Schlagwort: Klimawandel Alpen

  • Mont Blanc: Fast zwei Meter höher – und doch schmilzt das Eis

    Mont Blanc: Fast zwei Meter höher – und doch schmilzt das Eis

    Der Mont Blanc wächst – zumindest auf dem Papier. Eine neue Vermessung beziffert die Höhe des höchsten Alpengipfels auf 4.807,47 Meter. Das sind 1,88 Meter mehr als 2023. Doch hinter dieser überraschenden Zahl steckt keine geologische Sensation, sondern eine faszinierende Geschichte über Schnee, Wind, Eis und einen Berg, der ständig sein Gesicht verändert.

    30. Oktober 2026

    Majestätisch thront er über den französischen Alpen, umgeben von Gletschern, schroffen Felswänden und einem Meer aus Weiß. Der Mont Blanc, Wahrzeichen der Region Haute Savoie, gilt als Sinnbild für Beständigkeit. Seit Jahrhunderten zieht er Bergsteiger, Wissenschaftler und Abenteurer in seinen Bann.

    Doch ausgerechnet dieser scheinbar unveränderliche Riese sorgt nun für eine Überraschung: Er ist fast zwei Meter höher als noch vor drei Jahren.

    Am 17. September 2026 stiegen 32 Teilnehmer einer wissenschaftlichen Expedition auf seinen Gipfel. Mit modernster Messtechnik bestimmten sie seine aktuelle Höhe. Das am 14. Oktober veröffentlichte Ergebnis: exakt 4.807,47 Meter.

    Eine stolze Zahl. Aber was steckt dahinter?

    Ein Gipfel, den der Wind formt

    Wer glaubt, der Mont Blanc sei innerhalb von drei Jahren tatsächlich um knapp zwei Meter gewachsen, liegt daneben.

    Denn sein höchster Punkt besteht nicht aus massivem Fels, sondern aus einer mächtigen Schnee und Eiskappe. Und die führt gewissermaßen ihr Eigenleben.

    Schneefälle lassen sie anwachsen, heftige Höhenwinde tragen Schnee ab oder türmen ihn an anderer Stelle auf. Selbst die Form des Gipfels verändert sich dadurch immer wieder.

    Mal liegt der höchste Punkt etwas weiter westlich, mal verschiebt er sich in eine andere Richtung. Der Berg bleibt derselbe – seine weiße Krone hingegen ist ständig in Bewegung.

    Die neue Höhenangabe beschreibt deshalb zunächst eine Momentaufnahme. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte

    Besonders spannend erscheint der Blick auf die vergangenen Vermessungen.

    JahrGemessene Höhe
    20234.805,59 Meter
    20244.808,51 Meter
    20254.808,76 Meter
    20264.807,47 Meter

    Tatsächlich lag der Gipfel 2025 sogar 1,29 Meter höher als heute.

    Von einem kontinuierlichen Wachstum lässt sich also kaum sprechen. Vielmehr schwankt die Schneekappe von Jahr zu Jahr – abhängig von Wetter, Niederschlägen und Windverhältnissen.

    Hinzu kommt, dass die Messungen nicht immer zur gleichen Jahreszeit stattfinden. Auch das beeinflusst die Ergebnisse.

    Der Mont Blanc ist eben kein unbeweglicher Steinriese. Zumindest ganz oben nicht.

    Höherer Gipfel, schwindende Gletscher

    Die Nachricht vom gewachsenen Mont Blanc klingt zunächst wie eine gute Botschaft in Zeiten des Klimawandels.

    Doch Vorsicht: Ein höherer Gipfel bedeutet keineswegs, dass sich die Gletscher erholen.

    Während sich auf dem Gipfel Schnee ansammelt, verlieren die tiefer gelegenen Gletscher weiterhin erhebliche Eismassen.

    Besonders deutlich zeigt sich das an der berühmten Mer de Glace und am Argentière Gletscher. Beide leiden seit Jahrzehnten unter steigenden Temperaturen und zunehmender sommerlicher Schmelze.

    Die entscheidende wissenschaftliche Größe heißt Massenbilanz. Sie beschreibt das Verhältnis zwischen neu hinzukommendem Schnee und verlorenem Eis.

    Eine einzelne Höhenmessung liefert darüber keine verlässliche Auskunft.

    Anders gesagt: Der Mont Blanc trägt möglicherweise eine etwas höhere Schneemütze, während ihm weiter unten das Eis davonläuft.

    Wissenschaft auf dem Dach der Alpen

    Die Expedition im September verfolgte deshalb ein ehrgeizigeres Ziel als die bloße Bestimmung einer Rekordhöhe.

    Satellitengestützte Messgeräte, Drohnen und Georadar halfen dabei, die Schneekappe dreidimensional zu erfassen und ihre Dicke zu untersuchen.

    Eine Premiere gelang dem französischen Geografieinstitut IGN: Erstmals bestimmten Wissenschaftler direkt auf dem Gipfel die Schwerebeschleunigung.

    Dafür schleppten sie ein hochempfindliches Gravimeter auf über 4.800 Meter Höhe.

    Ganz schön viel Aufwand für einen Berg, der ohnehin nicht wegläuft.

    Doch solche Messungen liefern wertvolle Erkenntnisse über die Verteilung von Schnee und Eis. Wiederholte Untersuchungen ermöglichen künftig genauere Vergleiche.

    Ein Berg als Spiegel unserer Zeit

    Was erzählt uns diese neue Gipfelhöhe also wirklich?

