Schlagwort: Lehrermangel

  • Frankreich verbannt das Smartphone aus der Schule – doch die eigentliche Herausforderung liegt tiefer

    Frankreich verbannt das Smartphone aus der Schule – doch die eigentliche Herausforderung liegt tiefer

    Frankreichs Schulen beginnen das neue Schuljahr mit einer bemerkenswerten Mischung aus pädagogischer Rückbesinnung und gesellschaftlichem Experiment. 11,6 Millionen Schülerinnen und Schüler sind Anfang September in die Klassenzimmer zurückgekehrt, begleitet von rund 851 500 Lehrkräften. Die sichtbarste Neuerung betrifft allerdings ein Gerät, das für Jugendliche längst weit mehr ist als ein Telefon: Vom Schuljahr 2026/27 an gilt das Handyverbot auch an den französischen Gymnasien. Damit soll erstmals die gesamte Schulzeit vom Kindergarten bis zum Abitur grundsätzlich ohne Smartphone im Unterrichts- und Schulalltag auskommen. Die Entscheidung wirkt auf den ersten Blick wie eine regulatorische Einzelmaßnahme. Tatsächlich berührt sie eine wesentlich grössere Frage: Welche Grenzen muss die Schule gegenüber einer digitalen Umwelt ziehen, die Aufmerksamkeit zu einer umkämpften Ressource gemacht hat? Frankreich versucht darauf eine vergleichsweise entschiedene Antwort zu geben. Zugleich droht …

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  • Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Lehrer. Wirklich. Die Republik liebt sie geradezu hingebungsvoll.

    Sie liebt sie in Sonntagsreden. Sie liebt sie bei Schuljahresbeginn. Sie liebt sie nach Krisen, nach Anschlägen, nach Ausschreitungen, nach schlechten Pisa-Ergebnissen und immer dann, wenn irgendwo jemand erklären muss, dass Bildung selbstverständlich die oberste Priorität der Nation sei.

    Frankreich liebt seine Lehrer so sehr, dass es ihnen immer neue Aufgaben schenkt.

    Nur Geld schenkt es ihnen ungern.

    Das wäre vermutlich zu gewöhnlich.

    Lehrer sollen schließlich nicht wegen des Geldes Lehrer werden. Sie sollen Lehrer werden, weil sie an die Republik glauben, an die Jugend, an Voltaire, Victor Hugo, die Aufklärung, die Chancengleichheit und wahrscheinlich auch ein wenig an die Unsterblichkeit der französischen Verwaltung.

    Die Vermieter in Paris haben für solche republikanischen Ideale bedauerlicherweise wenig Verständnis.

    Sie bevorzugen Überweisungen.

    Und damit sind wir beim Problem.

    Die Republik bezahlt in Wertschätzung

    Jahrelang konnte man die französische Lehrerschaft mit einem bemerkenswert einfachen politischen Geschäftsmodell verwalten: Der Staat lieferte Anerkennung in Worten, die Lehrer lieferten Unterricht in Wirklichkeit.

    Das war günstig.

    „Sie leisten eine unverzichtbare Arbeit.“

    Danke.

    „Sie sind das Rückgrat unserer Republik.“

    Sehr freundlich.

    „Sie bereiten unsere Kinder auf die Zukunft vor.“

    Wunderbar.

    Und jetzt bitte wieder zurück ins Klassenzimmer.

    Das Wort „Wertschätzung“ gehört überhaupt zu den genialsten Erfindungen moderner Haushaltspolitik. Wertschätzung ist steuerfrei, schuldenbremsenkompatibel und verursacht keinerlei Personalkosten.

    Man kann damit ganze Berufsgruppen bezahlen.

    Zumindest rhetorisch.

    Dann kam die Inflation.

    Und plötzlich stellte sich heraus, dass der Supermarkt keine Wertschätzung akzeptiert.

    An der Kasse von Carrefour funktioniert republikanisches Pathos ungefähr so gut wie eine abgelaufene Kreditkarte. Auch der Stromversorger zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt von der gesellschaftlichen Bedeutung des Lehrerberufs.

    Und ein Vermieter senkt die Miete nur selten, weil sein Mieter täglich die Werte der Republik vermittelt.

    So grausam kann Marktwirtschaft sein.

    Emmanuel Macron und die wundersame Vermehrung der Prämien

    Natürlich hat der Staat reagiert.

    Es gab Aufwertungen. Prämien. Zulagen. Maßnahmen. Pakete. Weitere Maßnahmen. Neue Pakete.

    Die französische Politik liebt Pakete fast so sehr wie Reformen.

    Besonders praktisch sind Prämien. Eine Prämie kann politisch als Gehaltserhöhung präsentiert werden, ohne das gesamte Besoldungssystem grundsätzlich verändern zu müssen.

    Und so entstand jene besondere Form staatlicher Großzügigkeit, bei der der Empfänger zunächst eine Broschüre benötigt, um herauszufinden, ob er überhaupt großzügig bedacht wurde.

    Unter Emmanuel Macron ist diese Logik besonders sichtbar geworden: mehr Differenzierung, mehr Prämien, zusätzliche Vergütung für zusätzliche Aufgaben.

    Der Staat sagt damit im Grunde: Natürlich verdienen Lehrer mehr Geld.

    Sie müssen dafür nur noch ein bisschen mehr Lehrer sein.

    Wer zusätzliche Aufgaben übernimmt, Vertretungen leistet oder sich an bestimmten Programmen beteiligt, kann zusätzlich verdienen.

    Das klingt modern.

    Es klingt leistungsorientiert.

    Es klingt nach Management.

    Nur übersieht diese Logik eine Kleinigkeit: Viele Lehrer empfinden bereits ihre normale Arbeit als ständig ausgeweitet.

    Sie sollen unterrichten, fördern, dokumentieren, integrieren, digitalisieren, beraten, Konflikte lösen, Eltern beruhigen, Mobbing erkennen, Radikalisierung bemerken, Behinderungen berücksichtigen, psychische Probleme auffangen und möglichst verhindern, dass irgendein Kind auf dem Weg durch das Bildungssystem verloren geht.

    Und dann kommt der Staat und sagt:

    Wenn Sie mehr verdienen möchten, könnten Sie vielleicht noch etwas zusätzlich machen.

    Man muss die Eleganz dieses Gedankens bewundern.

    Der Lehrer als pädagogisches Schweizer Taschenmesser

    Der moderne französische Lehrer ist längst kein Lehrer mehr.

    Er ist Sozialarbeiter, Psychologe, Integrationshelfer, Verwaltungsangestellter, Medienpädagoge, Berufsberater, Konfliktmanager und gelegentlich Sicherheitsbeauftragter.

    Zwischendurch unterrichtet er.

    Das ist allerdings fast schon nostalgisch.

    Die Schule soll heute Probleme lösen, die weit außerhalb der Schule entstehen.

    Wenn Integration nicht funktioniert: Schule.

    Wenn Jugendliche Schwierigkeiten mit sozialen Medien haben: Schule.

    Wenn Gewalt zunimmt: Schule.

    Wenn republikanische Werte erodieren: Schule.

    Wenn soziale Ungleichheit wächst: Schule.

    Wenn Kinder psychisch belastet sind: Schule.

    Wenn Eltern überfordert sind: Schule.

    Wenn die Demokratie Nachwuchsprobleme bekommt: natürlich Schule.

    Das Klassenzimmer ist die Reparaturwerkstatt der französischen Gesellschaft geworden.

    Nur beim Mechaniker diskutiert man weiterhin darüber, ob eine ordentliche Bezahlung womöglich seine intrinsische Motivation beschädigen könnte.

    Bitte retten Sie die Republik – Ihre Wohnung ist leider Ihr Problem

    Besonders hübsch wird diese Politik in Paris und anderen teuren Ballungsräumen.

    Dort darf ein junger Lehrer eine praktische Einführung in Volkswirtschaftslehre absolvieren.

    Kapitel eins: Angebot und Nachfrage.

    Kapitel zwei: Wohnungsmarkt.

    Kapitel drei: Warum Ihr Gehalt nicht reicht.

    Ein junger Akademiker wird vom Staat dorthin geschickt, wo Lehrer benötigt werden, und stellt anschließend fest, dass die Wohnkosten einen beträchtlichen Teil seines Einkommens verschlingen.

    Das ist immerhin pädagogisch wertvoll.

    So lernt er unmittelbar, was Kaufkraft bedeutet.

    Vielleicht könnte man dies künftig als Fortbildung anerkennen.

