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  • Das langsame Hochwasser

    Das langsame Hochwasser

    Warum die Bretagne im Regen steht – und warum das Wasser nicht so schnell wieder geht

    Es beginnt unspektakulär.
    Kein Donnern. Kein reißender Strom. Kein dramatischer Moment für die Abendnachrichten.

    Nur Regen.
    Immer wieder Regen.

    In diesen Januartagen steigt das Wasser in der Bretagne nicht plötzlich, sondern beharrlich. Es sickert, sammelt sich, schiebt sich voran. Zentimeter für Zentimeter. Und genau darin liegt die Gefahr. Hochwasser, das leise kommt, bleibt oft am längsten.


    Ein Landstrich im Wartemodus

    Seit Tagen stehen alle vier bretonischen Départements unter Hochwasserwarnung. Besonders angespannt ist die Lage in Ille-et-Vilaine und im Morbihan. Straßen sind gesperrt, Keller geflutet, mobile Schutzwände errichtet. In Redon spannt sich eine 500 Meter lange Metallbarriere durch die Stadt – montiert mit Hilfe von Armee und Zivilschutz.

    Am Mittwoch gab es eine kurze Atempause.
    Doch sie täuscht.

    Denn für das kommende Wochenende kündigt Météo-France erneut kräftige Niederschläge an. Regen auf Regen. Auf Böden, die längst nichts mehr aufnehmen können.


    Der Winter, in dem es nicht aufhört zu regnen

    Ausgelöst wurde die jüngste Regenserie durch Sturm Chandra, der sich über der Keltischen See formte und Richtung Britische Inseln zog. Zwischen Montag und Dienstag fielen regional 20 bis 40 Liter Niederschlag.

    Das allein wäre in der Bretagne kaum der Rede wert.
    Doch dieser Regen fiel auf einen Winter, der bereits außergewöhnlich nass ist.

    „Im diesem Januar liegen wir regional bei etwa dem Doppelten der üblichen Niederschlagsmenge“, sagt Patrick Galois, Meteorologe bei Météo-France.

    Manche Orte haben historische Marken überschritten. In Sizun im Finistère wurden bis zum 28. Januar 366 Liter pro m2 gemessen, in Ploudaniel fast 300. Werte, die sonst über ein ganzes Jahr verteilt fallen.

    Und der Monat war noch nicht vorbei.


    Wenn der Boden aufgibt

    Regen ist nicht gleich Regen. Entscheidend ist, was darunter liegt.

    Nach Wochen fast ununterbrochener Niederschläge sind die Böden der Bretagne vollständig gesättigt. Die Poren sind gefüllt, der Speicher ist belegt. Jeder neue Schauer läuft oberflächlich ab – direkt in Gräben, Bäche, Flüsse.

    Hydrologen sprechen von stark verminderter Infiltration.
    Anschaulicher gesagt: Der Boden hat aufgegeben.

    Das erklärt, warum Flüsse wie die Laïta bei Quimperlé oder der Oust bei Malestroit über die Ufer getreten sind. Am Oust wurde ein Pegelstand von 3,41 Metern gemessen. Kein Rekord – aber genug, um Straßen, Felder und Keller unter Wasser zu setzen.


    Die trügerische Logik des Hochwassers

    Wer Hochwasser nur aus alpinen oder mediterranen Regionen kennt, erwartet Dramatik. Innerhalb weniger Stunden schwillt ein Bach zum reißenden Strom an. In der Bretagne funktioniert das anders.

    Hier ist das Relief flach, die Flüsse lang, die Einzugsgebiete weit verzweigt. Wasser braucht Zeit. Manchmal einen Tag. Manchmal zwei.

    „Zwischen Niederschlag und Hochwasser gibt es einen deutlichen zeitlichen Versatz“, erklärt Patrick Galois. „Selbst wenn es aufhört zu regnen, kann der Pegel weiter steigen.“

    Das macht diese Lage so schwer einschätzbar. Die Gefahr verschwindet nicht mit den Wolken.


    Wenn der Wind das Wasser festhält

    Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Faktor: der Wind.

