Schlagwort: medienkonzentration

  • Cannes, Bolloré und die kulturelle Frontenbildung in Frankreich

    Cannes, Bolloré und die kulturelle Frontenbildung in Frankreich

    Der Streit um Vincent Bolloré, Canal+ und die französische Filmbranche entwickelt sich zu weit mehr als einer üblichen Kontroverse des Kulturbetriebs. Was während der Filmfestspiele von Cannes mit einer politischen Tribüne begann, hat sich innerhalb weniger Tage zu einem Symbolkonflikt über Macht, Einfluss und ideologische Kontrolle im französischen Kulturleben ausgeweitet. Dass nun ausgerechnet der Rassemblement national zur Deeskalation aufruft, zeigt, wie tief die Auseinandersetzung inzwischen in die politische Sphäre vorgedrungen ist. Der Vizepräsident des RN, Sébastien Chenu, appellierte an die Akteure der Filmindustrie und an Canal+, „wieder an einen Tisch zurückzukehren“, um den Konflikt „würdig“ zu lösen. Seine Intervention erfolgte nach den scharf kritisierten Aussagen des Canal+-Chefs Maxime Saada, der angekündigt hatte, künftig nicht mehr mit Unterzeichnern einer anti-Bolloré-Tribüne zusammenarbeiten zu wollen. Damit erreichte der Streit eine neue Eskalationsstufe: Aus einer…

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  • Die Freiheit, die keiner verbietet – und die trotzdem verschwindet

    Die Freiheit, die keiner verbietet – und die trotzdem verschwindet

    Es ist tröstlich zu wissen, dass in Frankreich niemand zensiert wird. Wirklich. Kein Ministerium verbietet Bücher, keine Behörde streicht Sätze, keine Polizei beschlagnahmt Manuskripte. Die Freiheit lebt. Sie atmet. Sie sitzt vermutlich irgendwo in einem gut belüfteten Konferenzraum – und wartet auf ihre nächste „unternehmerische Entscheidung“.

    Der Fall Éditions Grasset zeigt, wie das geht. Man muss die Freiheit nicht abschaffen. Es genügt, sie neu zu organisieren. Ein Personalwechsel hier, ein Signal dort – und schon versteht jeder, was gemeint ist. Wer schreibt, lernt schneller als jeder Schüler: Es gibt Texte, die Karriere machen. Und Texte, die Karriere beenden.

    Die Entlassung des Verlagsleiters Olivier Nora ist deshalb so lehrreich, weil sie so unspektakulär daherkommt. Kein Putsch, kein Skandal, keine große Geste. Nur eine Entscheidung. Sachlich begründet. Betriebswirtschaftlich flankiert. Politisch – selbstverständlich – vollkommen neutral.

    Neutralität ist in solchen Zeiten ein bemerkenswert aktiver Zustand.

    Über 130 Autoren haben daraufhin ihren Verlag verlassen. Man könnte das als Überreaktion abtun. Als literarisches Drama. Als Empfindlichkeit einer Branche, die ohnehin zum Pathos neigt. Man könnte.

    Oder man könnte es als das lesen, was es ist: ein Misstrauensvotum gegen eine Entwicklung, die sich höflich tarnt und doch unmissverständlich ist. Wer geht, geht selten aus Laune. Er geht, weil er bleiben nicht mehr für eine Option hält.

    Und dann ist da noch Vincent Bolloré – rechtskonservativ und überaus einflussreich. Ein Mann, der nichts verbietet und doch vieles möglich macht – oder unmöglich. Er baut keine Zensurbehörden. Er baut Strukturen. Und Strukturen haben eine Eigenschaft: Sie entscheiden nicht, was gesagt werden darf. Sie entscheiden, was gesagt wird.

    Das ist die moderne Form der Einflussnahme. Sie ist leise, effizient und frei von jeder Grobheit. Niemand muss schweigen. Es reicht, wenn einige lauter sprechen dürfen als andere. Und wenn alle wissen, wer über die Lautstärke entscheidet.

    Natürlich gibt es Alternativen. Andere Verlage. Andere Plattformen. Andere Möglichkeiten. Das wird immer gesagt, wenn Konzentration zum Problem wird. Der Markt sei offen. Die Türen stünden offen.

    Nur führen manche Türen in große Säle – und andere in sehr kleine Räume.

    Das alles ist nicht verboten. Es ist erlaubt. Es ist legal. Es ist vermutlich sogar ökonomisch sinnvoll. Und genau das macht es so unerquicklich.

    Denn die Freiheit stirbt heute nicht mehr im Ausnahmezustand. Sie verschwindet im Normalbetrieb.

    Leise. Effizient. Und vollkommen regelkonform.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker