr. Das ist eine politische Landschaft.

    Die Republik entdeckt plötzlich die Republik

    Natürlich beginnt jetzt wieder das große französische Ritual.

    Man wird warnen.

    Man wird appellieren.

    Man wird zur Verteidigung der Republik aufrufen.

    Man wird erklären, dass eine Wahl des RN eine historische Zäsur wäre.

    Und vermutlich wird man dabei vergessen zu erwähnen, dass historische Zäsuren die lästige Eigenschaft haben, eine Vorgeschichte zu besitzen.

    Der Aufstieg des RN ist schließlich nicht gestern Nachmittag zwischen Café und Apéritif vom Himmel gefallen. Marine Le Pen erreichte bereits 2017 die Stichwahl. 2022 kam sie wieder hinein und erhielt dort gut 41 Prozent. Bei der Europawahl 2024 wurde der RN mit 31,4 Prozent stärkste französische Kraft. Emmanuel Macron reagierte darauf mit der Auflösung der Nationalversammlung.

    Man könnte sagen: Frankreich bekam mehrere Warnschüsse.

    Die politische Klasse interpretierte sie offenbar als Startsignal.

    Seitdem wird diskutiert, taktiert, koaliert, nicht koaliert, abgegrenzt, wieder angenähert, eine Regierung gebildet, eine Regierung bekämpft und anschließend darüber geklagt, dass die Franzosen das Vertrauen in die Politik verlieren.

    Eine geradezu verblüffende Entwicklung.

    Macron wollte die Extreme austrocknen

    Emmanuel Macron war 2017 mit einem geradezu napoleonischen politischen Versprechen angetreten: Die alte Links-rechts-Ordnung sollte überwunden werden.

    Das funktionierte ausgezeichnet.

    Die alte Ordnung wurde tatsächlich überwunden.

    Nur entstand an ihrer Stelle nicht das erhoffte stabile liberale Zentrum, sondern eine politische Landschaft, in der links Jean-Luc Mélenchon und rechts der RN gedeihen, während die traditionelle Regierungsmitte zunehmend aussieht wie eine Eigentümerversammlung nach einem Rohrbruch.

    Macron hatte Sozialisten und Republikaner politisch kannibalisiert. Viele ihrer moderaten Wähler sammelte er in einem großen Zentrum.

    Das Problem dieser Konstruktion zeigte sich erst später: Ein politisches Zentrum, das fast vollständig um einen Präsidenten herum organisiert ist, besitzt ein eingebautes Verfallsdatum.

    Und dieses Datum heißt 2027.

    Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut antreten. Was von seinem politischen Lager übrig bleibt, muss nun herausfinden, ob Macronismus ohne Macron ungefähr so gut funktioniert wie Gaullismus ohne de Gaulle.

    Die ersten Feldversuche sind überschaubar ermutigend.

    Édouard Philippe, Gabriel Attal und andere Vertreter des Zentrums konkurrieren um dasselbe politische Erbe. In aktuellen Erhebungen liegt Philippe zwar vor seinen zentristischen Konkurrenten, aber deutlich hinter dem RN. Ipsos sah ihn je nach Konstellation bei 13 bis 19 Prozent, während der RN 31 bis 36 Prozent erreichte.

    Das ist kein Abstand.

    Das ist eine Postleitzahl.

    Und nun kopieren alle das Original

    Besonders faszinierend ist die Reaktion der politischen Konkurrenz.

    Wenn eine Partei wegen Migration, innerer Sicherheit und Identitätsfragen immer stärker wird, gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten.

    Man könnte ihre Diagnose grundsätzlich bestreiten.

    Oder man könnte die Probleme anerkennen und eigene glaubwürdige Lösungen entwickeln.

    Frankreich hat eine dritte Möglichkeit entdeckt: Man übernimmt möglichst viel von der Sprache des RN und hofft gleichzeitig, dass niemand den RN wählt.

    Selbst Vertreter des politischen Zentrums verschärfen inzwischen ihre migrationspolitische Rhetorik. Édouard Philippe und Gabriel Attal haben im Vorfeld der Wahl 2027 deutlich restriktivere Positionen formuliert; Philippe fordert unter anderem einen europäischen Mechanismus gegen groß angelegte Regularisierungen illegal Eingewanderter, Attal spricht über Quoten und Verfassungsänderungen.

    Die Botschaft an den Bürger lautet damit ungefähr:

    Der RN übertreibt maßlos.

    Aber leider hat er mit einigen Problemen recht.

