Schlagwort: Jamal Khashoggi

  • Frankreichs Justiz tastet sich an Riad heran

    Frankreichs Justiz tastet sich an Riad heran

    Die Entscheidung der französischen Justiz, eine gerichtliche Untersuchung zum Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi einzuleiten, ist weit mehr als ein juristischer Routinevorgang. Acht Jahre nach der Tötung des Regimekritikers im saudischen Konsulat in Istanbul erhält einer der folgenreichsten politischen Kriminalfälle der jüngeren Zeit neue Dynamik – diesmal in Europa. Dass nun ein Untersuchungsrichter in Paris mögliche Verantwortlichkeiten bis in die höchsten Ebenen des saudischen Machtapparates prüfen soll, verleiht dem Fall eine neue politische und diplomatische Dimension.

    Der Schritt erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Saudi-Arabien international weitgehend rehabilitiert scheint. Kronprinz Mohammed bin Salman, lange Zeit wegen des Falls Khashoggi isoliert, wird inzwischen wieder als zentraler geopolitischer Akteur behandelt – sei es im Kontext der Energiepolitik, regionaler Sicherheitsfragen oder milliardenschwerer Investitionsprojekte. Gerade deshalb besitzt die französische Entscheidung eine erhebliche Symbolkraft.

    Ein Mord, der die Welt erschütterte

    Jamal Khashoggi galt über Jahre als loyaler Insider des saudischen Establishments. Erst mit dem Aufstieg Mohammed bin Salmans entwickelte sich der Journalist zunehmend zu einem Kritiker des autoritärer werdenden Systems. In Kolumnen für die Washington Post warnte er vor der Repression gegen Dissidenten, der Ausschaltung innerer Machtzentren und der Konzentration politischer Kontrolle im Umfeld des Kronprinzen.

    Am 2. Oktober 2018 betrat Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul, um Dokumente für seine geplante Hochzeit abzuholen. Er verließ das Gebäude nie wieder. Türkische Ermittler kamen später zu dem Schluss, dass ein eigens aus Saudi-Arabien eingeflogenes Kommando den Journalisten im Konsulat ermordet, zerstückelt und seine Leiche verschwinden ließ. Bis heute wurde der Körper nicht gefunden.

    Die Brutalität des Verbrechens löste weltweit Empörung aus. Besonders brisant war dabei die Frage nach der politischen Verantwortung. Bereits 2021 gelangten amerikanische Geheimdienste zu der Einschätzung, dass die Operation auf höchster Ebene „genehmigt“ worden sei. Zwar bestritt Riad stets eine direkte Beteiligung des Kronprinzen, räumte jedoch ein, dass saudische Agenten verantwortlich gewesen seien.

    Die Rolle der französischen Justiz

    Der aktuelle Schritt in Frankreich geht auf mehrere Strafanzeigen zurück, die Menschenrechtsorganisationen seit 2022 eingereicht hatten. Darunter befinden sich unter anderem Reporters sans frontières (RSF), Trial International und Democracy for the Arab World Now – jene Organisation, die Khashoggi selbst kurz vor seinem Tod mitgegründet hatte.

    Die Kläger berufen sich auf das Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit. Dieses erlaubt nationalen Gerichten unter bestimmten Voraussetzungen, schwere internationale Verbrechen unabhängig vom Tatort oder der Staatsangehörigkeit der Beteiligten zu verfolgen. In Frankreich betrifft dies insbesondere Delikte wie Folter, erzwungenes Verschwindenlassen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

    Bemerkenswert ist vor allem die juristische Begründung der Pariser Berufungsrichter. Diese erklärten, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Mord Teil einer systematischen Repressionspolitik gegen saudische Oppositionelle gewesen sei. Damit öffnet sich theoretisch die Tür zu einer Einstufung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – ein Schritt mit erheblicher politischer Tragweite.

    Die schwierige Frage der Immunität

    Ob es jemals zu einem Prozess kommen wird, bleibt allerdings offen. Die juristischen Hürden sind enorm. Zentral ist dabei die Frage der Immunität hochrangiger Staatsvertreter. Mohammed bin Salman ist faktisch der mächtigste Mann Saudi-Arabiens und de facto Regierungschef des Königreichs. Internationale Gerichte und nationale Justizsysteme tun sich traditionell schwer damit, aktive Staatsführer strafrechtlich zu verfolgen.

