Schlagwort: katholische Kirche Frankreich

  • Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris kennt große Menschenmengen. Jubelnde Fußballfans, Demonstrationen, Konzerte und historische Feiern gehören zum Bild der französischen Hauptstadt. Doch am 26. September 2026 dürfte sich im Herzen der Metropole eine Menschenmenge versammeln, die selbst für Pariser Verhältnisse außergewöhnlich ausfällt: Mindestens 500.000 bis 600.000 Gläubige sollen an der großen Messe mit Papst Leo XIV. teilnehmen.

    Und dabei dürfte noch Luft nach oben sein.

    Die Organisatoren rechnen angesichts der bisherigen Anmeldungen inzwischen mit einem enormen Andrang. Die Place de la Concorde, die Champs Élysées und das Gebiet rund um den Arc de Triomphe verwandeln sich für einige Stunden in eine riesige Kirche unter freiem Himmel.

    Man stelle sich dieses Bild vor: Hunderttausende Menschen stehen auf einer der berühmtesten Straßen Europas, Familien neben Pilgern, Jugendliche neben Ordensleuten, Pariser neben Besuchern aus allen Teilen Frankreichs und vermutlich aus zahlreichen Nachbarländern.

    Wann erlebt Paris schon einmal eine solche Kulisse?

    Die Messe bildet den Höhepunkt der ersten offiziellen Frankreichreise von Papst Leo XIV., die vom 25. bis 28. September geplant ist. Vier Tage lang stehen politische Gespräche, religiöse Feiern und Begegnungen mit unterschiedlichen Teilen der französischen Gesellschaft auf dem Programm.

    Zu Beginn seiner Reise trifft Leo XIV. Präsident Emmanuel Macron im Élysée Palast. Auch eine Rede bei der UNESCO gehört zum Programm. Eine Fahrt mit dem Papamobil durch Paris dürfte anschließend zahlreiche Menschen an die Straßen locken.

    Besonders symbolträchtig verspricht der Besuch von Notre Dame zu sein. Dort feiert der Papst die Vesper. Die nach dem verheerenden Brand von 2019 restaurierte Kathedrale rückt damit erneut ins Zentrum eines internationalen kirchlichen Ereignisses — ein Moment voller Geschichte und Emotionen.

    Auch die junge Generation erhält ihren großen Auftritt.

    Rund 80.000 Jugendliche sollen zu einer gemeinsamen Vigil im Stade de France zusammenkommen. Wo sonst Fußballspiele und Konzerte Zehntausende begeistern, stehen an diesem Abend Gebete, Musik und Begegnungen im Mittelpunkt. Gerade solche Veranstaltungen entwickeln bei Papstreisen oft ihre ganz eigene Dynamik: weniger Protokoll, mehr spontane Begeisterung.

    Dann folgt die große Messe mitten in Paris.

    Wie organisiert man eigentlich eine Veranstaltung, deren Besucherzahl der Bevölkerung einer ganzen Großstadt entspricht?

    Allein die Zahlen zeigen die Dimension. Rund 12.000 freiwillige Helfer sollen die Pilger empfangen, informieren und durch die verschiedenen Bereiche führen. Entlang der Champs Élysées sind 42 Großbildschirme vorgesehen. So lässt sich die Feier auch dort verfolgen, wo der eigentliche Altar längst nur noch als kleiner Punkt in der Ferne erscheint.

    Hinzu kommt ein gewaltiges Sicherheitskonzept. Rund 14.000 Polizisten und Gendarmen sollen im Einsatz sein. Bei der Planung greifen die Verantwortlichen auf Erfahrungen der Olympischen Spiele von Paris zurück. Kontrollierte Zugänge, abgesicherte Bereiche und eine genaue Steuerung der Besucherströme gehören zum Konzept.

    Kurz gesagt: Paris fährt ziemlich groß auf.

    Nach den Bildern der riesigen Menschenmenge erhält die Reise in Lourdes einen stilleren und ernsteren Charakter. Dort soll Leo XIV. unter anderem Opfer sexuellen Missbrauchs treffen. Zudem steht die berühmte Lichterprozession auf dem Programm. Tausende Kerzen, Gebete und Gesänge prägen seit Jahrzehnten die besondere Atmosphäre des Wallfahrtsortes.

    Die letzte Station führt den Papst nach Metz. Dort richtet sich der Blick auf Frieden in Europa und das politische Erbe Robert Schumans, eines der Wegbereiter der europäischen Einigung.

    Sollten sich die bisherigen Erwartungen bestätigen, erlebt Frankreich Ende September eines seiner größten katholischen Treffen seit Jahrzehnten. Doch vermutlich erzählen die bloßen Zahlen nur einen Teil der Geschichte.

