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  • Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die Wirklichkeit inzwischen einen Satiriker beschäftigt. Einen ziemlich schwarzen noch dazu. Französische Fischer fahren hinaus aufs Meer, werfen ihre Netze aus – und ziehen statt Sardinen, Makrelen oder anderer Fische vor allem glibberige Quallen an Bord. Willkommen in einer Zukunft, in der das Meer zwar noch reichlich Leben hervorbringt, nur leider immer öfter das falsche.

    Klimawandel? Ach was. Wird schon nicht so schlimm werden.

    Ein bisschen wärmeres Wasser, ein paar hübsche neue Badetemperaturen, vielleicht verlängert sich sogar die Saison an der französischen Küste. Was soll daran schon dramatisch sein?

    Nun, fragen wir doch einmal einen Fischer, dessen Netz so voller Quallen steckt, dass er es kaum noch aus dem Wasser bekommt.

    Die Hitzewellen dieses Sommers treffen nämlich nicht nur Menschen, Wälder und Landwirtschaft. Auch die französischen Meere reagieren auf ungewöhnlich hohe Temperaturen. Und dort zeigt sich eine jener Nebenwirkungen, die in der großen Klimadebatte gern untergehen: Massenhafte Quallenvorkommen erschweren regional die Fischerei erheblich.

    Das Problem klingt zunächst fast komisch.

    Quallen gegen Fischer.

    David gegen Goliath, nur eben glibberiger.

    Doch wer genauer hinsieht, dem vergeht das Lachen ziemlich schnell. Quallen gelangen in großer Zahl in die Netze und machen sie schwer. Ihr Schleim und ihre Nesselzellen beeinträchtigen den Fang. Fischer verbringen zusätzliche Zeit damit, ihre Geräte zu reinigen, verlieren Arbeitsstunden und verbrauchen Treibstoff für Fahrten, deren Ertrag schlimmstenfalls nicht einmal die Kosten deckt.

    Man fährt also hinaus, bezahlt Diesel, Personal, Wartung und Ausrüstung – und bringt am Ende eine Ladung glitschiger Meeresbewohner nach Hause, für die auf dem Fischmarkt niemand begeistert die Geldbörse zückt.

    Läuft.

    Besonders bitter daran: Die Fischerei steht ohnehin unter enormem Druck. Überfischung, steigende Betriebskosten, internationale Konkurrenz, Fangquoten und Veränderungen der Meeresökosysteme verlangen den Betrieben seit Jahren einiges ab. Nun mischt auch noch eine uralte Tiergruppe mit, deren Vertreter seit Hunderten Millionen Jahren durch die Ozeane treiben und offenbar ausgezeichnet mit Bedingungen zurechtkommen, unter denen andere Arten zunehmend Probleme bekommen.

    Natürlich wäre es wissenschaftlich unseriös, jede einzelne Quallenplage mit einem roten Stempel zu versehen: „Verursacht durch Klimawandel.“

    So einfach arbeitet die Natur nicht.

    Quallenpopulationen schwanken aus zahlreichen Gründen. Meeresströmungen, Nahrungsangebot, Fortpflanzungsbedingungen und Veränderungen innerhalb der Nahrungsketten spielen hinein. Auch Überfischung besitzt eine Bedeutung, denn weniger Fische bedeuten teilweise weniger Konkurrenz und weniger natürliche Gegenspieler. Schildkröten und bestimmte Fischarten fressen Quallen. Gerät dieses Gefüge aus dem Takt, entstehen ökologische Freiräume.

    Steigende Meerestemperaturen liefern manchen Quallenarten zusätzlich günstige Bedingungen. Wärmeres Wasser beeinflusst Stoffwechsel, Entwicklung und Fortpflanzungszyklen. Treffen mehrere Faktoren zusammen, entsteht jene Mischung, die Fischer überhaupt nicht gebrauchen können.

    Und plötzlich führt die abstrakte Debatte über Zehntelgrade mitten hinein in unseren Alltag.

    Denn Fischerei bedeutet nicht bloß romantische kleine Boote im Morgennebel, Hafenrestaurants und Möwengeschrei. Sie bedeutet Nahrung.

    Ernährungssicherheit hängt davon ab, dass Ökosysteme einigermaßen zuverlässig funktionieren. Nicht perfekt, nicht unverändert und schon gar nicht nach menschlichem Wunschzettel – aber stabil genug, damit Landwirtschaft, Fischerei und Aquakultur planbar bleiben.

    Genau hier liegt der Punkt, der viel zu selten ausgesprochen wird.