    Bereits 2022 hatte die amerikanische Regierung erklärt, Mohammed bin Salman genieße als Regierungschef Immunität vor US-Gerichten. Diese Entscheidung sorgte damals international für Kritik, weil Präsident Joe Biden im Wahlkampf noch angekündigt hatte, Saudi-Arabien wegen des Falls Khashoggi zum „Paria“ machen zu wollen.

    Auch Frankreich dürfte erheblichem diplomatischem Druck ausgesetzt sein. Paris pflegt enge wirtschaftliche und strategische Beziehungen zu Saudi-Arabien. Beide Staaten kooperieren in Energiefragen, bei Investitionen sowie in sicherheitspolitischen Dossiers des Nahen Ostens. Französische Rüstungskonzerne zählen zudem seit Jahren zu wichtigen Lieferanten des Königreichs.

    Europas Balance zwischen Werten und Interessen

    Der Fall offenbart erneut ein strukturelles Dilemma westlicher Demokratien: den Konflikt zwischen Menschenrechtsrhetorik und geopolitischen Interessen. Nach dem Mord an Khashoggi reagierten zahlreiche westliche Regierungen zunächst mit scharfer Kritik. Unternehmen boykottierten Investorenkonferenzen in Riad, Politiker mieden demonstrativ den Kontakt zum saudischen Kronprinzen.

    Doch dieser Zustand hielt nicht lange an. Spätestens mit der globalen Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gewann Saudi-Arabien als strategischer Partner wieder an Bedeutung. Hinzu kommt die zentrale Rolle Riads in regionalen Konflikten sowie bei internationalen Investitions- und Technologieprojekten.

    Die internationale Rückkehr Mohammed bin Salmans verlief daher bemerkenswert schnell. Staats- und Regierungschefs empfingen ihn erneut offiziell, Wirtschaftsdelegationen kehrten zurück, und selbst vormals kritische Staaten intensivierten die Zusammenarbeit. Menschenrechtsorganisationen werfen westlichen Regierungen seitdem vor, wirtschaftliche Interessen über rechtsstaatliche Prinzipien zu stellen.

    Gerade vor diesem Hintergrund besitzt die französische Entscheidung erhebliches Gewicht. Sie signalisiert zumindest, dass Teile des westlichen Rechtsstaats weiterhin bereit sind, die politische Verantwortung autoritärer Regime juristisch zu prüfen – auch wenn dies diplomatisch unbequem ist.

    Ein Präzedenzfall mit begrenzter Reichweite

    Die praktische Wirkung des Verfahrens könnte am Ende begrenzt bleiben. Selbst wenn französische Ermittler zu belastenden Ergebnissen gelangen sollten, wäre eine tatsächliche Strafverfolgung des saudischen Kronprinzen politisch und rechtlich äußerst schwierig. Wahrscheinlicher ist, dass das Verfahren vor allem symbolischen Charakter entfaltet.

    Doch Symbole spielen im internationalen Recht eine zentrale Rolle. Der Fall Pinochet Ende der 1990er Jahre zeigte bereits, dass nationale Gerichte unter Berufung auf universelle Gerichtsbarkeit internationale Machtstrukturen zumindest zeitweise erschüttern können. Auch damals galt die Vorstellung, ein ehemaliger Staatschef könne im Ausland juristisch belangt werden, lange als nahezu undenkbar.

    Im Fall Khashoggi könnte die französische Untersuchung vor allem dazu beitragen, die Erinnerung an das Verbrechen politisch wachzuhalten. Für autoritäre Regime besteht die eigentliche Gefahr häufig weniger in einer unmittelbaren Verurteilung als in der dauerhaften internationalen Delegitimierung.

    Die Entscheidung aus Paris markiert deshalb möglicherweise keinen juristischen Durchbruch, wohl aber eine politische Grenzziehung. Sie erinnert daran, dass selbst geopolitische Macht und wirtschaftliche Interessen die Frage individueller Verantwortung nicht vollständig verdrängen können. Gerade in einer Zeit, in der autoritäre Staaten weltweit an Einfluss gewinnen, besitzt diese Botschaft erhebliche Bedeutung.