    Starker Westwind kann den Abfluss der Flüsse ins Meer bremsen – besonders bei hohen Gezeiten. Das Wasser staut sich zurück, als würde jemand den Abfluss zudrücken. Fluss und Ozean geraten in ein unruhiges Wechselspiel.

    Meteorologie trifft Hydrologie.
    Und zeigt, wie komplex Hochwasser wirklich ist.


    Eine sanfte Flut – und genau deshalb gefährlich

    Der Bürgermeister von Rieux beschreibt die Lage treffend: Diese Flut sei „sanft“ – und gerade deshalb heimtückisch. Kein plötzlicher Schock, sondern ein langsames Vordringen. Das Wasser kommt von unten, aus dem Boden, aus den Kanälen, aus den Flüssen.

    Ich habe solche Situationen oft erlebt, bei Forschungsaufenthalten in Nordwesteuropa. Sie sind psychologisch belastend. Weil es kein klares Ende gibt. Weil man wartet. Und wartet. Und das Wasser bleibt.


    Der größere Zusammenhang

    Dass solche Winter häufiger werden, ist kein Zufall.

    Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen – etwa sieben Prozent pro Grad Erwärmung. Das ist einfache Physik. Und sie hat Folgen: intensivere Niederschläge, vor allem im Winterhalbjahr.

    Langfristige Analysen des IPCC und der WMO zeigen übereinstimmend: In Nordeuropa nehmen die Winterniederschläge zu. Auch an der Atlantikküste. Auch in der Bretagne.

    Nicht jedes Hochwasser ist „Klimawandel“.
    Aber der Hintergrund wird nasser.


    Wer besonders betroffen ist

    Hochwasser ist selten gerecht.

    Es trifft oft jene, die in tiefer gelegenen Gebieten wohnen, in schlecht isolierten Häusern, ohne umfassenden Versicherungsschutz. Schäden ziehen sich hin. Schimmel, Wertverlust, psychische Belastung. Vieles davon taucht in keiner Statistik auf.

    Klimaanpassung ist deshalb mehr als Technik. Sie ist eine soziale Aufgabe.


    Was bleibt

    Die Bretagne ist gut vorbereitet. Frühwarnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, Kommunen handeln entschlossen. Und doch zeigt dieser Winter die Grenzen des Machbaren.

    Das Wasser kommt leise.
    Und es bleibt.

    Die entscheidende Frage ist nicht, ob solche Winter wiederkehren.
    Sondern wie wir lernen, mit ihnen zu leben – klüger, gerechter, vorausschauender.

    Denn Regen wird es immer geben.
    Aber wie viel Schaden er anrichtet, liegt auch in unserer Hand.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Null Grad erst bei 5.298 Metern Höhe: Wenn selbst der Gipfel des Mont Blanc im Plus liegt

    Null Grad erst bei 5.298 Metern Höhe: Wenn selbst der Gipfel des Mont Blanc im Plus liegt

    Der Sommer 2025 schreibt schon Geschichte.

    Und diesmal ist es eine, die niemand hören will.

    Über Frankreich, die Schweiz und große Teile Europas liegt ein Hitzedom, der selbst erfahrene Meteorologen sprachlos macht. In der Schweiz, bei Payerne, wurde ein neuer Rekord gemessen: Die 0-Grad-Isotherme, also jene Höhe, in der die Temperatur auf null Grad Celsius fällt, stieg auf 5.298 Meter.

    So hoch wie noch nie.

    Aber was bedeutet das überhaupt?

    Normalerweise liegt diese Grenze im Sommer in den Alpen irgendwo zwischen 3.000 und 3.500 Metern.

    Doch 5.298 Meter? Das heißt: Selbst der höchste Gipfel der Alpen, der Mont Blanc mit seinen 4.810 Metern, lag komplett im Plusgradbereich. Man stelle sich vor, man wandert dort oben – und es fühlt sich nicht eisig an, sondern wie ein schmelzendes Wassereis in der Hand an einem heißen Junitag.

    🏔️ Warum steigt die Nullgradgrenze so extrem an?

