Schlagwort: literaturkritik

  • Zwischen Schuld und Zweifel: Wie Laure Heinich das Richten seziert

    Zwischen Schuld und Zweifel: Wie Laure Heinich das Richten seziert

    Mit „Avant la peine“ legt die französische Autorin Laure Heinich einen Roman vor, der sich mit leiser Entschlossenheit einem der sensibelsten Akte moderner Gesellschaften widmet: dem Urteilen. Schon der Titel – „Vor der Strafe“ – lenkt den Blick auf jenen schmalen, oft übersehenen Moment zwischen An…

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  • Nach dem Preisregen: Acht Romane, die bleiben, wenn das Rampenlicht erlischt

    Nach dem Preisregen: Acht Romane, die bleiben, wenn das Rampenlicht erlischt

    Kaum sind die Preise vergeben, die Reden gehalten, die Siegerfotos gemacht, da senkt sich eine eigenartige Ruhe über die Literaturlandschaft. Die Saison der Trophäen ist vorbei – doch wer aufmerksam blättert, merkt schnell: Jetzt beginnt die eigentliche Erntezeit. Abseits des Jubels und der Bestsellerlisten warten Romane, die leiser, aber nachhaltiger wirken. Geschichten, die nicht schreien, sondern singen.


    „L’Entroubli“ von Thibault Daelman – ein Erstling mit Schneid und Seele

    Das Wort gibt es gar nicht, und doch trifft es ins Mark: L’Entroubli – das Vergessene, das Zwischen, das kaum Sagbare. Thibault Daelman, Jahrgang 1987, legt mit seinem Debüt einen Roman vor, der das Milieu der kleinen Leute nicht verklärt, sondern zum Klingen bringt.

    Er erzählt von einer Mutter mit großen Träumen für ihre fünf Kinder, von einem Vater, der längst in der Flasche verschwunden ist, und von einer Kindheit im grauen Gürtel von Paris. Daelman schreibt in Splittern, in leuchtenden Sätzen, als würde er die Sprache selbst gegen das Schweigen stemmen. Jede Seite trägt den Rhythmus des Überlebens.

    Sein Roman ist kein sozialer Traktat, sondern ein Liebesbrief an die Würde derer, die vergessen werden.


    „Le diable est un menteur“ von Femi Kayode – Glaube, Macht und der Staub von Lagos

    Philip Taiwo ist kein gebrochener Ermittler aus dem Noir-Lehrbuch. Er ist Psychologe, Vater, Zweifler – ein Mann, der seine Moral durch die Straßen von Lagos trägt, während ringsum Korruption blüht und Prediger Geld sammeln wie Regen.

    Als die Frau eines einflussreichen Geistlichen verschwindet, gerät Taiwo in einen Strudel aus Politik, Religion und Gewalt. Femi Kayode, selbst Nigerianer, schreibt mit einer Klarheit, die fast journalistisch wirkt, und einem Taktgefühl, das weit über das Genre hinausgeht.

    Sein Lagos ist eine vibrierende Metropole, chaotisch und göttlich zugleich. Le diable est un menteur ist ein Kriminalroman, der in Wahrheit ein Seelenporträt eines Landes ist, das zwischen Himmel und Hölle pendelt.


    „Sa guerre“ von Laurent Bénégui – eine Mutter im Labyrinth der Verzweiflung

    Laurent Bénégui, bekannt für seine feine Ironie, lässt sie diesmal beiseite. Sa guerre ist ein stiller Schrei. Die Geschichte von Hélène Dompierre, deren Tochter sich dem Islamischen Staat anschließt, liest sich wie ein innerer Monolog, ein atemloses Protokoll der Entfremdung.

    Zwischen Paris, Ankara und einem syrischen Flüchtlingslager sucht Hélène nach einem Rest Hoffnung – und nach sich selbst. Bénégui schreibt knapp, ohne jede Pose, und trifft damit mitten ins Herz.

    Es ist ein Roman über Schuld und Mutterliebe, über die Frage, was Vergebung bedeuten kann, wenn die Welt verrückt geworden ist.


    „Nuit indigo“ von Lars Mytting – Mythen, Schnee und Schicksal

    Es beginnt mit einer Tierszene, die man so schnell nicht vergisst: Ein Bauer findet in der norwegischen Winterlandschaft ein totes Schaf – und darunter ein Lamm mit silbrigem Fell.

    Lars Mytting, der große nordische Erzähler, entfaltet daraus eine Geschichte, die zwischen Legende und Historie schwebt. Zwei siamesische Zwillingsschwestern, Halfrid und Gunhild, erschaffen aus der mystischen Wolle ein Gewebe, das das Ende der Welt voraussagt.

    „Nuit indigo“ ist kein historischer Roman im klassischen Sinn, sondern eine Studie über das Erzählen selbst – darüber, wie Gemeinschaften ihre Mythen weben, um das Chaos zu bändigen. Myttings Sprache ist präzise, fast handwerklich – und doch von poetischer Glut.