    Seine Lösungen sind gefährlich.

    Deshalb übernehmen wir vorsichtshalber einen Teil davon.

    Aber bitte wählen Sie trotzdem uns.

    Marketingexperten würden von einer schwierigen Markenstrategie sprechen.

    Der Front républicain ist müde geworden

    Jahrzehntelang besaß Frankreich einen politischen Notausgang: den front républicain.

    Wenn der Front national beziehungsweise später der RN einer Machtposition gefährlich nahekam, stellten sich andere Parteien im entscheidenden Moment gegen ihn.

    Das berühmteste Beispiel war 2002.

    Jean-Marie Le Pen erreichte überraschend die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Frankreich reagierte mit einer republikanischen Mobilmachung. Chirac gewann mit 82,2 Prozent.

    Das war vor 24 Jahren.

    Politisch betrachtet könnte es auch das Pleistozän gewesen sein.

    Heute funktioniert dieser Mechanismus immer schlechter. Das liegt nicht nur daran, dass der RN seine Außendarstellung systematisch normalisiert hat. Es liegt auch daran, dass sich die politischen Lager gegenseitig inzwischen teilweise für ebenso gefährlich halten wie den RN.

    Rechte Wähler wollen keinen Kandidaten der radikalen Linken unterstützen. Linke Wähler sehen wiederum wenig Grund, einem konservativen oder macronistischen Kandidaten automatisch ihre Stimme zu geben.

    Das republikanische Bollwerk steht also noch.

    Nur fehlen inzwischen ein paar Mauern.

    Marine Le Pen musste gar nicht gemäßigt werden

    Besonders erfolgreich war die sogenannte dédiabolisation, die Entdämonisierung des RN.

    Marine Le Pen musste dafür keineswegs plötzlich zur liberalen Europäerin werden.

    Es genügte, weniger erschreckend zu wirken als früher.

    Keine besonders hohe Hürde, wenn der Vergleichsmaßstab Jean-Marie Le Pen heißt.

    Der RN tauschte Provokationen gegen Professionalität, politische Außenseiter gegen Abgeordnete, Radikalität in der Verpackung gegen staatstragende Fernsehbilder. Jordan Bardella perfektionierte diese Strategie weiter: jung, diszipliniert, medientauglich, selten aus der Ruhe zu bringen.

    Die eigentliche Leistung des RN besteht inzwischen darin, gleichzeitig Protestpartei und etablierte Machtpartei spielen zu können.

    Man ist gegen «das System» – und verfügt über eine große Fraktion in der Nationalversammlung.

    Man bekämpft die politische Elite – und sitzt seit Jahren im Europäischen Parlament.

    Man inszeniert sich als rebellische Alternative – und bereitet sich sehr professionell auf die Übernahme der Präsidentschaft vor.

    Revolution mit Spesenabrechnung.

    Vielleicht liegt es doch nicht nur am RN

    Die bequemste Erklärung für den Aufstieg des RN lautet, Frankreich sei nach rechts gerückt.

    Das ist nicht völlig falsch.

    Aber es ist zu einfach.

    Denn Parteien wachsen nicht nur aufgrund ihrer eigenen Stärke. Sie wachsen auch aufgrund der Schwäche ihrer Gegner.

    Die französische Linke bleibt tief gespalten. Jean-Luc Mélenchon, Raphaël Glucksmann, Sozialisten, Grüne und Kommunisten konkurrieren um unterschiedliche Strategien und Wählerschichten. Le Monde beschreibt das Feld für 2027 weiterhin als fragmentiert; zugleich ringt das politische Zentrum um Macrons Nachfolge.

    Damit entsteht eine eigentümliche Situation.

    Der RN braucht womöglich gar keine absolute gesellschaftliche Mehrheit.

    Er benötigt nur genügend Stimmen in einem Land, dessen politische Konkurrenz sich zuverlässig selbst zerlegt.

    Das ist demokratisch vollkommen legitim.

    Und politisch ziemlich effizient.

    Aber es sind doch nur Umfragen!

    Natürlich.

    Dieser Satz darf nicht fehlen.

    Umfragen sind Momentaufnahmen. Kandidaturen können sich verändern. Wahlkämpfe können Dynamiken erzeugen. Skandale, wirtschaftliche Entwicklungen, internationale Krisen und die Wahlbeteiligung können Prognosen innerhalb weniger Monate zerlegen.