    Meteorologen sprechen von einem persistenten Hitzedom: Warme, stabile Luftmassen werden unter hohem Luftdruck wie in einem riesigen Topfdeckel eingesperrt. Kein Lüftchen vertreibt die Hitze. Kein Regen kühlt den Boden. Tag für Tag staut sich die Wärme – bis sie alles durchdringt.

    Frage: Wenn wir solche Rekorde heute sehen – was wird dann in 20 oder 50 Jahren sein?

    ❄️ Die Folgen: Schmelze. Stress. Gefahr.

    Für die Alpengletscher bedeutet das eine Schmelze im Turbo-Modus. Sie verlieren nicht nur Masse, sondern auch ihre Funktion als Süßwasserspeicher. Viele Flüsse in Europa hängen direkt von ihrem Schmelzwasser ab – für Strom, Landwirtschaft, Trinkwasser.

    Gleichzeitig steigt das Risiko von Gletscherseeausbrüchen und Überschwemmungen, wenn Wassermassen plötzlich frei werden und zu Tal stürzen.

    Und die Tier- und Pflanzenwelt? Viele alpine Arten sind an Kälte angepasst. Wo sollen sie noch hin, wenn es selbst ganz oben zu warm wird?

    Ein klarer Marker des Klimawandels

    Diese Zahl – 5.298 Meter – ist kein meteorologisches Kuriosum, sondern ein alarmierender Indikator. Sie zeigt uns: Der Klimawandel ist längst da und schreitet schneller voran, als viele Modelle es vor wenigen Jahrzehnten vorhergesagt haben.

    • Extreme Hitzewellen wie diese werden häufiger, länger, intensiver.

    Ein Wissenschaftler der Glaziologie sagte neulich:

    „Wenn die Nullgradgrenze höher liegt als der Mont Blanc, kannst du dir vorstellen, wie es um den Permafrost steht.“

    Er hat recht. Wo kein Frost mehr bleibt, löst sich der Kitt der Berge. Felsstürze, Muren, Steinschläge – alles wird wahrscheinlicher.

    Warum ist die Nullgradgrenze so wichtig?

    Sie ist die Gefrierlinie der Atmosphäre. Sie entscheidet, ob Niederschlag als Regen oder Schnee fällt, ob Gletscher Masse gewinnen oder verlieren, wie stabil der Permafrost bleibt.

    Steigt sie, verschieben sich ganze ökologische und geophysikalische Systeme der Alpenregion.

    Was jetzt zu tun ist

    Politisch. Wissenschaftlich. Gesellschaftlich.

    ✔️ Klimaschutz verstärken, um die Erwärmung zu bremsen. Jeder Zehntelgrad weniger bedeutet real weniger Schmelze, weniger Artensterben, weniger Risiken.

    ✔️ Anpassung beschleunigen: Wassermanagement umstellen, Frühwarnsysteme ausbauen, Ökosysteme widerstandsfähiger machen.

    ✔️ Internationale Zusammenarbeit vertiefen, denn das Klima kennt keine Staatsgrenzen.

    Und wir als Einzelne?

    Wir können den Hitzedom nicht wegzaubern.

    Aber wir können Druck auf die Politik ausüben, unsere Netzwerke nutzen und unser Leben Stück für Stück klimafreundlicher gestalten. Nicht aus Zwang, sondern weil es unsere gemeinsame Überlebensgrundlage schützt.

    Denn: Was nützt der höchste Berg, wenn sein Fundament schmilzt?

    Ein Weckruf aus der Höhe

    Die 0-Grad-Grenze auf 5.298 Metern. Ein Rekord, der nicht gefeiert wird. Sondern eine Mahnung, dass physikalische Realitäten nicht verhandelbar sind. Egal, welche Narrative, Interessen oder Ausreden wir dagegenstellen.