    Denn natürlich kann man jungen Menschen weiterhin erzählen, der Lehrerberuf sei attraktiv.

    Man darf sich nur nicht wundern, wenn sie nachrechnen.

    Und junge Akademiker können rechnen.

    Das ist für die Personalpolitik des Bildungsministeriums bedauerlich.

    Sie vergleichen nämlich.

    Sie sehen Freunde aus ihrem Studium, die in Unternehmen, Verwaltungen oder anderen qualifizierten Berufen arbeiten. Sie vergleichen Gehälter, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Status.

    Dann hören sie, Lehrer hätten immerhin viele Ferien.

    Das dürfte helfen.

    Und wenn niemand kommt, nimmt man Contractuels

    Der vielleicht aufschlussreichste Teil der französischen Bildungskrise ist der wachsende Rückgriff auf Vertragslehrer.

    Die contractuels sind nicht das Problem. Viele von ihnen leisten engagierte und professionelle Arbeit unter schwierigen Bedingungen.

    Sie sind vielmehr das Symptom.

    Wenn sich nicht genügend Menschen für einen Beruf finden, gäbe es theoretisch eine naheliegende Reaktion: Man macht den Beruf attraktiver.

    Frankreich hat eine weitere Möglichkeit entdeckt:

    Man verändert die Art, wie man Menschen hineinbekommt.

    Wo der klassische Weg über den Concours nicht genügend Lehrer hervorbringt, helfen Vertragskräfte, die Lücken zu schließen.

    Das ist pragmatisch.

    Ein Loch ist da. Ein Mensch wird hineingestellt. Das Loch ist weg.

    Voilà.

    Nur verschwindet dadurch nicht die Frage, warum das Loch überhaupt entstanden ist.

    Ein Bildungssystem, das zunehmend Schwierigkeiten hat, genügend qualifizierte Bewerber für seine regulären Laufbahnen zu gewinnen, sollte vielleicht weniger darüber nachdenken, wie man Personalengpässe verwaltet, und mehr darüber, warum Menschen diesen Beruf meiden.

    Es könnte dabei auf eine unangenehme Antwort stoßen.

    Vielleicht ist der Beruf tatsächlich nicht attraktiv genug.

    Die große französische Überraschung: Menschen arbeiten auch für Geld

    Hier berührt die Debatte ein fast philosophisches Problem.

    Von Lehrern erwartet die Gesellschaft traditionell eine besondere moralische Haltung.

    Ein Banker darf wegen des Geldes arbeiten.

    Ein Unternehmensberater darf Karriere machen wollen.

    Ein Manager darf seinen Bonus interessant finden.

    Ein Ingenieur darf ein höheres Gehalt verlangen.

    Aber beim Lehrer wird plötzlich Rousseau hervorgeholt.

    Der Lehrer soll berufen sein.

    Er soll dienen.

    Er soll Sinn suchen.

    Er soll seine Arbeit lieben.

    Das darf er selbstverständlich.

    Nur sollte man aus seiner Berufung kein staatliches Rabattprogramm machen.

    Gerade Berufe mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung sind besonders anfällig für diese moralische Erpressung: Weil deine Arbeit wichtig ist, solltest du weniger auf das Geld achten.

    Man könnte die Logik auch umdrehen.

    Weil die Arbeit wichtig ist, sollte der Staat besonders darauf achten, dass sie angemessen bezahlt wird.

    Das wäre allerdings weniger poetisch.

    Und teurer.

    Was kostet eigentlich ein verlorener Lehrer?

    Bei jeder Gehaltserhöhung wird nach den Kosten gefragt.

    Völlig zu Recht.

    Öffentliche Haushalte bestehen nicht aus Konfetti. Frankreich trägt eine hohe Staatsverschuldung, die öffentlichen Ausgaben sind beträchtlich, und kein Finanzminister kann Milliarden einfach aus republikanischer Begeisterung erschaffen.

    Aber die interessante Frage lautet nicht nur:

    Was kostet eine bessere Bezahlung?

    Sie lautet auch:

    Was kostet schlechte Bezahlung?

    Was kostet es, wenn Stellen unbesetzt bleiben?

    Was kostet es, wenn Unterricht ausfällt?

    Was kostet es, wenn erfahrene Lehrer den Beruf verlassen?

    Was kostet es, wenn junge Talente sich gar nicht erst bewerben?