    Le Monde hat historische Präsidentschaftsumfragen untersucht und darauf hingewiesen, wie unzuverlässig insbesondere Stichwahlprognosen ein Jahr vor französischen Präsidentschaftswahlen sein können.

    Wer also heute behauptet, Marine Le Pen werde 2027 sicher Präsidentin, betreibt Kaffeesatzleserei mit Prozentzeichen.

    Doch genauso unseriös wäre die gegenteilige Beruhigung.

    Denn wenn mehrere Institute über Monate hinweg einen RN-Kandidaten bei ungefähr einem Drittel der Stimmen sehen und der Abstand zur Konkurrenz teilweise enorm ist, kann man das nicht mehr mit einem höflichen «C’est un sondage» vom Tisch wischen.

    Die Frage lautet längst nicht mehr:

    Kann der RN 2027 gewinnen?

    Die Frage lautet:

    Wer kann ihn noch schlagen – und womit?

    Und genau an dieser Stelle wird es für Frankreich unangenehm.

    Denn gegen eine Protestpartei kann man mobilisieren.

    Gegen eine radikale Partei kann man eine republikanische Front errichten.

    Gegen eine Außenseiterpartei kann man auf Regierungserfahrung verweisen.

    Was aber tut man gegen eine Partei, die Millionen Franzosen inzwischen nicht mehr als Protest, sondern als mögliche Regierung betrachten?

    Vielleicht wäre es eine Idee, wieder Politik zu machen.

    Nicht TikTok-Politik. Nicht Empörungspolitik. Nicht jene Politik, bei der morgens ein Problem geleugnet, mittags eine Kommission eingesetzt und abends erklärt wird, man habe die Sorgen der Bevölkerung schon immer sehr ernst genommen.

    Politik also, bei der der Staat funktioniert.

    Bei der Haushaltszahlen nicht nur unangenehme Fußnoten europäischer Verträge sind. Bei der Migration weder als eingebildetes Problem noch als Untergang des Abendlandes behandelt wird. Bei der innere Sicherheit keine rhetorische Disziplin für Fernsehstudios ist. Bei der gesellschaftliche Integration eingefordert und ermöglicht wird. Und bei der politische Parteien den Bürger nicht erst am Wahlabend entdecken.

    William Thays Satz über die historischen Umfragewerte des RN ist deshalb weniger eine Nachricht über Marine Le Pen oder Jordan Bardella.

    Er ist eine Nachricht über Frankreichs übrige Parteien.

    Noch nie war der RN so stark.

    Aber vielleicht lautet die politisch interessantere Feststellung:

    Noch nie waren diejenigen, die ihn verhindern wollen, so ratlos darüber, warum er eigentlich so stark geworden ist.

    Und so fährt Frankreich Richtung 2027.

    Links streitet darüber, wer links genug ist.

    Das Zentrum streitet darüber, wer Macron beerben darf.

    Die traditionelle Rechte streitet darüber, wie viel RN man übernehmen kann, ohne RN zu heißen.

    Und der RN?

    Der muss im Augenblick vor allem eines tun:

    zuschauen.

    Die Reise geht weiter.

    Nur sollte sich Frankreich langsam erkundigen, wer eigentlich den Fahrplan geschrieben hat.

    Andreas M. Brucker

  • Vergesst für einen Moment The Cure: Die Zukunft von Rock en Seine spielt am Nachmittag

    Vergesst für einen Moment The Cure: Die Zukunft von Rock en Seine spielt am Nachmittag

    Kommentar

    Natürlich. The Cure. Nick Cave & The Bad Seeds. Deftones. Lorde. Tyler, The Creator. Namen, die auf einem Festivalplakat schon aus hundert Metern Entfernung funktionieren. Namen, bei denen niemand erklären muss, warum sich Zehntausende Menschen vor einer Bühne versammeln.

    Aber mal ehrlich: Wer Rock en Seine 2026 ausschließlich wegen der großen Namen besucht, verpasst womöglich das Beste.

    Denn Festivals leben nicht nur von jenen Augenblicken, in denen eine gigantische Menschenmenge einen Refrain mitsingt, den ohnehin jeder kennt. Ihre eigentliche Magie entsteht häufig ein paar Stunden früher. Nachmittags. Auf einer kleineren Bühne. Mit einem Getränk in der Hand, noch etwas müden Beinen und diesem herrlichen Gefühl, eigentlich gar nicht genau zu wissen, was einen erwartet.

    Und dann steht da plötzlich jemand auf der Bühne – und haut einen um.