    Vor allem, dass selbst Europas berühmteste Berglandschaften dynamischer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.

    Der Mont Blanc verändert sich unaufhörlich. Seine Schneekrone reagiert auf Wetter und Jahreszeiten, seine Gletscher auf langfristige klimatische Entwicklungen.

    Die zusätzlichen 1,88 Meter sind deshalb weder ein Sieg über den Klimawandel noch ein Beweis für eine Erholung der alpinen Eiswelt.

    Sie erinnern vielmehr daran, wie komplex die Natur funktioniert.

    Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Faszination dieses weißen Riesen: Er wirkt unerschütterlich – und erzählt doch mit jeder neuen Vermessung eine andere Geschichte.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Was der Montblanc aus dem Eis zurückgibt

    Was der Montblanc aus dem Eis zurückgibt

    Zwei Flugzeugkatastrophen, 165 Tote und ein Gletscher, der die Vergangenheit nicht ruhen lässt. Am Montblanc tauchen Jahrzehnte nach den Abstürzen zweier Air India Maschinen immer neue Wrackteile auf. Zwischen Eis, Felsen und persönlichen Erinnerungsstücken suchen Männer wie Allan Tramontana nach den Spuren einer Tragödie, die bis heute nachwirkt.

    Ein Stück Metall liegt zwischen grauen Felsen und schmutzigem Gletschereis. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Vielleicht Schrott, den irgendein Bergsteiger verloren hat. Doch Allan Tramontana bleibt stehen, hebt das Fragment vorsichtig auf und betrachtet seine Form.

    „Das ist ein Stück vom Triebwerk“, vermutet er.

    Eine Identifikationsplakette fehlt. Gewissheit gibt es zunächst nicht. Aber der Fund könnte zu einer Boeing 707 gehören, die vor mehr als sechs Jahrzehnten am Montblanc zerschellte.

    Hier oben erzählt selbst ein rostiges Metallstück eine Geschichte.

    Zwei Katastrophen im ewigen Eis

    Der Montblanc gilt als Sehnsuchtsort der Alpinisten. Schneeweiße Gipfel, gewaltige Gletscher, eine Landschaft von beinahe unwirklicher Schönheit. Doch unter dieser majestätischen Kulisse schlummern Erinnerungen an zwei der schwersten Flugzeugunglücke der französischen Alpen.

    Am 3. November 1950 prallte die Malabar Princess, eine Lockheed Constellation der Air India, nahe dem Gipfel gegen den Berg. Alle 48 Menschen an Bord starben.

    Sechzehn Jahre später wiederholte sich die Tragödie.

    Am 24. Januar 1966 zerschellte die Kangchenjunga, eine Boeing 707 derselben Fluggesellschaft, nahezu an derselben Stelle. Diesmal verloren 117 Menschen ihr Leben. Unter ihnen befand sich der international bekannte indische Atomphysiker Homi Jehangir Bhabha.

    165 Menschen, zwei Flugzeuge, ein Berg.

    Wie viel menschliches Schicksal verbirgt sich unter einer einzigen Schneedecke?

    Die französischen Ermittler führten den zweiten Absturz vor allem auf eine falsche Einschätzung der Flugzeugposition zurück. Eine missverständliche Kommunikation mit der Flugkontrolle trug vermutlich dazu bei. Die Besatzung glaubte, den Gebirgskamm bereits überflogen zu haben, und begann den Sinkflug.

    Der Flugschreiber blieb verschollen.

    Ein Polizist auf den Spuren der Vergangenheit

    Allan Tramontana beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Unglücken. Der Kommunalpolizist und studierte Historiker entdeckte 2017 während einer sportlichen Tour erstmals Überreste am Gletscher.

    Seitdem lässt ihn die Geschichte nicht mehr los.

    Immer wieder steigt er zum Bossonsgletscher hinauf, untersucht Metallteile, sammelt Fundstücke und versucht, ihre Herkunft zu entschlüsseln.

    Dabei geht es längst nicht nur um Flugzeugtechnik.

    Zwischen den Trümmern tauchen Zeitungen, Banknoten, Sicherheitsgurte und Rettungswesten auf. Alltagsgegenstände, die plötzlich eine erschütternde Bedeutung erhalten.

    Eine Zeitung, die vielleicht jemand während des Fluges lesen wollte. Geldscheine für eine Reise, die niemals ihr Ziel erreichte.

    Kleine Dinge. Große Geschichten.

    Der Gletscher als unruhiges Archiv

    Der Bossonsgletscher bewegt sich langsam talwärts. Über Jahrzehnte transportiert das Eis eingeschlossene Gegenstände durch das Gebirge. Durch die Gletscherschmelze gelangen immer neue Überreste an die Oberfläche.

    Bereits 1975 tauchten Trümmer der Malabar Princess weit unterhalb der Absturzstelle auf. 2003 entdeckte man ein Rad der Boeing 707 an der Gletscherzunge.

    Besonders spektakulär geriet ein Fund im Jahr 2013: Ein Mann entdeckte zahlreiche Edelsteine, darunter Smaragde, die vermutlich aus der 1966 abgestürzten Maschine stammten.

    Ein Teil gelangte später an die Gemeinde Chamonix, die ihre Steine im Kristallmuseum präsentieren wollte.

    Doch die Suche birgt erhebliche Gefahren. Steinschlag, instabile Eisflächen und herabstürzende Eisblöcke machen jeden Ausflug zum Risiko.

    Und mal ehrlich: Kein Fundstück ist ein Menschenleben wert.

