Schlagwort: Jugendkriminalität

  • Toulouse im Griff jugendlicher Diebe – wenn Kinder zu Tätern werden

    Toulouse im Griff jugendlicher Diebe – wenn Kinder zu Tätern werden

    In der Altstadt von Toulouse herrscht derzeit ein Klima aus Anspannung, Wut und Hilflosigkeit. Dutzende Geschäftsleute berichten von einer Serie dreister Diebstähle – begangen nicht etwa von professionellen Banden, sondern von Kindern. Die Täter sind zwischen 10 und 15 Jahre alt, treten in Gruppen auf und stehlen mithilfe raffinierter Ablenkungsmanöver Waren aus den Läden. Schmuck, Technik, Markenmode – kaum etwas scheint vor ihnen sicher.

    Die Szene erinnert an ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Geschäftsleute meist den Kürzeren ziehen. Anzeigen werden aufgenommen, die Polizei zeigt Präsenz, doch die Diebstähle gehen weiter. Viele Ladenbesitzer klagen, dass die Jugendlichen die rechtlichen Grenzen genau kennen: Unter 13 Jahren drohen ihnen in Frankreich keine strafrechtlichen Sanktionen. „Sie lachen uns ins Gesicht, weil sie wissen, dass ihnen nichts passiert“, erzählt ein Verkäufer. Das Gefühl der Ohnmacht wächst. Manche…

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  • Rennes im Griff der Dealer: Wie der Drogenhandel das Gesicht einer Stadt verändert

    Rennes im Griff der Dealer: Wie der Drogenhandel das Gesicht einer Stadt verändert

    Rennes, die bretonische Hauptstadt, stand lange für studentisches Flair, Musikfestivals und ein entspanntes Lebensgefühl. Doch hinter dieser Fassade breitet sich seit einigen Jahren ein Schatten aus, der die Stadt in eine neue Realität zwingt: Der Drogenhandel hat sich tief in bestimmte Viertel eingegraben – und verändert das soziale Gefüge spürbar. Der stille Aufstieg der Dealer-Ökonomie In Vierteln wie Le Blosne, Villejean oder Maurepas ist das illegale Geschäft längst Alltag. Straßenecken und Parkplätze, die früher Treffpunkte für Nachbarschaftsgespräche waren, sind heute Dreh- und Angelpunkte des Drogenhandels. Junge „choufs“, oft kaum älter als 14 oder 15, stehen als Wachen an den Eingängen der Siedlungen, Handys in der Tasche, bereit, jede verdächtige Bewegung zu melden. Wer hier unterwegs ist, spürt schnell: Man bewegt sich auf einem Terrain, in dem nicht mehr die Polizei, sondern die Dealer den Takt vorgeben. Die Umsätze sind enorm – Schätzungen sprechen von bis zu 20.000 Euro …

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  • Entführung in Valence: Ein Schweizer Opfer, sieben Verdächtige und die Schattenwelt der Kryptokriminalität

    Entführung in Valence: Ein Schweizer Opfer, sieben Verdächtige und die Schattenwelt der Kryptokriminalität

    Ein junges Leben in den Händen von Entführern, eine Lösegeldforderung in Bitcoin – und eine Rettungsaktion, die man sonst nur aus Thrillern kennt.In Valence, im Südosten Frankreichs, hat Ende August ein brutaler Fall von Kryptokriminalität die Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Das Opfer: ein Schweizer in den Zwanzigern.Die Täter: eine Gruppe von sieben Personen, darunter auch Minderjährige.Der Schauplatz: eine unscheinbare Wohnung, keine 500 Meter von der TGV-Station entfernt. Und die Geschichte liest sich wie ein düsteres Drehbuch. Drei Tage Albtraum Am 28. August verschwindet der junge Mann plötzlich. Für seine Familie und Freunde gibt es keine Nachricht, keine Erklärung. Wenig später trifft bei einem Angehörigen ein Video ein: Der Schweizer ist zu sehen, gefesselt, mit Angst in den Augen. Seine Peiniger drohen, ihn zu töten, sollte nicht eine Lösegeldsumme von 300.000 Euro bezahlt werden – in Kryptowährungen. Drei Tage dauert dieser Albtraum. Drei Tage, in den…

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  • Ausgangssperre für Minderjährige – Ordnung um jeden Preis?