    Genau deshalb sollte man bei Rock en Seine in diesem Jahr fünf Namen im Kopf behalten: Changeline, Gabriel Kröger, Ditter, Florence Road und Love Spells.

    Vielleicht klingt diese Auswahl heute noch nach einem Geheimtipp unter Freunden. In zwei oder drei Jahren könnte das ganz anders aussehen.

    Changeline etwa besitzt jene Qualität, die sich kaum künstlich herstellen lässt: Wiedererkennbarkeit. Zwischen alternativer Popmusik, atmosphärischem Rock und intimen Songs entsteht eine Klangwelt, die nicht verzweifelt um Aufmerksamkeit bettelt. Ihre Musik schleicht sich eher heran. Eine Melodie bleibt hängen, eine Textzeile setzt sich fest, eine Stimmung begleitet einen plötzlich auf dem Weg zur nächsten Bühne.

    Das ist viel wert in einer Musikwelt, die ihre Künstler oft dazu zwingt, innerhalb weniger Sekunden zu funktionieren.

    Changeline setzt dagegen auf Emotion statt Zirkusnummer. Gerade auf der Club Avant Seine könnte daraus einer dieser Auftritte entstehen, über die Menschen später sagen: „Verdammt, warum war es vor der Bühne nicht voller?“

    Noch leiser, aber keineswegs weniger spannend nähert sich Gabriel Kröger seinem Publikum.

    Ihn schlicht als Folk-Singer-Songwriter abzulegen, wäre ungefähr so treffend, wie Nick Cave als „Mann am Klavier“ zu beschreiben. Kröger verbindet modernen Folk mit orchestraler Popmusik und elektronischen Elementen. Seine Stücke wollen nicht unbedingt nach zehn Sekunden explodieren. Sie bauen Räume.

    Und genau solche Musik braucht ein Festival.

    Zwischen Gitarrensoli, Bässen, Menschenmassen und der permanenten Jagd nach dem nächsten Höhepunkt tut ein Künstler gut, der nicht brüllt: „Schaut mich an!“ Sondern eher sagt: „Hört einmal hin.“

    Wer Bon Iver liebt, dürfte verstehen, was damit gemeint ist. Große Emotion benötigt nicht zwangsläufig große Lautstärke.

    Und dann kommt Ditter.

    Bumm.

    Falls diese fünf Empfehlungen ein musikalisches Streichholz benötigen, dann dürfte Ditter es anzünden. Der Sound ist nervös, kantig, unmittelbar und stellenweise herrlich unbequem. Post-Punk trifft auf modernen Independent-Rock, Gitarren schneiden durch die Luft, der Rhythmus treibt nach vorne – und trotzdem bleibt im Gesang eine Verletzlichkeit, die verhindert, dass das Ganze zur bloßen Machtdemonstration gerät.

    Genau dort liegt der Reiz.

    Rockmusik wirkt schließlich am stärksten, wenn sie nicht nach einem Geschäftsmodell klingt. Wenn etwas wackelt. Wenn etwas passieren könnte. Wenn Musiker auf der Bühne aussehen, als hätten sie selbst noch nicht entschieden, ob der nächste Song das Publikum umarmt oder gegen die Wand drückt.

    Ditter am Sonntagabend auf der Roc-On Volkswagen-Bühne? Unbedingt vormerken.

    Dann wäre da Florence Road aus Irland – eine Band, bei der man schon heute das leise Gefühl bekommt, dass die derzeitige Position auf dem Festivalplakat möglicherweise nur eine Momentaufnahme darstellt.

    Die Mischung besitzt enorme Zugkraft: zeitgenössische Pop-Sensibilität, Indie-Gitarren, starke Gesangsharmonien und Songs, die zwischen Licht und Melancholie wechseln. Vor allem klingt Florence Road nicht wie das Ergebnis einer Sitzung, in der fünf Marketingmenschen beschlossen, was beim Streamingalgorithmus gut funktionieren müsste.

    Da steckt Persönlichkeit drin.

    Und Persönlichkeit ist in der Popmusik immer noch die härteste Währung.

    Vielleicht steht Florence Road in einigen Jahren auf einer wesentlich größeren Bühne. Wer die Band 2026 bei Rock en Seine erlebt, darf dann selbstverständlich die schönste aller Festivalgeschichten erzählen: „Ich hab die schon gesehen, bevor alle anderen sie kannten.“

    Ja, ein bisschen Angeberei gehört dazu.

    Love Spells wiederum schlägt einen vollkommen anderen Weg ein. Dream Pop, Shoegaze, verhallte Gitarren, beinahe geflüsterte Stimmen – Musik wie Licht, das durch einen Vorhang fällt.