    Der Klimawandel bedroht unsere Ernährung nicht ausschließlich durch vertrocknete Felder, Überschwemmungen oder schlechte Ernten. Seine Folgen laufen durch komplizierte ökologische Ketten. Wasser erwärmt sich, Arten wandern, andere vermehren sich stärker, Nahrungsketten verschieben sich – und irgendwann steht ein Fischer auf seinem Boot und zieht ein Netz hoch, in dem kaum noch verkäuflicher Fang liegt.

    Keine Hollywood-Apokalypse. Kein dramatischer Weltuntergang mit Donner und Feuer.

    Nur ein schlechtes Netz.

    Und noch eines.

    Und irgendwann eine Fahrt, die sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

    Genau darin liegt die Tücke ökologischer Veränderungen. Sie kommen selten mit Sirene und rotem Warnlicht. Sie schleichen sich in Kalkulationen, Arbeitsabläufe und Lebensmittelpreise. Aus einem biologischen Phänomen entsteht ein wirtschaftliches Problem. Aus vielen wirtschaftlichen Problemen entsteht irgendwann ein gesellschaftliches.

    Die Quallen selbst trifft dabei übrigens keinerlei Schuld. Sie machen schlicht das, was Lebewesen seit Anbeginn des Lebens tun: Sie nutzen Bedingungen, die ihnen Vorteile bieten.

    Fast möchte man ihnen gratulieren.

    Während der Mensch seit Jahrzehnten Konferenzen veranstaltet, Klimaziele formuliert, verschiebt, neu formuliert und anschließend darüber diskutiert, ob das alles vielleicht doch ein bisschen unbequem und teuer sei, treiben die Quallen völlig unbeeindruckt durch das wärmere Wasser.

    Keine Pressekonferenz. Kein Aktionsplan. Keine Arbeitsgruppe.

    Einfach vermehren.

    Dabei reichen die Folgen großer Quallenvorkommen weit über die Fischerei hinaus. Sie beeinträchtigen Badegebiete, belasten Aquakulturen und geraten sogar in technische Anlagen. Frankreich kennt bereits die grotesk anmutende Situation, dass Quallen die Kühlwassersysteme des Kernkraftwerks Gravelines beeinträchtigten und Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden mussten.

    Man muss diesen Satz tatsächlich zweimal lesen.

    Eine hoch technisierte Industrienation baut Kernreaktoren, Stromnetze und gewaltige Infrastruktur – und dann kommt eine Armee aus nahezu hirnlosen Gallertwesen angeschwommen und sagt sinngemäß: „Heute nicht.“

    Die Natur besitzt Humor. Leider einen ziemlich trockenen.

    Noch gravierender erscheint jedoch die langfristige Frage: Was geschieht, wenn marine Hitzewellen häufiger auftreten und gleichzeitig Überfischung, Verschmutzung sowie Veränderungen der Küstenräume die Ökosysteme weiter schwächen?

    Dann geht es nicht mehr darum, ob Urlauber beim Baden einer Qualle begegnen.

    Dann reden wir über die Belastbarkeit unserer Nahrungsmittelsysteme.

    Niemand muss deshalb morgen Konservendosen im Keller stapeln. Frankreich steht nicht unmittelbar vor leeren Fischtheken, und Quallen werden auch nicht plötzlich sämtliche Speisefische aus europäischen Gewässern vertreiben. Solche Behauptungen wären Alarmismus.

    Doch Ernährungssicherheit zerbricht selten über Nacht.

    Sie erodiert.

    Ein schlechter Fang hier, eine Dürre dort, höhere Energiepreise, veränderte Fischbestände, Krankheiten in Aquakulturen, Ernteausfälle, steigende Transportkosten – jedes einzelne Problem erscheint beherrschbar. Gemeinsam ergeben sie eine Rechnung, die irgendwann jemand bezahlen muss.

    Meistens sitzt dieser Jemand an der Supermarktkasse.

    Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Klimawandel ausschließlich als abstraktes Umweltproblem für kommende Generationen zu betrachten. Er berührt Wirtschaft, Energieversorgung und Ernährung bereits dort, wo Menschen heute arbeiten.

    Manchmal sieht diese Realität nicht spektakulär aus.

    Manchmal ist sie durchsichtig, glibberig und steckt zu Tausenden im Fischernetz.

    Und während wir noch darüber streiten, ob uns Klimaschutz zu teuer kommt, liefert das Meer bereits eine andere Rechnung.

    Mit Quallen statt Fisch.