    Ausgangssperre für Minderjährige – Ordnung um jeden Preis?

    Ein kleines Städtchen im Südwesten Frankreichs sorgt derzeit für Schlagzeilen: Montignac-Lascaux, berühmt für seine prähistorischen Höhlenmalereien, ist plötzlich Schauplatz einer ganz anderen Debatte – der Frage, wie weit eine Kommune gehen darf, um Ruhe und Ordnung zu sichern. Bürgermeister Laurent Mathieu hat bereits am 13. August 2025 ein nächtliches Ausgangsverbot für Minderjährige ohne Begleitung verhängt. Von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens sollen Jugendliche nicht mehr allein auf den Straßen unterwegs sein.

    Die Entscheidung klingt drastisch – und spaltet die Gemeinde.


    Wenn die Nacht unruhig wird

    Seit Monaten häuften sich in Montignac-Lascaux Klagen über Lärm, Sachbeschädigungen und nächtliche Streifzüge von Jugendlichen. Zerschlagene Bänke, Graffiti an öffentlichen Gebäuden, spontane Partys auf Sportplätzen oder verbotene Schwimmeinlagen im kommunalen Freibad – all das hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

    „Wir wollen keine Stadt sein, in der die Menschen abends Angst haben, vor die Tür zu gehen“, erklärte der Bürgermeister. Hinter seinen Worten steckt ein klarer Auftrag: Die Bewohner sollen ihre Nachtruhe zurückbekommen, die Kommune ihre Sicherheit.


    Kontrolle durch Regeln

    Das neue Gesetz ist eindeutig: Minderjährige dürfen nachts nicht allein im öffentlichen Raum unterwegs sein. Wer es trotzdem tut, riskiert 150 Euro Strafe. Erste Verstöße wurden bereits geahndet. Zusätzlich werden Eltern zu Gesprächen vorgeladen, in denen ihnen ihre rechtliche Verantwortung verdeutlicht wird.

    Damit die Maßnahme nicht nur auf dem Papier existiert, hat die Gendarmerie ihre Präsenz in den Abendstunden spürbar erhöht. Die nächtlichen Patrouillen sollen nicht nur abschrecken, sondern auch schnelle Eingriffe ermöglichen.


    Zustimmung und Zweifel

    Einige Anwohner atmen auf. Für sie ist das Ausgangsverbot längst überfällig, ein klares Signal, dass die Gemeinde sich nicht länger gefallen lässt, was vor ihrer Haustür passiert.

    Andere dagegen schütteln den Kopf. Hilft ein Verbot wirklich, Jugendliche von nächtlichen Streichen abzuhalten? Oder verlagert es die Probleme nur – etwa in private Keller oder auf abgelegene Wiesen?

    Soziologen warnen, dass reine Repression selten nachhaltig wirkt. Wer Jugendliche nur einschränkt, ohne ihnen Alternativen zu bieten, schafft Frust und Entfremdung. Freizeitangebote, Streetwork, Sport- oder Kulturprogramme könnten die Wurzeln der Probleme besser angehen.


    Zwischen Sicherheit und Freiheit

    Die Diskussion in Montignac-Lascaux steht stellvertretend für eine größere gesellschaftliche Frage: Wie viel Einschränkung ist gerechtfertigt, um öffentliche Sicherheit zu gewährleisten? Und ab wann gerät das Recht auf individuelle Freiheit unter die Räder?

    Frankreich kennt solche Debatten nicht erst seit gestern. Immer wieder greifen Gemeinden zu Ausgangssperren, wenn die Lage eskaliert. Doch wie lange lassen sich solche Maßnahmen durchhalten, ohne dass sie zum Dauerzustand werden?


