Schlagwort: Marineland Antibes

  • Kommentar: Erst Applaus, dann Achselzucken – das bequeme Vergessen der Orcas und Delfine von Antibes

    Kommentar: Erst Applaus, dann Achselzucken – das bequeme Vergessen der Orcas und Delfine von Antibes

    Man sperrt sie ein.

    Man nimmt ihnen das Meer, die Weite, die Strömung, die Freiheit.

    Man bringt ihnen bei, auf Kommando zu springen, zu klatschen – ja, zu lächeln, wenn man so will. Und solange sie Kunststücke liefern, solange sie Kinderaugen zum Leuchten bringen und Kassen klingeln lassen, nennt man das Bildung, Forschung, Sensibilisierung für den Ozean. Ein schönes Wort für eine ziemlich kleine Welt aus Beton.

    Jahrzehntelang funktionierte dieses Arrangement.

    Die Orcas und Delfine vom Marineland d’Antibes wurden zu Stars wider Willen. Wikie, Keijo – Namen, die auf Plakaten standen, wie die von Pop-Ikonen. Nur dass diese „Stars“ nie gefragt wurden, ob sie auftreten möchten. Sie taten, was man ihnen beigebracht hatte. Sie sprangen durch die Gischt des Beckens, drehten sich im Takt der Musik, zogen Trainer auf ihren Rücken durch das Wasser. Das Publikum jubelte. Man klatschte sich gegenseitig auf die Schultern: Wie nah wir doch der Natur gekommen sind!

    Wie bequem.

    Und dann?

    Dann beschließt die Politik – aus guten Gründen –, dass dieses Schauspiel nicht mehr in unsere Zeit passt. Man verbietet die Shows. Man beendet die kommerzielle Gefangenschaft. Man erklärt das Kapitel für moralisch überholt. Ein Fortschritt, ohne Frage. Ein längst überfälliger Schritt.

    Doch plötzlich steht man da wie ein Gastgeber nach einer durchfeierten Nacht, die Wohnung verwüstet, der Kühlschrank leer – und keiner fühlt sich zuständig für das Aufräumen.

    Die Tiere sind noch da. Natürlich sind sie noch da.

    Sie verschwinden ja nicht mit dem letzten Applaus.

    Man hat sie in Gefangenschaft aufgezogen, man hat ihre Jagdinstinkte verkümmern lassen, ihre sozialen Strukturen künstlich geformt. Man hat aus ihnen Abhängige gemacht. Und jetzt, wo das moralische Gewissen erwacht ist, blickt man einander an und fragt: Wer nimmt sie?

    Spanien? Nein, danke.

    Andere Parks? Politisch heikel.

    Sanctuary-Projekte? Klingt wunderbar – dauert aber Jahre.

    Und währenddessen schwimmen Wikie und Keijo weiter ihre Runden.

    Es ist diese Mischung aus Rührung und Ratlosigkeit, die schwer erträglich wirkt. Jahrzehntelang wusste man sehr genau, wie man mit Orcas Geld verdient. Plötzlich weiß keiner mehr, wohin mit ihnen. Man redet von „komplexen Lösungen“, von „Übergangseinrichtungen“, von „logistischen Herausforderungen“. Alles korrekt, alles sachlich.

    Und doch schwingt ein leiser Zynismus mit.

    Man hat sie dressiert, ja, dressiert – das Wort mag hart klingen, aber es trifft den Kern. Sie lernten, auf Pfiffe zu reagieren, auf Handzeichen, auf Belohnungssysteme. Man formte Verhalten. Man kontrollierte Fortpflanzung. Man bestimmte soziale Kontakte. Das war kein Naturerlebnis, das war Choreographie.

    Und nun, da die Choreographie politisch nicht mehr erwünscht ist, will niemand mehr der Regisseur sein.

    Man könnte fast lachen, wenn es nicht so bitter wäre.

    Da diskutieren Ministerien, Betreiber, Tierschutzorganisationen und internationale Partner monatelang über Zuständigkeiten. Jeder betont seine guten Absichten. Jeder versichert, das Wohl der Tiere stehe an erster Stelle. Und doch zieht sich alles in die Länge. Als ginge es um Bauanträge oder Parkplatzregelungen.

    Es geht um Lebewesen!

    Um hochintelligente Meeressäuger, die in freier Wildbahn komplexe Dialekte sprechen, Familienverbände bilden, über Hunderte Kilometer kommunizieren. Wesen, deren Gehirnstrukturen selbst erfahrene Neurowissenschaftler ins Staunen versetzen. Und wir diskutieren, ob sich ein Transport organisatorisch „abbilden“ lässt.