    Was kostet es, wenn Schulen in schwierigen Vierteln ständig neues Personal suchen?

    Und was kostet eine Republik langfristig, wenn ausgerechnet jene Institution an Attraktivität verliert, die soziale Unterschiede wenigstens teilweise ausgleichen soll?

    Diese Kosten erscheinen auf keiner monatlichen Gehaltsabrechnung.

    Aber sie existieren.

    Macron kann die Mathematik nicht wegmoderieren

    Emmanuel Macron hat Frankreich gern als eine Nation beschrieben, die sich transformieren müsse.

    Transformation ist eines jener herrlichen politischen Wörter, bei denen immer jemand transformiert wird.

    Bei den Lehrern bedeutete Transformation in den vergangenen Jahren häufig: neue Anforderungen, neue Programme, neue Instrumente, neue Erwartungen.

    Doch ein Staat kann seinen Bildungssektor nicht dauerhaft modernisieren, indem er die Menschen darin zu einer Art pädagogischer Verschleißmasse macht.

    Eine Schule ist keine App.

    Ein Lehrer lässt sich nicht mit einem Software-Update produktiver machen.

    Und Personalpolitik lässt sich nicht dauerhaft durch Kommunikation ersetzen.

    Man kann eine Pressekonferenz veranstalten.

    Man kann eine „historische Aufwertung“ verkünden.

    Man kann erklären, dass Bildung höchste Priorität habe.

    Man kann Programme benennen, Pakte schließen und Prämien verteilen.

    Am Monatsende bleibt trotzdem eine Zahl.

    Lehrer sind beruflich sogar besonders gut darauf vorbereitet, Zahlen zu verstehen.

    Frankreich bekommt die Schule, für die es bezahlt

    Das Gehalt ist deshalb längst mehr als eine gewerkschaftliche Forderung.

    Es ist ein politisches Misstrauensvotum.

    Nicht gegen die Schule.

    Sondern gegen die Vorstellung, dass man die Bedeutung eines Berufs jahrzehntelang rhetorisch erhöhen und seinen relativen materiellen Status gleichzeitig vernachlässigen könne.

    Die Inflation hat diesen Widerspruch brutal sichtbar gemacht.

    Plötzlich kostet der Wocheneinkauf mehr. Die Energie kostet mehr. Das Wohnen kostet mehr. Das Leben kostet mehr.

    Und die republikanische Anerkennung?

    Die bleibt erfreulich preisstabil.

    Vielleicht liegt darin die bitterste Pointe.

    Frankreich diskutiert seit Jahren über die Krise seiner Schule. Über Niveauverlust. Lehrermangel. Gewalt. Ungleichheit. Disziplin. Integration. Autorität. Pisa. Digitalisierung. Reformen.

    Es wird untersucht, evaluiert, reformiert und erneut evaluiert.

    Nur die einfachste Frage wirkt beinahe unanständig:

    Warum sollte ein hochqualifizierter junger Mensch heute Lehrer werden?

    Nicht aus Patriotismus.

    Nicht aus Pflichtgefühl.

    Nicht wegen der langen Sommerferien, die bekanntlich jeden Abend mit Korrekturen, Vorbereitungen und Konferenzen magisch verschwinden lassen.

    Sondern als vernünftige Lebensentscheidung.

    Darauf braucht Frankreich eine überzeugende Antwort.

    Denn man kann Lehrer durchaus jahrelang mit Anerkennung bezahlen.

    Man kann ihnen erklären, wie wichtig sie sind.

    Man kann sie Helden des Alltags nennen.

    Man kann ihnen die Zukunft der Kinder, den sozialen Frieden und nebenbei die Werte der Republik auf die Schultern legen.

    Nur sollte man sich anschließend nicht überrascht zeigen, wenn diese Lehrer irgendwann eine geradezu unpädagogische Frage stellen:

    Was bekomme ich eigentlich dafür?

    Das ist keine Gier.

    Es ist auch kein Verrat am Ideal des Lehrerberufs.

    Es ist die Rechnung, die nach Jahren politischer Sonntagsreden auf dem Tisch liegt.

    Und Frankreich sollte sie bezahlen.

    Denn die Alternative wäre die teuerste Sparmaßnahme von allen:

    eine Republik, die bei ihren Lehrern spart und eines Tages feststellen muss, dass sie damit an ihrer eigenen Zukunft gespart hat.