    Wenn Erinnerung wichtiger als Metall ist

    Am 1. September 2026 organisierten Naturschützer, Archäologen und örtliche Einrichtungen eine gemeinsame Bergungsaktion am Bossonsgletscher. Rund eine Tonne Trümmer kam dabei zusammen.

    Vier Archäologen dokumentierten die Fundstücke, bevor sie abtransportiert wurden.

    Die Aktion diente zugleich dem Schutz der empfindlichen Berglandschaft. Denn Flugzeugwracks gehören zur Geschichte, aber nicht dauerhaft in die Natur.

    Was bleibt von einem Menschen, wenn seine letzte Reise Jahrzehnte zurückliegt?

    In Chamonix steht darauf eine stille Antwort: Auf dem Friedhof erinnert ein Herz aus Flugzeugtrümmern an die Opfer.

    Aus zerstörtem Metall entstand ein Zeichen menschlicher Verbundenheit.

    Der Montblanc gibt seine Geheimnisse nur langsam preis. Mal ein Stück Triebwerk, mal eine Banknote, mal einen unscheinbaren Gegenstand, der einst jemandem gehörte.

    Und jedes Mal erinnert das schmelzende Eis daran, dass hinter den Zahlen einer Katastrophe Menschen stehen — mit Hoffnungen, Familien und Geschichten, die nicht einfach verschwinden.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Mont Blanc: Wenn Felsen so groß wie Autos vom Berg stürzen

    Mont Blanc: Wenn Felsen so groß wie Autos vom Berg stürzen

    Am Mont Blanc entscheidet derzeit nicht Kondition, Erfahrung oder eine besonders frühe Startzeit über eine erfolgreiche Gipfeltour. Der Berg selbst setzt die Grenzen. Und seine Botschaft fällt unmissverständlich aus: Bleibt weg.

    Auf der klassischen Route über den Goûter erreichen die Gefahren durch Steinschlag ein außergewöhnliches Ausmaß. Große Felsblöcke lösen sich aus den Flanken und donnern über jene Passagen, die Bergsteiger auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Alpen passieren müssen. Augenzeugen berichten von Brocken „so groß wie Autos“.

    Das klingt dramatisch. Ist es auch.

    Besonders kritisch präsentiert sich das berüchtigte Goûter Couloir. Unter Alpinisten besitzt diese Querung ohnehin einen düsteren Ruf. Seit Jahrzehnten zählt sie zu den gefährlichsten Abschnitten des Normalwegs auf den Mont Blanc. Manche nennen sie schlicht den „Todeskorridor“.

    Nun zeigt der Berg dort noch deutlicher seine Zähne.

    Videos aus den vergangenen Tagen dokumentieren heftige Felsstürze. Steine springen über den Hang, größere Blöcke reißen weiteres Material mit sich. Wer sich in diesem Moment im Couloir befindet, findet kaum Schutz. Geschwindigkeit und Größe der herabstürzenden Felsen lassen wenig Raum für Reaktionen.

    Wer möchte unter solchen Bedingungen ernsthaft sein Glück herausfordern?

    Die Konsequenzen fallen entsprechend deutlich aus. Die Refuges de Tête Rousse und du Goûter wurden geschlossen. Bergführervereinigungen aus Chamonix und Saint Gervais setzten geführte Besteigungen aus. Auch erfahrene Alpinisten, die ohne Führer unterwegs sind, sollen ihren Gipfelversuch verschieben.

    Der Bürgermeister von Saint Gervais spricht sogar von einer „tödlichen Gefahr“.

    Diese Warnung richtet sich keineswegs nur an unerfahrene Urlauber, die sich mit neuen Steigeisen und reichlich Optimismus ins Hochgebirge wagen. Selbst jahrelange alpine Erfahrung schützt nicht vor einem tonnenschweren Felsblock, der plötzlich aus mehreren hundert Metern Höhe herabstürzt.

    Der Mont Blanc erinnert damit an eine alte Regel des Bergsteigens: Umkehren gehört manchmal zu den größten Leistungen einer Tour.

    Wenn dem Berg der natürliche Klebstoff fehlt

    Hinter der aktuellen Situation steckt ein Prozess, der die Alpen seit Jahren verändert.

    Die hohen Temperaturen setzen dem Permafrost zu. Dieses dauerhaft gefrorene Material in Felsspalten wirkt normalerweise wie eine Art natürlicher Zement. Taut das Eis, verliert das Gestein einen Teil seines Zusammenhalts. Spalten öffnen sich, Wasser dringt ein und ganze Felspartien geraten in Bewegung.

    Die derzeitige Hitze und Trockenheit verschärfen diese Entwicklung erheblich.

    Das Ergebnis lässt sich am Goûter Couloir gerade auf erschreckend anschauliche Weise beobachten. Es geht längst nicht mehr nur um kleine Steine, die über einen Hang kullern. Große Felsmassen brechen heraus – und genau das macht die Situation so unberechenbar.

    Für Bergsteiger entsteht ein Problem, das sich nicht mit besserer Ausrüstung lösen lässt. Ein Helm schützt vor kleineren Steinen. Gegen einen Felsblock von der Größe eines Autos hilft er ungefähr so viel wie ein Regenschirm gegen eine Lawine.

    Kurz gesagt: Da ist irgendwann Feierabend.

    Auch andere Alpengipfel geraten unter Druck

    Der Mont Blanc steht mit diesem Problem nicht allein da. Auch am Matterhorn führten instabile Felsen und ungünstige Verhältnisse zuletzt zu Einschränkungen bei geführten Touren auf den Normalrouten.