    Während andere junge Acts versuchen, noch lauter, schneller und unmittelbarer zu klingen, vertraut Love Spells auf Atmosphäre. Die Intensität wächst langsam. Gefühle bleiben unscharf, statt mit dem Textmarker unterstrichen zu werden. Wer Slowdive oder Beach House schätzt, dürfte hier ziemlich schnell hängen bleiben.

    Und vielleicht liegt genau darin die große Stärke von Rock en Seine 2026.

    Die fünf Acts ähneln einander kaum.

    Gut so!

    Ein Festival, das Zukunft ernst nimmt, darf schließlich nicht fünf Variationen desselben erfolgreichen Sounds präsentieren. Es muss Widersprüche zulassen. Intimität neben Lärm. Folk neben Post-Punk. Dream Pop neben Indie-Rock. Künstler, die noch suchen, experimentieren, riskieren.

    The Cure, Nick Cave, Lorde oder Deftones liefern jene großen Momente, wegen derer Menschen Tickets kaufen. Daran gibt es nichts kleinzureden. Doch Changeline, Gabriel Kröger, Ditter, Florence Road und Love Spells liefern etwas anderes: die Möglichkeit einer Entdeckung.

    Und eine echte Entdeckung lässt sich nicht planen.

    Man stolpert hinein.

    Man wollte eigentlich nur kurz Schatten suchen, Freunde treffen oder auf dem Weg zur nächsten großen Bühne zehn Minuten zuhören. Dann bleibt man zwanzig Minuten. Dann bis zum Ende. Später sucht man den Künstler auf dem Smartphone.

    Und Monate danach läuft genau dieser Song noch immer.

    Das ist Festivalmagie.

    Deshalb mein Plädoyer für Rock en Seine 2026: Verlasst die ausgetretenen Wege. Geht nachmittags los. Bleibt vor einer Bühne stehen, obwohl euch der Name nichts sagt. Gebt Musik eine Chance, bevor ein Algorithmus, ein Hype oder ein Millionenpublikum euch erklärt, dass sie gut ist.

    Denn die Headliner liefern die Erinnerungsfotos.

    Die unbekannte Band auf der kleinen Bühne liefert manchmal die Erinnerung fürs Leben.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Mit der Hitze kommt der Wasser-Hammer. Und wieder zahlen die Bürger die teure Zeche

    Kommentar: Mit der Hitze kommt der Wasser-Hammer. Und wieder zahlen die Bürger die teure Zeche

    Der Sommer ist heiß. Das wissen wir. Die Quellen trocknen aus. Auch das ist Realität. Und natürlich muss Wasser gespart werden. Darüber gibt es kaum Streit.

    Doch was macht man in manchen Gemeinden Frankreichs? Man erhöht kurzerhand den Wasserpreis um mehr als das Siebenfache. Nicht etwa für Luxusgüter oder verschwenderischen Überfluss, sondern für das Lebensmittel Nummer eins. Für Wasser. Das, ohne das kein Mensch leben kann.

    Wie beruhigend. Wer es sich leisten kann, darf weiter duschen. Wer jeden Euro zweimal umdrehen muss, überlegt sich künftig vielleicht, ob die Waschmaschine wirklich laufen muss oder ob die Kinder heute tatsächlich noch baden sollten.

    Man muss diese Logik bewundern. Jahrzehntelang wurde über marode Wasserleitungen, fehlende Investitionen und eine unzureichende Vorsorge diskutiert. Vieles blieb liegen. Doch wenn die Krise da ist, funktioniert plötzlich alles erstaunlich schnell – zumindest dann, wenn es darum geht, den Bürgern tiefer in die Tasche zu greifen.

    Die Natur liefert zu wenig Regen? Dann wird eben die Rechnung höher. Welch geniale Idee. Vielleicht sollte man bei Stromausfällen künftig auch einfach den Kilowattpreis verzehnfachen. Oder bei Ärztemangel die Behandlungskosten verdoppeln. Das würde die Nachfrage bestimmt ebenfalls senken.

    Sarkasmus beiseite: Natürlich müssen wir sparsamer mit Wasser umgehen. Niemand braucht einen täglich gefüllten Swimmingpool oder einen sattgrünen Rasen mitten in einer Dürre. Doch zwischen notwendigem Wassersparen und einer finanziellen Bestrafung der gesamten Bevölkerung besteht ein gewaltiger Unterschied.