    Denn zwischen 600.000 Menschen entstehen auch 600.000 persönliche Geschichten: Menschen reisen aus Glauben an, aus Neugier, aus Hoffnung oder schlicht deshalb, weil sie einen historischen Moment miterleben möchten.

    Und Paris?

    Für einen Tag verwandelt sich seine berühmteste Prachtachse in einen riesigen Pilgerweg.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Zwischen Glockengeläut und Zweifel – erlebt der katholische Glaube in Frankreich ein Comeback?

    Zwischen Glockengeläut und Zweifel – erlebt der katholische Glaube in Frankreich ein Comeback?

    An einem kühlen Frühlingsabend in Paris stehen junge Menschen vor einer Kirche im zehnten Arrondissement. Einige lachen nervös, andere schweigen. Drinnen wartet die Osternacht. Weihwasser. Kerzenlicht. Alte Worte, die plötzlich neu klingen. Ein Einzelfall? Oder doch ein Zeichen der Zeit?

    Frankreich und der katholische Glaube – das bleibt eine komplizierte Liebesgeschichte. Jahrzehntelang galt Religion hier als höflich geduldeter Rest aus einer anderen Epoche. Laizität als Staatsprinzip, Skepsis als gesellschaftlicher Konsens. Und doch flackert seit einiger Zeit etwas auf, leise, unaufdringlich, aber spürbar. Ein Hauch von Rückkehr. Oder täuscht das?


    Zahlen, die aufhorchen lassen – und trotzdem Fragen offenlassen

    Im Frühjahr 2025 sorgte eine Zahl für hochgezogene Augenbrauen: Über 10.000 Erwachsene ließen sich in der Osternacht taufen. Ein Plus von fast 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bestätigt von der Conférence des évêques de France.

    Solche Zahlen passen so gar nicht zum gängigen Bild eines religiös ausgekühlten Landes. Jahrzehntelang gingen Taufen zurück, Gemeinden schrumpften, Priester wurden rar. Und plötzlich das?

    Wer genauer hinschaut, erkennt eine Besonderheit: Ein großer Teil dieser Neugetauften ist jung. Sehr jung. Viele zwischen 18 und 25. Menschen also, die ohne kirchliche Sozialisation aufwuchsen, ohne sonntäglichen Messbesuch, ohne Religionsunterricht, der diesen Namen verdient.

    Warum gerade sie?

    Vielleicht, weil sie in einer Welt groß wurden, die ständig beschleunigt, alles erklärt, aber wenig Halt bietet. Vielleicht auch, weil alte Gewissheiten verschwinden – beruflich, politisch, klimatisch. Oder schlicht, weil die großen Fragen irgendwann lauter klopfen.


    Ein genauerer Blick auf die Praxis

    Noch ein Detail fällt auf. Unter den praktizierenden Katholiken geben heute rund die Hälfte an, regelmäßig zu beichten. Keine folkloristische Pflichtübung, sondern eine bewusste Entscheidung. Für viele Soziologen ein Hinweis auf eine Intensivierung des Glaubens – allerdings in einer sehr begrenzten Gruppe.

    Denn ja, diese Gruppe bleibt klein.

    Die nüchternen Zahlen zeigen weiterhin eine klare Richtung: Die große Mehrheit der Franzosen lebt ohne religiöse Praxis. Nur etwa 2 Prozent besuchen laut jüngeren Erhebungen jeden Sonntag die Messe. Der Glaube als Alltagsbegleiter? Für die meisten Fehlanzeige.

    Hier liegt der Kern des Paradoxons: Weniger Gläubige, aber engagiertere.


    Die lange Kurve seit 1950 – vom Selbstverständnis zur Randposition

    In den 1950er Jahren galt Frankreich noch als katholisches Kernland. Über 80 Prozent der Bevölkerung bezeichneten sich als katholisch. Die Sonntagsmesse gehörte für viele zum Wochenrhythmus wie das Baguette auf dem Tisch.

    Dann kam der Bruch.

    Die 1960er. Urbanisierung. Bildungsboom. Mai 68. Autoritäten verloren an Glanz – auch die kirchliche. Von da an ging es stetig bergab. Nicht abrupt, eher wie ein langsames Ausfransen.

    Heute bezeichnen sich zwar noch viele als „katholisch“, doch oft meint das eher Herkunft als Überzeugung. Taufe als Familientradition. Kirche als Kulisse für Hochzeiten. Mehr Symbol als Substanz.