    Damit zeigt sich eine Entwicklung, die für den Alpinismus weit über einzelne heiße Sommertage hinausreicht. Klassische Routen, über Generationen hinweg im Sommer begangen, verändern ihren Charakter. Manche Passagen präsentieren sich früher in der Saison günstiger, andere geraten während längerer Hitzeperioden zunehmend außer Kontrolle.

    Wird der klassische Hochsommer für manche große Alpentour künftig sogar zur falschen Jahreszeit?

    Diese Frage dürfte Bergführer, Hüttenwirte, Gemeinden und Alpinisten noch lange beschäftigen.

    Für den Augenblick fällt die Antwort am Mont Blanc jedoch erstaunlich einfach aus: Der Gipfel läuft nicht davon.

    Eine Besteigung lässt sich verschieben. Das vielleicht ersehnte Gipfelfoto ebenfalls. Wer derzeit auf die Goûter Route verzichtet, beweist deshalb keine Schwäche, sondern genau jene alpine Vernunft, die im Hochgebirge seit jeher Leben rettet.

    Manchmal besteht die beste Bergtour eben darin, gar nicht erst aufzubrechen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Lawinentod in der Haute-Savoie: Zwei Skitourengeherinnen sterben nahe La Chapelle-d’Abondance

    Lawinentod in der Haute-Savoie: Zwei Skitourengeherinnen sterben nahe La Chapelle-d’Abondance

    Die Berge kennen keine Gnade. Am vergangenen Wochenende traf ein neuer Lawinenabgang die französischen Alpen mit voller Wucht – zwei erfahrene Skitourengeherinnen verloren nahe La Chapelle-d’Abondance im Département Haute-Savoie ihr Leben. Die beiden Frauen, 51 und 55 Jahre alt, stammten aus der Region Chablais. Was als sportlicher Wintertag begann, endete unter anderthalb Metern Schnee. Am Sonntagmorgen brachen sie zu einer Skitour auf, einer jener anspruchsvollen Routen, die fernab präparierter Pisten verlaufen und gerade deshalb so viele begeistern. Ihr Fahrzeug blieb auf einem Parkplatz zurück, dem Ausgangspunkt eines beliebten Anstiegs. Als die Frauen am Abend nicht heimkehrten, wuchs die Unruhe. In Bergregionen kennt man dieses Gefühl – es ist die stille, nagende Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Erst am Montag gelang es den Rettungskräften, die Vermissten zu lokalisieren. Ein Team der Bergrettung rückte aus, unterstützt von einem Helikopter Dragon 74. Die Retter nutzten Lawinenve…

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  • Wenn der Winter kürzer wird – Ski, Schnee und die stille Zeitenwende in den Bergen

    Wenn der Winter kürzer wird – Ski, Schnee und die stille Zeitenwende in den Bergen

    Ein Dezembermorgen in den Bergen. Früher knirschte der Schnee unter den Schuhen, heute klingt es eher nach feuchtem Kies. Die Gondel schwebt trotzdem talwärts, routiniert, fast trotzig. Und irgendwo zwischen Bergstation und Tal fragt man sich leise: Wie viele Winter bleiben uns eigentlich noch zum Skifahren?

    Der Rückgang der ski­baren Tage bis 2050 wirkt nicht wie eine ferne Zukunftsprognose. Er fühlt sich an wie eine Geschichte, die längst begonnen hat – nur lesen wir gerade erst die ersten Kapitel.


    Der Winter verliert an Länge – und an Verlässlichkeit

    Der Klimawandel wedelt nicht mit Warnschildern. Er zeigt sich subtil. Mal öffnet eine Ski-Station erst zwei Wochen später. Mal endet die Saison schon, obwohl der Kalender noch Februar zeigt.

    In vielen Skigebieten Europas schrumpfen die Winter still zusammen – wie ein Pullover, der zu heiß gewaschen wurde. Besonders betroffen sind Lagen unter 2.000 Metern. Dort, wo früher monatelang Schnee lag, regnet es heute öfter als den Betreibern lieb ist.

    Studien von INRAE und Météo-France zeichnen ein Bild, das nüchtern wirkt und gerade deshalb unter die Haut geht. Bis 2050 steigen die Durchschnittstemperaturen in vielen Gebirgsregionen Frankreichs um rund 2,5 bis 3 Grad.

    Klingt harmlos? Ist es nicht.

    Denn Schnee reagiert empfindlich. Schon ein einziges Grad entscheidet, ob Flocken fallen oder Regen.


    Heute schon spürbar – nicht erst morgen

    Wer in den letzten Jahren regelmäßig Ski gefahren ist, kennt das Gefühl. Die Saisonstarts verschieben sich. Weihnachten ohne Naturschnee? Früher undenkbar, heute fast normal.

    In den USA verloren Skigebiete zwischen 2000 und 2019 im Schnitt fünf bis sieben Skitage pro Saison. Keine Katastrophe auf den ersten Blick. Doch Prognosen zeigen: Diese Zahl verdoppelt oder verdreifacht sich bis 2050.

    Und Europa? Kein Sonderfall. Im Gegenteil.


    Die Pyrenäen als Seismograf des Wandels

    Nehmen wir den Col du Tourmalet. Ein Name, der nach Schnee, Radsport und Hochgebirge klingt. Auf rund 1900 Metern Höhe gelegen, galt das Gebiet lange als relativ schneesicher.

    Galt.

    Ende des 20. Jahrhunderts kamen in guten Wintern rund 150 ski­bare Tage zusammen. Eine solide Basis für Tourismus, Jobs, Dorfleben.