    Ein Modell für andere Städte?

    Der Bürgermeister betont, dass der Schritt nur vorübergehend gedacht ist. Sobald Ruhe einkehrt, soll das Verbot wieder aufgehoben werden. Ob es so weit kommt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Eltern, Schulen und Vereine gemeinsam mitziehen.

    Denn eins ist klar: Jugendliche brauchen Grenzen – aber ebenso Räume, in denen sie sich austesten dürfen. Wer ihnen nur Mauern baut, riskiert, dass sie irgendwann mit aller Kraft dagegenrennen.


    Fazit

    Das Beispiel Montignac-Lascaux zeigt, wie dünn der Grat zwischen Ordnungspolitik und Jugendpolitik sein kann. Die Ausgangssperre ist einerseits ein Zeichen von Handlungsfähigkeit, andererseits ein Risiko, weil sie langfristig nur Symptome behandelt.

    Ob das kleine Städtchen nun zum Vorbild für andere Gemeinden wird oder eher als mahnendes Beispiel dient – die kommenden Monate werden es zeigen.

    Autor: C.H.

  • Tödlicher Messerstich in Caluire-et-Cuire: Wenn ein Jugendkonflikt in eine Tragödie mündet

    Tödlicher Messerstich in Caluire-et-Cuire: Wenn ein Jugendkonflikt in eine Tragödie mündet

    Ein spätsommerlicher Sonntagabend in Caluire-et-Cuire, einem Vorort von Lyon. Eigentlich die Stunde, in der die Bewohner von Montessuy die letzten warmen Sonnenstrahlen genießen, bevor die Woche beginnt. Doch am 31. August 2025 endete der Tag in einem Albtraum: Ein 16-Jähriger, Chems El Dine, wurde mit einem Messerstich tödlich verletzt – mutmaßlich von einem 13-jährigen Jungen. Ein Drama, das die Gemeinde erschüttert und eine landesweite Diskussion neu entfacht hat.

    Ein Streit eskaliert Gegen 22.30 Uhr kam es zu dem verhängnisvollen Moment. Chems El Dine war mit zwei Freunden unterwegs, als er im Brustbereich von einem Messerstich getroffen wurde. Rettungskräfte waren schnell vor Ort, dennoch starb der Jugendliche kurz nach der Tat im Krankenhaus. Nur wenige Stunden später stellte sich der 13-Jährige, der im Verdacht steht, die Tat begangen zu haben, selbst der Polizei. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, der Vorwurf lautet: vorsätzlicher Totschlag.

    Kein Bandenkrieg – sondern …

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  • Fleury-les-Aubrais: Ein tödlicher Schuss in der Sommernacht

    Fleury-les-Aubrais: Ein tödlicher Schuss in der Sommernacht

    Ein nächtlicher Zwischenfall in einer ruhigen Wohngegend bei Orléans ist zu einer Tragödie geworden, die weit über die Mauern von Fleury-les-Aubrais hinaus Fragen aufwirft. Ein 16-Jähriger, verdächtigt, an Diebstählen aus Autos beteiligt gewesen zu sein, wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. August 2025 erschossen. Die Debatte um Sicherheit, Verantwortung und das Recht auf Selbstverteidigung erhält damit eine brutale Aktualität.