    Von Andreas Brucker

  • US-Senat beschleunigt Epstein-Gesetz – Trump verteidigt saudischen Kronprinzen

    US-Senat beschleunigt Epstein-Gesetz – Trump verteidigt saudischen Kronprinzen

    Das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten hat gestern mit überwältigender Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, das das Justizministerium dazu verpflichtet, sämtliche Akten zur Untersuchung des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein öffentlich zugänglich zu machen. Nur ein einziger Abgeordneter stimmte dagegen.

    Nur wenige Stunden später einigte sich der US-Senat darauf, das Gesetz sofort nach Eintreffen durchzuwinken und es direkt dem Präsidenten zur Unterzeichnung vorzulegen. Donald Trump kündigte inzwischen an, das Gesetz zu unterzeichnen – obwohl er über Monate hinweg versucht hatte, es zu verhindern. Er vollzog diese Kehrtwende, als absehbar war, dass das Gesetz ohnehin verabschiedet werden würde.

    Trump lobt Kronprinz Mohammed bin Salman trotz Khashoggi-Mord

    Bei einem Treffen im Weißen Haus lobte Präsident Trump gestern den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS) und wischte eine Journalistenfrage zur Ermordung und Zerstückelung des „Washington Post“-Kolumnisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 beiseite. „Es passieren eben Dinge“, sagte Trump.

    Der Besuch stellt eine bemerkenswerte diplomatische Kehrtwende für MBS dar. Seit dem Mord an Khashoggi durch saudische Agenten im Konsulat des Königreichs in Istanbul hatte der Kronprinz keinen US-Boden mehr betreten. Während der Amtszeit von Präsident Biden veröffentlichten die US-Geheimdienste einen Bericht, demzufolge MBS die Tötung selbst angeordnet hatte – doch direkte Konsequenzen gegen den saudischen Thronfolger blieben aus.

    Weitere Meldungen

    • Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will heute bei einem Besuch in der Türkei einen neuen Anlauf für Friedensgespräche mit Russland unternehmen.
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    • Hunderte Palästinenser aus dem Gazastreifen sind mit bislang nicht bekannten Flügen in Südafrika eingetroffen – zur völligen Überraschung der Regierung in Pretoria.

    P.Tiko

  • Selbstmord an der Place Beauvau: Ein stiller Schrei mitten im Herzen der Macht

    Selbstmord an der Place Beauvau: Ein stiller Schrei mitten im Herzen der Macht

    Ein sonniger 11. September 2025, mitten in Paris, im Schatten des Élysée-Palasts und direkt gegenüber dem Innenministerium. Dort, wo Entscheidungen fallen, die das ganze Land betreffen, hat sich ein Drama ereignet, das weit über die Mauern der Place Beauvau hinaus nachhallt: Ein 72-jähriger Mann stürzte sich aus dem fünften Stock eines Gebäudes – und hinterließ damit Fragen, die Frankreich nicht kaltlassen dürften. Ein Leben, das im fünften Stock endete Die Fakten sind schnell erzählt. Der Mann, 1953 in Tunesien geboren, arbeitete als Hausmeister in einem Gebäude, das der Familie des Herrscherhauses der Vereinigten Arabischen Emirate gehört. Am Donnerstagnachmittag sollte ihm ein Gerichtsvollzieher die Räumung seines Dienstwohnungszimmers mitteilen. Kurz darauf entrollte er eine Stoffbahn mit dem Namen Jamal Khashoggi – jenem saudi-arabischen Journalisten, der 2018 brutal ermordet wurde – und sprang.Er warf zudem Papiere aus dem Fenster, offenbar mit Botschaften. Ein Akt, der Fragen a…

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  • Fall Khashoggi: Der in Roissy festgenommene Saudi ist nicht der gesuchte Verdächtige

    Fall Khashoggi: Der in Roissy festgenommene Saudi ist nicht der gesuchte Verdächtige