    Mit einem Temperaturanstieg von etwa 2,7 Grad reduziert sich diese Zahl laut Modellen bis 2050 auf rund 116 Tage – inklusive künstlicher Beschneiung. Ohne Schneekanonen sähe es deutlich düsterer aus.

    116 Tage. Klingt immer noch nach viel? Rechnen wir kurz: spätere Eröffnung, früheres Saisonende, dazwischen immer häufiger Unterbrechungen. Planbarkeit? Schwierig. Wirtschaftlichkeit? Wacklig.

    Und jetzt ehrlich: Wer bucht gern einen Skiurlaub, wenn niemand weiß, ob die Pisten offen sind?


    Kunstschnee – Rettungsanker mit Nebenwirkungen

    Die Schneekanone ist zum Symbol geworden. Sie steht für Anpassung, Technik, Durchhaltewillen. Aber auch für Zielkonflikte.

    Kunstschnee braucht Kälte. Und Wasser. Beides wird knapper. Die sogenannten Kältefenster, in denen Beschneiung technisch sinnvoll ist, verkürzen sich.

    Das Paradoxe daran: Gerade in milden Wintern, wenn man Kunstschnee besonders dringend braucht, funktioniert er am schlechtesten.

    Ein bisschen wie ein Regenschirm, der sich erst öffnet, wenn die Sonne scheint.


    Der Blick über den Alpenrand hinaus

    Internationale Studien zeigen ein klares Muster. Weltweit verlieren Skigebiete an Saisonlänge. Manche um 30 Prozent, andere um 50. In einzelnen Regionen sogar noch mehr.

    Selbst bei Einhaltung der Klimaziele des Pariser Abkommens schrumpfen die Saisons messbar. Der Unterschied liegt im Tempo und in der Härte des Einschnitts.

    Weniger Emissionen bedeuten keine Rettung – aber Zeit. Und Zeit ist in den Bergen plötzlich eine knappe Währung.


    Mehr als ein Freizeitproblem

    Skifahren ist kein isoliertes Hobby. Es ist ein Wirtschaftsmotor, ein Identitätsanker, ein sozialer Kitt.

    Wenn die Saison kürzer wird, leidet nicht nur der Liftbetreiber. Dann fehlen Übernachtungen. Restaurantbesuche. Saisonjobs. Ausbildungsplätze.

    Ganze Täler hängen am Wintertourismus. Und plötzlich steht da diese Frage im Raum, die niemand gern stellt: Wie geht es weiter?

    Manche Orte reagieren bereits. Andere zögern. Verständlich – Veränderung fühlt sich selten bequem an.


    Diversifikation: Keine Kür, sondern Pflicht

    Viele Regionen setzen inzwischen auf ein breiteres Angebot. Winterwandern, Thermalbäder, Kultur, Kulinarik, Sommeraktivitäten.

    Das klingt vernünftig. Und ist es auch. Aber es ersetzt nicht von heute auf morgen die Einnahmen des Skitourismus.

    Ein Hotel lebt anders von Wanderern als von Skiurlaubern. Die Wertschöpfung verschiebt sich. Langsamer. Kleinteiliger.

    Und trotzdem bleibt sie eine echte Chance.


    Zwischen Nostalgie und Neuanfang

    Vielleicht ist das die größte Herausforderung: Abschied nehmen von einem Bild, das tief sitzt. Der Winter wie früher. Verlässlich. Weiß. Still.

    Doch die Berge verändern sich. Nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt.

    Halten wir an der Vergangenheit fest – oder gestalten wir die Zukunft bewusst?

    Diese Frage schwebt über jedem Tal, jeder Gemeinderatssitzung, jedem Investorengespräch.


    Anpassung statt Wegschauen

    Technische Innovationen helfen. Bessere Schneespeicherung, effizientere Beschneiung, klügere Pistenplanung.

    Doch Technik allein trägt nicht alles. Sie kauft Zeit, mehr nicht.

    Langfristig entscheidet der globale Klimapfad darüber, wie hart der Einschnitt ausfällt. Jedes vermiedene Zehntelgrad zählt – auch wenn es abstrakt klingt.

    In den Bergen wird es greifbar. Sehr greifbar.


    Ein Winter, der Geschichten erzählt

    Vielleicht erzählen zukünftige Winter andere Geschichten. Weniger von endlosen Abfahrten. Mehr von Vielfalt. Von bewussterem Reisen. Von Orten, die sich neu erfunden haben.

    Der Schnee verschwindet nicht vollständig. Aber er wird kostbarer. Flüchtiger. Unberechenbarer.

    Und vielleicht liegt genau darin eine neue Ehrlichkeit. Der Winter zeigt uns, was auf dem Spiel steht – ohne große Worte, einfach durch sein Ausbleiben.

    Der Rückgang der ski­baren Tage bis 2050 ist keine ferne Warnung, sondern ein laufender Prozess. Wer heute in die Berge schaut, sieht bereits die Umrisse der Zukunft.

    Und die Frage bleibt, leise aber hartnäckig: Was machen wir daraus?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Grand Puy – Wenn der Schnee geht, bleibt die Sehnsucht

    Grand Puy – Wenn der Schnee geht, bleibt die Sehnsucht

    Man hört es sofort: den Unterschied zwischen einer stillgelegten Skistation und einer lebendigen. Im Grand Puy, hoch über Seyne-les-Alpes, sind es nicht mehr die Kinder, die juchzend über die Piste rufen, sondern der Wind, der durch die Masten pfeift. Wo einst das metallische Surren der Lifte das Tal erfüllte, liegt jetzt eine eigenartige Ruhe. Fast ehrfürchtig. Eine Ära endet – aber vielleicht beginnt genau hier eine neue.