    Denn Wasser ist kein beliebiges Konsumgut. Es ist ein Grundbedürfnis. Wer den Preis drastisch erhöht, trifft nicht zuerst die Verschwender. Er trifft die Familien. Die Rentner. Die Alleinerziehenden. Menschen, deren Verbrauch sich kaum weiter reduzieren lässt, weil sie ohnehin nur das Nötigste nutzen.

    Die eigentliche Frage lautet deshalb: Warum wird immer erst dann gehandelt, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist? Warum wurde jahrelang zu wenig in Wasserspeicher, Leitungsnetze oder eine widerstandsfähigere Infrastruktur investiert? Warum werden Bürger nun für Versäumnisse zur Kasse gebeten, auf die sie selbst kaum Einfluss hatten?

    Frankreich erlebt einen der trockensten Sommer seiner Geschichte. Das ist eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Aber Krisenmanagement darf nicht bedeuten, dass finanzielle Belastungen reflexartig auf die Bevölkerung abgewälzt werden.

    Wer Menschen zum Wassersparen motivieren will, braucht Aufklärung, intelligente Tarifsysteme und gezielte Anreize. Wer stattdessen den Preis vervielfacht, sendet eine andere Botschaft: Die Krise bezahlen am Ende wieder diejenigen, die ohnehin kaum Spielraum haben.

    Und genau das macht viele Bürger längst nicht mehr nur wütend – sondern auch fassungslos.

    MAB

  • Kommentar: Prominente Opfer des Klimawandels – jetzt trifft es unsere geliebten Pommes

    Kommentar: Prominente Opfer des Klimawandels – jetzt trifft es unsere geliebten Pommes

    Man hatte uns ja auf vieles vorbereitet. Auf schmelzende Gletscher. Auf Waldbrände. Auf Dürresommer. Auf steigende Meeresspiegel. Alles schlimm, alles dramatisch. Aber niemand – wirklich niemand – hatte den Mut, die Wahrheit auszusprechen: Jetzt sind die Pommes dran.

    Unsere goldenen, knusprigen, treuen Begleiter durch Liebeskummer, Fußballabende und Autobahnraststätten. Die Kartoffel, dieses bescheidene Wunder der Menschheit, kämpft inzwischen selbst ums Überleben. Hitze, Trockenheit, Ernteausfälle – und wir diskutieren immer noch darüber, ob 38 Grad im Schatten „doch ganz angenehm“ seien.

    Vielleicht braucht es tatsächlich erst bedrohte Pommes, damit manche aufwachen. Eisbären? „Ja, traurig.“ Korallenriffe? „Schade.“ Aber wenn die Portion an der Imbissbude plötzlich zwölf Euro kostet und nur noch aus sieben traurigen Kartoffelstäbchen besteht, dann ist das Geschrei groß. Willkommen in der Prioritätenliste des modernen Menschen.

    Natürlich wird es auch dann noch Experten geben. „Früher gab es auch heiße Sommer!“ Klar. Früher gab es auch Telefone mit Wählscheibe. Trotzdem würde heute niemand ernsthaft behaupten, das Smartphone sei bloß eine vorübergehende Modeerscheinung.

    Der Klimawandel fragt übrigens nicht nach politischer Gesinnung. Er interessiert sich weder für Stammtischparolen noch für Kommentarspalten voller Großbuchstaben. Er macht einfach weiter. Trocken. Effizient. Konsequenter als jede Regierung der vergangenen Jahrzehnte.

    Und während wir uns darüber streiten, ob man das Wort Klimakrise überhaupt benutzen darf, verdorrt auf den Feldern genau das, was später als knusprige Glückseligkeit in unserer Pommesschale landen sollte. Ironischer lässt sich menschliche Ignoranz kaum servieren.

    Vielleicht ist genau das die bitterste Pointe dieser Geschichte: Wir verlieren nicht irgendwann irgendetwas in ferner Zukunft. Wir verlieren Stück für Stück die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags. Die Dinge, über die wir nie nachgedacht haben, weil sie einfach immer da waren.

    Also ja – die Pommes sind plötzlich prominente Opfer des Klimawandels. Und wenn selbst sie nicht reichen, um manchen die Augen zu öffnen, dann hilft vermutlich nur noch eins: den Grill im Hochsommer anzünden, obwohl längst nichts mehr wächst. Das passt schließlich perfekt zu unserer Lieblingsdisziplin – erst handeln, wenn das Fett bereits brennt.

    Daniel Ivers