    Von Andreas Brucker

  • 700 Posten gerettet – aber zu welchem Preis?

    700 Posten gerettet – aber zu welchem Preis?

    Frankreichs Bildungsministerium zieht seine Sparpläne teilweise zurück – ein Zeichen politischer Notwendigkeit und struktureller Schwäche. Frankreichs damaliger Bildungsminister Gabriel Attal hatte bei der Vorstellung des Haushaltsentwurfs für 2025 klare Worte gewählt: Die demografische Entwicklung rechtfertige eine Reduktion der Lehrkräfte, vor allem im Grundschulbereich. Über 4.000 Stellen sollten gestrichen werden. Doch nun, etwa ein Jahr später, rudert das Ministerium zurück – über 700 dieser Posten sollen nun doch erhalten bleiben. Offiziell ist von einem „technischen Nachjustieren“ die Rede. Tatsächlich jedoch offenbart diese Kehrtwende tieferliegende Spannungen im französischen Bildungssystem. Demografie als Argument – und seine Grenzen Der ursprüngliche Plan des Bildungsministeriums basierte auf einem scheinbar rationalen Kalkül: Weniger Kinder bedeuten weniger Bedarf an Lehrpersonal. Doch diese Gleichung ist nur auf nationaler Ebene plausibel. Auf regionaler Ebene zeigt sich e…

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  • Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreichs konservativ dominierter Senat hat am 5. Dezember 2025 den umstrittenen Plan der Regierung gebilligt, im kommenden Jahr rund 4.000 Stellen im öffentlichen Schuldienst zu streichen. Die Entscheidung ist Teil des Haushaltsentwurfs für 2026 und stützt sich auf demografische Entwicklungen – doch die Maßnahme offenbart tieferliegende Herausforderungen im französischen Bildungssystem. Trotz eines leicht steigenden Budgets für das Bildungsministerium – vorgesehen sind 64,5 Milliarden Euro, ein Plus von 200 Millionen im Vergleich zum Vorjahr – bedeutet die strukturelle Neuausrichtung faktisch einen Nettoabbau von Lehrerstellen. Die linke Opposition sprach im Senat von einem „Etikettenschwindel“ und scheiterte mit allen Änderungsanträgen zur Rücknahme der Kürzungen. Demografie als Argument – aber nicht als Entlastung Die Begründung der Regierung: sinkende Geburtenzahlen und rückläufige Schülerzahlen insbesondere in der Grundschule. „Die Maßnahme ist logisch und maßvoll“, sagte Olivie…

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  • Wenn der Lehrer nicht kommt – und der Staat zahlen muss

    Wenn der Lehrer nicht kommt – und der Staat zahlen muss

    Es klingt fast wie eine Anekdote aus einem überforderten Schulalltag, wie man sie sich abends beim Wein erzählt – doch für eine Mutter im nordfranzösischen Lys-lez-Lannoy war es bitterer Ernst. Ihre Tochter, Sechstklässlerin an einem Collège nahe Roubaix, hatte im gesamten Schuljahr 2022/2023 zu wenig Französischunterricht. Und das nicht etwa, weil sie geschwänzt hätte – sondern weil der Lehrer schlichtweg fehlte. Wochenlang. Monatelang. Am Ende: fast ein Drittel der Stunden fielen einfach aus.

    Der Staat? Wurde nun zur Kasse gebeten.

    Ein Urteil mit Signalwirkung – gesprochen Ende November vom Verwaltungsgericht in Lille. Die Richter erkannten auf „organisatorisches Versagen“ des französischen Bildungssystems und verpflichteten den Staat zur Zahlung von 970 Euro – 470 Euro für den konkreten Lernverlust, 500 Euro für den moralischen Schaden.

    Ein symbolischer Betrag? Vielleicht. Doch das Urteil ist in seiner Klarheit ein Paukenschlag.

    Der Hintergrund: Der reguläre Französischlehrer war aus gesundheitlichen Gründen das ganze Jahr über abwesend. Das kann vorkommen, zumal der Beruf heute alles andere als stressfrei ist. Doch die eigentliche Misere begann mit dem Versuch, ihn zu ersetzen. Die Schulbehörde in Lille versicherte während der Gerichtsverhandlung zwar, man habe bereits im Dezember 2022 nach Ersatz gesucht – doch auch die eingesetzten Vertretungslehrkräfte fielen aus. Krank, überfordert, anderweitig verhindert.