    Vom Glanz vergangener Winter

    Die Geschichte von Grand Puy ist die vieler kleiner Skistationen in Frankreich. Entstanden in den 1960er-Jahren, wuchs sie mit dem Wirtschaftswunder, mit dem Glauben an endlosen Schnee und ewige Winter. Familien aus Marseille, Aix oder Digne strömten an Wochenenden hierher. Ein kleiner Hügel, ein paar Pisten, ein Téléski – und alles fühlte sich das an wie die großen Alpen.

    Heute steht auf dem Parkplatz ein rostiger Skilift, verwaist und teilweise abgebaut, als hätte jemand mitten im Satz aufgehört zu sprechen. Denise, die ein Chalet in dem Ort besitzt, sagt leise: „Es war so schön hier oben, so lebendig. Jetzt bleiben nur noch die Schneeschuhe.“ Ihre Stimme bricht ein wenig.

    Lydie, seit 25 Jahren Stammgast, nickt: „Das war unsere kleine Station, familiär, gemütlich. Wir kommen trotzdem noch – aus Liebe zum Ort.“

    Doch Liebe allein stoppt keine Defizite.


    Wenn das Minus zu groß wird

    350.000 Euro jährlich – so viel kostete die Gemeinde Seyne-les-Alpes der Betrieb der Skistation. 13 Prozent des gesamten Haushalts. Bürgermeister Laurent Pascal stand irgendwann vor einer klaren Entscheidung: entweder weiter in den Abgrund rutschen oder einen Schlussstrich ziehen. Ein Bürgerreferendum machte den Rest.

    „Wir mussten die Reißleine ziehen“, sagt Pascal, nüchtern, aber ohne Bitterkeit. „Sonst wäre die Gemeinde irgendwann handlungsunfähig gewesen.“

    Er sieht dennoch nach vorn. Und das ist nicht nur Zweckoptimismus. Denn während anderswo noch um jede Schneekanone gerungen wird, hat Seyne-les-Alpes die Zeichen der Zeit erkannt. Der Schnee wird seltener, unzuverlässiger, teurer. Wer heute auf die Zukunft der Berge setzt, muss umdenken.

    Der Bürgermeister will die Seen, die früher der Beschneiung dienten, künftig als Angelreviere öffnen. Trails für Mountainbiker, Strecken für E-Bikes, vielleicht sogar Biathlon mit Lasergewehren – eine Art „grüner“ Wintersport.

    „Wenn wir nicht an eine andere Form von Berg glauben“, sagt er, „dann verlieren unsere Täler jede Hoffnung.“

    Eine steile These – aber vielleicht die einzig mögliche.


    Wo Mut den Winter überlebt

    Inmitten dieser Veränderung gibt es Menschen, die nicht aufgeben. Sandie Bony zum Beispiel, Besitzerin des einzigen Restaurants der Station: Le Chalet. Ihre Familie führt es seit 66 Jahren.

    „Weil man uns die Lifte schließt, sollen wir auch die Tür schließen? Sicher nicht!“, sagt sie entschlossen. Der Satz fällt mit der Energie einer Frau, die schon viele Winter erlebt hat.

    Früher war ihr Lokal ein Treffpunkt für Skifahrer mit dampfenden Tabletts und Pommesgeruch. Heute hat sie das Konzept umgekrempelt: kein Self-Service mehr, sondern regionale Küche, Themenabende, Livemusik, Spiele-Nachmittage.

    Und dann gibt’s da diese Idee, die alle überrascht hat: die „Balade aux lampions“. Besucher spazieren mit bunten Laternen durch den winterlichen Wald – eine friedliche, fast poetische Alternative zur klassischen „Descente aux flambeaux (Fackelabfahrt)“.

    „Am Anfang dachten wir, keiner kommt“, erzählt Sandie und lacht. „Aber die Leute lieben’s! Sie singen, sie reden, Kinder lachen – fast wie früher auf der Piste.“

    Sogar ein „Escape Game“ in den Bergen ist in Arbeit – eine Mischung aus Rätsel, Abenteuer und Naturerlebnis.

    Und siehe da: Trotz des Endes des Skibetriebs läuft das Restaurant profitabel. Vielleicht, weil hier nicht auf Nostalgie gesetzt wird, sondern auf Fantasie.


    Der Schnee als Erinnerung, nicht als Bedingung

    Was bedeutet eigentlich „Berg“ ohne Schnee? Diese Frage stellt sich nicht nur Grand Puy, sondern ganz Frankreich. Mehr als 180 Skigebiete haben seit den 1970er-Jahren dichtgemacht. Viele kleine Orte in den Alpen, den Pyrenäen und im Jura suchen verzweifelt nach einer neuen Identität.

    Das Klima verändert die Geografie der Sehnsüchte: Die Winter werden kürzer, die Sommer länger. Während die Großstationen mit Schneekanonen und Millionenkrediten gegen den (Klima-)Wandel ankämpfen, versuchen die Kleinen, sich neu zu erfinden – mit Wandern, Wellness, Kultur und Gastronomie.

    Aber sind wir, die Besucher, bereit für diesen Wandel? Wollen wir wirklich den Berg als Lebensraum erleben und nicht nur als Freizeitpark?