    Autor: Andreas M. Brucker


    Quellen: Météo-France (2025), MeteoSwiss (2025), IPCC AR6 (2023), Nature Climate Change (Vol. 14, 2025)

  • IPCC: Globale Erwärmung und extreme Wetterereignisse – was der neue Bericht der Expertengruppe enthält

    IPCC: Globale Erwärmung und extreme Wetterereignisse – was der neue Bericht der Expertengruppe enthält

    Nach neun Jahren Arbeit hat der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen der UNO (IPCC) sein Urteil gefällt. Die Experten sprechen von einem „entscheidenden Jahrzehnt“ für die Menschheit, um sich eine „lebenswerte Zukunft“ zu sichern.

    Die Zusammenfassung der neunjährigen Arbeit des IPCC zum Klima klingt am Montag, den 20. März, wie eine brutale Erinnerung an die Notwendigkeit, dass die Menschheit in diesem entscheidenden Jahrzehnt endlich radikal handeln muss, um sich „eine lebenswerte Zukunft“ zu sichern. Diese Zusammenfassung ist „ein Überlebensleitfaden für die Menschheit“, betonte UN-Generalsekretär António Guterres.

    Die globale Erwärmung wird bereits in den Jahren 2030-2035 1,5°C im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erreichen, warnt das IPCC, da die Temperatur bereits heute im Durchschnitt um fast 1,2°C gestiegen ist. Diese Prognose gilt für fast alle Szenarien der kurzfristigen Treibhausgasemissionen der Menschheit, wenn man bedenkt, dass sich diese in den letzten anderthalb Jahrhunderten angesammelt haben. Allein die CO2-Emissionen, die von der bestehenden fossilen Infrastruktur abgegeben werden, wenn diese nicht mit Abscheidungsmöglichkeiten ausgestattet ist, würden ausreichen, um die Welt in Richtung 1,5°C zu treiben.

    „Für jedes Niveau der zukünftigen Erwärmung sind viele der mit dem Klima verbundenen Risiken höher als im vorherigen Synthesebericht von 2014 geschätzt“, schreiben die Wissenschaftler der Vereinten Nationen. Sie stützen sich dabei auf die in letzter Zeit beobachtete Zunahme extremer Wetterereignisse wie Hitzewellen und auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, z. B. über Korallen. „Aufgrund des unvermeidlichen Anstiegs des Meeresspiegels werden die Risiken für Küstenökosysteme, Menschen und Infrastrukturen auch nach dem Jahr 2100 weiter zunehmen“.

    „Die wärmsten Jahre, die wir bisher erlebt haben, werden innerhalb einer weiteren Generation zu den kühlsten gehören“, fasst Friederike Otto, Co-Autorin der Synthese, zusammen.

    Welche Maßnahmen müssen umgesetzt werden?
    „Tief greifende, schnelle und lang anhaltende Emissionsreduktionen […] könnten in etwa zwei Jahrzehnten zu einer sichtbaren Verlangsamung der globalen Erwärmung führen“, schreibt die Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der Vereinten Nationen. „Dieser Synthesebericht unterstreicht die Dringlichkeit ehrgeizigerer Maßnahmen und zeigt, dass wir, wenn wir jetzt handeln, immer noch eine lebenswerte Zukunft für alle sicherstellen können“, betont der Vorsitzende des IPCC, Hoesung Lee.

    Der Bericht unterstreicht die Notwendigkeit, die Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Reduzierung der Emissionen gleichzeitig zu unternehmen, um den Klimawandel nicht noch weiter zu verschlimmern. „Die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf 2°C übersteigen die Kosten der durchzuführenden Maßnahmen“, versichern die Experten.

    Jedes weitere Zögern würde die Hürde, die es zu überwinden gilt, erhöhen, stellt das IPCC fest, während die Welt bereits von den raschen Fortschritten bei den erneuerbaren Energien profitiert. „Von 2010 bis 2019 sind die Kosten für Solarenergie (85%), Windenergie (55%) und Lithiumbatterien (85%) nachhaltig gesunken“. Neben dem Effekt auf das Klima würden beschleunigte und nachhaltige Bemühungen „zahlreiche damit verbundene Vorteile mit sich bringen, insbesondere für die Luftqualität und die Gesundheit“, schreiben die Wissenschaftler, die aber auch den Preis nicht verschweigen wollen: „Kurzfristig bedeuten die Maßnahmen hohe Anfangsinvestitionen und potenziell radikale Veränderungen“.