    Am Ende summierten sich die Fehlstunden auf 55 – von 162. Ein Drittel des regulären Unterrichts in einer der zentralen Fächer des französischen Bildungssystems: Französisch. Lesen, Schreiben, Sprachgefühl – all das, was der junge Geist in dieser Lebensphase aufsaugen soll, blieb auf der Strecke.

    Die Richter blieben in ihrem Urteil sachlich, aber deutlich: Die Schülerin habe „notwendigerweise Rückstände und Lücken in den obligatorischen Lerninhalten“ erlitten. Und das sei ein unmittelbarer, klar nachweisbarer Schaden.

    Man hört in Frankreich häufig den Satz: L’école républicaine, c’est le socle de notre société. Die republikanische Schule sei das Fundament der Gesellschaft. Und genau dieses Fundament gerät ins Wanken, wenn es in seinen Grundfesten bröckelt – wie hier.

    Das Urteil trifft einen Nerv.

    Denn längst ist der Lehrermangel in Frankreich kein Randphänomen mehr. Gerade in strukturschwachen Regionen – wie etwa dem Großraum Lille oder in Teilen der Banlieue um Paris – sind es oft die schwächsten Schüler, die als Erste durchs Raster fallen. Kinder, die vielleicht ohnehin wenig Rückhalt zu Hause erfahren. Für sie ist die Schule kein Ort des Lernens allein – sie ist Lebensanker, Sprachschule, Weltzugang.

    Wenn dann aber über Monate kein Lehrer vor der Klasse steht, was bleibt dann noch vom republikanischen Ideal?

    Man kann sich vorstellen, wie es für die Mutter gewesen sein muss: Woche um Woche zu hören, dass der Unterricht erneut ausfällt. Zu sehen, wie die Tochter das Interesse verliert, in einem Schlüsselalter, in dem Sprache nicht nur gelernt, sondern erlebt werden muss. Irgendwann hatte sie genug – und zog vor Gericht.

    Und nun das Urteil. Die Symbolkraft liegt weniger im Geld, sondern in der Botschaft: Auch der Staat haftet. Nicht abstrakt, nicht theoretisch – sondern konkret, persönlich, in Euro und Cent.

    Es ist ein Signal an all jene Eltern, die ähnliche Erfahrungen machen – in Lille, in Lyon, in Marseille. Und es ist ein Weckruf an ein Schulsystem, das vielerorts auf dem Zahnfleisch geht.

    Denn natürlich hat auch Frankreich mit einem Mangel an Lehrkräften zu kämpfen. Die Ursachen sind vielschichtig: sinkende Attraktivität des Berufs, prekäre Arbeitsbedingungen, Bürokratie, Überlastung. Und nicht zuletzt: ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht bei vielen Pädagogen, die zwischen Bildungsauftrag und Realität zerrieben werden.

    Doch selbst wenn man diese Ursachen kennt, darf man die Folgen nicht hinnehmen.

    Bildung ist kein Nice-to-have. Sie ist nicht verhandelbar. Sie ist ein Recht – und wer sie verweigert, muss Verantwortung übernehmen. Genau das ist nun passiert.

    Vielleicht wird dieses Urteil nicht das System verändern. Aber es zeigt, dass Eltern nicht machtlos sind. Und dass man auch im oft so schwerfälligen Schulapparat etwas bewegen kann – wenn man dranbleibt.

    Was aber bleibt für die Schülerin?

    Ein verlorenes Schuljahr, zumindest in Teilen. Ein Stück Vertrauen, das sich nur schwer wiederherstellen lässt. Und vielleicht – ein erstes Gespür dafür, dass Gerechtigkeit manchmal doch durchkommt, wenn man sie sucht.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Was passiert, wenn man an der Bildung spart?

    Kommentar: Was passiert, wenn man an der Bildung spart?

    Frankreich erlebt gerade, was geschieht, wenn ein Staat seine Schulen über Jahre hinweg vernachlässigt: Lehrer fehlen, Schüler verlieren die Lust am Lernen, und eine ganze Gesellschaft schwächt sich selbst. Der Mangel von 2.500 Lehrkräften zum Schuljahresbeginn 2025 ist kein Betriebsunfall, sondern die direkte Folge politischer Entscheidungen – und einer gefährlichen Haltung, die Bildung als Kostenfaktor behandelt, nicht als Investition in die Zukunft.