    Grand Puy zeigt: Es geht. Langsamer vielleicht, kleiner, aber ehrlicher. Statt Lärm und Après-Ski: Stille, Lagerfeuer, Sternenhimmel. Statt Massentourismus: Begegnungen.

    Natürlich, der Abschied tut weh. Viele hier haben den Schnee geliebt, das Ritual des ersten Sessellifts, das leise Knirschen unter den Skiern. Doch wer sagt, dass Schönheit an Frost gebunden sein muss?


    Ein Dorf, das sich selbst neu erfindet

    Seyne-les-Alpes plant, das Areal rund um die ehemalige Station als „Quatre Saisons“-Gebiet zu gestalten. Ein Ort, der das ganze Jahr über Besucher anzieht. Im Sommer Biker und Wanderer, im Herbst Pilzsammler, im Winter Familien, die einfach nur Ruhe suchen.

    Das Ziel: keine Eventmaschine, sondern nachhaltiger Tourismus. Menschen sollen bleiben, leben, arbeiten – nicht nur für ein paar Wochen im Jahr.

    Die Gemeinde setzt auf regionale Produzenten, Handwerksmärkte, Naturführungen. Ein Weg, der nicht spektakulär klingt, aber langfristig tragfähig sein könnte. Denn eine Region, die nur vom Schnee lebt, hat in Zeiten des Klimawandels kaum noch Atem.


    Und doch – ein Rest Wehmut bleibt

    Manche Abende, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet und das Tal in goldenes Licht taucht, kann man sie fast hören – die alten Geräusche des Grand Puy. Das Klacken der Bindungen an den Ski, das Lachen der Kinder, die Musik aus dem Restaurant.

    Dann mischt sich Wehmut mit Stolz. Denn was hier passiert, ist mehr als ein wirtschaftlicher Übergang. Es ist der Versuch, Würde zu bewahren in einer Welt, die sich rasant verändert.

    Vielleicht ist Grand Puy kein Skiort mehr. Aber er ist noch immer ein Stück Alpenkultur. Ein Ort, der gelernt hat, dass man auch ohne Schnee glänzen kann – mit Mut, Gemeinschaft und einer Prise Fantasie.

    Und wer weiß? Vielleicht hört man eines Tages wieder Stimmen am Hang. Keine von Skifahrern, sondern von Spaziergängern mit Lampions, die sagen: „C’est beau ici, non?“

    Ja, schön ist es. Anders, aber schön.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Céüze sagt dem Skifahren Lebewohl – und erfindet sich neu

    Céüze sagt dem Skifahren Lebewohl – und erfindet sich neu

    Es ist ein Moment mit Symbolkraft: Die letzten Skiliftpylone verlassen die Hänge von Céüze – Stück für Stück, per Helikopter abgetragen, wie aus einer anderen Zeit. Der einst blühende Wintersportort in den französischen Hautes-Alpes beendet offiziell seine Geschichte als Skistation. Was zurückbleibt, ist keine Ruine, sondern ein Ort im Aufbruch. Der Abschied vom weißen Traum […]

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  • Wenn ein Wald durstet: Die Chartreuse im Kampf gegen das große Austrocknen

    Wenn ein Wald durstet: Die Chartreuse im Kampf gegen das große Austrocknen

    Im Herzen der französischen Alpen liegt eine grüne Welt, die einst als wasserreiches Naturparadies galt. Die Chartreuse – ein imposanter Gebirgszug zwischen Grenoble und Chambéry – beherbergt eine der ursprünglichsten und faszinierendsten Bergwälder Frankreichs. Doch dieser grüne Schatz ist bedroht. Die Dürre nimmt zu, Parasiten wüten, und die einst mächtigen Baumriesen fallen reihenweise. Was hier […]

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  • Tragödie am Mont-Blanc: Bergführer stirbt bei Sicherungsmission

    Tragödie am Mont-Blanc: Bergführer stirbt bei Sicherungsmission

    Ein Unfall, der die Welt der Bergsteiger erschüttert.Am Freitag, dem 12. September 2025, ist der erfahrene Bergführer und Ausbilder der École nationale de ski et d’alpinisme (ENSA), Christophe Jacquemoud, bei einer Mission an der Aiguille des Grands Charmoz ums Leben gekommen. Es war kein waghalsiger Gipfelsturm, kein Wettlauf gegen die Uhr – sondern eine Sicherheitsmission. Doch auch dabei zeigte die Natur ihre unberechenbare Seite.

    Ein Routineeinsatz mit tragischem Ausgang Jacquemoud war mit drei weiteren ENSA-Bergführern sowie einem Mitglied des Pelotons de gendarmerie de haute montagne (PGHM) im Einsatz. Ihr Auftrag: die Sicherung einer klassischen Route am Pilier Cordier, einer der berühmten Wände der Grands Charmoz.Gegen 17 Uhr, bei den letzten Abseilmanövern, kam es zum Unglück. Christophe Jacquemoud stürzte in die Wand. Seine Kollegen konnten nichts mehr ausrichten. Die Gendarmerie hat eine Untersuchung eingeleit…

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  • Alpen unter Wasser: Historische Fluten, ein Todesopfer in Italien und stillstehende Züge zwischen Paris und Mailand

    Alpen unter Wasser: Historische Fluten, ein Todesopfer in Italien und stillstehende Züge zwischen Paris und Mailand

    Die Natur hat wieder einmal gezeigt, wie wenig sie sich um menschliche Pläne schert.