    „Dieser Bericht ist eine Botschaft der Hoffnung“, betonte der Vorsitzende des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC), Hoesung Lee. „Wir haben das Know-how, die Technologie, die Werkzeuge, die finanziellen Ressourcen und alles, was wir brauchen, um die Klimaprobleme, die wir identifiziert haben, zu überwinden“, aber „was im Moment fehlt, ist ein starker politischer Wille, um sie ein für alle Mal zu lösen“, urteilt der koreanische Wirtschaftswissenschaftler.

    Dieser wissenschaftliche Bericht des IPCC soll die faktische Grundlage für die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Verhandlungen der nächsten Jahre sein. Angefangen mit dem UN-Klimagipfel im Dezember in Dubai, der COP28, wo eine erste Bilanz der Bemühungen jedes Landes im Rahmen des Pariser Abkommens vorgestellt und die Zukunft der fossilen Energien verhandelt werden wird. Während der langen IPCC-Diskussionssitzungen in der Schweiz kämpften die Verhandlungsführer aus Saudi-Arabien darum, die Sätze über die zentrale Rolle der fossilen Energieträger (Öl, Gas, Kohle) abzuschwächen. Der Platz, der in der 36-seitigen „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ der Legitimität von Technologien zur CO2-Abscheidung eingeräumt wird, trägt ihre Handschrift, so einige Beobachter, die darin potenzielle „Lizenzen zum Verbrennen“ fossiler Energieträger sehen.

    Die Frage der „Verluste und Schäden“, die durch die Erwärmung verursacht werden und die einige Ländern, insbesondere die ärmsten, bereits erleben mussten, wird eines der großen Diskussionsthemen auf der COP28 sein. „Klimagerechtigkeit ist von entscheidender Bedeutung, da diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, unverhältnismäßig stark betroffen sind“, betont Aditi Mukherji, eine der Autorinnen des Berichts.

  • IPCC-Klimabericht: „Irreversible Auswirkungen“ – alarmierende Bilanz der Wissenschaftler

    IPCC-Klimabericht: „Irreversible Auswirkungen“ – alarmierende Bilanz der Wissenschaftler

    „Die wissenschaftlichen Beweise sind eindeutig: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das menschliche Überleben und die Gesundheit des Planeten“, betont der neue IPCC-Bericht und unterstreicht die Notwendigkeit, sowohl zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen als auch zur Vorbereitung auf immer schlimmere Katastrophen zu handeln.

    Jede weitere Verzögerung im Kampf gegen den Klimawandel kann die kleine Chance verspielen, der Menschheit doch noch eine „lebenswerte Zukunft“ zu sichern, warnten die UN-Klimaexperten (IPCC) am Montag. Die globale Erwärmung hat bereits „großflächige negative Auswirkungen“ auf Mensch und Natur verursacht, von denen einige „irreversibel“ sind, so der neue Bericht der UN-Klimaexperten, der am Montag veröffentlicht wurde.

    „Die Zunahme von Wetter- und Klimaextremen hat zu irreversiblen Auswirkungen geführt, welche Mensch und Natur über ihre Anpassungsfähigkeit hinaus belasten können“, betont der IPCC und schätzt, dass selbst ein vorübergehendes Überschreiten der Schwelle von +1,5°C Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter weitere „irreversible“ Schäden an empfindlichen Ökosystemen wie den Polen, Küsten und Bergen verursachen könnte.

    UN-Generalsekretär Antonio Guterres beklagte am Montag den „kriminellen“ Führungsmangel der Weltpolitiker im Kampf gegen die Erderwärmung an und reagierte damit auf den wissenschaftlichen Bericht, der das „Leid“ der von Katastrophen heimgesuchten Menschheit beschreibt. Der am Montag veröffentlichte Bericht der UN-Klimaexperten (IPCC) „ist eine Sammlung menschlichen Leids und eine vernichtende Anklage gegen das Versagen der Staats- und Regierungschefs im Kampf gegen den Klimawandel“, sagte Guterres und beklagte einen regelrechten „kriminellen Verzicht auf Führung“.