    Eine Spirale nach unten

    Jahrelang wurde im französischen Bildungssystem gespart, geschoben und improvisiert. Heute wird das Klassenzimmer zum Experimentierfeld für Notlösungen: Vertragslehrer ohne fundierte Ausbildung, pensionierte Lehrer, die reaktiviert werden, überforderte Grundschullehrer, die ins Gymnasium abkommandiert werden. Man nennt es „Flexibilität“, in Wahrheit ist es purer Mangelbetrieb.

    Die Schüler bezahlen den Preis. Wer in der Provinz oder in einem ärmeren Viertel lebt, bekommt keinen qualifizierten Mathematiklehrer – und damit weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wer Glück hat, sitzt in einer gut versorgten Pariser Schule. Bildungsgerechtigkeit? Ein hohles Wort.

    Das zerstörte Versprechen

    Die Republik versprach einst, dass jedes Kind – unabhängig von Herkunft oder Einkommen – die gleichen Chancen erhält. Doch dieser Gesellschaftsvertrag bricht gerade zusammen. Lehrer, die erschöpft, unterbezahlt und ohne die notwendige Anerkennung arbeiten, verlieren den Glauben an ihren Beruf. Eltern verlieren das Vertrauen in die Schulen. Schüler verlieren das Vertrauen in den Staat.

    Es gibt kein stärkeres Zeichen des Niedergangs einer Nation, als wenn Bildung nicht mehr Priorität hat. Wer an Schulen spart, spart nicht an Gebäuden oder Gehältern – er spart an der Zukunft einer ganzen Gesellschaft.

    Die politische Verantwortung

    Die Verantwortlichen versuchen, den Mangel herunterzureden. 2.500 fehlende Lehrer – das klinge doch nach wenig, bei Hunderttausenden Stellen. Aber diese Zahl ist trügerisch. Sie steht für 0,7 Prozent der Unterrichtsstunden, die nicht stattfinden. Sie steht für Kinder, die keine Lehrer haben. Sie steht für Fächer, die verschwinden.

    Und sie steht für eine politische Kultur, die lieber kurzfristig im Haushalt kürzt, als langfristig in Köpfe zu investieren. Frankreich ist stolz auf seine Tradition von Aufklärung und Demokratie. Doch eine Republik, die ihre Schulen vernachlässigt, sägt an ihrem Fundament.

    Bildung ist keine Ausgabe – sie ist Überleben

    Die Frage lautet nicht: „Können wir uns das leisten?“ – sondern: „Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?“ Jede gesparte Million im Bildungswesen wird später als Milliardenproblem in Form von Arbeitslosigkeit, Radikalisierung und sozialer Spaltung zurückkehren.

    Frankreichs Schulkrise ist eine Warnung. Für Paris. Für Berlin. Für ganz Europa. Wer an der Bildung spart, verspielt seine Zukunft. Und zwar unwiderruflich.

    Ein Kommentar von Andreas Brucker

  • Schulstart mit Knall – Frankreichs Bildungssystem am Limit

    Schulstart mit Knall – Frankreichs Bildungssystem am Limit

    Es hätte ein Neuanfang sein sollen. Neue Schulhefte, gespitzte Stifte, gespannte Vorfreude. Doch zum Schuljahresbeginn 2025 liegt über vielen französischen Klassenzimmern ein Schatten – aus Protest, Frust und Personalmangel. Die „rentrée scolaire“, traditionell ein nationales Großereignis in Frankreich, begann in diesem Jahr mit Streiks, Alarmrufen und leer gebliebenen Lehrerzimmern. Während Kinder in neuen Schuhen in die Schulen strömen, stehen viele Erwachsene vor den Schulen – mit Transparenten in der Hand und Wut im Bauch.