    Daniel Ivers

  • Vom Pazifik bis zum Ärmelkanal: Die Erwärmung der Meere verändert Frankreichs Küsten

    Vom Pazifik bis zum Ärmelkanal: Die Erwärmung der Meere verändert Frankreichs Küsten

    Die Folgen des Klimawandels reichen längst weit über Hitzewellen und Waldbrände hinaus. Auch unter der Wasseroberfläche vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel. Von den tropischen Lagunen Französisch Polynesiens bis zu den kühlen Gewässern des Ärmelkanals messen Forschende seit Jahren steigende Meerestemperaturen. Was früher als außergewöhnlich galt, tritt heute immer häufiger auf und verändert ganze Ökosysteme.

    Frankreich nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Dank seiner Überseegebiete erstreckt sich das französische Meeresgebiet über mehrere Ozeane und zählt zu den größten der Welt. Dadurch zeigen sich die Auswirkungen der Erwärmung in ganz unterschiedlichen Klimazonen – und doch folgt die Entwicklung überall demselben Muster.

    Marine Hitzewellen treten inzwischen deutlich häufiger auf als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dabei erwärmt sich das Wasser über Tage oder sogar Wochen weit über den langjährigen Durchschnitt. Anders als an Land bleibt diese Wärme oft lange erhalten, weil Wasser seine Temperatur wesentlich langsamer verändert als Luft. Die Folge: Lebensräume geraten aus dem Gleichgewicht, Strömungen verändern sich und der Sauerstoffgehalt sinkt. Wer hätte gedacht, dass wenige zusätzliche Grad ein ganzes Meer verändern?

    Besonders empfindlich reagieren die Korallenriffe Französisch Polynesiens. Sie gehören zu den artenreichsten Lebensräumen unseres Planeten und bieten Tausenden Tierarten Schutz und Nahrung. Steigt die Wassertemperatur jedoch dauerhaft um nur ein bis zwei Grad, beginnt häufig die Korallenbleiche. Die Korallen verlieren ihre lebenswichtigen Algen, verblassen und sterben bei anhaltender Hitze ab.

    Mit ihnen verschwindet nicht nur ein einzigartiger Lebensraum. Auch der natürliche Schutz der Küsten vor Wellen und Erosion nimmt ab. Für viele Inseln im Pazifik besitzt das erhebliche Bedeutung, denn gesunde Korallenriffe bilden dort eine wichtige Grundlage für Fischerei und Tourismus.

    Doch die Veränderungen beschränken sich keineswegs auf die Tropen. Auch im Ärmelkanal registrieren Meeresbiologen auffällige Verschiebungen. Wärmeliebende Fischarten breiten sich zunehmend nach Norden aus, während typische Kaltwasserarten unter Druck geraten. Dadurch verändern sich Nahrungsketten und traditionelle Fanggebiete. Für die Fischerei bedeutet das eine ständige Anpassung an neue Bedingungen. Manche Fischer fangen heute Arten, die vor wenigen Jahrzehnten in diesen Gewässern kaum vorkamen. Verrückt, oder?

    Zusätzlich leiden viele Küstenlebensräume unter der anhaltenden Erwärmung. Seegraswiesen, Muschelbänke und Algenbestände reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen. Da warmes Wasser weniger Sauerstoff bindet als kaltes, geraten zahlreiche Fische und wirbellose Meerestiere unter Stress. Gleichzeitig breiten sich Krankheitserreger sowie invasive Arten leichter aus. Auch Quallen treten an manchen französischen Küsten inzwischen häufiger auf als früher.

    Die wirtschaftlichen Folgen bleiben ebenfalls nicht aus. Muschel und Austernzüchter kämpfen vermehrt mit Hitzeschäden und Krankheiten. Der Tourismus spürt die Auswirkungen durch Algenblüten oder größere Quallenvorkommen. Besonders in den Überseegebieten hängen viele Arbeitsplätze unmittelbar von gesunden Meeresökosystemen ab.

    Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Deshalb gewinnt neben der Verringerung der Treibhausgasemissionen auch die Anpassung an die neuen Bedingungen an Bedeutung. Fachleute setzen auf den Schutz empfindlicher Küstenräume, die Wiederherstellung von Seegraswiesen, nachhaltige Fischereikonzepte sowie moderne Messsysteme. Satelliten und automatische Messstationen liefern heute nahezu in Echtzeit Daten über Temperatur und Veränderungen der Ozeane.

    Ob an den türkisfarbenen Lagunen des Pazifiks oder an den felsigen Küsten der Normandie – die Erwärmung der Meere verbindet Regionen, die Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen. Der Zustand der Ozeane entwickelt sich immer mehr zu einem Spiegel des globalen Klimawandels. Wie gut dieser empfindliche Lebensraum geschützt wird, entscheidet nicht nur über die Zukunft vieler Tierarten, sondern auch über die Lebensgrundlage kommender Generationen.

    Ein Artikel von M. Legrand