    Am Montag, dem 30. Juni, verwandelten sich die Alpen an der Grenze zwischen Frankreich und Italien in ein dramatisches Szenario: Orkanartige Gewitter, reißende Bäche und zerstörerische Schlammlawinen legten alles lahm, was Menschenhand gebaut hat.

    Die Maurienne im Ausnahmezustand

    In der Savoie bot sich ein Bild, das viele Bewohnerinnen und Bewohner so noch nie gesehen hatten.

    Die Maurienne, eine langgezogene Talregion, war vom Unwetter besonders hart getroffen. In Modane und Fourneaux trat der sonst eher unscheinbare Torrent du Charmaix über die Ufer. Meterhoch aufgeschäumtes Wasser und braune Schlammmassen bahnten sich ihren Weg durch Straßen und Höfe, drangen in Keller und in die örtliche Schule ein. In manchen Bereichen stand das Wasser bis zu 50 Zentimeter hoch – eine unheimliche Vorstellung, wenn man sich vor Augen führt, wie plötzlich solche Wassermassen hereinbrechen.

    Die Präfektur sprach von der „schwersten Flut seit 70 Jahren“. Ein Satz, der hängen bleibt – denn wer in dieser Region lebt, kennt so manche Überschwemmung. Feuerwehrkräfte brachten rund fünfzehn Menschen in Sicherheit, unter anderem in den Gemeindesaal, der kurzfristig zum Notquartier umfunktioniert wurde.

    Paris – Mailand: Verbindungen gekappt

    Auch für Reisende hatte dieses Naturchaos gravierende Folgen.

    Seit Montagnachmittag, 17 Uhr, steht der Zugverkehr zwischen Paris und Mailand still. An der Gare de Modane, dem letzten Halt vor der italienischen Grenze, lagen die Gleise unter meterdicken Schlammlawinen und Geröll. Ein Anblick, der nicht nur Zugführer:innen und Gleisarbeiter fassungslos machte.

    Die SNCF sprach von einer Sperrung „mindestens für mehrere Tage“. Erst wenn die Schlammmassen entfernt und die Stabilität der Gleise geprüft seien, könne der Verkehr wieder anlaufen. Auch die Regionalzüge (TER) sind betroffen und müssen in Saint-Michel-Valloire enden – ein Nadelöhr für alle, die zwischen Frankreich und Italien pendeln.

    Tod in Bardonnèche: Schlammlawine reißt Mann mit

    Jenseits der Grenze, in Italien, nahm das Unwetter ein tödliches Ende.

    In Bardonnèche, einer kleinen alpinen Grenzstadt direkt hinter dem Fréjus-Tunnel, donnerte eine gewaltige Schlammlawine durch die Straßen. Ein 70-jähriger Mann wurde dabei von den Fluten mitgerissen und starb. Der örtliche Fluss, der ebenfalls Fréjus heißt, verwandelte sich binnen Minuten in einen tosenden, unkontrollierbaren Strom, der Autos wegdrückte und Straßen unpassierbar machte.

    Ein ganzes Stadtviertel ist derzeit von der Außenwelt abgeschnitten. Die Behörden hatten bereits zuvor dringend geraten, zuhause zu bleiben – doch gegen die Urgewalt solcher Lawinen hilft manchmal auch kein guter Rat mehr.

    Hitzewelle als Brandbeschleuniger des Unwetters

    Wer sich fragt, warum solche Gewitter plötzlich so gewaltig werden, findet die Antwort in den Temperaturen der letzten Tage.

    Denn vor dem Gewitter hatte eine massive Hitzewelle Südeuropa im Griff. Italien hatte landesweit Alarmstufe Rot ausgerufen: Von Mailand bis Rom, von Bologna bis Florenz ächzen die Menschen unter drückender Hitze. In Bologna richteten die Behörden „Klima-Schutzräume“ für Schwangere, Senioren und andere gefährdete Gruppen ein. In Ancône verteilte man sogar Luftentfeuchter, um wenigstens die stickige Feuchtigkeit in den Wohnungen zu lindern.

    Und so wurde diese Hitze mit ihrer feucht-schwülen Luft zu einer Art Treibstoff für die Gewitterwolken, die sich über den Alpen stauten, abregneten und schließlich alles überfluteten, was sich ihnen in den Weg stellte.

    Wenn die Alpen weinen

    Diese Flutkatastrophe zeigt schonungslos, wie verletzlich die Alpen sind.

    Immer häufiger reißen Unwetter ganze Straßen weg, verschütten Bahnstrecken und reißen Häuser mit. Klimaforscher schlagen seit Jahren Alarm, weil der Temperaturanstieg in den Gebirgsregionen besonders drastisch ausfällt. Die Folgen? Auftauende Permafrostböden, instabile Hänge, unvorhersehbare Wassermassen.

    Vielleicht sollte man sich in diesen Tagen nicht nur fragen, wie schnell Züge zwischen Paris und Mailand wieder fahren – sondern auch: Wie viele solcher Warnschüsse braucht es noch, bis wir unsere Bauweisen, Warnsysteme und unseren Lebensstil konsequent an diese neuen Realitäten anpassen?

    Die Stille nach dem Sturm

    Für Modane, Bardonnèche und alle weiteren betroffenen Orte heißt es nun aufräumen, reparieren und hoffen, dass der nächste Gewitterguss nicht schon wieder neue Wunden reißt.

    Doch wer einmal erlebt hat, wie eine braune Schlammlawine an der Haustür rüttelt, der wird die Stille nach dem Sturm nie wieder als selbstverständlich empfinden.

    Autor: Andreas M. Brucker