    3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen bereits „sehr gefährdet“ durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung
    Zwischen 3,3 und 3,6 Milliarden Menschen, also fast die Hälfte aller Menschen auf der Erde, sind laut dem neuen Bericht bereits „sehr gefährdet“ durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Und die regional und sogar innerhalb von Regionen unterschiedliche Anfälligkeit wird durch Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung oder auch durch die nicht nachhaltige Nutzung von Land und Ozeanen gefördert, so der IPCC.

    Zwischen 3 und 14% der Arten an Land sind vom Aussterben bedroht
    Die durch den Klimawandel verursachten Schäden an der biologischen Vielfalt werden weiter zunehmen, zwischen 3 und 14% der Landarten werden vom Aussterben bedroht sein, selbst wenn die Erwärmung auf +1,5°C begrenzt wird, prognostizierten die UN-Klimaexperten. Unter Hinweis auf die „fundamentale“ Bedeutung von Ökosystemen, um eine „resiliente“ Entwicklung gegenüber der Erwärmung zu ermöglichen, fordert der Bericht, „etwa 30 bis 50% der Oberfläche“ des Planeten zu schützen, auf dem Land, in den Ozeanen und in Süßwassergebieten.

    1 Milliarde Menschen leben bis 2050 in bedrohten Küstengebieten
    Etwa eine Milliarde Menschen könnten bis 2050 in Küstengebieten leben, die durch steigende Meeresspiegel und Überflutung bei Stürmen bedroht sind, so der neue Bericht der UN-Klimaexperten.

    Aufgrund von Bevölkerungsbewegungen, die zu Konzentrationen an den Küsten führen, insbesondere in großen Megastädten, die knapp über dem Meeresspiegel liegen, „könnten mittelfristig und unter allen Szenarien“ der Treibhausgasemissionen „etwa eine Milliarde Menschen von küstennahen Klimagefahren bedroht sein“, stellt der IPCC fest. 2020 lebten 896 Millionen Menschen, d.h. 11% der Bevölkerung, in niedrigen Küstengebieten.

  • Klima: UN-Experten schlagen erneut Alarm

    Klima: UN-Experten schlagen erneut Alarm

    Der IPCC wird am Montag einen neuen Klimabericht vorlegen, in dem er erneut vor den verheerenden Folgen des Klimawandels warnt.

    Die UN-Klimaexperten (IPCC) werden am Montag in ihrem neuen Bericht ein wahrscheinlich kataklysmisches Bild der Auswirkungen des sich beschleunigenden Klimawandels auf die Menschheit zeichnen, trotz wiederholter Aufrufe, die Treibhausgasemissionen schnell zu reduzieren.

    Nach zwei Wochen Online-Verhandlungen und Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, die mehr als einen Tag überzogen, enthüllt das IPCC um 11.00 Uhr GMT die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“, eine Art politisch brisante Zusammenfassung der Tausenden von Seiten des neuesten wissenschaftlichen Klimaberichts, der von 270 Forschern aus 67 Ländern erstellt wurde.

    „Der Einsatz war noch nie so hoch“
    Und obwohl die Veröffentlichung von der russischen Invasion in der Ukraine überschattet werden könnte, „muss der Bericht mehr leisten, als nur Schlagzeilen zu machen“, betonte Stephen Cornelius, Beobachter des WWF, gegenüber der Agentur AFP.

    „Er wird die internationale und nationale Politik für die nächsten sechs oder sieben Jahre untermauern“, bis zum nächsten IPCC-Bewertungszyklus, sagt Cornelius. „Seine Schlussfolgerungen werden für Entscheidungsträger auf der ganzen Welt von größter Bedeutung sein“, hatte bereits der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee Mitte Februar hinsichtlich der wichtigkeit des IPCC-Berichts betont: „Der Bedarf war noch nie größer, weil noch nie so viel auf dem Spiel stand“.