    Man muss fragen: Wo war diese Vorsicht, als man sie ins Becken setzte?

    Wo war diese Skrupel, als man beschloss, dass ein Orca, der täglich dutzende Kilometer schwimmt, künftig in einem künstlichen Bassin kreisen soll? Damals galt das als Fortschritt, als Triumph der Zivilisation. Heute entdeckt man plötzlich seine ethische Feinfühligkeit.

    Das wirkt – gelinde gesagt – zu spät.

    Natürlich ist die Situation kompliziert. Kein seriös Denkender fordert, man solle die Tore öffnen und die Tiere ins offene Meer treiben. Diese Orcas kennen keine Jagd in freier Wildbahn. Sie kennen Fütterungszeiten, Trainer, medizinische Betreuung. Sie sind Geschöpfe einer menschengemachten Realität.

    Gerade deshalb trägt der Mensch Verantwortung.

    Und Verantwortung endet nicht mit einem Gesetzestext. Sie endet nicht mit einer Pressekonferenz. Sie endet nicht, wenn das letzte Ticket verkauft ist.

    Sie beginnt dort.

    Die 14 Wale und Delfine von Antibes sind keine lästige Altlast, die man zwischen zwei Haushaltsdebatten abwickelt. Sie sind das lebendige Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen. Wer sie zur Attraktion machte, kann sich heute nicht einfach auf moralische Erneuerung berufen und sagen: Ab jetzt machts bitte jemand anderes.

    Man wollte sie. Man brauchte sie. Man verdiente an ihnen.

    Jetzt braucht man Mut.

    Mut, Geld in die Hand zu nehmen. Mut, echte Schutzprojekte zu finanzieren. Mut, Übergangslösungen nicht als Feigenblatt zu nutzen, sondern als ernsthafte Verpflichtung. Und ja – Mut, sich einzugestehen, dass wir als Gesellschaft zu lange weggeschaut haben.

    Das Mindeste, was wir diesen Tieren schulden, ist Konsequenz.

    Nicht Empörung im Januar und Vergessen im März. Nicht Pathos in Sonntagsreden und Zögern im Alltag. Sondern eine klare, nachhaltige Entscheidung, die ihrem Wohl gerecht wird – auch wenn sie teuer, kompliziert und politisch unbequem ausfällt.

    Alles andere wäre Heuchelei.

    Und ganz ehrlich: Davon haben diese Orcas nun wirklich genug erlebt.

    Von C. Hatty

  • Marineland d’Antibes: Das Schicksal der letzten Wale und Delfine hängt immer noch in der Schwebe

    Marineland d’Antibes: Das Schicksal der letzten Wale und Delfine hängt immer noch in der Schwebe

    An der Côte d’Azur weht noch immer der salzige Wind vom Mittelmeer herüber, doch die Tribünen bleiben leer. Wo einst Kinder jubelten und Popcorn raschelte, herrscht Stille. Seit der endgültigen Schließung von Marineland d’Antibes am 5. Januar 2025 liegt Europas einst größter Meerespark wie eingefroren da – ein Ort, der seine Bestimmung verloren hat. Doch hinter verschlossenen Toren bewegt sich noch Leben. Zwei Orcas und zwölf Delfine ziehen weiter ihre Bahnen in Becken, die nie für die Ewigkeit gedacht waren. Mehr als ein Jahr nach dem letzten Applaus ist ihr Schicksal ungeklärt – und genau darin liegt die eigentliche Dramatik dieser Geschichte. Die Schließung des Parks erfolgte nicht infolge einer klassischen Insolvenz, kein wirtschaftlicher Kollaps im herkömmlichen Sinn. Sie ist das direkte Resultat eines politischen Entschlusses. Frankreich verabschiedete 2021 ein Gesetz gegen Tiermisshandlung, das Shows mit Walen und Delfinen untersagt und das Ende ihrer kommerziellen Gefangenschaf…

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  • Gefangen im Paradies: Das traurige Schicksal der letzten Orkas im Marineland d’Antibes

    Gefangen im Paradies: Das traurige Schicksal der letzten Orkas im Marineland d’Antibes

    Es war einmal ein Ort an der Côte d’Azur, der Kinderherzen höherschlagen ließ – das Marineland d’Antibes. Heute ist davon wenig mehr als eine traurige Erinnerung geblieben. Seit dem 5. Januar 2025 herrscht Stillstand. Der einstige Vorzeigepark für Meeresfauna ist geschlossen, seine Bewohner zurückgelassen wie vergessene Schätze in einem sinkenden Schiff. Zwei Orkas – Wikie und ihr Sohn Keijo – sowie zwölf Delfine treiben einsam ihre Runden in veralgten Becken. Ihr Leben? Eine Endlosschleife aus Monotonie, Stress und Unsicherheit.