    „Quand dansent les oiseaux“ von Kiyoko Murata – zwei alte Frauen und der Klang der Stille

    In einer stillen Bucht Japans leben Io (92) und Someko (88), zwei letzte Bewohnerinnen einer Insel, die längst vergessen wurde. Jeden Morgen tauchen sie in die See, als ginge es um ein Ritual.

    Ihre Tochter Umiko, die sie aufs Festland holen will, versteht erst spät, dass diese Insel für die alten Frauen ein Ort der Erinnerung ist. Die Vögel, die um sie kreisen, tragen – so glauben sie – die Seelen ihrer Toten.

    Kiyoko Murata, mit über achtzig Jahren noch immer erstaunlich modern, schreibt in sanften, klaren Sätzen. Ihr Roman ist ein Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, zwischen Wasser und Wind. Quand dansent les oiseaux ist kein Buch, das man verschlingt – man lässt es nachklingen.


    „Laissez-moi brûler en paix“ von Peter Farris – ein Land unter Waffen

    Peter Farris beschreibt eine Welt, in der die Polizei längst zur Miliz geworden ist, wo Gewalt zum Reflex gehört. Nach einer missglückten Razzia sterben Unschuldige, und Jahre später beginnt eine Kette von Rachemorden.

    Was wie ein Thriller beginnt, wird schnell zur Parabel über Amerikas toxische Obsession mit Sicherheit. Farris schreibt ohne Pathos, aber mit Zorn. Sein Ton ist direkt, kantig, politisch.

    Zwischen den Zeilen lodert die Frage: Wie viel Demokratie lässt sich mit Angst verteidigen?


    „Suissexe“ von Jen Beagin – eine Stimme, die ins Leben greift

    Greta, Mitte dreißig, transkribiert Therapiesitzungen eines Sexcoachs. Sie hört einer Frau zu, deren Stimme sie nicht mehr loslässt. Sie nennt sie „Suissexe“. Als sie ihr auf der Straße begegnet, beginnt ein Spiel mit Identität, Begehren und Wahrheit.

    Jen Beagin erzählt diese Obsession mit schwarzem Humor und fast schmerzlicher Empathie. Hinter der Komik lauert der Ernst: Wie nah darf man einem Menschen kommen, den man nur durch seine Stimme kennt?

    Suissexe ist eine Liebesgeschichte, eine Farce, ein Selbstgespräch – und ein Beweis, dass Beagin zu den klügsten Beobachterinnen weiblicher Sehnsucht gehört.


    „Les Maisons de sel“ von Hala Alyan – das Gedächtnis der Frauen

    „Salma blickt in den Kaffeesatz ihrer Tochter und weiß, dass sie ihr lügen muss.“ Schon dieser erste Satz zieht einen hinein.

    Über fünf Jahrzehnte begleitet Hala Alyan die palästinensische Familie Yacoub, von Jaffa über Kuwait und Beirut bis in die USA. Ihre Sprache ist schlicht, aber voll Resonanz. In jeder Generation sind es die Frauen, die die Geschichten tragen – in Rezepten, Düften, Gesten.

    Alyan schreibt über den Verlust der Heimat, aber auch über die Kunst, sie im Herzen weiterzubewahren. Les Maisons de sel ist ein Roman über Migration, Trauma und Stolz – und über das, was bleibt, wenn alles andere verweht.


    Ein stiller Herbst für aufmerksame Leser

    Wenn die Preisträger längst im Regal glänzen, sind es oft diese leiseren Bücher, die nachhallen. Sie erzählen vom Überleben, vom Glauben, von der Sehnsucht nach Sinn. Und vielleicht liegt genau darin ihr Zauber: Sie wollen nicht glänzen – sie wollen begleiten.

    Also: Warum nicht einmal den großen Namen entkommen, dem Mainstream den Rücken kehren und sich treiben lassen durch fremde Stimmen, andere Rhythmen, neue Welten? Der Herbst ist lang, die Abende sind dunkel – und kaum etwas wärmt besser als ein Buch, das niemand einem empfohlen hat.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • László Krasznahorkai gewinnt den Literaturnobelpreis 2025 – Apokalypse, Poesie und ein Triumph der Sprache

    László Krasznahorkai gewinnt den Literaturnobelpreis 2025 – Apokalypse, Poesie und ein Triumph der Sprache

    Die Literaturwelt verneigt sich: Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai ist mit dem Literaturnobelpreis 2025 ausgezeichnet worden.

    Der 71-jährige Autor wird für ein Werk geehrt, das der Nobelpreisjury zufolge „faszinierend und visionär“ ist, eines, das „mitten in apokalyptischem Schrecken die Kraft der Kunst bekräftigt“. Eine Formulierung, die bereits andeutet, was Leserinnen und Leser in Krasznahorkais Büchern erwartet: eine intensive Auseinandersetzung mit Existenz, Zeit, Untergang – und dem unbedingten Überleben der Sprache.

    Die Rückkehr eines Großen: 23 Jahre nach Imre Kertész

    Es ist ein Déjà-vu für Ungarn: Fast ein Vierteljahrhundert nach der Auszeichnung von Imre Kertész erhält wieder ein Autor aus dem Land der Donau diese höchste literarische Ehre. Doch wo Kertész über den Holocaust schrieb, blickt Krasznahorkai in eine andere Dunkelheit – eine, die sich aus Geschichte, Mythos und einem tiefen Gefühl des Verlorenseins speist.