    „Die Zukunft ist jetzt“, betonte Alexandre Magnan, einer der Autoren des Berichts.

  • Laut IPCC wird die Menschheit innerhalb von 30 Jahren unter katastrophalen klimatischen Folgen leiden

    Laut IPCC wird die Menschheit innerhalb von 30 Jahren unter katastrophalen klimatischen Folgen leiden

    Ganz gleich, welche Maßnahmen zur Abschwächung der Klimakrise ergriffen werden, die verheerenden Folgen der Erderwärmung werden noch vor 2050 real werden, warnen Wissenschaftler in einem neuen Bericht.

    Wasserknappheit, Abwanderung, Unterernährung, Artensterben… Das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, wird sich spätestens in dreißig Jahren unausweichlich durch Klimastörungen verändern, warnen Hunderte von Wissenschaftlern, die dem zwischenstaatlichen UN-Klimarat (IPCC) angehören. Unabhängig davon, wie schnell die Treibhausgasemissionen reduziert werden, werden sich die verheerenden Auswirkungen der globalen Erderwärmung auf die Natur und die von ihr abhängige Menschheit beschleunigen, versichern sie in einem Vorbericht, der der Agentur AFP vorliegt.

    „Das Leben auf der Erde kann sich von großen Klimaveränderungen erholen, indem es neue Arten entwickelt und neue Ökosysteme schafft“, heißt es in der 137-seitigen technischen Zusammenfassung. „Die Menschheit kann das nicht“, sagen die Klimaforscher. Die Wissenschaftler, die den Vorbericht verfasst haben, schwanken zwischen einem apokalyptischen Ton und der Hoffnung, dass die Menschen ihr Schicksal durch sofortige und drastische Maßnahmen doch noch ändern können.

    Die nächste Generation ist direkt betroffen
    Zu den wichtigsten Schlussfolgerungen dieses Vorberichts gehört die Herabsetzung der Schwelle, bis zu der eine Erwärmung noch als akzeptabel angesehen werden kann. Mit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens im Jahr 2015 haben sich die meisten Staaten dazu verpflichtet, die Erwärmung auf +2°C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, wenn möglich auf +1,5°C. Der IPCC schätzt nun, dass eine Überschreitung von +1,5 °C bereits zu „progressiven, schwerwiegenden, jahrhundertelangen und teilweise irreversiblen Folgen“ führen könnte. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Schwellenwert von +1,5 °C bereits im Jahr 2025 überschritten wird, liegt laut IPCC bereits bei 40%.

    Das Schlimmste steht uns noch bevor, mit Auswirkungen auf das Leben unserer Kinder und Enkelkinder weit mehr als auf unser eigenes„, warnt der IPCC. Immerhin war das Bewusstsein für die Klimakrise noch nie so weit verbreitet wie heute. Im Jahr 2050 werden hunderte Millionen Menschen, die in Küstenregionen leben, von häufigeren Überschwemmungen aufgrund des steigenden Meeresspiegels bedroht sein, was wiederum zu einer verstärkten Migration führen wird.

    Der 4.000-seitige Vorbericht, der weitaus alarmistischer ist als der vorherige aus dem Jahr 2014, soll politische Entscheidungen beeinflussen. Obwohl sich seine wichtigsten Schlussfolgerungen nicht ändern werden, wird er erst im Februar 2022 offiziell veröffentlicht, nachdem er von den 195 Mitgliedsstaaten im Konsens angenommen wurde. Für die entscheidenden internationalen Treffen zu Klima und Biodiversität, die für Ende 2021 geplant sind, wird das jedoch zu spät kommen, bemängeln einige Wissenschaftler.

    Der IPCC betonte in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung, dass der Vorbericht nur „für Regierungen und Gutachter als vertrauliches Arbeitsdokument“ gedacht sei und daher nicht veröffentlicht werden solle. „Aus diesen Gründen kommentiert das IPCC den Inhalt des Vorberichts nicht, solange die Arbeit noch nicht abgeschlossen ist“, fügte das Gremium hinzu.