    Ein Schuss in der Stille Gegen 2.25 Uhr wurde die Polizei alarmiert: Auf der Straße lag ein schwer verletzter 16jähriger Jugendlicher, getroffen von einer Kugel. Die Rettungskräfte konnten sein Leben nicht mehr retten. Ein paar Stunden zuvor soll er mit vier anderen Jugendlichen Autos in der Nachbarschaft aufgebrochen haben – ein „Klassiker“ jugendlicher Kleinkriminalität, der in Frankreich nicht selten vorkommt. Doch in dieser Nacht stieß die Gruppe nicht nur auf eine stille Reihenhaussiedlung, sondern auch auf einen wachsamen Anwohner. Der Mann, Jahrgang 20…

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  • Warum ein 16-Jähriger in Nîmes Feuer legte – und was das über unsere Gesellschaft verrät

    Warum ein 16-Jähriger in Nîmes Feuer legte – und was das über unsere Gesellschaft verrät

    Ein Sommertag im Süden Frankreichs. Die Sonne brennt, die Felder sind trocken, die Luft flimmert. Auf der Route d’Uzès bei Nîmes, zwischen staubigen Böschungen und von der Hitze gebeuteltem Buschwerk, wird ein Jugendlicher von der Polizei gestellt. Ein 16-Jähriger – mit einem Feuerzeug in der Hand, ertappt beim Versuch, ein weiteres Feuer zu entfachen. Er gesteht. Nicht nur diesen Versuch, sondern auch zwei andere Brandstiftungen in der Region. Die Polizei greift schnell ein, die Brände werden unter Kontrolle gebracht, größere Schäden bleiben aus. Noch. Doch der Vorfall hat Sprengkraft – nicht nur wegen der Brandgefahr. Ein Junge, ein Feuer – viele Fragen Was bringt einen Jugendlichen dazu, Feuer zu legen? Langeweile? Aus Wut? Oder steckt mehr dahinter – Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, vielleicht sogar Hilferufe, die in Flammen aufgehen? Solche Fragen drängen sich auf, wenn ein 16-Jähriger Brände legt und damit nicht nur Natur und Eigentum, sondern auch Leben gefährdet. Die Ermittl…

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  • Nächtliche Ausgangssperren für Jugendliche

    Nächtliche Ausgangssperren für Jugendliche

    Was Frankreich und Deutschland trennt – und was sie eint

    In mehreren französischen Städten dürfen Kinder und Jugendliche nachts nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße. Die Maßnahme zielt auf die Eindämmung von Jugendgewalt und die Prävention krimineller Karrieren. In Deutschland hingegen wäre eine solche Regelung außerhalb von Pandemien rechtlich kaum haltbar – und politisch kaum durchsetzbar. Der Vergleich zwischen den beiden Ländern offenbart nicht nur unterschiedliche Sicherheitslagen, sondern auch tiefgreifende Differenzen im Verhältnis von Staat, Gesellschaft und individueller Freiheit.

    Frankreichs Reaktion auf eskalierende Jugendgewalt

    In Frankreich häufen sich in jüngerer Zeit brutale Gewalttaten unter Jugendlichen. Die Reaktion der Politik ist entschlossen – wenn auch umstritten. Zahlreiche Städte, darunter Nîmes, Béziers oder Teile von Paris, haben nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige verhängt. Kinder unter 13 oder 16 Jahren dürfen in bestimmten Vierteln nachts nur noch in Begleitung Erwachsener unterwegs sein. Die Maßnahme wird mit dramatischen Entwicklungen begründet: Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendbanden, zunehmende Bewaffnung im öffentlichen Raum, Angriffe auf Lehrkräfte und Sicherheitskräfte.

    Die Bürgermeister der betroffenen Kommunen sehen in der Ausgangssperre ein Mittel der Prävention. Sie wollen damit verhindern, dass Jugendliche auf der Straße in kriminelle Strukturen abrutschen oder zum Ziel von Gewalt werden. Besonders in sogenannten Problemvierteln, die von hoher Arbeitslosigkeit, prekären Wohnverhältnissen und mangelnder sozialer Durchdringung geprägt sind, soll die nächtliche Ruhe als Schutzraum fungieren – für potenzielle Täter wie für potenzielle Opfer.