    Klassen wie Sardinenbüchsen Im Tarn, einem Departement im Süden des Landes, machten die Probleme gleich am ersten Tag lautstark auf sich aufmerksam. Am Collège Louisa-Paulin in Réalmont weigerten sich Lehrkräfte, ihre Klassen zu betreten. Der Grund: Die Schulverwaltung hatte eine dringend benötigte fünfte 6. Klasse nicht eingerichtet. Die Folge? Mehr als 30 Kinder pro Raum – Lernatmosphäre gleich null. Und Réalmont ist kein Einzelfall. In Labruguière, im benachb…

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  • Frankreichs Lehrermangel: Ein strukturelles Defizit trotz sinkender Schülerzahlen

    Frankreichs Lehrermangel: Ein strukturelles Defizit trotz sinkender Schülerzahlen

    Zum Schuljahresbeginn 2025 hat Bildungsministerin Élisabeth Borne den Mangel von rund 2.500 Lehrkräften in den französischen Collèges und Lycées eingeräumt. Zwar entspricht dies lediglich 0,7 Prozent der Unterrichtsstunden und liegt unter dem Niveau des Vorjahres. Doch die Zahl verdeutlicht einmal mehr die strukturellen Probleme des französischen Schulsystems – und offenbart die Grenzen kurzfristiger Ausgleichsmaßnahmen. Eine Krise mit Geschichte Frankreich kämpft seit Jahren mit einem Rückgang der Attraktivität des Lehrerberufs. Bereits in den 2010er-Jahren war die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber auf die concours, die zentralen Auswahlprüfungen für den Staatsdienst, zurückgegangen. Besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern und in den klassischen Geisteswissenschaften wie Latein und Griechisch ist der Mangel eklatant. Eine Studie des nationalen Bildungsrats (Conseil supérieur de l’éducation) zeigte bereits 2022, dass in Mathematik auf eine ausgeschriebene Stelle mitunter wen…

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  • Rentrée 2025: Schule im Ausnahmezustand – 850.000 Lehrkräfte am Limit

    Rentrée 2025: Schule im Ausnahmezustand – 850.000 Lehrkräfte am Limit

    Es ist der letzte Freitag im August, und wie jedes Jahr kehren die Lehrerinnen und Lehrer Frankreichs aus den Ferien zurück in die Klassenzimmer – diesmal sind es über 850.000. Drei Tage vor der Ankunft der Schüler beginnt ihre sogenannte „pré-rentrée“. Was wie ein eingespieltes Ritual wirkt, ist dieses Jahr mehr denn je ein Weckruf: Die französische Schule steckt tief in der Krise. Leere Klassen, fehlendes Personal Sophie Vénétitay, Generalsekretärin des Lehrerverbands SNES-FSU, bringt es auf den Punkt: „C’est la rentrée de la pénurie“ – der Schuljahresbeginn der Mangelwirtschaft. Zwischen 5.000 und 6.000 Lehrerstellen sind unbesetzt, ein dramatischer Befund für ein Land mit allgemeiner Schulpflicht. Doch der Personalmangel ist nicht das einzige Problem. Zwei Drittel aller Lehrkräfte haben in den letzten zwei Jahren über einen Berufswechsel nachgedacht. Der Beruf, einst Berufung, verliert an Sinn und Glanz. Der Frust reicht tief – von der Grundschule bis zum Lycée. Stagnierende Gehält…

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  • Rentrée scolaire 2025: Klassen ohne Lehrer, Schulen ohne Leitung, Eltern ohne Antworten

    Rentrée scolaire 2025: Klassen ohne Lehrer, Schulen ohne Leitung, Eltern ohne Antworten

    Der Sommer ist noch nicht vorbei, da liegt schon ein Schatten über der Schulglocke, die im September das neue Jahr einläutet. Während Kinder ihre neuen Ranzen ausprobieren und Eltern Bücherlisten abhaken, brodelt es hinter den Türen des französischen Bildungssystems. Die Gewerkschaften schlagen Alarm, Elternverbände sind besorgt – und die Frage schwebt über allem: Wer steht eigentlich noch vor der Tafel?

    Lehrer fehlen an allen Ecken Die nackten Zahlen sprechen Bände. Mehr als die Hälfte aller weiterführenden Schulen beginnen im September 2025 ohne vollständiges Kollegium. In Versailles waren es 2024 fast drei Viertel, in Créteil zwei Drittel der Einrichtungen. Die Lücken betreffen nicht nur Mathematik, Französisch oder Geschichte – auch die so dringend benötigten Begleiter für Kinder mit Behinderung (AESH) und die Aufsichtskräfte (AED) sind Mangelware. Wer im September eine Schule besuchen wird, spürt das Fehlen unmittelbar: Unterrichtsausfall, improvisierte Vertretungen, Schüler, die…

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