    Studien des Pew Research Center zeigen: Frankreich gehört zu den am stärksten säkularisierten Ländern Europas. Der Glaube an Gott sinkt weiter. Selbst unter nominellen Katholiken.

    Und trotzdem – diese neuen Zahlen passen nicht ganz ins Bild.


    Ein Glaube, der sich verwandelt

    Die Kirche in Frankreich wirkt heute anders als noch vor dreißig Jahren. Weniger Volkskirche. Mehr Netzwerk. Weniger Pflicht. Mehr Entscheidung.

    Soziologen sprechen von einer post-charismatischen Phase. Klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches: Der Glaube ist kein Massenphänomen mehr, sondern ein bewusst gewählter Lebensstil. Oft verbunden mit sozialem Engagement, geistlicher Bildung, Diskussionen, die eher an Seminare erinnern als an Kanzelpredigten.

    Man trifft diese neuen Katholiken nicht nur in Kirchenbänken, sondern auch bei Suppenküchen, Debattenabenden, Umweltprojekten. Glauben als Haltung. Nicht als Regelwerk.

    Ein junger Mann aus Lyon brachte es kürzlich so auf den Punkt:
    „Ich suche keine Antworten von gestern. Ich suche Tiefe. Und Ehrlichkeit.“
    Klingt fast nach Start up Kultur. Nur mit Weihrauch.


    Die Jugend – überraschender Motor einer alten Religion

    Gerade junge Erwachsene rücken in den Fokus. Studien und Reportagen, unter anderem von Le Monde, zeigen ein wachsendes Interesse an Spiritualität. Nicht nur christlich, auch buddhistisch, muslimisch, esoterisch.

    Was sie verbindet: die Sehnsucht nach Sinn.

    Klimakrise. Kriege. Dauerkrisenmodus. Viele empfinden die Welt als fragil. Leistung allein reicht nicht mehr als Lebenssinn. Und genau hier taucht Religion wieder auf – nicht als Dogma, sondern als Angebot.

    Warum also nicht der Katholizismus? Alte Rituale. Jahrtausendealte Texte. Eine gewisse Ernsthaftigkeit, die im schnellen digitalen Alltag selten geworden ist.

    Ironisch, oder? Gerade das, was lange als verstaubt galt, wirkt plötzlich entschleunigend.


    Kein Massenphänomen – und doch mehr als ein Strohfeuer

    Trotz aller Dynamik bleibt Vorsicht angebracht. Von einer religiösen Renaissance im klassischen Sinn lässt sich kaum sprechen. Die Strukturen der Gesellschaft bleiben säkular. Schule, Politik, Medien – Religion spielt dort eine Nebenrolle.

    Auch die Kirche selbst steht vor massiven Herausforderungen: Priestermangel, Vertrauensverlust durch Missbrauchsskandale, interne Spannungen zwischen Tradition und Reform.

    Und dennoch entsteht etwas Neues. Kein Rückgriff auf die 1950er. Kein Marsch zurück in eine imaginierte goldene Vergangenheit. Sondern eine kleine, aber intensive Bewegung, getragen von Menschen, die bewusst Ja sagen – während viele andere längst Nein gesagt haben.

    Ist das weniger wert? Oder vielleicht sogar ehrlicher?


    Zwei Wahrheiten nebeneinander

    Frankreich bleibt ein säkulares Land. Daran zweifelt niemand ernsthaft. Der katholische Glaube prägt nicht mehr die Mehrheit. Punkt.

    Aber gleichzeitig existiert eine andere Realität: ein Glaube, der schmaler, aber tiefer geworden ist. Weniger automatisch. Mehr gesucht. Mehr diskutiert. Mehr gelebt.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Veränderung.

    Nicht in Zahlenkolonnen. Sondern in Biografien.

    In jungen Menschen, die sich taufen lassen, obwohl niemand es von ihnen erwartet.
    In Gemeinden, die kleiner sind, aber lebendig.
    In Gesprächen, die nicht mit Gewissheiten enden, sondern mit weiteren Fragen.

    Und mal ehrlich: Ist das nicht genau das, was Glauben immer sein sollte?


    Ein vorsichtiger Ausblick

    Ob diese Bewegung anhält, weiß niemand. Vielleicht ebbt sie ab. Vielleicht wächst sie langsam weiter. Sicher ist nur: Das Thema Religion verschwindet nicht. Es verändert seine Gestalt.

    Frankreich erlebt keinen spirituellen Frühling im großen Stil. Aber vielleicht viele kleine Knospen. Unauffällig. Unperfekt. Echt.

    Und manchmal reicht das.

    Ein Artikel von M. Legrand