    Gleichwohl bleibt die Maßnahme rechtlich wie praktisch umstritten. Frankreichs kommunales Polizeirecht erlaubt zwar gewisse Einschränkungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, doch fehlt es oft an einer landesweit einheitlichen Handhabe. Kritiker monieren eine symbolpolitische Maßnahme ohne belegbare Wirksamkeit – zumal Kontrolle und Durchsetzung ohne massive Polizeipräsenz kaum gewährleistet sind. Auch ethisch bleibt das Konzept problematisch: Es trifft oft gerade jene jungen Menschen, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen.

    Deutschland: Rechtsstaatliche Zurückhaltung statt kommunaler Autorität

    In Deutschland existieren außerhalb von Krisensituationen wie der Corona-Pandemie keine flächendeckenden Ausgangssperren für Jugendliche. Und selbst während der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen stießen solche Maßnahmen regelmäßig an juristische Grenzen. Der Grund liegt im deutschen Grundrechtsverständnis: Freiheit der Person, Gleichbehandlung und Verhältnismäßigkeit bilden hohe Hürden für generelle Aufenthaltsverbote – erst recht ohne konkreten Anlass oder individuelle Gefährdung.

    Jugendschutz in Deutschland basiert stattdessen auf einem abgestuften Konzept aus Aufklärung, Altersgrenzen und sozialpädagogischer Betreuung. Das Jugendschutzgesetz regelt etwa, wie lange sich Kinder und Jugendliche in Kinos, Gaststätten oder Diskotheken aufhalten dürfen. Öffentliche Plätze hingegen unterliegen in der Regel keiner spezifischen Aufenthaltskontrolle, solange keine akute Gefahr besteht.

    Vereinzelt gibt es kommunale Verordnungen, die etwa den Alkoholkonsum auf Spielplätzen oder in Parks einschränken. Eine pauschale nächtliche Ausgangssperre würde allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit vor Verwaltungsgerichten scheitern. Auch politisch ist der Ruf nach solchen Maßnahmen selten laut – nicht zuletzt wegen historischer Sensibilität gegenüber Eingriffen in die persönliche Freiheit.

    Wirkung und Nebenwirkungen: Zwischen Sicherheitsgefühl und Stigmatisierung

    Die Wirksamkeit nächtlicher Ausgangssperren ist empirisch schwer zu belegen. In manchen US-amerikanischen Städten zeigten sie kurzfristig eine moderate Reduktion bestimmter Delikte. Längerfristig jedoch verschwimmen die Effekte im statistischen Rauschen. Entscheidend bleibt, ob solche Maßnahmen Teil eines kohärenten sicherheitspolitischen Gesamtkonzepts sind – oder bloß symbolische Beruhigung einer verunsicherten Öffentlichkeit.

    Vor allem bergen sie das Risiko sozialer Ausgrenzung. Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, ist ohnehin stärker von polizeilicher Kontrolle betroffen. Eine Ausgangssperre trifft dann nicht nur potenzielle Täter, sondern auch jene Jugendlichen, die schlicht keinen anderen Ort für Freizeit, Begegnung oder Rückzug haben. Zudem kann sie familiäre Spannungen verschärfen, wenn etwa Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu begleiten oder zu beaufsichtigen.

    In Deutschland wird dieser Aspekt meist stärker gewichtet. Der Fokus liegt hier traditionell auf Prävention durch Teilhabe: Jugendzentren, Sportvereine, schulische Sozialarbeit und offene Freizeitangebote gelten als tragende Säulen einer integrativen Jugendpolitik. Sie sind aufwändig, langfristig und nicht immer spektakulär – aber nachhaltiger als temporäre Verbote.

    Gemeinsame Herausforderungen – unterschiedliche Antworten

    Frankreich und Deutschland stehen vor ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen: sozialräumliche Segregation, Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen, zunehmende Gewalt unter jungen Menschen. Doch die Antworten fallen unterschiedlich aus – nicht nur wegen der unterschiedlichen Rechtslage, sondern auch aufgrund divergierender politischer Kulturen.