    Nach „eingehenden Überprüfungen“ seiner Identität stellte sich heraus, dass der Mann nur den gleichen Namen wie der gesuchte Verdächtige trägt. Er wurde schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt, gab die Staatsanwaltschaft bekannt. Der am Dienstag, 7. Dezember, am Flughafen Roissy-Charles-de-Gaulle festgenommene Saudi, der verdächtigt wurde, ein Mitglied des Kommandos zu sein, das an der Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 beteiligt war, ist nicht der von der Türkei gesuchte Verdächtige, wie die Pariser Staatsanwaltschaft am Mittwoch, 8. Dezember, bekannt gab. Der Mann habe sich schließlich als Namensvetter des fraglichen Verdächtigen herausgestellt. Er sei wieder auf freien Fuß gesetzt worden, erklärte Staatsanwalt Rémy Heitz. Er war „auf der Grundlage eines internationalen Haftbefehls, der von den türkischen Justizbehörden am 5. November 2018 im Zusammenhang mit der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi ausgestellt wurde“, festgenommen worden, so Rémy Heitz in einer Erklärung. „Die eingehenden Überprüfungen bezüglich der Identität dieser Person haben aber ergeben, dass der Haftbefehl nicht auf ihn zutrifft“ und „er wurde auf freien Fuß gesetzt“. Jamal Khashoggi, ein in den USA lebender Kolumnist der Washington Post und Kritiker der saudischen Regierung, war am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul von einem Agententeam aus Saudi-Arabien ermordet worden. Ryad hatte behauptet, dass der Mord an Khashoggi von saudischen Agenten begangen worden sei, die allein gehandelt hätten, doch ein Bericht der US-Geheimdienste beschuldigt Kronprinz Mohammed bin Salman, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Eine Anschuldigung, die von Saudi-Arabien entschieden zurückgewiesen wird. Lesen Sie dazu auch: Fall Khashoggi: Einer der Mörder des saudischen Journalisten in Frankreich festgenommen
  • Fall Khashoggi: Einer der Mörder des saudischen Journalisten in Frankreich festgenommen

    Fall Khashoggi: Einer der Mörder des saudischen Journalisten in Frankreich festgenommen

    Einer der saudischen Verdächtigen für die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 wurde am Dienstag in Frankreich am Flughafen Charles-de-Gaulle festgenommen, wo er nach Angaben der Polizei gerade ein Flugzeug nach Riad besteigen wollte. Der Mann wurde von Interpol aufgrund eines von der Türkei ausgestellten Haftbefehls wegen Mordes gesucht.

    Ein mutmaßliches Mitglied des Kommandos, das an der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi 2018 in Istanbul beteiligt war, wurde am Dienstagmorgen, 7. Dezember, am Pariser Flughafen Roissy Charles-de-Gaulle festgenommen und in gerichtlichen Gewahrsam genommen.

    Der 33-jährige Khalid Alotaibi wurde von der Grenzpolizei verhaftet, als er einen Flug nach Riad antreten wollte, so eine mit dem Fall vertraute Quelle.

    Das ehemalige Mitglied der saudischen Königsgarde wurde von Interpol gesucht, nachdem die Türkei 2019 einen Haftbefehl wegen Mordes ausgestellt hatte. Laut einer Polizeiquelle wird die französische Staatsanwaltschaft das Auslieferungsverfahren an die Türkei einleiten. Nach Abschluss des Polizeigewahrsams am Mittwoch wird Alotaibi der Staatsanwaltschaft vorgeführt, die ihm den Haftbefehl zustellen wird.

    Jamal Khashoggi, ein ehemaliger enger Vertrauter der saudischen Machthaber, der zu deren erbittertem Kritiker geworden war, wurde am 2. Oktober 2018 in den Räumlichkeiten des Konsulats Saudi Arabiens in Istanbul von einem saudischen Agenten-Kommando ermordet. Seine Leiche wurde nie gefunden.

    Nachdem Riad den Mord zunächst bestritten hatte, wurde schliesslich eingeräumt, dass die Tat von saudischen Agenten begangen worden sei, die allein gehandelt hätten. Nach einem undurchsichtigen Prozess in Saudi-Arabien wurden fünf Saudis zum Tode und drei zu Haftstrafen verurteilt – die Todesurteile wurden inzwischen in Haftstrafen umgewandelt.

    Lesen Sie auch: Saudi-Arabien: Händedruck zwischen Emmanuel Macron und dem saudischen Kronprinzen