    Geboren 1954 in der Kleinstadt Gyula im Südosten Ungarns, hat László Krasznahorkai eine literarische Karriere hingelegt, die nicht nach gängigen Maßstäben zu fassen ist. Wer seine Romane liest, begegnet nicht bloß Geschichten, sondern einem Kosmos. Einem manchmal abgründigen, aber nie lieblosen.

    Kino der Sprache – und der Stille

    Bekannt wurde Krasznahorkai unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Béla Tarr. Gemeinsam schufen sie filmische Meilensteine wie Damnation oder Sátántangó – letzteres basierend auf Krasznahorkais gleichnamigem Romandebüt von 1985, das in Deutschland unter dem Titel Satanstango erschien.

    Die Verbindung von Wort und Bild war dabei nie einfach Bebilderung. Es ging um etwas Tieferes: ein ästhetisches Echo zwischen literarischer und filmischer Erzählung, getragen von Langsamkeit, Monotonie, Melancholie. Krasznahorkais Sätze sind lang, verschachtelt, kaum durch Absätze unterbrochen – seine Literatur liest sich wie ein einziger, fiebriger Atemzug.

    Und es sind gerade diese stilistischen Eigenheiten, die seine Prosa so einzigartig machen. Der Autor selbst sprach einmal von einer „bis zum Wahnsinn getriebenen Realität“. Wer das liest, weiß: Hier geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Erkenntnis.

    Zwischen Kafka und Zen – ein Schriftsteller ohne Kompass

    Die Schublade „osteuropäischer Literat“ ist Krasznahorkai längst zu eng. Auch wenn die Jury des Nobelpreises ihn als „großen epischen Schriftsteller in der mitteleuropäischen Tradition“ würdigt – mit Anklängen an Kafka und Thomas Bernhard –, so ist sein Werk zugleich von einer offenen Weltgewandtheit durchzogen.

    Ab den 1990er-Jahren lebte er längere Zeit in Deutschland, reiste aber auch intensiv durch Asien, vor allem Japan und China. Diese Erfahrungen färbten auf seine Texte ab. Plötzlich tritt neben die groteske Verzweiflung auch ein meditativer Ton, ein fast zen-buddhistischer Blick auf die Vergänglichkeit. In Seiobo ist herabgestiegen zur Erde, einem seiner bekanntesten Romane, begegnet man einer literarischen Ikone des Ostens – ruhig, durchdacht, ästhetisch.

    Eine Kombination, die ihn auch zum Träger des Man Booker International Prize 2015 machte – lange bevor er nun mit dem Nobelpreis gekrönt wurde.

    Der Schatz in der Übersetzung

    Viele seiner Werke sind seit den späten 1990er-Jahren auch auf Deutsch erhältlich. Der Pariser Verlag Gallimard und in Deutschland unter anderem Matthes & Seitz sowie der Verlag Cambourakis veröffentlichten Übersetzungen zentraler Werke wie Die Melancholie des Widerstands, Guerre & Guerre oder Der letzte Wolf. Jedes davon ein literarisches Ungetüm, ein intellektuelles Abenteuer.

    Wem diese Bücher zu sperrig erscheinen – nun, vielleicht müssen sie es sein. In einer Zeit, in der Literatur oft gefällig, kurzatmig und marktkonform daherkommt, ist Krasznahorkai ein Gegenentwurf. Ein Aufschrei. Ein Schweigen zugleich.

    Warum gerade jetzt?

    Die Entscheidung der Schwedischen Akademie ist nicht bloß eine literarische Würdigung – sie ist ein Statement. Gegen das Vergessen. Gegen die Vereinfachung. Für Komplexität, für Sprache als Kunstform, für Literatur als Überlebensstrategie in einer von Krisen geschüttelten Welt.

    Und: Sie rückt wieder einmal Mittel- und Osteuropa ins Zentrum der Weltliteratur. Ein Raum, der lange Zeit durch politische Konflikte und kulturelle Unsichtbarkeit an den Rand gedrängt war – und nun durch die Stimme eines Einzelnen leuchtet.

    Ein Preis, ein Zeichen, ein Vermächtnis

    Der Literaturnobelpreis bringt Krasznahorkai nicht nur weltweite Aufmerksamkeit, sondern auch ein Preisgeld von rund einer Million Euro. Doch der eigentliche Lohn ist nicht materieller Natur. Es ist das kollektive Nicken einer literarischen Öffentlichkeit, das sagt: Ja, diese Stimme zählt.

    Und was für eine Stimme das ist.

    Krasznahorkais Texte sind kein Spaziergang. Aber wer sich einlässt, wird belohnt – mit einem Blick in den Abgrund, und manchmal mit einem Lichtfunken am Rand des Sichtbaren.

    Denn vielleicht ist das die größte Kunst: im Chaos noch einen Satz zu finden, der alles trägt.

    Autor: Andreas M. Brucker