    Frankreich setzt im Zweifel schneller auf ordnungspolitische Maßnahmen, auch als Mittel der politischen Kommunikation. Der starke Zentralstaat und seine traditionsreiche Rolle des „Maître d’ordre“ prägen das sicherheitspolitische Selbstverständnis. In Deutschland hingegen dominiert ein föderales System mit ausgeprägtem Rechtsschutz und gewachsener Skepsis gegenüber autoritären Lösungen.

    Beide Länder könnten voneinander lernen: Deutschland von der französischen Entschlossenheit, Probleme nicht zu bagatellisieren – Frankreich von der deutschen Erfahrung, dass Prävention nachhaltiger wirkt als Repression. Die Ausgangssperre mag ein sichtbares Signal sein, doch echte Sicherheit entsteht durch soziale Integration, Bildung und Vertrauen. Gerade in einer polarisierten Gesellschaft ist das der klügere Weg.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: „Ils m’appelaient chouf“: Wie wir unsere Kinder an die Drogenmafia verlieren – und warum wir es zulassen

    Kommentar: „Ils m’appelaient chouf“: Wie wir unsere Kinder an die Drogenmafia verlieren – und warum wir es zulassen

    Ich erinnere mich noch genau an den Jungen, der mich eines Abends in Marseille mit leerem Blick ansah. Vielleicht war er 13, vielleicht 14 – aber er sprach wie ein Mann, der schon zu viel gesehen hat. „Ils m’appellent chouf“, sagte er. Sie nennen mich den Späher. Er stand am Eingang eines heruntergekommenen Immeubles, sein Handy in der Hand, bereit zu warnen, wenn die Polizei kommt. Er war höflich, nicht aggressiv. Und vollkommen verloren.

    Es war nicht sein Blick, der mir das Herz zerriss – es war die Gleichgültigkeit, mit der er seine Rolle akzeptierte. Der Staat war für ihn ein Phantom, seine Schule eine Ruine, seine Zukunft ein Witz. Die einzigen, die ihm Anerkennung gaben, waren die Dealer. Und wir – wir alle – lassen das zu.

    Die Mafia übernimmt, wo der Staat versagt

    Frankreich hat sich über Jahre hinweg an einen schleichenden Kontrollverlust gewöhnt. In Hunderten von Vierteln « sensibles » herrscht nicht mehr die République, sondern das Recht des Stärkeren – oder besser: das des Schnellsten. Denn die Drogenökonomie funktioniert effizienter als jedes staatliche Förderprogramm. Sie zahlt besser, bindet stärker, rekrutiert jünger.

    Wir reden heute davon, dass Kinder mit 12 Jahren für Gangs arbeiten. Zwölf. Während bürgerliche Eltern über bilinguale Grundschulen diskutieren, lernt ein anderer Teil der Gesellschaft, wie man Haschisch transportiert, wie man den Blick senkt, wenn das Blaulicht kommt, wie man mit 50 Euro am Tag Respekt verdient.

    Wir dürfen nicht mehr von „abgerutschten Jugendlichen“ sprechen – das ist eine gefährlich beschönigende Metapher. Die Wahrheit ist: Wir lassen zu, dass kriminelle Strukturen systematisch Kinder rekrutieren, emotional manipulieren und sozialisieren. Sie werden nicht nur Täter – sie werden vor allem Produkte eines zynischen Systems, das ihre Sehnsüchte besser versteht als jede Schulbehörde.

    Wegsehen ist Mittäterschaft

    Die Politik liefert sich der Illusion aus, man könne das Problem wegrepressieren. Mehr Polizei, härtere Strafen, neue Gesetze – das alles ändert nichts an der sozialen Realität, in der diese Kinder leben. Jeder zerschlagene Drogenring wird durch einen neuen ersetzt, jede Razzia ist am nächsten Tag vergessen.

    Gleichzeitig versagen unsere präventiven Institutionen auf ganzer Linie. Schulsozialarbeiter sind überfordert, Jugendrichter frustriert, lokale Initiativen unterfinanziert. Während wir Integrationsdebatten führen, verlieren wir Generationen an Parallelwelten, in denen die Regeln des republikanischen Zusammenlebens nie vermittelt wurden – nicht weil die Jugendlichen sie nicht verstehen könnten, sondern weil niemand sie ihnen erklärt hat.