    Was ist schiefgelaufen?

    Die französische Regierung zog Anfang des Jahres die Reißleine: Auftritte von Walen und Delfinen wurden per Gesetz verboten. Ein klarer Schritt zugunsten des Tierschutzes – theoretisch. Praktisch hat dieses Verbot eine Lücke gerissen, durch die nun genau jene Tiere fallen, die es schützen sollte. Denn eine Lösung, wohin mit den Meeresriesen, wurde schlichtweg vergessen.

    Triste Realität hinter verschlossenen Toren

    Die neuesten Bilder aus der Luft – veröffentlicht von der kanadischen Tierschutzorganisation TideBreakers – sprechen eine deutliche Sprache. Wo einst Kinder jauchzten und Tiertrainer in Neoprenanzügen Sprünge choreografierten, herrscht jetzt gespenstische Ruhe. Die Becken? Überwuchert mit Algen. Die Technik? Teilweise verrottet. Wikie und Keijo schwimmen apathisch im Kreis, ohne Reize, ohne Herausforderung. Ihr Blick – leer.

    Die Parkleitung beteuert, dass alles unter Kontrolle sei. Dass Tierpfleger im Einsatz bleiben und die Becken gepflegt würden. Doch Tierschützer schlagen Alarm. Die Bedingungen – so sagen sie – seien alles andere als artgerecht.

    Wohin mit den Walen?

    Diverse Relokalisierungsversuche verliefen im Sand. Ein geplanter Transfer ins japanische Kobe Suma Sea World wurde von den französischen Behörden gestoppt – aus Tierschutzgründen. Der Loro Parque auf Teneriffa lehnte eine Aufnahme aus Kapazitätsgründen ab. Ein Hoffnungsschimmer leuchtet aus Kanada auf: Das Whale Sanctuary Project bietet ein riesiges, natürliches Refugium in der Provinz Neuschottland an. Doch hier meldet Frankreich erneut Bedenken – ein solcher Transport sei zu belastend für die Orkas.

    Man fragt sich: Was wiegt schwerer – ein beschwerlicher Umzug oder ein trister Verfall?

    Zwischen Recht und Wirklichkeit

    Auch juristisch ist die Lage verzwickt. Nach einer Klage der Organisation One Voice verbot ein Gericht im Dezember 2024 jedweden Transfer der Orkas – bis eine unabhängige Untersuchung über deren Gesundheitszustand abgeschlossen ist. Ein Gutachten, das noch immer aussteht. Derweil vergehen die Tage – und mit ihnen die Chance auf Rettung.

    Tragödien, die Spuren hinterlassen

    Die Angst vor weiteren Schicksalsschlägen ist nicht unbegründet. Bereits in den vergangenen beiden Jahren starben zwei Orkas des Parks: Moana im Jahr 2023 an einer Blutvergiftung, Inouk 2024 nach dem Verschlucken eines Metallobjekts. Die Umstände waren mehr als alarmierend. Und doch: Geschehen ist seitdem kaum etwas.

    Hoffnung in Sicht?

    Trotz der Schließung kümmern sich noch rund fünfzig Mitarbeiter um die zurückgelassenen Tiere. Doch die Ressourcen schwinden. Und mit ihnen die Zeit. Experten warnen: Ohne baldige Entscheidung drohen weitere Todesfälle.

    Tierschutzorganisationen fordern einen klaren Kurswechsel. Ein glaubwürdiges, internationales Rettungskonzept – nicht morgen, sondern jetzt. Denn jede Woche, jeder Monat ohne Bewegung verschärft das Problem. Es geht hier nicht um Logistik – es geht um das Leben der Tiere.

    Der letzte Vorhang ist gefallen – und jetzt?

    Marineland steht symbolisch für das Ende einer Ära – und für den schmerzhaften Übergang in eine neue. Eine Ära, in der Tiere nicht länger zur Unterhaltung missbraucht werden, sondern als empfindsame Wesen respektiert. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine schmerzhafte Lücke. Wikie und Keijo schwimmen mittendrin.

    Wie viele Orkas müssen noch sterben, bevor wir es begreifen?

    Von Andreas M. Brucker