    Noch schlimmer: Wir normalisieren das. Wenn ein 15-Jähriger mit einem Scooter und einer Louis-Vuitton-Tasche durch die cité fährt, zucken wir mit den Schultern. „So ist das halt heute.“ Nein. So darf das nicht sein.

    Wer diese Kinder retten will, muss mehr riskieren

    Es braucht keine neuen Gesetze, sondern einen radikalen Perspektivwechsel. Wer diese Kinder zurückholen will, muss dorthin, wo sie sind: auf die Straße, in die Treppenhäuser, in die stillgelegten Turnhallen. Es reicht nicht, Integrationskurse anzubieten – wir müssen alternative Biografien aufbauen.

    Initiativen wie „Cap Jeunes“ in Amiens zeigen, dass es geht. Ex-Dealer als Mentoren, Sozialarbeiter mit echter Präsenz, kulturelle Programme mit Substanz statt Symbolpolitik – das ist der Weg. Aber dafür braucht es Mut. Den Mut, Ressourcen umzuleiten. Den Mut, auch gegen Widerstand von Sicherheitsfanatikern und Etatisten zu sagen: Diese Kinder sind nicht verloren – noch nicht.

    Und es braucht Öffentlichkeit. Wir müssen aufhören, wegzuschauen. Jeder von uns, der in einem sicheren Viertel lebt, der das Glück hatte, mit intakter Familie und Zukunft aufzuwachsen, hat eine Verantwortung. Denn in einem Land wie Frankreich – das sich Republik nennt – darf das Schicksal eines Kindes nicht vom Postleitzahlenbereich abhängen.

    Wollen wir Kinder oder Soldaten?

    Am Ende stellt sich eine schmerzhafte, aber entscheidende Frage: Wollen wir, dass unsere Gesellschaft Kinder großzieht – oder dass sie Soldaten für die Unterwelt produziert? Denn genau das tun wir derzeit.

    Der 13-jährige „chouf“ in Marseille hatte keine Träume mehr. Nur einen Job. Nur ein System, das ihn benutzt und dann wegwirft. Wir können uns entscheiden, das zu ändern. Aber dafür müssen wir aufhören, uns selbst zu belügen.

    Es gibt keine Neutralität im Angesicht solcher Ungerechtigkeit. Schweigen ist Komplizenschaft.

    Von Andreas Brucker

  • „Guérilla urbaine“ in Limoges: Frankreichs stille Eskalation

    „Guérilla urbaine“ in Limoges: Frankreichs stille Eskalation

    In der westfranzösischen Stadt Limoges haben in der Nacht zum 19. Juli erneut gewaltsame Ausschreitungen das fragile Sicherheitsgefüge erschüttert. Derartige Szenen waren bislang vor allem aus Pariser Banlieues oder Städten wie Marseille bekannt – nun trifft es zunehmend auch Provinzstädte. Die Angriffe im Stadtviertel Val de l’Aurence folgen einer besorgniserregenden Eskalationslogik: von spontanen Protesten zu gezielter Gewalt. Eine neue Qualität der Gewalt Gegen ein Uhr morgens wurden Polizei und Feuerwehr zu einem brennenden Fahrzeug auf der Nationalstraße RN141 gerufen – einem strategisch wichtigen Zubringer Richtung Angoulême. Doch der Brand stellte sich als Köder heraus: Beim Eintreffen der Einsatzkräfte gerieten sie in einen Hinterhalt. Etwa hundert maskierte Personen attackierten sie mit Eisenstangen, Feuerwerkskörpern, Pflastersteinen und Molotowcocktails. Die Konfrontation zog sich über mehrere Stunden bis in den frühen Morgen – zehn Polizisten wurden verletzt, acht davon du…

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